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William Makepeace Thackeray: Henry Esmond - Kapitel 5
Quellenangabe
typefiction
authorWilliam Makepeace Thackeray
titleHenry Esmond
publisherAufbau-Verlag
year1953
translatorElse von Schorn
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150118
projectid5785aa0d
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Drittes Kapitel
Wie ich unter Thomas, dem dritten Grafen, als Page der Isabel nach Castlewood kam

Als Lord Castlewood kurze Zeit nach dieser Übersiedlung wieder einmal nach London kam, sandte er einen seiner Getreuen nach einem Häuschen in dem nahen Dorfe Ealing. Dort wohnte seit einiger Zeit ein alter französischer Flüchtling mit Namen Monsieur Pastoureau, einer von denen, welche die Verfolgung der Hugenotten durch den König von Frankreich nach England hinübergetrieben hatte. Bei diesem alten Manne lebte ein kleiner Junge, den man Henry Thomas nannte. Er wußte sich zu erinnern, daß er kurze Zeit zuvor an einem andern Ort gelebt hatte, auch in der Nähe von London, in einer ganzen Kolonie von Franzosen, zwischen Webstühlen und Spinnrädern und viel Psalmsingerei und Kirchenbesuch.

Dort hatte er eine liebe, liebe Freundin gehabt, die pflegte er Tante zu nennen. Aber sie starb. Sie erschien ihm manchmal in seinen Träumen, und ihr Gesicht, wenn auch reizlos, war ihm vieltausendmal lieber als das der Madame Pastoureau, Bon Papa Pastoureaus neuer Frau, die bei ihm blieb, als die Tante wegging. Dort in Spittlefields, wie sie es nannten, wohnte Onkel Georg, auch ein Weber. Der pflegte Henry zu erzählen, er sei ein kleiner Edelmann und sein Vater ein Hauptmann und seine Mutter ein Engel.

Wenn der Onkel das sagte, pflegte Bon Papa von dem Webstuhl aufzusehen, wo er köstliche seidne Blumen wob. »Engel!« rief er, »sie dient der babylonischen Hure.« Bon Papa sprach immer von der babylonischen Hure. Er hatte ein kleines Stübchen, wo er sehr viel predigte und durch seine große alte Nase Hymnen sang. Der kleine Harry machte sich nichts aus den Predigten. Er hatte die schönen Geschichten lieber, die ihm die Tante zu erzählen pflegte. Bon Papas Frau erzählte ihm niemals schöne Geschichten. Sie zankte sich mit Onkel Georg, und der ging weg.

Danach siedelten sie nach Ealing über, Bon Papa und seine Frau und die zwei Kinder, die sie mitgebracht hatte. Die neue Frau gab ihren Kindern von allem das Beste und Harry viele Prügel, er wußte nicht warum. Zu den Schlägen gab sie ihm noch viele böse Worte, die wir hier nicht aufzeichnen wollen, des alten Bon Papa wegen, der noch manchmal freundlich war. Das Elend jener Tage ist längst vergeben, wenn es auch einen Schatten der Melancholie über des Knaben Kindheit warf, der ihn wohl begleiten wird bis ans Ende seiner Tage. Wie man die zarten Triebe bindet, so wächst später der Baum, und wer als Kind gelitten hat und nicht ganz verdorben wurde in der frühen Schule des Unglücks, der lernt wenigstens freundlich und langmütig sein mit kleinen Kindern.

