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Herbstfäden

Otto von Leixner: Herbstfäden - Kapitel 28
Quellenangabe
authorOtto von Leixner
titleHerbstfäden
publisherVerlag von Otto Janke
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
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Die Anfänge unserer Jüngsten.

Kritische Betrachtungen.

I.

In den »Randbemerkungen eines Einsiedlers« (Berlin, Otto Janke) habe ich S. 261 ff. nachgewiesen, daß die religiösen und gesellschaftlichen Kämpfe eine viel höhere Bedeutung für die Literatur besitzen, als man ihnen gerne zugesteht. Eine Stelle lautet:

»Wir wollen werden, was wir noch nicht sind, ein Volk – – – wir wollen den Idealismus zur Geltung bringen, welcher so lange niedergeworfen war, und nach seinen Forderungen das staatliche und gesellschaftliche Leben reinigen vom Ungeiste der Selbstsucht, der Frivolität und des Scheinwesens. Bekämpfen wollen wir die einseitige Uebergewalt des Mammonismus, bekämpfen die Ungerechtigkeit der sozialen Gliederung. Der Liebe die Herrschaft zu erringen, ethische Begeisterung zu wecken und dadurch die Gottentfremdung zu überwinden: das sind die höchsten Ideale der ernsten Geister unserer Zeit.«

Wenn in der Geschichte neue Gedanken austreten, besonders solche, denen zugleich eine wirkliche Macht zur Seite steht, so wirken sie nach den Gesetzen des Seelenlebens vor allem auf die Werdenden ein. Bei diesen sind Grundsätze noch nicht starr geworden; alles befindet sich noch im Flusse und nimmt neue Anschauungen leichter in sich auf und verbindet sie mit dem Vorhandenen.

Zwei der gewaltigsten Thatsachen des Jahrhunderts sind die Neuaufrichtung des Deutschen Reiches und der Versuch die soziale Frage vom Throne her, wenn nicht ganz zu lösen, so doch durch staatliche Einrichtungen in das geschichtliche Werden des Staates aufzunehmen. Als dritte Thatsache, welche nicht so offenbar auftritt, kommt hinzu die tiefe religiöse Erregung der Gemüter, welche von Jahr zu Jahr stärker wird und sich durch nichts mehr eindämmen läßt. Ist eine Sehnsucht in darbenden Geistern geweckt, so kann sie zwar als Funken lange unbeachtet bleiben, aber dieser Funke wird Flämmchen und zuletzt Flamme – so wird auch die Gottessehnsucht des Geschlechts zur Flamme werden und wenn auch nicht mehr in der kurzen Zeit, welche uns von der Wende des 19. Jahrhunderts trennt, so doch im Beginn des nächsten.

Diese Thatsachen haben die Jugend bereits ergriffen und eine tiefere Erregung der Gemüter erzeugt, als auf den ersten Blick erscheinen mag.

Wir dürfen Eins nicht vergessen: was man Zeitgeist nennt, ist in Uebergangsepochen durchaus nicht so rein darzustellen, etwa wie Schwefel aus Schwefelkies. Denn in jeder Zeit leben Menschen verschiedener Zeiten nebeneinander; neben dem Greise, welcher noch in den Freiheitskriegen mitgefochten, und seine männliche Reife vor oder nach der Julirevolution erreicht hat, steht der alte Mann, in dessen Jugend sich die Märztage vorbereiteten; neben diesen die Männer, welche in der Reaktionszeit zur Reife gelangten, die Jüngeren dann, die mit vollem Bewußtsein die Entwickelung von 1862 an verfolgen konnten und auf sich wirken lassen mußten; dann die jungen Männer, deren Reife erst mit dem Entstehen des neuen Reichs zusammenfällt und zuletzt jenes Geschlecht, welches im Lichte der Kaiserkrone aufwuchs – ich möchte sagen, die einzigen Volldeutschen. Das alles liegt schichtenweise auf oder neben einander; das Todte, noch festgehalten in festen Formen, stirbt innerlich und äußerlich ab; das Halbüberwundene steht noch äußerlich kräftig da, obwohl innen schon lange der Zerfall begonnen hat; das Werdende wuchert in ungezähmtem Lebensdrange; lehnt sich zuweilen an Altes um Halt zu gewinnen, bildet Mißformen, Ungeheuerlichkeiten und zeigt nur hier und dort Anfänge der Selbsterkenntniß. Aber damit ist die Vielgestaltigkeit kaum angedeutet.

Denn neben dem Gesetze, der Notwendigkeit, waltet die Freiheit, d. h. das Unberechenbare des Einzelngeistes. Ein junger Wille kann befruchtet werden von einem uralten Gedanken, welche in ihm eigenartige Wirkungen hervorbringt; lang Mißachtetes kann durch den Einzelngeist Bedeutung gewinnen, herrschende Ansichten können durch ihn erschüttert, ja gestürzt werden.

Dieses »Unberechenbare« ist an Millionen von Stellen in steter Thätigkeit und nicht des größten Menschen Geist ist im Stande auch nur ein größeres Bruchteil dieser wirkenden Kräfte zu verfolgen und zu überschauen, deren Wirkung zu berechnen.

Das Geistesleben eines Volkes wird sich deshalb niemals durch eine mathematische Formel berechnen lassen, die sogenannte »exakte Methode«, welche die Korybanten der Naturwissenschaft als die einzig berechtigte anpreisen, ist dem Geistesleben gegenüber machtlos. Nur einzelne »Ideen« können wir in ihrem Werden und Wirken verfolgen, niemals aber den ganzen Strom der Zeit so durch unseren Geist leiten, daß jede einzelne Welle, jedes Atom in ihren Kraftwirkungen uns bewußt werden.

Berlin beginnt seine Anziehungskraft zu äußern, seit es Reichshauptstadt geworden ist. Mannigfaltige Ursachen, denen Niemand nachgehen kann, haben zusammengewirkt, um eine Anzal von jungen Talenten mit einander in nähere Beziehungen zu bringen. Es ist ein begreiflicher Irrtum, daß sie sich als eine »Dichterschule« ansehen und, mit der Vergangenheit liebäugelnd, als neue »Stürmer und Dränger« betrachten, während im Grunde das einzig Gemeinsame die mehr oder minder große Jugend der Mitglieder ist. Ich werde im Folgenden versuchen die Werke dieser Schule, so weit sie im Jahre 1885 erschienen sind, zu kennzeichnen und will mit den Lichtseiten beginnen.

Den besten Ueberblick gewährt ein starker Band:

» Moderne Dichter-Charaktere« herausgegeben von Wilhelm Arent. (Berlin 1885. Im Selbstverlage des Herausgebers.)

Drei von den Dichtern, welche zu dieser Sammlung Beiträge gegeben haben, müssen gleich ausgeschlossen werden, weil sie dem Kreise nicht angehören: Oskar Linke, Wolfgang Kirchbach und Ernst von Wildenbruch. Sie haben sich wol nur durch Zufall in das Buch verirrt.

