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William Makepeace Thackeray: Henry Esmond - Kapitel 8
Quellenangabe
typefiction
authorWilliam Makepeace Thackeray
titleHenry Esmond
publisherAufbau-Verlag
year1953
translatorElse von Schorn
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150118
projectid5785aa0d
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Sechstes Kapitel
Der Ausgang der Verschwörung. Der Tod des Thomas, dritten Grafen von Castlewood, und die Gefangenschaft der Gräfin

Anfangs meinte Mylady, sie würde geköpft werden wie die Königin Maria von Schottland, der sie sich schmeichelte, an Schönheit zu gleichen. Sie schlug an ihren mageren Hals und sagte: »Sie werden Isabel von Castlewood ihrem Schicksal gewachsen finden.« Ihre Kammerfrau Victoire überzeugte sie, da sie nicht fliehen könne, sei es das klügste, die Soldaten in ihrem Zimmer zu erwarten und sie dort zu empfangen, als wisse sie von nichts. So wurde denn die schwarze japanische Truhe, die Harry in den Wagen tragen sollte, wieder in ihr Zimmer gebracht, und Herrin und Dienerin zogen sich dorthin zurück. Victoire erschien alsbald wieder an der Tür und gab dem Pagen die Weisung, er möge sagen, Mylady sei krank und liege mit Rheumatismus zu Bett.

Um die Zeit hatten die Soldaten Castlewood erreicht; Harry Esmond sah sie vom Fenster des Gobelinzimmers aus in den Hof reiten. Zwei Schildwachen wurden am Tor aufgestellt; ein halbes Dutzend Leute ging nach den Ställen. Ein paar andre, an der Spitze der Offizier und ein Herr in Schwarz, ohne Zweifel eine Gerichtsperson, ließen sich von einem der Diener nach der Treppe zu Mylords und Myladys Gemächern führen.

So kam der Hauptmann, ein hübscher freundlicher Mann, begleitet von dem Vertreter des Gesetzes, durch das Vorzimmer in das Gobelinzimmer, wo Harry Esmond, der Page, ganz allein am Fenster stand.

»Melde deiner Herrin, daß wir sie sprechen müssen, kleiner Mann«, sagte der Hauptmann freundlich.

»Meine Herrin liegt krank zu Bett«, sagte der Page.

»Was fehlt ihr?« fragte der Hauptmann.

Der Knabe sagte: »Rheumatismus.«

»Rheumatismus! Das ist ein böses Leiden«, meinte der gutmütige Hauptmann, »und der Wagen steht wohl im Hof, um den Doktor zu holen?«

»Das weiß ich nicht«, sagte der Knabe.

»Und seit wann ist Mylady krank?«

»Das weiß ich nicht«, sagte der Knabe.

»Wann ist Mylord fortgeritten?«

»Gestern abend.«

»Mit Pater Holt?«

»Mit Herrn Holt.«

»Welchen Weg haben sie genommen?« fragte der Gerichtskommissar.

»Sie sind ohne mich fortgeritten«, sagte der Page.

»Wir müssen die Gräfin Castlewood sehen.«

»Ich habe Befehl, niemand bei Ihro Gnaden einzulassen – sie ist krank«, sagte der Page; aber in diesem Augenblick kam Victoire heraus. »Still!« sagte sie, als ahne sie nicht, daß jemand da sei. »Was ist das für ein Lärm?« fuhr sie fort. »Ist dieser Herr der Arzt?«

»Unsinn! Wir müssen die Gräfin Castlewood sehen«, sagte der Gerichtskommissar und schob sie beiseite.

Die Vorhänge in Myladys Zimmer waren heruntergelassen; es war dunkel, und sie lag im Bett, von Kissen gestützt, die Nachtmütze auf dem Kopf, und sah nicht im mindesten bleich und erschreckt aus, weil sie noch immer Rouge auf den Wangen hatte, das ja nicht verschwinden konnte.

»Ist das der Arzt?« fragte sie.

»Diese Komödie nützt Ihnen nichts, Mylady«, sagte Hauptmann Westbury (denn so hieß er). »Meine Order ist, den Grafen Thomas von Castlewood, einen ungesetzmäßigen Pair, zu verhaften, Robert Tusher, den Pfarrer von Castlewood, und Henry Holt, einen Jesuiten, den man auch unter verschiedenen anderen Namen und Titeln kennt. Er hat zu des früheren Königs Zeiten als Kaplan hier im Schlosse amtiert und ist jetzt das Haupt der Verschwörung gegen Ihre Majestät König Wilhelm und Königin Maria. Ich habe Befehl, das Haus nach Papieren und Spuren der Verschwörung zu durchsuchen. Sie werden die Güte haben, mir die Schlüssel zu geben, und es wird auch für Euer Gnaden das beste sein, uns in jeder Hinsicht beim Suchen zu helfen.«

»Sie sehen, mein Herr, daß ich Rheumatismus habe und mich nicht rühren kann«, sagte Mylady und sah ganz ungewöhnlich gespenstisch aus in ihren Kissen, obwohl sie ihre Wangen geschminkt und eine neue Nachtmütze aufgesetzt hatte, um den Offizieren wenigstens so schön als möglich zu erscheinen.

