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William Makepeace Thackeray: Henry Esmond - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
authorWilliam Makepeace Thackeray
titleHenry Esmond
publisherAufbau-Verlag
year1953
translatorElse von Schorn
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150118
projectid5785aa0d
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Fünftes Kapitel
Meine Vorgesetzten sind in Komplotte für die Wiedereinsetzung König Jakobs des Zweiten verwickelt

Schlaflos lag der Knabe in seinem kleinen Bett; der Gedanke an ein paar Aalschnüre, die er am Abend vorher ausgelegt hatte, hielt ihn wach. Er wartete auf die Stunde, zu der das Tor geöffnet wurde und er mit seinem Kameraden, Job Lockwood, des Pförtners Sohn, zum Teich gehen konnte, um nachzusehen, ob das Glück ihnen hold war. Bei Tagesanbruch hatte Job ihn wecken sollen; aber sein eigner Eifer für den Sport hatte schon lange vorher den Wecker gespielt, vor so langer Zeit, daß es ihm schien, als werde es niemals Tag werden.

Es mochte vier Uhr sein, da hörte er die Tür gegenüber gehen, die zu des Paters Zimmer führte, und das Hüsteln eines Mannes auf dem Gang. Harry sprang auf; überzeugt, daß es ein Räuber sei, vielleicht auch in der Hoffnung auf ein Gespenst, riß er seine Tür auf, sah vor sich des Paters Tür offen, drinnen ein Licht und auf der Schwelle eine Gestalt in dichten Rauch gehüllt, der aus der Stube herausquoll.

»Wer da?« rief der Knabe, der mutigen Geistes war.

»Silentium!« flüsterte der andere. »Ich bin's, mein Junge!« Er streckte seine Hand aus, und Harry erkannte alsbald seinen Meister und Freund, Pater Holt. Das Fenster nach dem Hofe war mit einem Vorhang verhüllt, und Harry sah, daß der Rauch von einem Haufen brennenden Papiers kam, der auf einem Kohlenbecken flammte. Nach einem flüchtigen Segen und einer hastigen Begrüßung des Knaben, der glücklich war, seinen Lehrer wiederzusehen, fuhr der Pater fort, seine Papiere zu verbrennen. Er zog sie aus einem Wandschrank über dem Kaminsims hervor, den Harry noch nie zuvor bemerkt hatte.

Pater Holt lachte, als er das Augenmerk des Jungen sofort auf die Höhlung in der Wand gerichtet sah. »Das ist recht, Harry«, sagte er, »ein treuer kleiner Famulus sieht alles und sagt nichts. Du bist treu, ich weiß es.«

»Ich würde für Euch zum Schafott gehen!« sagte Harry.

»Deinen Kopf brauche ich nicht«, sagte der Pater und streichelte ihn freundlich, »nur deinen Mund mußt du halten. Wir wollen die Papiere verbrennen und niemand davon erzählen. Du möchtest sie wohl gern lesen?«

Harry Esmond wurde rot und ließ den Kopf hängen. Er hatte wirklich, wenn auch ganz gedankenlos, auf das Papier geguckt, das vor ihm lag. Er hatte nichts verstanden von dem, was er sah; die Buchstaben waren klar genug, aber ohne jeden Sinn. Sie verbrannten die Papiere und zerstampften die Asche in dem Kohlenbecken, so daß kaum eine Spur von ihnen zurückblieb.

Harry war daran gewöhnt, Pater Holt in den verschiedensten Gewandungen zu sehen, denn es war für einen katholischen Geistlichen unsicher und lohnte die Gefahr nicht, sein Ordenskleid zu tragen. Er war denn auch keineswegs erstaunt, ihn jetzt im Reitanzug zu sehen; mit mächtigen ledernen Reitstiefeln und einem Federhut, alles einfach, aber so, wie die Edelleute es trugen.

