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William Makepeace Thackeray: Henry Esmond - Kapitel 9
Quellenangabe
typefiction
authorWilliam Makepeace Thackeray
titleHenry Esmond
publisherAufbau-Verlag
year1953
translatorElse von Schorn
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150118
projectid5785aa0d
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Siebentes Kapitel
Ich bleibe als Waise in Castlewood zurück und finde dort die gütigsten Beschützer

Solange die Soldaten Castlewood besetzt hielten, war der ehrliche Dick der Lateiner der ständige Begleiter des kleinen verwaisten Harry Esmond. Sie lasen zusammen, sie kegelten zusammen, und wenn die andern Soldaten und Offiziere beim Becher recht unverblümte Gespräche führten und vor den Ohren des Kindes nach der Sitte der Zeit (denn damals waren weder Männer noch Frauen überbedenklich) unschicklich von ihren Liebesabenteuern erzählten, so legte ihnen Dick das Handwerk mit einem maxima debetur pueris reverentia, und erregte damit allgemeines Gelächter. Einmal forderte er sogar im Scherz einen der Reiter, namens Hulking Tom, zu einem Säbelduell heraus, weil er an Harry eine schlüpfrige Frage stellen wollte.

Dick vertraute auch dem Kinde, das, wie er sagte, über seine Jahre verständig und verschwiegen war, seine Liebe zu einer Weinhändlerstochter in London an. Er hatte viele Gedichte auf sie gemacht und nannte sie darin Saccharissa. Er schwor wohl tausendmal am Tag, daß er nicht länger ohne sie leben könne; aber Harry lächelte dazu, denn er sah, daß der unglücklich liebende junge Mann ebensoviel aß und ebenso gesund war wie die Reiter mit unverwundetem Herzen. Er ließ Harry Verschwiegenheit schwören, und der Knabe hielt den Schwur gewissenhaft, bis er merkte, daß alle Soldaten und Offiziere mit Dicks Vertrauen beehrt wurden und seine Verse genossen. Wir müssen auch gestehen, daß Dick, während er nach Saccharissa in London seufzte, bei den Töchtern des Landes Trost suchte; ein Mädchen aus dem Dorfe Castlewood, das ihm seine Wäsche gewaschen hatte, kam und weinte bitterlich, als es hörte, daß er fort sei. Er hatte ihr auch die Rechnung nicht bezahlt, und Harry Esmond machte das wieder gut. Er gab dem Mädchen ein Silberstück, das ihm der Lateiner Dick beim Abschied unter Umarmungen und Segenswünschen geschenkt hatte, als die Truppe von Castlewood fortbeordert wurde. Dick erklärte, er werde seinen jungen Freund nie vergessen, und er hat Wort gehalten. Harry war traurig, als die freundlichen Soldaten das Schloß verließen, und sah mit nicht geringer Angst dem Schicksal entgegen, sobald der neue Herr und die Herrin des Hauses hier wohnen würden. Er war jetzt über zwölf Jahre alt und hatte außer Pater Holt und vielleicht diesem wilden Soldaten keinen Freund gehabt. Sein warmes, liebevolles Herz, zärtlich bis zur Schwäche, das sich so gern jemand angeschlossen hätte, schien nicht zur Ruhe zu kommen, bis er einen Freund gefunden hatte, der es in seine Obhut nahm.

