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Hermann Ifinger

Adolf Wilbrandt: Hermann Ifinger - Kapitel 11
Quellenangabe
authorAdolf Wilbrandt
titleHermann Ifinger
publisherVolksverband der Bücherfreunde Wegweiser-Verlag G. m. b. H.
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170608
projectid8ddab11e
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In einem leichten Überwurf, das Strohhütchen auf dem Kopf, stand das Mädchen da; sie hatte in verhaltener innerer Bewegung den Hals zur Seite geneigt, und um den sanften, zärtlichen Mund lag ein gerührtes Lächeln. »Nu ja freilich, ich bin's!« sagte sie gar lieb und gut. »Ich wollte den Bruder abholen, er war schon fort; an Ihrem Fenster hatt' ich aber Licht gesehen, – vielleicht sind sie oben, dacht' ich ... Nein, dummes Zeug; das dacht' ich eigentlich nicht. Ich wollte Ihnen sagen – – ich hab' Sie ja noch nicht gesehn. Leo! Was für ein Bild!«

»Was für ein Bild?«

»Wie können Sie noch fragen. Ihr ›Frühling‹. Gestern war ich im Kunstverein – zweimal – hätt' Ihnen so gern mein Entzücken, meine Verrücktheit – – aber Sie waren nicht da. Abends konnt' ich nicht. Schreiben mocht' ich nicht. Darum mußt' ich doch endlich heute ... Oh, wie dank' ich Ihnen. Da haben Sie meine Hand!«

Er nahm ihre weiche, warme Hand, die rechte (sie war ohne Handschuh), betrachtete sie und zog sie langsam an seine bärtigen Lippen. »Danken? wofür?« fragte er dann.

»Daß Sie das Bild wirklich am Samstag vollendet haben; – ich hab's nicht geglaubt. Und dann, daß Sie – daß Sie so ein Göttermann sind –«

»Jetzt geben Sie gefälligst Ruh'! – Wie kamen Sie denn so plötzlich herein?«

Sie lächelte allerliebst. »Ihnen könnt' man ja alles forttragen, ohne daß Sie's merken! Ich stand eine Weile vor Ihrer Tür, es war hier so still, so still; aber ich sah die Helligkeit durch das Schlüsselloch. Na, Sie wissen ja, wie es heißt: ›neugierig bin ich nicht, aber ich muß alles wissen‹; ich dachte: was treibt er denn so am späten Abend? Und plötzlich vergaß ich anzuklopfen und trat leise ein. Der Meister Leo Falk, der bemerkte nichts. Der malte ruhig weiter, während ich allmählich herankam ... Was haben Sie denn noch gemalt?«

»Das will ich Ihnen zeigen; kommen Sie her, Porzelläne.« – Er fasste sie am Arm und führte sie vor die Staffelei. – »Was sehn Sie da?«

»Nu – allerlei – aber ich versteh's noch nicht. – Eine Landschaft soll's offenbar nicht werden, sondern ein Frauenzimmer –«

»Das haben Sie erraten, Milli. Und weiter erraten Sie nichts?«

»Leo!« rief sie auf einmal aus, da sie ein ungewohntes schelmisches Spiel um seine Augen sah und einen treuherzig guten Blick. »Mein Bild?«

»Nun ja; das sollen Sie werden; hab's erst angefangen. Ich wollt's eigentlich noch etwas weitertreiben, eh ich's Ihnen zeigte; das Kostüm ist da, ein paar Photographien von Ihnen auch ... Aber nun sind Sie einmal hier, nun mal' ich nach Ihnen. Werfen Sie Ihren elenden Strohdeckel in die Ecke, machen Sie sich zurecht!«

»Ich Ihnen jetzt sitzen, Leo? Ich muß ja nach Hause. Wollt' Ihnen ja nur sagen, wie glücklich ich bin, daß Ihr ›Frühling‹ so gefällt, so bewundert wird; und was in der ›Allgemeinen Zeitung‹ steht – ich hab's ja eben gelesen. Mir sind die Augen naß geworden, Leo; ich geh' nun so stolz herum! Sie sind durchgedrungen; vor Ihnen beugt sich nun die Welt – und wird sich noch tiefer, immer tiefer beugen –«

Ihre Augen feuchteten sich wieder, vor liebevoller Bewunderung legte sie die Hände ineinander. Sie sprach auch nicht weiter; als werde nun die Welt alles weitere sagen, als habe sie's nicht mehr nötig. Leo erwiderte nichts, er sah sie nur kritisch an und nahm ihr den Hut vom Kopf. Dann zog er ihr den Überwurf langsam und zart von den Schultern.

