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Herbstfäden

Otto von Leixner: Herbstfäden - Kapitel 5
Quellenangabe
authorOtto von Leixner
titleHerbstfäden
publisherVerlag von Otto Janke
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170428
projectid74c435a0
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Geselligkeit und Gesellschaftelei.

Ein Zwiegespräch.

Ort. Das Arbeitszimmer eines Schriftstellers.
Personen. Mein Freund und ich.

Ich. Setze Dich hierher auf das kleine Sopha in meinen Schmollwinkel.

D. Fr. ( setzt sich.) Schmollwinkel? hält Dir hier etwa Deine Frau Gardinenpredigten?

Ich. Nein, das besorgt sie, wo sie meiner gerade habhaft wird. Aber ich pflege mich hierher zu setzen, wenn ich mich in welt- und menschenfeindlicher Stimmung befinde. Dann verfluche ich den Kerl, welcher die Schriftstellerei erfunden hat, die Menschen, welche durchaus etwas lesen wollen, auch wenn mir nichts einfallen will – nun kurz, ich schimpfe so lange in mich hinein, bis ich wieder in gute Laune komme und über mich selbst lachen kann. Daher der Name Schmollwinkel.

D. Fr. Es sitzt sich ganz gemütlich da. Nur Eins fehlt noch –

Ich. Natürlich. Das Giftkraut. Hier hast Du Cigarren und Feuer. Du kannst die Beine ganz hinauflegen – das Sopha ist daran gewöhnt.

D. Fr. ( zündet die Cigarre an, hüllt sich in Wolken und zieht die Beine hinauf.) Ganz sardanapalisch! Ich habe es auch nötig, denn ich bin sehr müde.

Ich. Hast Du denn jetzt so viel Kranke?

D. Fr. Leider nein! Es herrscht ein unheimlich guter Gesundheitszustand bei meinen Kunden. Aber ich war gestern bei dem Geheimen Sanitätsrath B. eingeladen und bin erst um drei Uhr zu Bette gekommen.

Ich. Nun, wie war's denn?

D. Fr. Einfach scheußlich! Das musterhafte Abendbrod, welches anderthalb Stunden dauerte, ist der einzige Lichtblick gewesen.

Ich. Ein Lichtblick von anderthalb Stunden, das ist immerhin eine große Gunst des Schicksals.

D. Fr. Kommt auf die Tischnachbarinnen an. Ich saß aber zwischen einer alten Excellenz, welche dichtet, und der zweiten Haustochter, die sich aus Mangel an vernünftiger Arbeit mit Philosophie beschäftigt. Ich bin von rechts mit Urteilen über Ebers, Dahn, Wolf, Bodenstedt und Friederike Kempner begossen worden und von links her theilte mir Frl. Amalie ihre höchst merkwürdigen Anschauungen über Zeit und Raum mit. Da ich nach beiden Seiten stets nur meine unbedingte Zustimmung aussprach, so haben mich beide Damen für ungewöhnlich geistreich gehalten. Vor und nach dem Essen hat man Kunst herumgereicht. Gegen neun Uhr wurde zuerst das Klavier wahnsinnig: ein langhaariger und langfingriger Jüngling, welcher mir als tausenderster Lieblingsschüler Liszts bezeichnet wurde, wütete eine Rhapsodie, dann sangen die zwei Jüngsten des Hauses Duette, dann trug eine jüngere Dame ein Gedicht von Wildenbruch vor – schlecht natürlich, denn sie giebt Unterricht in der Deklamation. Indessen theilten die Zuhörer ihre Kraft zwischen zwei Beschäftigungen: einen süßen Mund zu machen und den Gähnkrampf zu unterdrücken. Wahre Galeerensklavenarbeit! Es ist noch ein Glück, daß die Damen Fächer und wir Mannsbilder Klapphüte tragen.

Ich. Wieso?

D. Fr. Da kann man doch zuweilen ungenirt gähnen und dann sein Gesicht wieder in gesellschaftsmäßige Falten legen. Einige von den Herren drückten sich in den kleinen Salons herum oder putzten unermüdlich ihre Zwicker; andere stierten geistesabwesend in das farbige Futter ihrer Klapphüte und wieder andere standen in interessantester Stellung an den Thürpfosten und kokettirten nach einer Erbtochter. Es war ein halbes Dutzend davon da – aus »ost- und westlichem Gelände« – Sarahs und Chrimhilds; alle mit entsetzlichen Auswüchsen an der rückwärtigen Façade und ausgeschnitten, daß ein Dragonerwachtmeister das Erröten hätte lernen können. Nach dem Essen ging wieder die Kunst los und erst, als so ziemlich alle zum Sterben gelangweilt aussahen, trennte man sich und sagte der Hausfrau, dem Hausherrn, den Haustöchtern, Haussöhnen und dem Hauskater, es sei ein köstlicher Abend gewesen. Auf der Treppe und auf der Straße konnte man aber manches »Gott sei Dank, das ist nun auch überstanden!« hören. Und diese Plage nennt sich Geselligkeit!

