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Herbstfäden

Otto von Leixner: Herbstfäden - Kapitel 8
Quellenangabe
authorOtto von Leixner
titleHerbstfäden
publisherVerlag von Otto Janke
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170428
projectid74c435a0
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»Wunschzettel.«

Eine Weihnachtsplauderei.

Da standen nun die zwei kleinen Menschenkinder vor dem Vater, hinter sich die leise lächelnde Mutter.

Der ältere, ein achteinhalbjähriger Junge hielt an der Linken das fünfjährige Brüderchen fest und reichte mit der Rechten dem Vater zwei Papierstreifen.

»Hier, lieber Papa,« sagte er, »ist mein Wunschzettel für Weihnachten und der andere ist der vom Maxl. Ich habe ihm die Hand geführt, er ist ja noch so dumm und kann nicht mal schreiben. Nicht wahr, Du bist noch dumm, Makkele?«

Der Kleine nickte nur, von der Wahrheit der Worte tief überzeugt, der Vater aber setzte das ernsthafteste Gesicht von der Welt auf und nahm die Zettel in Empfang.

Der erste war mit allem Aufwand von Schönschreibekunst geschrieben, wenn auch auf schiefen Zeilen, der andere aber zeigte deutlich, daß ein Hinkender dem Lahmen Führer gewesen sei.

»Nun wir wollen sehen: ‹Liebes Christkind! Bringe mir eine Trommel, Geschichtsbuch, Schreibhefte, Eisenbahn, Maurerpinsel.› Maurerpinsel? Was willst Du denn damit?«

»Anstreichen natürlich. Wozu braucht man ihn denn sonst?« entgegnete der Aeltere. »Es ist so hübsch, das Anstreichen.«

»Ich zweifle, daß Dir das Christkind so etwas bringen werde,« bemerkte der Vater und las dann weiter: »‹Und für meinen Bruder ein Pistol und ein Steckenpferd und Bilderbücher und eine Peitsche für das Pferd.› Das sind ja bescheidene Wünsche, aber wozu braucht denn der Max eine Pistole?«

»Nun, wir spielen Schlacht. Ich bin der Deutsche und er ist der Franzose, und ich siege dann immer.«

»So? Auch wenn Dein Bruder die Pistole hat?«

»Das schadet nichts, Papa, da leiht er sie mir ganz einfach.«

Der Vater unterdrückte ein Lächeln und sagte:

»Das sind ja sehr gemütliche Verhältnisse. Uebrigens glaube ich auch nicht, daß das Christkind eine Pistole bringen wird.«

»Aber warum nicht? Das ist ihm doch gleich, wofür er das Geld ausgiebt.«

»Ja, das ist ihm gleich, wofür er das Geld ausgiebt,« sprach der Kleine getreulich nach.

»Doch nicht, Nesthäkchen,« warf die Mutter ein. »Was habe ich Dir erzählt, daß das Christkind, als es auf der Erde gelebt hat, den Menschen predigte?«

»Mama,« ließ sich der Aeltere wieder in belehrendem Tone hören, »ein Kind kann gar nicht predigen.«

»Ich meinte doch natürlich, als es groß war,« verbesserte sich die Mutter.

»Dann aber,« fuhr der Hartnäckige fort, »dann ist's kein Kind mehr, sondern der Herr Jesus.«

»Nun gut, Du Streithans. Also was hat er gesagt, Maxl?«

»Daß nur die braven Kinder etwas zu Weihnachten bekommen.«

»Ja, aber er hat noch etwas gesagt: Daß – alle – Menschen – nun?«

»Daß alle Menschen – ja, ich weiß schon, daß alle Menschen sich lieb haben sollen.«

»Wenn sie sich aber nun todtschlagen mit Pistolen, haben sie sich dann noch lieb?«

»Nein, dann sind sie bös auf einander. Das dürfen sie aber nicht. Das ist schlecht, nicht wahr?«

»Gewiß. Da kannst Du Dir dann doch denken, daß das gute Christkind nichts schenken wird, womit man sich todtmacht.«

»Ja,« erwiderte der Kleine nachdenklich, »da giebt es schon lieber Medizin.«

»Medizin?« fragten erstaunt die Eltern wie aus einem Munde.

Der Putzewacker schien gekränkt.

»Aber ja, die Medizin macht ja doch lebendig!«

Das laute Lachen verstimmte ihn ein wenig, aber die Mutter setzte sich und nahm ihn auf den Schoß: »Sei nur ruhig, wir haben Dich ja nicht ausgelacht. Was willst Du anstatt der Pistole?«

Nesthäkchen blickte nachdenklich nieder und spielte dabei mit den Fingern.

