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Herbstfäden

Otto von Leixner: Herbstfäden - Kapitel 12
Quellenangabe
authorOtto von Leixner
titleHerbstfäden
publisherVerlag von Otto Janke
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170428
projectid74c435a0
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»Nichts für mich.«

Vor ungefähr siebzehn Jahren hatte ich, leider nur für kurze Zeit, einen älteren Mann, welcher gut mein Vater hätte sein können, zum Freunde. Am Abend eines schwülen Sommertages war ich nach dem »Englischen Garten« gewandert, um dort unter hohen alten Bäumen in den schönen Anlagen, auf welche München mit Recht stolz sein darf, meine menschen- und weltfeindliche Stimmung auszulaufen. Als ich in einen schmalen Seitenweg einbog, gewahrte ich vor mir die Gestalt eines hinkenden Mannes. Er hatte einen Klumpfuß und ging von Schritt zu Schritt mit größerer Mühe, bis er plötzlich stehen blieb und, wie es mir schien, die Hand mit heftigem Ruck auf das Herz preßte.

Unwillkürlich eilte ich hinzu und kam gerade recht, den Schwankenden zu stützen und ihn zu einer nahestehenden Bank zu leiten, wo er sich schwer niederließ. Jetzt erst fand ich Gelegenheit sein Antlitz zu mustern. Ein kurzgeschorener schon stark ergrauter Bart umrahmte das Gesicht, welches auf den ersten Blick gar nichts Auffälliges bot. Das Geistige war jetzt aber nicht zu enträtseln, denn der Schmerz hatte die Züge verzerrt und tief drückten sich die Zähne in die Unterlippe ein. Manchmal erfaßte er mit jähem Griff meinen rechten Arm, dann schlossen sich die Augen ganz und ein kurzes Aufstöhnen verriet eine Steigerung des Schmerzes.

So saßen wir etwa fünf Minuten wortlos neben einander. Endlich hob er das gebeugte Haupt und sagte: »O, danke schön, danke! Jetzt ist's vorüber. Ich bin herzleidend, und da kommt ein kleiner Anfall oft. Bitte lassen Sie sich nicht länger aufhalten.«

Die Stimme hatte eine dunkle Färbung, aber zugleich etwas sich herzlich Anschmiegendes; bei den Worten leuchteten auch die zuerst matten Augen langsam wieder auf und auch in ihnen gewahrte ich den Ausdruck freundlicher Güte, welcher so, Gesicht und Gehör zugleich ansprechend, mich festhielt. So blieb ich denn sitzen und war bald mit dem Herrn im Gespräch, welches von seinem Leiden zu den Schönheiten des Parkes hinübersprang.

Er bezeichnete mir einige Lieblingsstellen und sprach mit so feinem Gefühl über den Eindruck, welchen sie ihm in den verschiedenen Jahreszeiten machten, daß ich mir die Frage erlaubte, ob er Künstler sei.

Er sah mit einem seltsamen Lächeln auf.

»Künstler? Nein, aber ich lebe von der Malerei.«

In dieser Antwort lag nicht der kleinste Zug von gemachtem Wesen, sie war so schlicht, wie jede Bewegung des Mannes und erregte in mir eine mit Neugier gemischte Teilnahme. Doch ich wollte nicht weiter in ihn dringen und überließ es seinem Belieben, das Gespräch weiterzuführen. Ich erfuhr, das er als Fünfzehnjähriger von Franken her nach München gekommen sei und seitdem, wenige Ausflüge nach den nahen Voralpen abgerechnet, die Stadt nicht mehr verlassen habe. Nach einer Stunde begleitete ich – wir hatten uns indessen unsere Namen genannt – ihn bis zu seiner Wohnung.

