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William Makepeace Thackeray: Henry Esmond - Kapitel 41
Quellenangabe
typefiction
authorWilliam Makepeace Thackeray
titleHenry Esmond
publisherAufbau-Verlag
year1953
translatorElse von Schorn
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150118
projectid5785aa0d
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Zehntes Kapitel
Wir haben einen erlauchten Gast in Kensington

Wenn je ein Schlüssel gefunden wird zu den dunklen Machenschaften der letzten Jahre von Königin Annas Regierungszeit oder wenn sich je ein Historiker finden sollte, der geneigt ist, sie zu entwirren, so bin ich überzeugt, man wird entdecken, daß keine der hohen Persönlichkeiten aus der Umgebung der Königin irgendeinen bestimmten politischen Plan hatte, sondern daß jeder seinen eigenen, selbstsüchtigen Interessen nachging. St. John war für Lord Bolingbroke, Harley für Lord Oxford und Marlborough für John Churchill. Je nachdem sie sich Hilfe von Saint-Germain oder von Hannover versprachen, sandten sie Angebote der Untertanentreue an die dortigen Fürsten oder verrieten den einen an den andern. Ein Herrscher war ihnen so lieb wie der andere, wenn sie nur des ersten Platzes unter ihm sicher waren. Und wie Lockit und Peachem, die Newgate-Häuptlinge in der Bettler-Oper, die Herr Gay später schrieb, hatte jeder von ihnen Dokumente in der Hand, die den Rivalen des Verrats überführten und an den Galgen bringen konnten, nur daß er nicht wagte, sich dieser Waffe zu bedienen, weil er sich vor den Beweisen fürchtete, die der andere gegen ihn in der Tasche trug. Denkt an den großen Marlborough, der siegreich durch Deutschland, Flandern und Frankreich gezogen war, der fremden Fürsten Gesetze gegeben hatte und daheim wie eine Gottheit verehrt worden war. Er mußte sich aus England fortschleichen, seiner Ehren, seiner Ämter, seines Rufes beraubt; er mußte vor Harley fliehen, so machtlos wie ein armer Schuldner vor dem Gerichtsvollzieher. Ein Schriftstück, das ein unzweifelhafter Beweis der freundschaftlichen Beziehungen des Herzogs zu Saint-Germain war, diente Lord Oxford als Waffe, um Marlborough außer Landes zu treiben. Er floh nach Antwerpen und fing augenblicklich an, sich mit der anderen Partei zu verständigen. Als er nach England zurückkam, war er ein Whig und ein Hannoveraner.

Obwohl Harley alle Freunde des Herzogs aus der Armee und der Regierung entfernte und die erledigten Posten an Anhänger der Torypartei vergab, so spielte doch auch er das doppelte Spiel zwischen Hannover und Saint-Germain. Er wartete nur auf den Tod der Königin, um als Herr des Staates die Krone der Familie anzubieten, die ihn am höchsten bestechen würde oder für die das Volk sich erklärte. Wer immer auch König wurde, Harley wollte ihn beherrschen. Um dieses Zieles willen verdrängte er den berühmten Günstling und brachte Marlboroughs Kriegstaten in Verruf. Wie seih großer gefallener Vorgänger verschmähte auch er es nicht, durch die gemeinsten Künste, durch Schmeichelei und Einschüchterung, seine Macht zu befestigen. Wenn der größte Satiriker der Welt gegen Harley und nicht für ihn geschrieben hätte, was für eine Chronik über die letzten Regierungsjahre Königin Annas würde er hinterlassen haben! Aber Swift, der die ganze Menschheit verhöhnte und sich selbst nicht am wenigsten, war doch ein so treuer Parteigänger, daß er die Führer, die ihn gut behandelten, liebte. Er stand tapfer zu Harley, als dieser stürzte, wie er mutig für ihn gekämpft hatte, als er die Macht in Händen hielt.

Unvergleichlich viel glänzender, beredter, begabter als sein Rivale war der große Bolingbroke; aber er konnte ebenso selbstsüchtig sein wie Lord Oxford und konnte ebenso geschickt eine zweideutige Rolle spielen wie der doppelzüngige Churchill. Er, der das Wort »Freiheit« immer im Munde führte, scheute sich sowenig wie der Großinquisitor in Lissabon davor, Verfolgung und Pranger gegen seine Feinde zu gebrauchen. Dieser erhabene Patriot kniete vor Hannover und Saint-Germain, notorisch ohne jede Religion trank er auf Kirche und Königin mit dreister Stirn, genau wie der beschränkte Sacheverel, den er benutzte und verlachte; auch er konnte intrigieren, schmeicheln, einschüchtern, beschwatzen; er konnte eine Hintertreppe ebenso leise hinaufschleichen wie Oxford, den er seinerseits verdrängte, wie Marlborough einst von Oxford verdrängt wurde. Der Sturz Harleys ereignete sich um die Zeit, in der ich mit meiner Geschichte jetzt angekommen bin. Die letzten Tage seiner Macht waren gekommen, und der Handlanger, den er gebraucht hatte, um den Sieger von Blenheim zu stürzen, war jetzt am Werke, den Besieger des Siegers zu Fall zu bringen und das Zepter an Bolingbroke zu überliefern, der danach gierte, es in Händen zu halten.