Harry war sehr froh, als ein schwarzgekleideter Herr zu Pferde mit einem berittnen Lakaien hinter sich nach Ealing kam, um ihn fortzuholen. Die ungerechte Stiefmutter, die ihn über ihren eignen zwei Kindern vernachlässigt hatte, gab ihm genug zum Abendbrot zu essen an dem Tag, ehe er fortging, und am Morgen sogar besonders viel. Sie schlug ihn nicht ein einziges Mal und hieß die Kinder, ihn in Ruhe lassen. Das eine war ein Mädchen, und Harry konnte es niemals über sich bringen, ein Mädchen zu schlagen. Das andre war ein Knabe, den er leicht hätte schlagen können. Aber er schrie immer im voraus, und dann kam Madame Pastoureau angerauscht, die Arme zur Rettung erhoben gleich zwei Dreschflegeln. Sie wusch Harry das Gesicht an dem Tag, da er fortging; sie gab ihm nicht einmal eine einzige Ohrfeige. Sie winselte ein bißchen, als der Herr in Schwarz den Knaben holte, und der alte Monsieur Pastoureau, als er das Kind zum Abschied segnete, machte dem Fremden hinter dem Rücken ein finsteres Gesicht und brummte etwas über Babylon und die Hure. Er war ganz alt geworden und beinahe wie ein Kind. Madame Pastoureau pflegte ihm die Nase zu putzen wie den Kindern. Sie war eine große, dicke, hübsche junge Frau; aber obgleich sie tat, als ob sie weinte, hielt Harry es nur für schändliche Heuchelei und sprang ganz beseligt an das Pferd, auf das ihm der Lakai hinaufhalf.

Der war ein Franzose und hieß Blaise. Der Knabe konnte sich sehr gut mit ihm in seiner Muttersprache unterhalten. Französisch war ihm geläufiger als Englisch, hatte er doch bisher fast nur unter Franzosen gelebt und hatten ihn doch die andern Jungen auf dem Dorfplatz von Ealing den kleinen Franzosen genannt. Er lernte bald fließend Englisch sprechen und vergaß sein Französisch etwas; Kinder vergessen schnell. Ein paar frühe, dämmrige Erinnerungen hatte das Kind an ein andres Land, an eine Stadt mit großen weißen Häusern und an ein Schiff. Aber das alles war ganz undeutlich in des Knaben Seele, und undeutlich wurde ihm auch Ealing bald, wenigstens manches, was er dort gelitten hatte.

Der Lakai, vor dem er zu Pferde saß, war sehr lebhaft und gesprächig. Er erzählte dem Knaben, der Herr vor ihnen sei des Grafen Kaplan, Pater Holt – dann, er werde von jetzt an Junker Harry Esmond genannt werden – Mylord Castlewood sei sein Pate – er werde künftig in dem großen Schlosse von Castlewood wohnen und werde in kurzem die Frau Gräfin zu sehen bekommen, die eine große Dame sei. Und so, auf einer Decke vor Blaise, der im Sattel saß, wurde Harry Esmond nach London gebracht, nach einem schönen Platz, der Covent Garden hieß und an dem sein Gönner wohnte.

Herr Holt, der Priester, nahm das Kind bei der Hand und führte es zu diesem Edelmann, einem vornehmen, schlaffen Herrn mit großer Mütze und geblümtem Morgenrock, der gerade Apfelsinen aß. Er streichelte Harry über den Kopf und gab ihm eine Apfelsine.

»C'est bien ça«, sagte er zu dem Priester, nachdem er das Kind betrachtet hatte, und der Herr in Schwarz zuckte die Achseln.

»Blaise mag mit ihm spazierengehen.« Knabe und Diener zogen zusammen los; Harry sprang und hüpfte den ganzen Weg, er war nur zu froh, daß er hatte gehen dürfen.

Bis an sein Lebensende wird er der Wonne dieser Tage gedenken. Monsieur Blaise führte ihn in ein Theater, ein Haus, vieltausendmal größer und schöner als die Bude auf dem Jahrmarkt in Ealing. Am zweiten glückseligen Tag fuhren sie im Schiff auf dem Fluß, und Harry sah die große Brücke von London mit den Häusern und Buchläden darauf, so daß sie wie eine Straße aussah, und den Tower von London mit der Rüstkammer und den großen Bären und Löwen im Zwinger – und das alles in Begleitung von Monsieur Blaise.

