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Herbstfäden

Otto von Leixner: Herbstfäden - Kapitel 15
Quellenangabe
authorOtto von Leixner
titleHerbstfäden
publisherVerlag von Otto Janke
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170428
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Ein heilig gesprochener Freidenker.

Ein Zeitbild.

In allen Ländern, in welchen der Kampf gegen den Katholicismus entbrannte, ist in der Neuzeit, vielleicht am meisten im Frankreich des vorigen Jahrhunderts, über den Hofstaat der »Heiligen« die unerschöpfliche Schale des Spotts ausgegossen worden. Auch in Deutschland hat es vor und seit der Reformation nicht daran gefehlt und immer von neuem finden sich Leute, deren Satire durch den Gegenstand gereizt wird. Es liegt im Wesen der Menschen, über die Heiligen der Anderen zu spotten, aber noch tiefer gründet das Streben, sich welche zu machen. Sie stürzen den einen Olymp und schaffen sich einen andern, sie enttronen Gott, entbehren ihn dann und vergotten aus Bequemlichkeit, um nicht lange suchen zu müssen, sich selber.

Dieses Bedürfniß ist, seit die neuzeitliche Bildung in der Verneinung alles Geistigen ihre Hauptaufgabe erblickt hat, nicht etwa im Abnehmen begriffen. Im Gegentheil, es tritt seitdem noch auffälliger hervor. Die Gegenwart wimmelt von Heiligen und Göttern; jede politische oder sociale Sippe macht sich einige Herrgöttlein; verschiedene Leute beten zu Goethe, andere zu Zola; den einen ist Windhorst, den anderen Eugen Richter oder Bebel der »Weltengeist« und junge Berliner Backfischchen bilden einen Bund, dessen Aufgabe darin besteht, einen Hofschauspieler zu verehren, das Bild desselben am Herzen zu tragen und sich durch Bestechung eines Friseurs Haare des vergötterten Mannes zu verschaffen – natürlich, denn wo ein »Cult« eingerichtet ist, entwickelt sich sofort der »Reliquiendienst«.

Der Mensch kann eben ohne Glauben nicht leben. Mag er jede kirchlich gestaltete Religion verspotten und von sich werfen, mag er jedes Gottesbedürfniß leugnen: Alles umsonst, glauben wird er doch. Wenn er die Atome mit Gedächtniß begabt und alle Gestaltungen daraus ableitet: er glaubt; er glaubt, wenn er die Welt vom bewegten Urnebel entstehen läßt; er glaubt, wenn er dem »Kampf ums Dasein« und der »natürlichen Zuchtwahl« förmlich mystische Macht zuweist, – kurz, das Glaubensbedürfniß ist unausrottbar. Und wenn ein Mensch auf den leergewordenen Altar seines Herzens einen abgezogenen Begriff wie »Freiheit«, »Menschentum«, Volkssouveränität«, »Zukunftsstaat« u. s. w. stellt, oder irgend einem Menschen, wie Darwin oder Haeckel, so begründet er damit einen neuen Cultus, er schafft sich einen Gott zum Hausgebrauch, schwört auf »heilige Schriften«, hält »Andachtsstunden«, bringt »Opfer«, erscheint sich als »Priester« – und verflucht, um die Aehnlichkeit voll zu machen, die Andersgläubigen. Das Zerrbild erscheint dem Urbild, was die Form betrifft, bis in das Kleinste ähnlich, und zwar deshalb, weil eine Wesenverwandtschaft in beiden Vorgängen nachweisbar ist. Alle »Heroenverehrung« ist nichts als mißverstandenes religiöses Bedürfniß.

Bei B. Elischer in Leipzig sind (1886) zwei dicke Bände erschienen unter dem Titel: » Konrad Deubler. Tagebücher, Biographie und Briefwechsel des oberösterreichischen Bauernphilosophen. Herausgegeben von Arnold Dodel-Port, o.ö. Professor an der Universität Zürich.

Da Deubler den meisten Lesern unbekannt ist, mag sein Leben in Umrissen angedeutet werden.