»Ich werde mir erlauben, einen Posten in Ihrem Zimmer zu lassen, damit Sie einen Arm zur Stütze haben, falls Sie aufstehen möchten«, sagte Hauptmann Westbury. »Ihre Kammerfrau wird mir alles zeigen.« Madame Victoire öffnete eine Lade nach der anderen und schnatterte dabei in ihrem französisch-englischen Kauderwelsch. Der Hauptmann sah überall nach, aber recht sorglos, wie es Harry schien, und mit einem Lächeln um den Mund, als führe er die Unternehmung nur um der Form willen.

Vor einer der Truhen warf sich Victoire nieder, breitete die Arme darüber und kreischte: »Non, jamais, monsieur l'officier! Jamais! Lieber will ich sterben als Sie sehen lassen, was in diesem Kasten ist!«

Aber Hauptmann Westbury bestand darauf, daß er geöffnet werde, immer mit demselben Lächeln, das sich in hell ausbrechendes Gelächter wandelte, als der Deckel aufsprang. Denn er enthielt – keine die Verschwörung betreffenden Papiere – sondern Myladys Perücken, Puderbüchsen und Schminktöpfe, und Victoire erklärte, Männer seien Ungeheuer, als der Hauptmann fortfuhr, den Kasten zu untersuchen. Er beklopfte die Rückwand, um festzustellen, ob sie hohl wäre; als er anfing, mit den Händen in der Truhe zu wühlen, schrie Mylady aus ihrem Bett heraus mit einer Stimme, die durchaus nicht wie die einer schwerkranken Frau klang: »Sind Sie beauftragt, nicht nur Herren zu verhaften, sondern auch Damen zu beleidigen, Hauptmann?«

»Diese Gegenstände sind nur gefährlich, wenn Euer Gnaden sie gebrauchen«, sagte der Hauptmann mit tiefer Verbeugung und spöttisch-höflichem Grinsen. »Ich habe bisher noch nichts gefunden, was die Regierung interessiert; nur die Waffen, mit denen es der Schönheit erlaubt ist, zu töten«, und er zeigte mit der Degenspitze auf eine der Perücken. »Wir müssen jetzt das übrige Haus durchsuchen.«

»Sie werden doch nicht diesen Elenden da in meinem Zimmer lassen?« schrie Mylady und zeigte auf den Posten.

»Was bleibt mir übrig, gnädige Frau? Jemand müssen Sie doch haben, der Ihre Kissen glättet und Ihnen die Medizin bringt. Erlauben Sie ...«

»Mein Herr!« kreischte Mylady.

»Wenn Sie zu krank sind, das Bett zu verlassen«, sagte da der Hauptmann ziemlich streng, »dann muß ich vier von meinen Leuten kommen lassen, um Sie mit dem Betttuch in die Höhe zu heben. Mit einem Worte, ich muß das Bett untersuchen. Papiere können ebensogut in einem Bett verborgen sein als anderswo; wir wissen das sehr wohl, und ...«

Mylady schrie auf, denn der Hauptmann, der mit der Faust in die Kissen und Pfühle stieß, kam schließlich dahin, wo es »brannte«, wie man beim Pfänderspiel zu sagen pflegt. Er riß ein Kissen heraus und sagte: »Sieh da, habe ich es Ihnen nicht gesagt? Da haben wir ein Kissen, das mit Papier vollgestopft ist.«

»Irgendein Schurke hat uns verraten!« schrie Mylady und setzte sich im Bett auf. Dabei zeigte sich unter ihrem Nachtgewand eine vollständige Toilette.

»Und jetzt kann sich Euer Gnaden bewegen, nicht wahr; erlauben Sie mir, daß ich Ihnen die Hand zum Aufstehen reiche. Sie haben eine Reise von einiger Länge vor sich – heute abend bis Schloß Hexton. Befehlen Sie Ihren Wagen? Ihre Kammerfrau kann Sie begleiten, wenn Sie es wünschen – und die japanische Truhe?«

»Mein Herr, man schlägt einen Mann nicht, wenn er am Boden liegt«, sagte Mylady mit einiger Würde. »Können Sie eine Frau nicht schonen?«

»Euer Gnaden müssen die Güte haben aufzustehen, damit ich das Bett durchsuchen kann«, sagte der Hauptmann. »Wir haben keine Zeit mehr mit Hinundherreden zu verlieren.«

Und ohne weitere Umstände zu machen, stand die magere alte Frau auf. Harry Esmond erinnerte sich bis zum Ende seines Lebens an diese Gestalt, wie sie im Brokatkleid, das weiße Nachtgewand darüber, mit den goldgestickten roten Strümpfen und den roten Absätzen langsam dem Bett entstieg. Die Koffer standen fertig gepackt in ihrem Vorzimmer, und die Pferde fertig gezäumt im Stall. Der Hauptmann schien das alles zu wissen. Er war wohl von irgend jemand unterrichtet worden, und Esmond konnte sich später sehr wohl denken, von wem: als Doktor Tusher sich einmal darüber beklagte, daß König Wilhelms Regierung ihm die Dienste, die er ihr in dieser Sache geleistet, sehr schlecht vergolten habe.

