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Herbstfäden

Otto von Leixner: Herbstfäden - Kapitel 11
Quellenangabe
authorOtto von Leixner
titleHerbstfäden
publisherVerlag von Otto Janke
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170428
projectid74c435a0
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Auferstehung.

Eine Osterbetrachtung.

Lange, länger als sonst hat die Natur in diesem Jahre geschlafen und langsamer ist sie erwacht. Die Knospen auf Bäumen und Sträuchern öffneten nur Mittags die rauhen Deckblätter und blinzelten nach der schlaftrunkenen Sonne, welche sich mißgelaunt durch die träge schleichenden Wolken hinschob, aber sie trauten dem Frieden nicht recht: »Die Geschichte ist noch immer nicht recht im Gang,« sagte eine zu der anderen, »es ist vernünftiger, wenn wir noch ein wenig einnicken. Bei solchem kühlen Regenwetter können nur Schirme oder Ueberschuhe ihre Pflicht mit Wolbehagen erfüllen. Wir brauchen blauen Himmel und lustigen Sonnenschein dazu!«

Endlich aber schien der Frau Sonne die Sache doch auch langweilig, sie raffte sich zusammen und sandte recht helle Strahlen hinunter, welche sich sofort in jubelnde Sprosser und andere Vögel verwandelten. Denn daß diese sonnig-heitern, singenden Geschöpfe aus gemeinen Eiern ausgebrütet sein sollen, wird man einem Dichter niemals weismachen können.

Der Weckruf der ersten Vögel beruhigte die Knospen und nun gingen sie lustig an die Arbeit. Wer es versteht, ganz stille zu sein, aber wirklich ganz, der kann sie bei ihrer Arbeit belauschen, besonders am frühesten Morgen – nur darf er die Zeit nicht verschlafen. Da kann er bemerken, wie es von innen heraus drückt, bis die Decke gesprengt ist; dann kommen die helleren Blätter zusammengefaltet heraus und öffnen sich ganz leise, wenn Du sie nicht durch eine jähe Bewegung erschreckst, und da siehst Du durch den Spalt zu noch helleren, zarten Blättchen hinein. Im Tiefsten sitzt dann ein kleines Wesen, welches sich müht herauszukommen – es soll sogar sprechen können und erzählt dann romantischen Dichtern lange Märchen, welche zwanzig und mehr Auflagen erleben. Ich habe leider ein so gefälliges Kerlchen noch nicht gefunden. Es ist sehr leicht möglich, daß sie sich heut zu Tage vor Dichtern und ähnlichem Volk verkriechen, aus Furcht, einem Mitgliede der »naturalistischen Schule« zu begegnen.

Wenn sie aber auch vorläufig der Dichtung gegenüber fast einflußlos sind, ihrem natürlichen Berufe kommen sie auch in diesem Jahre treu nach, jedes der kleinen Geistchen arbeitet bescheiden an seiner Stelle, ohne Rücksicht auf Kunstrichter und auf das hohe Publikum und in Kurzem werden sie Alle mit dem Werke fertig sein: dann werden Schneeglöckchen läuten, Windröschen und Veilchen duften, alle Vögel singen, alle Bäume im grünen Schmucke prangen und geheimnißvolle Stimmen singen: »Nun danket alle Gott, welcher Euch Menschen die Lenzeswelt erweckt hat, daß Euer Herz sich erfreue!«

Nirgendwo kann der Frühling seinen vollen herzbewegenden Zauber entfalten, wo der Winter nicht vorangegangen ist. Die Menschen jener südlichen Länder, welche in »ewigem Lenze« liegen, kennen nicht das Leid um die erstorbene Welt und darum auch nicht jene tiefinnige Freude über die auferstandene. Weil bei ihnen das Blühen kaum endet, vermögen sie sich nicht so herzlich über die ersten Knospen, die ersten Grashälmchen und Blüten zu freuen, wie wir Bewohner nördlicherer Striche, und nehmen geistig nicht so warmen Antheil an der Natur. Wir beseelen sie darum, wie ein Blick auf die Dichtung der deutschen Stämme im Vergleiche zu jener der Romanen lehrt, viel tiefer; wir leiden mit der schneebelasteten Erde, freuen uns der blühenden: kurz, es hat sich ein herzlicheres Verhältniß gebildet zwischen ihr und uns – das, was unsere Sprache »Gemüt« nennt, verdanken wir zum Teile auch unserem nordischen Winter, welcher die Seelen in sich zurückbannt, unserem nordischen Frühling, welcher die Erlöste um so mehr jubeln macht, je länger sie ihn entbehren mußte.

