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Hermann Ifinger

Adolf Wilbrandt: Hermann Ifinger - Kapitel 20
Quellenangabe
authorAdolf Wilbrandt
titleHermann Ifinger
publisherVolksverband der Bücherfreunde Wegweiser-Verlag G. m. b. H.
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170608
projectid8ddab11e
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IV

Hermann Ifingers Hoffnung ging nicht in Erfüllung. Am nächsten Morgen, schon gegen Mittag zu, saßen die beiden Freunde in Erharts Atelier; Ifinger las in des alten Lionardo »Buch von der Malerei«, Erhart malte und hatte sich endlich auch gesetzt, die »Wut«, mit der er arbeitete, hatte ihn müde gemacht. Er wütete wieder an der Meerlandschaft mit der schwarzen Dame; die zehnmal angezündete Zigarre lag schon in der Ecke, zuweilen stieß er einen dumpfen, schwerverständlichen Fluch aus. Dann malte er wieder still und eifrig. »Sagen Sie mal, Ifinger!« fing er auf einmal an, »verachten Sie mich nicht?«

»Warum?« fragte dieser kurz, kaum vom Buch aufblickend.

»Weil ich mir das so ruhig gefallen lasse, ihm das Bild noch einmal – – Wie ein Leibeigener, wie ein Kuli, Doktor! – Es wär' doch bedeutend menschenwürdiger, diesem Baron zu sagen: ›Herr, gehn Sie zum Teufel! Sie haben nun bald ein Dutzend Bilder von mir, jedes für ein Spottgeld; Sie haben meine Geldbedürftigkeit redlich ausgenutzt, jeder ordentliche Wucherer wird Sie dafür achten und ehren; und wenn Ihre schwarze Dame am Meer auch in hunderttausend Stücke auseinanderbröckeln sollte, so haben Sie noch immer ein goldenes Geschäft gemacht, und nichts steht Ihnen gut, als ganz stille sein!‹ – Das wär' eine Wollust, Doktor – und wär' auch, was sich gehört!«

»Ganz Ihrer Meinung«, erwiderte Ifinger. »Sie würden dann aber nicht mehr viel an den Baron verkaufen –«

»Halt!« warf Erhart dazwischen, die Augen auf seinem Bild. »Diese Welle wird mir zu warm. Das Wasser muß so frostig, so kalt herausschauen, daß man das Niesen kriegt. – Was haben Sie eben gesagt?«

»Daß der Baron dann nicht mehr viel von Ihnen kaufen würde –«

»Das ist ja eben das Elend!« rief der Maler aus. »Weil ich immer denken muß: nur diesen Käufer nicht verlieren, ich hab' kaum einen andern – darum sitz' ich hier und frone wie ein Knecht! – Das Leben ist doch ziemlich niederträchtig, Doktor! Wenn Sie, Hermann Ifinger, nicht mit Ihrer verrückten Rederei diesen Pillnitz zum Mäzen verschwatzt hätten, so wüßten verschiedene brave Leute nicht, wie sie essen und trinken sollten. Ich muß Ihnen noch dankbar sein, daß Sie mich ihm wie ein Zahnbrecher angepriesen haben – und daß Sie diese drei Jahre fortgefahren haben, mich ihm anzupreisen. Und dabei bin ich doch auch kein Hund, Doktor, kann doch was, hab' meinen Namen, meine Kunst, meinen Gott ... Doktor, eine schnöde Welt!«

»Wenn Sie Ihren Gott haben,« erwiderte Ifinger ruhig, »dann lassen Sie doch die Welt. Übrigens wird sich das später zeigen –«

»Was sagen Sie da von Gott und Welt?« unterbrach ihn Erhart. »Das versteh' ich noch nicht. – – Das Wasser wird schon besser. Hier zwischen den Steinen muß es sich so verspielen, als wollt' es der schwarzen Dame bis an die Füße kriechen. – Doktor, eine schnöde Welt ... Die Luft ist mir noch zu dick!«

Ifinger wollte antworten, die Tür zum Vorplatz ward geöffnet und die Aufwärterin erschien. »Eine junge Dame«, murmelte sie. »Nennt sich Fräulein Laura ...«

