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Herbstfäden

Otto von Leixner: Herbstfäden - Kapitel 4
Quellenangabe
authorOtto von Leixner
titleHerbstfäden
publisherVerlag von Otto Janke
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170428
projectid74c435a0
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Höflichkeit und Wahrheitsliebe.

»Im Deutschen lügt man, wenn man höflich ist.« Diese Worte sagt der Baccalaureus im »Faust« zu Mephisto. Der Spruch enthält in beschränkten Grenzen eine unbestreitbare Wahrheit: noch heute glauben unzählbare Mitglieder unseres Volkes, daß sie durch Höflichkeit etwas an ihrer Manneswürde einbüßen und verwechseln gar oft verletzende Grobheit mit Wahrheitsliebe.

Der tiefste Grund mag wohl im Wesen des Volkes liegen, aber sicher hat die geschichtliche Entwicklung viel dazu beigetragen, diesen Keim zu pflegen und zu entfalten. Es liegt gewiß auch ein guter Zug in dieser Eigenthümlichkeit. Das mannhafte Selbstbewußtsein des Einzelnen wehrt sich dagegen durch Schein das Innere zu umhüllen; es kehrt lieber die rauhe Seite hervor, als daß es eine ihm verächtliche Schmiegsamkeit zur Schau trüge. Aber nicht immer sind es diese rühmenswerthen Eigenschaften, welche sich so äußern. Das kleinstaatliche Leben hat zu lange gedauert, als daß es nicht auch auf die Lebensformen hätte einwirken sollen. Es bildete sich der Stammesdünkel innerhalb der verschiedenfarbigen Grenzpfähle aus, und es entstand, wo keine Gegenströmung durch lebhaften Verkehr mit benachbarten Völkern vorhanden war, ein kleinstädtisches Wesen, welches mißtrauisch und abstoßend Jedem entgegentrat, der nicht zur Sippschaft gehörte. Alle anderen Völker, besonders die romanischen, waren »weltläufiger« als wir, und alle machten sich, und machen sich zum Theil noch heute, über den plumpen Deutschen lustig.

Abgeschliffen zu sein, wie eine Kugel, ist gewiß nicht wünschenswert. Je stolzer ein Mensch ist, desto mehr wird er sich sträuben, jede Ecke seines selbstgestalteten Wesens zu Gunsten eines oft nur äußeren Uebereinkommens hinzugeben. Sein Innerstes wird sich empören bei dem Gedanken, daß er der »Sitte« wegen jedes Gefühl der Nichtachtung, jede berechtigte Wallung des Zornes zurückdrängen und oft Empfindungen äußern soll, von denen sein Herz nichts weiß. Dieses zwingt ihn, für den unverdient Geschmähten das Wort zu ergreifen und über niedrige Gesinnung das Urteil unzweideutig auszusprechen. Das ist gewiß ebenso edel, als achtungswert. Es ist aber ein Irrtum, wenn man, wie es bei uns so oft geschieht, das Wesen der Höflichkeit in der Heuchelei sucht.

»Höflich« stammt wie »hübsch« von dem Worte »Hof« her, es ist also so viel als »hofmäßig«, fein, anmutig. So bezeichnet es denn ursprünglich das Benehmen der hohen Stände im Unterschiede zu jenem der niederen, der Bauern, Dörfler. Das Wort »Tölpel« aus dörpel = Bauernbengel gebildet, trägt in seiner Ableitung »tölpelhaft« noch heute die Vorstellung des unfeinen, täppischen Gebarens eingeschlossen.

So bezieht sich »höflich« in seinem Ursprung durchaus nicht auf die Gesinnung, sondern nur auf das äußere Auftreten. Es enthält den Inbegriff jener Bestimmungen des äußeren Verkehrs, welche der Hofmann beobachten mußte in Wort und Gebärde, beim Sprechen, Essen und Trinken, bei Verbeugungen vor Höheren und Seinesgleichen, im Umgang mit Frauen und Geschlechtsgenossen.

Dieses Formenwesen läßt sich seinem Ursprunge nach auf den Unterschied zwischen Herrschern und Beherrschten zurückführen. Wie und wo immer derselbe sich offenbaren möge, stets hat er die Bildung von bedeutsamen äußeren Gebärden veranlaßt, nicht nur Menschen, sondern auch Gott und Götzen gegenüber. In mannigfaltigster Art treten diese Formen überall hervor und es dürfte kaum einen Volksstamm geben, welcher sie nicht besäße; wir wissen sogar, daß bei manchen sonst ziemlich tiefstehenden »wilden« Stämmen die Höflichkeitsformeln zu einem weitschichtigen Lehrgebäude entwickelt sind.