»Du kennst nun das Geheimnis des Schrankes«, sagte der Pater lachend, »und mußt dich auf andre Geheimnisse gefaßt machen«, und er öffnete – diesmal kein Geheimfach – nur seine Garderobe, die gewöhnlich verschlossen war. Er holte ein paar Kleider und Perücken von verschiedenen Farben heraus, ein paar Degen von schöner Arbeit (Pater Holt war ein Meister der Fechtkunst, und wenn er zu Hause war, so übte er jeden Tag mit seinem Schüler, so daß Harry ein ausgezeichneter Fechter wurde), einen Soldatenrock und -mantel, eines Pächters Joppe, und verwahrte alles in dem großen Loch über dem Kaminsims, das die Papiere beherbergt hatte.

»Finden sie den Schrank nicht, so erwischen sie die Sachen nicht. Finden sie sie aber doch, so erzählen sie ihnen nur, daß Pater Holt verschiedne Kleider getragen hat. Das tun alle Jesuiten. Du weißt, was wir für Betrüger sind, Harry.«

Harry erschrak bei dem Gedanken, daß sein Freund ihn verlassen wolle. »Nein«, sagte der Priester, »höchstwahrscheinlich komme ich in ein paar Tagen mit Mylord zurück. Man wird uns dulden; wir werden nicht verfolgt. Aber man könnte den Einfall haben, Castlewood vor unsrer Rückkehr einen Besuch abzustatten, und da Herren meiner Tracht verdächtig sind, so könnte man meine Papiere untersuchen, die niemand etwas angehen, zum mindesten nicht diese Leute.« Ob die chiffrierten Papiere sich auf Politik bezogen oder auf die Angelegenheiten der geheimnisvollen Gesellschaft, deren Mitglied Pater Holt war, das hat Harry Esmond heutigentags noch nicht erfahren.

Seine übrigen Habseligkeiten, seine wenigen Kleidungsstücke, ließ der Pater unberührt in Schubfächern und Garderobe. Nur ein paar theologische Abhandlungen, die er gegen die englischen Geistlichen geschrieben hatte, warf er lachend auf das Kohlenbecken und ließ sie nur halb verbrennen. »Nun«, sagte er, »Harry, mein Sohn, kannst du mit reinem Gewissen bezeugen, daß du mich lateinische Predigten verbrennen sähest, ehe ich das letztemal nach London ging. Aber der Morgen ist nah, ich muß fort sein, ehe Lockwood sich rührt.«

»Muß Lockwood Euch nicht herauslassen, Herr?« fragte Esmond. Holt lachte. Er war niemals heiterer und gutgelaunter, als wenn Tat und Gefahr drängten.

»Lockwood ahnt nicht, daß ich hier bin, verstehst du«, sagte er, »du würdest auch nichts ahnen, kleiner Strick, wenn du fester geschlafen hättest. Du mußt vergessen, daß ich hier war, und nun leb wohl. Mach die Tür zu und geh in deine Schlafkammer und komm nicht wieder heraus, ehe – warte, warum sollst du das nicht auch noch wissen? Ich weiß ja, daß du mich nie verraten wirst.«

Das Zimmer des Kaplans hatte zwei Fenster, das eine in den Hof westwärts dem Springbrunnen gegenüber, das andre ostwärts auf die Wiesen vor dem Schloß. Es war klein und stark vergittert und zu hoch, um es vom Fußboden aus zu erreichen. Pater Holt stieg auf einen Tisch, der darunterstand, und zeigte Harry, wie man durch einen Druck auf den Fenstersims den bleiernen Rahmen, Glas und Eisengitter in einer Versenkung verschwinden lassen konnte, aus der das Ganze von außen wieder in seine alte Lage zurückzubringen war. Eine Scheibe war absichtlich zerbrochen, um von außen die Feder des Mechanismus erreichen zu können.

