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Herbstfäden

Otto von Leixner: Herbstfäden - Kapitel 7
Quellenangabe
authorOtto von Leixner
titleHerbstfäden
publisherVerlag von Otto Janke
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170428
projectid74c435a0
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»Laß' fließen!«

Der altgriechische Weltweise, Heraklit der Ephesier, hat als den Urbeweggrund der Welt das Werden bezeichnet: alles ist und ist doch wieder nicht mehr, was es ist, weil es sich im ewigen Flusse befindet. »???Ð?íôá ?å?« = »Alles fließt« lautete deshalb einer seiner Lehrsprüche. Ich will nicht darüber mich ergehen, ob und wie weit der Satz richtig sei, sondern nur einige Gedanken daran knüpfen, welche dem Alltagsleben entnommen sind.

Jede tiefere Erregung der Seele, mag sie als Schmerz oder Lust empfunden werden, trübt das klare Urteil. Das Ich giebt sich dem Gefühle hin, versenkt sich in das Leid oder die Freude und so gewinnen die mit beiden verknüpften Vorstellungen immer mehr an Festigkeit. Es scheint uns in solchen Stimmungen, als trüge Beides in sich die Gewähr der Dauer, als sei der Schmerz unvergänglich, als könne die Lust nicht enden.

Gar viele Menschen klostern sich dann in ihr Gefühl ein; blind für den Wandel, welcher sich in der äußeren Welt der Dinge gesetzmäßig vollzieht, beschäftigt sich ihre Einbildungskraft damit, das Augenblickliche zum Dauernden zu gestalten. Sie wühlen in ihren Wunden, träufeln Gift statt Balsam hinein und gelangen nicht selten dahin, in künstlich genährtem Leide zu schwelgen.

Der Mensch sieht nun Welt und Leben durch das Auge der Seele – das körperliche Auge ist nur ein Werkzeug des geistigen. Aber das Schauen des Letzteren wird bestimmt durch den Gesammtzustand der Seele, durch deren Stimmung. Darum sieht der Mensch sich selber in das Leben hinein und faßt oft nur das auf, was seiner düsteren Stimmung entgegenkommt, weil es ihr verwandt ist. Der strahlende Himmel, welcher sich leicht auf die blühende Frühlingswelt stützt, wird nicht in seinem heitern Glanze in die Seele aufgenommen, sondern diese breitet gleichsam über den Schimmer einen verhüllenden Schleier. Und so strömt die Leidesstimmung auf alle Dinge und Menschen hinaus und fälscht das Bild der Welt, fälscht das Urteil über sie und das Leben.

Dieselbe Fälschung kann von jeder einseitigen Stimmung aus vor sich gehen. Das Ich beharrt dann eben dem »Fließenden« gegenüber in seiner Selbstsucht und verliert dadurch langsamer oder schneller die Fähigkeit, in sich die Vernunft walten zu lassen. Je leidenschaftlicher dann der Mensch ist, desto weniger wird er vermögen, zu unterscheiden, was in seinen Vorstellungen Abbild der Welt und des Lebens sei und was er selber in Liebe oder Haß dazugegeben habe. So ist's dann möglich, daß er selbst die edle That eines Feindes für eine schlechte hält und der schlechten eines Freundes edle Beweggründe unterschiebt.

Wenn Jemand nun sich selbst zu erziehen trachtet, wird er allmälig zu der Erkenntniß gelangen, daß seine Vorstellung von der Außenwelt reinigungsbedürftig sei, daß Alles, was das begehrende Ich dazu giebt, entfernt werden müsse. Aber von der Einsicht zum Handeln ist ein sehr großer Schritt.

Alles, was wir vom äußeren Leben hoffen, wie immer es auch mit den Jahren wechseln mag, besteht in solchen Vorstellungen, welche durch unsere Selbstsucht gefälscht sind und denen wir Dauer zuschreiben, so lange das Ziel noch nicht erreicht ist. Nach der griechischen Sage konnten die »Schatten« der Todten belebt werden, wenn man ihnen Blut zu trinken gab. Die Vorstellungen äußeren Glücks sind auch Schatten, welche wahrhaft zu leben scheinen, wenn man sie mit dem Blute des leidenschaftlich begehrenden Herzens nährt. Genuß, Besitz, Ehren, Ruhm und wie diese Trugbilder heißen mögen, sind Vorstellungen, welche von der Selbstsucht und der Einbildungskraft erzeugt werden: sie sind etwas, weil wir sie für etwas halten – und gar oft nur, weil die Andern es tun; sie werden für uns ein Wirkliches, Unveränderliches, von welchem wir darum auch bleibende Befriedigung erwarten.

Aber während wir ringen in heißem Verlangen, fließt Alles; es fließt, ohne daß wir es wissen, in uns, es fließt außer uns. Kommt dann die Stunde der Erfüllung, sind wir nicht mehr die Alten und meinen nun, das Erreichte habe sich geändert. Also das war der Genuß, welcher uns verlockt hat? Das sind die Ehren? Das der Ruhm? So spricht die Seele zu sich, je heißer sie gewünscht, desto unbefriedigter. Die Einen fallen dann als Opfer der Täuschung in Verbitterung. Andere aber ringen weiter; immer von Neuem schafft sich ihr Begehren ein Ziel außer sich und im Glücksaberglauben hoffen sie, daß diesem die Eigenschaft, dauernd befriedigen zu können, innewohne. Zerflattert dann auch dieses Ziel, dann sind gar viele nicht mehr fähig, in sich die Quelle der Täuschung zu suchen und zu finden, sondern beschuldigen Menschen und Gott als Urheber dessen, was eben nur Selbstbetrug ist.