»Ach, ich muß ja fort!« seufzte sie.

»Unsinn; kein Gedanke. Was Sie heut' noch tun wollten, nu, das tun Sie morgen. Ich freu' mich ja so, Milli ... Ich hatt' schon gestern und heut' gedacht: ob denn die Milli nicht kommt, mir ein Wort zu sagen? Wir sind ja doch alte Freunde; was? Ihr kleines Rosengesicht ist ja das Liebste, was ich heute sehe. Nun geht der Tag noch gut aus ... Das Haus ist leer, und es kommt kein Mensch mehr. Aus dem Bild soll was werden, Milli!«

»Ach, das glaub' ich, Leo. Aber wenn ich auch bleiben wollt' – das wird ja ein Kostümbild, seh' ich. Wie kann ich Ihnen dazu sitzen, so im Arbeitskittel?«

Leo griff nach einem Tisch, der neben der Staffelei stand, und nahm einen großen, schön geschwungenen Hut, mit Straußfedern geschmückt, und ein etwas verworrenes, faltiges Gewandstück, dessen Farben leuchteten. »Da schauen Sie her«, sagte er vergnügt. »Wie ich Ihnen damals schon sagte: so im kleinen als Brustbild, soll's ähnlich werden, wie dem Rubens seine zweite Frau, die Helene Fourment, auf dem großen Bild in der Pinakothek. Ihre blonde Perücke ist wie dazu geschaffen, und auch Ihre komischen Augen, mit den Regenbogen darüber, werden fein herausschauen. Ich hab' Ihnen das Gewand heimlich machen lassen – nach Ihrer Jacke von damals, wissen Sie, von dem Maskenfest – und hab's so weit verballhornen lassen, wie die moderne Zimperlichkeit es verlangt. Jetzt werden Sie darin gemalt, und dann erlauben Sie mir, daß ich's Ihnen schenke!«

»Leo!« sagte sie gerührt. »Das haben Sie getan, so in aller Heimtückigkeit und Stille? O wie sind Sie gut!«

»Reden Sie doch keinen Unsinn; ich bin gar nicht gut, ich hab's nur getan, weil mir's Spaß macht. Also schauen Sie her!« – Er faßte das Gewandstück an den Schulterteilen, die Porzelläne sah nun die weiten Ärmel mit den feinen Krausen und das oben befestigte, schleierähnliche Tuch, das, vom Busen ausgehend, über den Rücken fiel. Weibliche Freude verklärte ihr Gesicht. »Also da soll ich hinein?« fragte sie und lachte plötzlich leise, wie ein Kind.

»Freilich; und den Hut sollen Sie aufsetzen. Oder sind Sie eigensinnig? Wollen Sie nicht?«

»O doch, doch, ich will. Heute alles, Leo!« – Sie nahm die Sachen und ging hinter die spanische Wand. Er hörte sie dort leise singen, während die Kleider rauschten; gar unschuldig, fast noch kindlich klang ihre kleine, angenehme Stimme. Bald saß er wieder, malte und horchte; und wunderte sich, wie sonderbar wohl ihr Gesang ihm tat, wie es in seinem Blut, seiner Haut, seiner Seele mitzusummen anfing. Als sie dann hervortrat, starrte er sie eine Weile wortlos an. Unter dem grauen Hut, dessen Federn wallten, erschien ihr Gesicht noch stattlicher, holder, malerischer, als er erwartet hatte. Der Hals, bis zum Busen frei, von den zarten und lebhaften Farben der Gewandstücke eingefaßt, von den blonden Locken geliebkost, wuchs mit großer Anmut, und so freudig leuchtend, aus der verhüllten Gestalt hervor. Die Porzelläne hielt seinen Blick eine Weile aus, lächelte beklommen.

»Nun? Hab' ich was nicht recht gemacht?« fragte sie endlich.