In Erwartung des Ereignisses, das wir vorbereiteten, wurden alle irischen Regimenter, die in französischen Diensten standen, in die Nähe von Boulogne in der Pikardie gezogen, um im Notfall, von dem Herzog von Berwick geführt, nach England überzusetzen, nicht mehr als französische Soldaten, sondern als Untertanen Jakobs des Dritten, Königs von England und Irland. Die große Masse der Schotten hielt fest zum König, obwohl eine tätige und tapfere Whigpartei, die bewundernswürdig organisiert und geführt war, in Schottland arbeitete. Aber die meisten Mitglieder der Geistlichkeit, des hohen und des niederen Adels waren öffentliche Parteigänger des verbannten Prinzen. Von den Gleichgültigen konnte man erwarten, daß sie dem Sieger zujubeln würden, sei es nun König Georg oder König Jakob. Die Königin neigte, besonders in ihren letzten Zeiten, entschieden ihrer eigenen Familie zu. Der Prinz von Wales war in London, kaum einen Katzensprung vom Palast seiner Schwester entfernt. Der erste Minister wankte seinem Fall entgegen, und seine Stellung war so erschüttert, daß der leiseste Druck eines weiblichen Fingers ihn in den Abgrund stürzen konnte. Von seinem Nachfolger Bolingbroke aber wußte man nur zu genau, wem seine Macht und glänzende Beredsamkeit zur Verfügung stehen würde, wenn die Königin eines Tages vor ihrem Rat erschiene und sagte: »Dies, Mylords, ist mein Bruder, mein und meines Vaters Erbe.«

Das ganze vergangene Jahr hindurch hatte die Königin an immer wiederkehrenden Anfällen von Fieber und Schlafsucht gelitten. Ihre Umgebung lebte in ständiger Erwartung ihres Todes. Der Kurfürst von Hannover hatte den Wunsch geäußert, seinen Sohn, den Herzog von Cambridge, nach England zu schicken, um, wie er sich ausdrückte, seiner Verwandten, der Königin, seine Aufwartung zu machen, in Wahrheit natürlich, um bei ihrem Tode zur Stelle zu sein. Vielleicht hatte es Ihre Majestät erschreckt, ein solches memento mori unter ihren königlichen Augen zu haben; jedenfalls hatte sie dem jungen Prinzen zornig untersagt, Englands Boden zu betreten. Sie wollte wohl auch den Weg für ihren Bruder offenhalten; oder ihre Umgebung wünschte nicht, mit dem Whigkandidaten abzuschließen, ehe sie nicht ihre Bedingungen stellen konnte. Die Streitigkeiten ihrer Minister, die vor ihren Augen im Kronrat ausgefochten wurden, ihre Gewissensbisse und die ständige Unruhe und Aufregung um sie herum hatten die Fürstin aufs äußerste gereizt und angegriffen. Ihre Kräfte versagten allmählich, und von Tag zu Tag war man darauf gefaßt, daß sie ein rasches Ende nehmen könnte. Gerade als Graf Castlewood mit seinem Begleiter aus Frankreich kam, wurde Ihre Majestät bettlägerig. Die Rose trat auf an den königlichen Beinen, es hatte keine Eile mit der Vorstellung des jungen Grafen bei Hofe oder vielmehr dessen, der unter seinem Namen dort eingeführt werden sollte, und da Mylords Wunde so im geeignetsten Augenblick wieder aufbrach, so konnte er sich ungestört in seinem Zimmer pflegen, bis der Arzt ihm erlaubte, das Knie vor der Königin zu beugen. Anfang Juli wurde die junge Hofdame in Kensington oft von einer Gönnerin besucht, die eine sehr einflußreiche Dame bei Hofe und in unsere Pläne eingeweiht war.

Am 27. Juli kam diese Dame in ihrer Sänfte aus dem nahen Palast herüber und brachte uns eine Nachricht von höchster Wichtigkeit. Der letzte Schlag war gefallen, und Mylord von Oxford und Mortimer war nicht mehr Oberschatzmeister. Noch war der Amtsstab keinem Nachfolger übergeben, obgleich Lord Bolingbroke ohne Zweifel der Mann sein würde. Und jetzt sei der Augenblick da, behauptete die Abigail der Königin, jetzt sollte Mylord Castlewood der Monarchin vorgestellt werden.

Nach der Szene, die Mylord seinem Vetter beschrieben und die Esmond eine so elende Nacht der Selbstquälerei und Eifersucht bereitet hatte, kamen wohl die drei Menschen, die für Beatrix ihre natürlichen Beschützer waren, in Gedanken zu demselben Schluß, nämlich, daß sie aus der Nähe eines Mannes entfernt werden müsse, dessen Begehren nach ihr sich nur allzu klar zeigte, und von dem zu erwarten war, daß er seine Befriedigung ebenso gewissenlos suchen werde, wie es sein Vater einst zu tun pflegte. Sie hatten diese Notwendigkeit wohl alle drei im stillen erwogen; denn als Frank in seiner offenen Art herausplatzte: »Ich glaube, Beatrix wäre besser irgendwo, nur nicht hier«, da sagte Lady Castlewood: »Ich danke dir, Frank; ich bin ganz deiner Meinung.« Herr Esmond bemerkte nur, daß es nicht an ihm sei, in dieser Sache zu sprechen; sein beglückter Ausdruck aber zeigte genugsam, wie angenehm ihm dieser Vorschlag war.