Aber noch thörichter sind wir oft vielen, vielen Leiden und Unannehmlichkeiten des Lebens gegenüber. Worüber kränken und grämen wir uns, wie viel Kleines, ja Erbärmliches lassen wir Herr über uns werden!

Auch hier beleben wir Schatten und geben ihnen in der Vorstellung Dauer, statt sie zerfließen zu lassen. Ich kannte eine Frau – deren giebt es viele – welche sich erniedrigt und beleidigt dünkte, wenn in einer Gesellschaft eine Andere mehr Geist entfaltete, als sie. Tagelang trug sie den Stachel in sich und drückte ihn tiefer und tiefer hinein. Andere Menschen erregen sich über jeden schiefen Blick, welcher vielleicht nicht einmal ihnen gegolten hat, über die Meinungen der Welt derartig, daß sie darüber die Ruhe des Geistes einbüßen. Was sind aber diese Dinge anders als Schatten, welche als Vorstellung geboren von uns in die Welt verkörpert werden? »Laß fließen!« sagt die Lebensweisheit, »all das ist ja in sich bestandlos, ein Nebel, welcher zerrinnt, wenn ihn ein Strahl der Sonne Vernunft trifft. Wolltest Du alle diese Schatten aus Dir bannen, dann schwinden sie aus Deiner Welt – und Du hast keine andere, als die Deinige. Glaubst Du in einem Augenblick eine Enttäuschung nicht tragen zu können: lasse fließen! Sieh, es kommt der Tag, wo Du sie vergessen hast, aber es kann auch einer kommen, wo Du, über ein verlorenes äußeres Glück in dumpfem Schmerz, den Augenblick vorbeigehen läßt, ein inneres zu gewinnen. Du fühlst Dich verwundet durch die Niedrigkeit eines Menschen: laß fließen! Er geht vorbei mit ihr, denn wahrhaft bleibend ist nur das Gute. Mußt Du kämpfen, so bleibe ruhig, nicht soll Dich die Leidenschaft in den Wirbel äußeren Geschehens mitreißen. Denn gegenüber dem Strome des Lebens mußt Du in Dir ein Festes zu gewinnen suchen, welches nicht in den wechselnden Vorstellungen gründet, sondern mit dem Tiefsten Deines Geistes verwandt ist. Dieser Urgrund Deines Geistes und Gemüts, zu welchem Du niedersteigen sollst, ist Gott. In ihm allein findest Du den Ankergrund für Dein Lebensschiff. Kannst Du lieben, von ihm stammt die Liebe; hältst Du Treue dem Guten und Edlen, er ist der Treue Urquell; kannst Du barmherzig sein, von ihm kommt Dir die Gabe; wirst Du sittlich frei, nur durch ihn bist Du es geworden.«

Aber diesen Gott, den Vater des Menschengeistes und -Gemüts, ihn kannte die alte Welt nicht, nicht die Völker des Ostens, nicht Aegypter, Griechen und Hebräer. Eine in tiefstem Sinne gottgenährte Natur mußte erscheinen, ihn der Menschheit zu verkünden. Und das war Jesus Christus. Unendlich viel hat die Forschung der Geschichtsschreiber sich bemüht, die Persönlichkeit des Stifters unserer Religion so zu erklären, wie die irgend eines Künstlers, Dichters oder Weltweisen, aus den Einflüssen seiner Zeit heraus. Aber je tiefer man diese Zeit zu erkennen trachtet, desto größer und erhabener, desto mehr geheimnißvoll wird die Gestalt und desto weniger läßt sie sich gerade aus der Geistesstimmung des damaligen Judentums erklären. Tiefer als das Wesen irgend eines Menschen, welcher auf Erden gewandelt, wurzelt der Geist Christi in Gott, dem Dauernden, und darum ist seine reine Lehre auf unerschütterlichem Grunde gebaut. Mögen deren menschliche Verweser sie verunreinigen, der ewige Wahrheitsgehalt sprengt immer einmal die Hülle und leuchtet dann in doppeltem Glanze.

Langsam naht die Weihnacht, Kinderherzen klopfen, Kinderaugen glühen – und unzählbare Hände regen sich, um Liebes zu erweisen. Aber auch das Herz der Großen sollte sich eröffnen dem Segen dieser Zeit, und das Haupt jener Gedanken sich entsinnen, welche durch sie in die Erscheinung getreten sind. Was uns sonst drückt und quält, lassen wir es fließen, mögen zerflattern die schimmernden Wolken äußerlichen Glücks, welche uns täuschen, zerfließen die Nebel kleinlicher Sorgen und Kümmernisse, auf daß in unsre offnen Seelen wieder ein Strahl des Dauernden dringe, der die Hingabe an Gott in uns neu belebt und jene Liebe entzündet, welche da gesandt ist, um die Kreatur von der Selbstsucht zu erlösen. Wer diese Liebe gewonnen hat, der wird nicht mehr klagen, daß alles Aeußere schwindet, sondern im Bewußtsein dauernden Besitzes, Gottes Kind und Christi Bruder, lächelnd mit dem alten Griechen sagen: »????Üíôá ?å?« = Alles fließt – Laß es fließen!«

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