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Hermann Ifinger

Adolf Wilbrandt: Hermann Ifinger - Kapitel 14
Quellenangabe
authorAdolf Wilbrandt
titleHermann Ifinger
publisherVolksverband der Bücherfreunde Wegweiser-Verlag G. m. b. H.
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170608
projectid8ddab11e
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XIII

War es ein Aberglaube oder war es halbbewußte Weisheit? Diesen Nachmittag und Abend und den ganzen folgenden Tag hielt Ifinger sich einsam zu Hause; als stehe draußen auf der Straße das Schicksal und erwarte ihn, und als könne er ihm entgehn, wenn er sich nicht zeige. Auch am dritten Tag blieb er bis gegen Abend auf sein Zimmer und an seine Bücher gebannt; nur daß er zuweilen einen halb unfreiwilligen Blick auf Kollers ehemalige Schürze warf, die jetzt auf ihrem Platz an der Wand zwischen den Bildern und Skizzen hing und mit ihrem gefährlichen Liebreiz alles überstrahlte. Als er aber endlich den ersten Schritt ins Leben zurückgetan hatte und das Haus des Barons, dessen Besuch er erwidert, wieder verließ, schien die »kranke Sorge« von ihm gewichen zu sein; er sah heiter aus, die gutmütige Menschenliebe hatte ihn, wie es ihre Art ist, aus dem engen Nest seines Ichs hinausgelüftet, und er schritt herzhaft aus, um dem Anton Kircher, dem Bruder der Porzelläne, eine gute Botschaft zu bringen. Er fand ihn auch noch im Atelier, eifrig bei der Arbeit. Schon in der Tür blieb Ifinger stehn, den Hut noch auf dem Kopf. »Ich kann mich wieder vor Ihnen sehn lassen,« sagte er, »also guten Abend. Ich komme von dem Baron, den ›der Teufel holen‹ soll; er ist nun fest entschlossen, Sie noch heute zu besuchen. Zeigen Sie ihm also gefälligst Ihre gemalten Ideen; er ist noch bei Kasse. Er hat sogar den höllischen Plan gefaßt, einige Maler, die ihm besonders gefallen, auf Jahre hinaus in Nahrung zu setzen, in seinen Sold zu nehmen; – ich hab' dabei mitgeteufelt. Ich möchte, daß er auch Sie – – Na, wir werden ja sehn. Zeigen Sie ihm ihre sämtlichen Werke!«

Kircher sah fast finster von seiner Palette auf: »ich danke Ihnen«, sagte er kurz, nicht einmal verbindlich. Es lag etwas Erschreckendes in seinem eckigen, unschönen, aber nicht unedlen Gesicht; eine verbissene, ingrimmige Melancholie, die ihm die Augen aufriß und die Nüstern blähte; auch waren seine schweren, oft etwas geröteten Lider heute doppelt rot, überwacht, entzündet. Er sah aus, als hätt' er vor Wut geweint. »Bitte, machen Sie sich gemütlich,« setzte er nach einer Weile mit verrücktem Humor hinzu; »nehmen Sie irgendwo Platz!«

»Was haben Sie?« fragte Ifinger. »Ich dachte, diese Nachricht –«

»Meine ›sämtlichen Werke‹!« fiel Kircher ihm ins Wort; »ja, die könnt' er haben, sie sind ja noch fast alle beisammen – denn was bloß schön sein will, wird ja nicht gekauft. Und die Rezensenten, die sich Schönheitsprediger nennen – Lumpenhunde sind's. Da! lesen Sie das!«