Ich. Nein – Gesellschaftelei.

D. Fr. Schön ist das Wort gerade nicht.

Ich. Nein, aber bezeichnend. Wir sind mit unserer Geselligkeit heruntergekommen, weil die Zusammenkünfte zum bloßen »Eitelkeitsmarkt« geworden sind. Man stellt aus: Kunst und Kunstspielerei, Schmuck und schöne Kleider, die glänzende Wohnung und den Speisezettel, zuweilen Wissen und Witz. Wenn man's hat, übertrumpft man den Andern mit theureren Kleidern, mit einer schöneren Figur, mit besseren Weinen, Speisen oder Witzen. Jeder will eben äußerlich eine Rolle spielen und wird, wenn seine persönliche Eitelkeit nicht auf die Rechnung kommt, steif, langweilig und oft recht unliebenswürdig. Wir haben die rechte »gesellige« Bildung verloren, sind der Gesellschaften überdrüssig, aber so sehr an sie gewöhnt, daß wir doch wieder hingehen.

D. Fr. Was nennst Du eigentlich, »gesellige« Bildung?

Ich. Zunächst den Takt des Gastgebers und der Gäste. Heute wollen die Meisten recht viele Menschen um sich sehen. Wer's es auf hundert Gäste bringt, hält sich für geselliger, als jener, der nur fünfzig zusammentrommeln kann. Dabei wird aber auf die Eigenart der Einzelnen keine Rücksicht genommen. Die Zahl ist oft alles. Aber diese Ueberzahl tödtet auch die Geselligkeit, sie zwingt zum bloßen Zusammenkommen, gestattet keinen Anschluß, selten ein anregendes Gespräch. So verflacht der gesellige Geist immer mehr. Es ist aber meiner Ansicht nach auch taktlos von den Gastgebern, wenn sie Menschen, die für Musik, Vorträge u. s. w. keine Theilnahme haben, mit denjenigen, welche diese besitzen, in einen Topf werfen, und ebenso taktlos ist's, die Menschen zu zwingen, mehre Stunden lang bei einem endlosen Abendessen still zu sitzen.

D. Fr. Du hast aber auch die Gäste erwähnt.

Ich. Gewiß. Ich halte auch diese zumeist für taktlos. Wer mit Anmaßung lange Stücke in einer so großen Gesellschaft spielt, mit dem Singen oder Deklamiren nicht aufhören kann; wer für seine Witze oder, für seinen Rang, für seine Toilette oder Schönheit allgemein Aufmerksamkeit beansprucht – alle diese entbehren echten Takt, weil sie dadurch Andere beleidigen, zurücksetzen.

D. Fr. Ja aber das ist einfach unvermeidlich. Wenn ich ein schönes, reiches Mädchen wäre – ich bin's Gott sei Dank nicht, denn auch solche bleiben heute oft sitzen – dann würde ich doch nicht mein Aeußeres verunstalten und mich in Mamas abgelegten Morgenrock kleiden. Und wenn ich Geist und Witz habe – Du wirst hoffentlich nicht so unbescheiden sein, mir denselben abzusprechen?

Ich. Eher sterben!

D. Fr. Nun, soll ich dann aus Nächstenliebe albern werden? Die Bemerkungen jedes halbflüggen näselnden Lieutenants anstaunen und das Geschwätz einer verbildeten »höheren Tochter«, welche Kant, Phidias, Goethe, Laplace und Darwin in einem Topf zu Schaum schlägt, geistreich finden? Wenn man sich nicht mit Witz – nenne es meinetwegen Bosheit – wappnet, dann hält man es in der Gesellschaft überhaupt nicht aus. Es ist ja im Grunde genommen die reine » Humana, comoedia.« Um die Zeit, wo die Leute schlafen sollten, füllen sie sich die Magen voll, oft mit den unverdaulichsten Gerichten; die blutarmen, engbrüstigen Mädchen tanzen in einer Luft voll Mikroben und fast ohne Sauerstoff sechs Stunden lang, sind dabei eingeschnürt, daß sie überhaupt nicht athmen können u. s. w. Ist das nicht einfach verrückt? Und da soll man noch auf das Bischen Bosheit verzichten?

Ich. Im Falle Du glaubst gegen mich zu sprechen, befindest Du Dich in einer großen Selbsttäuschung. Spricht das Alles nicht auch gegen die übliche Art der Gesellschaftelei? Und wenn Du für Dich nichts anderes von ihr gewinnst, als eine Befriedigung Deiner Spottsucht, ist das ein so großer Vortheil? Ich meinerseits finde das nicht. Es beweist mir nur, daß die heutige Geselligkeit weder zu geistiger noch zu leiblicher Erholung dient.

