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Herbstfäden

Otto von Leixner: Herbstfäden - Kapitel 6
Quellenangabe
authorOtto von Leixner
titleHerbstfäden
publisherVerlag von Otto Janke
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170428
projectid74c435a0
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Kinder, o Kinder!

Ein heißer Tag nach vielen ebenso heißen. Matt und träge, durch ihr eigenes Licht geblendet, schleicht die Sonne am Himmel, die Bäume und Blumen lassen die Blätter schlaff niederhängen, die Luft ist mit Staub erfüllt, der sich auf alles Grüne niederläßt.

Auch der Mensch hat solche Tage, wo er auf der Straße des Lebens ermattet hinschleicht, alle Blüten des Geistes erschlafft und mit dem dicken Staub des Alltags bedeckt sind.

Es war an einem solchen, als ich frohen Kindern beim Spielen zusah. Die blonden und braunen Haare flogen, blaue und schwarze Augen blitzten, und die Wangen glühten. Glückliche Wesen! Ihr ahnt noch nichts von den bösen Tagen, welche kommen werden. Sorgenlos blüht ihr wie die Rosen; ihr genießt den Sonnenschein der Liebe, unbewußt seines Wertes. Ein leichter Regenschauer sind eure Thränen: jetzt weint ihr, daß man glauben könnte, ihr werdet den Schmerz nicht überleben im nächsten Augenblick, während noch die Tropfen über eure Wangen rieseln, beginnt um den Mund schon das Lachen zu zucken, dann bricht's aus den feuchten Augen und bald darauf schwingt sich aus euren Herzchen ein Jubelton, so froh, wie die Lerche aus dem Kornfeld – wer dann horcht, der vernimmt einen Widerklang des Jubels vom Himmel hinunter. Wahrscheinlich sind's die kleinen pausbackigen Engel, welche sich mit euch freuen. Sicherlich dämpft die weite Entfernung zwischen Erde und Himmel den Jubel, darum kommt er nur als ganz leiser Ton zu uns.

Da sitzt nicht weit von mir ein fünfjähriges blondes Bürschchen auf dem Boden. In eine große Schachtel hat es eine Unke gesetzt und mit grünen Blättern versorgt, in eine andere kleinere furchtlos eine Menge großer Raupen eingesammelt, welche nun im häßlichen Knäul durcheinanderwuseln. Nun kommt es mit beiden Schätzen heran: »Guck Papa, die lieben, netten Thierchen!«

Glückliches Kind! Du liebst noch Alles: die Käfer und Vögel, schöne Schmetterlinge und widerliche Raupen, kleine Blumen und alle, alle Menschen. Nichts ist, worauf dein blaues Auge nicht mit Liebe ruhte. Glückliches Kind, du weises Kind! Das Leben wird dich lehren, gehaßt zu sein und zu hassen und vielleicht erst nach unsäglichem Leid, nach vielen, vielen Schmerzen wirst du als reifer Mann begreifen, wie weise Du warst, da du, ein Kind noch, Alles liebtest.

Und ein anderer Knabe schwingt einen Holzspeer und schleudert ihn nach einem Pflock. Unternehmend blitzen die Augen, der geschmeidige Körper ist von Leben geschwellt. Jetzt hat er das Ziel getroffen: aus dem Munde bricht ein jubelnder Schrei, ein Flammenblick des Siegsgefühls aus den Augen, als hätte er eine Welt erobert. Wilder Knabe, auch du wirst oft im Leben das Ziel verfehlen und vielleicht niemals jenes Gefühl wieder genießen, welches jetzt deine Brust schwellt!

Und so war's überall, wohin ich den Blick lenkte: Freude, Genuß des Augenblicks! Wohl wußte ich, daß es thöricht sei sich in die Kindheit zurückzuwünschen, ja unwürdig des Mannes, aber dennoch stieg plötzlich in mir die brennende Sehnsucht auf nach jenen sonnigen Tagen. Mir war's, als müßte ich dann alles Erlebte vergessen, die Leiden, welche in der Hülle der Freude sich zu uns schleichen, und auch jene, welche als bittre Schale das tiefste Glück des Lebens umschließen.