Wenn auch Harry damals zu jung war, um alles zu verstehen, was da vor sich ging, so sei doch jetzt berichtet, was die Papiere enthielten, die bei der Ankunft der Soldaten aus der japanischen Truhe in das Bett gewandert waren und die Hauptmann Westbury mit Beschlag belegt hatte.

Da war eine Liste von Herren der Grafschaft in der Handschrift des Pater Holt – Herrn Freimanns (König Jakobs) Freunde. Eine gleiche Liste wurde unter den Papieren des Sir John Fenwick und des Herrn Coplestone gefunden, die für diese Verschwörung mit dem Tode büßten.

Da war ein Patent, das dem Grafen Castlewood und seinen männlichen Erben den Titel eines Marquis von Esmond verlieh. Die Papiere enthielten auch seine Ernennung zum Lord-Leutnant der Grafschaft und zum Generalmajor Es war immer der Ehrgeiz von Mylady gewesen, diesen Titel der Familie zurückzugewinnen, und als damals ihre jungfräuliche Tante, die Goldschmiedstochter Barbara Topham, starb und ihr ganzes Vermögen der Gräfin Castlewood vermachte, hatte diese, wie man sagt, fast das ganze Geld an König Jakob geschickt. Graf Castlewood aber war so wütend darüber gewesen, daß er zu Doktor Tusher in die Kirche ging und nur besänftigt werden konnte durch den Marquistitel, den die verbannte Majestät dem treuen Untertanen zum Pfande für die geliehenen fünfzehntausend Pfund sandte.

Dann waren da noch allerlei Briefe von Edelleuten und Gutsbesitzern, die sich teils begeistert, teils lau für die Sache des Königs zeigten, und zwei Briefe, die Oberst Francis Esmond betrafen und höchst vorteilhaft für ihn waren. Der eine, ein Brief von Pater Holt, lautete: »Ich habe diesen Oberst in seinem Hause in Walcote in der Nähe von Wells aufgesucht, wo er seit des Königs Weggang wohnt, und ihm in der Sache des Herrn Freimann eifrig zugesetzt, habe ihm die großen Vorteile des Handels mit diesem Kaufmann vorgestellt und ihm unsrer Verabredung gemäß hohe Preise geboten. Aber er weigerte sich und erklärte, daß er zwar Herrn Freimann als das Haupt der Firma betrachte und sich niemals mit einer andern Handelsgesellschaft einlassen oder irgend etwas gegen ihn unternehmen werde, sich aber seiner Pflicht entbunden betrachte, seit Herr Freimann England verließ. Dieser Oberst scheint für seine Frau und seine Hunde mehr Sinn zu haben als für Geschäfte. Er fragte mich allerlei über H. E., ›diesen Bastard‹, wie er ihn nannte, und schien an Mylords Absichten für ihn zu zweifeln. Ich beruhigte ihn über diesen Punkt, sagte ihm, was ich über den Jungen wußte und was für Pläne wir mit ihm hätten; aber in Sachen des Herrn Freimann blieb er starrköpfig.«

Und ein andrer Brief war von Oberst Esmond an seinen Vetter gerichtet und teilte ihm mit, daß ein gewisser Hauptmann Holton bei ihm gewesen sei und ihm große Bestechungen angeboten habe, wenn er sich »Sie wissen, wem« anschließen wolle. Er habe ihm auch gesagt, das Haupt des Hauses Castlewood sei dieser Sache tief verbunden. Aber er für sein Teil habe sein Schwert zerbrochen, als der K. das Land verließ, und wolle nie wieder in diesem Streit fechten. Der P. von O. sei wenigstens ein Mann, von hervorragendem Mut, und er halte es für seine und jedes Engländers Pflicht, dem Lande Ruhe zu verschaffen und die Franzosen fernzuhalten. Kurz, er wolle mit dem Anschlag nichts zu schaffen haben.

Als Oberst Frank Esmond Graf von Castlewood geworden war und man ihm die Papiere zeigte, erzählte er Henry Esmond von den beiden Briefen und dem Inhalt des Kissens. Er hatte freilich allen Grund, sich Glück zu wünschen, daß er der Verschwörung nicht beigetreten war, die für so viele ihrer Teilnehmer verhängnisvoll wurde.

Als sie die Papiere in Händen hatten, betrieben die Herren die weitere Durchsuchung des Schlosses mit vermindertem Eifer. Sie durchstöberten Herrn Holts Zimmer, zu dem sie von seinem Schüler geführt wurden. Wie ihm der Pater geboten hatte, zeigte er ihnen die Stelle, wo der Schlüssel lag, und öffnete ihnen die Tür.

Als die Herren die halbverbrannten Papiere in dem Kohlenbecken fanden, untersuchten sie sie eifrig, und ihr kleiner Führer war über ihre Ratlosigkeit im stillen belustigt.