Dann, eines Morgens frühe, zog die ganze Gesellschaft aufs Land hinaus – nämlich Mylord und der andre Herr; Monsieur Blaise und Harry auf einem Reitkissen hinter ihm, und zwei oder drei Leute, mit Pistolen bewaffnet, welche die Saumpferde führten. Den ganzen Weg erzählte der Franzose dem kleinen Harry Räubergeschichten, daß dem Jungen die Haare zu Berge standen, und verängstigte ihn so, daß er in dem großen düstern Gasthof an der Landstraße, wo sie übernachteten, darum bat, man möge ihn mit einem der Diener schlafen lassen. Herr Holt aber, der Herr, der mit Mylord reiste, erbarmte sich seiner und ließ das Kind in einem kleinen Bett in seinem Zimmer schlafen.

Des Knaben einfältiges Plaudern und Antworten machte ihm diesen Herrn, so scheint es, geneigt. Denn am nächsten Morgen erklärte Herr Holt, Harry solle heute mit ihm reiten und nicht mit dem französischen Lakaien. Unterwegs richtete er tausend Fragen an das Kind – über seinen Stiefbruder und seine Verwandten in Ealing; was sein alter Großvater ihn gelehrt habe; was für Sprachen er spreche; ob er lesen, schreiben und singen könne, und vieles mehr. Herr Holt erfuhr, daß Harry lesen und schreiben konnte und sehr gut Französisch und Englisch sprach, und als er nach dem Singen fragte, da stimmte der Knabe einen lutherischen Choral an. Da lachte Herr Holt, und selbst der erlauchte Pate mit der Perücke und dem betreßten Hut lachte, als Holt ihm erklärte, was das Kind da sang. Es schien, daß Doktor Martin Luthers Weisen nicht in der Kirche gesungen wurden, wo Herr Holt predigte.

»Das Lied mußt du niemals wieder singen, hörst du, kleines Männchen!« sagte Mylord mit erhobnem Finger.

»Aber wir wollen versuchen, dich ein besseres zu lehren, Harry«, sagte Herr Holt, und das Kind antwortete – denn es war ein gelehriges Kind und liebevollen Gemütes –, daß es hübsche Lieder gern habe und versuchen wolle, alles zu lernen, was der Herr ihn heißen werde. Er gefiel den Herren so gut mit seinem Geplauder, daß sie ihn mittags im Gasthof an ihrem Tisch essen ließen und ihn zum Schwatzen ermutigten. Monsieur Blaise, mit dem er tags zuvor ritt und speiste, mußte ihn heute bedienen.

»Schon gut, schon gut!« sagte Blaise am Abend in seiner Muttersprache, als sie wieder in einem Gasthof schlafen gingen. »Hier sind wir ein kleiner Herr; ein kleiner Herr, ja, wir wollen einmal sehen, was wir in Castlewood sind, wo Mylady ist.«

»Wann kommen wir nach Castlewood, Monsieur Blaise?« fragte Harry.

»Parbleu! Mylord übereilen sich nicht!« sagte Blaise und grinste. Und wirklich, es schien, als ob Seine Gnaden keine große Eile habe; denn man brachte drei Tage auf der Reise zu, die Harry Esmond später oft in zwölf Stunden bewältigt hat. Die letzten zwei Tage ritt Harry mit dem Priester; der war so freundlich zu ihm, daß das Kind am Ende der Reise ganz von ihm eingenommen war und ganz vertraulich mit ihm. Da war kaum ein Gedanke in seinem kleinen Herzen, den er dem neuen Freunde bis dahin nicht anvertraut hatte.