Diese Höflichkeit verbreitet sich an jedem Orte von den Herrschenden zu den Beherrschten, und einzelne Theile, Arten des Grußes, der Anrede, der Gesprächseinleitung, des Abschieds u. s. w. werden allgemeine Sitte, deren Bruch nicht selten als schwere Beleidigung aufgefaßt wird.

Während aber bei vielen Völkern das Herkommen durch viele Jahrhunderte den gleichen Zwang ausübt und dieselben Formen bewahrt, bilden sich bei anderen in den oberen Schichten stets neue. Diese hohe »Gesellschaft« hat das Bedürfniß sich abzuscheiden, und so entstehen Wandlungen des äußeren Benehmens, sei es nun in der Art der Redewendungen oder im Gebrauch der Eßwerkzeuge u. s. w. Die meisten dieser äußeren Gebräuche sickern langsam von oben hinab und werden mit der Zeit nicht selten das Eigentum der unteren Stände erst dann, wenn sie oben schon abgeschafft sind.

So äußerlich und deshalb auch wertlos diese Formen erscheinen mögen, so prägt sich darin dennoch oft ein Geistiges aus: sie sind dann Zeichen innerer Vorgänge. Zugleich aber verbindet sich mit ihnen schon sehr früh ein sittlicher Beweggrund; sie werden das äußere Gewand, in welches sich die Achtung in ihren verschiedenen Arten kleidet.

Je mehr im Laufe der Jahrhunderte der Aufbau der mittelalterlichen Gesellschaft unterhöhlt worden ist und in Trümmer fiel, je mehr der Einzelne als solcher an Wert gewann, desto mehr Geltung erhielten auch die Formen der Höflichkeit. Sie begannen allmälig nicht mehr dem Mitglieds eines bestimmten Standes, sondern dem Menschen zu gelten. Die Bildung forderte, daß man Jedem mit Rücksicht entgegentrat, auch wenn er niedrigem Stande oder einem fremden Volke angehörte. Das Altertum kannte wohl die »Urbanität«, den feinen »städtischen Ton«, aber die Rücksicht auf den Sklaven und »Barbaren« war ihm im Allgemeinen ebenso fremd, wie dem Orient. Auch hier ist der christliche Geist mitthätig gewesen. So betrachtet wird die Höflichkeit zu einem Ausdruck der Menschlichkeit, welche auf dem Boden des allgemeinen Verkehrs die Gleichheit der Einzelnen zur Herrschaft bringt, so lange dieselben sich in den Formen der Sitte bewegen. Es kommt dabei gar nicht darauf an, daß der Einzelne jede Formel der feinsten Lebensart kenne, aber sein Benehmen muß das Gepräge derselben Rücksicht Anderen gegenüber zeigen, welche er für sich verlangt. In dieser Art verwischt die Höflichkeit die Standesgrenzen, sie fordert selbst von dem Hochgestellten, daß er Mitgliedern unterer Stände mit dieser »Achtung vor dem Menschen« entgegentrete: sie fordert vom Herrn, daß er auch im bezahlten Diener den Menschen und Bürger achte; sie bestimmt, daß selbst die abweisende Haltung noch durch Rücksichten eingedämmt sei. Noch mehr tritt der humane Theil der Höflichkeit hervor in anderen ihrer Gesetze.

Sie verlangt Achtung vor dem Alter, Zuvorkommenheit vor Frauen, vor Kranken und Schwachen; sie verbietet, daß man den Abwesenden schmähe, über körperliche Gebrechen spöttle; sie mißbilligt Hochmut und anmaßendes Benehmen, duldet nicht, daß der Einzelne seine geistigen Vorzüge in einer solchen Weise glänzen lasse, daß minder Begabte dadurch gekränkt werden; sie verlangt, daß man in Gegenwart Trauernder ernst, unter Frohen nicht mürrisch sei.

Geht man nun diesen Satzungen echter Höflichkeit auf den Grund, so wird man überrascht sein zu finden, daß sie aus einer Wurzel der Nächstenliebe sich entwickelt habe und sich wie diese in ihren Geboten und Verboten gegen die Selbstsucht wende. So wird sie zur Ethik des allgemeinen Menschenverkehrs. Sie regelt die äußeren Beziehungen der Stände und Völker nach menschlichen Gesetzen, welche mit den in Gott wurzelnden der Religion zusammenhängen, und darum erscheint sie als ein untrügliches Kennzeichen echter Herzensbildung.