Diese Verinnerlichung, als Anlage schon in unseren Urvätern vorhanden, begründet auch die Erscheinung, daß bei keinem anderen Volke die christlichen Gedanken mit so viel Herzensinnigkeit aufgenommen worden sind, wie bei dem germanischen. Weil das aber der Fall war, so ist es natürlich, daß die Abwendung von ihnen, eine Folge der einseitigen, neuzeitlichen Verstandesbildung, nirgendwo so tief, so schmerzlich empfunden wird, wie bei uns.

Das gesammte Geistesleben der gegenwärtigen Menschheit in allen seinen Einzelheiten zu verfolgen, dürfte heute selbst für einen der seltenen großen Geister sehr schwer, wenn nicht unmöglich sein. Der Mensch mit Durchschnittsgaben kann froh sein, wenn er nach Aufwendung aller Kräfte so weit gelangt, daß ihm die Strebungen des Zeitalters in ihrer Bedeutung und Verbindung verständlich werden, er das Verwandte derselben bei den verschiedenen Völkern zu erkennen und die Hauptgedanken sich klar zu machen vermag.

Wenn man ehrlich bestrebt ist, sich die Kenntniß jener Werke anzueignen, welche in irgend einer Art die »Sehnsucht« eines Volkes aussprechen, so darf man wohl sagen, daß heute überall die Unzufriedenheit mit dem Bestehenden mehr oder minder die Grundlage bildet. Es ist dabei gleich, ob sie sich mit hoffnungsreichen, verzweifelten oder einfach verneinenden Stimmungen verknüpft, die Tatsache dieser Unrast und Unzufriedenheit erleidet dadurch keine Abschwächung. Es ist nun unleugbar, daß auch bei uns Werke erschienen und sehr viel gelesen worden sind, in welchem die Verneinung alles Bestehenden in Staat, Kirche, Gesellschaft den Hauptstoff bildet. Der Erfolg dieser Bücher beweist, daß eine große Zahl der sogenannten »Gebildeten« an dieser Verneinung gefallen finde und daß die platte Zweifelsucht – es giebt auch eine tiefe, welche in sich den Keim neuer Gestaltungen trägt – »Mode« geworden sei; begreiflicherweise, denn dieses platte Zweifeln fordert kein Denken, er bildet die »Weisheit« der witzigen und witzelnden Flachköpfe, der unzufriedenen Selbstlinge, der Weltleute, welche für geistreich gelten wollen, der Streber, welche mit der Verneinung weiter zu kommen glauben, als mit der Bejahung, nicht zuletzt vieler unreifen Jünglinge, welche, von Eitelkeit und Ehrgier zerfressen, sich große Geister dünken, wenn sie verneinen.

Wie zahlreich aber auch die Werke dieser Gruppen und deren Anhänger sein mögen, die Bewegung gegen sie und ihr Bekenntniß ist im steten Wachsen begriffen und nirgendwo, wie mir scheint, so sehr, wie in Deutschland.

Die Ueberspannung jeder Ansicht ruft, wie uns die Geistesgeschichte der Menschheit auf tausend Blättern lehrt, den Gegensatz ins Leben. Das Gemüt kann durch ein Jahrhundert zu Boden getreten, verhöhnt und verachtet gewesen sein, tödten läßt es sich nicht, denn es ist die tiefste Wesenheit des Menschengeistes und regt sich endlich mit seinem unvertilgbaren Werdedrang in hunderttausend Knospen einer neuen Auferstehung entgegen.