Da plötzlich kam es gar seltsam über mich. Was um mich war schien zu verschweben in Nichts; das Wesenlose um mich theilte sich: links lagerte traurige Dämmerung, rechts beglückendes Licht. Dort aber, wo beide zusammenstießen und sich mischten, trat plötzlich eine hohe Mannesgestalt hervor: auf der Stirne lagerte tiefer Lebensernst und viele Falten sprachen von Leiden ohne Zahl, jedoch um den milden Mund zuckte ein Lächeln siegender Heiterkeit und in den Augen schienen Ernst und Freude seltsam gemischt, die Blicke waren verschleiert, aber aus den Tiefen derselben brachen sonnige Strahlen. Ehe ich noch die Erscheinung recht erfaßt hatte, sagte sie zu mir: »Dein Wunsch ist ein überflüssiger. Ich will Dich begaben, daß Du schauen kannst in die Seelen, dann soll Dir offenbar werden, daß kein Unterschied ist zwischen Euch »Reifen« – der Mund lächelte bei dem Worte – »und den Kindern.« Und plötzlich schien es mir, als streife eine weiche, leichte Hand meine Stirne. Mir von den Lippen flog die Frage: »Wer bist Du, wohlthätiger Geist?« – »Ich bin der Humor.« Und schon war er verschwunden, um mich wogten Licht und Dämmerung ineinander, dann schwand Alles und wieder lag die Welt vor mir wie sonst.

Als ich aber nun in das Treiben der Menschen trat, wie seltsam erschien es mir! Wo ich Menschen erblickte, mochten sie nun alt oder jung sein, da sah ich nichts als Kindergesichter vor mir. Da war Einer, welcher keinen heißeren Wunsch hatte, als einen Orden zu bekommen. Endlich ward die Sehnsucht erfüllt und eines Tages erschien der Postbote mit einem »eingeschriebenen« Päckchen, welches ein seideausgeschlagenes Kästchen mit einem funkelnden Ritterkreuz enthielt. Sofort warf sich der Glückliche in seinen schwarzen Rock und befestigte daran Band und Orden, schritt im Zimmer stolz umher, streichelte das Kreuzchen und fühlte sich unendlich glücklich – mit seinem Spielzeug, andere aber, die es nicht hatten, ärgerten sich. Kinder hier – ein Kind dort!

Eine junge Frau weint herzbrechend in sich hinein. Welches schwere Leid mag sie getroffen haben? Ein sehr schweres! Sie hatte sich unendlich auf ihr neues Sommerkleid gefreut. Es war angekommen, aber vorne hatte es einige Falten und die »Taille« war zu weit. Nun sollte sie den beabsichtigten Ausflug im alten Kleide machen! O, das Schicksal vergällt ihr jede Freude! Da will sie lieber zu Hause bleiben, statt sich dem Gespötts der Freundinnen auszusetzen. Wieder fliehen die bitteren Thränen – o Kind – großes Kind!

»Ich kann Dir den neuen Hut nicht kaufen, er ist zu theuer,« spricht ein Gatte zu seiner Frau. »Du bist ein Geizhals, Du liebst mich nicht mehr!« antwortet sie und beginnt zu weinen. Immer heftiger werden Rede und Gegenrede, der Mann ergreift seinen Hut und stürzt aus dem Hause, sie bleibt zurück und verdammt in ihrer Erregung die Stunde, wo sie diesen Mann geheiratet hat. Du Kind!

Ein reicher Geizhals sperrt sich in sein Zimmer ein, denn er will seinen Gottesdienst abhalten. Auf einen Tisch mit einer Marmorplatte schüttet er Säckchen mit Goldstücken aus. Dann zählt er sie, schichtet sie bald so, dann so wieder vor sich auf, streichelt die blinkenden Häufchen, so zärtlich wie eine Mutter das Seidenhaar ihres Lieblings, und seine Augen leuchten über dem glänzenden Spielzeug, wie die des Kindes, welches mit bunten Kieseln spielt und sie bewacht, wie einen Schatz.