Er nahm eine Zeitung vom nächsten Stuhl und warf sie Ifinger zu. Dieser fing sie auf und schlug sie auseinander; ein mit Kohle rechts und links angestrichener Aufsatz fiel ihm gleich ins Auge, die Fortsetzung von Brenzels jüngstem Kunstbericht, der Leo Falks »Frühling« so begeistert gepriesen hatte. Zur Abwechslung folgten hier mehrere Hinrichtungen, wie es Brenzel liebte. Die erste galt dem »Abmaler«, wie der grausame Kritiker den Kircher nannte; dem »vortrefflichen Kenner der Alten«, der, weil er in gewiß gerechter Bescheidenheit die Erfindungen der großen Meister seinen eigenen vorziehe, mit der Geschicklichkeit eines Raben alle schon gemalten Motive in unzähligen Photographien zusammenschleppe und in neuen Bildern verballhorne. »Sind Sie schon bei ›verballhornen‹?« rief Kircher aus, während Ifinger las. »Ja, Sie sind schon so weit ... Wie gefällt Ihnen das? Wie? Mich vor aller Welt einen Dieb nennen, das genügt ihm nicht; er schreibt noch eine Warnung dazu: ›kauft ihm die gestohlenen Sachen nicht ab, er hat sie ruiniert!‹ – Er will mich ruinieren, mich; das ist seine Absicht! – Und dabei schreit er auf der Bierbank mit seiner Essigstimme: weg mit der modernen Wahrheitssimpelei, macht es wie die Alten; und dieser kantige Puritanerschädel brüllt in sein Seidel hinein: ›Schönheit, Schönheit, Schönheit!‹ – Wenn aber einer kommt und Schönheit bringt, und es wie die Alten macht – nun, meinetwegen auch einmal zu genau, zu wörtlich; was liegt daran, Publikus weiß es nicht – dann kommt so ein Ehrabschneider, so ein Lichtausblaser, so ein – so ein – –«

Er konnte nicht weiter, die Wut nahm ihm die Stimme oder die Gedanken; er stieß nur noch ein »Pfui!« heraus und spuckte auf die Erde. Ifinger wollte etwas sagen, bewegte aber nur die Brauen, schwieg und las zu Ende. Der andre unterbrach ihn nicht wieder, in nervöser Hast fuhr er fort zu malen. Erst als Ifinger das Zeitungsblatt sinken ließ, fragte Kircher, der einen hohen, grimmigen Laut hervorstieß: »Also wie gefällt Ihnen das? Ein netter Bierbruder? Wie?«

»Sie wissen, ich hab' diesen Brenzel nie geliebt«, antwortete Ifinger. »Die Hauptsache ist, daß Sie unverdrossen weitermalen, und daß Sie Ihre Bilder verkaufen. Deshalb lots' ich Ihnen ja den Baron Pillnitz her –«

»Und ich dank' Ihnen, dank' Ihnen«, sagte Kircher hastig, herzlicher als vorhin. »Sie sind doch noch ein Freund! – Sie haben recht, man muß oben bleiben, man muß diesen Kerlen zeigen, daß –«

Er brach wieder ab, um einen tiefen, zitternden Atemzug zu tun, und stieß mit dem Pinsel unruhig gegen seine Leinwand. »Das da mal' ich für Ihren Baron!« murmelte er dann zwischen den Zähnen. »Es ist so 'ne Art von Idee darin. Diese Lumpenhunde ... Wollen hoffen, daß es ihm gefällt!«

Ifinger nickte und trat neben ihn, um das werdende Bild zu sehn. Es waren drei Gestalten, die über eine Brüstung schauten, in Kostümen aus Tizians Zeit. Indem er sich vorbeugte, um besser zu sehn, bemerkte er unten auf dem Sims der Staffelei zwei kleine Photographien; die eine nach einem Tizian, den er in Madrid gesehn, die andre nach einem Bild, das er nicht kannte. Auf jeder dieser Photographien waren mehrere Gestalten, in malerisch anziehender Haltung und Bewegung; drei davon hatten sich, sehr vergrößert, oben auf der Leinwand zusammengefunden und schauten über die Brüstung ...

Kircher sah Ifingers vergleichende Blicke, es gab ihm einen Ruck. Sein blasses Gesicht ward rot; er griff nach den Photographien und warf sie dem Stuhl zu, von dem er vorhin die Zeitung nahm; sie fielen aber auf die Erde. Ifinger bückte sich unwillkürlich, um sie aufzuheben. »Aber lassen Sie doch! lassen Sie doch!« sagte der Maler verlegen murmelnd und kam ihm zuvor, so daß ihre Köpfe fast zusammenstießen. »Nun ja ... Photographien ... Stimmgabeln. Anregung. In unsrer verdammten, prosaischen Zeit braucht man Anregung ... Ich denke darüber nicht kleinlich, muß ich Ihnen sagen ... Bitte, sein Sie still: jemand kommt!«

Ifinger hätte auch sonst geschwiegen; es war ihm lieb, daß Leute kamen, er war selbst errötet – für den Bruder der Porzelläne. Nämlich trat ein, mit Prahm, einem andern Maler, den Ifinger schon früher hier und da gesehn hatte; einem der »Durchgedrungenen«, wie Kircher diese Bevorzugten nannte. Es war ein beliebter, angesehener Landschaftsmaler, der wenig eigenes Ich hatte, aber sehr viel konnte; eine gedrungene, selbstbewußt zurückgelegte, mittelgroße Gestalt mit gesund rötlichem, behaglich feistem Gesicht. Nachdem er sich langsam genähert hatte, ohne ein Wort zu sagen, blieb er würdevoll lächelnd stehn, als erwarte er von den andern etwas, ehe er selber spreche. Kircher sah ihn aber zerstreut und verloren an, Ifinger desgleichen.