In diesem Augenblick ward auch schon hinter ihr die so viel größere »Laura« sichtbar und lächelte herein. Sie trug einen breitkrempigen Strohhut, der mit einem Kranz von künstlichen Weinblättern umwunden war, und ein hellblaues Kleid. Erhart, sehr überrascht, sprang auf. Mit einem Blick auf die Dienerin, der diese überflüssig machte, ging er dem Mädchen entgegen. »Sie kommen wirklich zu mir?« sagte er heiter, eine leichte Unruhe im Gesicht. »Ei, ei! welche Ehre!«

»Spotten Sie nur«, entgegnete das Mädchen; trat ein, während die Wärterin hinausging, und gab ihm die Hand. Gegen Ifinger verneigte sie sich nur ein wenig und nickte mit dem Kopf. »Ich weiß, Herr von Erhart, für Sie bin ich nur der ›Wurm‹ von damals, der sich nun ausgewachsen hat – leider. Aber das macht nichts; darum komm' ich doch. Es zieht mich halt zu den alten Bekannten; – ich wußt's auch schon gestern; wollt' nur vor den Tanten nichts sagen – Sie wissen ja, wie die sind. ›Man hat doch seine Stellung – und ein Gered' darfs nicht geben!‹ – diese alte verhutzelte Gredl, diese Wäscherin! – – Aber nur fein, nur nicht schimpfen!« unterbrach das Mädchen sich selbst und lachte. »Das kommt nur noch so manchmal, wissen Sie – aus der Kinderzeit – sonst bin ich ›gebildet‹ – daß man staunen muß. Starren Sie mich nur nicht so an, Herr von Erhart; denken Sie nur nicht: ›Die ist bloß gekommen, um mir die Zeit zu stehlen.‹ So unverschämt wär' ich nicht. Ich hab' eine – Idee; eine Bitte!«

Das große schöne Geschöpf stand beinahe demütig da, mit gegen die Schulter gelegtem Kopf; um ihre Augen lachte es aber mutwillig. Sie war heut' eine wunderliche Mischung von junger Dame und ›Mädchen aus dem Volk‹, die einen eigenen Reiz hatte; nur daß Ifinger wieder dachte: wenn sie nur nicht spräche! – Ihre Augen flogen ein paarmal neugierig im Atelier umher, dann kamen sie wohlerzogen zurück und hefteten sich wieder, mit ehrbarem Ausdruck, auf Meister Erharts Gesicht.

»Was wär' denn das für eine Idee?« fragte der Maler, nachdem er eine Weile Linas Locken und Lippen studiert hatte. »Was für eine Bitte?«

»Daß Sie ein Porträt von mir malen«, sagte das Mädchen ohne Zögern, und beinahe stolz; doch sah sie ihn forschend an. »Verstehn Sie: nicht als Modell wie damals – sondern für mein Geld!«

»Ah! Für Ihr Geld. Haben Sie denn wirklich was? Verhält sich das wirklich so mit dem ›alten Gönner‹?«

»Das ist doch komisch«, erwiderte das Mädchen; »immer fragen einen die freundlichen Leute: lügst du auch, mein Kind? Seien Sie ganz ruhig, Herr von Erhart; es verhält sich so. Der gute alte Herr ist tot – Gott hab ihn selig, wie die Tante sagt – und ich hab' auch von ihm geerbt. Ich werd' auch bald Solo tanzen – weil ich viel Talent hab' – auch das ›verhält sich wirklich so‹. Und es verhält sich auch so, daß ich jetzt Laura heiße, weil das schöner ist; – vor den alten Urscheln soll man's nur nicht sagen. Kurz, es ist merkwürdig, Herr von Erhart, wie viel ich Ihnen erzähle, das gar nicht gelogen ist!«

»Dann haben Sie nur die Gnade, mir zu verzeihn,« sagte Erhart lächelnd, »wenn ich das Unglück hatte, Sie zu kränken, gegen meinen Willen! – Also ich soll Sie malen? Und zwar für Ihr Geld?«

»Wenn Sie die Güte haben wollen – die unendliche Güte –«

Erhart lachte auf. »Wir werden ja auf einmal unendlich höflich miteinander; das haben wir sonst nicht gekannt!« – In seiner Stimme zitterte eine gewisse Erregung, die allmählich wuchs. Er trat plötzlich näher auf das Mädchen zu, faßte sie an beiden Schultern und starrte auf ihren Hals und in ihr Gesicht.

»Was – was wollen Sie?« fragte sie, fast erschrocken. Sie entzog sich ihm aber nicht.