»Schieb den Tisch weg, wenn ich fort bin, damit niemand auf den Gedanken kommt, hier könne man hinausgeklettert sein. Verschließ die Tür! Leg den Schlüssel – ja, wo tun wir den Schlüssel hin? – unter den Chrysostomus auf dem Bücherbrett, und wenn jemand danach fragt, so sage, ich bewahre ihn dort immer auf und habe ihn dir gezeigt, für den Fall, daß du in mein Zimmer wolltest. Der Abstieg ist leicht, die Mauer hinunter in den Graben. Nun noch einmal, leb wohl, bis ich dich wiedersehe, mein lieber Sohn!« Damit stieg der unerschrockene Priester schnell und behend auf den Tisch, kroch durch das Fenster, zog es von außen wieder in die Höhe und ließ nur so viel Raum, daß Harry Esmond, auf den Zehen stehend, ihm die Hand küssen konnte. Dann schloß sich der Rahmen, und das Gitter schien, wie immer, fest in den Steinen des Fensterbogens verankert. Als Pater Holt das nächstemal nach Castlewood kam, war er zu Pferde und ritt durch das große Tor herein. Auf die Existenz des Geheimausgangs spielte er Harry gegenüber nur an, wenn er von drinnen her einen ungesehenen Boten brauchte, und darum hatte er wohl auch seinem kleinen Schüler diese Art, das Schloß zu verlassen, gezeigt.

Esmond, so jung er war, hätte lieber den Tod erlitten, als seinen Freund und Meister verraten, und das wußte Herr Holt sehr wohl. Er hatte den Jungen mehr als einmal in Versuchung geführt, um zu sehen, ob er erliegen und es ihm nachher beichten, oder ob er widerstehen würde, was öfters geschah, oder ob er lügen würde, was er niemals tat. Über diesen Punkt indessen belehrte er ihn. Wenn Stillschweigen keine Lüge sei, was es doch sicher nicht wäre, so sei es doch gleich einer Verneinung; und darum sei auch ein deutliches Nein keine Sünde, wenn es im Interesse der Gerechtigkeit oder eines Freundes geschehe und um Antwort auf eine Frage, die der einen oder dem andern verhängnisvoll werden könne. Ja, es sei sogar lobenswert und ein ebenso rechtlicher Weg wie der andre, um unbefugten Fragern auszuweichen. »Nimm«, so sagte er, »einen braven Bürger an, der Seine Majestät auf der Flucht auf einen Baum klettern sah. Man fragt ihn: ›Hält sich König Karl in dieser Eiche verborgen?‹ Seine Pflicht würde sein, nicht ›ja‹ zu sagen, so daß die Leute Cromwells den König ergreifen und ihn morden wie seinen Vater, sondern ›nein‹; denn Seine Majestät ist inkognito auf dem Baum und darum nicht sichtbar für königstreue Augen.« All diese Belehrungen in Religion und Moral, ebenso wie die Anfangsgründe der Sprachen und Wissenschaften, nahm der Knabe eifrig und dankbar von seinem Lehrer an. Als Pater Holt gegangen war und Harry befohlen hatte, zu vergessen, daß er ihn gesehen habe, schien ihm darum wirklich, er sei gar nicht dagewesen, und Harry hatte die Antwort bereit, als man ihn ein paar Tage später ausfragte.

Der Prinz von Oranien war damals in Salisbury. Der kleine Esmond erfuhr das durch Doktor Tusher, den er in seinem besten Priesterrock traf, obwohl die Straßen sehr schmutzig waren, eine große orangefarbene Kokarde an dem breitkrempigen Hut, und Nahum, sein Küster, ebenso dekoriert. Der Doktor trug sonst zu Pferde nie den seidnen Rock, sondern immer nur den Tuchrock. Er ging vor dem Pfarrhaus auf und ab, als der kleine Esmond ihm begegnete, und als er in den Sattel stieg, sagte er, er wolle Seiner Hoheit dem Prinzen seine Aufwartung machen. Damit ritt er weg und Nahum hinterdrein. Die Leute im Dorf trugen auch orangefarbne Kokarden, und Harrys Freundin, des Grobschmieds lustige Tochter, steckte ihm lachend eine an seinen alten Hut. Er riß sie entrüstet herunter, als man ihm sagte, er müsse rufen: »Gott erhalte den Prinzen von Oranien und die protestantische Religion!« Aber die Leute lachten nur, denn sie hatten den Jungen gern, und im ganzen Dorf hatte man Mitleid mit seiner Einsamkeit, zeigte ihm freundliche Gesichter und hieß ihn in den Häusern herzlich willkommen. Auch Pater Holt hatte viele Freunde im Dorfe. Er hatte nicht nur theologische Wortgefechte mit dem Grobschmied, bei denen er nie seine lachende, angenehme Laune verlor, sondern er heilte ihn auch mit Chinarinde von einem Wechselfieber und hatte für jedermann ein freundliches Wort bereit, so daß die Dorfleute sagten, es sei ein Jammer, daß die beiden Papisten wären.