»Wißt ihr denn noch nicht?« fragte Nämlich endlich, der komisch erstaunt geglotzt hatte. »Herr Prahm hat den neuen Orden gekriegt. Sie haben ihn anerkannt!«

»Ah, da gratulier' ich«, sagte Kircher treuherzig, seinen Ingrimm vergessend. »Meister Prahm, Sie haben's verdient! Gratuliere!«

Der Landschafter bewegte abwehrend die Hand und den Kopf – es sah aus, wie wenn er Fliegen verjage – trat auf Kircher zu und gab ihm die Hand. »Wir bleiben die Alten!« sagte er in seinem tiefen Baß, leutselig und wie tröstend. »Guten Abend, Kircher!«

Er setzte diese drei Worte hinzu, um anzudeuten, daß man von dem großen Ereignis nun nicht weiter sprechen solle, nahm einen leeren Stuhl, setzte sich rittlings auf ihn und betrachtete Kirchers Arbeit. Nämlich kam an Ifinger heran, berührte ihn mit dem Ellbogen und flüsterte: »Wann haben Sie meine Iphigenie zuletzt gesehn? War sie damals noch da?«

»Wieso noch da?« fragte Ifinger.

»Nu, weil sie jetzt – –« Der gute Nämlich lächelte halb verschämt, wie ein junges Mädchen. »Mit dieser Griechin ist es mir sonderbar gegangen! Nämlich jetzt – ist sie fort. Ganz fort!«

»Ah!«

»Sie ›ahen‹; natürlich. Das hätten Sie sich wohl nicht gedacht! – Für den Laien klingt es ja komisch; für den Maler – – nu, der Maler sieht's anders an. Ich hatte eigentlich schon selber so ein Gefühl: Iphigenie, lebe wohl; oder bild' ich mir das jetzt nur ein? – Kurz, sie kamen gestern – die andern, mein' ich, die drei – und brachten mir mein Gefühl zur Klarheit, zum Bewußtsein: weg mit ihr – sie muß fort! Es ist eine Landschaft, eine griechische, klassische; Tempel und Bäume am Meer; das Stilvolle, Feierliche, Schönheitsbesoffene, um das handelt sich's. Was will ›Iphigenie‹ da? Was soll Iphigenie? Mit diesem Frauenzimmer kommt die Literatur hinein, es wird eine Illustration zu einer Dichtung – wie Erhart ganz richtig sagte – und wer diese Dichtung nicht kennt, der versteht das Bild nicht. Bilder müssen selbstverständlich sein; Leo Falk hat ganz recht. Also weg mit ihr! Vorwärts marsch, hinaus!«

»Hm!« murmelte Ifinger.

»Sagen Sie das nicht, Doktor!« fiel ihm Nämlich ins Wort. »Sie hat mich immer geniert! Darin hat Kircher recht! – Zuerst kriegte ich ein dunkles Gefühl: sie steht da oben nicht gut; das Mädchen muß hinunter! Dann sah ich ein – ich hab's Ihnen ja erzählt – was soll das Weib in der Mitte; ich male ja keine Kreise, keine Mittelpunkte. Das ist steif – das ist akademisch – also in Gottes Namen nach links! – Na, so kam sie nach links; fast in den Rahmen hinein. Hat Ihnen das gefallen? Was? – Mir hat's nicht gefallen. Das Bessere in mir, das Echte, der wahre Künstler in mir brummte dagegen auf, ließ mir keine Ruhe. Es juckte mir in den Fingern – wahrhaftig. Endlich ein großer Entschluß – mit dem großen Pinsel – und nun bin ich frei. Nun bin ich erlöst! Die andern geben mir recht, alle drei. Sie müssen das Bild nun sehn, Doktor. Sie werden Respekt vor mir kriegen, und Sie werden staunen!«

»Staunen werd' ich gar nicht«, erwiderte Ifinger. »Ich kann aber jetzt nicht: Baron Pillnitz kommt!«