»Anschaun! Was denn sonst!« gab er halb murmelnd zur Antwort. »Wenn ich Sie malen soll, muß ich Sie doch anschaun. Sie verruchtes Mädel – – Fräulein; verzeihen Sie – – was Sie sich da alles in Ihr Gesicht hineingepinselt haben; ich meine nicht mit Kunst, sondern von Natur. Die richtige Goldblondine. Und das feine Hälschen. Zum Anbeißen. Das ist diese Lina, die damals als ›Frühling‹ so knochendürr auf dem Felsen saß ... Freilich, mit zarten Knochen. Das Skelett war gut; nun ist auch das Fleisch da. Wo haben Sie all diese Farben und Töne her; – das mal' Ihnen der Teufel!«

»Also Sie nicht?« fragte sie, mit heimlich triumphierendem Lächeln.

»O ja; wenn der Teufel nicht will, dann ich!« – Er ließ ihre Schultern los, die er ein zweites Mal mit seinen ausgebreiteten Fingern gefaßt hatte, und ging mit großen Schritten in eine Ecke, wo mehrere Stücke aufgespannte, noch unbemalte Leinwand übereinanderlagen. Es war ein Blick und ein Griff; dann trug er das ausgewählte Stück zu der Staffelei, auf der die Dame am Meer stand, hob diese unsanft weg und stellte sie gegen eine Stuhllehne. »Für Ihr Geld,« fuhr er fort zu reden, ohne sie anzuschauen, »das wird wohl nicht gehn. Das stimmt nicht zu meinem Vertrag mit dem Herrn Baron ... Aber über das werden wir wohl einig, Fräulein Laura von Schellenberg, treten Sie gefälligst näher, setzen Sie sich auf den Stuhl da, haben Sie die Gnade!«

»Meister Erhart –!« rief Ifinger aus, den der Schreck über alles, was vorging, eine Weile wortlos gemacht hatte. »Sie wollen jetzt – sogleich –?«

»Was sogleich?«

»Dieses Fräulein malen?«

»Nun ja; da sie hier ist!« antwortete Erhart und griff nach seinem Handwerkszeug. »Das heißt – wenn sie will!«

»Oh, ich, ich!« sagte das Mädchen und hob die Hände und die Brauen, als verstehe sich das von selbst.

»Aber Ihre Meerlandschaft?« fragte Ifinger.

»Die wird so lange warten«, erwiderte der Maler kurz; »dazu ist sie da!« – Er trug Farben auf eine neue Palette auf, dabei immer das Mädchen studierend; unterbrach sich, um sie auf ihrem Sessel zu richten, ihr Kopf und Schultern zu rücken; kehrte dann zur Arbeit zurück. Seine Hände flogen. Auf seinem Gesicht erschienen rote Flecken, die schwanden und wiederkamen. Lina saß still und lächelte stolz, aber gleichsam in sich hinein. Sie hatte ihre Knie übereinandergelegt, wie in früheren Zeiten, doch gesitteter, auch anmutiger; die Füße – nicht mehr »Flöße« zu nennen, wenn auch immer noch groß – schaukelten nicht mehr.

»Fangen Sie jetzt wirklich schon an?« fragte sie, als sie ihn den ersten Pinselstrich über die Leinwand machen sah.

»Ja, jetzt fang' ich an.«

»Sie sind aber geschwind! noch fixer als der Leo Falk!« – Sie wandte sich zu Ifinger, und zum erstenmal lächelte sie ihn an: »Wissen Sie noch, Herr Doktor, wie Sie mir damals so g'spaßig gratulierten, daß meine Nase ›mehr nach Süden gegangen‹ sei? Das hat ihr offenbar geschadet: da hat sie sich gedacht, nun ist's gut, und ist so geblieben. Schauen Sie sich das Unglück an: sie ist halt immer noch etwas böhmisch!«

Ifinger antwortete nicht, er zuckte nur die Achseln. Er hätte die Nase mit dem ganzen Mädchen am liebsten zu allen Teufeln gewünscht ...

