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Herbstfäden

Otto von Leixner: Herbstfäden - Kapitel 26
Quellenangabe
authorOtto von Leixner
titleHerbstfäden
publisherVerlag von Otto Janke
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170428
projectid74c435a0
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Familienblätter.

Immer häufiger begegnet man heute in Tagesblättern und in einzelnen Wochenschriften verurteilenden, ja verhöhnenden Bemerkungen, welche mit mehr oder minder Bissigkeit die Familienblätter verdammen. Durch sie, heißt es, werde der letzte Rest von Geist, welcher noch hier und dort in den Schriftstellern wohne, vernichtet; dieselben schwächen Alles ab, um ja nicht bei einer falschschamhaften Mutter oder Base anzustoßen; alle tieferen Gedanken seien an sich ausgeschlossen, weil man alles für die hochheilige Mittelmäßigkeit der Familienmitglieder zustutzen müsse.

Es giebt schließlich kaum eine derartige Behauptung, in welcher nicht ein Halm Wahrheit enthalten wäre – aber man täuscht sich in dem Glauben, aus diesem Halm einen Scheffel Körner ausdreschen zu können; das Zuschlagen allein thut es nicht. Am lautesten ertönt die Klage aus dem Munde einiger »Naturalisten«, welche die Wahrheit nur dort sehen, wo Schmutz geknetet wird, denen die gemeinen geschlechtlichen Beziehungen als höchster Stoff der Erzälungskunst erscheinen und die Gefallene oder die Ehebrecherin als das einzig schilderungswerte Weib gilt. Während sie sich den Anschein geben, als seien sie die Entdecker dieses »Stoffs«, trotten sie doch nur den »nie genug bewunderten Franzosen« nach und werden zumeist nur noch plumper und verletzender.

Andererseits findet man unter den Verdammern der Familienblätter solche Schriftsteller beider Geschlechter, die mit Vorliebe religiöse und gesellschaftliche Stoffe vom Standpunkte der entschiedensten Verneinung alles geschichtlich Gewordenen behandeln. Manchmal sind es sonst ganz wolgesinnte Menschen, welche dem Glauben leben, daß sich die Menschheit in ihren verschiedenen geschichtlichen Erscheinungsweisen – Familie, Volk, Staat und Kirche – nach irgend einem abgezogenen Begriff leichtlich umgestalten ließe. Sie bilden sich ein, man könne alle Ketten von Ursache und Wirkung, welche seit Jahrtausenden sich Glied an Glied gefügt, mit einem bloßen Begriff in Nichts verwandeln und ganz neue Ursachen für eine funkelnagelneue Welt aus dem Nichts erschaffen. Diese Menschen besitzen zuweilen Herz, oft Verstand, aber die Vernunft fehlt ihnen.

In ihnen prägt sich auch ein bis jetzt wenig beachteter Widerspruch der Zeitbildung aus: einerseits will man alles Seiende in Natur und Geist durch das Werden begreifen, also geschichtlich erklären, und stellt den Grundsatz der Entwickelung als obersten Leitgedanken hin, andererseits leugnet man ihn und will Alles voraussetzungslos aufbauen.

Bei schärferer Untersuchung der Ansichten dieser Gegner der Familienblätter zeigt sich, daß dieselben mit wenigen Ausnahmen Ergebnisse der gewöhnlichsten Halbbildung oder Verbildung sind.

Was sollte es nun nützen, wenn man die Werke dieser Gruppen von Schriftsteller in die deutsche Familie brächte? Einerseits käme man damit unsittlichen Regungen entgegen oder streute man Keime solcher aus, andererseits würde man nur die leider schon so verbreitete Halbbildung und den Zweifel an allem Bestehenden noch vermehren. Das aber sind Gifte, welche von der Halbeinsicht aus allmälig den ganzen Geist in Mitleidenschaft ziehen und oft sein Gefüge ganz zerstören.