Wilhelm Arent (geb. 1864) hat zuerst unter dem Namen Kosakaute »Lieder des Leids« herausgegeben. Seine ganze Persönlichkeit, so weit man bei seiner Jugend von einer solchen sprechen kann, beweist, daß der Pessimismus auf ihn stark eingewirkt habe. Nicht etwa der wissenschaftlich aufgebaute, denn mit philosophischen Studien hat sich Arent sicher nie beschäftigt, sondern nur der »vulgäre« Pessimismus, welcher seinen Stoff aus einzelnen losgerissenen Sätzen oder Abschnitten Schopenhauers genommen hat. Verzweiflung am Weltzweck, Sehnen nach dem »Nichts« und ungesunde Wollüstelei bilden den einzigen Inhalt seiner Gedichte. Das schließt weder aus, daß er formal seine Stimmungen wiedergeben kann, noch giebt es das Recht ihm Talent abzusprechen. Zuweilen weiß er seine Empfindungen in flüssigen Rhythmen auszusprechen; dann lebt in ihnen wirklich echtlyrische Begabung. Es sind das meist nur kurze »Stoßseufzer«, aber gerade in dieser Kürze liegt eine gewisse Unmittelbarkeit, welche um so mehr an Lenau erinnert, als auch Arent die Empfindung dann an Naturvorgänge anschließt. Aber in den Gedichten, welche in »freien« Rhythmen nach Goetheschem Vorbilde geschrieben sind, fehlt das Mark, sie zerfließen, weil eben das Wesen ihres Urhebers auch ein haltlos zerflossenes, unfertiges ist. Aber auch hier zeigen oft einige Zeilen die Begabung.

Julius Hart ist unbestreitbar ein echtes Talent, wie » In der Osternacht«, » Champagnertropfen«, » Auf der Fahrt nach Berlin«, » Zu Gott« beweisen. Seine junge drängende Seele strebt aufrichtig nach innerer Einheit, er ist auch ein Gottsucher, wie so viele unserer Zeit, und giebt seiner schmerzlichen Sehnsucht in »Zu Gott« bewegten Ausdruck; er empfindet die Unglückseligkeit des Geistes, welcher auf Pfaden der Sünde die Einheit verloren hat, und fleht (» Nachtwache«):

»O wasche mit Feuerwellen
Von meinem Busen die Schuld
Ström' über mich den hellen
Glanz Deiner Gnade und Huld.«

In » Hört ihr es nicht?« zeigt er sich von den sozialen Kämpfen angeregt. Aber vor allem tritt ein Fehler hervor, welcher mit der Unfertigkeit seiner Gedanken- und Gefühlswelt zusammenhängt. Julius Hart hat noch nicht die Kunst gelernt, sich zu beschränken, das Ueberflüssige auszuscheiden: seine Lyrik ist noch zu langatmig, zu sehr mit beschreibenden Zügen überlastet. Statt ein Gefühl mit festem Griff zu packen, faßt er nach jeder auftauchenden Nebenvorstellung, ja selbst mitten in die Glut der Empfindung läßt er zuweilen die Reflexion unberechtigt sich einfinden. So z. B. in »Am Morgen«: Strophe 3. 4. 9. 13. könnten einfach gestrichen werden. »Dunkle Stunden« ist um die Hälfte zu lang. Ich gehöre nicht zu jenen, welche keine andere als die sangbare Lyrik gelten lassen. Der Gedanke, warm empfunden und geschaut, hat volles Bürgerrecht auch in der Lyrik. Aber er muß klar und bestimmt auftreten, während er bei J. Hart zu oft durch die Breite um seine Klarheit gebracht erscheint. Diese Breite zeigt sich in »Dunkle Stunden« selbst im Maß. Es sind Zweizeiler von acht, neun, ja selbst zehn Hebungen, ohne einen feststehenden Einschnitt, ohne festen Rhythmus, auf welchen der Dichter überhaupt nur wenig Gewicht legt. Es giebt nur zwei Wege: entweder halte man fest an der antiken Messung, oder an der deutschen, aber in dieser Art kommt man zu gereimter Prosa. Auch Julius Hart liebt freie Rhythmen, aber auch bei ihm artet Freiheit noch »In der Einsamkeit« in Zügellosigkeit aus. Wie er den Gedanken nicht schlicht erfassen kann, so auch nicht die Form. Aber trotz aller Einwände muß man zugeben, daß in den Gedichten eine reichbeanlagte Natur, deren Stärke in der Lyrik liegt, nach Gestaltung strebt.

Neben dem Gottsucher steht der Atheist, Fritz Lemmermayer (geb. 1857), welcher in »Loos« ein Gedicht von Fr. Vischer umschreibt; in »Lebensergebniß«, »Menschenopfer« und »Wolkenbild« der Weltverzweiflung huldigt und in »Entschluß« seiner Sehnsucht, in ein Kloster zu gehen, Ausdruck giebt.

Auch auf den Beiträgen Fr. Adlers (geb. 1858) liegt ein trüber, weltscheuer Geist, aber Adler ist dennoch sowol in Form wie in Inhalt reifer als Lemmermayer, er ist nicht so eingeklostert in das Ich, sondern empfindet warm mit den Armen und Leidenden (»Mein Nachbar«). Sein Pessimismus erscheint mir nur als Durchgangspunkt; ein junger Dichter, welcher im »Frühlingsgebet« schreibt:

Laß mir die Seele frei von Neid;
Laß mich glücklichere Lippen
Schlürfen sehn' der Freude Labetrunk
Und dann ruhig' zurückkehren
Unter die Last der Arbeit,
In den eisernen Dienst der Pflicht –
«

– – ein solcher hat einen männlichen Kern; er wird nicht im Weltleid zu Grunde gehen. Auch Adler berührt, das Gebiet der sozialen Kämpfe in dem schönen, ergreifenden Gedicht: »Nach dem Strike«.

In »Blütenregen« schildert er »den bunten Gruß« der fallenden Blüten und schließt:

»Doch was dies Blinken
Hast Du's bedacht?
Ein seufzend Sinken
In Todesnacht.«

Möge er vom Leben lernen, daß die sich entwickelnde Frucht es ist, was die Blütenblätter zum Falle bringt.

