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Herbstfäden

Otto von Leixner: Herbstfäden - Kapitel 18
Quellenangabe
authorOtto von Leixner
titleHerbstfäden
publisherVerlag von Otto Janke
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170428
projectid74c435a0
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Herz und Haus.

Das Herz giebt die Satzungen der Liebe, jene der Gerechtigkeit giebt die Vernunft. Wie es für den Einzelnen Ziel der Selbsterziehung ist, die Gebote beider in Einklang zu bringen, so ist's auch das Ziel echter Gesittung der Menschheit. Heutzutage ist noch vieles scheinbar Vernünftige herzlos und vieles, was man als Ergebniß der Liebe betrachtet, unvernünftig.

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Die erste Liebe ist fast immer ein Zaubermärchen, welches die Phantasie dem Herzen erzählt – es horcht mit frommer Gläubigkeit und zuletzt vergießt es Thränen, weil sich die Sterne nicht mit Händen greifen lassen.

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Man sagt zuweilen, es gäbe kein Kennzeichen der rechten Liebe; ich glaube aber doch eins zu kennen. Wenn man sagt: »Ich bin geliebt«, so ist's noch nicht das Rechte, erst wenn man aus tiefstem Herzen hinausjubelt: »Ich liebe« – dann hat die Sache ihre Richtigkeit, denn dann spielt geschmeichelte Eitelkeit nicht mehr mit.

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Kennzeichen eines liebevollen Herzens ist, daß es dauernde Wärme ausstrahlt; der allein geistvolle Mensch blitzt nur.

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Der Drang zu lieben ist bei dem Weibe so stark, daß es im Stande ist, sich mit Leib und Seele und bis zum Tode einem Manne hinzugeben, welcher ihre Neigung nur annimmt, aber nicht erwidert.

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Eine Frau von echt weiblichem Gemüt wird niemals alt. Glücklich ist der Mann, der eine solche sein Eigen nennt und sie versteht.

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Bist Du dem Feind selbst mild gesinnt,
Verfliegt oft Haß, wie Rauch im Wind.

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Der echte Herzenstakt ist nichts Anderes wie die Liebe im Alltagsverkehr. Er nimmt an Allem warmen Anteil, an Leiden und Freuden der Andern, er weiß, ohne zu denken, welcher Ton ihnen woltun werde, was er zu sagen, was zu verschweigen habe. Dazu gehört auch Selbstlosigkeit. Der Selbstling, sei er noch so »formvoll«, wird diesen Herzenstakt nie gewinnen. Die größten Genies desselben sind herzensadelige Frauen; wir Männer sind darin bestenfalls »nachempfindende Talente«.

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Das Herz eines treuen Menschen gleicht dem Eichbaum im Winter. Wie der auch die längst vergilbten Blätter noch festhält, so hegt auch dieses jegliche Erinnerung bis in die Winterzeit des Lebens.

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Die unangenehmste Menschengattung ist die der lauen Freunde. Man weiß nie genau zu bestimmen, wo die Wahrheit ende und die Lüge beginne. Man will ihnen nicht Unrecht tun und traut ihnen doch niemals ganz. Dadurch kommt man in eine widrige Zwitterstellung und denkt sich schließlich: »Mensch zeige dich doch endlich einmal als wahrer Schuft, damit ich dich für immer zum Hause hinauswerfen kann!«

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Ein holländisches Wahrwort sagt, daß selbst in dem weisesten Manne ein kleiner Geck stecke. Der Köder, mit welchem man diesen herauslockt, ist die Schmeichelei, wenn die grobe nicht, so die feine. Die feinste und gefährlichste ist bewundernde Liebe. Sie vermag selbst einen Helden an Weisheit für Augenblicke zur Selbstbespiegelung zu verleiten.

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Nichts kann die Entwicklung unseres Geistes so günstig beeinflussen, als der Verkehr mit einem alten Manne, welcher von einem inhaltsreichen Leben gelernt hat, liebevoll und doch leidenschaftslos dem Gewirre der Meinungen – und unsere »Wahrheiten« sind selten mehr – gegenüber zu stehen. Für die Bildung des Herzens aber ist noch mehr wert der Verkehr mit einer feinsinnigen, herzenswarmen Greisin. Auch der edle Mann wird oft mit der Zeit sein Vermögen an Liebe einbüßen, die edle Frau selten. Das echte Frauenherz ist jedenfalls mit einem größeren Grundkapital dieses Vermögens ausgestattet und kann nicht aufhören Liebe zu erweisen.