Unsere Familienblätter haben unstreitig viele Mängel, als deren größten ich die innere Zerfahrenheit bezeichnen möchte. Die Herausgeber suchen einander an Vielfältigkeit zu übertreffen; von Allem, was war und ist, werden jedesmal Stückchen geboten, Stückchen, aus welchen sich nie und nimmer ein Ganzes machen läßt. Sehr oft kommt es vor, daß ein Aufsatz aus plattmaterialistischen Ansichten hervorgegangen ist und ein zweiter vielleicht aus dem Anschauungskreis irgend eines kirchlichen Bekenntnisses. Ueberall spielt innerlich die Zerrissenheit der Zeitbildung hinein und nur der Zufall bestimmt den Inhalt der Hefte – der Leiter lebt, so zu sagen, nicht in allen Beiträgen, er hat kein Ziel, keinen andern leitenden Gedanken bei der Wahl der Beiträge, als recht viel Abwechslung zu bieten. So nehmen die Leser ein buntes Allerlei in sich auf, welches den Geist nicht zur Einheitlichkeit, sondern nur zur Zerstreuung führt, ihn entwöhnt, nach einer bestimmten Richtung sich zu vertiefen. Für die inneren Bedürfnisse der Herzen sorgen die wenigsten der Familienblätter und so bilden sich auch so selten tiefere Beziehungen zwischen Lesern und Blatt.

Eine andere Ursache der Zerstreuung ist das Uebermaß an Bilderschmuck, welches die Leser zu Beschauern macht. Das Wort läuft in manchem Blatte als unumgänglicher und doch überflüssiger Begleiter mit, welcher das Bild zu erklären hat und für sich selber oft gar nichts bedeutet. Aehnlich wie in Ausstattungsstücken will man sehen und immer mehr sehen und liebt es, sich einlullen zu lassen. Das ist eine Gefahr, gegen welche die Vernünftigen auftreten sollten, wo und wann es geht, das ist ein Verderb für Schriftsteller und Leser.

Also nicht das »Familienhafte« der Unterhaltungsblätter ist zu bekämpfen, im Gegenteil, es sollte gepflegt und unterstützt werden.

Die Familie ist nicht nur Grundlage des geschichtlich gewordenen Staates, sondern sie ist eine notwendige Bildung aus dem tiefsten Wesen des Menschengeistes heraus; sie ist nicht nur eine aus physischen Ursachen entstandene Atomgruppe, sondern eine sittlich-religiöse Gemeinschaft. Mögen diejenigen, welche sich so selbstbewußt »freie Geister« nennen, in ihr und der Ehe bloße Zwangsanstalten sehen, welche zu Gunsten einer »höheren« Entwickelung fallen müssen, mögen sie wegen der augenblicklich ja leider vorhandenen Erschütterung des Familienlebens sophistisch die Ueberflüssigkeit der Einrichtung behaupten: alle ihre Freigeisterei ist nicht im Stande, die Quellen zu verschütten, aus welchen sich die Familie nährt. Und bräche, wie Feuer aus der Erde, Alles, was an verderbenden Kräften in der neuzeitlichen Menschheit lebt, auf einmal hervor und vernichtete es das Bestehende, aus den Trümmern hervor müßte sich die neue Gesellschaft wieder aufbauen auf Grundlage der Familie, als auf der Urzelle der Liebe, als auf der Schule, in welcher der sittlich-religiöse Mensch, vornehmlich durch die Mutter, die erste Mitgift des geistigen Menschentums erhalten soll.

Ich leugne es nicht: gar oft ist's nicht der Fall. Gar oft haben nur äußere Gründe den Ehebund gestiftet; gar oft wird die Familienliebe zur verknöcherten Familienselbstsucht, gar oft ziehen unerzogene Eltern unerzogene Kinder heran, welche nicht ahnen, daß die Familie Schule jener Selbstentäußerung sein müsse, auf welcher nicht nur die sittliche Freiheit des Einzelnen, sondern auch die Erlösung der Menschheit ruht.

Mag aber auch immerhin das Familienleben tiefe Schäden aufzuweisen haben, noch ist die Mehrzal der Gruppen ein sittlicher Verband, noch wird von der Mutter die Liebe zu Gott und den Menschen gelehrt, noch waltet der Vater als Haupt, als die dem Liebesgedanken eingeborene Vernunft, noch lehrt er die Pflicht, noch hängen die einzelnen Glieder innig zusammen, ohne deshalb das Herz den Leiden und Freuden der anderen Menschen zu verschließen. Besonders im Mittelstande (aber auch unter den Reichen und Armen) findet man unzälige solcher Familien, in denen Herzensbildung noch nicht von kaltem Verstande vernichtet ist, wo man die sittlichen Gedanken ehrt, ohne deshalb vor jedem derberen Worte zu erschrecken, wo man nicht nur die Posse der Schein-Anständigkeit spielt, sondern wirklich anständig ist und deshalb das Unreine, Lüsterne oder Scheinsame von sich weist..