Endlich, am dritten Tage abends, kamen sie an ein Dorf in grünen Wiesen mit Ulmen ringsumher; das war sehr hübsch anzusehen. Die Leute dort zogen alle die Mützen und machten Komplimente vor dem Grafen, der sie lässig grüßte. Auch war da ein gewichtiger Herr, der trug Priesterrock und breitkrempigen Hut und beugte sich tiefer als alle die andern. Mit dem wechselten Mylord und Herr Holt ein paar Worte. »Dort ist die Kirche von Castlewood, Harry«, sagte Herr Holt, »und hier ist ihre Säule, der gelehrte Doktor Tusher. Zieh den Hut, Junge, und grüße Doktor Tusher!«

»Kommen Sie zum Abendessen, Doktor«, sagte Mylord. Der Doktor machte wieder eine tiefe Verbeugung, und die Gesellschaft ritt weiter einem mächtigen Hause zu, das vor ihnen lag, mit vielen grauen Türmen und Wetterfahnen drauf und Fenstern, die in der Sonne flammten. Ein ganzes Heer von Krähen flatterte über ihren Köpfen und flog auf und davon, wie Harry sah, den Wäldern zu, die hinter dem Hause lagen. Diese Krähen, erzählte Herr Holt, wohnten auch in Castlewood.

Sie kamen zum Hause und ritten durch einen Torweg in einen Hof hinein, mit einem Springbrunnen in der Mitte. Da waren viele Diener, die kamen und hielten Mylords Steigbügel, als er vom Pferde stieg, und bedienten auch Herrn Holt mit großer Ehrfurcht. Das Kind fand, daß die Diener ihn neugierig ansahen und einander zulächelten, und es dachte daran, was Blaise ihm in London gesagt hatte, als Harry von seinem Taufvater sprach. Da hatte der Franzose gebrummt: »Parbleu! das kann man sehen, daß Mylord dein Taufvater ist« – Worte, deren Sinn der arme Junge damals nicht verstand, wenn ihm die Wahrheit auch nur allzubald aufging und ihn mit nicht geringer Scham erfüllte.

Herr Holt nahm Harry bei der Hand, als sie vom Pferd gestiegen waren, und führte ihn über den Hof und durch eine niedrige Tür und zeigte ihm zwei Zimmer, die zu ebener Erde lagen. Eins davon, sagte Herr Holt, solle Harrys Zimmer sein; das auf der andern Seite des Ganges sei seines. Sobald des kleinen Mannes Gesicht gewaschen war und des Priesters Gewand in Ordnung gebracht, nahm Harrys Führer ihn noch einmal bei der Hand, ging mit ihm zu der Tür, durch die Mylord das Schloß betreten hatte, eine Treppe hinauf, durch ein Vorzimmer in der Gräfin Empfangsgemach, einen Raum, wie ihn Harry so großartig noch nie gesehen, auch nicht im Tower von London, den er gerade erst besucht hatte. Das Zimmer war wirklich reich verziert im Königin-Elisabeth-Stil, mit großen bunten Fenstern an beiden Enden und Wandteppichen, auf denen die Sonne tausend Farben malte, wie sie durch das bunte Glas hindurchschien. Hier saß beim Kaminfeuer in vollem Staat eine Dame, auf die der Priester Harry zuführte, der bei ihrem Anblick wirklich erschrak.

Das Gesicht Myladys war rot und weiß geschminkt bis an die Augen, denen die Schminke einen ganz unnatürlichen, stieren Glanz gab. Sie hatte einen Turm von Spitzen auf dem Kopf, unter denen Bündel schwarzer Locken hervorquollen – falsche Locken –, kein Wunder also, daß der kleine Harry Esmond verstört war, als er ihr zum ersten Male vorgeführt wurde von dem freundlichen Priester, der bei dieser feierlichen Vorstellung den Zeremonienmeister spielte. Er starrte sie an mit Augen, beinahe so groß wie die ihren, wie er die Komödiantin angestarrt hatte, welche die böse Königin in der Tragödie gab, als die Schauspieler auf den Jahrmarkt von Ealing kamen. Sie saß auf einem großen Stuhl in der Kaminecke, im Schoß ein Wachtelhündchen, das wütend bellte. Auf einem Tischchen daneben stand Ihro Gnaden Schnupftabaksdose und das Kästchen mit Zuckerpflaumen. Sie trug ein Überkleid von schwarzem Samt und einen Rock von feuerfarbnem Brokat. Sie hatte so viele Ringe an ihren Fingern, wie das alte Weib von Banbury Cross, und hübsche kleine Füße, die sie zu zeigen liebte, mit großen goldnen Zwickeln in den Strümpfen und weißen Pantoffeln mit roten Absätzen. Eine Duftwolke von Moschus stieg aus ihren Gewändern auf, wenn sie sich bewegte oder aus dem Zimmer schritt, auf ihren Schildpattstock gestützt, die kleine Furia bellend an ihren Hacken.