»Man sieht dir an, daß du unsere Ansicht teilst, Harry«, sagte Mylady mit einem leisen Anflug von Sarkasmus in der Stimme. »Solange wir unseren Gast im Hause haben, ist Beatrix besser anderswo aufgehoben. Es wäre gut, wenn sie London verließe, sobald das Geschäft dieses Morgens getan ist.«

»Welches Geschäft?« fragte Esmond, der noch nicht wußte, was im Augenblick, da sie miteinander sprachen, vor sich ging, obgleich der Streich, der da geführt wurde, tatsächlich fast so von Bedeutung war wie das Herüberschaffen des Prinzen.

Die Dame vom Hof, der Arzt und der Bischof von Rochester, die tätigsten Förderer unseres Unternehmens, hatten in unserem Hause in Kensington und anderswo viele Beratungen darüber gepflogen, wie man den jungen Abenteurer am besten seiner Schwester, der Königin, vor die Augen bringen könne. Der einfache und leicht auszuführende Plan, den Oberst Esmond vorgeschlagen hatte, war schließlich von allen gebilligt worden. Der Prinz sollte an einem stillen Tage, an dem nicht viele Menschen am Hofe waren, dort als Lord Castlewood erscheinen, sollte von seiner angeblichen Schwester im Dienst empfangen und von jener anderen Dame in das Kabinett der Königin geleitet werden. Den Umständen, die sich aus dieser Zusammenkunft ergaben, der Laune und dem Befinden Ihrer Majestät, dem Takt der Anwesenden und besonders des Prinzen selbst mußte es überlassen bleiben, ob er sich als königlicher Bruder zu erkennen geben oder nur als Bruder der Beatrix Esmond die königliche Hand küssen sollte. Nachdem wir uns über diesen Plan einig waren, erwarteten wir alle ängstlich das Zeichen zur Ausführung.

An jenem 27. Juli frühstückte der Bischof von Rochester mit Lady Casdewood und ihrer Familie. Die Mahlzeit war kaum vorüber, als der Wagen des Arztes vorfuhr und Doktor A. im Familienkreis erschien. Er brachte Leben in eine etwas mißmutige Gesellschaft. Mutter und Tochter hatten früh am Morgen über die Vorkommnisse jenes Abends und wohl noch andere Abenteuer, auch über den folgenden Tag, einen Wortwechsel miteinander gehabt. Der hochmütige Sinn von Beatrix vertrug Vorwürfe von keinem Vorgesetzten, geschweige denn von ihrer sanften Mutter, über die das Mädchen eher herrschte, als daß es ihr gehorchte. Sie fühlte sich im Unrecht, wußte, daß sie durch Koketterie, die sie an jedem Manne ausübte, der ihr nahe kam, so wie die Sonne über Gerechte und Ungerechte scheinen muß, des Prinzen gefährliche Neigung hervorgerufen und ihn zu ihrer Äußerung verlockt hatte. Aber das Gefühl ihrer Schuld machte sie nur trotziger und überheblicher.

Der Arzt zerstreute durch die dringende und aufregende Natur seiner Mitteilungen augenblicklich die Wolken, die durch persönliche und unwichtigere Schwierigkeiten über die Familie Castlewood heraufgezogen waren.

Er fragte nach dem Gast des Hauses. Dem Prinzen wurde die Schokolade an sein Bett gebracht. Er mußte lange in den Tag hinein schlafen, um seinen Kopf vom Dunst des Weines zu befreien, und war auch jetzt noch oben in seinen Zimmern. Doktor A. bat Monsieur Baptiste, zu seinem Herrn zu gehen und Mylord zu bitten, daß er sich sofort in seine rote Uniform werfe und ihn auf einer Fahrt in seinem Wagen begleite.

Dann unterrichtete er Fräulein Beatrix über die Rolle, die sie in der Komödie spielen sollte. »In einer halben Stunde«, sagte er, »wird Ihre Majestät mit ihrer vertrauten Dame in der Zedernallee hinter dem neuen Banketthause Luft schöpfen. Ihre Majestät wird im Rollstuhl sitzen. Fräulein Esmond und ihr Bruder, Lord Castlewood, werden im Privatgarten spazierengehen – hier ist Lady Mashams Schlüssel – und werden zufällig der Königin begegnen. Der Diener, der den Rollstuhl schiebt, wird sich zurückziehen und wird die Königin, ihre Favoritin, die Hofdame und ihren Bruder allein lassen. Fräulein Beatrix wird ihren Bruder vorstellen, und dann – der Bischof wird für den Ausgang der Zusammenkunft beten, und sein schottischer Küster wird amen dazu sagen! Setzen Sie schnell Ihren Hut auf, Fräulein Beatrix. Wo bleibt denn Seine Majestät? Eine so günstige Gelegenheit kommt vielleicht in Monaten nicht wieder.«

Der Prinz hätte diese Gelegenheit durch seine Faulheit beinahe verpaßt. Die Königin war bereits im Begriff, den Garten zu verlassen, als der Wagen mit dem Arzt, dem Bischof, der Hofdame und ihrem Bruder ihn erreichte. Als Oberst Esmond nach Kensington kam, war seit ihrer Abfahrt schon eine halbe Stunde verstrichen.