Hermann Conradi geb. (1862) ist noch gar nicht zu kennzeichnen: das brodelt und gährt durcheinander, wie in einem Hexenkessel. Schöne Gedanken stehen neben Unsinn, echte Empfindung ist mit unbewußter Schauspielerei verquickt; neben hochgestimmten Stellen macht sich die aufgeblasene Phrase breit. Er lechzt nach »Freiheit«; aber man weiß nicht, was er darunter versteht, er haßt die »Lüge, die da Prunk und Kronen um leere Schädel flicht«; er preist die »That« – aber was er so nennt, wir erfahren es nicht; er verachtet sich, weil er die »Dirne« umarmt und nicht von ihr von lassen kann, grollt aber als »Titane« Allen, welche dem Genuß und dem Golde fröhnen; er flucht, wie einst die Stollberge, den Tyrannen und Despoten und giebt seiner Teilnahme für den vierten Stand Ausdruck – (»Licht den Lebendigen«). Daß er begabt ist, zeigen nicht nur die Sprache an einigen Stellen, sondern auch einzelne Gedanken und Bilder; ganz ausgereift sind jedoch nur zwei Gedichte: »Verlassen« und »Osterpsalm«, weil in ihnen die Idee schlichter erfaßt und einfacher wiedergegeben ist; hier berauscht er sich nicht an dem eigenen Wort, wie in den andern Gedichten. Man ist noch lange nicht ein »Titane«, wenn man von »Titanenweh«, Tatanenmut« u. s. w. spricht, das geschwollene Wort ist noch kein großes. Ein kurzes Gedicht lautet:

»In flammender Empörung
Sprech' ich der Lüge Hohn:
Und wenn Du tausend Nacken beugst
Und tausend Sklavenseelen säugst
Mit feilem Judaslohn:
Ich trotze Deinen Jochen!
Ich hab' den Bann zerbrochen –
Ich hab' mich freigesprochen:
Ich bin der Freiheit Sohn!

Diese neun Zeilen sind kennzeichnend. Was nennt Conradi »Lüge«? was »Freiheit«? Das sind Alles nur Masken für ein unklares unreifes Drängen; diese Empörung ist, wenn ihr auch ein Theil sittlicher Empfindung innewohnt, künstlich übertrieben und artet oft in bloße Rederei aus; Schwäche borgt sich dann Worte der Kraft und selbst wirkliche Kraft überstürzt sich, weil Selbstbeherrschung fehlt.

Eine verwandte Natur, wenn auch mit stärkerem Formgefühl und etwas größerer Klarheit, ist Johannes Bohne (geb. 1862). Auch er trägt »den Donner im Munde«, auch hinter seiner Stirne »rasen die Dämonen«; und er preist den »Gott der Freiheit« und die »That«, hegt in sich die Sehnsucht nach einer Zeit, wo die Liebe herrscht.

Reifer ist Karl Aug. Hückinghaus. Aus »Gesicht« und »Christus-Prometheus« spricht die gleiche Sehnsucht nach dem Siege der Liebe, welcher man bei diesen jungen Dichtern so oft begegnet. Im letzteren Gedicht heißt es:

»So duld' ich bis die goldne Stunde kommt,
In der der Mensch erkennt das Wort, das hohe:
Nur Liebe, Liebe ist es, die uns frommt!
Bis aller Orten glüht die heil'ge Lohe,
Dann flieht der Geier, meine Kette bricht,
Es tagt auf Erden und wird Licht.«

In Hückinghaus beginnt sich der Drang zu klären.

Auch Arno Holz (geb. 1863), dessen Sammlung »Deutsche Weisen« welche er mit Oskar Jerschke herausgegeben hat, in den »Randbemerkungen« besprochen ist, gehört zu den wenigen, wahrhaft sympathischen Erscheinungen unter den Jüngsten. Seine Seele ist von echtem religiösem Empfinden erwärmt, wie »Osterbitte,« beweist: er empfindet mit den Leidenden und Armen aus vollem Herzen (»Ein Andres«, »Meine Nachbarschaft«). Das ist keine künstlich genährte Glut und Wut, sondern der Ausdruck echten Gefühls; aus seinen Worten bricht es zuweilen wie unterdrücktes Schluchzen, aber dennoch bewahrt er die Achtung vor der Form. Wohl ist noch Vieles jugendlich, aber in dieser Jugendlichkeit liegt etwas Frisches; er tobt sich nicht in Phrasenschwulst aus, schleudert keine Wortbomben der gesunden Vernunft ins Antlitz; er preist sich nicht als Messias an. Dem herzenswarmen Idealismus gesellt sich als Ergänzung ein Hang zur Satire, wie in »Frühling«. Holz ist in dem Gedicht zwar nicht ganz originell, aber dennoch zeigt er auch hier eine über seine Jahre hinausgehende Klarheit. Alles in Allem: in Holz liegt der Keim zu einem bedeutenden Dichter. Aber dennoch weisen verschiedene Züge auf zwei große Klippen hin: Die eine ist die Leichtigkeit, mit welcher er reimt, die andre die starke Neigung, sich allzuleicht den Stimmungen des Tages hinzugeben.

Verwandt durch die Innigkeit religiösen Gefühls und die Neigung zu Stoffen aus den sozialen Kämpfen ist der oben genannte Jerschke (geb. 1861). Von seinen Beiträgen ist »Gebet« von nicht gewöhnlicher Schönheit.

Auf ihn folgt in der Sammlung Heinrich Hart (geb. 1855), mit dem Vorgesang einer Dichtung: »Das Lied der Menschheit«, in welchem der Verfasser in einer Reihe von Gesängen nichts weniger als »die Entwicklung der Menschheit von ihren erster Anfängen bis zur Gegenwart« darstellen will. Dazu scheinen mir die Dichtungen Schacks, welche Hart in einer besonderen Schrift so hoch gepriesen hat, den Anstoß gegeben zu haben. Der Gedanke ist kühn; ich zweifle aber, ob der Dichter ihn ausführen werde. Besser er unterließ es. Die Probe (7 Seiten) ist verfehlt. H. Hart beginnt mit dem Werden des Alls – 22 Zeilen. Es giebt nur zwei Mittel diesen Stoff zu formen. Entweder rein dichterisch, d. h. hier symbolisch, oder auf Grundlage einer Hypothese, welche man dichterisch zu beleben trachtet. Eine Verquickung beider Standpunkte führt zur Unklarheit – wie bei Hart; und dann müssen Worte helfen. Was heißt das » Zeit ohne Werden«? Ist denn Zeit etwas Anderes als Werden? Wie ist denn Zeit ohne Werden möglich? Wie kann denn als Kennzeichen des Zustandes vor dem Beginn aller Dinge eine Unmöglichkeit dienen? Dasselbe gilt von »Kraft, die nichts erfüllt« – das ist auch eine Antithese, welche nur »klingt«, aber weder von der Vernunft begriffen, noch von der Phantasie geschaut werden kann. Dann heißt's:

»Einst aber wie ein Blitz durchfuhr's das All,
Das Meer barst auf mit dumpfem Donnerhall.«

Worte, nichts als Worte! Das All? Woher? Das ist ja noch gar nicht. Soll damit etwa der leere Raum bezeichnet sein, dann ist's dasselbe, denn Niemand kann sich leeren Raum denken, noch ihn vorstellen. Und woher kommt das Meer vor dem Land?

Nach einer Unterbrechung von 16 Zeilen, in welchen der Dichter sich einführt und seinen Willen ausspricht, der »Urmutter Erde« ein Lied zu singen, wird das Werden der Welt weitergeschildert, bis

»Aufsprießt der Blüten Schönste gottgenährt,
Zum Menschen wird der Erde Staub verklärt,
Verklärt zum Willen wird, was dunkel ringt –
Zur Sprache wird was stammelnd klingt und singt –«

Sehr schön, aber ... woher auf einmal Gott, nachdem alles Andre als stoffliche Bewegung geschildert ist? Und war Wille nicht schon früher da?