»Was ist das?« fragte der eine.

»Die Papiere sind in fremder Sprache«, sagte der Gerichtskommissar, und als er Harry lächeln sah, fuhr er fort: »Worüber lachst du, kleiner Schelm?«

»Herr Holt sagte, es seien Predigten«, entgegnete Harry, »er hat mir befohlen, sie zu verbrennen.« Und das war in der Tat die Wahrheit über diese Papiere.

»Predigten, jawohl – ich wette, da steckt Verrat dahinter!« rief der Gerichtskommissar aus.

»Zum Teufel auch! Für mich ist es Griechisch«, sagte Hauptmann Westbury. »Kannst du es lesen, kleiner Junge?«

»Ja, ein wenig«, sagte Harry.

»So lies, aber englisch und auf deine Gefahr hin«, sagte der Gerichtskommissar, und Harry fing an zu übersetzen:

»Hat nicht einer eurer Schriftsteller gesagt, die Kinder Adams haben heute, ebenso wie Adam selbst, ihr Treiben um den Baum der Erkenntnis. Sie schütteln seine Zweige, suchen nach seinen Früchten und denken nicht an den Baum des Lebens. O blindes Geschlecht! Die Schlange ist es, die euch zu diesem Baum der Erkenntnis geführt hat ...« hier mußte der Knabe innehalten, denn der Rest der Seite war versengt. »Soll ich weiterlesen?« fragte er den Gerichtskommissar.

Der aber meinte: »Dieser Junge ist schlauer, als er scheint. Wer weiß, ob er uns nicht zum besten hat.«

»So mag Dick der Lateiner kommen«, sagte Hauptmann Westbury lachend und rief zum Fenster hinaus nach einem seiner Reiter. »Hallo, Dick, komm herein und übersetze!«

Ein untersetzter Soldat mit breitem gutmütigem Gesicht trat auf den Ruf herein und grüßte seinen Offizier.

»Sag uns, was das ist, Dick«, befahl der Gerichtskommissar.

»Ich heiße Steele, Herr«, sagte der Soldat. »Meine Freunde mögen mich Dick nennen; aber dazu rechne ich Herren Ihrer Tracht nicht.«

»Gut, also Steele.«

»Herr Steele, wenn ich bitten darf. Wenn Sie einen Gentleman von Seiner Majestät reitender Garde anreden, seien Sie bitte nicht so familiär.«

»Ich wußte es nicht, mein Herr«, antwortete der Mann des Gesetzes.

»Wie sollten Sie auch? Sie sind natürlich nicht an den Umgang mit Gentlemen gewöhnt«, sagte der Reiter.

»Halt deine Schnauze und lies, was hier steht!« unterbrach ihn Westbury.

Dick warf einen Blick auf das Papier. »Es ist Lateinisch«, und mit einer Verbeugung vor seinem Offizier: »ein Teil aus einer Predigt des Herrn Cudworth«, und er übersetzte mit beinahe denselben Worten wie Harry Esmond.

»Was für ein kleiner Gelehrter du bist!« sagte der Hauptmann zu dem Knaben.

»Verlassen Sie sich darauf, er weiß mehr, als er sagt«, erklärte der Gerichtskommissar. »Ich bin der Meinung, wir packen ihn mit der alten Jezebel in die Kutsche.«

»Weil er uns ein bißchen Lateinisch übersetzt hat?« fragte der Hauptmann, der sehr gutmütig war.

»Ich ginge ebenso gern in die Kutsche als anderswohin«, sagte Harry Esmond einfältig, »es kümmert sich doch niemand um mich.«

Es muß etwas Rührendes in der Stimme des Kindes oder in dieser unbewußten Schilderung seiner Einsamkeit gelegen haben, denn der Hauptmann sah ihn sehr gütig an, und der Reiter, der sich Steele nannte, legte freundlich seine Hand auf des Knaben Kopf und sagte ein paar lateinische Worte zu ihm.

»Was sagt er?« fragte der Gerichtskommissar.

»Zum Kuckuck, fragen Sie Dick selbst«, rief Hauptmann Westbury.

»Ich sagte, das Unglück sei mir nicht fremd und habe mich gelehrt, den Unglücklichen zu helfen, und das ist Ihr Gewerbe nicht, Sie Schafskopf!« sagte der Reiter.

»Lassen Sie Dick den Lateiner lieber in Ruhe, Herr Corbet«, warf der Hauptmann dazwischen. Und Harry Esmond, den ein freundliches Wort immer rührte, war voller Dank für den gutmütigen Beschützer.