Die Kunde von diesen Ereignissen trieb ihm natürlich für den Augenblick alle Gedanken persönlicher Eifersucht aus dem Kopfe. Es verging noch eine halbe Stunde, bis der Wagen zurückkam. Zuerst stieg der Bischof aus. Er reichte Beatrix, die nach ihm kam, hilfreich die Hand; dann setzte er sich wieder in den Wagen, und die Hofdame kam allein ins Haus. Wir schauten aus dem oberen Fenster und versuchten aus ihren Mienen zu lesen, wie die Zusammenkunft verlaufen sei.

Sie kam bleich und zitternd vor Erregung in den Salon. Ihre Mutter ging ihr entgegen, und sie bat um ein Glas Wasser. Nachdem sie es geleert und ihren Hut abgesetzt hatte, fing sie an, zu erzählen. »Wir können das Beste hoffen«, sagte sie, »es hat die Königin einen Anfall gekostet. Ihre Majestät saß in ihrem Stuhl in der Zedernallee; als wir den Garten betraten und auf sie zuschritten. Die Herren folgten uns und warteten, von Gebüsch versteckt, in einem Seitenwege. Mein Herz klopfte so heftig, daß ich kaum sprechen konnte; aber der Prinz flüsterte mir zu: ›Mut, Beatrix‹, und ging festen Schrittes vorwärts. Sein Gesicht war leicht gerötet; aber er fürchtete sich nicht vor der Gefahr. Wer so tapfer wie er bei Malplaquet gekämpft hat, der fürchtet sich vor nichts mehr.« Esmond und Castlewood sahen sich bei diesem Kompliment an; der Ton gefiel ihnen beiden nicht.

»Der Prinz zog den Hut«, fuhr Beatrix fort, »und ich sah, wie die Königin sich nach Lady Masham umwandte, als wolle sie wissen, wer die beiden seien. Ihre Majestät sah sehr krank aus, bald bleich, bald stark gerötet. Mylady winkte uns näher heran. Ich ergriff die Hand des Prinzen und führte ihn dicht an den Stuhl heran. ›Eure Majestät wird Mylord Castlewood die Hand zum Kusse reichen‹, sagte die Vertraute. Die Königin streckte ihre Hand aus; der Prinz küßte sie kniend, er, der vor keinem Sterblichen knien sollte.

›Sie sind lange von England fortgewesen, Mylord‹, sagte die Königin. ›Warum sind Sie nicht zurückgekommen, um Ihrer Mutter und Schwester ein Heim zu bieten?‹

›Ich bin jetzt gekommen, um zu bleiben, wenn die Königin es wünscht‹, sagte der Prinz und verneigte sich tief.

›Sie haben eine Ausländerin geheiratet, Mylord, und eine ausländische Religion angenommen. War die englische nicht gut genug für Sie?‹

›Weil ich zu meines Vaters Kirche zurückgekehrt bin‹, antwortete der Prinz, ›so liebe ich doch darum meine Mutter nicht weniger und bin ein ebenso treuer Diener Eurer Majestät.‹

Lady Masham gab mir durch ein Zeichen zu verstehen, ich möge mich etwas entfernen. Ich tat es, obwohl ich brannte vor Begierde, alles zu hören. Sie flüsterte der Königin etwas zu. Ihre Majestät fuhr zusammen, stieß ein paar hastige Worte aus, sah den Prinzen an und klammerte sich mit den Händen an die Armlehnen ihres Rollstuhles. Er trat noch näher an sie heran und fing sehr rasch an zu sprechen. Ich hörte die Worte ›Vater – Segen – Vergebung‹. Dann fiel der Prinz auf die Knie, zog ein Papier aus der Brusttasche und reichte es der Königin hin. Mit einem Schrei warf sie die Arme in die Luft und entzog dem Prinzen die Hand, die er zu küssen versuchte. Er fuhr fort, lebhaft und mit vielen Bewegungen zu sprechen; bald faltete er die Hände auf der Brust, bald breitete er sie aus, als wolle er sagen: ›Hier bin ich, dein Bruder, in deiner Gewalt.‹ Lady Masham lief auf die andere Seite des Rollstuhls, kniete nieder wie der Prinz und sprach mit großem Nachdruck. Sie faßte die Hand der Königin und hob das Papier auf, das Ihre Majestät hatte fallen lassen. Der Prinz erhob sich, hielt wieder eine Rede und entfernte sich dann etwas, als wolle er gehen. Die Vertraute auf der anderen Seite schien ihre Herrin zu beschwören, erhob sich dann auch, lief dem Prinzen nach und brachte ihn an den Rollstuhl zurück. Zum dritten Male kniete er nieder und ergriff die Hand der Königin. Sie entzog sie ihm nicht, und er küßte sie wohl hundertmal. Lady Masham, über den Stuhl gebeugt, sprach schluchzend und flehend auf sie ein. Die Königin saß mit verstörtem Blick und zerknitterte das Papier mit der einen Hand, während der Prinz die andere küßte. Dann stieß sie plötzlich gellende Schreie aus und verfiel in einen Krampf hysterischen Weinens und Gelächters. ›Genug für diesmal‹, hörte ich die Vertraute sagen. Der Diener, der sich hinter das Banketthaus zurückgezogen hatte, lief, erschreckt durch das Schreien, herbei. ›Holen Sie Hilfe, rasch!‹ rief mir Lady Masham zu. Ich rannte nach den beiden Herren, und der Arzt und der Bischof kamen sofort. Die Vertraute flüsterte dem Prinzen zu, er könne das Beste hoffen und möge sich für morgen bereit halten. Er ist mit dem Bischof nach dessen Hause gefahren, um dort mit einigen seiner Anhänger zusammenzutreffen. So ist der große Wurf gelungen«, schloß Beatrix. Sie fiel auf die Knie nieder, faltete die Hände und sagte: »Gott erhalte den König! Gott erhalte den König!«