»Ihr Näschen ist nicht klassisch,« sagte Erhart malend, »aber gut im Ton. Halten Sie es nur einmal still!«

»Sehr wohl; ganz wie Sie befehlen. – Na, und Sie, Herr von Erhart, wissen Sie denn noch, daß Sie damals beliebten, mich einen ›Wurm‹ zu nennen?«

»So? Hab' ich das getan?«

»O ja. Sie fragten mich dann auch, ob ich schon ›lasterhaft‹ sei, und ich erlaubte mir zu bemerken: ›Würmer sind doch gewiß tugendhafte Wesen. Und ich werd' auch zeitlebens grausam tugendhaft sein!‹ – Das hab' ich bis jetzt gehalten, grausam tugendhaft. Unnatürlich tugendhaft, wie Marietta sagt. Oder – glauben Sie das nicht?«

Sie verfiel wieder in ihr närrisches, kaltes, übermütiges Lachen.

»Mit Glaubensartikeln von dieser Art geb' ich mich nicht ab«, antwortete Erhart, der sie forschend ansah. »Übrigens warum reden Sie davon?«

»Ach, nur so aus Unsinn. – Und wissen Sie noch, Herr von Erhart –«

»Lassen Sie doch endlich das ›von‹ weg!«

»Also Herr Franz Erhart, wissen Sie denn noch, daß Sie mich damals ›das Ding‹ nannten, und daß Sie dem Herrn Falk sagten: ›Zeigen Sie ihr doch ihre Stellung in der menschlichen Gesellschaft‹? – Nicht wahr, der Wurm hat ein gutes Gedächtnis? Das kommt davon, wenn man dann nachts nicht einschläft und sich alles, Wort für Wort, immer wieder vorsagt ... Na – der Herr Falk, der hat mir dann ja auch ›meine Stellung gezeigt‹!«

Sie lachte wieder schrill auf; aber nur einen Augenblick. Gleich darauf sah sie Erhart von der Seite – so, wie er ihr den Kopf gerichtet hatte – fest und ernsthaft an; mit demselben belauernden, katzenhaften Blick, den sie über die Köpfe ihrer Tanten hinweg auf ihn geheftet hatte. Sie verfolgte offenbar einen bestimmten Gedanken ... Wenigstens schien es Ifinger so. Es ward ihm in der Gegenwart dieser hübschen jungen Hexe immer unsanfter zumut. Er griff wieder nach seinem Lionardo da Vinci, »Von der Malerei«, den er beiseitegelegt hatte, und ging gegen die kleine Wendeltreppe zu, die aufs flache Dach führte.

»Wohin wollen Sie?« fragte Erhart.

»Da oben ein wenig lesen, mich bilden«, antwortete Ifinger.

»In der Mittagsonne?«

»Die Sonne, die tut mir nichts. Ich nehme übrigens Ihren Regenschirm mit – da steht er – da Sie ihn mir aufdrängen. Wenn ich den aufspanne, les' ich wie im Keller!«

Der Maler lächelte flüchtig und fuhr fort, zu malen. Das Mädchen saß stumm und still. Ifinger nahm den Schirm und stieg auf das Dach hinauf. Hier empfing ihn allerdings eine Wärme, wie er sie noch in keinem Keller verspürt; der gestampfte Estrich atmete förmlich die Glut aus, die er seit früher Morgenstunde eingesogen hatte. Von den Bäumen und Wiesenflecken, die das Haus umgaben, kam keine Kühlung herauf; selbst die Wald- und Felsberge, die näher und ferner auf ihn herunterblickten, vom Sonnenlicht umklammert, schienen auf das flache Dach Wärme herabzustrahlen. Mittelafrika! dachte Ifinger. Indessen – lieber hier, als zusehn, wie diese kleine Katze diese große Maus fängt! – Er setzte sich auf die Brüstung – die freilich auch nicht kühl war – spannte den Schirm über sich auf und versuchte die letzten Kapitel »von den Wolken« und »vom Horizont« zu lesen.

