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Herbstfäden

Otto von Leixner: Herbstfäden - Kapitel 20
Quellenangabe
authorOtto von Leixner
titleHerbstfäden
publisherVerlag von Otto Janke
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170428
projectid74c435a0
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Öffentliches Leben. Literatur.

Es ist sehr leicht, alle Mißstände der Zeit zu einem Gesammtbilde zu vereinigen und dann über die Welt zu schmähen. Man gewinnt damit sogar große Erfolge, denn es giebt eine Unzahl Menschen, besonders unter den Halbgebildeten, denen es einen Genuß bereitet, sich die Welt verekeln zu lassen. Aber dieses Bestreben ist thöricht und gefährlich zugleich. Wer bessern will, soll nicht den Pessimismus nähren, denn derselbe macht die meisten Menschen willensschwach, oder er mehrt jene Umsturzstimmungen, welche glauben, daß die Vernichtung des Bestehenden die einzige Hülfe sei. Auf die Keime des Besseren, auf die Urquellen der Menschheitserneuerung unablässig hinzuweisen, ist eines echten Menschenfreundes würdiger, es ist auch weiser und mehr segenbringend.

*

Gemüt und Vernunft sehen die Dinge von ihrem Standpunkte aus. Jedes irrt, wenn es glaubt, daß sich von diesem aus überhaupt das Ganze wahrnehmen lasse. Es sind nur zwei Seiten desselben Dinges, oder strenger erfaßt, dasselbe Ding auf zwei verschiedene Arten wahrgenommen. Dringen wir noch tiefer, so erfahren wir, daß wir vom Dinge selbst nichts gewiß wissen, als die Wirkungen, welche es in irgend einer Art auf uns ausübt. Also sehen wir auch nicht, wie wir wohl meinen, zwei Seiten des Dinges, sondern nur zwei verschiedene Wirkungen desselben in uns selbst. Diese Thatsache sollte uns im Urteil bescheiden und vorsichtig machen.

*

Die Natur im weiteren Sinne widerstrebt nicht nur der unterschiedslosen Gleichheit der Einzelnen, sondern auch der Völker. Klima und Land lassen sich nicht künstlich ändern, ihre Einflüsse sind langsam aber sicher wirkend und stellen immer wieder Veränderungen fest, welche auf den Geist einwirken und Anschauungen erzeugen, wie sie eben nur auf dem bestimmten Boden gedeihen können. Werden auch gewisse Gedanken allmälig Eigentum der ganzen gebildeten Welt, so kann doch die Empfindungsweise nicht über einen Leisten geschlagen werden, da sie von Natur und Geschichte mitabhängt.

*

Es beweist einen großen Mangel an geschichtlichem Sinn, wenn man Einrichtungen, welche in irgend einem Volke entstanden sind, einem anderen aufdrängen will. Einmal in fernen Jahrhunderten wird sich wol vielleicht die Einheit des Menschengeschlechts in gewissen Grenzen erreichen lassen, jetzt aber ist sie noch eine Unmöglichkeit. Darum sündigen Alle am Wol des eigenen Volkes, welche zu Gunsten eines verschwommenen, geschichtwidrigen Weltbürgertums den nationalen Geist mißachten, mit fremdem Maßstab messen, was nur mit dem eigenen gemessen werden darf. Aber ebenso sündigen jene, welche einen beschränkten Vaterlandsgeist pflegen, und ihre Nation durch Verachtung der andern hochzustellen bemüht sind.

*

Alles, was wirksam ins Leben eintritt, hat seinen Ursprung in der Welt des Gedankens. Die größten Revolutionen waren geistig vollzogen, ehe sie die Massen bewegten. Aber diese Erfahrung ist auch ein großer Trost für alle Verfechter reiner Gedanken. Es gilt dem Denken und Fühlen eine neue Richtung zu geben, dann folgt das Leben nach. Leider verkörpern sich Irrtümer auf die gleiche Weise.

*

Der »Hypnotismus« ist uralt. Jede »Mode«, sei es nun eine der Kleidung, des Betragens, des Denkens oder Empfindens macht die Mehrheit der Menschheit hypnotisch, d. h. sie verlieren ganz ihren eigenen Willen und tun das Blödsinnigste, als sei es vernünftig, wie sie denn auch das Vernünftigste tun ohne Vernunft – rein unter dem Zwange einer Art von Hypnose.

*

Jede Idee bedarf, um in dem Klima unserer Welt leben zu können, ein Kleid, welches sie, eine umgekehrt wirkende Tarnkappe, sichtbar macht. Niemals aber im Laufe der Geschichte sind vielleicht so viel Gedanken nackt herumgelaufen, wie heute. Geschneidert wird ja in den Werkstätten aller politischen, wissenschaftlichen und religiösen Parteien sehr viel, aber der Liebe Müh' ist bis heute noch umsonst gewesen. Wenn ein Anzug fertig ist, jubelt man, der Gedanke schlüpft auch wirklich bei einem Aermel hinein – leider aber entschlüpft er durch den andern.