Der Instinkt, der Harry Esmond trieb, die gütige Frau zu bewundern und zu verehren, deren Schönheit und Freundlichkeit ihn so bewegt hatte, als er sie zum ersten Male sah, wurde bald zu einem Gefühl hingebender Liebe und leidenschaftlicher Dankbarkeit, das sein junges Herz ganz erfüllte. Er hatte, ausgenommen in dem Fall des geliebten Pater Holt, noch nicht viel Güte erfahren, die ihn hätte dankbar stimmen können. O Dea certè, dachte er, sich der Verse aus der Äneis erinnernd, die ihn der Pater gelehrt hatte. In jedem Blick und jeder Bewegung dieses schönen Geschöpfs empfand der Knabe himmlische Sanftmut und strahlendes Mitleid; in Ruhe und Bewegung schien sie ihm gleich reizend. Der Ton ihrer Stimme, mochten ihre Worte auch noch so alltäglich sein, bereitete ihm eine Freude, die fast an Schmerz grenzte. Man kann es nicht Liebe nennen, was der Knabe von zwölf Jahren, der nicht viel mehr als ein Diener war, für eine so hochgestellte Dame wie seine Herrin empfand; es war Verehrung. Ihren Blick zu erhaschen, ihre Wünsche zu erraten, sie zu erfüllen, ehe sie sie ausgesprochen, über sie zu wachen, ihr zu folgen, sie anzubeten, wurde der Zweck seines Lebens. Indessen hatte, wie es oft zu sein pflegt, sein Götzenbild auch wiederum seine Abgötter und ahnte nichts von der Bewunderung des zwergenhaften Anbeters.

Mylady hatte ihrerseits drei Götzenbilder. Zuvörderst und zuoberst stand als Jupiter und höchster Herrscher Mylord, Harrys Gönner, der gute Graf von Castlewood. Jeder seiner Wünsche war Gesetz für sie. Hatte er Kopfschmerzen, so war sie elend. Runzelte er die Stirn, so zitterte sie. Scherzte er, so lächelte sie und war beglückt. Wenn er auf die Jagd ging, so stand sie am Fenster, um ihn wegreiten zu sehen, wie um auf seine Rückkehr zu warten, und ihr kleiner Sohn jauchzte auf ihrem Arm. Sie bereitete ihm Speisen zum Mittagessen; sie würzte seinen Wein; sie röstete ihm Brot zum Frühstückstrank, sorgte für Ruhe im Hause, wenn er in seinem Stuhl schlief, und suchte einen Blick zu erhaschen, wenn er erwachte. War Mylord nicht wenig stolz auf seine Schönheit, so betete Mylady sie an. Sie klammerte sich an seinen Arm, wenn er die Terrasse auf und ab spazierte, und faltete ihre beiden schönen kleinen Hände um seine große Hand. Ihre Augen wurden niemals müde, ihm ins Gesicht zu schauen und sich seiner Vollkommenheit zu freuen. Ihr kleiner Junge war seines Vaters Sohn, er hatte den Blick von ihm und das braune lockige Haar. Ihre Tochter Beatrix war ihres Vaters Tochter und hatte seine Augen – gab es je schönere Augen auf Erden? Das ganze Haus war ihm zur Freude und Bequemlichkeit geordnet. Sie liebte es, wenn die kleinen Gutsbesitzer der Umgegend kamen und ihm den Hof machten, und dachte nie daran, sich selbst bewundern zu lassen; die ihr gefallen wollten, mußten ihn bewundern. Unbekümmert um ihren Anzug konnte sie ein Kleid bis zur Erschöpfung tragen, nur weil er einmal sein Wohlgefallen daran geäußert hatte; und wenn er ihr eine Brosche oder ein Band schenkte, dann zog sie das den kostbarsten Schätzen ihrer Garderobe vor.

Mylord verlebte jedes Jahr sechs Wochen in London, und da die Familie zu arm war, um standesgemäß bei Hofe zu erscheinen, so ging er allein. Erst wenn er außer Sicht war, fing der Kummer an, sich auf ihrem Gesicht zu zeigen, und welche Freude, wenn er zurückkam! Was für Vorbereitungen zu seinem Empfang! Die zärtliche kleine Frau pflegte seinen Lehnstuhl an den Kamin zu rücken, die Kinder hineinzusetzen und sich so an ihrem Anblick zu erfreuen. Niemand durfte sich bei Tisch auf Mylords Stuhl setzen, und sein silberner Becher stand an seinem Platz, als könnte er jeden Augenblick erscheinen.

