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Hermann Ifinger

Adolf Wilbrandt: Hermann Ifinger - Kapitel 12
Quellenangabe
authorAdolf Wilbrandt
titleHermann Ifinger
publisherVolksverband der Bücherfreunde Wegweiser-Verlag G. m. b. H.
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170608
projectid8ddab11e
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XI

Nämlich, der fleißige, saß am zweiten Morgen nach diesem Abend in seinem Atelier vor der Staffelei, schon lange tätig, aber noch nicht müde, obwohl die Sonne fast schon im Mittag stand. Er summte gern bei der Arbeit; so sang er jetzt die Melodie der »Letzten Rose«, als bliese er auf dem Horn. Sein rötliches Gesicht strahlte vor Vergnügen; Malen an sich machte ihn glücklich, und zudem hatte er heut' zum tausendstenmal das Gefühl, nun endlich auf dem rechten Wege zu sein. Als Hermann Ifinger bei ihm eintrat und sein »Guten Morgen« brummte, nickte er ihm nur zu, blies seine Melodie zu Ende; dann stand er auf, ging ihm mit wagrechtem Malstock wie mit ausgestrecktem Zeigefinger entgegen, nahm ihn bei der Hand und zog ihn vor die Staffelei. Ein triumphierendes Lächeln begleitete diese stumme Handlung.

»Ich wollte sehn, was meine Iphigenie macht«, sagte Ifinger, seine Brille putzend, denn es regnete draußen. Gleich darauf fiel ihm ein, daß er seinen Entschluß, durch Ankauf der »Iphigenie« zu büßen, bis heute verschwiegen hatte. »Ihre Iphigenie«, setzte er, sich verbessernd, hinzu. »Das heißt, ich habe die Absicht –«

Nämlich ließ ihn jedoch nicht ausreden; er deutete mit dem Malstock auf die Leinwand, die auf der Staffelei stand, und stieß ein schmetterndes, siegreiches Lachen aus. »Setzen Sie nur die Brille gefälligst wieder auf, Doktor!« nahm er dann das Wort. »Dann sehn Sie, was die Iphigenie macht. Mit der geschehn wunderbare Dinge!«

Ifinger sah hin. Die junge Griechin aus Dresden stand nicht mehr unten an den Stufen, sie war quer über das Bild in den tiefsten Schatten der hohen Bäume gegangen und nur noch einige Zentimeter vom Rand entfernt. Sonst hatte sie sich wenig verändert; nur ihre Nase, als Fortsetzung der Stirn, war furchtbar griechisch geworden. Sie hob wie früher einen Fuß, als wolle sie weitergehn, und blickte in die Ferne.

»Nämlich mir ist ein guter Gedanke gekommen«, fuhr der Maler fort, nachdem er sich eine Weile an Ifingers Erstaunen geweidet hatte. »Eigentlich zuerst den andern; besonders dem Erhart; dem fällt ja am meisten ein. Er sprach sehr gescheit; – übrigens auch der Anton Kircher; denn die Bilder der andern malt er ja vortrefflich! – Die beiden hatten recht; natürlich. Sie muß nach links, in den Schatten. Goethe sagt's ja auch ... ›Heraus in eure Schatten, rege Wipfel‹ ... Und dann überhaupt. So prätentiös in der Mitte, so mathematisch, wie mit dem Zollstab gemessen, das ist architektonisch, aber nicht malerisch. Weg mit ihr nach links! Da steht sie nun prächtig; was? – Sie kommt aus dem Tempel, sie geht träumerisch und etwas beklommen langsam die Stufen herunter, sie wandelt bis in den Schatten der ›regen Wipfel‹, will noch weiter gehn: da hält das ›schaudernde Gefühl‹ sie fest, und indem noch der Fuß sich hebt – der rechte da –, bleibt sie stehn. Grade noch zur rechten Zeit: denn sonst wär' sie fort. Das macht sich gut; wie? Originell! – Übrigens ein furchtbar komischer Gedanke, daß sie beinahe fort wäre; ein Iphigeniebild ohne Iphigenie. Wenn einer aus Unsinn das machte ... Schauderhaft dumm – aber ich muß lachen!«

Nämlich lachte herzlich. Ifinger lächelte mit. »Will doch abwarten,« dachte dieser, »was aus meiner Iphigenie wird, eh ich als Käufer antrete. Bin neugierig, wo sie bleibt! – Gekauft wird sie jedenfalls, ob sie bleibt oder nicht ...«

Ein paar laut werdende Stimmen, die von links durch die Mauer hereindrangen, rissen ihn aus seinen Gedanken. In dem anstoßenden Atelier, dem Kircherschen, schien sich ein Streit zu erheben: man hörte Anton Kirchers tragischen Bariton, Ifinger glaubte auch die weiche, helle Stimme der Porzelläne zu vernehmen. Es überfiel ihn eine plötzliche Unruhe; Vorstellungen aus einem unsinnigen Traum tauchten in ihm auf, den er an diesem Morgen von der Porzelläne geträumt und dann scheinbar vergessen hatte. Er horchte eine Weile; bald war wieder Stille. Der Traum zuckte aber noch in seinem Hirn, wie ein Wetterleuchten. »Guten Morgen«, sagte er in seiner raschen Weise, die keinem der Maler mehr auffiel, und ging aus der Tür.