D. Fr. Was soll an deren Stelle treten? Willst Du das Vergnügen etwa verstaatlichen?

Ich. Das wäre noch lange nicht das Dümmste. Ich habe ja nichts gegen die Abfütterungen im großen Maßstab und gegen die Bälle einzuwenden, so lange sie als bloße »Repräsentation« aufgefaßt werden. Nur soll man nicht das, was deren Kennzeichen ausmacht, als zur Geselligkeit nöthig betrachten: Kleider- und Eßluxus und die Ueberzahl der Theilnehmer. Die echte Geselligkeit gedeiht nur auf dem Boden der Familie.

D. Fr. Na, da kann ein Junggeselle nicht theilnehmen. Er wird sofort unter dem Gesichtswinkel der Ehe betrachtet und man auskultirt mit dem Stethoskop weniger sein Herz als seinen Beutel.

Ich. Dem entkommst Du auch in der großen Gesellschaft nicht. Das ist übrigens nicht überall so. Für mich bildet das Ideal der Geselligkeit ein Kreis, welcher aus Freunden und guten Bekannten bestehend, ein gemeinsames Gespräch möglich macht. Die Teilnehmer müssen, gleichviel welchem Stande sie sonst angehören mögen, Menschen von jener Bildung sein, welche höhere Interessen kennt und anerkennt. Sie sollen so viel Weltschliff besitzen, daß sie abweichende Meinungen nicht nur dulden, sondern auch ruhig prüfen; sie können selbst streiten, dürfen aber nicht zanken. Dann gehört dazu noch ein Maß von Beweglichkeit des Geistes, denn nichts ist der Geselligkeit feindlicher, als das stundenlange Durchkneten irgend einer vielleicht rein fachlichen Frage. Zuletzt aber fordere ich, daß die Einzelnen an dem Sonderleben so viel Theilnahme haben, daß auch Persönliches ohne zu langweilen besprochen werden kann. Ernst und Heiterkeit kommen so zu ihrem Recht; Gedanken und Gefühle kommen in Bewegung, man fühlt sich erfrischt und angeregt.

D. Fr. Und die Frauen?

Ich. Gehören unbedingt dazu. Selbst wenn sie nicht alles verstehen sollten, so dient ihre Gegenwart zur Beruhigung; sind sie aber frischen Geistes und haben sie nebenbei auch noch ein Herz, so ist ihre Gegenwart unbezahlbar. Am besten ist's, wenn die Hausfrau diese Eigenschaften besitzt. Dann wird sie stets neue Anregungen geben, durch irgend eine Frage oder Bemerkung; wird durch einen Scherz das Gespräch vor Fachsimpelei bewahren und einen Brausekopf durch einige Worte beruhigen. Mir ist echte Geselligkeit ohne Frauen undenkbar.

D. Fr. Aber wenn man z. B. sehr lustig wird? Soll man dann jedes Wort zuerst unter die kritische Lupe legen?

Ich. Das ist wirklich klugen und geistreichen Frauen gegenüber nicht nötig. Zoten reißt doch ein gebildeter Mann nicht einmal unter Geschlechtsgenossen und einzelne Derbheiten verletzen nur schwindsüchtige Mondscheingemüter.

D. Fr. Schließlich braucht ja die Kunst nicht ausgeschlossen zu werden.

Ich. Gewiß nicht. Versteht Jemand gut vorzulesen, zu singen oder zu spielen, so kann das Alles zur Belebung dienen.

D. Fr. Und der Speisezettel?

Ich. Nicht mehr, als zur angenehmen Sättigung dient. Das Essen darf aber nicht die einzige Unterhaltung sein. Ich halte es für ein Zeichen der Unkultur, in welcher wir noch immer stecken, daß bei uns so viel gegessen und getrunken wird.

D. Fr. Das ist pure Bescheidenheit. Viele Leute wissen ganz genau, daß bei ihnen nichts klassisch ist, als Keller und Küche. – Na, im Ganzen ist ja Deine Ansicht nicht unrichtig.

Ich. Heirate, dann kannst Du solche fröhliche Abende im eigenen Hause geben.

D. Fr. Heiraten? Ich? Mit meinen vierzig Jahren? Dazu bin ich verdorben. Ich habe auch schon entsagt und wende mein ganzes Talent auf, um mich zum Erbonkel auszubilden. Dann kann ich mir ja eine Anzahl von Familien »halten,« in welchen Dein Ideal von Geselligkeit gepflegt wird. Offen gestanden, es sagt mir auch zu. Diese verdammte Gesellschaftelei soll –

( Es schlägt, sieben Uhr)

Sieben! Da muß ich sofort gehen.

Ich. Ich dachte, Du bliebest bei uns – zur Geselligkeit.

D. Fr. Ja leider – ich bin zu einer großen Gesellschaft geladen. Ich sehe es ein, wer einmal diesem Satan Gesellschaftelei verfallen ist, der kommt kaum mehr los

Ich. Noch einmal Alter: Heirate! Das ist das einzige Mittel frei zu werden.

D. Fr. Oder dem Teufel ganz zu verfallen. Ich will mir's, um Dir eine Freude zu machen, überlegen.

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