Es war ein hübscher Anblick, wenn während Mylords Abwesenheit und an manchem Morgen, an dem Schlaf oder Kopfschmerzen ihn noch im Bett festhielten, die schöne junge Herrin von Castlewood, ihre kleine Tochter neben sich, ihre Dienerschaft um sich, die Morgengebete der englischen Kirche verlas. Esmond erinnerte sich noch lange ihrer Stimme und ihres Gesichts, wie sie ehrfürchtig vor dem heiligen Buch kniete und die Sonne wie ein Heiligenschein um ihr goldenes Haar schimmerte. In einer Reihe ihr gegenüber knieten ein Dutzend Diener des Hauses. Zuerst hielt sich Esmond von diesen Mysterien fern; aber als Doktor Tusher ihm bewies, daß die Gebete, die verlesen wurden, seit alters her die allgemeinen Gebete der Kirche waren, und da die Neigung des Knaben ihn immer in die Nähe der geliebten Herrin trieb und ihm alles recht schien, was sie tat, so dauerte es nicht lange, bis er mit dem übrigen Hause im Wohnzimmer kniete und nicht mehr vom Vorzimmer aus die Gebete anhörte. In weniger als zwei Jahren hatte ihn Mylady vollständig bekehrt. Der Knabe liebte seine Katechetin so, daß er alles unterschrieben hätte, was sie ihm gebot. Er wurde niemals müde, ihrer sanften Rede und ihren einfachen Erklärungen des Buchs zu lauschen, aus dem sie ihm mit einer Stimme vorlas, deren einschmeichelnder Überzeugungskraft und zärtlich werbender Güte es schwer war zu widerstehen. Diese freundschaftlichen Dispute und die Vertraulichkeit, die sie erzeugten, fesselten den Knaben immer fester an seine Herrin. Es war die glücklichste Zeit seines Lebens. Die junge Mutter las, arbeitete und spielte mit Tochter und Sohn und dem verwaisten Knaben, den sie beschützte, und sie waren alle wie Kinder zusammen. Wenn Mylady in die Zukunft schaute – und welche zärtlich sorgende Frau tut das nicht? –, so wurde Harry Esmond in ihren Plänen niemals vergessen. Wohl tausend- und aber tausendmal schwur er in seiner leidenschaftlichen, stürmischen Art, daß ihn keine Gewalt von seiner Herrin trennen solle, und daß er sich nur nach einer Gelegenheit sehne, ihr seine Treue zu beweisen. Jetzt, am Ende seines Lebens, wo er in der Stille glücklicher und unruhiger Stunden gedenkt, macht er sich dankbar klar, daß er diesem jugendlichen Schwur treu geblieben ist. Solch ein Leben ist so einfach, daß man Jahre in wenige Zeilen fassen kann. Aber die Lebensreise weniger Menschen ist ganz und gar vom Glück begünstigt, und das heitre Stilleben, von dem wir eben berichtet haben, sollte bald ein Ende nehmen.

Als Esmond älter wurde und anfing, selbständig zu beobachten, wurde es ihm Bedürfnis, manches zu lesen und zu denken, was über den freundlichen Kreis der Verwandten hinausging, die ihn in ihrer Mitte aufgenommen hatten. Er las mehr Bücher, als sie geneigt waren, mit ihm durchzustudieren, und war viel mit diesen Büchern allein. Er verbrachte manche Nacht über Arbeiten, die vielleicht wertlos waren, bei denen sie ihm aber nicht folgen konnten. Seine angebetete Herrin erriet seine Gedanken mit der ihr eigenen eifersüchtigen Wachsamkeit des Herzens. Sie sah eine Zeit kommen, wo er aus dem heimatlichen Nest entfliehen würde, und schüttelte bei seinen heftigen Versicherungen vom Gegenteil seufzend den Kopf. Ehe Verhängnisvolles im Leben geschieht, pflegen geheime Vorgefühle und warnende Ahnungen vorauszugehen. Alles scheint ruhig, und doch fühlen wir den Sturm kommen. Noch dauerten die glücklichen Tage; aber wenigstens zwei Menschen aus dem Familienkreise fühlten, daß sie zu Ende gingen, und fühlten sich unruhig und auf der Wacht vor der Wolke, die ihre Heiterkeit verdüstern sollte.