Darauf spricht wieder der Dichter von sich, und schildert eine Erscheinung, deren Bedeutung mir unfaßlich ist, und sieht dann an sich die Weltgeschichte vorübergleiten von Urzeiten bis zur Gegenwart: in 26 Zeilen. Nichts greifbar, etwas Völkerwanderung, ein wenig Christus, etwas Kreuzzüge, ein wenig Hinrichtung von Königen; dann ganz unvermittelt Franklin, Eisenbahnen, Hochzeitsjubel und Brudermord. Der Dichter klagt in schöner edler Sprache über die Wandelbarkeit, da taucht wieder eine Gestalt auf – ich weiß nicht, ob es dieselbe sein soll, wie die erste – und spricht zu ihm, (auch dieser Teil ist schön) über die Wertlosigkeit des Einzelnen und über den Wert des Ganzen. Dieses Schemen ist

»Der Menschheit Seele – Ahasver.«

Der folgende Teil enthält eine Art Betrachtung des Dichters, ob er so unendlichen Stoff zu besingen fähig, und würdig sei, sich Homer, Dante, Eschenbach, Milton, Klopstock anzuschließen. Dann spricht er flehend zur »Gotteskraft die Niemand nennen kann« und welche Alles ist. In der Bilderjagd nennt er sie sogar das »Blut der Poren.« Die Poren haben keins.

Zuletzt wendet er sich in warmen begeisterten Worten an das deutsche Volk, welchem er sein Lied weiht. Damit endet der Vorgesang. Es ist gewiß schön, wenn ein junger Dichter seine Seele großen Stoffen begeistert zuwendet, schöner noch heute. Aber an diesem Stoffe wird Hart scheitern. Seine Individualität ist reich, aber unfertig, d. h. hier: Geistes- und Gefühlswelt sind noch nicht Eins, und er besitzt auch noch kein festes Formprinzip. Neben frischem Empfinden steht kalte Reflexion, welche er umsonst durch klangvolle Worte zu decken versucht: sein Verstand ist größer noch als seine bildende Kraft, das Philosophische in seinem Wesen ist noch stärker als die innere Sehkraft. Darum wirren Realismus und Symbol durcheinander, darum sind seine Bilder oft von dem Verstande erdacht, ähnlich wie bei Viktor Hugo, während ihm in den Augenblicken der Begeisterung die klare Besonnenheit abhanden kommt. Falls das »Lied der Menschheit« dennoch als künstlerisch einheitliches Epos fertig werden sollte, werde ich gern meinen Irrtum eingestehen, aber ich fürchte, es wird unnötig sein.

Aus den folgenden Gedichten H. Harts spricht neben allzu starkem Selbstgefühl ein reiner Idealismus; (»An das 20. Jahrhundert«) besonders hebe ich hervor vier Zeilen aus »Gespräch mit dem Tode«:

»Doch jetzt erkenn' ich klar und tief,
Ich bleibe krank und wenn ich ewig schlief,
Gesunden muß ich von des Ichtums Not
Zum Leben zu gesunden durch den Tod.«

Die Zeilen sind hart, aber der Gedanke richtig. Ich wünschte, daß der Dichter vom Ich gesunde, denn das hieße zugleich erkennen, daß der Mensch nicht, wie Hart in »Gott« behauptet, selbst Gott ist, wenn Gott in ihm wirkt. Himmelsstürmer zu sein, mag den Jüngling kleiden, welchem man Ueberschwang verzeiht, der werdende Mann aber möge streben, die Grenzen der Kraft zu erkennen und sich auszuleben in ihnen. Dann kann er stark werden, während er niemals kleiner ist, als wenn er im Ueberstolze selber den Gott spielen will.

Die folgenden Dichter: Otto Hansen, Erich Hartleben und Alfr. Hügenberg lassen sich nach den wenigen Beiträgen nicht beurteilen; man sieht nur, daß sie mehr oder minder Kinder des Jahrhunderts sind, zweifelsüchtig und etwas pessimistisch. Georg Gradnauer aber will ich mir ganz für die »Schatten« meiner Betrachtungen aufsparen, Henkell und Bleibtreu sollen gelegentlich ihrer eigenen Sammlungen gekennzeichnet werden.

Karl Henkell (geb. 1864) hat 1885 (bei Bruns in Minden in W.) eine Sammlung herausgegeben unter dem Titel » Poetisches Skizzenbuch«. Der junge Dichter ist unzweifelhaft begabt, aber als Poet und Mensch eben noch keine einheitliche Individualität, obwohl er besonnener ist, als etwa Conradi. Er weiß seine Poesie noch nicht von der Nüchternheit zu wahren, weiß sich nicht zu beschränken, so daß oft viel zu viel Worte gebraucht werden und zuweilen der Gedanke sich in nichts auflöst. (»Du bist so lieb«, »Warnung«) »Die blaue Blume« beginnt hübsch und geht in eine Banalität aus. Nicht selten wird er geschmacklos, z. B. in »An mich« (S. 44):

»Und diese Dirnen? Gott, Du kannst mir leid thun,
Zu singen von verfaultem Menschenfleisch –
Ich bitte Dich, wann willst Du denn gescheidt thun?«

Das ist weder geistreich, noch fein. Ebenso »Mutterseelenallein«, wo in acht Zeilen Geschmacklosigkeit und Nüchternheit für achtzig enthalten sind. Selbst an Flachheiten fehlt es nicht; das »Motto« (S. 132) z. B. giebt den abgebrauchten Gedanken, daß man in der Jugend genießen solle, in flachster Weise wieder. Wie dem Stoff gegenüber oft die Selbstkritik ganz fehlt, so auch in Bezug auf die Form. Sehr oft nimmt er auf einen festen Rhythmus gar keine Rücksicht und quirlt die Maße durcheinander; es kommt ihm nicht darauf an in einem Gedichte (S. 80), wo Daktylen überwiegen, vier Längen nacheinander zu bringen (und frohlockt frohmüthig); in einer Strophe von vier Zeilen reimt er einmal die erste und dritte, in der nächsten nicht (S. 109); er reimt ruhig »rastet« mit kurzem a, auf »glastet« mit langem. Die verletzendsten Härten läßt er stehen: »Wer nie am Pflug sich ruht« (142). Zuweilen verachtet er selbst die Sprachlehre wie S. 40:

»Bin bald müd' all Weh und Qual
Deine Kinder mein Ideal.«

Abgesehen davon, daß diese Zeilen nichts sagen, wie kann man müde mit dem vierten Fall verbinden? S. 6 verwechselt er »ahnden« mit »ahnen«. Besonders verletzend wirkt die Vernachlässigung der Form in den »Distichen« (175 ff.) Da lautet die zweite Hälfte eines Pentameters: »Die so salongemäß schwärmt«, also »longemäß« sind ein Daktylus! Solche Ungeheuer giebt es eine Menge. Wer antike Maße verwendet, muß sich dem Gesetze antiker Lautwertung fügen. Die Form gehört auch zur Kunst, und ihre Mißachtung führt zuletzt zur künstlerischen Gewissenlosigkeit.