Nun aber liegt es in der Eigenart aller Aeußerungen des Menschenwesens, daß sie, dem Geistigen entstammend, oft das Geistige verlieren und zu leeren Hülsen werden. So kann auch die Höflichkeit, welche an sich der Wahrheitsliebe nicht widerstreitet, zu inhaltlosem Formelwesen erstarren. Sie ist dann aber eben nicht mehr sie selbst, sondern nur mehr Schein, eine bloße Maske, hinter welcher sich ein ganz anderer Inhalt verbirgt. Aber selbst so ist sie nicht ganz wertlos. Auch die Eitelkeit, der Hochmut, die Herzlosigkeit und wie die Kinder der Selbstsucht nun heißen mögen, sehen sich gezwungen, wenigstens äußerlich den sittlichen Gesetzen sich zu fügen, so weit diese in den Geboten der Höflichkeit enthalten sind. Der Unerfahrene wird sich natürlich oft von dem Scheine täuschen lassen und hinter ihm den entsprechenden Inhalt vermuten. Mag dann zuweilen die Enttäuschung herbe sein, so schadet es nichts; es gehört das zu den unvermeidlichen Erfahrungen, denen kaum Jemand zu entgehen vermag.

Im gewöhnlichen Gesellschaftsleben steigert sich der Wert dieser blos äußeren Höflichkeit. Sie allein macht es möglich, daß Menschen von verschiedenen, oft gegnerischen Anschauungen sich ohne Reibung begegnen können; sie bietet ebenso die Möglichkeit zur Anbahnung eines näheren Verkehrs, wie sie es erleichtert, um uns eine unübersteigliche Mauer aufzurichten, welche täppische Eingriffe in unser Inneres verhindert. Dabei ist gar keine Absicht vorhanden, zu täuschen, denn kein halbwegs Menschenkundiger nimmt diese äußere Höflichkeit für den Abdruck des inneren Wesens; er weiß genau, daß sie eben nur Formsache ist, welche zu nichts verpflichtet und deren Anwendung deshalb auch der Wahrheitsliebe nicht widerstreitet. Sobald ich, sei es aus was immer für Gründen, in die feinere Gesellschaft eintrete, muß ich dem Recht entsagen, mein Ich in allen Dingen zur Geltung zu bringen, ich ebenso gut, wie ein Anderer. Vermag ich das nicht, dann muß ich die »Gesellschaft« eben vermeiden. Aber auch in dieser trotzigen Zurückgezogenheit liegt dann nicht immer zarte Scheu, die Wahrheit zu verletzen. Gar oft sind nur Eitelkeit und Selbstüberschätzung die Ursachen, denn Mancher ist so geartet, daß er nur Rücksichten verlangt, niemals aber sich selber welche auferlegt.

Das was ich echte Höflichkeit und die Ethik des allgemeinen Menschenverkehrs genannt habe, sollte schon von der Erziehung berücksichtigt werden und jeder Erwachsene sollte es pflegen und ausbilden. Es ist darum noch lange nicht gefordert, daß man stets und überall den Gesetzen dieser Höflichkeit gemäß sich benehmen müsse. Zuweilen können Fälle eintreten, wo es unsere Pflicht wird, uns dem inneren Zwange zu entziehen und der Wahrheit rücksichtslos die Ehre zu geben. Aber auch zur Erkenntniß dieser Pflicht gehört ein feinempfindendes Herz, denn sonst kann es leicht geschehen, daß man die wahre Höflichkeit des Herzens verletzt, ohne der Wahrheit im geringsten zu nützen.

Die besten Lehrerinnen in dieser Kunst des Schicklichen sind, wie schon Goethe bemerkt hat, wahrhaft gebildete Frauen. Viel rascher als wir erkennen sie die Schwächen, und zarter als wir, verstehen sie es dieselben zu schonen. Die Höflichkeit einer solchen Frau steigt warm aus dem Herzen, lehrt eigene Mißstimmung zu überwinden, um mit Andern zu trauern und sich zu freuen, und jede Kränkung zu vermeiden. Sie giebt dem Schüchternen Haltung und Selbstvertrauen, hält den Ungestümen in den Grenzen, weiß Jedem etwas Liebes zu sagen oder zu erweisen.

Darum ist es nicht nur Schmeichelei, wenn der Genius der deutschen Sprache das Wort »Höflichkeit« zu einem weiblichen gemacht hat.

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