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Herbstfäden

Otto von Leixner: Herbstfäden - Kapitel 3
Quellenangabe
authorOtto von Leixner
titleHerbstfäden
publisherVerlag von Otto Janke
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170428
projectid74c435a0
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Ein böser Geist.

Da stellen sich die aufgeklärten Kinder dieses Jahrhunderts hin und sagen mit dem Tone der tiefsten Ueberzeugung: »Es giebt keinen Teufel!« Auf die Gefahr für einen im finstersten Mittelalter steckenden Menschen gehalten zu werden, wage ich den Ausspruch: »Es giebt eine ganze Menge derselben und man hat nichts nötig, als die Augen aufzumachen, um sie zu sehen.«

Ich habe die nicht seltene Ehre, eine große Anzahl von ihnen genauer zu kennen, einige davon haben sich in mir selbst häuslich niedergelassen. Ich behandle sie sogar recht anständig und mit jener höflichsten Rücksicht, welche ihnen als Sprossen eines uralten Geschlechts geziemt. Das geschieht aus bloßer Klugheit: denn würfe ich sie heute heraus, morgen kämen andere, vielleicht viel unangenehmere – leider kann nämlich kaum ein Mensch ohne einige Hausteufel, welche oft in recht störender Weise sich bemerkbar machen, leben.

Ein sehr mächtiger aus dieser Sippe herrscht in ungewöhnlich vielen Familien, bei Jungen und Alten, Männern und Frauen, und erweist sein Dasein durch erschreckliche Wirkungen.

Eben haben die Kinder in heiterem Uebermut gespielt und die Mutter hat liebevoll gelächelt: im nächsten Augenblick sitzen die Kleinen verschüchtert und mit Thränen in den Augen in einer Ecke, und die Mutter ist ganz außer sich. Ein Ehepaar scherzt und lacht, da kommt der Satan und sieh: die Frau hat rothe Augen, der Mann aber rennt im Zimmer auf und nieder und bläst Rauchwolken von sich, wie eine toll gewordene Lokomotive. Und dort zwei Liebende: es ist ein herzerquickender Anblick. Sie lehnt das blonde oder braune »Engelsköpfchen« an seine Brust und sieht zu ihm auf mit den bekannten schönsten Augen, er aber, ganz Zärtlichkeit, drückt sie an sich. Da kommt der böse Geist ganz unvermutet und flüstert und hetzt so lange, bis sein Werk gelungen ist: sie sitzt nun allein in einer Ecke des Ruhebetts, drückt das Taschentuch an die Augen und seufzt, er blickt bei dem Fenster hinaus und seufzt ebenfalls. Der Teufel aber empfindet dabei das »höllische« Vergnügen, welches seinem schwarzen Herzen entspricht, und kichert behaglich in sich hinein.

Im Königspalast, im Bürgerhaus, in der Bauernhütte, kurz, allüberall kann dieser Unhold angetroffen werden; zuweilen nistet er sich so fest ein, daß nichts ihn mehr fortbringen kann, die Thränen nicht, nicht die Beschwörungen, weder Flüche, noch Gebete.

Wer dafür den rechten Blick hat, kann seine Gegenwart spüren, sobald er ein Haus betritt. In den an Weltsitte reichsten Ständen macht die Sache einige Schwierigkeit, aber auch hier verrathen gewisse Dinge den Hausteufel: gleichgültige Blicke zwischen Nahestehenden, oder kleine, ganz fein zugespitzte Bemerkungen, welche in ein Lächeln eingewickelt sind und dabei doch recht stechen können.

Je tiefer man hinabsteigt, desto leichter vermag man den Hausteufel zu erkennen; zuweilen macht er sich durch Teller, Gläser oder Kochtöpfe bemerkbar, welche in kühnem Bogen gegen die Wand fliegen und dort das Ende ihrer irdischen Laufbahn erleben.

Jetzt dürfte die Neugierde der Leser genug gespannt sein und ich muß nun wohl auch den Namen des höllischen Geistes nennen. Wie er in seiner Heimat heißt, konnte ich nicht erfahren, bei uns aber nennt man ihn »Mißlaune«.