Die Pferde waren mittlerweile angespannt. Die Gräfin und Victoire erschienen im Hofe und wurden in der Kutsche untergebracht. Die Kammerfrau, die Harry Esmond sonst den lieben langen Tag zu schelten pflegte, war ganz aufgelöst, als sie sich von ihm trennte. Sie nannte ihn »lieber Engel« und »armes Kind« und gab ihm hundert andre zärtliche Namen. Die Gräfin reichte ihm ihre dürre Hand zum Kuß und legte ihm ans Herz, dem Hause Esmond immer treu zu bleiben. »Ich weiß, wenn Mylord ein Unglück zustoßen sollte«, sagte sie, »so wird sein Nachfolger vorhanden sein und dein Beschützer werden. Bei dem Zustande, in dem ich mich befinde, werden sie es nicht wagen, jetzt ihre Rache an mir auszuüben.« Sie küßte inbrünstig ein Amulett, das sie zu tragen pflegte, und Harry begriff nicht im entferntesten, was der Sinn ihrer Worte war; später aber hat er erfahren, daß sie, alt wie sie war, unermüdlich einen Leibeserben für den Adelstitel erwartete, voll Zuversicht auf den Beistand der Heiligen Reliquien.

So wurde denn Mylady ihrer Kutsche anvertraut und, von zwei Reitern auf jeder Seite geleitet, nach Hexton abgesandt. Die Kammerfrau und der Gerichtskommissar leisteten Mylady im Wagen Gesellschaft. Harry blieb im Hause zurück, niemand zugehörig und ganz allein in der Welt. Der Hauptmann und eine militärische Wache hielten das Schloß besetzt, und die Soldaten, die sehr gutmütig und freundlich waren, aßen Mylords Hammel, tranken seinen Wein und machten es sich gemütlich, was in einem so angenehmen Quartier keine Kunst war.

Die Offiziere ließen sich mittags in Mylords Gobelinzimmer servieren, und der arme kleine Harry hielt es für seine Pflicht, hinter Hauptmann Westburys Stuhl zu stehen und ihn zu bedienen, wie er Mylord bedient hatte, der sonst auf diesem Stuhl saß.

Der gelehrte Dick nahm nach der Abreise der Gräfin Harry Esmond unter seinen besondern Schutz. Er prüfte seine Kenntnisse, fragte ihn über Französisch und Lateinisch aus, und es fand sich, was Lateiner Dick auch willig zugab, daß der Knabe ihm darin sogar überlegen war. Als er hörte, daß sein Lehrer ein Jesuit gewesen, dessen Lob zu singen und dessen Güte zu preisen Harry niemals müde wurde, da entfaltete Dick zur Überraschung des Knaben, der sehr frühreif war, wie viele allein erzogene Kinder, eine große Kenntnis in theologischen Dingen und Beschlagenheit in den Streitpunkten zwischen den beiden Kirchen. So kam es, daß Harry und er stundenlange Debatten miteinander pflogen, bei denen der Knabe gegen die Beweise dieses sonderbaren Reiters entschieden den kürzeren zog. »Ich bin kein gewöhnlicher Soldat«, pflegte Dick zu sagen, und seine Kenntnisse, seine gute Lebensart und seine mancherlei Fertigkeiten waren der beste Beweis dafür. »Ich stamme aus einer der ältesten Familien des Landes; ich bin auf einer berühmten Schule und auf einer berühmten Universität erzogen worden; ich habe die Anfangsgründe der lateinischen Sprache in der Nähe von Smithfield in London gelernt, wo man die Märtyrer geröstet hat.«

»Ihr habt ebenso viele von den Unsern gehängt«, unterbrach ihn Harry, »und was Verfolgungen angeht, so hat mir Pater Holt erzählt, daß noch vor einem Jahre ein achtzehnjähriger Student in Edinburgh als Ketzer gehängt wurde, obwohl der feierlich widerrufen und für seine Irrtümer um Verzeihung gebeten hatte.«

»Wahrlich! der Verfolgung ist zu viel gewesen auf beiden Seiten; aber von euch haben wir es gelernt.«

»Nein, die Heiden haben angefangen«, rief der Knabe und begann eine Reihe Märtyrer aufzuzählen, von Stephanus angefangen – »unter dem ist das Feuer ausgegangen, bei jenem hat das Öl im Kessel aufgehört zu kochen, und des dritten heiliges Haupt wollte sich nicht vom Rumpfe trennen, obwohl der Henker dreimal zuschlug. Zeige uns Märtyrer in deiner Kirche, für die solche Wunder geschahen.«