Der Kaplan und der Pfarrer von Castlewood kamen sehr gut miteinander aus. Der eine war der vollendete vornehme Herr, und des anderen Geschäft war es, sich mit allen Leuten gutzustellen. Doktor Tusher und die Kammerfrau, seine Gattin; hatten einen Sohn, der ungefähr im Alter des kleinen Esmond war. Zwischen den Knaben bestand eine solche Freundschaft, wie sie die Nachbarschaft und nachgiebige Freundlichkeit und Gutmütigkeit auf beiden Seiten mit Sicherheit erzeugen mußten. Tom Tusher aber kam schon frühzeitig auf eine Schule nach London, wohin er, mit einem Band Predigten ausgerüstet, im ersten Jahre der Regierung König Jakobs von seinem Vater selbst gebracht worden war. Er kam während der langen Zeit seiner Schul- und Studentenlaufbahn immer nur einmal im Jahr nach Castlewood, und so war weniger Gefahr, daß Tom von dem Kaplan bekehrt würde, der ihn kaum je zu Gesicht bekam, als Gefahr für Harry, der beständig in des Pfarrers Gesellschaft war. Der Doktor aber meinte ernst, es sei nicht seine Sache, Harry in seinem Glauben zu stören, solange es auch der Glaube Seiner Majestät und Mylords und Myladys sei. Es liege ihm fern, zu behaupten, daß Seiner Majestät Kirche kein Zweig der katholischen Kirche sei, und Pater Holt pflegte zu lachen, wie es seine Gewohnheit war, und zu sagen, die ganze heilige Kirche und das gesamte Heer der Märtyrer seien dem Doktor zu großem Dank verpflichtet.

Während Doktor Tusher in Salisbury war, kam ein Trupp Dragoner mit orangefarbnen Schärpen und bezog in Castlewood Quartier. Einige kamen auch aufs Schloß, belegten es, plünderten aber nichts, abgesehen vom Hühnerstall und vom Bierkeller. Nur bestanden sie darauf, das ganze Haus nach Papieren zu durchsuchen. Der erste Raum, den sie sehen wollten, war Pater Holts Zimmer, und Harry brachte den Schlüssel herbei. Sie öffneten Schubladen und Schränke, durchwühlten die Papiere, fanden aber nichts als Bücher und Kleider und in einer Lade für sich die Meßgewänder, mit denen sie zu Harrys Entsetzen allerlei Ulk trieben. Auf die Fragen, welche die Herren an ihn richteten, antwortete er, Pater Holt sei ein sehr guter und gelehrter Mann, und er würde ihm wohl nicht seine Geheimnisse anvertrauen, wenn er welche hätte. Harry war damals elf Jahre alt und sah so unschuldig aus wie andere Knaben seines Alters.

Mylord und Mylady blieben länger als sechs Monate fort, und als sie zurückkamen, waren sie im Zustand tiefster Niedergeschlagenheit; denn König Jakob war verbannt, und der Prinz von Oranien hatte den Thron bestiegen. Mylady fürchtete die gräßlichsten Verfolgungen für die katholische Religion und erklärte, an die Duldsamkeit, die das holländische Ungeheuer versprochen habe, glaube sie nicht; überhaupt glaube sie kein Wort, das dieses verruchte Scheusal von sich gebe. Mylord und Mylady waren in gewisser Weise Gefangene in ihrem eigenen Haus; so wenigstens gab Ihro Gnaden dem kleinen Pagen zu verstehen, der jetzt in ein Alter kam, wo er begreifen konnte, was um ihn her vorging und welcher Art die Menschen waren, mit denen er lebte.