Bei der Gräfin war Frau Tusher, des Pfarrers Gattin. Sie war Kammerfrau bei Mylady gewesen zu Lebzeiten des alten Grafen, und da sie mit ganzer Seele bei ihrem Berufe war, so kehrte sie ganz natürlich dazu zurück, als die Gräfin sich wieder in ihres Vaters Haus niederließ.

»Ich stelle Euer Gnaden Euren Verwandten und Pagen vor, Junker Henry Esmond«, sagte Herr Holt und verbeugte sich tief mit einer Art komischer Ergebenheit. »Mach Mylady eine schöne Verbeugung, kleiner Herr, und dann eine andre kleine Verbeugung, nicht ganz so tief, der Frau Tusher, der schönen Priesterin von Castlewood.«

»Wo ich gelebt habe und zu sterben hoffe, mein Herr«, sagte Frau Tusher und warf einen scharfen Blick auf die Brut und dann auf Mylady.

Die aber nahm für eine Zeitlang des Knaben ganze Aufmerksamkeit gefangen. Er konnte seine großen Augen nicht von ihr wenden. Seit der Königin in Edling hatte er so Furchtbares nicht geschaut.

»Gefalle ich dir, kleiner Page?« fragte die Gräfin.

»Das müßte schwer sein, ihm zu gefallen, wenn Mylady ihm nicht gefielen!« rief Frau Tusher.

»Laß gut sein, du dumme Maria«, sagte Lady Castlewood.

»Wem ich ergeben bin, dem bin ich ergeben, gnädige Frau, und ich würde lieber sterben, als meine Meinung nicht sagen.«

»Je meurs où je m'attache«, sagte Herr Holt mit höflichem Grinsen. »So sagt der Efeu auf dem Bilde und klammert sich an die Eiche als der vernarrte Schmarotzer, der er ist.«

»Vatermörder! Sir!« rief Frau Tusher.

»Still, Tusher! Immer mußt du dich mit Pater Holt zanken«, rief Mylady. »Komm und küß mir die Hand, Kind!« Und die Eiche streckte einen Zweig nach dem kleinen Harry Esmond aus, der pflichtschuldigst die magere alte Hand nahm und küßte, auf deren knochigen Gelenken an hundert Ringe funkelten.

»Diese Hand zu küssen würde manchen schönen jungen Mann beglücken!« rief Frau Tusher, worauf Mylady ihr mit einem: »Scher dich, du närrische Tusher!« einen Schlag mit ihrem großen Fächer versetzte, während Tusher sich auf ihre Hand stürzte und sie küßte. Furia sprang auf und kläffte die Tusher wütend an, und Pater Holt sah mit schalkhaft-ernsten Blicken auf diese wunderliche Szene.

Das ehrfürchtige Entsetzen des kleinen Jungen gefiel wohl der Dame, der diese ungekünstelte Huldigung dargebracht wurde. Denn als er seine Verbeugung gemacht hatte und sich aufs Knie niederließ, wie es damals Sitte war und wie Pater Holt es ihn geheißen hatte, da sagte sie: »Page Esmond, mein Kammerdiener wird dir sagen, was deine Pflichten sind, wenn du mir und Mylord aufwartest. Der gute Holt wird dich unterrichten, wie es einem Edelmann unsres Namens zukommt. Du wirst ihm in allen Dingen gehorchen, und ich hoffe, du wirst ebenso gelehrt und ebenso gut werden wie dein Lehrer.«

Die Dame schien die größte Ehrerbietung für Herrn Holt zu fühlen und schien mehr Angst vor ihm zu haben als vor irgend etwas anderm auf der Welt. Wenn sie noch so zornig war, ein Wort oder Blick von Pater Holt machte sie ruhig. Er übte in der Tat eine mächtige Gewalt aus über alle, die ihm nahekamen, und wie die andern, so gab sich ihm auch sein neuer Schüler mit Anhänglichkeit und unbegrenztem Vertrauen hin und wurde sein williger Sklave fast vom ersten Augenblick an, da er ihn sah.