In der Tat, das Schicksal in der Gestalt des Barons trat ein, schlank, elegant, mit den starrenden dunklen Augen; und durch Ifingers Körper ging eine plötzliche, bängliche Bewegung; als hätte er ein dunkles Gefühl, daß eigentlich auch sein Schicksal jetzt entschieden werde. Er trat geschwind zu Kircher, den er vor Aufregung erblassen sah. »Nun wird ja alles gut«, flüsterte er rasch. »Heut' werden Sie Ihrer Schwester eine Freude machen ... Wie geht's ihr?«

Kircher konnte ihm nicht mehr antworten; er ging schon dem Baron entgegen, nachdem er eine Art von Lähmung überwunden hatte, und begrüßte ihn mit einer humoristisch gemeinten Anrede, die aber ernst und trocken herauskam. Er bemühte sich offenbar, alles zu vermeiden, was als schmeichlerisch oder unterwürfig erscheinen konnte; das natürliche Schamgefühl der Menschenwürde machte ihn aber steifnackiger und schwerfälliger, als seine Meinung war; dabei zitterten seine Finger und die Mienen zuckten. »Bitte, lassen Sie sich nicht stören!« erwiderte der Baron mit seiner durchdringenden Stimme; »ich rechne mich nun schon gewissermaßen zu Ihnen, und wenn ich zu Künstlern komme, will ich ja nicht plaudern. Ich will Ihre Bilder sehn. Lassen Sie mich alles anschauen, malen Sie nur weiter! malen Sie nur weiter!«

Mit einer höflichen und zugleich begönnernden Bewegung drängte er den Maler zu seiner Arbeit zurück, hängte sich in Ifingers Arm und trat zu einer andern Staffelei, auf der oben und unten mehrere von Kirchers »sämtlichen Werken« standen. Er warf durch sein Glas einige prüfende Blicke darauf; plötzlich sagte er leise: »Aber werter Herr Doktor, zu was einer Art von Künstlern haben Sie mich da gebracht? Soeben, als Sie von mir fortgegangen waren, hab' ich die Kritik in der Allgemeinen Zeitung gelesen ... Das ist ja ein ›Abmaler‹.«

»O weh!« dachte Ifinger. »Also schon zu spät!« – Er nahm sich aufs äußerste zusammen und flüsterte geschwind: »Lassen Sie sich nicht irremachen, Herr Baron. Bitte, schauen Sie seine Bilder an, wie wenn Sie das Gedruckte nicht gelesen hätten!«

Baron Pillnitz warf auf den Doktor einen ungewissen, verwunderten Blick, der zu sagen schien: »Kann man denn das?« – Er hielt indessen sein Glas wieder vor die Augen, räusperte sich laut, wie um sich Mut zu machen, und nahm einen Anlauf, die Bilder dieses »Abmalers« doch noch mit eigenen Augen zu sehen. Es entstand eine längere, unheimliche Stille. Kircher schien nichts zu hören, noch zu sehen, er malte an seinem neuen Werk; von Zeit zu Zeit zuckte seine rechte Schulter. Nach einer Weile führte Ifinger den Baron zur Wand, wo mehrere umgekehrte Bilder standen, drehte sie herum, stellte eines auf einen Stuhl. Pillnitz murmelte einige unverständliche Worte, sah aber höflich und geduldig hin. »Nun, wie denken Sie?« fragte Ifinger endlich leise. »Was gefällt Ihnen am besten?«

Der Baron antwortete zunächst durch einen hilflosen Blick über die Schulter weg. »Lieber Herr Doktor,« murmelte er dann, mit den Achseln zuckend, – »wie sollten mir diese Sachen gefallen, wenn ich doch gelesen habe, doch gelesen habe, daß sie verballhornt sind?«

»Es handelt sich darum, ob Sie zustimmen; Sie sind ja auch jemand, haben Ihre Meinung. Die Bilder können Ihnen durch die Komposition, die Farbe, durch allerlei persönliche Reize – –«

»O ja wohl, ja wohl«, fiel ihm Pillnitz ins Wort. »Übrigens, was ich Ihnen noch sagen wollte – – als Sie mich vorhin besuchten, kam ich nicht dazu, Sie sprachen immer nur von Kircher; und dann stürzten Sie weg. Sie haben meiner Frau neulich sehr gefallen; sehr gefallen. Wär' sie zu Hause gewesen, so hätte sie's Ihnen selber gesagt. Sie haben ›ihre Eroberung gemacht‹; das sind ihre Worte!«