»Was ich will? Aber der Papa muß es dann auch aufschreiben, nicht wahr?«

»Ja, gewiß, ich schreib's auf. Nun – was denn?«

»Ich weiß nicht.«

»Wie dumm Du heute bist,« bemerkte der Aeltere, »es giebt doch so viel: Karre.«

»Nein, keine Karre.«

»Eine Schaukel, einen Frachtwagen –«

»Ja, ja,« jubelte er, »einen Frachtwagen. Weißt Du, Mama, wie in Berlin, wo die Fässer hinunterrollen. Aber,« fügte er bedenklich hinzu, »kann denn das Christkind so was Schweres auch tragen? Tut es sich dabei nicht weh?«

»Nein,« beruhigte ihn der Vater. »Ich werde also den Frachtwagen mit dem Blaustift aufschreiben. Siehst Du – jetzt steht es da. Und nun lege ich die beiden Wunschzettel hier auf meinen Schreibtisch unter den Beschwerstein, und wenn ich morgen komme, hat sie Rupprecht geholt. Der sammelt alle Bestellungen ein.«

»Nicht wahr, das ist ein guter Mann?« fragte der Kleine.

»Ja, gegen gute Kinder.«

Der Bruder hatte bei Erwähnung des Knechts Rupprecht ein zweifelndes Gesicht gemacht und erklärte nun:

»Ich glaube nicht, daß der die Zettel holt. Du versteckst sie nur, Papa.«

»Fällt mir nicht ein, mein Junge.«

Der sichere Ton der Abwehr befremdete ihn doch ein wenig und er schien nachzusinnen.

»Dann schreiben also auch die Großen Wunschzettel?«

»Gewiß.«

»Du und Mama auch?«

»Natürlich. Zuerst werden die Wunschzettel immer größer und länger, so bis zum fünfundzwanzigsten Jahre etwa. Jährlich schreibt man etwas Neues hinzu –«

»Mit dem Blaustift, Papa?« unterbrach der Kleine fragend den Sprecher.

»Das ist gleichgültig: es kann auch mit Tinte geschehen. Also da schreibt man immer wieder Neues, alles Mögliche, was Ihr noch gar nicht versteht. Und jährlich, wenn der Rupprecht kommt, dann schüttelt er mit dem Kopf und läßt den Wunschzettel liegen.«

»Das ist aber ein böser Mann, nicht wahr?« fragte das Nesthäkchen. »Zankt ihn denn das Christkind nicht aus?«

»Nein, es will es genau so haben und bringt jährlich nur eine Kleinigkeit, oft aber gar nichts.«

»Da muß man sich doch ärgern!« bemerkte der Aeltere.

»Das thut man auch ganz tüchtig. Aber das ist gut. Denn da sieht man allmälig, daß es unbescheiden war, wenn man dem Christkind einen so endlos langen Wunschzettel vorgelegt hat, daß es mit dem Lesen gar nicht fertig werden konnte.«

»Papa, hast Du auch so lange Zettel geschrieben?«

»Ja, Junge, sehr lange.«

»Und die Mama auch?«

»Gewiß, sehr, sehr lange Zettel.«

Aber wie macht man sie dann kürzer?«

»Das ist ganz leicht, Kind,« antwortete lächelnd der Vater. »Man nimmt eine sehr große Scheere –«

»Aha, eine Papierscheere, wie Du eine hast,« warf der Kleine ein.

»Ganz richtig, eine Papierscheere. Und dann –«

»Ich weiß, ich weiß,« fiel der Aeltere fast schreiend in das Wort, »ich weiß jetzt wie man's macht.«

»Nun?«

»Man schneidet jedes Jahr von dem langen Wunschzettel ein Stückchen ab, damit sich das Christkind weniger ärgert.«

»Du bist ein sehr kluger Junge, man schneidet ab, bis zuletzt ein ganz kleines Zettelchen übrig bleibt.«

»Und was für Spielsachen stehen noch darauf, Papa?«

»Gar keine mehr. Nur Dinge, welche Du noch gar nicht verstehst. Jetzt aber geht – Eure Zettel werde ich besorgen.«

Die Knaben stürmten hinaus. Die Mutter aber legte die Hand auf die Schulter des Gatten und blickte ihm tief in die Augen.

»Darf ich raten, was auf Deinem Zettelchen übriggeblieben ist?«

»Nach dem Deinigen wohl?«

Sie nickte.

»Genügsamkeit.«

»Stimmt.«

»Frieden in sich und im Hause.«

»Genau dasselbe. Und drittens?«

»Erträgliche Gesundheit; viertens: die Fähigkeit, mit den Menschen sich zu freuen und mit ihnen zu leiden und zuletzt: unerschütterliches Vertrauen zu Ihm, den wir kindlich Vater nennen. Stimmt es?«

»Ja liebes Weib: das sind die letzten Reste des langen Wunschzettels. Und ich schreibe nichts mehr dazu. Habe ich das, dann schließt ja jeder Tag bis zum allerletzten mit einem stillen Weihnachtsabend und das eigentliche Fest wird uns doppelt heilig und freudebringend sein. Und dächten recht, recht viele so, dann könnte wohl das Wort zur Wahrheit werden: Ehre Gott in der Höhe und Frieden den Menschen auf Erden.«

*

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