Als sich die Erregung der jungen Dame etwas gelegt hatte, erfuhren wir auf unsere Fragen, daß der Prinz höchstwahrscheinlich den ganzen Tag mit Bischof Atterbury auswärts verbringen werde. Die drei Verwandten von Beatrix sahen sich an; derselbe Gedanke fuhr ihnen allen durch den Kopf.

Aber wer sollte sprechen? Monsieur Baptiste, das heißt Frank Castlewood, wurde sehr rot und warf Esmond einen fragenden Blick zu. Der Oberst biß sich auf die Lippen und zog sich in die Fensternische zurück. Lady Castlewood unternahm es, Beatrix unsere Entschlüsse zu eröffnen, die, wie wir wußten, ihr keineswegs behagen würden.

»Wir freuen uns«, sagte sie mit ihrer sanften Stimme und ergriff die Hand ihrer Tochter, »daß unser Gast fort ist.«

Beatrix trat zurück und sah uns forschend an, als wittere sie Gefahr. »Warum freut ihr euch?« fragte sie, und ihre Brust wogte. »Seid ihr seiner so rasch müde geworden?«

»Wir finden, daß einer unter uns ihn zu verteufelt gern hat«, rief Frank Castlewood.

»Wer ist das – Sie, Mylord? Oder Mama, die eifersüchtig ist, weil er auf meine Gesundheit trinkt? Oder ist es der Älteste der Familie, der es neuerdings unternommen hat, dem König Predigten zu halten?« Dabei wandte sie sich mit gebieterischem Blick dem Oberst Esmond zu.

»Wir wollen nicht behaupten, daß du Seiner Majestät zu sehr entgegenkommst ...«

»Ich danke Ihnen, gnädige Frau«, sagte Beatrix mit einem Knicks und warf den Kopf zurück.

Doch ihre Mutter fuhr mit unerschütterter Würde und Ruhe fort:

»Wir haben es wenigstens nicht ausgesprochen, wenn wir vielleicht auch Grund dazu gehabt hätten. Aber wie kann eine Mutter solche Worte über die eigene Tochter sprechen, über deines Vaters Tochter?«

»Eh, mon père«, fuhr es Beatrix über die Lippen, »war nicht besser als anderer Leute Vater.« Wieder warf sie dem Oberst einen Blick zu.

Bei ihren französischen Worten schreckten wir alle zusammen. Wir hörten die Art unseres fremden Gastes heraus.

»Vor einem Monat hättest du nicht französisch zu uns gesprochen«, sagte ihre Mutter traurig, »du hättest auch von deinem Vater nicht in solchem Ton geredet.«

Beatrix mochte fühlen, daß sie sich in ihrer Aufregung eine Blöße gegeben hatte, denn sie wurde dunkelrot. »Ich habe es gelernt, den König zu achten«, sagte sie und richtete sich stolz auf, »es wäre gut, wenn andere es unterließen, Seine Majestät und mich zu verdächtigen.«

»Wenn du vor deiner Mutter etwas mehr Ehrfurcht hättest«, warf Frank ein, »so wäre es kein Schade für dich, Trix.«

»Ich bin kein Kind mehr«, entgegnete sie und wandte sich nach ihrem Bruder um. »Wir sind fünf Jahre lang sehr gut ohne die Wohltat deines Rates oder Beispiels ausgekommen. Ich habe nicht die Absicht, mich jetzt danach zu richten. Warum spricht unser Familienoberhaupt nicht?« fuhr sie fort. »Ihm ist hier alles untertan. Wenn sein Kaplan die Psalmen fertig abgesungen hat, will dann nicht Seine Gnaden die Predigt halten? Ich bin der Psalmen müde.« Der Prinz hatte einmal fast dieselben Worte in Hinsicht auf Oberst Esmond gebraucht, die das unkluge Mädchen jetzt in ihrer Wut wiederholte.