Und diese große Gruppe von Lesern, sollte die nicht das Recht haben, zu fordern, daß man ihrem Unterhaltungsbedürfniß entgegenkomme? Sollte sie nicht verlangen dürfen, daß man ihre sittlich-religiösen Leitbilder achte, daß man durch Hinweis auf das Bleibende und Wesentliche ihr Herzensbedürfniß befriedige? Liegt in der Abweisung des innerlich Schmutzigen falsche Scham, des Zerrissenen und Halben etwa Mangel an Bildungsstreben?

Es mag sein, und es ist oft so, daß diese Kreise vielleicht für das Höchste der Kunst nicht immer das richtige Verständniß haben – aber wo ist das heute überhaupt? Etwa bei denjenigen, welche am liebsten »naturalistische« Schweinereien lesen oder am liebsten französische Lustspiele sehen, die fast allen sittlichen Gefühlen Hohn sprechen? Ich vermochte es bis jetzt auch dort nicht zu finden.

Wenn die höchste Kunst, wie es bis jetzt die Werke der größten Künstler bewiesen haben, von Homer, Aeschylus und Sophokles an, ihre tiefsten Wurzeln im ethischen Boden hat, ist dann das Reine etwa ein Hemmniß der Kunst? Und wenn jedesmal, wo die Kunst verfiel, das Geschlechtliche sich hervorgedrängt hat, ist's heute etwa ein Beweis von Höhe der Kunst, wenn die natürlichen Beziehungen zwischen Mann und Weib den Hauptstoff derjenigen bilden, welche im sogenannten »Naturalismus« etwas Erlösendes erblicken? Und selbst wenn einige davon zuletzt den sittlichen Gedanken siegen lassen, so zerren sie doch vorher den Leser durch allen Schmutz des Lasters und schildern dieses so genau, mit solcher unbewußten inneren Verwandtschaft, daß ihre Bücher trotz der »moralischen« Nutzanwendung die Einbildungskraft vergiften.

Ich leugne es nicht, daß viele Familienromane durch die Auffassung der Welt falsche Anschauungen verbreiten können, daß sie zuweilen in zuviel Licht getaucht sind, überall nur reine und edle Beweggründe hervorheben und dadurch das Abbild des Lebens fälschen. Wenn das aber mit Wärme und Begabung geschieht, so schadet es doch gewiß weniger, als jene Darstellungen, welche als einziges Triebrad des Lebens nur das Gemeine und Schlechte hinstellen. Vater und Mutter, welche die Erziehung in vollem Ernst auffassen, sind die natürlichen Lehrer des jungen Geschlechtes: sie sollen deshalb bei aller Sorge um die Reinheit der Seelen ihnen mit milder Hand den Schleier vom Auge ziehen, sie lehren, daß nicht Alles im Weltleben rein und selbstlos geschehe. Nur mit ähnlicher Gesinnung der Liebe darf es auch im Familienblatt, welches mehr als nur unterhalten, welches Freund der Leser werden will. Nicht Prüderie soll es unterstützen, aber die echte Scham keuscher Seelen; zeigt es auch das Laster, so muß von Anfang an auch dessen Selbstzerstörung dargelegt werden.

Die Leitbilder des Volksgeistes, die hohen Gedanken, welche den Menschen im Gewirre ringender Lebenskräfte stärken, ihn im Unglücke aufrichten können, in hellem Glanze vor die Geister zu führen, selbst im heitern Scherze sie nicht zu vergessen; echte Bildung des Herzens zu fördern: das scheint mir die Aufgabe eines wahren Familienblattes zu sein. Und wenn es diesem Ziele nachstrebt, dann kann es die Spottgewitter der Gegner ruhig über sich wegbrausen lassen: sie verfügen ja da nur über gemalte Blitze.

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