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Schwer ist's eine große Tat der Aufopferung zu vollbringen und sein Leben für einen Gedanken hinzugeben. Schwerer aber noch, durch viele, viele Jahre sich stückweise zu opfern. Das erstere entspricht mehr dem Manne, das letztere dem Weibe.

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Ein gefallsüchtiges Mädchen ist der Wintersonne zu vergleichen; auch diese stralt, glänzt – und wärmt nicht; doch auch mit dem Monde hat es Aehnlichkeit, weil es die Kunst versteht, vor dem Beschauer die schlechtere Hälfte immer zu verstecken.

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Es ist nicht immer ein Zeichen von Putzsucht, wenn eine Frau eine läppische Mode mitmacht, wie z. B. die »Tournüre«, welches Wort man mit »Affensattel« verdeutschen könnte. Manche trägt sich verrückt aus Bescheidenheit, um ja nicht aufzufallen, so wie andre der Mode Hohn sprechen, weil sie eitler sind, als alle Mitschwestern zusammengenommen.

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Sehr gefallsüchtige Frauen sind sehr selten lasterhaft: gewöhnlich wollen sie nur ihre Mitschwestern ärgern – und es gelingt ihnen auch zumeist.

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Die unangenehmste Sorte von Weibern sind die Gemütskoketten. Sie liebäugeln mit allen großen und weichen Gefühlen und besitzen die Gabe jetzt mit einem zu schwärmen und im nächsten Augenblick mit dem andern zu weinen. Und beides nur zu ihrer Unterhaltung, denn ihr Herz hat damit nichts zu schaffen.

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Mit Fürsten, Millionären und Schwiegermüttern verkehrt man zumeist am besten in mittlerer Entfernung. Es giebt aber auch Ausnahmen – sogar bei den letztgenannten.

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Die Frau, welche mit Leidenschaft das alleinige Recht der Stricknadel, des Staubwedels und des Kochlöffels verteidigt, und diejenige, welche ihrem Geschlechte ebenso leidenschaftlich die volle Gleichberechtigung mit dem Manne erringen will, sind beide verwandter, als sie zugestehen dürften. Beide verteidigen einen äußersten Standpunkt, beide lassen sich mehr vom Gefühl, als von der Vernunft leiten und keine von beiden läßt sich davon überzeugen, daß sie zuweit gehe.

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Ein Schriftsteller hat die Ehe mit einer schönen friedlichen Insel verglichen, welche den Mann nach den Kämpfen auf dem Meere des öffentlichen Lebens aufnimmt. Der Vergleich erklärt auch, warum so viel schiffbrüchige Männer heute auf ihr eine Zufluchtsstätte suchen. Schöner wird diese Insel durch diese Gestrandeten leider nicht, welche, bildlich gesprochen, wie Odysseus nackt, das heißt mit leeren Taschen, ans Ufer geworfen werden und nun die erbtöchterliche Nausikaa suchen, um sich von ihr »ausstatten« zu lassen.

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Wer aus Selbstsucht heiratet, ist vor dem höheren Richter ein Verbrecher: er mordet die Seele seines Weibes und betrügt es um das große Glück, sich Eins zu wissen mit demjenigen, welchem es sich ganz hingegeben hat. Aber er raubt auch den Kindern den Einklang des Geistes und Herzens. Aus unglücklichen Ehen gehen selten glückliche Kinder hervor.

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Zwei Dinge hier auf Erden
Zum Weinen traurig sind:
Vom Wurm zerstörte Blüte
Und ein verdorbnes Kind.

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Die ersten zarten Blättchen im Lenze haben etwas unsagbar Rührendes. Sie wirken auf uns, wie ganz kleine schlafende Kinder; man möchte sie zärtlich streicheln und getraut es sich nicht, aus Furcht sie aus dem Schlummer zu wecken.

