Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
William Makepeace Thackeray: Henry Esmond - Kapitel 4
Quellenangabe
typefiction
authorWilliam Makepeace Thackeray
titleHenry Esmond
publisherAufbau-Verlag
year1953
translatorElse von Schorn
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150118
projectid5785aa0d
Schließen

Navigation:

Zweites Kapitel
Bericht über die Familie der Esmonds von Castlewood

Es ist bekannt, daß der Name Esmond und die Herrschaft Castlewood in der Grafschaft Hants durch Dorothea, die Tochter und Erbin von Edward, Grafen und Marquis von Esmond, Herrn auf Castlewood, in den Besitz der jetzigen Familie kam. Diese Dame ehelichte den Edelmann Henry Poyns, Pagen im Haushalt ihres Vaters. Francis, Sohn und Erbe des besagten Henry und besagter Dorothea, der den mütterlichen Namen annahm, den die Familie seitdem beibehalten hat, wurde von König Jakob dem Ersten zum Ritter und Baron gemacht. Da er kriegerische Neigungen hatte, blieb er lange in Deutschland beim Kurfürsten von der Pfalz, in dessen Dienst Herr Francis sowohl Geld verlor wie Gefahren bestand; denn er lieh dem unseligen Fürsten große Summen und trug manche Wunden davon in den Schlachten gegen die Kaiserlichen.

Bei seiner Heimkehr wurde er für seine Dienste und vielfachen Opfer belohnt. Die hochselige Majestät König Jakobs des Ersten ernannte den geprüften Diener gnadenvoll zum Obermolkenmeister und Aufseher der königlichen Speisekammern, welches hohe und vertrauensvolle Amt er während Jakobs und seines unglücklichen Nachfolgers Regierung ausübte.

Sein Alter, seine vielen Wunden und Krankheiten nötigten Herrn Francis, manche von seinen Pflichten durch einen Vertreter ausführen zu lassen, und so versah sein Sohn, Herr Georg Esmond, Ritter und Bannerherr, zuerst als Helfer seines Vaters, dann als Erbe seiner Titel und Würden das Amt fast während der ganzen Regierung König Karls des Ersten und der beiden Söhne, die ihm auf dem Thron folgten.

Herr Georg Esmond vermählte sich etwas unter dem Stande, den ein Mann seines Namens und Ranges bei seiner Wahl hätte erstreben können, mit der Tochter des Thomas Topham in London, eines Ratsherrn und Goldschmieds, der bei den ausbrechenden Kämpfen sich zum Parlament hielt und dann den Herrn Georg um die erhoffte Erbschaft betrog; denn er vermachte sein Geld seiner zweiten Tochter Barbara, einer alten Jungfer.

Herr Georg Esmond seinerseits war berühmt für seine Anhänglichkeit und Treue an des Königs Sache und Person. Als sich der König 1642 in Oxford aufhielt, ließ er mit Einwilligung seines Vaters, der damals uralt und krank auf seinem Schlosse Castlewood hauste, das ganze Familiensilber einschmelzen, um es im Dienste seiner Majestät zu verwenden.

Für diese und andre Opfer und Verdienste hatte Seine Majestät die Gnade, Herrn Francis Esmond durch Patent mit königlichem Siegel, datiert Oxford, Januar 1643, zur Würde eines Viscount Castlewood von Shanden in Irland zu erheben. Und da die Herrschaft des Grafen sehr heruntergekommen war durch Darlehen an den König, die Seine Majestät in diesen verdrießlichen Zeiten nicht zurückzahlen konnte, wurden ihm Besitzungen in Virginia verliehen, die zum Teil noch jetzt im Besitz der Nachkommen seiner Familie sind.

Der erste Graf Castlewood starb in hohen Jahren und wenige Monate, nachdem er zu seiner neuen Würde erhoben worden war. Titel und Besitz erbte sein ältester Sohn, der schon genannte Georg. Ein zweiter Sohn war Thomas, Oberst im königlichen Heer und später Anhänger des Usurpators. Der jüngste, Francis, war Geistlicher und fiel bei der Verteidigung von Castlewood gegen das Parlamentsheer Anno 1647.