»Wir sind Gefangene«, sagte sie, »wenn wir auch keine Ketten tragen. Mögen sie kommen, mögen sie mich einkerkern, mögen sie meinen Kopf von diesem armen kleinen Hals schlagen«, und sie umfaßte ihn mit ihren langen Fingern. »Das Blut der Esmonds wird immer willig für ihre Könige fließen. Wir sind nicht wie die Churchills – die Judasse, die ihren Herrn küssen und verraten. Wir wissen zu leiden, ja selbst zu vergeben, wenn es die königliche Sache fordert.« Ohne Zweifel war es der peinliche Fall mit dem Verlust des Obermolkenmeisteramtes, auf den Ihro Gnaden da anspielte, wie sie das täglich ein halbes dutzendmal zu tun pflegte. »Laßt den Tyrannen von Oranien nur kommen mit seiner Folterbank und seinen scheußlichen holländischen Torturen – die Bestie! –, der Elende! Ich spucke auf ihn und verachte ihn. Freudig werde ich dies Haupt auf den Block legen. Freudig werde ich mit Mylord zum Schafott gehen. Mit unsrem letzten Atemzuge werden wir rufen: ›Gott erhalte König Jakob!‹, und dem Scharfrichter werden wir lächelnd ins Gesicht schauen«, und wohl an hundertmal erzählte sie ihrem Pagen von den Einzelheiten ihrer letzten Zusammenkunft mit Seiner Majestät.

»Ich warf mich meinem Herrn zu Füßen«, sagte sie, »zu Salisbury. Ich weihte mich selbst, meinen Gatten, mein Haus seiner Sache. Vielleicht dachte er alter Zeiten, wo Isabel Esmond jung und schön war; vielleicht erinnerte er sich des Tages, an dem nicht ich kniete, sondern er – denn er sprach zu mir mit einer Stimme, die mir längst vergangene Stunden zurückrief: ›Zum Kuckuck!‹ sagte Seine Majestät, ›Sie sollten zum Prinzen von Oranien gehen, wenn Sie irgendwelche Wünsche haben!‹ – ›Nein, Herr‹, erwiderte ich, ›ich würde nie vor einem Thronräuber knien. Der Esmond, der so willig Eurer Majestät gedient haben würde, wird niemals eines Verräters Obermolkenmeister werden!‹ Der vertriebene König lächelte; in all seinem Unglück lächelte er. Er geruhte, mich mit tröstlichen Worten aufzuheben. Selbst den Grafen, meinen Gatten, hätten die erhabenen Worte nicht verletzen können, mit denen er mich ehrte.«

Das allgemeine Unglück hatte die Wirkung, daß Mylord und Mylady bessere Freunde wurden, als sie seit ihrer Verlobung je gewesen. Der Graf hatte Treue und Mut gezeigt in einer Zeit, in der solche Tugenden in des Königs entnervter Umgebung selten waren, und das Lob, das man ihm spendete, hob ihn nicht wenig in den Augen seiner Frau, vielleicht auch in seinen eignen. Er wachte auf aus dem gleichgültigen, trägen Dasein, das er geführt hatte; er ritt ab und zu, bald mit diesem, bald mit jenem Freund des Königs zu verhandeln. Der Page erfuhr natürlich wenig von seinen Taten, doch empfand er seine ungewohnte Heiterkeit und sein verändertes Wesen.