Ich hätte mich sicher nicht mit allen diesen Nachweisen geplagt, wenn Henckell nicht ein wahrhaft begabter Dichter wäre. Wenn er der »gebietenden Stunde« gehorcht, dann kommt das Beste seines Wesens zu Tage, außer in den schon Eingangs genannten Gedichten in »Ausfahrt«, »Heimat«, »Lied vom Arbeiter«, »Meiner Sinne Fluten«, »So laß das Klagen«. Hier jubelt und klagt ein junges Menschenherz, aufrichtigen Gefühls voll; hier ist zugleich ein Künstler lebendig, welcher die Form achtet und in der Sprache einen selbstständigen Zug offenbart. Ebenso schön sind einzelne seiner Beiträge in den »Modernen Dichtercharakteren«, wie das von warmer Vaterlandsliebe durchströmte »Der Väter wert«. Eins vor Allem wünsche ich dem jungen Dichter: Geschmack und Strenge gegen sich selbst. Er hat die Ahnung in sich, daß die Dichtung ein priesterlicher Beruf sei und ringt danach, eine reichere Gedankenwelt zu gestalten; das aber fordert Selbstzucht. Natürlich erscheint eine solche Forderung den jungen Himmelsstürmern kleinlich und sie zucken die Achseln darüber; aber doch liegt darin allein die Gewähr der Vollendung. Das Talent sei nicht ein Sturm, welcher zwecklos mit riesigen Wolken spielt, sondern die Kraft, welche aus edlem Stoff bleibende Gestalten schafft.

Karl Bleibtreu (geb. 1859) hat Gedichte unter dem Titel: » Lyrisches Tagebuch« herausgegeben. (1885, Berlin. Steinitz u. Fischer.) Daß er ein Schriftsteller von reichen Anlagen sei, ist nicht zu bezweifeln. Zwei Eigenschaften kennzeichnen die bisher erschienenen Arbeiten: eine ungewöhnliche Begabung für echt epische Schilderungen, besonders in der Darstellung bewegter Massen, und dann ein ausgesprochener Hang zum Gedankenhaften. Bleibtreu hat einen leidenschaftlichen Kopf, kein leidenschaftliches Herz. Seine Glut lodert im Gehirn; wie wild er sich geberdet, es ist selten der Drang eines feurigen Gemüts, welches unbefangen, ich möchte sagen mit Kindersinn, sich dem Gefühle hingiebt, sondern der Drang eines rastlos arbeitenden Denkens, welches sich von der Einbildungskraft beflügeln läßt. Was Heyse in einem Stachelreim von Hebbel sagt, paßt auch auf diesen jungen Dichter:

»Er hat eine Phantasie
Die unterm Eise brütet.«

Er besitzt – man mißverstehe mich nicht – für einen Lyriker zu viel Geist; er empfindet nicht unmittelbar, sondern denkt über Empfindungen. Er hat viel gelesen, besonders Byron und Shelley, er hat, wie es scheint ohne klaren Plan auch sonst manches gelernt, aber die Kunst, seine noch wirre Bildung zu vergessen, versteht er nicht. Die Sammlung enthält auch Liebeslieder. Solche sind stets kennzeichnend dafür, ob ein Dichter schlicht zu fühlen vermag. Aber fast alle zeigen uns die Uebermacht des Verstandes. Eines lautet:

»Im Anfang war das Chaos, da liebte ich Dich nicht,
Doch seit ich Dich erkannte, da ward es plötzlich licht.
Im Anfang war die Liebe, sie wartete in mir –
Das Wort ist Fleisch geworden und offenbart in Dir.«

Gewiß sehr fein, aber doch nur Kopfarbeit. S. 106 vergleicht er das in ihm auftauchende Bild der Geliebten mit einem Dampfer, welcher über die stillen Wogen gleitet. S. 107 sagt er:

»Die Thränen Echos wurden Töne,
So wäscht auch Deiner Töne Flut
Wie Thränen mir aus meiner Seele
Der Leidenschaften Schmutz und Glut«

Und so tritt fast in allen diesen Gedichten die kühle Thätigkeit des Verstandes hervor. Aber diesem Verstande fehlt es zuweilen doch an Schärfe, wie in den oben angeführten Zeilen. Die zwei Hälften des Vergleiches passen nicht zusammen, das »So« in der zweiten Zeile ist unlogisch, kurz der Gedanke ist nicht plastisch gesehen. S. 115 sagt der Dichter zu seiner Geliebten:

»Wie vor dem Scheiterhaufen
Der Inderin nicht graut,
So stürze in meine Arme
Du flammende Dichterbraut.«

Hier ist's ähnlich. Was zuerst flammt ist der Scheiterhaufen. Demgemäß müßten im zweiten Teile, wäre der Vergleich plastisch geschaut, die Arme flammend sein, nicht aber die Braut. Er kann sich mit Bildern und Vergleichen nicht genug thun; eins jagt das andere und keins wird klar und bestimmt entwickelt. Darin ist Bleibtreu ein Morgenländer. Aber leider bläst immer wieder der Hauch eisiger Reflexion mitten in den Schwung hinein. In »Feueranbeter« (S. 29) lauten zwei Zeilen:

»Doch steht dem Seienden, je heller, je trüber,
Das Nichtseinsollende frech gegenüber.«

In »Worms die Siegfriedsstadt« (S. 30) kommen folgende Stellen vor:

»Stets wähnt das Chaos, Urschlamm, der stagnirt,
Es sei die wahre Ordnung.«

»Ja freilich muß man stören und zerstören
Die stumpfe tierische Indifferenz.«

»Und doch, trotz alledem und alledem
Ist's besser stets, das Weltliche zu opfern,
Zu Gunsten der Idee, als umgekehrt«

Und in »Heliand« (S. 32):

»Das Neuhochdeutsche nun erwuchs
Grad aus dem Sächsischen aufs Neu.«

Wer solche nüchternen Stellen drucken lassen kann, der ist kein Lyriker und auch kein Vollblutdichter: der sieht die Welt nicht durch das Mittel der Phantasie, sondern mit dem Verstande. Selbst in Gedichten, deren Form gereifter ist, herrscht dieser vor (»Schutzengel« und »Bei der Hexe von Endor« in »Mod. Dichtercharakteren«). Kennzeichnend ist's, daß Bleibtreu mit Vorliebe sich der orientalisch verbrämten Lehrdichtung zuwendet (»Orientalisches Intermezzo«, »Weisheit des Orients«). Hier überrascht mancher geistvolle Gedanke, aber zugleich wird offenbar, daß Bleibtreu als Dichter viel mehr Nachahmer ist, als er vorläufig selbst zugeben wird. Er läßt sich von Allem anregen, was ihm nahe tritt; wie er nach seinen Naturschilderungen zu urteilen, ein »Weltbummler« ist, so liebt er auch auf geistigem Gebiete das Umherschweifen und nimmt mehr in sich auf, als er bis jetzt noch verarbeiten kann. Er geht dabei manchmal etwas unbekümmert vor: in »Hunger und die Liebe« (S. 42) hat er z. B. eine Scene aus Montegazza's »Physiologie der Liebe« einfach in Reime gebracht; in der »Sphinx« ließ er sich durch ein Bild von Gentz anregen; dann wieder bildet die Poesie der Bibel den Ausgangspunkt (»Davids Psalmen«).