*

Es giebt wenige Worte, mit welchen so viel Schwindel getrieben wird, wie mit dem Ausdruck »das Allgemein-Menschliche.« Im Grunde ist's nur das »Tierische« in der Menschennatur, was vorläufig noch »allgemein« ist. Alles Höhere, was uns über den Mechanismus des äußeren Weltlaufs erhebt, ist heute nur das Eigentum Einzelner und sehr langsam rückt die große Menge nach.

*

Duldsamkeit bezeichnet gewiß einen hohen geistigen Standpunkt, wenn sie in der Ueberzeugung gründet, daß die ganze Wahrheit nur Gottes sei. Gar oft, heute vor allem, wurzelt sie in Gemütsleere und in der Gleichgültigkeit allem Hohen und Edlen gegenüber. Dann aber ist sie ein Verbrechen.

*

Gar viele, ja vielleicht alle Menschen, welche über sich keinen Herrscher dulden wollen, kämpfen gegen ihn nur, weil sie selber gerne an seiner Stelle herrschen möchten. Sie fühlen sich von der Ungleichheit gedrückt, so lange dieselbe nicht zu ihren Gunsten besteht.

*

Unsre Bildungsvereine sollten eigentlich Halbbildungsanstalten heißen. In jedem Winter führen sie den Mitgliedern ein Dutzend berühmter oder unberühmter Herren vor, welche ein Dutzend Brocken aus einem Dutzend Wissenschaften zum besten geben. In der ersten Woche behandelt Einer in einer Stunde alle Grundgedanken der Volkswirtschaft; in der nächsten wird der Mond besprochen, dann kommen die Negerstämme, das Anilin, Goethe's Faust, die Ueberbürdung in den Mittelschulen, Kants Ideen, der Vegetarianismus, Michel Angelo u. s. w. Und so geht's Jahr für Jahr, lauter Brocken und keine gesunde nährende Schüssel, lauter Trümmer und nichts Ganzes. So wird eine Scheinbildung gewonnen, welche einem Narrengewande gleicht: eine Jacke aus bunten Flicken und mit vielen Löchern, durch welche der Phrasenwind pfeift. Und die Leute tragen sie mit einem Selbstbewußtsein, als wäre es ein Königsmantel.

*

Mode.

Modernste Bildung sich zusammensetzt
Aus Worten, die zu Tode man gehetzt.

*

Auch Gedanken lassen sich fangen, wenn man den richtigen Köder in die Fallen legt. Dieser einzige Köder sind Gedanken.

*

Wechsel.

Mancher Lehrsatz, den mit Achtung
Vormals ich gelesen,
Ist bei näherer Betrachtung
Leerer Satz gewesen.

*

Jeder junge Mensch von Begabung und Einbildungskraft, glaubt sich einige Zeit seines Lebens zum Reformator auf seinem Gebiete bestimmt. Wenn die Ideale aller dieser Hitzköpfe sich erfüllten, so wäre die Welt schon lange ein Himmel oder ein Narrenhaus. Ich glaube eher: das Letztere.

*

Auch eine »Weltanschauung«.

»Das Beste ist zum Zeitvertreib
Ein Fläschchen guter Wein
Dabei noch ein gefällig Weib,
Und, um zu hindern Blutes Stauung,
Geregelte Verdauung.«

*

Gefährliche Mischung.

Die Menschheit läßt sich selten lang betrügen,
Drum schaden selten nur die großen Lügen;
Es bringt zuweg die allermeiste Wirrniß
Ein Wahrheitskorn in einem Scheffel Irrniß.

*

Vor über hundert Jahren haben die sogenannten »unumstößlichen« Wahrheiten der Naturwissenschaften ganz anders gelautet, als heute; in nochmals hundert Jahren werden sie wieder anders lauten und kaum Jemand wird noch die jetzt bewunderten Verkündiger derselben kennen. Und dennoch fordert man, daß diese für unser ganzes inneres Dasein bestimmend sein sollen. Das ist der gefährlichste Irrtum des Verstandes, leider ein heute so verbreiteter, daß man für einen Narren hält, wer ihn nicht teilt.

*

Der Materialist ist ein zweidimensionales Wesen: er kann sich weder in die Höhe erheben noch in die Tiefe dringen. Aus Dünkel leugnet er beide und dehnt sich nur in der Fläche aus.

*

Den Materialisten.

1.

Sie wollten zeigen, daß kein Geist besteht,
Und ihrer Bücher Inhalt es beweist:
Geschrieben sind sie gänzlich ohne Geist.

2.

»Philosophie wird abgeschafft,
Es giebt ja nichts als Stoff und Kraft!«
Und schließlich krochen sie doch alle
In des Abstrakten Mausefalle,
Und nährten sich – fragt nur nicht wie! –
Von Krumen der Philosophie.

*

Den Pessimisten.

I.