Pater Holt ging beständig im Schlosse aus und ein, aber er las nicht mehr öffentlich die Messe. Er war ununterbrochen mit Herbeiführen und Fortbringen beschäftigt: Fremde kamen und gingen, Offiziere und Geistliche. Harry erkannte die Geistlichen unter jeder Art von Verkleidung. Mylord war oft lange fort und kam plötzlich wieder, benutzte auch wohl den geheimen Ausgang des Pater Holt. Wie oft aber das kleine Fenster in des Kaplans Zimmer den Grafen und seine Freunde aus und ein ließ, das wußte Harry nicht zu sagen. Er hatte dem Pater versprochen, nicht zu lauschen, und hielt sein Versprechen unweigerlich. Wenn er um Mitternacht im Zimmer gegenüber Geräusche hörte, dann drehte er sich nach der Wand um und vergrub seine Neugier im Kopfkissen, bis der Schlaf ihn wieder übermannte. Natürlich konnte er nicht anders, als des Priesters beständige Reisen zu bemerken, und hunderterlei Anzeichen sagten ihm auch, daß ein geheimnisvolles Unternehmen ihn so geschäftig machte. Welcher Art das Unternehmen war, ist leicht zu erraten aus dem, was sich alsbald mit Mylord ereignete.

Seit Mylord und Mylady zurückgekommen waren, wurde keinerlei Wache oder Garnison mehr ins Schloß gelegt. Im Dorf aber waren Soldaten, und einen oder den andern von ihnen konnte man immer auf der Wiese sehen, wie er nach unsrer großen Torfahrt und den Menschen, die hin und wieder gingen, hinüberspähte. Lockwood erzählte, daß besonders nachts jeder, der kam und ging, von den Posten draußen scharf beobachtet wurde. Ein Glück, daß wir eine Pforte hatten, von der die Wackern nichts wußten; denn Mylord und Pater Holt haben wohl viele nächtliche Reisen gemacht. Ein- oder zweimal wurde auch Harry als verschwiegener Bote und kleiner Adjutant benutzt. Er kann sich erinnern, daß man ihn mit seiner Angelrute ins Dorf schickte, daß er in gewisse Häuser gehen und um einen Trunk Wasser bitten mußte und dann dem guten Bauern melden: »Nächsten Donnerstag ist Pferdemarkt in Newbury.« Dieselbe Botschaft mußte er in alle Häuser tragen, die auf seiner Liste standen.

Er wußte damals nicht, was die Botschaft bedeutete noch was man im Schilde führte. Der Klarheit halber aber wollen wir es lieber erzählen. Der Prinz von Oranien war nach Irland gegangen, und der König erwartete ihn dort mit einem großen Heer. Nun plante man für diese Zeit eine allgemeine Erhebung aller Anhänger des Königs, und Mylord sollte die Streitkräfte unserer Grafschaft führen. Er spielte neuerdings eine viel größere Rolle bei den Unternehmungen. Einmal hatte er den unermüdlichen Pater Holt zur Seite und Mylady, die ihn vorwärtstrieb, und da Lord Sark im Tower gefangensaß und Herr Wilmot Crawley von Queens Crawley zum Prinzen von Oranien übergegangen war, so wurde Mylord die hervorragendste Persönlichkeit, die in unserem Teil der Grafschaft die Sache des Königs vertrat.

Der Plan war, daß das Regiment von Scots Greys und Dragonern, das in Newbury lag, sich an einem bestimmten Tage für den König erklären sollte, daß sich an demselben Tage alle königstreuen Gutsbesitzer mit ihren Pächtern und Angehörigen dort zusammenfinden sollten und daß man sich auf die holländischen Truppen werfen wollte, die unter Ginckel bei Reading standen. Hatte man diese überwältigt, so meinte man, es müsse ein leichtes sein, bis London vorzudringen. Der unerschrockene kleine Oranier war fern in Irland, und dem König wurde sichrer Sieg vorhergesagt.

Über diesem großen Vorhaben verlor Mylord seine schläfrige Art ganz und gar. Er wurde frischer und gesunder; Mylady zankte sich nicht mit ihm; Herr Holt ging geschäftig ab und zu, und Harry wünschte sich nichts sehnlicher, als ein paar Zoll größer zu sein, um auch ein Schwert für die gute Sache ziehen zu können.

