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Hermann Ifinger

Adolf Wilbrandt: Hermann Ifinger - Kapitel 35
Quellenangabe
authorAdolf Wilbrandt
titleHermann Ifinger
publisherVolksverband der Bücherfreunde Wegweiser-Verlag G. m. b. H.
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170608
projectid8ddab11e
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VII

Es war weniger hell um ihn her, der Tag schien zu verdämmern, als Ifinger sonderbar erfrischt und gestärkt erwachte. Er wußte sogleich, wo und was er war. Sein Kopf schmerzte nicht. Nur ein leichtes Hungergefühl regte sich weiter unten und flatterte, wie es ihm vorkam, in die öde Stirnhöhle hinauf. Er wandte sich langsam herum, gegen das Licht, als wäre da das Leben. Es legte sich ihm aber bald wieder ein Schatten in den Weg; ein Kopf, ein Gesicht, das irgendwoher aufgetaucht war und mit einer gewissen ruhigen Neugier, wie es schien, sich zu ihm hinabneigte. Wieder ein Frauengesicht, in einer Art von Häubchen; er erinnerte sich jedoch sogleich: das ist nicht dieselbe, ich weiß schon; die ist auf Urlaub fort! – Er nickte dieser neuen Wärterin freundlich zu, wie um ihr zu melden, daß er als Patient »bei ihr antrete«. Sie war jung und offenbar hübsch; ihr Haar von einem eigentümlichen, sanften Blond, das ihm sehr bekannt schien; aber kurz geschnitten, wie bei einem Knaben. Ein graues Kleid stieg hoch am Hals hinauf. Soviel sah er in der Dämmerung, in dem tiefen Schatten, den sie selber machte, mit dem sie ihn gleichsam bedeckte.

Auf einmal erschrak er: er hörte einen nicht lauten, halb erstickten und doch ins Mark dringenden Aufschrei; und im nämlichen Augenblick lief ihm ein schauriger Frost am Rücken hinunter, bis zur Ferse hin. »Hermann!« rief die junge Frau. Er erkannte nun die Stimme, das Gesicht und alles. Sie streckte die Hände vor, die Finger nach oben gerichtet, und beugte sich zurück; dann blieb sie aber stehn, ohne sich zu rühren. Auch er in seinem Bett lag und regte sich nicht. Die beiden Menschen sahen sich – Gott mag wissen, wie lange – schweigend in die Augen; als hätte derselbe Blitz sie beide getroffen und betäubt. Sie atmeten anfangs kaum. Die Stille war so tief, sie hörten durch das geschlossene Fenster das Abendläuten von den nächsten Kirchen.

Bei ihr bewegten sich dann zuerst die geschlossenen Lippen. Sie öffneten sich noch nicht, es zuckte nur in ihnen. Endlich konnte sie sagen: »Wie kommst – – Wie kommen Sie hierher?«

Er antwortete nicht. Er sah nur an ihr hinab und hinauf. Das war sie! Das war die Porzelläne, die er an jenem Sommerabend zuerst auf der bemalten, flatternden Leinwandschürze anstaunte; das Farbenmärchen mit den rosenroten Wangen und den Blumenlippen, mit der Lockenpracht, die über die Schläfen fiel und aus der die ersten Funken in sein »malerisch« aufgeregtes Herz sprangen ... Die also stand nun da, als Wärterin im Krankenhaus; stubenbleich – wenn auch sonst nicht elend –, die Locken wie abgemäht, das Haar schlicht gescheitelt; der schöne Hals bedeckt, in dem grauen, wenn auch weltlichen Kleid die ganze Gestalt einer Nonne ähnlich. Ja selbst in ihrem Schreck war etwas Nonnenhaftes, Weltentfremdetes; denn anders erschrickt ein Mensch, der ganz in der »Wirklichkeit«, das heißt, im vergehenden Augenblick lebt, anders ein wie zeitlos Gewordener, Ausgeschiedener, den gleichsam nur ein Gespenst aus der verlassenen Zeitlichkeit um die Fassung bringt. Er starrte sie an, er schüttelte den Kopf. Von der Anstrengung schmerzten ihm endlich die aufgerissenen Augen. Mit den beiden Fingern, die sonst die Brille zu rücken pflegten, griff er hinauf, um die sich schließenden, schmerzstillenden Lider fester anzudrücken.