»Du bist eine recht gelehrige Schülerin«, sagte der Oberst; dann wandte er sich an Mylady. »Hat Ihr Gast diese seine Meinung über meine lästigen Predigten in Ihrer Hörweite geäußert oder hat er geruht, sie Beatrix im Vertrauen mitzuteilen?«

»Hast du ihn allein gesehen?« schrie Mylord und sprang mit einem Fluch in die Höhe, »bei Gott, ich frage dich, hast du ihn allein gesehen?«

»Wenn er hier wäre, so würdest du es nicht wagen, mich zu beleidigen; nein, du würdest es nicht wagen!« rief seine Schwester. »Spare deine Flüche für deine Frau auf; wir sind hier nicht an solche Sprache gewöhnt. Bis du kamst, war zwischen mir und meiner Mutter Frieden. Ich habe sie liebgehabt und mich um sie gekümmert, als du es nicht tatest, als du dich jahrelang draußen umhertriebst mit deinen Pferden, deiner Mätresse und deiner katholischen Frau.«

Mylord entfuhr ein zweiter Fluch. »Clotilda ist ein Engel! Wie kannst du es wagen, ein Wort gegen Clotilda zu sagen?«

Oberst Esmond konnte ein Lächeln nicht unterdrücken, als er sah, wie leicht der Angriff Franks durch diese Finte abgewendet wurde. »Ich denke doch, hier ist nicht die Rede von Clotilda«, sagte er etwas spöttisch. »Ihre Gnaden ist in Paris, hundert Meilen fort, und näht Kinderwäsche. Es handelt sich um Mylord Castlewoods Schwester, nicht um seine Frau.«

»Er ist nicht Mylord Castlewood«, sagte Beatrix, »und er weiß, daß er es nicht ist. Er ist der Sohn von Oberst Francis Esmond und weiter nichts. Er trägt einen falschen Titel, er lebt vom Eigentum eines anderen Mannes, und er weiß, daß er es tut.« Das war ein verzweifelter Ausfall der armen belagerten Garnison; aber der Feind war auf der Hut. »Bitte, entschuldige«, sagte Esmond. »Solange ich meine Ansprüche nicht beweisen kann, habe ich keine Ansprüche. Wenn mein Vater keinen Erben anerkannt hat, so war dein Vater sein gesetzmäßiger Nachfolger, und Mylord Castlewood hat genau dasselbe Recht auf seinen Rang und sein Eigentum wie jeder andere Mann in England. Aber auch darum handelt es sich nicht, wie du sehr wohl weißt. Laß uns auf das zurückkommen, wovon wir ausgegangen sind, da du nun einmal willst, daß ich mich in die Sache mische. Ich will dir offen meine Meinung sagen. Ein Haus, in dem ein Prinz den ganzen Tag umherliegt, der Achtung vor Frauen nicht kennt, ist kein passender Aufenthalt für eine junge, unverheiratete Dame. Es ist besser für dich, wenn du auf dem Lande bist als hier. Der Prinz ist hier zu einem großen Zweck, und keine Torheit darf ihn davon ablenken. Nachdem du deine Rolle heute früh so vortrefflich gespielt hast, Beatrix, solltest du dich für eine Weile vom Schauplatz zurückziehen und ihn den anderen Spielern überlassen.«

Der Oberst sprach mit vollkommener Ruhe und Höflichkeit, wie er sie hoffentlich immer gegen Frauen gezeigt hat Anmerkung der Tochter: Mein lieber Vater hat ganz recht. Sein Benehmen gegen unser Geschlecht war immer gleich höflich. Von meiner Kindheit an behandelte er mich mit der größten Artigkeit, als sei ich eine kleine Dame. Ich kann mich kaum erinnern, je ein hartes Wort von ihm gehört zu haben, obwohl ich seine Geduld oft auf die Probe stellte. Aber ebenso ernst und freundlich in seiner Art war er gegen die geringste Negerin auf seinem Gute. Vertraut war er nur mit meiner Mutter. Es war herrlich, ein Zeuge ihrer Innigkeit zu sein, die bis zu ihrem Tode dauerte. Seine Umgebung gehorchte ihm eifrig und unbedingt. Meine Mutter und ihr ganzer Haushalt lebten in beständigem Wetteifer, ihm zu gefallen, und in einer wahren Angst, ihn in irgendeiner Weise zu verletzen. Er war dabei der bescheidenste Mensch, verlangte wenig und war leicht zufriedenzustellen. Herr Benson, unser Geistlicher in Castlewood, pflegte zu sagen: »Ich weiß nicht, welcher Art Oberst Esmonds Glauben war; aber sein Leben und sein Tod waren die eines echten Christen.«. Seine Herrin stand neben ihm auf der einen Seite des Tisches, hinter dem die arme Beatrix von allen Seiten eingeschlossen war, denn ihr Bruder stand auf der anderen Seite Wacht.