Eines Tages (es muß im Juni des Jahres 1690 gewesen sein) rief Mylord den kleinen Harry zu sich. Er hatte einen großen Reitermantel um, unter dem der stählerne Brustpanzer funkelte. Er strich dem Knaben die Haare aus der Stirn, küßte ihn und segnete ihn so zärtlich, wie er es noch nie getan. Pater Holt segnete ihn auch. Dann nahmen sie Abschied von Mylady, die mit dem Taschentuch vor den Augen aus ihrem Zimmer kam, von dem Kammerfräulein und Frau Tusher gestützt. »Ihr – ihr geht«, schluchzte sie. »Oh, könnte ich mit euch gehen! Aber in meinem Zustand darf man nicht reiten.«

»Wir küssen unsrer Frau Gräfin die Hand«, sagte Herr Holt.

»Gott mit Euch, Mylord!« sagte sie und umarmte ihren Gatten mit majestätischer Gebärde. »Herr Holt, ich bitte Euch um Euern Segen«, und sie kniete nieder; Frau Tusher aber warf den Kopf zurück.

Pater Holt gab auch dem kleinen Pagen den Segen, der in den Hof hinunterging und Mylords Steigbügel hielt. Zwei Diener warteten da, und sie ritten alle zum Tor des Schlosses hinaus.

Als sie auf der Zugbrücke waren, konnte Harry sehen, wie ein berittener Offizier in Scharlach sich grüßend näherte und Mylord anredete.

Die Gesellschaft hielt, und es kam zu einem Wortwechsel oder einer Verhandlung, die plötzlich damit endete, daß Mylord den Hut zog, sich verbeugte, seinem Pferde die Sporen gab und davonritt, den Offizier dicht neben sich. Der Reiter, der mit ihm gekommen war, folgte mit den Leuten des Grafen. Sie sprengten über die Wiese, unter den Ulmen durch und verschwanden. Harry meinte gesehen zu haben, daß Mylord mit der Hand winkte. Am Abend wurden wir sehr erschreckt, als der Milchjunge vom Melken auf einem unserer Pferde zurückkam. Er hatte es an der äußern Parkmauer grasend gefunden.

Die ganze Nacht war die Gräfin in stiller, gedrückter Stimmung. Sie hatte an niemand etwas auszusetzen; sie spielte sechs Stunden lang Karten. Der kleine Page ging schlafen. Er betete für Mylord und die gute Sache, ehe er die Augen zumachte.

In der ersten Morgendämmerung hörte man die Glocke des Pförtners gehen. Der alte Lockwood erwachte und ließ einen von den Dienern ein, die am Morgen mit Mylord das Schloß verlassen hatten. Er erzählte eine betrübliche Geschichte. Der Offizier, der an Mylord herangeritten war, hatte ihm, so schien es, gesagt, es sei seine Pflicht, Seine Gnaden davon zu unterrichten, daß er nicht gefangen, wohl aber unter Aufsicht sei. Er ersuche ihn, an diesem Tage nicht auszureiten.

Mylord erwiderte, das Reiten sei für seine Gesundheit nötig; wenn der Herr Kapitän ihn begleiten wolle, so sei er willkommen. Das war, als er die Verbeugung machte und mit dem Offizier davonsprengte.

Als sie in den Grund von Wansey kamen, hielt Mylord plötzlich das Pferd an, und die Gesellschaft kam am Kreuzweg zum Stillstand.

»Herr«, sagte er zu dem Offizier, »wir sind vier gegen zwei. Wollen Sie die Güte haben, jenen Weg einzuschlagen und mich den meinen gehen zu lassen?«

»Euer Weg ist der meine, Mylord«, sagte der Offizier.

