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Herbstfäden

Otto von Leixner: Herbstfäden - Kapitel 10
Quellenangabe
authorOtto von Leixner
titleHerbstfäden
publisherVerlag von Otto Janke
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170428
projectid74c435a0
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Träumen.

Eine Träumerei.

Uebermächtiger Werdedrang, wohin man das Auge wendet! Vor einigen Tagen war es selbst in der Sonne noch kühl, denn von Nordosten her kam ein unfreundlicher Luftstrom. Die Millionen lauschender Knospen hielten die rauheren Deckblätter fest geschlossen, in grüner Hülle barg sich vorsichtig die Kirschblüte. Da auf einmal kam's, das uralte, ewig neue Wunder des Frühlings und entfesselte die Sehnsucht nach Leben, Licht und Liebe.

Ueber der jungen Welt liegt ein zarter traumhafter Schleier gebreitet – aber in diese Traumstimmung hinein webt eine unsagbare, gewaltige Leidenschaft und berückt auch das Herz. Es möchte teilnehmen an diesem Drange sich zu gestalten, in neuem Licht, in neuer Liebe, es zittert mit den Sonnenstrahlen, es dehnt sich mit der Blüthenknospe, es träumt mit der ganzen Frühlingswelt.

Wie schön ist's zu träumen! Wohl giebt es viele, viele Menschenkinder, welche nichts von alldem wissen, ja mit Bedauern niederblicken auf die Schwärmer, die da noch träumen – heute im neunzehnten Jahrhundert, und dennoch ist es so und wird es so bleiben, auch wenn wir Alle nicht mehr sind.

Knospen und junge Herzen sind verwandt: die Jugend ist des Lebens Frühling, der Frühling die Zeit, wo die Natur träumt, und so träumt auch die Jugend. Ich blicke nach dem weinumrankten Balkon – jede der Ranken trägt unzählbare Knospen. Es drängt in ihnen, wie überall; eine geheimnißumwobene Kraft zwingt sie, sich auszuleben, aber sie ahnen nicht, daß sie sich zu Blättern, zur Blüte, zur Frucht gestalten sollen; doch sie leben jetzt, ganz hingegeben dem Sonnenstrahl und der sie umschmeichelnden lauen Luft. Empfindend zwar, aber ohne Bewußtsein genießen sie das Leben. Und wir? Sind wir anders in der Jugend? Als Kinder führen wir auch ein Pflanzenleben, ahnungslos hingegeben der Stunde, ahnungslos dessen, was einst kommen kann. Was weiß die Knospe von Frost, die Blüte vom Sturm und vom Sonnenbrand?!

So träumt das Kind, mag es im engen Hof eines großstädtischen Hauses oder auf grünenden Wiesen oder im Walde, am bescheidenen Bächlein oder am Ufer des Meeres spielen. Ein Holzklötzchen träumt es sich zum belebten Wesen, dem es zarte Fürsorge widmet und kaum gelernte Schlaflieder singt; eine Ecke hinter Tonnen oder Kisten träumt es sich zu einer Welt. Ein Kind ist ein Märchenwesen, darum kann es mit Blumen und Steinen, mit Puppen und Hölzchen lebendige Zwiesprache halten, es versteht ja Alles, was uns »Großen« schon längst fremd ist, es erlauscht Stimmen, wo wir nichts mehr hören, und sieht, wo wir blind sind.

Doch nicht immer. Denn die Liebenden werden auch wieder zu Kindern, darum können sie so gut träumen, darum wandeln auch sie in einem Märchen – dem zweiten, welches des Lebens strömende Welle erzählt – und verstehen die geheimen Stimmen der Welt. Ihnen spricht mit klaren Worten der Bach, welcher unseren gröberen Ohren nur mehr murmelt, zu ihnen sprechen Blumen und Vögel, selbst der Mond und die Sterne und seltsam: sie alle wissen nur von einem Wesen zu erzählen, immer nur von einem, ohne daß dieses Märchen jemals langweilte.