Es war nicht schwer für Harry, zu sehen, daß Mylord seines ruhigen Lebens müde wurde, und so eifrig auch seine Frau in Gehorsam und Bewunderung für ihren Gatten verharrte, die sanften Fesseln, mit denen sie ihn halten wollte, fingen doch an, ihn reizbar zu machen. Wie der große Lama in Tibet seines göttlichen Zustands herzlich müde sein soll und auf seinem Altar gähnt, wenn seine Bonzen vor ihm knien und ihn anbeten, so wird mancher Hausgott krank und elend über der Verehrung, mit der seine Familienanbeter ihn verfolgen. Er seufzt nach Freiheit und nach seinen früheren Gewohnheiten und sehnt sich von dem Piedestal herunter, auf dem seine Angehörigen ihn immer sitzen haben möchten, um ihn mit Blumen, Liedern, Weihrauch und Schmeichelei zu verehren. So wurde der brave Graf Castlewood wenige Jahre nach seiner Heirat seines Zustands überdrüssig. All die hochfliegende Begeisterung und die ehrfürchtigen Zeremonien, mit denen seine Gattin und Oberpriesterin ihn behandelte, machten ihn erst schläfrig und trieben ihn dann aus dem Hause. Denn, der Wahrheit die Ehre, Mylord war ein fröhlicher Herr, mit wenig Erhabenem oder Göttlichem in seiner Natur, wenn auch seine zärtliche Frau darauf bestand, ihn göttlich zu verehren. Dann forderte auch diese Liebe eine Gegenleistung, zu der Menschen seiner Art selten geneigt sind – kurz, hatte er ein liebendes Weib, so hatte er auch ein sehr eifersüchtiges und gestrenges. Er wurde dieser Eifersucht müde, er trotzte ihr; dann kamen, ohne Zweifel, Klagen und Vorwürfe, dann vielleicht Versprechungen, daß man sich bessern wolle, die aber nicht gehalten wurden, dann tadelnde Mißbilligung, die dadurch nicht angenehmer wurde, daß sie stumm blieb und sich nur in traurigen Blicken und verweinten Augen äußerte. Dann gelangten die beiden wohl auf einen Punkt, der in der Ehe nicht ungewöhnlich ist, wo die Frau sich klar wird, daß der Gott der Flitterwochen kein Gott mehr ist, sondern nur ein Sterblicher, wie alle andern Menschen auch. Sie schaut in ihr Herz und wehe! vacuœ sedes et inania arcana. Nehmen wir nur an, daß unsre Dame einen feinen Geist und glänzenden Witz zu eigen hat, und daß der Zauber und die Verblendung von ihr genommen sind, die sie verführt haben, einen gewöhnlichen Sterblichen als Gott zu verehren – was wird dann die Folge sein? Sie werden zusammen leben, sie werden zusammen essen, sie sagen »mein Lieber« und »meine Liebe« zueinander, alles wie einst. Aber der Mann ist er selbst, und die Frau ist sie selbst. Der Traum der Liebe ist vergangen, wie alles im Leben vergeht, wie Blumen und Freuden, wie Kummer und Haß.

Es ist wohl möglich, daß die Gräfin Castlewood schon lange aufgehört hatte, ihren Gatten zu verehren, als sie noch immer vor ihm auf den Knien lag und vom Hausstand verlangte, daß er ihm huldigte. Um gerecht zu sein, müssen wir sagen, daß Mylord diese Unterwürfigkeit niemals forderte. Er lachte und scherzte, trank seinen Wein, fluchte, wenn er ärgerlich war, viel zu gemein für jemand, der Erhabenheit spielen soll, und tat sein möglichstes, den Kultus zu zerstören, mit dem seine Frau ihn umgab. Es bedurfte keines großen Witzes auf seiten des jungen Esmond, um zu bemerken, daß er klüger war als sein Herr, und dieser dachte auch niemals daran, dem Knaben oder irgendeinem Untergebenen gegenüber eine Miene der Überlegenheit anzunehmen. Im Gegenteil, er verwöhnte »Pfarrer Harry«, wie er den jungen Esmond nannte, nur allzusehr mit häufigem Lob und Bewunderung seines knabenhaften Wissens. Nur wenn man seinen Zorn erregte, so pflegte er sich sehr deutlich in Flüchen zu äußern.