Er wurde am 26. November 1814 in Goisern als Sohn eines nicht unbemittelten Bergarbeiters geboren. Sein Unterricht blieb notdürftig, aber schon früh regten sich die Begier zu lesen und die Sehnsucht nach der Ferne. Mutter und Großmutter weckten in ihm die Liebe zur Pflanzenwelt. Mit 16 Jahren ward er Müllerbursche. In dieser Zeit las er besonders gern religiöse Schriften. Schon zwei Jahre später heiratete er, um militärfrei zu werden; die Eltern verpachteten ihr Anwesen und erstanden die Mühle für den Sohn. Zschokke's »Stunden der Andacht« und andere Schriften desselben bildeten neben naturwissenschaftlichen die Nahrung seines wissensbegierigen Geistes; auch macht er Ausflüge nach Wien und Kremsmünster, dann 1840 eine Reise nach Triest und Venedig. Sein Kinderglaube war längst dem Rationalismus gewichen, aber er hielt noch an Gott und Unsterblichkeit fest, und erkannte die Bedeutung der Religion noch 1843 an (Bd. I. S. 72). Inzwischen hatte er mit verschiedenen Männern, welche die Gegend durchreisten, Bekanntschaft gemacht und brieflichen Verkehr angeknüpft. Die Stimmungen der Vierzigerjahre beeinflußten auch ihn und mit seinem Verstande gelangte er natürlich auch zur Mißbilligung der Verhältnisse, ohne jedoch in politischen Dingen bis zum Radikalismus zu gehen. – Von Zschokke schritt er allmälig zu David Strauß, dann zu Feuerbach, dessen »Gedanken über Tod und Unsterblichkeit« ihn völlig dem materialistischen Bekenntniß gewannen. 1844 hatte er sich an Zschokke mit der Bitte um einen Brief »zum Andenken« gewandt und von da ab suchte er halb aus Bewunderung, halb aus Eitelkeit, welche überhaupt in seinem Wesen ziemlich stark enthalten war, Verbindungen mit allen Schriftstellern, deren Werke ihm besonders gefielen. Besonders innig entwickelte sich das Verhältniß zu Feuerbach.

Jeder Mensch hat mehr oder minder das Bestreben, sich »auszudehnen«, d. h. für seine Anschauungen Gläubige zu gewinnen. Nachdem Deubler durch seine Lieblingsbücher vom Kirchenglauben zur Gottesleugnung und zur vollen Freigeisterei gekommen war, strebte er seinen Glauben mitzuteilen, indem er die, seinen Unfehlbaren entnommenen Meinungen mündlich Bekannten und Freunden vermittelte oder diesen die Bücher lieh. Das Wirtshaus zur »Wartburg«, welches Deubler 1849 übernommen hatte, wurde, nach den Worten Dodels »der Mittelpunkt des geistigen Lebens«. Es ist begreiflich, daß in der Zeit der gedankenlosen österreichischen Reaktion ein Mann, welcher verbotene Schriften las und lesen ließ, oben als höchst gefährlich erschien. Ein Aufsatz des berüchtigten Witzmachers Saphir, welcher Deubler besucht, erzälte von dessen Briefwechsel mit Zschokke und Strauß und lenkte die allgemeine Aufmerksamkeit auf den Mann, der bis dahin noch unbehelligt geblieben war. Im Mai 1853 wurden Deubler und seine Gesinnungsgenossen verhaftet, nach 14monatlicher Untersuchungshaft freigesprochen; aber allem Rechte zum Hohn führte man D. zuerst nach Iglau und hielt ihn dann vom Dezember 1854 bis November 1856 im Zuchthaus in Brünn gefangen. Schließlich wurde er nach Olmütz »internirt«. Am 24. März 1857 erfolgte endlich die »Begnadigung«. Das Verfahren ist mit dem Worte niederträchtig zu schmeichelhaft bezeichnet.

Derartige Gewaltstreiche sind jedenfalls das schlechteste Ueberzeugungsmittel. Deubler glaubte an seine Propheten, Feuerbach, Holbach, Thomas Paine u. s. w. und mußte noch starrgläubiger werden, nachdem er Märtyrer geworden war. Wir sehen ihn von da an, wenn er auch in gewissen Dingen schlau und vorsichtig ist, mit noch größerem Eifer Verbindungen suchen, besonders unter Naturforschern und andern materialistischen Schriftstellern: da finden sich Radenhausen, der Kraftstoff-Büchner, Haeckel, Hellwald, Carneri u. s. w. Jedem Einzelnen naht er sich mit der Bitte um Brief und Bild, jedem Einzelnen wird in anbiederndem Tone versichert, er und einige Andere seien Deublers »Heilige« oder gar sie seien ihm, was dem Bibelgläubigen Gott. Selbstverständlich fühlen sich die kanonisirten Herren alle sehr geschmeichelt, antworten dem »Bauernphilosophen«, senden ihm ein Lichtbild mit Unterschrift, zuweilen auch ein Buch von sich mit eigenhändiger Widmung. Einzelne besuchen ihn auch und bringen Tage oder Wochen bei Deubler zu und in Gesprächen schwelgt derselbe in der Fülle von neuer Weisheit und freut sich, von all dem andern albernen Kram so herrlich frei geworden zu sein. So lebt er in äußerlich günstigen Verhältnissen, baut sich ein zweites Haus, welches auch seine Bücher und die Bildnisse der verschiedenen Heiligen und Götter enthält, und stirbt endlich, als Freidenker, aufgeklärt vom Wirbel bis zur Zehe, im Jahre 1884.