Nachdem sie zwei Ausfälle gemacht hatte und zweimal zurückgeschlagen worden war, versuchte sie es jetzt mit der ultima ratio der Frauen, mit dem Weinen. Ihre herrlichen Augen füllten sich mit Tränen. Ich war darauf gefaßt gewesen, konnte aber weder bei ihr noch bei irgendeiner anderen Frau diesen Ausdruck des Schmerzes ertragen. »Ich bin allein«, schluchzte sie, »ihr seid drei gegen mich – mein Bruder, meine Mutter und du. Was habe ich getan, daß ihr mich mit so unfreundlichen Blicken anseht, daß ihr so harte Worte zu mir sprecht? Ist es meine Schuld, daß der Prinz, wie ihr sagt, mich bewundert? Habe ich ihn hierhergebracht? Habe ich nicht nur eure Wünsche erfüllt, als ich ihm freundlich Willkommen bot? Habt ihr mir nicht gesagt, es sei unsere Pflicht, für ihn zu sterben? Hast du mich nicht gelehrt, Mutter, abends und morgens für den König zu beten, mehr noch als für uns selbst? Was willst du, daß ich tue, Vetter? Denn du bist das Haupt der Verschwörung gegen mich. Ich weiß, daß du es bist; meine Mutter und mein Bruder handeln nur nach deinen Geboten. Wohin willst du, daß ich gehe?«

»Ich möchte nur dem Prinzen eine gefährliche Versuchung aus dem Wege räumen«, sagte Esmond ernst. »Der Himmel behüte mich zu sagen, du könntest ihm jemals nachgeben; ich möchte nur ihn von der Versuchung befreien. Deine Ehre braucht keinen Hüter, so es Gott gefällt; aber seine Unklugheit braucht ihn. Er steht so hoch im Rang über allen Frauen, daß sein Verlangen nach ihnen nicht anders als ungesetzlich sein kann. Wir wollen das Liebste und Schönste unserer Familie der Gefahr einer solchen Kränkung entrücken, und darum möchten wir dich von hier forthaben, liebe Beatrix.«

»Harry spricht wie ein Buch«, sagte Frank mit einem seiner üblichen Flüche, »jedes Wort, das er sagt, ist wahr. Du kannst nichts dafür, daß du so hübsch bist, Trix; und der Prinz kann ebensowenig dafür, daß er dir nachlaufen muß. Mein Rat ist, daß du der Gefahr aus dem Wege gehst; denn, bei Gott, wenn der Prinz es wagt, Geschichten mit dir zu machen, so werden Harry Esmond und ich Genugtuung von ihm fordern, und wenn er zehnmal ein König ist oder sein wird.«

»Sind nicht zwei solche Ritter genug, um mich zu beschützen?« fragte Beatrix etwas bekümmert. »Wenn ihr zwei über mich wacht, so kann mir doch kein Leid geschehen.«

»Das glaube ich auch nicht, Beatrix«, sagte Oberst Esmond. »Wenn der Prinz wüßte, mit wem er es zu tun hat, so würde er es auch nicht wagen, dir nahezutreten.«

»Aber weiß er das?« fiel Lady Castlewood ruhig ein. »Er kommt aus einem Land, wo es keine Schande ist für eine Frau, wenn ein König ihr nachstellt. Laß uns gehen, liebste Beatrix! Sollen wir uns nach Walcote oder nach Castlewood wenden? Hier in der Stadt ist unseres Bleibens nicht. Wenn der Prinz anerkannt ist und unsere beiden Ritter ihm seinen Thron erkämpft haben, dann hat er seinen eigenen Hausstand in St. James oder Windsor. Dann können wir in unser Haus hier zurückkehren. Meint ihr nicht auch, Harry und Frank?«

Harry und Frank waren ganz ihrer Ansicht, seid dessen sicher.

»Dann laß uns gehen«, sagte Beatrix und wurde blaß. »Lady Masham will mir heute abend Nachricht geben, wie es Ihrer Majestät geht, und morgen ...«

»Es wäre wohl am besten, wir gingen heute, liebes Kind«, unterbrach sie Mylady. »Wir nehmen den Wagen, bleiben die Nacht in Hounslow und sind morgen zu Hause. Es ist jetzt zwölf Uhr. Laß den Wagen um ein Uhr bereit sein, Vetter.«

»Pfui!« brach Beatrix in leidenschaftlichem Ärger los, und unter strömenden Tränen fuhr sie fort: »Ihr entehrt mich mit eurer grausamen Vorsicht. Meine eigene Mutter verdächtigt mich und will mich wie ein Kerkermeister von dannen führen. Ich will nicht mit dir zusammen reisen, Mutter; ich will keines Menschen Gefangener sein. Wenn ich euch hintergehen wollte, so würde ich schon Mittel und Wege dazu finden. Meine Familie verdächtigt mich. Da jene, die mich liebhaben sollten, mir mißtrauen, so will ich sie verlassen. Ich will gehen, aber ich will allein gehen; nach Castlewood, meinetwegen. Ich bin dort schon unglücklich und einsam genug gewesen. Laßt mich dorthin zurückkehren, aber erspart mir wenigstens die Demütigung, eine Wache über mein Elend zu setzen; das ist mehr, als ich ertragen kann. Ich will gehen, wenn ihr es wünscht, aber allein oder gar nicht. Ihr drei könnt hierbleiben und über mein Unglück triumphieren. Ich werde es ertragen, wie ich es schon früher ertragen habe. Mein Oberkerkermeister mag gehen und den Wagen bestellen. Ich danke dir, Harry Esmond, für deine Teilnahme an der Verschwörung. Mein Leben lang werde ich dir danken und deiner gedenken. Wie soll ich aber euch, mein Bruder und meine Mutter, meine Dankbarkeit für die sorgliche Verteidigung meiner Ehre bezeigen?«