Sie verstand ihn falsch: »da ist die Brille«, sagte sie halb mechanisch, wie sie in früheren Zeiten zuweilen als seine Hausfrau gesagt hatte. Sie nahm sie von dem Tischchen, das nicht weit von seinem Kopfe stand, und gab sie ihm in die Hand. Dann wiederholte sie, schon etwas gefaßter: »Wie kamen Sie denn hierher?«

»Danke«, sagte er leise, auf die Brille deutend. »Ich – – ich wurde auf der Herfahrt krank, kam hier ohne Besinnung an. Da hat mich denn – – Und Sie?«

»Nun – ich lebe hier«, erwiderte ihre sanfte, resignierte Stimme. »In der großen Stadt kann man leichter verschwinden, übersehen werden, als – als anderswo.« – Mit etwas zitternden Lippen setzte sie hinzu, da sein starrender Blick sie zu fragen schien: »Ich weiß wohl, daß hier in Wien – jemand lebt; aber er ist mir so fern, und ich ihm, als wär' er auf dem Mond.«

Ifinger schwieg; er sah sie nicht mehr an. Er blickte auf seine Bettdecke. Alles Vergangene trat ihm wieder vor die Seele ... Milli seufzte einen Augenblick; es war kaum vernehmbar. Sie nahm sich zusammen und fragte: »Was ich Ihnen damals geschrieben habe – über ihn und mich – haben Sie das geglaubt?«

Er schaute sie wieder an. – »Ja«, antwortete er.

»Ich danke Ihnen«, flüsterte sie.

Sie waren wieder still. Die Glocken hatten ausgeläutet; Milli schien leise zu beten, als hole sie nach, was sie über dem schauerlich Unerwarteten dieses Wiedersehens versäumt hatte. Er betrachtete sie von der Seite, verstohlen, während sie das tat. Ihm war nicht nach Beten, aber doch auch wunderbar, fast feierlich, andachtsvoll zumute; er sah wieder etwas Unbegreifliches über sich gekommen ... Da stand sie, die Frau, die er begehrt, geliebt, um die er dann gestöhnt, geweint, die er in der ersten blinden Wut fast getötet hatte – ja, ja, fast getötet – und nun war das alles wie im Meer versunken; er sah sie wieder und fühlte nichts; fühlte nichts als Mitleid. »Die müßt' ich umbringen, dacht' ich; und nun ist sie mir wie auf einem andern Stern, oder aus einer andern Welt ... Gott! Was wissen wir? Was haben wir für Augen, und was für Gedanken? Und was wußt' ich noch gestern davon, wie ich heute sein würde, wenn sie kommen würde; – was ahnen wir im voraus, wie ›es‹ in uns reden wird, wie ›es‹ fühlen wird, wenn uns so ein Schicksalsaugenblick plötzlich bei der Hand nimmt und schüttelt? – – Ich hab's nicht gewußt. Da steht sie. Mich rührt's, wie sie dasteht. Ich könnt' ihr die Hand geben, als sähen wir uns auf dem Sirius wieder; könnt' sie fragen: Milli! wie ist dir's ergangen? Wie geht's dir? Wie hältst du dies Leben aus? Willst du nun immer so leben – –«

Sie sah jetzt zu ihm hinüber, mit dem weltfremd blassen, weichen, guten Gesicht. Er enthielt sich nicht, es trat ihm auf die Lippen: »Wollen Sie nun immer so leben, Milli?«

Doch er schüttelte sogleich den Kopf. »Warum sag' ich ›Sie‹«, dachte er. Leiser, etwas unsicher sagte er noch einmal: »Willst du nun immer so leben?«

Sie erschrak bei diesem ersten Du, sie staunte ihn an, als habe sie falsch gehört. Plötzliche, große, dankbare Tränen füllten ihr dann die tiefliegenden, langgeschlitzten Augen. – »Ich hoffe es«, sagte sie; aber so erstickt, so leise, daß er es nicht verstand.

»Wie sagst du, Milli?«

»Ich hoffe es – immer so zu leben.«

Er hob einen Arm und bewegte ihn gegen sie; es sollte Mitleid sein. Sie sah es; sie verstand es auch. »Lassen Sie das nur«, erwiderte sie, fast ein wenig lächelnd.

Auf eine neue Bewegung von ihm faßte sie sich ein Herz und verbesserte sich: »Bitte, laß das nur! Mir ist so ganz gut. Ich weiß nun genau, was ich soll; und ich kann es auch. Niemand will was von mir, als was ich kann; jede Minute kann. Ich hab' weiter nichts zu verantworten, und nichts zu bedenken ...«

Er schüttelte den Kopf, als fasse er das alles nicht. Aber mit einem gewissen ängstlichen, fast erregten Eifer, der die verblichenen Wangen etwas rötete, stieß sie nun heraus: »Ja, ja, ja! Immer, immer so! Nur nicht wieder ein Leben, das ich nicht verstehe, das mich hin und her reißt, bei dem ich mich tot kämpfe ... Immer, immer so!«

»Milli –!« sagte er.

»Was?«

Er schloß die Augen und schwieg.

Sie betrachtete ihn; sie sah sein abgemagertes, entfärbtes, hohläugiges Gesicht, jetzt mit dem Auge der Wärterin. Die Lippen und die Stirn verziehend – als Vorwurf gegen sich selbst – sagte sie in anderm Ton: »Was tun wir da? Wir sprechen schon so lange – und das sollen Sie nicht. Und das sollst du nicht. Essen solltest du ... Hast du Hunger, Hermann?«

Er nickte.