Von unten, durch die wieder geschlossene Luke, hörte er bald lautes, helles Lachen; auch Erharts weicher, angenehmer Baß ließ sich in weniger geräuschvoller Heiterkeit vernehmen. Von Zeit zu Zeit ward es still ... Ifinger las, ohne zu verstehn; ihm fehlte die Aufmerksamkeit, er war nicht bei der Sache. Horchen wollte er auch nicht ... Er zog endlich eine Photographie hervor, die er auf die Reise mitgenommen hatte: die Milli, seine Frau, mit den beiden Kindern; das eine an ihrer Hand, das andre auf dem Schoß. Sehnsüchtige Vatergefühle legten sich gleichsam um ihn her, so daß er kein Lachen mehr hörte; er versenkte seine Augen in die holde Gruppe – nur die kleine, unruhige Grete war etwas mißglückt – er dachte auch weich und zärtlich an die reizende Frau, die Mutter dieser Kinder. Freilich nicht mit der Sehnsucht, die ihn einst in ihre Arme und in sein Schicksal hineingetrieben hatte ... Bin ich wirklich blinder, dachte er, als die andern sind? Oder sind viele so blind? Ist das Mädchen gewöhnlich nur der Schein, und die Frau die Wahrheit? – Du bist ja lieb und gut, Milli, – er sah wieder auf das Bild – aber das, was ich nun habe, das, das wollt' ich ja nicht ... Wie konntest du mir unter den Händen verschwinden, Milli. Die Poesie – die Poesie – wo ist die geblieben!

Seine Augen feuchteten sich; nur durch einen fließenden Nebel sah er noch die zierliche, weiche Gestalt des kleinen Hans, der der Mutter so ähnlich war, und die noch etwas unförmliche Grete, die mit den sinnenden, klugen Augen des Vaters in die Welt blickte. Es kam eine Wehmut über ihn, die er nicht wollte, deren er sich schämte; der zu entfliehen er diese Reise angetreten hatte. »Weg mit dem Bild!« murmelte er und steckte es wie im Zorn wieder in die Tasche; nahm den Lionardo von der Brüstung und kehrte zu der »Röte der Wolken« zurück. Die Glut des Mittags, die ihn umfing, legte sich aber auch über die Augen wie ein warmer Schleier. Sie schien im Gehirn, im Sehnerven buchstabenähnliche kleine Fratzen auszubrüten, die sich mit den wirklichen Buchstaben im Lionardo vermischten, sie durcheinanderwirrten. Auch bekam sie Körper, ward schwer, saß auf seinen Lidern, und versuchte sie niederzudrücken, wie man den Deckel eines vollen Koffers zudrückt. Die Zeilen fingen an zu schwingen, wie schlaffe Taue auf und nieder zu gehn. Unten lachte die Lina ... Lina Schellenberg ... Dann hörte er auch das nicht mehr; obwohl ihm war, als ob noch immer sie oder jemand lachte. Der Schirm sank ihm langsam auf den Scheitel nieder. Sein Kopf sank nach vorn. Er blieb auf der Brüstung sitzen, das Gefühl des Gleichgewichts verlor er nicht; aber in einem sonderbaren, traurigen, süßen Halbschlaf, oder Dreiviertelschlaf, vergingen ihm die Gedanken ...

Wieviel Zeit er so verschlummerte, war ihm unbewußt; als er wieder zu sich kam, stand die Sonne noch immer hoch, rechts vom Tännengebirg, und traf seinen Kopf: denn der Schirm, ohne ihm zu entfallen, war mehr nach hinten geglitten. Noch wie im Traum stand er auf, um nun doch der niederdrückenden Hitze zu entfliehn. Er nahm Buch und Schirm, öffnete die Luke und stieg ins Atelier hinab. Zuerst war ihm, als käme er aus dem Licht in die Dämmerung. Als das verging und er wieder heller sah, nahm er unwillkürlich die Brille ab und rieb sich die Augen: denn das Atelier war leer.

Auf der Staffelei stand das angefangene Bild der »Laura«; außer den Umrissen und einigen goldhellen Locken war nicht viel zu sehn. Neben dem Bild lag ein großer Zettel, mit Bleistift beschrieben, der, als Ifinger näher trat, langsam herunterglitt und zu Boden fiel. Er hob ihn auf und las:

»Lieber Doktor, lesen Sie gefälligst diese Zeilen; aber denken Sie dabei nicht zuviel. Unser komischer Paradiesvogel will da draußen in Aigen zu einer Künstlerfamilie, bei der ich sie einführen kann; darum hab' ich es übernommen, sie dahin zu begleiten. Entschuldigen Sie Ihren Gastfreund; er ist nur ein Maler ... Sollte es sich ereignen, daß ich länger ausbleibe und erst am Abend zurückkomme, so sehen Sie den Fall als Philosoph an, mit Ihrer bekannten großen Seele, und verurteilen Sie mich nicht. – Der ›Wurm‹ zieht mir die Hand weg. Auf Wiedersehn! F. E.«

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