Seitdem verging keine Woche, in welcher ich nicht mehrmals mit ihm zusammengekommen wäre. Er lebte in einer sehr bescheidenen Wohnung auf das Bescheidenste, denn seine Einnahmen waren nicht groß. Er malte hie und da die verkleinerte Kopie irgend eines Bildes aus der alten Pinakothek, ein andermal ein »Original« für eine Fabrik von Oelfarbendruckbildern. Zuweilen mußte er tagelang auf dem schmalen Bette liegen, weil nur so die Anfälle seines Leidens zu überwinden waren. Aber niemals hörte ich von ihm ein Wort der Klage, einen Seufzer der Sehnsucht nach einem besseren Dasein, niemals ein bittres Wort über glücklichere Menschen. Dafür aber konnte er über eine schöne Beleuchtung am Himmel, über einen edelgestalteten Baum in reines Entzücken ausbrechen, konnte mühsam durch die Säle der Glyptothek oder der Pinakothek wandeln, um dann lange vor irgend einem Lieblingsbilde in andächtiger Bewunderung zu stehen. Zu Hause aber besaß er auf seinem Bücherbord eine kleine, aber vorzüglich gewählte Sammlung von Dichterwerken, von Homer und der Bibel angefangen zu Dante, Tasso und den Nibelungen bis zu den Hauptwerken neuerer Zeit – nur von den neuesten Poeten wollte er nichts wissen, darin so bärbeißig, wie irgend ein vornehmer Literaturhistoriker, welchem mit Goethe der gesammelte deutsche Geist die Augen geschlossen hat. Aber diese Sammlung, deren einzelne Bände er immer wieder von neuem vornahm, war auch sein inneres Besitztum, mit ihr lebte er, sie war ihm Trost und Erquickung in trüben Stunden und machte ihn doppelt heiter in frohen.

Ein junges unfertiges Menschenkind, welches noch im Wirbel der Selbstsucht lebt und für sich allen Glanz und alles Glück verlangt, das vermag solche Wesen nicht zu begreifen. So erging es auch mir. Ich faßte es nicht, wie man sich in solcher Lage glücklich fühlen, Gott danken könne für ein solches Leben mit einem kranken Körper in beschränkter Lage, wie man es fertig bringe, da noch die Menschen zu lieben, mild und gut zu sein.

Es war im Herbst, als ich einmal bei ihm saß, auf dem harten »Sopha«, welches mit Pflastersteinen gestopft schien.

Er war wieder einmal heiterer noch als sonst. Da fragte ich ihn:

»Sagen Sie mir Eins: wie sind Sie zu Ihrer Weltanschauung gekommen, welche Ihnen diese heitere Ruhe möglich macht?«

Er sah mich lächelnd an.

»Durch drei Worte.«

»Durch drei Worte?«

»Ja: ‹Nichts für mich› heißen sie.«

Ich schüttelte den Kopf.

»Geduld, junger Freund! Sie werden mich schon verstehen. Ich war nicht immer so, wie Sie mich kennen – ich hatte vielleicht Ähnlichkeit mit Ihnen. Ich bildete mir ein, der liebe Herrgott habe alle die Tausende von Jahren vor meiner Geburt nur dazu verwendet, nachzudenken, wie er für mich ein ganz besonderes Schicksal fabriziren soll. Ich sah mich als berühmtesten Maler, nebenbei auch als größten Dichter – lächeln Sie nicht, ich habe wirklich viel Papier mit Dramen verdorben, sind übrigens längst in den Ofen gewandert; ich dachte, das schönste, reichste, klügste Mädchen, mindestens eine Gräfin, werde für mich gerade gut sein, und ich sah schon um mich ein Dutzend Kindlein spielen, eins herziger als das andere. Dann wollte ich in Rom oder Neapel leben: kurz ich war ein Narr, oder – es sagt ja dasselbe – ich war sehr jung. Dabei aber lebte ich unterm Dach, aß Brod, oder auch keins, wenn's dazu nicht reichte. Da brachte mich eine Schickung – Sie werden es wohl Zufall nennen – mit einem merkwürdigen Menschen zusammen, welcher neben mich in die kleine Wohnung einzog. Es war ein ärmliches Männchen, aber mit den freundlichsten hellsten Augen von der Welt. Bei einem Sturze hatte ich mir den Fuß verletzt und dann die Sache vernachlässigt, bis ich nicht mehr gehen konnte. Es wurde wieder gut, aber die Sehnen zogen sich zusammen und seitdem humple ich als Mephisto auf dem Münchener Pflaster umher. Während ich im Bette lag, von allen verlassen, war mein Nachbar der barmherzige Samariter und die heilige Elisabeth von Thüringen in einer Person. Eine Mutter hätte mich nicht sorgsamer pflegen können, als er. Und diesem Manne verdanke ich die drei Worte.«