Wieder ein Anderer: er will bekannt, genannt sein von aller Welt. Hundert Vereinen gehört er als Mitglied des Vorstands an, jeden Abend spricht er sich heiser, hier bald, bald dort; er sucht in allen Zeitungen nach seinem Namen und hält sich für verkannt, wenn er ihn nicht findet. Kann er bei einer Gelegenheit als Festordner mit buntem Bande auf der Achsel umherschwirren, dann strahlt sein Antlitz wie der volle Mond, aber griesgrämig, ja wild kann er werden, wenn seine Eitelkeit die kleinste Niederlage erleidet. O ihr Kinder!

Ein junger Dichter, »Naturalist« von reinstem, oder unreinstem Wasser. »Nur was man sieht, ist Stoff der Kunst,« so sagt er und schildert die unmöglichsten Vorkommnisse als »Studien nach der Natur.« Jeden Zug habe er »beobachtet«, der »Wirklichkeit abgelauscht«, nicht wie die andern »konventionellen« Dichter aus der Luft gegriffen. Dabei ist der Jüngling so kurzsichtig, daß er seinen besten Freund auf zwei Schritte nicht erkennt, daß er überhaupt nichts »beobachten« kann. Kind aller Kinder!

Und die leidenschaftlichen Sammler von Münzen, Büchern, Dosen, Uhren, Bierseideln, Uniformknöpfen, Theaterzetteln – Kinder, nichts als Kinder!

Und die Pferdenarren, Hundeliebhaber, die Leute, welche sich als »Menschen« nur fühlen, wenn sie im anliegenden Wamms keuchend und schweißbedeckt rudern oder auf dem Zweirad fahren; die Andern, welche jährlich in Kniehosen und mit langen Stöcken mindestens ein Dutzend Berggipfel besteigen; die Reisefexe, welche von Land zu Land stürmen – Kinder, große Kinder!

Und dort der bekannte Abgeordnete. Hunderttausendmal hat er dieselben bewährten Wortbomben losgelassen, dieselben Witze gemacht, dieselbe platte Weisheit zum Besten gegeben: aber sein Mund wird nicht müde, seine Lunge erlahmt nicht. Und die Zuhörer lachen bei denselben Witzen seit Jahren, seit Jahren klatschen sie wütend bei denselben Kraftstellen. Und er lächelt, bewußt seiner Bedeutung für Volk, Menschheit und Weltall und seine Verehrer halten ihn für einen großen Mann, er selbst hält sich für den größten. Kind ist er, Kinder seine Verehrer!

Und jene Frau mit den scharfen Zügen und der lauten Stimme, Sie will die ganze Welt verändern. Im engeren Kreise schwärmt sie für den Freistaat, für den Atheismus, für unbedingte Selbstbestimmung; in Frauenversammlungen gießt sich die Schale des Zornes aus über Alles, was da ist. Sie gehört zu den Besitzenden, aber die Sozialdemokratie ist ihr Leitbild; sie trägt kostbare Mäntel und Kleider und verdammt den Luxus; sie ißt sich täglich mehrmals satt und wiegelt die Hungernden auf; sie schimpft darüber, daß die Eisenbahnen noch vier Abteilungen haben, fährt aber doch stets zweiter Klasse.

Und eine Andere: eine alte, bitterböse Jungfer. Sie hat heiraten wollen, aber wegen ihrer Schärfe keinen Mann gefunden. So stieg der Haß gegen das andere Geschlecht von Jahr zu Jahr: »das gemeinste, verächtlichste Geschöpf ist der Mann; er ist die Wurzel aller Uebel, aller Ungerechtigkeit, aller Sittenverderbniß. Seit Jahrtausenden knechtet er das Weib, hat ihm stets jede geistige Arbeit verwehren wollen, weil er es fürchtet.« Und wenn sie in einer Frauenversammlung sprach, dann war Alles an ihr Haß. Die Haare sträubten sich, die Bänder des Huts ringelten sich schlangengleich, aus dem Munde zuckten die Worte wie Dolche und die Augen sprühten Gift – o, du altes Kind!