Einzelne Schönheiten, kühne, wenn auch meist seltsame Bilder, gute Gedanken finden sich vielfach, aber Einheitlichkeit tritt uns nur in einzelnen Naturbildern und in einzelnen historischen Stimmungsgedichten entgegen. Meiner Ansicht nach liegt in Bleibtreu das Zeug zu einem bedeutenden Prosaschriftsteller; ein Lyriker »von Gottes Gnaden« ist er aber nicht und wird es wol kaum werden. Wenn er auf dem Gebiete der Poesie einmal etwas von bleibendem Werte schaffen soll, so werden es Gedankendichtungen von sehr persönlichem Gepräge sein. Jedenfalls stehen bis jetzt seine Prosaarbeiten weit über dem »Lyrischen Tagebuch«.

Betrachtet man die ganze Gruppe dieser jungen Dichter nach der Seite ihrer Vorzüge, so zeigt sich folgendes Ergebniß.

Der nationale Gedanke tritt kräftig hervor, ohne zur Verachtung des Fremden auszuarten; wie die unbestimmte Sehnsucht im Reiche Fleisch geworden ist, so hat sie auch in der Dichtung mehr Mark gewonnen. Der flachgewordene Kosmopolitismus, diese geschichtswidrige Strömung, ist fast ganz überwunden. Die sozialistische Bewegung wirkt nach zwei Seiten hin: sie nährt den Pessimismus gegenüber dem Staat, und damit ein unklares Freiheitsstreben, daneben aber zugleich die Liebe zum Staate. Das Mitgefühl steht auf Seite der Proletarier und zugleich neigt es sich jenen Männern zu, welche von oben her die Besserung der Verhältnisse anstreben. Es sind das Gegensätze, aber die Jugend ist stets unreif und darum von Widersprüchen nicht frei, welche sich indessen im Gefühl vereinigen lassen.

Der süß und matt gewordene Mai- und Liebessingsang ist zurückgedrängt und die Jüngsten wenden sich größeren, würdigeren Stoffen zu. Ueberwunden erscheint die Gleichgültigkeit dem Religiösen gegenüber. Die Sehnsucht, der materialistischen Verneinung sich zu entringen, gewinnt an Bestimmtheit; hier und dort bricht das »Unseligkeitsgefühl der Kreatur« ergreifend hervor; anderswo herrschen pantheistische Anschauungen; mögen sie auch unklar, mehr dichterisch als religiös sein, so beweisen sie doch die Anerkennung einer geistigen Grundmacht. Wieder bei Andern hat sich der Gottgedanke von dieser Zerflossenheit frei gehalten und wird mit inniger Kraft und in dichterischer Wärme ausgesprochen. Damit hängt zusammen das Erwachen ethischer Leitgedanken, welches zugleich seine zweite Wurzel in den Zuständen der Zeit hat. Das nur »Aesthetische«, was die allmälig erschlaffende Triebfeder der Literatur für die »Gesellschaft« gebildet hat; die kühle Selbstgenügsamkeit des abstrakten Künstlertums, erscheint durchbrochen; die süßliche Romantik ist ganz bei Seite geworfen oder wird verspottet, während der echt historische Sinn zunimmt.

Dies mit den Hauptumrissen gezeichnete Bild beweist, daß die Gährung der Gemüter und Geister eine nicht unberechtigte sei und gute Keime enthalte. Ich will mich nun der Schattenseite zuwenden.

II.

Worin sind nun die Irrtümer und das Gefährliche dieser Bewegung zu suchen? Ich will es im Folgenden mit möglichster Sachlichkeit darlegen. Sollten manche Stellen und Ausdrücke scharf klingen, so vergesse man nicht, daß stumpfe Wahrheiten in solchen Fällen gar keine sind.

Zuerst macht sich bei Vielen ein Zug zur unbewußten oder nur halb bewußten Schauspielerei geltend. Das gilt vornehmlich von der Behandlung des Elends der unteren Stände. Henckell sagt in seinem Skizzenbuch (S. 69):

»O Qual, der Knechte Leid zu singen,
Dem, der nicht Sohn des Elends ist

Es ist zugegeben worden, daß in diesem Mitgefühl für das Elend der Arbeiter ein Teil Wahrheit liege: besonders bei Holz habe ich's hervorgehoben. Aber sehr oft ist das »Elend« für unsere Jüngsten »Stoff« und zwar erdachter und nicht erlebter. Ich wage es zu behaupten: keiner von diesen »Reformatoren« hat dem wahren echten Elend jemals in das Auge gesehen; keiner von ihnen hat es an sich erfahren, was es heißt tagelang zu hungern, keiner von ihnen hat jemals mit den Proletariern – sei es nun aus Absicht oder aus Zwang – gelebt. Vielleicht hat einer von ihnen trotz seiner Jugend zu kämpfen gehabt, aber das wirkliche Leben der »Armen und Elenden« ist ihnen allen unbekannt. Darum kommen ihre Schilderungen über den Kreis herkömmlicher Hungergestalten nicht heraus. Hier ist's ein armer Schuster, welcher noch Nachts arbeitet, dort eine Mutter, welche die von einem »Manteljuden« verführte Tochter beklagt, dort eine Näherin, welche aus Not Dirne wird u. s. w. Ich habe nichts dagegen einzuwenden, wenn man auch sie benützt, aber das ist nicht hinreichend, ein Bild der Wirklichkeit zu geben, es sind »konventionelle« Gestalten, welche nur ihren Schöpfern neu erscheinen, weil sie eben zum ersten Mal in deren Phantasie eingetreten sind. Und weil diese »Stoffe« eben mehr der Phantasie, als dem vom Leben erregten Gefühl entstammen, so fehlt ihnen trotz aller realistischen Züge der Stempel ergreifender Wahrheit. Wie die Lyriker Anfangs des Jahrhunderts mit verschwebenden Seelenstimmungen, später mit Weltschmerz »kokettirt« haben, so liebäugeln die Jüngsten zuweilen – nicht immer – mit dem Elend der Massen. Daß aber dabei die echt dichterische Stimmung, bei welcher Geist, Herz und Phantasie als eine Kraft in innigster Verbindung thätig sind, oft fehlt, beweist die Poesielosigkeit mancher dieser Gedichte. Thomas Hood in England, Lachambaudie und einzelne Vertreter der Arbeiterdichtung in Frankreich, Freiligrath; Beck, Gottschall, Jordan u. A. bei uns haben auch solche Stoffe behandelt, aber sie sind dabei doch wenigstens meistens Dichter geblieben, während z. B. Henckell in »Streichholzverkäufer«, »Engelmacherin« und »Mantelnäherin« (Siehe Berliner bunte Mappe 1885. Kamlah) aufhört es zu sein. Aber darin sieht man zugleich, daß diese Stoffe gesucht sind oder höchstens nur das beobachtet wird, was sich auf der Oberfläche zeigt.