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Wenn man Kinder betrachtet, wird oft im Herzen ein wehmütiges Gefühl lebendig. O warum kann man nicht alle mit Leiden erkämpfte Erfahrung ihnen ganz in Leib und Seele hinüberleiten! Einiges vielleicht erspart man ihnen, das Meiste aber nicht: thöricht müssen sie sein auf eigene Faust, um auf eigene Faust weise zu werden; müssen irren und sündigen, um die Wahrheit und die Erlösung an sich selbst lebendig zu erfahren. Und sie werden auch einmal, die Hand auf lieben Häuptern, den Blick in ahnungslose Kinderaugen gesenkt, flüstern: »Warum kann ich Euch so wenig von dem ersparen, was das Leben bringen wird?«

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Hast Du Kinder, so vergiß nie Eins: Furcht und Achtung lassen sich erzwingen, aber niemals die Liebe. Diese ist ein freies Geschenk auch des Kinderherzens, welches Du nur erringen kannst, wenn selbst Dein ernstes, strafendes Wort mit Liebe verbunden ist.

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Es giebt manche junge Mutter, welche klagt, wenn man fordert, sie solle sich den Kindern widmen. »Bin ich denn ein Kindermädchen?!« rufen solche Frauen dann beleidigt aus. Nein, kein Kindermädchen, sondern eine Seelenbildnerin. Kann es einen vornehmeren Beruf geben? Und einen größeren Leichtsinn, als diesen kostbaren Stoff, die Seele, Pfuscherhänden anzuvertrauen?

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Die Mutter ist in der Erziehung der wichtigere Teil, da ihr die Bildung des Gemütslebens obliegt. Das weibliche Geschlecht zum herzerziehenden Teile der Menschheit zu machen, wäre die köstlichste Aufgabe der »Frauenfrage« – dafür aber modelt man es zu »höheren Töchtern«, welche etwas singen, etwas spielen, etwas malen, und von Allem etwas wissen, aber ratlos der Menschenknospe gegenüberstehen, welche Gott in ihre Hand gelegt hat.

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Man spricht mit Unrecht von einer »Erziehungswissenschaft«. Wohl vermag man sich gewisse Sätze eigen zu machen oder ganze Lehrgebäude, aber dadurch wird man ebensowenig ein Erzieher, als man Maler wird durch Kenntniß der Satzungen der Farbenperspektive. In der Erziehung kommt alles an auf das stetige Zusammenleben beider Teile, auf den Wechseltausch von Einbildungskräften, Herzen und Gedanken. Es giebt nur eine Erziehungs kunst. Leider herrscht auf diesem Gebiete die Kunstspielerei.

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Den Mann im Kinde zur vollendeten Einheit zu gestalten, ist von Millionen Elternpaaren einem vergönnt. Darum kann es auch nicht als Ziel der Erziehung hingestellt werden. Dieses ist: die Kinder so zu leiten, daß sie einmal sich selbst erziehen können und das Werk dort fortführen, wo Vater und Mutter es aufgeben mußten.

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Es gehört viel mehr Geist zu einer musterhaften Gattin und Mutter als zu einer gelehrten Frau.

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Was den männlichen Geist nährt, kann den weiblichen krank machen, und umgekehrt. Darum ist's ein verhängnißvoller Irrtum der Zeit, wenn die Bildung des Mädchens zu einem Abklatsch der Jünglingsbildung gemacht wird. Einzelne Ausnahmen stoßen die Regel nicht um, daß die Geschlechtswesenheit auch im Geistigen sich auspräge. Wer hier alles gleich machen will, verflacht das Weib und wenn er es auch mit Wissen überfütterte.

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Es ist zu beklagen, daß wir so spät beginnen, das Leben als eine sittliche Aufgabe zu betrachten. In der drängenden, unklaren Jugend schaffen wir uns eine Menge von Verhältnissen, deren äußerer Zwang es uns dann recht schwer macht, unser Ich zur inneren Freiheit zu erziehen. Was man sich auch einbilden, was man reden und schreiben möge, unser ganzes Erziehungssystem liegt noch in den Anfängen und ist vielmehr Handwerk als lebendige Kunst. Es bildet Handwerker und Kaufleute, Soldaten und Gelehrte, aber edle Menschen sehr, sehr selten.

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