In der Haltung einer Kaiserin fegte sie aus dem Zimmer. Blicke der Herausforderung warf sie uns zu. Wir blieben als Sieger zurück, aber eingeschüchtert und beinahe beschämt über unseren Sieg. Es schien hart und grausam, daß wir drei uns zusammengetan hatten, um das schöne Geschöpf zu demütigen und zu verbannen. Wir sahen uns wortlos an. Es war nicht die erste Tat in dieser unheilvollen Zeit, die wir ungetan wünschten, im Augenblick, da sie vollbracht war. Wir einigten uns darüber, daß es am besten sei, sie allein gehen zu lassen; wir sprachen halblaut, wie Menschen, die etwas vorhaben, dessen sie sich schämen.

Nach etwa einer halben Stunde kam sie zurück. Ihr Gesicht hatte noch denselben herausfordernden Ausdruck. Sie hielt einen Lederkasten in der Hand. Esmond kannte ihn nur zu gut; seine Diamanten waren darin, die sie an dem unseligen Abend, als der Prinz ankam, so stolz getragen hatte. »Ich möchte dem Marquis von Esmond«, sagte sie, »das Geschenk zurückgeben, das er mir zu einer Zeit gemacht hat, in der er mir fester vertraute als heute. Ich werde von Harry Esmond niemals wieder ein Geschenk oder eine Freundlichkeit annehmen. Ich gebe diese Familiendiamanten, die der Mätresse eines Königs gehörten, dem Herrn zurück, der mich im Verdacht hat, daß ich die Mätresse eines anderen Königs werden möchte. Haben Sie Ihre Botschaft ausgerichtet, Mylord? Haben Sie meinen Wagen bestellt? Werden Sie Ihren Bedienten schicken, damit er aufpaßt, daß ich nicht das Weite suche?« Wir waren im Recht; aber durch ihre Art hatte sie uns ins Unrecht gesetzt. Wir waren die Sieger, und doch schienen die Ehren des Tages dem armen, unterdrückten Mädchen zu gehören.

Die unglückliche Schachtel mit den Steinen war zuerst mit dem Krönchen des Barons geschmückt worden, von dem Beatrix sich wieder trennte, und darauf mit der vergoldeten herzoglichen Krone gezeichnet, die sie auch nicht zu tragen bestimmt war. Lady Castlewood öffnete den Kasten mechanisch und ohne daran zu denken, was sie tat; und siehe da, neben den Diamanten lag das Miniaturbildnis des Herzogs, das Beatrix an dem Abend, als der König das Haus betrat, mit ihrer Trauer zusammen abgelegt und in ihrer Unbedachtsamkeit wahrscheinlich vergessen hatte.

»Willst du dies auch zurücklassen, Beatrix?« sagte ihre Mutter mit einer Grausamkeit, die sie nur selten zeigte. Aber es gibt Augenblicke, da die sanfteste Frau grausam wird, und Triumphe, die sich auch ein Engel nicht versagen kann Diese Bemerkung zeigt, wie ungerecht und beleidigend selbst die besten Männer manchmal über unser Geschlecht urteilen. Lady Esmond hatte nicht die Absicht, über ihre Tochter zu triumphieren, sondern wies nur aus Pflichtgefühl auf ihr beklagenswertes Unrecht hin..

Lady Castlewood erschrak über die Wirkung ihres Dolchstoßes. Er ging der armen Beatrix durchs Herz. Sie wurde rot, drückte ihr Taschentuch vor die Augen, nahm das Bildnis und küßte es. »Ich hatte es vergessen«, sagte sie. »Das Unrecht, das man mir zufügt, ließ mich meinen Kummer vergessen; meine Mutter hat mir beides ins Gedächtnis zurückgerufen. Lebe wohl, Mutter! Ich glaube, ich werde dir niemals vergeben können. Es ist etwas zwischen uns zerbrochen, was weder Tränen noch Jahre heilen werden. Ich habe immer gesagt, ich sei allein. Du hast mich nie liebgehabt, niemals; du bist eifersüchtig auf mich gewesen von der Zeit an, wo ich auf meines Vaters Knien saß. Laß mich gehen – je eher, je besser. Ich kann das Zusammensein mit dir nicht mehr ertragen.«

»Geh, Kind«, sagte ihre Mutter, noch immer streng, »geh, beuge deine stolzen Knie und bitte um Vergebung; geh und bete in Einsamkeit und Demut und Reue. Nicht deine Vorwürfe machen mich unglücklich; aber die Härte deines Herzens betrübt mich. Möge Gott es weich machen und dich lehren, einmal wieder für deine Mutter zu fühlen.«

War meine Herrin grausam, so konnte sie nichts bewegen, es einzugestehen. Ihr Hochmut übertrumpfte den der armen Beatrix, und wenn das Mädchen einen stolzen Sinn besaß, so fürchte ich, er war ihr mütterliches Erbe.

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