Lord Georg Castlewood, der zweite Graf zu Zeiten Karls des Ersten, hatte keine männlichen Nachkommen, außer dem Sohn Eustace, der mit der Hälfte aller seiner Leute in der Schlacht bei Worcester fiel. Die Ländereien um Castlewood wurden verkauft und an Parlamentsanhänger vergeben; denn Castlewood war fast an allen Verschwörungen beteiligt, die nach des Königs Tode und bis zu Karls des Zweiten Wiedereinsetzung gegen den Protektor geschmiedet wurden. Mylord zog mit dem Hof des Königs in der Verbannung umher, in dessen Dienst er sich zugrunde richtete. Er hatte nur eine Tochter; aber die war kein großer Trost für ihn; denn gesittetes Leben hatte das Unglück diese Verbannten nicht gelehrt. Man sagt, daß der Herzog von York und sein Bruder, der König, sich um Isabel Esmond stritten. Sie war Hofdame der Königin Henriette Maria und trat früh zur römischen Kirche über, und ihr schwacher Vater folgte ihr nach der Schlacht von Breda.

Nach dem Tode des Eustace Esmond bei Worcester wurde Thomas Esmond, der Neffe des Grafen und damals ein Knäblein, Erbe des Titels. Sein Vater hatte sich auf die Seite des Parlaments geschlagen und war dadurch dem Haupt der Familie entfremdet. Lord Castlewood war denn auch anfangs so wütend über die Aussicht, sein Titel, an dem jetzt doch so wenig irdische Güter hingen, könne auf einen schurkischen Rundkopf übergehen, daß er daran dachte, sich wieder zu verheiraten. Er war in der Tat auch nahe daran, die Tochter eines Weinküfers in Brügge, dem er vom Aufenthalt des Königs her die Miete schuldig war, als Gattin heimzuführen. Nur die Angst vor dem Gelächter des Hofes und vor dem Zorn der Tochter hielt ihn zurück. Vor der Tochter hatte er gewaltigen Respekt; denn so schwach Seine Gnaden waren, durch Wunden und Trinken entnervt, so herrisch und heftig war sie.

Lord Castlewood wünschte eine Heirat zwischen seiner Tochter Isabel und ihrem Vetter, dem Sohn jenes Francis Esmond, der bei der Verteidigung von Castlewood fiel. Man sagt, die Dame habe eine Neigung gefaßt zu dem jungen Mann und es ihm nicht als Fehler angerechnet, daß er ein paar Jahre jünger war als sie; aber nachdem er ihr eine Weile den Hof gemacht und in die Vertraulichkeit des Hauses aufgenommen war, ließ er seine Werbung plötzlich fallen, im Augenblick, da sie erfolgreich schien, gab auch keinerlei Erklärung für sein Benehmen. Seine Freunde neckten ihn mit dem, was sie seine Untreue nannten. Jack Churchill, sein Leutnant bei der königlichen Fußgarde, bekam seine Kompanie, als er den Hof verließ und nach Tanger ging, wütend über die Entdeckung, daß seine Beförderung von der Gefälligkeit seiner ältlichen Braut abhing. Er und Churchill waren in der St.-Pauls-Schule Klassenkameraden gewesen; er hatte einen Wortwechsel mit ihm über die Sache und sagte ihm mit einem Fluch: »Jack, mag deine Schwester immerhin so – so sein; bei Gott, meine Frau soll es nicht!« Die Schwerter wurden gezogen, und Blut floß über dem Streit, bis Freunde kamen und sie trennten. Es gab nicht viele Männer zu jener Zeit, die so eifersüchtig waren auf ihre Ehre; und manchem Edelmann von guter Geburt und alter Herkunft schien ein königlicher Fleck ein Schmuck auf seinem Wappen. Frank Esmond zog sich schmollend zurück, zuerst nach Tanger, wo er zwei Jahre diente, und nach seiner Rückkehr auf eine kleine Besitzung seines mütterlichen Erbes, die nahe Winchester gelegen war. Er wurde ein Landedelmann, hielt sich eine Koppel Spürhunde und ging nie wieder an den Hof, solange König Karl lebte. Aber sein Onkel hat sich nie mit ihm versöhnt, und die Base, die er verschmäht, zürnte ihm noch lange.