Er legte seine kleine Hand in die des Paters, als sie nach dieser ersten Aufwartung von seiner Herrin gingen. Manches hatte er ihn zu fragen in seiner arglosen kindlichen Art. »Wie heißt die andre Frau?« fragte er, »sie ist fett und rund. Sie ist hübscher als Mylady Castlewood.«

»Sie heißt Frau Tusher und ist des Pfarrers Frau. Sie hat einen Sohn, so alt wie du, aber größer.«

»Warum küßt sie so gern Myladys Hand? Sie küßt sich gar nicht gut.«

»Der Geschmack ist verschieden, kleiner Mann. Frau Tusher ist Mylady ergeben. Sie war ihre Kammerfrau, ehe sie heiratete, zu des alten Grafen Zeit. Sie nahm Doktor Tusher zum Manne, den Kaplan. Die englischen Hausgeistlichen heiraten oft Kammerfrauen.«

»Du heiratest nicht die französische Frau, nicht wahr? Ich habe sie mit Blaise in der Speisekammer lachen sehen.«

»Ich gehöre einer Kirche an, die älter und besser ist als die englische Kirche«, sagte Herr Holt und machte ein Zeichen über Brust und Stirn, das Esmond damals noch nicht verstand. »In unsrer Kirche heiraten die Priester nicht. Du wirst all diese Dinge bald besser verstehen.«

»War nicht Sankt Peter das Haupt eurer Kirche? Doktor Rabbits in Ealing hat es uns so erzählt.«

Der Pater sagte: »Ja, das war er.«

»Aber Sankt Peter war verheiratet; wir haben erst letzten Sonntag in der Kirche gehört, daß die Mutter seines Weibes krank am Fieber lag.« Da lachte der Pater wieder und sagte, auch das werde er bald besser verstehen. Dann redete er von anderen Dingen und zeigte Harry Esmond das ganze große alte Haus, wo er von jetzt an leben sollte.

Es stand auf einem sanften grünen Hügel, mit Wäldern dahinter, in denen Krähen nisteten, die morgens, wenn sie ausflogen, und abends, wenn sie heimkehrten, ein großes Krächzen anstimmten. Am Fuße des Hügels war ein Fluß mit einer hochgewölbten alten Brücke darüber. Jenseits der Brücke dehnte sich eine weite, anmutige grüne Niederung, wo das Dorf Castlewood lag, mit der Kirche in der Mitte und dem Pfarrhaus dicht dabei, mit dem Gasthof zu den »Drei Schlössern« und der Hufschmiede daneben. Die Landstraße nach London zog weit hinaus der aufgehenden Sonne zu; nach Westen stiegen Hügel und Berge an, hinter denen Harry Esmond manches Mal dieselbe Sonne versinken sah, die ihm jetzt über dem großen Meere scheint, wohl tausend Meilen weit entfernt, in einem neuen Castlewood, an einem andern Fluß, das aber, wie die neue Heimat des wandernden Äneas, die geliebten Namen des Landes seiner Jugend trägt.