Besonders traumbegabt sind auch die Mütter – dem ersten Kinde gegenüber wird ja eine neue Liebe lebendig und sie ist den Träumen verschwistert. Hast Du nie gesehen, wie eine junge Mutter auf das spielende Kind niederschaut, die Hände für einen Augenblick müßig im Schooß, die Augen sinnend gesenkt? Da vereint sich vor ihrer schauenden Seele Gegenwart und Zukunft zu einem traumhaften Gebilde. Ihr Kind ist kein Kind, wie die anderen – o nein, es besitzt seltene merkwürdige Eigenschaften, welche schon jetzt große Anlagen verrathen. Und so träumen Mutter und Kind.

Und wie Kinder, Liebende und Mütter, so haben von jeher Dichter, Künstler und Weise auch geträumt, und wie den zwei ersten hat auch ihnen das große All schöne und tiefsinnige Märchen erzählt. Was der klare nüchterne Verstand nicht hört und wahrnimmt, schaut die Phantasie, die träumende. Sie ist wie ein Kind, das Alles belebt und Alles versteht, was den anderen Menschen todt erscheint oder schattenhaft an ihnen vorübergleitet. In einem Traume, wo das Ich sich selbst vergessen hat, ward das Schönste geboren, was die Söhne der Erde besitzen; die Werke der Kunst und der Weisheit. Siehe: wie eine Nebelwolke vor der Sonne, so sind vergangen die wirklichen Reiche in Indien, Egypten, untergegangen sind Hellas und Rom – kaum daß die sichtende Wissenschaft es vermag, uns die Trümmer neu zu gestalten. Alles Wirkliche verwehte, versank und ist Traum geworden, die Gestalten und Gedanken im Traume geboren sind aber wirklich noch heute und leben nach Jahrtausenden unter uns.

Ja, es ist schön zu träumen. Der Wille, welcher am Tage jede Fiber erregt, jede Muskel schwellt, der kühle prüfende Verstand, der da auf der Warte steht, den Willen zu leiten in der Arbeit und im Kampfe, sie sind müde geworden. Da kommt die träumerische Stimmung und die Phantasie erwacht. Leise regt sie die Flügel, dann schwingt sie sich auf. Unter ihr liegt nun das ganze Leben von der frühen Kindheit an bis in die noch unerlebte Zukunft, Erinnerung und Hoffnung neben einander – vielleicht als drittes stille schmerzlose Entsagung. Wie der Schmetterling über einem Blumenbeet unentschieden hin- und herflattert, ehe er sich niederläßt, so auch die Phantasie. Endlich fliegt sie nieder: was ihr Flügel berührt, wird zum Bilde, das erste Glück, das erste Lied, die erste Thorheit oder Sünde. Und das Herz träumt mit, es lacht und zuckt und weint – wie einst, es hofft, unendlich viel, wenn es jung ist, weniger, wenn es schon viel erlebt hat. Aber zu hoffen aufhören kann es wohl selten, nur hofft es nicht mehr selbstsüchtig für sich, sondern für Andere, für Kinder oder Enkel, für das eigene Volk oder die ganze Menschheit. Je reicher und reiner ein Herz ist, desto weiter das Gesichtsfeld des Traums, desto eher empfindet es in sich für Augenblicke den Pulsschlag des Alls und das leise aber mächtige Walten Gottes.