»Nein«, sagte der Reiter ernst, »die Wunder der ersten drei Jahrhunderte gehören meiner Kirche so gut als deiner, Herr Papist«, und mit einem Anflug von Lächeln auf dem Gesicht und einem verschmitzten Blick auf Harry fügte er hinzu, »und dann, mein kleiner Katechet, hat es mir manchmal scheinen wollen, als ob an diesen Wundern nicht allzuviel wäre; denn des Opfers Haupt kam beim vierten oder fünften Schlag doch immer herunter, und wenn das Öl den einen Tag nicht kochte, so kochte es den nächsten. Wie dem auch sei, die Kirche hat heutzutage diese zweifelhafte Kraft des Aufschubs verloren. Kein Regenguß hat Ridleys Feuer gelöscht, kein Engel hat die Axt von Campions Haupt gewendet. Die Folterbank hat die Glieder von Southwell, dem Jesuiten, ebenso zerrissen wie die von Sympson, dem Protestanten. Überall sterben Mengen von Menschen willig genug für ihren Glauben. Ich habe in Monsieur Ricauts Geschichte der Türken gelesen, daß Tausende von Anhängern Mohammeds sich in den Schlachtentod wie in ein sichres Paradies stürzten, und in den Reichen des Großmoguls werfen sich die Menschen jährlich zu Hunderten unter die Wagen ihrer Götzenbilder, und die Witwen lassen sich bekanntlich mit den Leichen ihrer Ehemänner verbrennen. Nicht der Tod für den Glauben ist das Schwerste, Junker Harry – Menschen aller Völker haben ihn erlitten –: seinem Glauben getreu zu leben, das ist schwer, und das habe ich zu meinem Schaden erfahren«, seufzte er. »Ach, mein armer Junge«, fuhr er fort, »mit der größten Freudigkeit würde ich für meinen Glauben sterben, aber dich durch mein Leben für ihn zu gewinnen, dazu bin ich nicht stark genug. Aber ich hatte einen lieben Freund im Magdalenen-College in Oxford, ich wünschte, Joe Addison wäre hier, dich zu überzeugen, wie es ihm ein leichtes wäre; denn ich glaube, er ist im Disput einem ganzen Kolleg von Jesuiten gewachsen, und, was mehr bedeutet, auch in seiner Lebensführung. Während der nämlichen Predigt von Doktor Cudworth, aus der dein Pater zitierte und die den Märtyrertod im Kohlenbecken erlitt«, fügte Dick lächelnd hinzu, »kam mir der Gedanke, den schwarzen Rock zu tragen – aber, wie du siehst, ich schämte mich meines Lebens und nahm diesen jämmerlichen roten – und ich habe oft an Joe Addison gedacht. – Doktor Cudworth sagt: ›Ein gutes Gewissen ist das beste Spiegelbild des Himmels‹, und in meines Freundes Antlitz ist eine Klarheit, die ihn stets widerspiegelt. Ich wünschte, du könntest ihn sehen, Harry.«

»Hat er dir viel Gutes getan?« fragte der Junge schlicht.

»Das mag er wohl«, sagte der andre, »wenigstens hat er mich gelehrt, die Dinge besser zu sehen und zu erkennen. Es ist meine eigne Schuld, deteriora sequi.«

»Du scheinst sehr gut zu sein«, sagte der Knabe.

»Ach, ich bin nicht, was ich scheine!« antwortete der Reiter. Es zeigte sich in der Tat, daß der arme Dick die Wahrheit gesprochen hatte; denn noch am selben Tage beim Abendbrot in der Halle, wo die Herren von der Truppe ihre Mahlzeiten einnahmen und den größten Teil des Tages würfelnd, rauchend, singend und fluchend bei dem Ale von Castlewood zubrachten, fand Harry Esmond den gelehrten Dick in einem kläglichen Zustand der Betrunkenheit. Er hielt schlucksend eine Predigt, und seine lachenden Kameraden riefen ihm zu, er solle ein Kirchenlied singen. Dick rannte nach seinem Säbel, der an der Wand hing, und schwor, er werde ihn dem Schuft, der seine Religion beschimpfte, durch den Leib rennen. Er fiel mitsamt der Waffe der Länge nach zu Boden und sagte zu Harry, der ihm zu Hilfe eilte: »Ach, kleiner Papist, ich wünschte, Joseph Addison wäre hier!«

Wenn auch die Reiter von des Königs Leibgarde alle Herren waren, schienen Harry Esmond diese Herren doch unwissende, plumpe Bären zu sein, außer dem gutmütigen Korporal Steele, dem Lateiner, dem Hauptmann Westbury und dem Leutnant Trant, die immer freundlich zu dem Knaben waren. Die Besatzung blieb ein paar Wochen oder Monate in Castlewood, und durch sie erfuhr Harry von Zeit zu Zeit, wie Mylady zu Schloß Hexton behandelt wurde und Einzelheiten ihrer Gefangenschaft dort. Man weiß, daß König Wilhelm geneigt war, schonend mit den Edelleuten zu verfahren, die der Sache des alten Königs treu blieben. Kein Fürst, der sich eine Krone aneignete (widerrechtlich, wie seine Feinde behaupten, rechtlich, wie es jetzt meine Überzeugung ist), hat je so wenig Blut vergossen. Die weiblichen Verschwörer ließ er durch Spione beobachten, und die gefährlicheren setzte er hinter Schloß und Riegel. Gräfin Castlewood hatte die schönsten Zimmer in Schloß Hexton und durfte im Garten des Gefängniswärters spazierengehen, und wenn sie auch wiederholt verlangte, wie Königin Maria von Schottland zur Hinrichtung geführt zu werden, so dachte doch niemand daran, ihr altes, geschminktes Haupt herunterzuschlagen. Man hatte keinen andern Wunsch, als ihrer Person versichert zu sein.