Wer ohne Voreingenommenheit das Wesen des Mannes betrachtet, wird zu folgendem Urtheil gelangen. Deubler war ein ziemlich gutmütiger Durchschnittsmensch von starkem Wissenstrieb, in vielen Dingen kindisch eitel – er färbte sich noch als Greis Bart und Haare. Wo es seinen Vorteil galt, zeigte er sich aber als echter oberösterreichischer Bauer, welcher gar schlau Nutzen und Ueberzeugung vereint. So schrieb er von Brünn aus, obwol es durchaus nicht nötig war, die frömmsten Briefe heim, und er, welcher Thomas Paine, den flachen amerikanischen Tagesschriftsteller auch als »Heiligen« betrachtete, floß über von Verehrung für das Kaiserhaus: – um sein »Geschäft« nicht zu schädigen, blieb er wenigstens äußerlich Christ. Mit der Wahrheit nahm er's, wie vielfach aus seinen Briefen hervorgeht, nicht allzu genau; nicht etwa aus schlechter Absicht, sondern wieder aus Eitelkeit. In dem Briefe an Zschokke führt er sich als »ehrlichen Bergmann« ein, was er nie gewesen ist; in einem an Hellwald schreibt er, er habe in München – zur Zeit der Naturforscher-Versammlung 1877 – »bei einem bekannten Maler in seinem Atelier logirt«, während er im »Bamberger Hof« eingekehrt war. Der Herr Herausgeber wundert sich über seinen Heiligen und doch ist die Sache sehr einfach: es gefiel Deubler so, weil es ihm interessanter dünkte, Bergmann zu scheinen, und bei einem bekannten Künstler zu wohnen. Niemand könnte an diesen Schwächen Anstoß nehmen, wenn Dodel seinen Helden nicht in der Einleitung als »prophetische Erscheinung« priese, nicht behauptete, Deubler habe »die Wahrheit im bürgerlichen Leben vergöttert.«

Betrachtet man darauf die geistige Begabung des Mannes unbefangen, ohne Absicht, so schrumpft dieselbe sehr zusammen. Es ließe sich der Beweis führen, daß Deubler, der »Bauernphilosoph«, niemals einen eigenen Gedanken gehabt habe. Alles, was er, abgesehen von Reiseberichten, geschrieben hat, ist der abgeschwächte Widerhall fremder Gedanken. Mit großem Gedächtniß begabt, macht er sich viele Einzelheiten zu eigen und wendet sie in Briefen und Bemerkungen an, ohne die Quelle zu nennen; vielleicht hielt er das Fremde sogar für Eigenes. Zuweilen finden sich solche Gedanken zur Hälfte mit dem Wortlaute des Vordenkers, so I. 85, wo ein Wort Auerbachs benutzt ist, (von »So geht's! anstatt im Leben« bis »nicht mehr gut zu machen sind«), so S. 83, wo sich D. den herrlichen Ausspruch von Kant über den gestirnten Himmel und das Gewissen aneignet, desselben Kant, über den er sich lustig zu machen versucht: »das Ding an sich« und der »kategorische Imperativ« erscheinen ihm »Gedankenmist«, Kant selbst gilt ihm als »philosophischer Nachtvogel«; dafür wolle er sich an Büchner und Specht halten. (II. S. 139-40.)

Diese Stelle allein genügt zum Beweise, daß Deubler, der Freidenker, vom Denken frei war. Wer Kants Ideen als »Mist« bezeichnet und für »Kraft und Stoff« schwärmt, du Prel als »Schleppträger Hartmanns« hinstellt, obwohl dieser das Unbewußte als solches gar nicht gelten läßt; wer Dubois-Reymond und Virchow »Reaktions-Werkzeuge der Jesuiten« nennt (II. 182), weil sie wenigstens Grenzen des Erkennens zugeben, und Werke, die an Plattheit nichts zu wünschen übrig lassen, in den Himmel hebt – ein solcher kann überhaupt nicht ernst genommen werden. Er ist nichts mehr als ein Ergebniß der traurigsten Halbbildung, welche

mit gieriger Hand nach Schätzen gräbt
und froh ist, wenn sie Regenwürmer findet.

Man könnte auch die beiden dicken Bände ruhig ihrem Schicksal überlassen, wenn nicht eine tiefer liegende Absicht ihrer Herausgabe zu Grunde läge.