Fast zweihundert Jahre hat der kalte Verstand nach der Zwangsgewalt gestrebt und sie dann errungen. Ohne jede Rücksicht auf das geschichtliche Werden, welches Satzungen, Einrichtungen, Denk- und Empfindungsweisen erschafft und zu Rechten bildet, ohne Rücksicht auf den wirklichen Menschen, auf die wirklichen Völker baute er Lehrgebäude auf. Menschen und Völker galten ihm dabei als mathematische, unveränderliche Werte, mit welchem er beliebig rechnen zu dürfen glaubte. Im Kopfe geht Alles; da schließt sich bequem Schluß an Schluß, da konnte man sich Einheitsgeschöpfe machen, welche zu Allem zu verwenden waren und zuletzt gegenüber der »Idee« so wertlos erscheinen konnten, daß man Hunderttausende köpfte, erschoß, ertränkte. Erkannte man auch nach der Revolution allmälig, daß dieser Einheitsmensch und die Einheitsmenschheit, wie man sich beide dachte, nirgendwo zu finden seien, so hörte doch die Freude an dieser Vorstellung nicht auf und der Verstand ließ sich doch nicht von seiner Fehlbarkeit überzeugen. Unter seiner Herrschaft wurden die Herzen immer kühler, und immer mehr erhitzten sich die Köpfe und ein Irrtum erzeugte den andern. Zuerst sollte politische Freiheit als Heilmittel für jede Krankheit der Zeit sein; Alles ward frei: Handel, Gewerbe, Presse, Forschung und Religiosität. Aber diese Freiheiten hatten mit der echten Freiheit des Menschen nur den Namen gemein – aus einem Schluß des nüchternen Verstandes geboren, entbehrten sie alle der belebenden Kraft, entfesselten sie alle nur die Selbstsucht und lösten das Gefüge der Staaten. Die Liebe, die echte, welche alle Beziehungen der Stände wie der Familien und der Einzelnen allein im Sinne der höchsten Vernunft zu regeln vermag, welche in Gott eins ist mit der höchsten Liebe und deren Anstrebung Zweck der Menschheit ist, sie begann dahinzuschwinden.

Aber damit schlief nicht ein die Sehnsucht nach ihr. Der Winter der Herzen wurde in seiner drückenden Schwere immer mehr empfunden, die Selbstsucht immer mehr erkannt, erkannt immer mehr die Aussichtslosigkeit, durch die Hilfsmittel des bloßen Verstandes zu innerem und äußerem Frieden zu gelangen. Wohin man blickte, in allen Ländern stieg die Flut des Elends, des Hasses und wuchsen die Mächte der Zerstörung. Wohl war es gar oft nichts als bleiche Furcht, was mahnend in das Bewußtsein der Gebildeten und Besitzenden trat, aber von Jahr zu Jahr mehrte sich die Menge derjenigen, in deren Herzen beim Anblick all der sittlichen und körperlichen Not, beim Anblick des Hasses die Liebe im Herzen wuchs. Ihre Vernunft sagte ihnen, daß an dem Jammer der Zeit auch sie selbst nicht schuldlos seien, wenn sie die Augen schlössen; ließ sie erkennen, daß aller Glaube todt wäre, wenn nicht die Liebe ihn belebte, welche von Gott genährt, sich auch seinen Geschöpfen zuwendet.

Nicht der kalte Verstand, nicht Lehrgebäude der Wissenschaft, nicht philosophische Erkenntnisse, Aufruhr und Mord nicht und nicht Satzungen des Staats können uns erlösen, aber auch nicht starre Formeln irgend eines Glaubens. Die Liebe allein, welche Eins ist mit der höchsten Vernunft, sie nur besitzt die Kraft den Winter der Menschheit zu überwinden. Denn in ihr liegt, wenn ich bildlich sprechen soll, eine Dreieinigkeit: wie der Vater schafft und erhält sie die sittliche Welt; wie der Sohn leidet und blutet sie um des Elends der Brüder willen; wie der Geist erleuchtet sie und lehrt erkennen, was uns nottut. Durch sie nur erkennen wir Gott auch in uns selbst als Liebe, durch sie nur wird uns der Nächste zum Bruder, auch wenn er haßt und sündigt.

Möge in den Herzen, welche nicht mehr im Winterschlafe der Selbstsucht liegen, die Sehnsucht nach dieser erlösenden Liebe, als deren Vorbild Christus uns gilt, wachsen, und möge sie in nicht zu ferner Zeit in Tausenden und Tausenden auferstehen, damit der kranken Menschheit wieder einmal leuchte ein verklärter Ostertag!

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