Es mag undankbar scheinen, daß jemand, der hundert Freundlichkeiten von seinem Beschützer erfuhr, nicht nur in ehrfürchtigem Ton von dem Älteren spricht. Aber der dies schreibt, hat selbst Nachkommen gezeugt und hat sie möglichst wenig zu der Unterwürfigkeit erzogen, die Eltern heutzutage von ihren Kindern fordern (unter welcher Maske der Pflicht sich oft genug Gleichgültigkeit, Verachtung und Widerspruch verbirgt), und da es des Schreibers Wunsch ist, daß seine Enkelkinder ihn nicht einen Zoll größer sehen, als die Natur ihn geschaffen hat, so will er in Hinsicht auf seine eigne Vergangenheit ohne Groll, aber die Wahrheit sprechen, soweit er sie kennt, weder etwas gutmütig bemänteln noch etwas boshaft entstellen.

Solange die Welt sich nach Lord Castlewoods Wünschen drehte, war er ein höchst gutgelaunter Herr. Er hatte eine leichte, heitere Natur, liebte zu scherzen, besonders mit einfachen Leuten, und freute sich ihres Gelächters. Er beherrschte alle Leibesübungen in der Vollendung, Schießen nach festem und fliegendem Ziel, Pferde zureiten, Ringstechen, Diskuswerfen, und zeigte bei allen erdenklichen Spielen die größte Gewandtheit. Er war wirklich geschickt in diesen Dingen, aber er glaubte auch, unfehlbar richtig darüber zu urteilen. So kam es, daß er oft mit Pferden betrogen wurde, von denen er mehr zu verstehen meinte als jeder Pferdehändler. Falschspieler brachten ihn beim Billard um sein Geld, und er kam jedesmal jämmerlich ärmer aus London zurück, als er hingegangen war. Davon zeugte der Stand seiner Geschäfte, als ein plötzlicher Unglücksfall seiner Laufbahn ein Ende setzte.

Er liebte Aufwand in der Kleidung und verbrachte täglich Stunden bei seiner Toilette, wie eine ältliche Schöne. Ein Zehntel des Tages verbrachte er damit, seine Zähne zu bürsten und sein Haar mit Öl zu pflegen, das braun und lockig war, und das er nicht unter einer Perücke zu verstecken liebte, die damals allgemein getragen wurde. Die Freiheit unsers Haares ist uns mittlerweile zurückgegeben, aber dafür sind Puder und Pomade aufgetaucht. Ich möchte wohl wissen, wann diese ungeheuerliche Kopfsteuer unsers Zeitalters vom Schauplatz verschwinden wird und die Menschen ihre Haare wieder schwarz, rot oder grau tragen dürfen, wie die Natur sie ihnen gegeben hat.

Es war verwunderlich für den jungen Esmond, wenn er Mylord und Mylady als Page bediente, seinen Herrn Tag für Tag und vor jeder Gesellschaft dieselben rauhen Geschichten erzählen zu hören. Mylady versäumte nie, zu lächeln oder den Kopf zu senken, und Doktor Tusher lachte an passenden Stellen laut oder rief: »Pfui, Mylord, denken Sie an den Rock, den ich trage!« aber im Tone so milder Entrüstung, daß er Mylord nur noch stärker aufreizte. Graf Castlewoods Geschichten stiegen von Gang zu Gang und wurden derber nach dem Ale bei Tisch und bei der Flasche nachher. Mylady ergriff stets nach dem allerersten Glas auf Kirche und König die Flucht und ließ die Herren die übrigen Gesundheiten allein trinken.

Da Harry Esmond ihr Page war, so wurde auch er dann von seinem Dienst erlöst. »Mylord hat im Felde und mit Soldaten gelebt«, pflegte sie zu dem Knaben zu sagen, »bei ihnen ist größere Freiheit erlaubt. Du bist anders erzogen, und ich hoffe, wenn du älter bist, werden sich diese Sitten geändert haben. Nicht, daß Mylord irgendeine Schuld träfe, er ist einer der besten und frömmsten Männer des Königreichs.« Das wird sie wohl auch geglaubt haben. Was kann ein Mann alles tun, und eine Frau hält ihn doch für einen Engel!