Andererseits entsteht aus jugendlicher Unreife der Bombast wie bei Conradi sehr oft. Er selbst gesellt sich (»Licht den Lebendigen«) zu den »Hungernden«.

»Da tret' ich hin und singe meine Lieder,
Ja! Lieder, die ich nicht erkünstelt und erdacht.« –

Er irrt sich, denn er weiß nicht, wie viel »Kunst« in seiner »Empörung gegen Despoten« steckt.

Er schreibt:

»Hei! Wilde Götterlust
Auf dürrem Haidepfad
Dahinzufliegen!
Es dampft das Roß –«

Vor Gericht möchte ich beschwören, daß diese »wilde Götterlust« nur Phantasie sei, wie seine »Empörung«, wie der »That gewuchtge Donnerschläge«, von denen er spricht, wie die »Titanenqual«, wie die Entzückungen der Wollust. Er will nicht betrügen, er betrügt nur sich selbst; ohne es zu wissen, spielt er sich und der Welt eine ungeheuerliche Tragikomödie vor, ist wahr und lügenhaft in Einem.

Ein ähnlicher Zug der Schauspielerei liegt in Arent. Da er die »Modernen Dichtercharaktere« und seine eigenen Gedichte auf eigene Kosten hat erscheinen lassen, und zwar in schöner Ausstattung, so muß er vermögend sein. Darin wie in seiner Jugend liegt nun ein zuweilen komischer Gegensatz zu der Begeisterung für das »Nichts«, zu dem »Jammer des Daseins«, zu den »Leiden ohne Ende«. Man glaubt es nicht recht. Ebenso schauspielermäßig ist's, daß er jeden Augenblick unter anderem Namen auftritt: Arent, Kosakaute, Eugen Düsterhof; wahrscheinlich versteckt er sich auch hinter M. Harald und Theo Weddepol. Es ist geradezu komisch, wenn er als Herr Düsterhof zu einem Gedichte von W. Arent die Bemerkung macht: »Verschiedene Beiträge des Autors gingen leider auf dem Wege zur Druckerei verloren« und ein andermal, wieder hinter der Maske des Herrn Düsterhof, den Lesern mitteilt, daß Wilh. Arent für alle Zeit der poetischen Produktion entsagt habe«. (»Bunte Mappe« S. 109). Was soll dieses Possenspiel?

Ebenso possenhaft ist, daß verschiedene der Jüngsten sich gegenseitig die Vorreden zu ihren Veröffentlichungen schreiben. Conradi schreibt ein Vorwort zu Wilhelm Arents »Aus tiefster Seele« und zu dem »Mod. Dichterchar.«; H. Hart zu Henckells »Skizzenbuch« und Henckell auch zu den »Mod. Dichterchar.« – und einer besorgt den andern die Unsterblichkeit. Dieselben, welche sonst gegen die kritischen Vetterschaften auftreten, haben selbst eine solche »gegründet« und werfen sich die Weihrauchfässer an den Kopf. Als der junge Viktor Hugo in den Vorreden zu den »Orientales« die Grundsätze einer neuen Dichtung entwickelte, versuchte er wenigstens seine Gedanken in geordneter Art vorzutragen, hier aber wird zumeist »georakelt«. Besonders Conradi leistet in diesem Ton Großes. Und auch hier tritt der schauspielerhafte Zug hervor: alles ist »gemacht«, der Verfasser setzt sich, als wolle er sich photographiren lassen für das kommende Jahrhundert. Winternacht. Die Lampe brennt schon trübe; Conradi sitzt in der »Bohémien-Mansarde« am Schreibtisch und im Halbkreise liegen »die Lieblinge seiner Seele«, die Werke von »Goethe, Kleist, Byron, Viktor Hugo, Carducci, Swinburn, Musset, Shakespeare, Dranmor«. Sie alle haben zwar auf dem riesenhaftesten Schreibtisch nicht Platz, ich bin sogar fest überzeugt, daß C. von den meisten nur weniges kennt, aber die »Sache macht sich gut« – sehr kindlichen Seelen gegenüber. In dieser Umgebung hat er die Gedichte seines »Freundes Arent« die ganze Nacht gelesen und schreibt nun im Frührot die Vorrede. Die Gestalt desselben steigt vor ihm auf:

»und ich reiche ihm über Byron, dem subjektivsten aller Poeten, die Hand, nickte ihm zu und – er versteht mich.«

Dann kommt die Verhimmlung des Freundes und zuletzt wieder eine »Pose«. Der Schreiber tritt ans Fenster mit brennenden Augen und öffnet es:

»und (ich) sauge voll Inbrunst den frischen Atem des jungen Tages in meinen schwachen entkräfteten Leib«. Auch darin liegt Koketterie.

Aber noch mehr Bombast spricht aus der Einleitung zu den »Modernen Dichtercharakteren«, welche Conradi »Unser Credo« getauft hat. Es ist ein »Prospekt«, welcher zur Gründung der »neuen Lyrik« auffordert, nach dem Muster der gebotenen Vorbilder. Neu? Ja, vielleicht im Verhältniß zu Jul. Wolff, Baumbach, aber sicher nicht zu den Dichtern der früheren Zeit. Außer den oben genannten deutschen Dichtern haben Heine, Meißner und eine Menge anderer socialistische Lyrik gepflegt, ja sie ist auch von manchen rein handwerksmäßig »gemacht« worden.

Die Jüngsten wollen – nach Conradi – »in freien ungehörten Weisen« zum Volke reden; sie brechen mit den »alten überlieferten Motiven«, singen für den »Fürsten im geschmeidefunkelnden Thronsaal« wie für den Bettler.

Man zeige mir in der ganzen Sammlung ein Gedicht der Jüngsten, welches wirklich »Ungehörtes« ausspricht! Nicht eins ist, welchem ich nicht Aehnliches, ja dasselbe aus der Dichtung allein unseres Jahrhunderts entgegenstellen kann. Das einzig Neue besteht darin, daß die Jüngsten neu empfinden, was die Alten längst empfunden haben, aber nur weiß die Mehrzahl das Letztere nicht und kündigt mit einem schallenden »Ich hab's gefunden!« an – was schon da ist.