Er setzte durch ein paar kräftige Züge die Pfeife wieder in Brand und fuhr fort:

»Er hatte eben begonnen Philosophie zu studiren, als der Vater, ein gering besoldeter Beamter, starb und ihm die Sorge um Mutter und zwei kleine Schwestern überließ. Von Studiren war nun keine Rede mehr. Mit blutendem Herzen entschloß er sich, Schreiber bei einem Rechtsanwalt zu werden. Lange dauerte es, ehe er seine Hoffnungen begraben hatte, aber das Bewußtsein, der kranken Mutter und den Schwestern Alles zu sein, gab ihm die Kraft auszuharren, als ein tapferer Lebenssoldat. Wenn nun in ihm ein Wunsch auftauchte, so sagte er sich: ‹Nichts für mich!› und machte rasch ein Ende. Er hatte auch ein Mädchen geliebt, sehr tief, aber er sagte ihm's nicht, denn dann hätte er ja für die Seinigen nicht mehr sorgen können; er liebte Kinder über alles, aber er durfte sie nicht haben. Und so sagte er sich denn: ‹Nichts für mich!› und wiederholte es so lang, bis das ungeduldige Herz verstummte. Seine Schwestern starben, nur die kränkelnde Mutter blieb am Leben, wurde kindisch, kaum noch ein Mensch mehr, aber er harrte treu bei ihr aus, lebte für sie, kleidete sie an und aus, gab ihr zu essen und murrte nicht. Aber zuweilen gab es doch auch Festtage für den Advokatenschreiber, welcher nach zwei Jahrzehnten Vertrauensmann des Anwalts geworden war. Dann ging er in einen Biergarten zu einem Konzert oder er fuhr gar nach Starnberg und ging dort am See spazieren. Abends aber las er für sich irgend einen der römischen oder griechischen Klassiker, deren Studium er nie ganz aufgegeben hatte.

»Das war nun mein Nachbar. Ich schüttelte den Kopf über diese – Kennen Sie den ‹Wuz› von Jean Paul?« – Ich nickte.

»Nun also über diese Furchenexistenz, welche zufrieden war, ein Nest auf der Erde und den Himmel über sich zu haben. Da aber kam's langsam gegen mich her und schlug allmälig drein. Zuerst wurde mir klar gemacht, daß ich nie ein schaffender Künstler werden könne, dann erfuhr ich, daß meine schönen Trauerspiele – am Schlusse waren immer alle Personen todt – keinen Heller wert seien, und die Gräfin ließ sich nirgendwo blicken. Einige Zeit lang hielt ich mich für ein verkanntes Genie. Es war das die gefährlichste Zeit meines Lebens, denn ich hätte ein Lump werden können – glauben Sie's nur, es ist genau so. Aber da sah ich täglich den Nachbar und allmälig ging in meinem Hirne die Ahnung auf, daß in diesem kleinen Menschen doch etwas wie eine große Seele stecken müsse. Ich will nicht zu ausführlich werden. Einmal kam die Liebe über mich und so stark, daß ich trotz meiner Armut es wagte, um die Hand des Mädchens anzuhalten. Ich wurde mehr bestimmt als höflich abgewiesen. Da dachte ich an Selbstmord, ich glaube, ich wollte mich ertränken, weil es das Billigste war. Aber gerade in dieser Zeit des inneren Kampfes versuchte ich's zum ersten Mal mit den drei Worten. Anfänglich klangen sie mir wie der bitterste Hohn, der alte Hochmut regte sich und schrie: ‹Für Dich ist nichts gut genug!› Aber seine Stimme wurde allmälig stiller, und immer bestimmter und klarer wurden dafür jene drei Worte.«

Er schwieg einige Augenblicke und sah mich dabei mit den ernsten und doch heiteren Augen an.