Esmond hat sich die Wahrheit zur Richtschnur genommen. Darum muß er auch ein Geständnis über jenen andern Engel, seine Herrin, machen. Sie hatte einen Charakterfehler, der ihrer Vollkommenheit schadete. Sie war sehr duldsam und gütig gegen das andre Geschlecht, gegen ihr eignes aber war sie unwandelbar eifersüchtig. Daß sie mit diesem Laster behaftet war, ist dadurch erwiesen, daß sie sich ungezählter Fehler zieh, die sie gar nicht besaß, diesen Fehler aber niemals zugeben wollte. Wenn eine Frau mit dem leisesten Schimmer von Schönheit nach Castlewood kam, dann fand sie gewiß irgendeinen Makel an ihr, und Mylord lachte in seiner lustigen Art und neckte sie mit ihrer Schwäche. Es kamen wohl hübsche Mägde, um sich im Schlosse zu verdingen, aber keine von ihnen wurde genommen. Die Haushälterin war alt, Myladys Kammerfrau schielte und hatte Pockennarben, die Jungfern und Mägde waren gewöhnliche Bauernmädchen, die Lady Castlewood freundlich behandelte, wie es ihre Art mit fast allen Menschen war; nur wenn sie es mit einer hübschen Frau zu tun hatte, war sie kalt, zurückhaltend und hochmütig. Die Damen der Gegend fanden ihren Fehler bald heraus, und während alle Männer sie bewunderten, beklagten sich ihre Frauen und Töchter über ihre Kälte und ihr stolzes Gehabe und erklärten, es sei zu Lady Jezebels Zeiten, wie man die Witwe nannte, gemütlicher in Castlewood gewesen. Einige wenige waren auf meiner Herrin Seite. Die alte Lady Blenkinsop Jointure, die zu König Jakobs des Ersten Zeiten am Hof gewesen war, nahm immer ihre Partei, und mit ihr die alte Kammerfrau Crookshank aus Hexton, Bischof Crookshanks Tochter, die in Gemeinschaft mit ein paar andern ihresgleichen Mylady für einen Engel erklärte. Aber die hübschen Frauen teilten nicht diese Ansicht, und die Meinung der Grafschaft war, daß Mylord an seiner Frau Schürzenband gefesselt sei und daß sie über ihn herrschte.

Als Harry Esmond vierzehn Jahre alt war, focht er zum zweiten Male in seinem Leben einen Zweikampf aus, und zwar mit Bryan Hawkshaw, Baron Hawkshaws Sohn von Bramblebrook, der die allgemeine Ansicht aussprach, daß Mylady eifersüchtig sei und Mylord unter dem Pantoffel habe, und Harry dadurch in eine solche Wut versetzte, daß er über ihn herfiel, und zwar so heftig, daß der andre Junge, der zwei Jahre älter und viel größer war als er, bei diesem Angriff bedenklich den kürzern zog. Der Kampf wurde durch Doktor Tusher unterbrochen, der gerade aus dem Eßzimmer kam.

Bryan Hawkshaw erhob sich mit blutender Nase. Die Wut des Angriffs hatte ihn überrascht; auch einem stärkeren Mann hätte es so gehen können.

»Du kleiner Bastardbettler«, sagte er, »dafür schlage ich dich tot!«

Groß genug dazu war er allerdings.

»Bastard oder nicht«, sagte der andre und knirschte mit den Zähnen, »ich habe ein paar Degen, und wenn du dich mir stellen willst, Mann gegen Mann, heute nacht auf der Terrasse ...«

Doktor Tusher hatte sich genähert, und das Zwiegespräch der beiden Kämpfer nahm ein Ende. Höchstwahrscheinlich brannte Hawkshaw, so groß er war, nicht auf die Fortsetzung des Kampfes mit einem so grimmigen Gegner.

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