Ein berühmter Schauspieler. Er war einst einer der schönsten Liebhaber der deutschen Bühne – einst, aber er kann die Zeit nicht vergessen, wo das weibliche Geschlecht, von der Näherin bis zur Fürstin, für ihn schwärmte, trotzdem er nur mehr »alte Elegants« spielt. Er trägt blondes, falsches Haar, zu üppigen Locken gekräuselt, er schminkt sich ein wenig und schwärzt die Augenbrauen. Jedem jungen weiblichen Wesen wirft er Blicke zu – er meint sie seien feurig, aber sie sind nur mehr komisch. Abends ist er ganz müde von der Arbeit, jung scheinen zu wollen, und dennoch tänzelt er am nächsten Tage wieder. Ein drolliges Kind!

Der berühmte Professor. Eigentlich hat er die Welt erschaffen. Er weiß Alles: wie die Gedanken in Hirnzellen werden, ja eigentlich solche sind; wie die Atome tanzen, sich einen oder trennen; wie die Sterne sich gebildet. Alles führt er auf mechanische Bewegung zurück, nur seine eigenen Gedanken hält er für Offenbarung. Wer mit ihm übereinstimmt, ist ein geistreicher Gelehrter, wer es nicht thut, ein Dummkopf. Alles was seine Weltanschauung stören könnte, erklärt er als Unsinn und Betrug. Ueber den Anspruch des Papstes, unfehlbar zu sein » ex kathedra«, lächelt er spöttisch, er aber ist unfehlbar auf seinem Lehrstuhl und wehe dem, der das bestreitet: er donnerte ihn mit Grobheiten bis in den tiefsten Höllengrund – ein sehr komisches Kind!

Dort ein sozialdemokratischer Führer, nach dem neuesten Schnitt gekleidet, sehr ehrgeizig, sehr vermögend. Er predigt Gleichheit, und will herrschen; er bekämpft die ungerechte Verteilung des Besitzes und lebt von den Vorteilen derselben; er fordert höhere Lohnsätze und zahlt selbst schlecht: findet den Unternehmergewinn zu groß, und verzichtet selbst nicht auf ihn. Er lebt als Widerspruch von Widersprüchen – ein gefährliches Kind, denn es spielt mit dem Feuer.

Und die Schwärmer, welche den Staat der Zukunft für möglich halten, sowie sie sich ihn ins Blaue hinein erdacht und die Schaaren der Gläubigen, welche denselben glauben – Kinder, Kinder!

Was aber anderes sind Jene, welche die Sittlichkeit der Menschen auf die bloße Selbstsucht begründen wollen und glauben, daß diese Ordnungen schaffen könne? Gedankenlose Kinder! Und die Leugner des Geistigen? Thörichte Kinder.

Wohin ich blicke, seit mich die Erscheinung verzaubert hat, erscheint mir die Erde als eine Kleinkinderbewahranstalt und ich muß lächeln, wenn ich höre, daß man vom »Weltalter des Geistes«, von der »mannhaft« gewordenen Menschheit spricht. Die alten Kinderschuhe sind ausgezogen, aber was sind die neuen? Auch Kinderschuhe, nur mit etwas höheren Absätzen.

Vielleicht gleitet, lieber Leser, jetzt über Dein Antlitz ein leises, spöttisches Lächeln und Du sagst im Geiste zu mir: »Du aber hältst Dich wohl für erwachsen?«

Nun, ich will Dir darauf offen antworten. Wäre jener Geist damals nicht bei mir gewesen, dann würde ich vielleicht zu mir sprechen: »Was Du da geschrieben hast, ist sehr weise und sehr wahr.« So jedoch lächle ich und spreche zu mir selbst: »Und wenn Du glaubst, mit Deinen Worten auch nur Einen zu überzeugen, daß er Kind sei, so bist Du selbst das allergrößte.« Im Geheimen nun habe ich diesen unsinnigen Gedanken wirklich. Den Schluß magst Du Leser nun selber ziehen, und kannst dabei in Beziehung auf mich denken: »Nun, einem Kinde kann man manches verzeihen!« Indem Du jedoch so denkst, fühlst Du Dich selbst als vollkommen reif, und hast damit verraten, daß auch in Dir das Kind steckt. Betrübe Dich nicht, denn wir sind alle noch Kinder – und das ist der Humor von der Sache.

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