»Alles recht«, sagte er scheinbar ruhig, wie an seinen Dreifuß angewachsen. »Es ist nur unerlaubt, Milli, wie gut Sie ausschauen. Sie sind ja seit damals noch viel schöner geworden.«

Sie ward rot und noch schöner. »Ach, das glaub' ich nicht«, antwortete sie, ihre Locken schüttelnd. »Aber, denken Sie, die Unterlippe, die ist wieder aufgesprungen; ebenso wie damals.«

»Lassen Sie sie doch, das steht ihr gut, gibt ihr mehr Charakter. Sie sollen mir heut' – – Lassen Sie mich sie küssen, Milli!«

»Wen? Meine Unterlippe?«

»Ja. Tun Sie mir heut' einmal was zuliebe, Milli. Zeigen Sie mir's, daß Sie mir gut sind, geben Sie mir einen Kuß!«

»Ach, mein guter Leo,« sagte das Mädchen, ohne sich zu zieren, vielmehr mit einer drolligen Wehmut in dem weichen Gesicht, »ich fiel' Ihnen ja gern um den Hals, an diesem Ihrem Ehrentag, unserm Freudentag, und gäb' Ihnen einen rechtschaffenen Kuß. Aber dann wollen Sie mehr – wie es immer ist. Man kennt euch ja; leider. Sie machen schon wieder solche Augen wie damals, als Sie mein erstes Bild malten; als Sie plötzlich so wild wurden, weil ich Ihnen den Kuß nicht gab, und meinem Ebenbild mit dem Pinsel ritsch! über den Hals fuhren, daß ein schwarzbrauner Streifen – – Wissen Sie das nicht mehr?«

»O ja«, murmelte er. »Aber woher wissen Sie, daß ich damals mehr gewollt hätt'?«

»Ich kann ja doch sehen und hören«, erwiderte sie sanft, mit einem freundlichen Lächeln, das ihn offenbar entschuldigen sollte. Nur ihn heut' nicht kränken!

»Na ja, und wenn's damals so war – dieselbe Dummheit macht man nicht zweimal; man macht immer andre. Aber wie Sie wollen ...«

Er griff wieder zu Pinseln und Palette, deutete mit dem Kopf nach dem Stuhl, auf dem sie niedersitzen sollte, und ging an sein Werk. Es entstand eine etwas beklommene Stille; die gute Porzelläne saß, holte tief und lange Atem, aber möglichst leise, und zupfte an den Ärmelkrausen, als säßen sie noch nicht recht. Sie horchte auf das sanfte Geräusch, wenn der Pinsel über die Leinwand ging, und warf zuweilen einen Blick auf den »schwarzen Zauberer«, der in seine Arbeit versank, der sein Gegenüber nur noch mit den lernenden Augen des Malers zu umfassen schien. »O du dummer Mann,« dachte sie, »wie gern tät' ich dir heut' so recht was Großes zuliebe; so, daß du genug hättest ... Ich bin so ein Nichts gegen dich, möcht' dir gern was sein; bin so stolz auf dich ... Aber mal' nur, mal' nur. So ist's gut. So ist's besser!«

Es drängte sie aber doch, ihr volles Herz zu erleichtern, das in so eifrigem Ticktack schlug, das sie hämmern fühlte. Was sie vorhin gelesen hatte, über den schönen jungen »Meister« da, stand ihr wieder vor Augen; sie lächelte und sprach vor sich hin, über ihr feines Gewand streichend. »Eine neue Schönheitsoffenbarung ...« murmelte sie.

Leo blickte auf; er hatte nicht verstanden, was sie sagte, wollte fragen, blieb aber still. Nach einer Weile fing ihre leise, halb singende Stimme wieder an: »Und so predigt uns dieses Bild, was jedes predigen sollte: Schönheit! Schönheit! Schönheit!«

»Kind, was reden Sie da?« fragte er nun, die Hand mit dem Pinsel hebend. »Deklamieren Sie?«

»Ach nein. Lassen Sie mich nur. Es war aus der Kritik, in der Zeitung –«

»Sie sind komisch, Milli!«

Plötzlich stand er auf. Die kleine Gestalt dehnte sich, sie schien zu wachsen; ein langer, lauter Atemzug spannte ihm die Brust. Er legte Palette und Pinsel neben sich auf den Tisch. »Das ist doch ein Unsinn«, sagte er mehr zu sich als zu ihr. »Man wird rein zur Ameise ... An so einem Abend so dasitzen, wenn das Leben doch selbst einmal einen Abschnitt macht; und wenn das Glück leibhaftig ins Haus kommt – als so ein liebes, redendes Mädel –«

Sich ihr völlig zuwendend, mit überraschender Zärtlichkeit in den schwarzen Augen, setzte er hinzu: »Ich hab' ja niemand so lieb wie Sie, Milli!«

Das Mädchen erschrak fast mehr, als sie Freude fühlte. Eine unbestimmte, schwüle Ahnung von Unglück schien über sie zu kommen ... »Was ist Ihnen?« fragte sie. »Was wollen Sie denn?«