Er klopfte nebenan; Kircher rief laut »Herein«. Als Ifinger öffnete, sah er sogleich, daß er recht gehört hatte: das schöne Mädchen, das er seit jenem Ankauf von Ampeln und Eierbechern noch nicht wiedergesehn, stand neben der Staffelei ihres malenden Bruders; das Licht aus dem hohen Fenster flutete über die blonden Wellen und über die eine Hälfte ihres blassen Gesichts. Auch ihm, dem Kurzsichtigen, fiel sofort ihre Blässe ins Auge. Sie schien aber schwach zu erröten, als er eintrat, ja sogar leicht zu erzittern; nach einer kurzen Erwiderung seines Grußes trat sie unter das Fenster, in den tiefen Schatten.

»Wo bleibt Ihr Baron?« fragte Kircher, offenbar erregt. Die Frage sollte scherzhaft klingen, kam aber hart und fast wie ein Vorwurf heraus. »Sie wollten ihn ja zu Ihren Malerfreunden führen. Na, ich bin doch auch einer!«

»Wir kommen bald«, erwiderte Ifinger; »nur noch ein bißchen Geduld. Der Baron hat außer diesem neuen Raptus noch seine alten Bücher und seine junge Frau ... Darf man fragen, was dem Fräulein fehlt? Sie sehen so – leidend aus –«

»Sonst wär' sie ja auch um diese Stunde nicht hier«, fiel ihm der Maler ins Wort, der sich vor Unmut mit der großen, knochigen Hand durch das lange Haar fuhr, »plötzlich wird sie mir elend; gestern den ganzen Tag im Bett, läßt sich gar nicht sehn; auch heut' bleibt sie liegen – schwänzt in ihrem Geschäft – – plötzlich steht sie hier. Hat keine Ruhe zu Hause, wie sie sagt, sieht aber aus wie – na, Sie sehn ja, wie!«

»Ich bitte dich, sei still«, sagte das Mädchen mit schwacher, beinahe heiserer Stimme. Sie bewegte die Schultern, wie wenn man ihr körperlich weh täte. »Ich bin wirklich elend –«

»Nu, das weiß ich ja!« rief Kircher aus, sie vor Kummer fast anschreiend. »Das macht mich ja so wild; ich kann es nicht vertragen, wenn dir etwas fehlt! Das Leben ist so schon schwer; nun kommst du mir auch noch. Ich ringe ja mit der Flut wie einer, der ertrinken will; – ach was, laß mich reden, der Doktor da weiß genug, der kennt meinen Zustand. Ich male und male, und keiner kauft's! Dieser Baron Pillnitz ist meine letzte Hoffnung ... Und nun steh' ich hier eben und male wie verrückt, eine neue ›Idee‹ – für den Ideenbaron –, da kommt dieses Mädel, das still im Bett liegen sollte, wie 'ne Nachtwandlerin, will mir etwas sagen ... Was will sie mir sagen? Wir sollten doch von hier fortgehn – gleich – in unsre Heimat, da hinten am Rhein. Ich sage: bist du verrückt? Was soll ich am Rhein? Da fängt sie von ›Aussichten‹ an ... Was für Aussichten? Auf irgendeine Stellung, die sie da haben könnte – 'ne bessere als hier – und hier taugt's ihr nicht mehr, hier hat sie's zu schwer, hier will sie nun fort ... Ja, ja, ja, so spricht sie. Und mit dem Gesicht – daß mir übel und weh wird –, denn ich bin ja kein Mensch mehr, wenn dem Mädel was fehlt; hab' ja nichts als die Schwester. Aber, Herr, meine Kunst! Wo bleibt meine Kunst!«