Wenige Teufel giebt es, deren Schädlichkeit so selten erkannt ist. Das ist auch der Grund, warum man ihn in seiner Jugend, besonders bei hübschen Mädchen, sogar für ein niedliches »pikantes« Kerlchen hält und ihn so lange nährt, bis er zum vernichtenden Dämon geworden ist. Zerstörtes Eheglück mit allen seinen Folgen; um ihr Jugendglück, um ihre einheitliche Entwicklung gebrachte Kinder, zerstörte Leben aller Art: sie sind die Opfer des Dämons Mißlaune.

Ein junger Mann hatte aus leidenschaftlicher Liebe ein schönes Mädchen geheiratet. Die junge Frau war zuweilen unwirsch ohne Grund. Mit glücklichem Lächeln entschlafen, erwachte sie mit einer tiefen Falte auf der Stirne und antwortete kaum dem freundlichen Morgengruß des Gatten. Er war ganz unglücklich darüber, aber je mehr er sprach und zu beruhigen suchte, desto launischer wurde sie. Alles brachte sie auf; in der unschuldigsten Bemerkung witterte sie Spott, verdrehte dieselbe, preßte aus einem Samenkörnchen Recht einen Eimer von bitteren Worten, mit welchen sie den Gatten übergoß.

Alles stumpft sich mit der Zeit ab. Der Mann, welcher Anfangs tief verwundet war, dann mit doppeltem Entzücken die Versöhnung gefeiert, und jede Reuethräne aus den schönen Augen mit Selbstanklagen beantwortet hatte, wurde allmälig gleichgültiger gegen Unwetter wie gegen Sonnenschein. Der letztere konnte ihn nicht erfreuen, weil er niemals sicher war, ob ihn nicht ein Wort verscheuchen könne. So zog er sich langsam in sein Inneres zurück und er, welcher sonst nie das Haus verlassen, begann die Kreise des Jugendgefährten wieder aufzusuchen. Nun klagte sie über Vernachlässigung, die ehelichen Stürme wurden heftiger und die innere Entfremdung vermehrte sich. Ein Knabe, im dritten Jahre der Ehe geboren, schien die Beiden wieder vereinen zu sollen, aber bald genug schwand dem Gatten diese von ihm mit Wärme genährte Hoffnung. Beide Theile waren zu ehrlich, um sich zu betrügen, aber der Zwiespalt wuchs und riß den Knaben mit ins Verderben. Heute wußte sich die Mutter vor Zärtlichkeit und Nachsicht nicht zu fassen, morgen stieß sie das Kind von sich und strafte es um nichts. So wurde der Knabe ein in sich gekehrter Träumer, ohne Klarheit der Empfindung und des Gedankens, im Willen gebrochen, zu nichts fähig, was einheitliches, bestimmtes Streben verlangte; reizbar und schnell erregt, vermochte er doch nichts Ergriffenes festzuhalten und ging als junger Mann der Menschheit durch Selbstmord verloren. Die Eltern aber leben noch: sie eine mürrische, keifende Alte, er ein träge empfindender, kalt gewordener Selbstling, welcher hinter dem Bierglase Ersatz sucht und kaum mehr fühlt, was er verloren hat.

Es ist ein alltägliches, gemeines Elend, welches sich so aus der Mißlaune entwickelt, und selbst gut angelegte Menschen allmälig widerlich und unausstehlich macht, ihr edleres Ich vernichtet und mit ihm das ganze Glück des Lebens.

Das weibliche Geschlecht ist schon wegen seines feineren Nervengefüges mehr als das männliche der Launenhaftigkeit ausgesetzt. In vielen Fällen trägt in den begüterten Ständen die ganze Erziehung die Hauptschuld. Alles, was nach außen hin glänzt und glitzert, wird ausgebildet, um die Entwicklung des Pflichtgefühls und des Gemüts bemüht man sich nicht. Darum sind gar oft manche der gefeiertsten »Salondamen«, welche in der Gesellschaft von Geist und Liebenswürdigkeit strahlen, die schlechtesten Mütter und die launenhaftesten Gattinnen. Weil aber das Glück des kommenden Geschlechts vielmehr von der Mutter als vom Vater abhängt, so ist auch die Mißlaune des Weibes viel gefährlicher in ihren Folgen.