»Und dann kam die Zeit, wo ich es lernte sie oft auszusprechen. Die glücklicheren Genossen flogen in die Welt hinaus, die einen nach Frankreich, wo man eben anfing die ‹Technik› heilig zu sprechen, die anderen nach Italien, wohin ich ihnen so, so gern gefolgt wäre. Aber ich dachte an mein beschränktes Talent, an meinen leeren Beutel und an den Klumpfuß und zuletzt konnte ich mit erträglich heiterem Gemüt mir sagen: ‹Nichts für mich!› Ich besaß einen Hang dazu, schöne Dinge um mich zu sehen – damals war es übrigens noch nicht Mode, daß jeder Farbenklexer sein Atelier mit persischen Teppichen und anderem Krimskrams vollstopfte – aber ich konnte es nicht haben und war zufrieden, mir zu sagen: ‹Nichts für Dich!›«

Ich war außer Stande diese Weisheit nachzufühlen und zu begreifen.

»Aber,« sagte ich, »das ist ja schließlich die reine Selbstpein! Was soll denn ein solches Leben voll Entsagung, ohne tiefere Wirkung auf die Zeitgenossen, ein Leben, wo man sich niemals als Herrscher gefühlt hat!? Da ist's doch besser, sich eine Kugel durch den Kopf zu jagen. Dann hat doch diese ganze zwecklose Posse ein Ende!«

Mein alter Freund legte mir die Rechte auf den Arm, welcher die tragischen Ausrufe mit schwungvollen Bewegungen begleitet hatte, und sagte:

»Selbstpein? Entsagung? Nein, Kind, da irren Sie sich. Ich habe noch drei andere Worte: ‹Alles für mich!› Wenn ich in die Natur hinaustrete, gehört das Grün, gehört die Blume, der blaue Himmel nicht mir? Nicht in dem Augenblick, wo ich ihn mit meinen Augen sehe und mit meinem Gefühl erfasse, mir allein? Und sehe ich ohne Wunsch schöne Frauen, gute Menschen und herzige Kinder – sind sie dann nicht auch mein? Und die herrlichen Bilder, die großen Meisterwerke der Alten, die tiefsten Dichtungen, sind sie nicht mein Eigentum? Und darf ich nicht nach meinen schwachen Kräften suchen, den wenigen Menschen, mit welchen ich zusammen komme, etwas zu sein? Und zuletzt das Beste: ist der Gott, den ich bekenne von ganzem Herzen, dem ich dankbar bin für dieses Leben, welches Ihnen so arm scheint, etwa nicht auch mein Gott? Ich weiß, Sie verstehen mich nicht, aber ich wünsche Ihnen von ganzer Seele, daß Sie mich einmal verstehen lernen. Sehen Sie, so sind die drei Worte: ‹Nichts für mich!› das Schiffchen geworden, welches mich in den Hafen der Ruhe geführt hat.« – –

Er hatte Recht: ich verstand ihn damals nicht und lange danach auch noch nicht.

Zwei Wochen nach dieser Unterredung war er todt; ein Herzschlag hatte sein Leben auf Erden geendet. Damals erst erfuhr ich, daß er so ärmlich gelebt hatte, um den Knaben seiner Wirtin, einen guten, sehr begabten Jungen, unterrichten lassen zu können; daß er für ihn so sparsam gewesen war, damit »ein Mensch nach seinem Tode noch etwas von ihm habe«. Aus dem Knaben ist ein Mann geworden, welcher jetzt als tüchtiger Lehrer an einem bairischen Gymnasium wirkt.

Jahre und Jahre sind seit dem Herbstnachmittag vergangen, wo wir den Alten zur letzten Ruhestätte begleiteten. Lange galten mir die drei Worte nichts, bis ich langsam ihren Tiefsinn begreifen lernte. Jetzt aber gehen meine Gedanken oft zu dem Manne zurück. Du hattest Recht, alter Freund, es liegt tiefe Weisheit in den Worten: ‹Nichts für mich!›, so thöricht sie den Weltkindern scheinen mögen. Was sie uns zu entbehren leicht machen, ist ja doch nur Flüchtiges, die anderen drei aber, ‹Alles für mich!›, lehren uns nach dem zu ringen, was bleibt, erhebt und tröstet.

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