»Dann ...«, sagte Mylord. Aber er hatte nicht Zeit, mehr zu sagen, denn der Offizier zog eine Pistole und drückte sie auf den Grafen ab. Im selben Augenblick zog auch Pater Holt eine Pistole und schoß den Offizier durch den Kopf. Das war im Handumdrehen geschehen; der Mann war tot. Die Ordonnanz starrte einen Augenblick lang auf den gefallenen Vorgesetzten und ritt auf Tod und Leben davon.

»Feuer! Feuer!« schrie Pater Holt und jagte eine Kugel hinter dem Reiter her. Die beiden Diener aber waren zu erschrocken, um ihre Waffen zu gebrauchen, und da Mylord ihnen auch noch zurief, sie sollten nicht schießen, so entkam der Bursche.

»Herr Holt, qui pensait à tout«, sagte Blaise, »springt vom Pferde, untersucht die Taschen des toten Offiziers nach Papieren, gibt uns beiden sein Geld und sagt: ›Der Wein ist verzapft, Herr Marquis‹ – warum sagte er ›Marquis‹ zu dem Herrn Grafen? –, ›wir müssen ihn trinken!‹

Das Pferd des armen Offiziers war besser als meins«, fuhr Blaise fort. »Herr Holt befahl mir, es zu nehmen, und so gab ich Weißfuß einen Schlag, und er trabte nach Hause. Wir ritten weiter nach Newbury. Gegen Mittag hörten wir schießen. Um zwei Uhr kommt ein Reiter auf uns zu, als wir gerade unsern Pferden an einem Wirtshaus Wasser geben, und sagt: ›Es ist alles vorbei! Die Dragoner haben sich eine Stunde zu früh erhoben – General Ginckel ist ihnen über den Hals gekommen!‹ So war alle Hoffnung zuschanden.

›Und wir haben einen Offizier im Dienst erschossen und seine Ordonnanz entwischen lassen‹, sagte Mylord.

›Blaise‹, sagte Herr Holt zu mir und schrieb zwei Zeilen in sein Taschenbuch – eine für Mylady und die andre für Euch, Junker Harry –, ›du mußt nach Castlewood zurück und diese Botschaft überbringen!‹ Und da bin ich.«

Er gab Harry zwei Zettel. Auf dem, der für ihn bestimmt war, stand nur: »Verbrenn die Papiere im Geheimschrank, verbrenn diesen Zettel. Du weißt von nichts.« Harry las und rannte die Treppen hinauf nach dem Zimmer seiner Herrin. Das Kammerfräulein schlief dicht bei der Tür; er hieß sie Licht bringen und Mylady wecken, der er den zweiten Zettel überreichte. Sie war höchst wunderbar anzuschaun in ihrem Nachtgewand; Harry hatte ähnliches noch nicht gesehen.

Sobald sie den Zettel in Händen hatte, lief Harry nach dem Zimmer des Kaplans, öffnete den geheimen Schrank über dem Kamin, verbrannte alle Papiere, die darin waren, und nahm, wie er den Priester hatte tun sehen, eins von den Predigtmanuskripten Seiner Hochwürden und ließ es nur halb auf dem Kohlenbecken verglimmen. Es war heller Tag, als alle Papiere vernichtet waren. Harry rannte zu seiner Herrin zurück, und das Kammerfräulein ließ ihn ein. Mylady befahl ihm (hinter den Vorhängen ihres ehelichen Bettes hervor), den Wagen anspannen zu lassen; sie wolle ausfahren.

Aber die Geheimnisse von Myladys Toilette nahmen an diesem Morgen ebenso erschreckend viel Zeit in Anspruch wie an jedem andern Tag, und der Wagen stand schon lange bereit, als sie noch immer beschäftigt war, sich herzurichten. Gerade als sie ihr Zimmer verließ, fertig zur Abreise, da kam der kleine Job Lockwood gelaufen und brachte aus dem Dorf die Nachricht, daß ein Richter, drei Offiziere und zwanzig bis vierundzwanzig Soldaten nach dem Schloß unterwegs seien. Job kam ihnen nur zwei Minuten zuvor, und ehe er seine Geschichte recht erzählt hatte, ritt der Trupp schon in den Schloßhof.

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