Und es zeigte sich, daß Menschen, die sie in den Zeiten ihres Glanzes für ihre schlimmsten Feinde gehalten, im Unglück ihre Freunde waren. Oberst Francis Esmond, Mylords und Myladys Vetter, der die Tochter des Dechanten von Winchester geheiratet hatte und seit König Jakobs Flucht aus England unweit der Stadt Hexton lebte, hörte von der Verlegenheit, in der sich seine Verwandte befand. Da er Oberst Brice, den Kommandanten König Wilhelms in Hexton und die kirchlichen Würdenträger dort kannte, suchte er Mylady im Gefängnis auf und bot der Tochter seines Onkels jeden Freundschaftsdienst an, der in seiner Macht lag. Er brachte auch seine Frau und seine kleine Tochter zu ihr, und die alte Gräfin faßte zu dem kleinen Mädchen, das sehr schön und bezaubernd war, eine große Zuneigung, obgleich die Gefühle zwischen Ihro Gnaden und der Mutter des Kindes kaum wärmer wurden als früher. Es gibt Kränkungen, die sich Frauen untereinander nie vergeben, und Frau Francis Esmond hatte der Gräfin Castlewood eine solche unverzeihliche Kränkung zugefügt, indem sie ihren Vetter heiratete. Aber da Mylady jetzt gedemütigt und im Unglück war, so konnte Frau Francis sich einen Waffenstillstand erlauben und war für die Dauer des Unglücks freundlich gegen ihres Gatten abgesetzte Braut. Sie erlaubte der kleinen Beatrix, ihrer Tochter, oft, die gefangene Gräfin zu besuchen, und soweit Kind und Vater im Spiel waren, ließ Myladys Groll gegen diesen Zweig der Familie Castlewood allmählich nach. Und da die Briefe Oberst Esmonds ans Licht gekommen und dem Rat des Königs sein Verhalten bekannt geworden waren, so stand er in einem besseren Verhältnis zur gegenwärtigen Regierung als je zuvor. Jedes Mißtrauen in seine Treue war völlig geschwunden, und er konnte mehr für seine Verwandte tun, als ihm sonst möglich gewesen wäre.

Da geschah etwas, wodurch Mylady ihre Freiheit wiedergewann, Castlewood einen neuen Herrn bekam und der vaterlose kleine Harry Esmond einen neuen und den gütigsten Freund und Beschützer fand. Es mag hier kurz erzählt werden, was sich mit Mylord ereignete. Er war mit Pater Holt nach Chatteris geritten, wo sie bei einem Beichtkind des Jesuiten vorübergehend Zuflucht fanden. Aber da sie scharf verfolgt wurden und der Preis auf die Ergreifung jedes der beiden beträchtlich war, hielt man es für ratsam, sich zu trennen. Der Priester versteckte sich in einem andern der ihm bekannten Schlupfwinkel, und Mylord setzte von Bristol nach Irland über, wo König Jakob eine Hofhaltung und eine Armee hatte. Ein wertvoller Zuwachs war der Graf nicht; er brachte nur sein Schwert und die paar Goldstücke in seiner Tasche. Der König empfing ihn trotz seiner mißlichen Lage mit einiger Freundlichkeit und Auszeichnung, bestätigte ihn in seinem neuen Rang eines Marquis, gab ihm ein Regiment und versprach ihm weitere Beförderung. Aber Titel und Beförderung waren ihm jetzt nicht mehr von Nutzen. Mylord wurde in der unglücklichen Schlacht am Boyne verwundet, floh vom Schlachtfeld, lange nachdem sein Herr und König das Beispiel dazu gegeben hatte, lag eine Weile in dem Sumpfland nahe der Stadt Trim versteckt und ging mehr an Erkältung und Fieber, die er sich in den Torfgruben holte, als am Stahl des Feindes in der Schlacht zugrunde. Möge Thomas Castlewood die Erde leicht sein! Menschenliebe läßt den, der dieses schreibt, so sprechen, obwohl der Graf ihm und den Seinen zwiefaches schweres Unrecht zugefügt hat. Denn für die eine Schuld hätte er vielleicht noch Ersatz geleistet, wenn er länger am Leben geblieben wäre; die andre aber wiedergutzumachen, lag nicht in seiner Gewalt. Wir wollen hoffen, daß eine höhere Macht als die des Priesters ihn davon losgesprochen hat; die Absolution der Kirche blieb ihm nicht versagt. Der Pfarrer von Trim schrieb einen Brief an Mylady und gab ihr Kunde von dem Verhängnis.

Aber in jenen Tagen gingen Briefe langsam; der des Priesters brauchte über zwei Monate, um von Irland nach England zu gelangen. Als er ankam, fand er Mylady nicht daheim; sie war in des Königs Schloß zu Hexton. Der kommandierende Offizier in Castlewood öffnete das Schreiben.

Harry Esmond behielt den Empfang dieses Briefes gut im Gedächtnis. Lockwood brachte ihn, als Hauptmann Westbury und Leutnant Tränt gerade im Garten Kegel spielten, während der junge Esmond mit einem Buch in der Laube saß und dem Spiel zusah.