»Nicht so langweilig dasitzen, neben so einer schönen, stilvollen Person. Ich schäm' mich ja vor Ihnen, in dem Samtkittel da. Ein bissel malerischer könnt' ich doch auch ausschauen, wenn ich auch nicht schön bin; wir könnten doch so beieinandersitzen, daß man sich vor dem Herrn Schöpfer nicht zu schämen braucht. Ich will aus diesem verfluchten Jahrhundert heraus ...«

Er ging hinter die spanische Wand, in deren Nähe auch ein großer, alter, schön geschnitzter Schrank stand, mit allerlei Kostümstücken gefüllt. Die Porzelläne hörte, wie er die knarrende Schranktür öffnete und unter seinen suchenden Händen Samt und Seide und Leinwand zu rauschen und zu knistern begannen.

»Nein, nein, nein!« sagte sie hastig, sie wusste selbst nicht, warum. »Ich muss ja doch fort!«

»Wollen Sie mich ärgern, Milli?« rief er hinter der spanischen Wand. »Sie versäumen nichts. Es ist noch so früh. Wollen Sie mir meinen Geburtstag denn nicht feiern helfen?«

»Ihren Geburtstag? Ist denn heut' Ihr Geburtstag?« fragte sie erstaunt.

»Nu ja; Sie zwingen mir's ja heraus, mit Ihrem ewigen ›Ich muss fort‹. Ich hab' ihn verschwiegen, wie immer, das Anfeiern mag ich nicht ... Aber Sie, Milli Kircher, wenn Sie mir Gesellschaft leisten, das wär' doch noch was. Wir zwei allein auf der Welt ... Wenn Ihnen das aber nicht recht ist, nun, dann gehn Sie fort!«

»Nein, ich bleib' hier«, antwortete sie leise. Das war zu viel auf einmal für ihr weiches Herz: sein berauschender »Frühling«, sein Erfolg, sein Ruhm, das heimlich begonnene Bild, das Kostüm – sie trug es – und nun sein Geburtstag. Ein Tag, von dem niemand wußte als sie; ihr war, als legte sich ein schöner Schleier um Leo und sie und drängte sie zusammen. So alte Freunde, dachte sie; alte Kameraden ... Schon als halbreifes Kind hatte sie ihn bei ihrem Bruder gesehn; er stand ihr wieder so vor Augen, ein schmächtiger Jüngling, zwei glühende Kohlen in dem blaßgelben Gesicht. Immer war er ihr gut gewesen, beinahe brüderlich gut; obgleich sie nichts war, und er immer mehr und mehr. Und es machte ihn nun glücklich, mit ihr diesen Tag zu feiern ... Sie war aufgestanden, in dem etwas entfernten Spiegel sah sie einen Teil ihrer Gestalt. Sie beugte sich nach links, um sich ganz zu sehn; dann ging sie leise vorwärts, auf ihr Spiegelbild zu, wie um das Undeutliche näher zu befragen: »Bist du schön genug? Kannst du ihm gefallen?« – Sie lächelte verwundert, zufrieden: so weit das Kostüm hinabreichte, war sie wie ein Bild; Helene Fourment war vielleicht nicht schöner ... Bald sah sie nicht mehr so klar; mehr wie im Traum. Ihre Augen hatten sich getrübt; war es Rührung? Rausch? ein unbestimmt trauriges Gefühl? – Sie hörte Schritte; das Schicksal kam gegangen ...

»Ah!« rief sie plötzlich mit schwacher Stimme. Das Bild im Spiegel hatte sich verdoppelt; neben dem blonden Fräulein stand ein schwarzer Mann, auch wie aus Rubens' Zeit, im schöngeschwungenen, verzierten Hut, in weichem Spitzenkragen, kunstreich gezeichnetem Wams mit glatten Ärmeln. In träumerischem Staunen mußte sie doch lächeln: er war wie sie nur oben verschönt, unten steckte er noch in dem »verfluchten Jahrhundert«. »Wir sind nicht mehr lebendig, Milli«, hörte sie ihn sagen; »wir sind aus einem Bild herausgestiegen, wir zwei miteinander. 's ist halt nur ein Brustbild!«