Die Frühlingssonne hat sich tief hinabgeneigt – immer dunkler wird es ringsum, aus dem Gebüsch ertönt zum ersten Mal das Flöten des Pirols und ein verfrühter Maikäfer schwirrt durch die Abendluft. Der Himmel scheint sich tiefer hinabzusenken, Sterne zucken hinter dem duftigen Schleier hervor und es wird stiller und stiller. Aber das geistige Auge bedarf des äußeren Lichtes nicht und das innere Ohr liebt das Schweigen der Welt. Es ist seltsam, wie in solchen Augenblicken oft plötzlich die Gestalt eines Menschen vor uns auftaucht, an den wir seit Jahren nie gedacht haben, oder eine Stimme aus ferner Vergangenheit in der Stille aufklingt. Es ist vielleicht ein helles übermüthiges Lachen, so klar und deutlich, als klinge es dicht neben Dir. Du weißt auch genau, wer so gelacht hat, Du kennst den Namen, aber das Gesicht suchst Du Dir umsonst zurückzurufen. Und dann wieder blickt Dir ein Augenpaar entgegen, doch es schwebt ohne Gesicht in der Luft vor Dir, Du weißt, wem es angehört hat, aber strebst umsonst, Dir die übrigen Züge zu gestalten oder einen Nachklang der Stimme in Dir wachzurufen. Nicht immer tauchen die lieblichsten Gestalten auf, manchmal kommt auch ein recht widerlicher Geselle und setzt sich recht breitspurig neben Dich hin und schaut Dich höhnisch an. Ich blicke von ihm fort nach rechts, hinein in die Ranken wilden Weins, doch da hängt der unleidliche Kerl wie ein Affe in ihnen. Wie ein Gassenhauer uns stundenlang verfolgen kann und mit seinen frechen Takten sich eindrängt in eine Beethovenschen Sonate, welcher wir andachtsvoll lauschen möchten, so klebt er sich an jedes Bild, welches ich aus dem Schlafe wecke und vergällt mir das Träumen für heute.

So schön aber auch das Träumen sein mag, es ist oft ein gefährlicher Luxus des Gemüts. Mancher Mensch spinnt das Gewebe des Traums aus den Stunden der Einsamkeit hinüber in das Leben. Wo er mit wachen Augen die Wirklichkeit prüfen müßte, dort träumt er und unmerkbar verwirren sich die Grenzen zwischen Phantasie und Leben. Im Reiche der ersten giebt es keine Hindernisse, und darum kann sich der Wille an ihnen nicht kräftigen. Darum verliert er die Kraft den rauhen Pflichten des Tages gegenüber, wird leicht mutlos und flüchtet dann immer in die Traumwelt hinüber. Aber während sie für ihn sich immer mehr mit Gestalten füllt, verödet ihm die Wirklichkeit und wird ihm schattenhaft oder seine Empfindlichkeit gegen äußere Widrigkeiten steigert sich so, daß er ihnen machtlos gegenüber steht.

So kann der Traum der freundliche Tröster zum grausamen Gewaltherrscher werden, zu einer willenzerstörenden Macht. Auch das ist oft das Los der Künstler und Dichter. Sie müssen ja, um zu wirken, mit feineren Nerven begabt sein, auf welche das Traumgebilde wie ein wirkliches wirkt, und die noch Aetherschwingungen leiten, welche rohere Sinne nicht mehr wahrnehmen.

Dann bildet sich oft ein tiefer Zwiespalt zwischen Welt und Gemüt. Den Einen treibt er in schmerzliche Verbitterung, den Anderen in Verzweiflung, Manchen in Spottsucht und Frivolität. Vielleicht sind die Letzten die Unglücklichsten, denn sie fühlen die Sünde, welche sie am heiligen Geist begehen, beten oft Nachts voll schmerzlicher Reue vor demselben Götterbilde, welches sie am Tage verhöhnen.

Sich zur Einheit auszugestalten ist die schwerste Aufgabe, welche das Leben uns auflegt. Zu ihr gehört es auch, daß wir die geträumten Ideale nicht in Gegensatz bringen zu den Pflichten des äußeren Lebens. Beide getrennte Welten muß der klare, von Vernunft geleitete Wille verbinden und auseinanderhalten zugleich. Dann wirst Du nie vom Leben mit schmerzlicher Sehnsucht verlangen, was Dir nur das Träumen geben kann, wirst aber auch das Leben nicht im Traume verflüchtigen; dann aber auch kannst Du hoffen, Manches, was Dir zuerst nur traumhaft durch die Seele zog, zu gestalten mitten im wirklichen Leben.

Schweigende Frühlingsnacht ist niedergesunken – das Licht der Lampe fällt plötzlich in das mich umhüllende Dunkel, weckt mich aus den Träumen und ruft zur Arbeit. – Was ich gesonnen habe, hin- und herschweifend in Gedanken, Du hast es jetzt gelesen. Wenn es Dir nicht klar und bestimmt genug erscheint, wenn zuweilen ein Schleier über Worten und Bildern liegt, dann verzeihe, und vergiß nicht: das Ganze ist ja nur eine Träumerei über das Träumen.

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