Das Schloß Castlewood war um zwei Höfe erbaut, an dem einen, dem Hof mit dem Springbrunnen, lagen die bewohnten Räume, während die Flügel um den anderen Hof in den Kriegen Cromwells zerschossen waren. Am Brunnenhof lagen, noch gut erhalten, die große Halle nahe der Küche und den Vorratskammern; dann etwa ein Dutzend Wohnräume, nach Norden gelegen und verbunden mit der kleinen Kapelle, die ostwärts sah und mit den Gebäuden, die sich von dort bis zum Haupttor erstreckten und mit der Halle, die auf den jetzt zerstörten Hof ging. Dieser Hof war der prächtigere von beiden gewesen, bis des Protektors Kanonen die eine Seite niederlegten, ehe das Schloß gestürmt und genommen wurde. Die Belagerer drangen über die Terrasse am Uhrturm ein und erschlugen die ganze Besatzung, an ihrer Spitze Mylords Bruder, Francis Esmond.

Die Restauration brachte Lord Castlewood nicht Geld genug, um diesen zerstörten Teil des Hauses wieder aufzubauen, wo die Frühstückszimmer und darüber die lange Musikgalerie gewesen waren und vor dem sich die Gartenterrasse breitete. Hier jedoch blühten die Blumen wieder, die von den Stiefeln der Rundköpfe beim Angriff niedergetrampelt wurden; ohne viel Kosten und nur mit ein wenig Mühe wurde sie von den beiden Frauen wieder hergerichtet, die dem zweiten Grafen im Regimente dieses Hauses folgten. Rund um den Terrassengarten zog sich eine niedrige Mauer mit einem Pförtchen nach der waldigen Höhe, die bis heutigentags Cromwells Batterie genannt wird.

Der kleine Harry Esmond lernte den häuslichen Teil seiner Pflichten, die leicht genug waren, von Ihro Gnaden Kammerdiener. Er bediente die Gräfin, wie es zu seiner Knabenzeit üblich war, als Page, stand an ihrem Stuhl, reichte ihr nach dem Essen die silberne Schale mit dem wohlduftenden Wasser, saß bei feierlichen Gelegenheiten auf dem Trittbrett ihres Wagens und meldete ihr an Empfangstagen die Besucher an. Diese gehörten meist zu den katholischen Gutsbesitzern und Geistlichen, deren es auf dem Lande und in der benachbarten Stadt eine ganze Menge gab, und die nicht selten nach Castlewood kamen, um seine Gastfreundschaft zu genießen. Im zweiten Jahre ihres Aufenthalts schien sich die Gesellschaft besonders zu vergrößern, Mylord und Mylady waren selten ohne Besucher. Merkwürdig war es, zu beobachten, wie verschieden sich Pater Holt, der Familienkaplan, und Doktor Tusher, der Pfarrer des Kirchspiels, unter ihnen bewegten. Herr Holt verkehrte mit den Vornehmsten wie mit seinesgleichen, und als ob er sie alle beherrsche; der arme Doktor Tusher hingegen, dessen Stellung freilich eine recht schwierige war, als einstiger Schloßkaplan und gegenwärtiger Seelsorger der protestantischen Dienerschaft, schien mehr ein Türsteher als ein Gleichberechtigter und drückte sich immer nach dem ersten Gang.

In diesen Zeiten kamen auch viele Privatbesucher zu Pater Holt, die Henry Esmond alsbald ohne Schwierigkeit als Geistliche von des Paters Observanz erkannte, in was für Kostümen sie auch erscheinen mochten. Und sie erschienen in allen erdenklichen Kostümen. Sie schlossen sich mit dem Pater ein und kamen und gingen oft, ohne Mylord und Mylady die schuldige Aufwartung zu machen – oder besser gesagt, Mylady und Mylord; denn Seine Gnaden war nicht viel mehr als eine Null im Hause und gänzlich im Schatten seiner herrschaftsbegabten Ehehälfte. Ein wenig Vogelfang, ein wenig Jagd, eine gute Menge Schlaf und viel Zeitaufwand beim Essen und beim Kartenspiel brachten den Herrn Grafen durch einen Tag um den andern. Wenn während dieses zweiten Jahres Versammlungen stattfanden, was oft genug bei verschlossenen Türen geschah, so fand der Page auf Mylords Platz das Schreibpapier mit Hunden und Pferden bekritzelt, und man sagte, er habe schwere Mühe, sich wach zu halten bei diesen Beratungen, da sie die Gräfin führte, während er nicht viel mehr war als ihr Sekretär.