»Und das sagst du nicht! – – Erlaube ...«

Sie ging hinaus, aber sie kam sogleich mit einem zugedeckten Teller zurück. Auf einem Stuhl neben dem Bett setzte sie sich nieder, breitete unter seinem Kinn eine Serviette aus, stützte seinen Kopf durch Kissen und füllte ihm den Löffel, nachdem sie den Teller aufgedeckt hatte. »Suppe«, sagte sie leise. Sie führte ihm den Löffel zum Mund. »Verzeih!« setzte sie hinzu.

»Was denn verzeihn?«

»Dass ich nicht sogleich – – Hab' dich hungern lassen.«

»Ich hatte vergessen,« murmelte er, »daß ich hungerte.«

Er aß. Über den Löffel hinweg sahen sie sich an. Die bleichen, ernsten Gesichter versuchten dann und wann zu lächeln. Indem sie ihn fütterte, war sie lange still; endlich sagte sie: »Sorge hab' nur nicht. Der Doktor sagte mir, als er mich in dies Zimmer schickte: Den Patienten versteh' ich noch nicht ganz; ein organisches Leiden find' ich absolut nicht; es wird eine Überreizung und Erkrankung der Nerven sein. Das Gehirn ist aber nicht krank ...«

»Und nun hast du so lange und so gut geschlafen«, setzte sie nach einem plötzlichen, lauten Atemzug in unterdrückter Bewegung hinzu. »Du lagst immer gegen die Wand; ich saß dort und ahnte nicht – –«

Sie ward still und schwieg.

»Ich danke dir«, sagte er nach einer Weile; »ich kann nicht mehr essen.«

Sie sah ihn an, stand auf, trug den Teller fort. – Zögernd kam sie wieder. »So solltest du nun wieder schlafen«, murmelte sie langsam.

»Meinst du? – Mir wär' wohl so!« antwortete er, tief über sich verwundert, daß er müde sein konnte. – »Milli! Und dann?«

»Und dann? O sei ruhig. Dann komm ich nicht wieder. Ich werd' mit einer andern tauschen, mit der ich gut Freund bin; der Doktor versteht mich schon, wenn ich ihm nur andeute ... Das ist leicht zu machen. – Ich bitt' dich, versprich mir eins!«

»Was denn?«

»Nie nach mir zu fragen; mir nie auf irgendeine Weise nachzuforschen, mein' ich. Ich will auch wieder anderswohin; aber bis sich das machen läßt – – Kannst du mir diesen einen Gefallen noch tun? Willst du mir's versprechen?«

Er besann sich kurz; »o ja«, sagte er dann. Aber von einem trostlosen Gefühl des Mitleids übermannt, konnte er es nicht lassen, zu fragen: »Und – die Kinder, Milli?«

Als hätte sie so eine Frage erwartet und gefürchtet, stammelte sie rasch: »Denen geht es gut – hab' ich ja gehört. Ich kann nur noch das eine, was ich tue; weiter kann ich und will ich nichts ...«

Es stieg ihr aber ein Schluchzen aus der Brust herauf, mit dem sie jämmerlich rang; ein traurig menschliches, gar nicht nonnenhaftes Schluchzen. Sie legte beide Hände auf den Busen, wie um es hinwegzudrücken. Einige Augenblicke schloß sie auch die Augen; dann riß sie sie wieder auf und sah ihren Kranken an: »Was mach' ich da!« sagte sie, das Weinen unterdrückend. »Du sollst Ruhe haben – und ich – – die Wärterin regt dich noch auf. Wie gesagt, ich will nichts. Und du hältst dein Wort. Und nun sollst du schlafen!«

Sie trocknete ihre Wangen, die von vorhin noch feucht waren, und stand wieder als »Nonne«, als »barmherzige Schwester« da. – »Doch ein tüchtiges Weib!« dachte Ifinger.

Er sah ihr mit seinem besten, weichsten, reinsten Blick in die Augen, wie ein Bruder der Schwester; noch einmal in andächtigem Grauen in die sichtbaren Rätsel und den unsichtbaren Sinn dieser Welt versinkend. »Milli!« sagte er dann nur, hob seine abgezehrte, bläulich geaderte rechte Hand von der Bettdecke und hielt sie ihr entgegen. Ihr Blick ruhte auf der Hand, wie fragend. Dann verstand sie ihn. Ihre Hände faßten und umschlangen sich. Er vergab ihr stumm; bat auch stumm um Vergebung. Sie sprachen beide kein Wort; nur Millis Lippen zitterten, in einem rhythmischen Beben, das auch ihre Wangen leise erschütterte.

»Ich danke dir!« sagte ihm nur ihr umschleierter Blick. So stand sie lange da und hielt seine Hand; bis sie endlich fühlte, daß sie ihm zu schwer ward. Dann legte sie sie sanft auf seine Decke zurück. Sie betrachteten sich noch einmal ... Stumm, mit dem Kopf, winkte sie ihm, zu schlafen; legte die Hände auf die Brust und ging still hinaus.

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