»Gleich stark,« schreibt Conradi, »und gleich wahr lebt in Allen, die sich zu diesem Kreise zusammengefunden, das grandiose Protestgefühl gegen Unnatur und Charakterlosigkeit, gegen Ungerechtigkeit und Feigheit – gegen Dilettantismus in Kunst und Leben, gegen brutalen Egoismus – –«

Ja, ist denn das etwas Neues? Haben wir, die mittlere Generation, welche sich den Vierzigern nähert, denn garnichts gethan? Und nichts die Männer vor uns? Sind diese Jüngsten, diese »Stürmlinge und Drängerchen« nicht genährt von dem, was da vor ihnen war, haben nicht viele, zu welchen wohl auch ich mich rechnen darf, schon längst Protest erhoben gegen »Unnatur, Charakterlosigkeit, Dilettantismus und brutalen Egoismus« zu einer Zeit, als Ihr junge Herren noch in Kinderschuhen herumlieft oder garnicht geboren wart? Und wenn Henckell in seinem Vorwort »Die neue Lyrik« über Wolff oder die »Witzbolde« nach 1870 spottet – ist das etwa neu? »Wir,« sagt er, »die junge Generation – – wollen, daß die Poesie wieder ein Heiligtum werde – – wir wollen unsere nach bestem Können gebildete und veredelte Persönlichkeit – – wahr und uneingeschränkt zum Ausdruck bringen. Wir wollen mit einem Worte dahin streben, Charaktere zu sein.« Gewiß ein schönes Wollen – aber will das erst die Phalanx der »Jungen«? Hat vor ihnen wirklich keiner das alles verlangt, keiner darauf hingewiesen, daß Mensch und Dichter einig in sich sein sollen? Das alles ist Widerhall fremder Gedanken und wenn die Jüngsten sich als »Seher« aufspielen, so liegt darin Größenwahn. Der Vorwurf ist nicht unbedacht: kaum einer der Gruppe ist's, der sich nicht der staunenden Mitwelt als Messias verkündete.

Julius Hart nennt sich in »Zu Gott« einen »besseren Prometheus«, welcher die Schale der Gottesliebe über die dürstende Erde ausgießen wird; Conradi preist sich als den »Sohn der Freiheit«; H. Hart sagt (»Meinem Bruder Julius«):

»– – – – – – – –
Dann werden wir Balsam bringen
Jeder Wunde, die fiebernd klafft,
Dann werden mit brennenden Lettern
Unsere Namen wir zeichnen ein
Der Geschichte rauschenden Blättern
Und in der Herzen Schrein.«

Henckell ruft in »Gott segne Dich!«:

»Der Menschheit Heiligtum zu retten
Wall' predigend ich meinen Pfad
Erlösend aus der Selbstsucht Ketten
Mit meines Liedes freier That.«

Das Höchste leistet jedoch Georg Gradnauer (geb. 1866). Er selbst hat (»Mod. Dichterchar.« 299) in der Abteilung »Biographieen« eine kurze Kennzeichnung seines bedeutenden Ichs gegeben. Einige Sätze mögen hier Platz finden:

»Ein moderner Geist durch und durch! Freie Ausbildung jedes Einzelnen gemäß seiner Eigenart zur vollen Entfaltung der individuellen Lebenskräfte! ist seine Parole! – – Dem Künstler gehört die Welt! – – Der Künstler darf, muß alles aussprechen, und sei es noch so unerhört, noch so toll! Die Leidenschaft hat stets Recht, sie darf nie eingezwängt werden; wird sie es, so ist sie ihrer Würde, ihrer Heiligkeit beraubt, verraten und verkauft! – – Als Poet wird G. vorzüglich im Roman thätig sein, wo er einem herzhaften kühnen Realismus huldigt!« Jede weitere Bemerkung ist überflüssig.

Dieser »moderne Geist« hat »Messiaspsalmen« für die Sammlung geliefert. Aus diesen Gedichten hebe ich folgende Stellen hervor:

»Zerreißen fühl' ich alle irdischen Bande,
Ich fühl's, ich weiß's, ich bin geweiht und bin gesalbt,
Bin auserkoren, aufgeweckt zum Heile.
– – – – – – – – – – – – – –
Ich weiß, in mir erstanden ist ein neues Licht.
– – – – – – – – – – – – – –
Ich bringe des Friedens mildlächelndes Antlitz.
Ich komme, ich nahe, zu befreien, zu erlösen!!!

Das genügt.

Ahnen denn diese unreifen Köpfe nicht, daß dieser läppische Hochmut jener Liebe, welche von ihnen anderenorts gepredigt wird, widerspricht? Wer da die echte Liebe erkannt hat, wer wirklich ledig ist der Selbstsucht, wie Conradi, Henckell, Gradnauer von sich behaupten, der überhebt sich nicht in thörichtem Knabenstolz.

Wer echte Liebe gewonnen hat, wird auch die Muse nicht entwürdigen. »Propheten« wollen sie sein, Führer dem Volke und sie schildern die nackte Wollust, wie Arent, oder winden sich im Kampfe zwischen Sinnengier und Sündenbewußtsein; nicht als Dichter, welche über dem Stoffe stehen, sondern von krankhaft erregter und doch matter Begierde durchglüht. Soll das etwa auch neu sein und zu den »ungehörten« Weisen gehören? Das ist hundertmal schon dagewesen, bei allen Völkern fast aller Jahrhunderte. Aber gerade darin zeigt sich auch der ungesunde Zug, welcher in dieser Genialitätsäfferei liegt. Mancher dieser halben Knaben glaubt den Gipfel dichterischer Freiheit erstiegen zu haben, wenn er die Reize einer frechen Dirne frech schildert, wie es mit Vorliebe Arent thut, falls er nicht in das »Nichts« versinken will, und Conradi in einem Prosawerkchen es in noch ekelhafterer Weise gethan hat.

Es war vor 104 Jahren, als ein echter Stürmer und Dränger eine Zeitschrift herausgab »Wirtembergisches Repertorium« (1782). Im ersten Stück S. 216 schrieb er in einer Besprechung:

»Möchten sich doch unsere jungen Dichter überzeugen, daß Ueberspannung nicht Stärke, daß Verletzung der Regeln des Geschmacks und Wohlanstands nicht Kühnheit und Originalität, daß Phantasie nicht Empfindung und eine hochtrabende Ruhmredigkeit der Talisman nicht sei, an welchem die Pfeile der Kritik splitternd zurückprallen.«

Der Name dieses Stürmers war Friedrich Schiller.

Wollte man die Ausschweifungen der Jüngsten zum Stoffe der Satire machen, es wäre ein Leichtes, sie dem Gelächter preiszugeben. Aber die echte Kritik hat eine andere Aufgabe. Talent ist bei dieser Gruppe vorhanden, darum wird trotz aller Strenge Wolwollen zur Pflicht. Wenn aber die ernsteren Geister unter den Jüngsten die Stimme eines ehrlichen Warners nicht hören, das krankhafte Selbstgefühl, die gegenseitige Vergötterung, den Phrasenschwulst u. s. w. nicht in ihrem eigenen Kreise bekämpfen, dann wird das Gute, was in der Bewegung liegt, zu Grunde gehen oder er werden wenigstens einige dieser »Originalgenies« zu Zerrbildern, welche die ganze »Schule« in den Augen aller wirklichen Freunde deutscher Poesie zu einer Gesellschaft von Halbnarren stempeln. Erzieht Euch selbst zuerst; ringt selbst nach einer klaren Weltanschauung; bändigt Eure Triebe, lernt die Zeit selbst erst begreifen, dann mögt Ihr als Lehrer und Führer auftreten!

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