Doch möge sich ja kein männlicher Leser mit dem Gedanken schmeicheln, daß wir sogenannten »Herren der Schöpfung« von dem Hausteufel Launenhaftigkeit schon durch unser Geschlecht bewahrt seien. Dieser Gedanke wäre eine große Selbsttäuschung. Es giebt unzählbare Männer, welche auf diesem Gebiete großartige Leistungen aufzuweisen haben. Aller Aerger, den ihnen die Welt bereitet, speichern sie sorgsam auf, um ihn dann mit großmütiger Freigebigkeit zu Hause auszustreuen. Manche Frau weiß sich thatkräftig, sei es mit Klugheit oder mit Humor, zu wehren, viele jedoch leiden dann als wahre Dulderinnen ihr halbes Leben lang unter der Laune eines Gatten, welcher sie als den natürlichen Blitzableiter für allen Groll betrachtet.

Vor einem solchen Selbstling ist dann nichts sicher. Wenn er mit eingekniffenen Lippen und finsteren Augen sich nähert, so zittert die Frau, die Kinder verschwinden spurlos, der Haushund verkriecht sich mit eingezogenem Schweife in eine dunkle Ecke und selbst der Kanarienvogel hütet sich vor dem leisesten Laut. Aengstlich blickt die Gattin bei Tisch umher, denn jede Kleinigkeit kann einen Ausbruch der schlechten Laune bewirken; – wenn es nur bei einigen spitzen Bemerkungen und wütenden Blicken bleibt, sind Alle glücklich, aber noch glücklicher sind sie, wenn der Vater und Gatte fort ist. In solchen Familien schließen sich oft die Kinder mit innigster Liebe an die Mutter an und bieten ihr so Ersatz für den verlorenen Traum der Jugendliebe, während sie dem Vater nichts entgegenbringen als Gehorsam, verbunden mit innerem Trotze und Mißtrauen, welches sich oft zur Nichtachtung steigert.

Nicht jede Frau hat aber diesen Heldenmut, alle Launen zu tragen und nicht jede hat Kinder, welche sie trösten können. Da kommt es dann oft vor, daß sie nach langem Kampfe einen Irrweg betritt, welcher ins Verderben führt. Aber doch trägt der Gatte vor Gott den schwersten Theil der Schuld.

Doch das unausstehlichste Geschöpf, welches die liebe Sonne bescheint, ist ein launenhafter Junggeselle. Schon sein Aeußeres verrät ihn. Er wirft immer wilde, giftige Blicke um sich; jedem Vorübergehenden sieht er nach, als wolle er ihn ermorden; er murrt wenn der Himmel blaut, wenn der Himmel grau ist, murrt er auch. Jedes Kind ist ihm verhaßt, weil es lächelt; jede Blume, weil sie duftet. Den Kellner im Gasthause schnauzt er an, den Nachbar bei Tische mißt er mit grimmigen Blicken, als wolle er ihm verbieten zu leben. Niemand kann es ihm recht machen, Niemanden liebt er, außer ein Wesen. Das hätschelt er vom frühen Morgen bis in die späte Nacht, bis zu seinem Tode. Er füttert es, daß es sich zum Alles verschlingenden Oger auswächst, und dieses eine Wesen ist der Hausteufel Launenhaftigkeit.

Die schöne Moral dieser Betrachtungen läßt sich sehr kurz zusammenfassen: »Wenn Du bemerkst, daß Du wegen nichts, wegen einer Fliege an der Wand z. B. ärgerlich wirst, so hat der böse Geist als kleines Teufelchen in Dich seinen Einzug gehalten. Sofort rüste Dich mit Klugheit, mit Humor und vor Allem mit Liebe. Dann aber behandle den Ankömmling so schlecht wie nur möglich. Hebt er den Kopf, drücke ihn nieder; will er reden, lasse ihn nicht zu Worte kommen, denn er stellt Dir Dein Unrecht als Recht hin; schmeichelt er gar, so werde einfach grob. Eine solche Behandlung läßt er sich nicht gefallen und mit einmal spürst Du, daß er davon gegangen sei, um sich eine bessere Wohnung zu suchen. Du aber wirst freier athmen und bist näher gekommen dem Ziel: »durch Selbstüberwindung glücklich zu sein und glücklich zu machen.«

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