»Ja«, antwortete sie; und verwunderte sich über ihre Stimme. Er lächelte ihrem Spiegelbild zu; sie dem seinen, mühsam. Seine Hand legte sich sanft auf ihre Schulter; sie ward ihr aber wunderbar schwer, es war ihr, als sänke sie unter dieser Hand hinweg, in die Erde hinein. Bald sah sie sich und Leo nicht mehr; neben seiner Schulter ging sie, immer leise schwankend, und fürchtete zu fallen. Dann saß sie auf dem Sofa, ein kleiner schwarzer Tisch stand vor ihr, auf dem in einer Schale Früchte leuchteten, Pfirsiche und »Marillen« oder Aprikosen. »Nehmen Sie,« sagte Leo, »anders hab' ich nichts. Es war auch etwas Wein und Likör da; der ist ausgetrunken. Wir machen es wie Adam und Eva und essen die guten Früchte im Paradies!«

»Ja«, sagte sie. Ihre beiden Stimmen klangen ihr wie im Traum. Es war auch etwas Wein und Likör da, wiederholte sie in Gedanken; der ist ausgetrunken ... Sie nahm einen Pfirsich, biß in ihn hinein; er duftete so geistig; wie aus einer schöneren Welt, wie aus dem »Paradies«. Leo lag jetzt zu ihren Füßen, seine altertümliche Laute im Arm, die sie kannte; diese und jene einfache Melodie vermochte er darauf zu spielen. Seine schwarzen Augen blickten zu ihr auf, seine Hände begannen das »Tandaradei« des Walter von der Vogelweide, in der Hornsteinschen Weise, die so schön und rein jenen Zeiten nachklingt. Langsam die Augen schließend, hörte sie und lauschte. Ihr zitterten die feuchten Wimpern ...

»Ich bin glücklich, Milli!« sagte er zu ihr hinauf, als die Laute still ward. Sie wollte etwas erwidern, doch sie konnte nicht; sie legte nur eine Hand auf sein weiches Haar, das sich um ihre Finger krauste und lockte. Von seinem Scheitel stieg es ihr so warm in die kühle Hand, sie zog sie zurück; er aber faßte sie. »Wir sind aus einem Bild herausgestiegen, Milli«, wiederholte er leise; »was gehn uns die Menschen an. Was gehn wir die Menschen an ... Lassen Sie mir die Hand. Warum zucken Sie? Irgend so ein alter Meister hat uns gemalt, wir stehn in seinem Bild ewig nebeneinander, ohne uns zu rühren; – jetzt haben wir eine Stunde zum Leben – dann wieder in den Rahmen zurück. Lassen Sie uns diese eine Stunde leben, Milli. Seien wir glücklich, Milli. Ich bin Ihnen so gut!«

Sie schwieg. Nur ihr Atem ging. Das Gas summte leise. Ein schauerndes Frösteln lief über Milli hin; ihre Hände waren kalt, ihre Füße froren; aber vom Herzen zum Kopf stiegen heiße Wellen hinauf, eine nach der andern. »Leo!« murmelte sie endlich. »Sie wissen ja, es ist nicht so. Wir sind auf der Welt, sind Menschen ...«

»Aber heut' in einem Märchen, Milli!« hörte sie ihn wieder sprechen, leise wie vorhin. »Wir haben keine Namen, wir sind irgendwer; leben in der Kunst – für die Schönheit ... Einen glücklichen Tag, Milli! Ich weiß noch wenig vom Glück, mein Leben war nicht leicht; eine harte Jugend ... Nun fühl' ich endlich einmal, wie das ist, wenn man über das Leben hinfliegt; und Sie, Sie fliegen mit mir, mein liebster Mensch, mein ›guter Kamerad‹. Milli! Gute Milli!«

Er hielt immer noch ihre Hand. Ihr war's wunderbar: als gingen seine Worte nicht durchs Ohr zu ihr, sondern durch seine Hand, in einem leisen Strom, der in ihr emporstieg. In ihrem träumenden Kopf tönten sie dann wieder. Dazwischen hörte sie einen Vers, er kam wie von ferne:

»Bin arm und werd' als Unvermählte sterben ...«

Plötzlich begann sie zu seufzen, zu schluchzen; dann sah sie aber sein ernstes, zärtliches, fragendes Antlitz, nahe vor dem ihren, und lächelte ihn an. »Leo!« flüsterte sie. Sie wollte ihm noch etwas Gutes sagen, aber die Lippen zitterten nur. Ach, meine Unterlippe, dachte sie, als sie auf der leise erbebenden nun die seine fühlte. Sie widerstrebte nicht mehr; sie fühlte nur, daß die Arme des »Meisters« sie umschlangen und daß die Porzelläne ihn glücklich machen sollte ...

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