»Das sind Neuigkeiten für Frank Esmond«, sagte Hauptmann Westbury. »Harry, hast du je den Oberst Esmond gesehen?« Er sah den Knaben bei seiner Frage scharf an.

Harry erwiderte, er habe ihn nur einmal gesehen, in Hexton, auf einem Ball.

»Und sagte er irgend etwas?«

»Er sagte etwas, was ich nicht wiederholen mag«, antwortete Harry; denn er war jetzt zwölf Jahre alt und wußte von dem Makel seiner Geburt. Er fühlte keine Liebe für den Mann, der höchstwahrscheinlich seine und seiner Mutter Ehre befleckt hatte.

»Hast du den Grafen Castlewood liebgehabt?«

»Ich muß warten, bis ich meine Mutter kenne, ehe ich darauf antworte«, sagte der Knabe, und seine Augen füllten sich mit Tränen.

»Dem Grafen ist etwas zugestoßen«, sagte Hauptmann Westbury sehr ernst, »etwas, das uns allen einmal geschehen wird. Er ist an einer Wunde gestorben, die er am Boynefluß im Kampf für König Jakob erlitt.«

»Ich freue mich, daß Mylord für die rechte Sache focht«, sagte der Knabe.

»Es war besser, dem Tod auf dem Schlachtfeld zu begegnen wie ein Mann, als ihm auf dem Hügel des Tower ins Auge zu schauen, wie es manchem von ihnen gehen mag«, fuhr Westbury fort. »Ich hoffe, er hat ein Testament gemacht oder irgendwie für dich gesorgt. In diesem Brief steht, daß er unicum filium suum dilectissimum seiner Gräfin ans Herz lege. Ich hoffe, er hat dir mehr als das hinterlassen.«

Harry sagte, er wisse es nicht. Er fühlte sich in der Hand des Himmels und des Schicksals, aber verlaßner denn je zuvor, so schien es ihm. Als er nachts in dem kleinen Stübchen lag, das er noch immer bewohnte, dachte der Knabe mit manchem Stich der Scham und des Kummers über seine einsame, merkwürdige Lage nach. Er hatte einen Vater und hatte doch keinen Vater; und seine unbekannte Mutter war vielleicht zugrunde gerichtet von diesem selben Vater, zu dem sich Harry nur heimlich und errötend bekennen mochte, und den er weder lieben noch verehren konnte. Der Gedanke machte ihn elend, daß Pater Holt, ein Fremder, und zwei oder drei Soldaten, Bekanntschaften aus den letzten sechs Wochen, seine einzigen Freunde auf der großen weiten Welt waren, in der er nun ganz allein stand. Des Knaben Herz war liebevoll, und wie er so in der Dunkelheit lag, sehnte er sich nach jemand, dem er diese Liebe schenken könnte. Er wird bis an sein Lebensende der bittern Gedanken und Tränen dieser Nacht und ihrer langsam schleichenden Stunden gedenken. Wer war er, und was? Warum war er hier und nicht anderswo? Ich möchte fast, so dachte er, nach Trim zu jenem Priester gehen und ihn ausfragen, was mein Vater ihm auf dem Totenbett gebeichtet hat. Ist wohl irgendein Kind auf Erden so schutzlos wie ich? Soll ich aufstehen, aus dem Schloß entweichen und nach Irland gehen? Mit solchen Gedanken verbrachte der Knabe die Nacht, bis er sich endlich in Schlaf weinte.

Am nächsten Morgen begegneten ihm die Herren von der Garde, die gehört hatten, was dem Knaben widerfahren war, noch freundlicher als sonst; besonders sein Freund, der Lateiner Dick. Er erzählte ihm von seines eignen Vaters Tod, den er in Dublin verloren hatte, als er noch nicht fünf Jahre alt war. »Damals habe ich zum ersten Male einen Kummer gefühlt«, sagte Dick. »Ich erinnere mich, daß ich in das Zimmer kam, in dem seine Leiche lag, an der meine Mutter weinend saß. Ich hatte meinen Ballschlegel in der Hand, klopfte damit auf den Sarg und rief nach Papa. Da nahm mich meine Mutter in ihre Arme und sagte mir unter Tränenströmen, daß Papa mich nicht mehr hören könne und nie wieder mit mir spielen werde, denn sie würden ihn unter die Erde legen, und er werde niemals zu uns zurückkommen. Darum habe ich Mitgefühl mit allen Kindern«, sagte Dick freundlich, »und habe dich lieb, mein armer, elternloser Junge; und wenn du je einen Freund brauchst, so komm zu Richard Steele.«

Harry Esmond war dankbar und sagte es ihm. Aber was konnte Korporal Steele für ihn tun? Ihn als Regimentsburschen auf einem überzähligen Pferde mitnehmen? Denn mochte auch ein Schatten auf Harry Esmonds Schild liegen, der Name war doch ein adliger. Die beiden Freunde rieten, daß der kleine Harry bleiben sollte, wo er war, und sein Schicksal auf sich nehmen. So blieb er denn in Castlewood und wartete mit sorgenvollem Herzen auf das Los, das ihm beschieden war.

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