»Ich bin sehr glücklich, das zu hören«, antwortete Ifinger; »und um so mehr beschämt, da ich mich ›französisch‹ empfohlen hatte. Hoffentlich gefallen Ihnen aber doch einige von Kirchers Werken; geben Sie ihn noch nicht auf. So gut wie Nämlichs Landschaft mit dem gekreuzigten Ägypter sind seine Schöpfungen auch!«

Der Baron sah wieder über die Schulter, diesmal mit einem überlegenen Lächeln; als wollte er damit sagen: »Kann man die vergleichen? Hat denn jemand den Nämlich einen verballhornenden Abmaler genannt?« Er schwieg aber aus Höflichkeit, und dem Doktor zu Gefallen, der die »Eroberung seiner Frau gemacht hatte«, kehrte er an dessen Arm noch einmal zu den Bildern auf der Staffelei zurück und betrachtete sie so aufmerksam, wie er bei seinem Schneider die neuen Herbststoffe anschaute. Auf einmal wendete er den Kopf, ihm war ein guter Gedanke gekommen. »Sie malen da ja etwas Neues«, sagte er zu Kircher hinüber, der an der Unterlippe nagte und im Gesicht kaum mehr Farbe hatte. »Das hat der Herr – Brenzel wohl noch nicht gesehn?«

Kircher stieß ein »Ah!« heraus, beinahe höhnisch lächelnd: nun begriff er alles. Mit einer letzten Anstrengung antwortete er dann: »Nein, Herr Baron, das hat er noch nicht gesehn.«

»Dann – dann erlauben Sie mir ...«

Baron Pillnitz trat hinter Kircher und richtete seine bewaffneten Augen auf das fast fertige neue Bild. Prahm, der Landschafter, war aufgestanden und warf nur noch einen Seitenblick hin. Nämlichs rötliches, strohfarben umrahmtes Gesicht tauchte hinter den drei Köpfen des Bildes, über der Leinwand auf und starrte mit der freimütigsten Neugier gradaus auf den Baron, den er dadurch beinahe aus der Fassung brachte. Kircher atmete laut.

»Das – – das sagt mir zu«, murmelte Pillnitz nach einer Weile, mit einem flüchtig schielenden Blick auf Ifinger. »Die Farbe ... Gewisse persönliche Reize ... Auch ist etwas in der Komposition –«

»Frei nach Tizian und nach Giulio Romano«, fiel der dekorierte Prahm ein, mit seinem behaglich nachdrücklichen Baß. Darauf wandte er sich ab, die Hände auf dem Rücken, und ging langsam durchs Zimmer hin.

Es war, wie wenn den Baron ein großes Insekt gestochen hätte: so fuhr die hagere Gestalt zusammen. Eine neue Stille entstand, schlimmer als die erste. Pillnitz knöpfte an seinem Rock; warf auf das Bild einen letzten Blick, durch den er es für immer aufgab; sah dann in die Luft, als suche er die Form, um sich in edelmännischer Weise mit Artigkeit zurückzuziehn. Endlich nahm er wahr, daß Ifingers Augen die seinen suchten; halb verlegen, halb vorwurfsvoll antwortete er durch einen erwidernden Blick: »Sie sehen, wie es steht!«

»Ich sage Ihnen also meinen verbindlichsten Dank«, schnarrte er dann dem unglücklichen Maler zu, der mit ganz verzerrtem, drohendem Gesicht dem Landschafter nachstierte. »Ihre Schöpfungen sind sowohl figürlich wie landschaftlich – – sowohl figürlich wie landschaftlich sind sie interessant. Allerdings nicht in der Richtung, die ich – – nicht in meiner Richtung. Nun, daran wird Ihnen nicht viel liegen; andre werden Ihnen desto unbedingter zustimmen. Ich wünsche Ihnen den besten Erfolg. Wünsche Ihnen den besten Erfolg!«

Er bewegte seinen Hut gegen Kircher, als achtungsvollen Abschiedsgruß; machte auch gegen die andern eine leichte Bewegung und ging rasch zur Tür. Dort stand Ifinger, als wolle er den Baron noch aufhalten; aus Mitleid mit Kircher war er gleichfalls blaß geworden. Pillnitz gab ihm aber geschwind die Hand und zog sie dann rasch wieder zurück; » non, jamais! jamais!« sagte er leise, aber entschieden, und drückte auf die Türschnalle. Mit ein paar Schritten verschwand er. Hinter ihm kam der Landschafter, hinter diesem Nämlich. Einer folgte hurtig dem andern, und die Tür fiel zu.

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