Pater Holt war bald so von diesen Zusammenkünften in Anspruch genommen, daß er darüber die Erziehung des kleinen Jungen, der sich so freudig des gütigen Priesters Befehlen fügte, ziemlich vernachlässigte. Anfangs lasen sie viel und regelmäßig, sowohl Lateinisch als Französisch. Der Pater versäumte keine Gelegenheit, seinem Schüler seinen Glauben einzuprägen; aber er zwang ihn nicht gewaltsam und behandelte ihn mit einer Zartheit und Sanftmut, die das Kind überraschte und es ihm gewann, wie es immer leichter auf solche Art gewonnen wurde als durch strenge Ausübung der Autorität. Seine Freude auf ihren Spaziergängen war es, Harry von den Herrlichkeiten seines Ordens zu erzählen, von seinen Märtyrern und Helden, von den Brüdern, die Myriaden von Heiden bekehrten, die Wüsten durchkreuzten, den Marterpfahl nicht scheuten, über Höfe und Hohe Räte herrschten und den Foltern der Könige trotzten, so daß Harry meinte, es sei der höchste Preis des Lebens und das kühnste Ziel des Ehrgeizes, dem Orden der Jesuiten anzugehören – die größte Laufbahn auf Erden und die sicherste Gewähr für den Himmel. Er fing an, sich zu sehnen, nicht nach dem Tage nur, an dem er in die alleinseligmachende Kirche aufgenommen werden und seine erste Kommunion empfangen sollte, nein, auch nach dem Tage, an dem er in diese wundervolle Brüderschaft würde eintreten dürfen, die in aller Welt gegenwärtig war und welche die weisesten, tapfersten, vornehmsten und beredtesten aller Männer zu den Ihrigen zählte. Pater Holt befahl ihm, seine Ansichten geheimzuhalten und sie zu hüten wie einen großen Schatz, den er verlieren würde, wenn er ihn enthüllte; und der Knabe, stolz auf sein Vertrauen und das Geheimnis, das man ihm zu bewahren gab, gewann den Meister herzlich lieb, der ihn in ein so wunderbares und ehrwürdiges Mysterium einführte. Als der kleine Tom Tusher, sein Nachbar, zu den Ferien kam und erzählte, daß auch er zum englischen Priester aufgezogen werde und von seiner Schule, was er ein Zeugnis nannte, bekommen werde, und dann ein Stipendium an der Universität, und dann eine gute Pfarre, da kam es dem jungen Harry Esmond hart an, nicht zu seinem Gespielen zu sagen: Kirche! Priesterschaft! Fette Pfarre! Mein lieber Tommy, das nennst du Kirche und Priesterschaft? Was ist eine fette Pfarre, verglichen mit der Bekehrung von hunderttausend Heiden durch die Gewalt einer einzigen Predigt? Was ist ein Stipendium am Trinity College neben einer Märtyrerkrone, mit Engeln, die deiner warten, wenn man dir das Haupt abschlägt? Kann der Lehrer deiner Schule auf seinem Amtskleid über die Themse segeln? Habt ihr Statuen in euren Kirchen, die bluten, sprechen, gehen und weinen können? Mein guter Tommy, in des lieben Pater Holts Kirche geschehen alle Tage solche Dinge. Du weißt, Sankt Philipp von den Weiden erschien dem Grafen Castlewood und bekehrte ihn zur alleinseligmachenden Kirche. Zu euch kommen niemals Heilige. Aber eingedenk seines Versprechens an Pater Holt, verbarg Harry Esmond diese Schätze des Glaubens vor Tom Tusher; nur vor Pater Holt redete er sie sich einfältig von der Seele. Der streichelte ihm dann den Kopf, lächelte ihn an mit seinem unerforschlichen Blick und sagte ihm, er tue gut, über diese hohen Dinge nachzudenken, aber nur unter seiner Leitung davon zu sprechen.

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