Die H. H. Materialisten wehren sich mit allen Kräften, wenn man behauptet, daß der theoretische Materialismus, wenn als Weltansicht angenommen und von den Leidenschaften benutzt, sich zum sittlichen wandeln müsse. Sie verschließen ihre Augen vor unleugbaren Tatsachen: die am stärksten verkommenen Vertreter des gebildeten, halbgebildeten und bildungslosen Pöbel bekennen sich ja schon zur Lehre von der Geistesleugnung; Most in seiner »Freiheit« hat nicht selten die frischaufgewärmte Weisheit Büchners gepriesen; unter solchen Arbeitern in Berlin, welchen Bebel schon zu zahm war, konnte man schon vor zwölf Jahren die Bekanntschaft mit »Stoff und Kraft«, mit der Lehre vom »Sieg des Stärkeren im Kampfe ums Dasein« u. s. w. finden. Die Anarchisten in Frankreich, England und Amerika sind auch längst schon mehr oder minder im Besitze der »neuen Bildung«, auch sie spotten über Gott und Unsterblichkeit, über alles Geistige; ja viele Führer von ihnen gehören zu den »Freidenkern« – sind ganz und gar ohne Religion. Das Alles aber nicht, weil sie denken, sondern weil sie nicht denken wollen oder können, wie so manche unserer gelehrten Herren, welche einfach Alles leugnen, was ihre ausgeklügelten Kreise stören könnte.

Auch Herr Professor Dodel ist ein feuriger Materialist, der so weit geht, für herzerfreuend » hirnerfreuend« zu sagen. Auch er hat nun mit Betrübniß wahrgenommen, daß man an den veredelnden Einflüssen seines Dogmenglaubens zweifele, und war daher eifrig bemüht, einen Mann des Volkes aufzutreiben, welcher durch denselben es gar herrlich weit gebracht hat. Und diesen Heiligen fand er in Deubler. Die Freude dabei kann ich mir mit etwas Aufwand von Einbildungskraft lebhaft vorstellen – konnte nun doch bewiesen werden, daß der Materialismus »naturnotwendig« zum Idealismus führe, daß er mehr wert sei, als der Spiritualismus. Und so wird denn Deubler »zum Prototyp des denkenden Weltbürgers der nächsten Jahrhunderte« erhoben, ja sogar »als Meister der Weisheit aller Weisheiten«, als »phänomenale Erscheinung« gepriesen. Kurz: der Messias ist fertig. Aber wahrlich: jämmerlich nüchtern, geistverlassen wäre das »nächste Jahrhundert«, wenn die »denkenden Weltbürger« nach diesem Vorbild sich bilden wollten. Ich glaube es gern, den Materialisten wären solche Leute recht. Denn wie der starrste Katholik oder Protestant nicht einen Buchstaben seines Bekenntnisses aufgiebt und sich beugt, so würden sich diese »denkenden Freidenker« beugen vor den Verkündigern der materialistischen Dogmen. Und diesen Verkündern gälte dann als Freidenker nur, wer überhaupt nicht mehr zu denken wagte, sondern köhlergläubig und knechtisch auf jeden Satz schwörte, den seine Priester ihm vorbeten. Wehe dem, der sich erdreistete, einen Satz des materialistischen Apostolikums nicht anzunehmen – er wäre verflucht. So ungehorsam und freigeistisch war Deubler nicht, und so ist er denn, als gutes Beispiel für die kommenden Zeiten, von Herrn Professor Dodel heilig gesprochen worden. Schade, daß er nicht wieder lebendig werden kann; es ist mir unzweifelhaft, daß er dann dem Herrn Professor diesen Liebesdienst gewiß mit Freuden in gleicher Weise erwiderte. Vielleicht thut es Herr Büchner, dann wäre ja immerhin ein Anfang zu dem neuen Himmel gemacht. – Das Werk aber sei einem künftigen deutschen Rabelais empfohlen – als Rohstoff. Schon ein Zug machte es dessen würdig. Unter den Büchern, welche dem Materialisten Deubler sehr gefallen haben, befindet sich ein satirisches Epos von Hans Herrig »Die Schweine«. Der ätzende Spott gilt – dem Materialismus. Vielleicht hat der Heilige, als er es so lobte, einen Augenblick, seinen Grundsätzen untreu, gedacht. Wer wollte eine so liebenswürdige Schwäche nicht gerne vergeben? Das kann nicht einmal ein hartgesottener Spiritualist, denn er ist zu dankbar für die seltene Gelegenheit, die tiefsinnige Ironie des Zufalls genießen zu dürfen.

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