»Guter Anton, du sollst ja auch – –« fing das Mädchen an. Der Bruder ließ sie aber nicht ausreden; »was soll ich am Rhein?« rief er wieder aus. »Ich kann in Rom, in Paris, in München malen, aber doch nicht da hinten am Rhein!« – Plötzlich legte er dann Pinsel und Palette weg, lief auf die Schwester zu und umarmte sie; er küßte sie nicht, aber er drückte sie mit dem linken Arm so heftig an sich, daß sie das Gesicht verzog, und fuhr ihr mit der rechten Hand über Haar und Gesicht. »Frauenzimmer! Frauenzimmer!« sagte er, mit seiner Weichheit kämpfend, »werd' mir nicht krank, zum Teufel; und red' mir doch nicht von Fortgehn – jetzt, jetzt doch nicht – das ist ja verrückt! Ich steh' vor der Entscheidung; du hörst ja. Der Baron! Der Baron! Von all meinen Bildern da wird ihm doch was gefallen; ich hab' ja doch Schwung, Stil, Größe, Phantasie – hab' ja doch ›Ideen‹! – Schau, die Vorsehung, diese alte Eule, die oft nur so in den Tag hineinblinzelt, jetzt hat sie da in der Brienner Straße diesen Baron entdeckt, hat sich mit ihrem göttlichen Humor gesagt: den nehm' ich als ›Werkzeug‹ – der soll dem Anton Kircher seine Eckensteher abkaufen – und der Doktor Ifinger, der grade auch nichts zu tun hat, soll ihm dabei helfen. Nur muß die gute Milli Kircher auch so lange ihr kleines niedliches Maul halten – nicht vom Fortgehn sprechen. Und nicht elend werden. Ihrem Bruder keine Sorgen machen. Er hat schon genug!«

Mit einem erzwungenen, aufgeregten Lächeln strich er ihr wieder über die etwas verwirrten Locken und das runde Gesicht. Die Porzelläne sah ihn liebevoll an und lächelte ebenfalls; Ifinger bemerkte aber, mit beklommenem Erstaunen, daß über ihre erheiterten Wangen ein paar Tränen liefen. Im nächsten Augenblick stürmte Nämlich herein, ohne anzuklopfen. Fast ohne Atem vor Aufregung stieß er nur die Worte heraus: »Nämlich der Baron ist da!«

»Wo ist er?« fragte Kircher, der die Schwester losließ. Nämlich zeigte nach oben, mit Finger, Schulter und Kopf.

»Beim Erhart?«

»Nein, beim Leo Falk. Mit der Spanierin. Leo soll sie malen. Ich war oben; ein schönes Weib. Das heißt, so was Kleines, Eidechsiges, Sonderbares ... Gehst du nicht hinauf?«

»Ob ich hinaufgehe!« rief Kircher aus. Er fuhr in einen besseren Rock, zerrte an seiner Krawatte und warf mit ein paar »genialen« Handbewegungen die dunklen Strähnen von seinen Ohren zurück. Gleich darauf war er draußen. Nämlich lief ihm nach, die Tür flog hinter ihm zu.

»Wollen Sie nicht auch –?« fragte Hermann Ifinger etwas unsicher und schwer, da die Porzelläne stehenblieb, ohne sich zu rühren.

»Was soll ich da oben?« murmelte sie. Ihre Stimme war fast ebenso tonlos wie vorhin. »Bitte, gehn Sie nur! Lassen Sie mich nur!«

»Ich? Wohin soll ich gehn?«

»Nun, hinauf«, antwortete sie. »Zu Ihrem Baron. Zu der Spanierin.«

»Mir eilt es nicht«, sagte er bewegt, noch zu scherzen suchend. »Ich komme ja eben erst aus Spanien ... Liebes, gutes Fräulein! Es bekommt mir merkwürdig schlecht, wenn ich Sie blaß und – angegriffen sehe. Kann man Ihnen nicht auf irgendeine Weise helfen? Kann man nichts für Sie tun?«

»Was wollten Sie –?« fragte sie zurück. Sie gewann ihrem müden Gesicht ein Lächeln ab, das sogleich wieder verging. Bei einem flüchtigen, scheuen Blick auf Ifinger nahm sie einen Ausdruck von Mitleid wahr, der sie zu erschrecken schien. Sie trat einen Schritt zurück und suchte nach ihrem Hut, den sie abgelegt hatte.

»Fräulein Milli!« sagte er auf einmal in ganz verändertem Ton – es kam so über ihn – und trat auf sie zu. Er fühlte, daß ihn dieses blasse, verhärmte Mädchen unwiderstehlich anzog; ihm war, als müsse er wenigstens eine ihrer Hände fassen. Um so mehr fuhr er zusammen, als sie bei seiner Annäherung eine Art von Schrei hervorstieß, der wie ein heiserer Seufzer verklang. Sie streckte wie abwehrend beide Hände vor, obwohl er schon stehenblieb, und schüttelte heftig den Kopf.

»Bitte, bitte!« stammelte sie dann und nahm ihren Hut vom Tisch. »Gehn Sie hinauf! Gehn Sie hinauf!« – Sie war totenblaß, ihre Augen hatten fast keine Farbe mehr; wenigstens schien's ihm so. »Mein Kopf!« murmelte sie dann noch, ohne ihn anzusehn, und legte eine Hand an die Stirn. In der andern hielt sie den Hut, sie setzte ihn nicht auf. An Ifinger vorbei, der bestürzt zurücktrat, schwankte sie hinaus und warf die Tür wieder ins Schloß.

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