Ich schaue heut so manchen Weisen mit Behagen
Und Fleiß nach seinem eignen dunklen Schatten jagen.
Er läßt auf seinen Rücken nur die Sonne scheinen,
Damit er sie mit halbem Rechte kann verneinen.

II.

»Wollt Ihr das Weltleid tödten gleich im Ganzen,
So hört nur einfach auf, Euch fortzupflanzen.«
Die Weisheit er verfocht mit Seel' und Leib,
Dann ging er hin – und nahm ein reiches Weib.

III.

»Der Weltprozeß« sagt mancher von der Zunft,
»Hat Ziele nicht und nicht Vernunft.«
Doch wenn die Herren auf diesen Satz sich steifen,
Was mühn sie sich den Unsinn zu begreifen?

IV.

Ihr wollt, es soll die Welt sich schwingen
Nach Eures Todtentanzes Noten,
Und Lenz und Lachen, Licht und Liebe,
Habt »systematisch« Ihr verboten.

Doch ganz umsonst ist Euer Grollen,
Ihr mürrisch-finstern Weltleidspächter:
Euch lohnt mit jedem neuen Lenze
Der jungen Rosen Spottgelächter;

Die Lerche trägt es lustig weiter
Und giebt's den lichten Strahlen wieder.
Und doppelt freudig schaut die Sonne
Zu der geliebten Erde nieder.

*

Man nennt die Literatur oft »Spiegel der Zeit« – es kann aber auch ein Hohlspiegel sein, welcher Gedanken und Gefühle verzerrt wiedergiebt. Das gilt heute vornehmlich von den meisten Erzeugnissen der Schriftsteller der großen Städte. So flach und gedankenlos, so bar an idealem Sinn, wie diese uns das Leben der Gegenwart in Romanen und Bühnenstücken zu zeichnen pflegen, ist es doch nicht. Ein ärmlicher Trost, aber immerhin besser, als keiner.

*

Die sogenannte gute Gesellschaft unsrer Großstädte ist der schlechteste Platz für ganze Dichter. Darum halten sich die halben so gern in ihr auf.

*

Ein Buch, welches nicht unser Freund werden kann, dem wir nicht vertrauen können, als sei es eine lebendige Person, das ist selten viel wert. Die meisten gleichen aber den Straßenbekanntschaften: man hat sie vergessen, wenn man ihnen den Rücken kehrt und weiß eine halbe Stunde später nicht mehr, was sie uns gesagt haben.

*

Wer heute als Schriftsteller der Wahrheit dient, hat eine Elephantenhaut nötig. Und mag er auch noch so viel Duldung im Tadel walten lassen, die Menschen sind so krankhaft empfindlich, daß sie den Nadelstich, welcher sie aus der trägen Gedankenlosigkeit aufwecken soll, für einen Dolchstoß halten, und den der Grausamkeit bezichtigen, der es mit ihnen gut meint. Der »private« Mensch kann sich durch Schweigen schützen, der Schriftsteller aber nicht. Ihm bleibt als einzige Waffe die Ironie – diese aber ist leider doppelt geschliffen und verwundet oft den Kämpfer selbst.

*

Der Dichter kann uns nur Gedanken schenken
Die mit ihm auch wir selber denken;
Was wir nicht selbst gedacht schon und gelebt,
Als Klang an uns vorüberschwebt.

*

Das Scheinsame wirkt immer rascher als das still und ruhig Leuchtende. Dem ersten läuft die Menge nach und beginnt darum zu kreisen, bis es verlischt, – dann stiebt die Schaar auseinander, um nach einem zweiten Irrlicht Ausschau zu halten. Langsam nur zieht das von innen Erhellte an, aber es weist dem Angezogenen feste und bleibende Bahnen an.

*

Manchen »Jüngsten«.

I.

Eh' Ihr Euch selbst vergottet
Mit tollgewordenen Phrasen,
Und all der Aelteren spottet:
Putzt Euch die Nasen.

II.

Wenn sich durch Jahre weiterspinnt
Die heut schon übliche Geschichte,
Schreibt nächstens noch ein Wickelkind
Das Vorwort für Babys Gedichte.

III.

Das Urtheil still der Zukunft lassen,
Das mag den echten Dichter zieren,
Doch nicht, mit weibischen Grimassen
Mit ihr zu kokettiren.

IV.

Bruchstück aus dem Leben eines Genies.

Er war von je ein Wunderkindel,
Hat jambisch nach der Milch gewinselt
Und schon die allererste Windel
Mit einem Stimmungsbild bepinselt.

V.

Rührendes Schauspiel.

Es ist gar schön, wenn Null die Null bewundert.
Als ob sie beide gälten Hundert.

*

Trost für Dichter.

Wenn Euch der Lorbeer heut nicht ziert,
Gebt Eure Sache nicht verloren,
Ihr werdet später kommentirt
Von Zukunftsprofessoren.

*

Manche unserer beliebtesten Schriftsteller sind Meister in der Kunst, sich in den Lichtkreis eines fremden Geistes so zu stellen, daß man sie für selbstleuchtend hält.

*

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