Ämter, Pensionen, die Freigebigkeit Frankreichs und Geschenke des Königs, solange seine Tochter in Gunst war, machten es Lord Castlewood möglich, ein gutes Haus zu führen, bei Hofe standesgemäß aufzutreten und eine beträchtliche Summe baren Geldes zu sparen. Freilich, das Vermögen, das er im königlichen Dienste geopfert, konnte er nicht ganz wieder ersetzen. Auch dachte er seit dem Tode seines Sohnes nie daran, Castlewood aufzusuchen oder wieder herzurichten.

Inzwischen fing sein Erbe und Neffe Thomas Esmond an, sich um des Onkels Gunst zu bemühen. Thomas hatte dem Kaiser gedient und den Holländern, als König Karl sich gezwungen sah, den Generalstaaten Truppen zu leihen, und gegen die Holländer, als Seine Majestät mit dem französischen König ein Bündnis schloß. In diesen Feldzügen zeichnete sich Thomas Esmond mehr durch Duelle, Gezänk, Laster und Spiel aus, als durch irgendwelche hervorragende Tapferkeit in der Schlacht. Wie mancher andre englische Herr, der auf Reisen gegangen ist, kehrte er nach England zurück mit einem Charakter, der durch seine Erfahrungen im Ausland keineswegs verbessert war. Er hatte die kleine väterliche Erbschaft eines jüngeren Sohnes verschleudert und war, der Wahrheit die Ehre, nichts Beßres als ein Schmarotzer an Wirtstischen, bis er anfing, auf ein Mittel zu sinnen, wie er seinem Glücke aufhelfen könne.

Isabel war nun mehr als mittelalterlich und hatte keinen andern Zeugen mehr als ihr eigenes Wort für die Schönheit, die sie einst besaß. Sie war dürr und gelb und hatte lange Zähne; und alle roten und weißen Schminken aller Kramläden Londons konnten ihr nicht mehr helfen. Herr Killigrew nannte sie die Sibylle, den Totenkopf, der die Rolle eines memento mori an des Königs Tafel spielt – kurz eine Frau, die wohl leicht zu erobern war, die zu erobern aber nur ein sehr kühner Mann unternehmen konnte. Dieser kühne Mann war Thomas Esmond. Er hatte eine Neigung gefaßt zu seines Onkels Ersparnissen, deren Betrag durch Gerüchte stark übertrieben wurde. Man behauptete von Isabel, sie besäße königliche Juwelen von großem Wert; des armen Thomas vorletzter Rock aber war im Leihhaus.

Mylord hatte um diese Zeit ein schönes Haus in Lincoln's-Inn, nahe beim Theater des Herzogs und bei der Kapelle der Portugiesischen Gesandtschaft. Tom Esmond, der das Theater besucht hatte, solange er Geld mit den Schauspielerinnen vergeuden konnte, wanderte nun mit ebensolchem Eifer in die Kirche. Er sah so mager und schäbig aus, daß er ohne Bedenken als reuiger Sünder auftreten konnte. Nachdem er bekehrt war, nahm er natürlich seines Onkels Priester zum Beichtvater.

Dieser liebreiche Pater versöhnte ihn mit seinem Onkel, dem alten Grafen, der ihn noch kurz vorher verleugnet hatte, als Tom an seinem Wagenschlag vorüberging. Mylord fuhr in Staatsgewändern zu Hofe; sein Neffe schlicht mit zerzaustem Federhut zu seinem Zweipenny-Mittagstisch in Bell Yard, und die Spitze seines Degens sah unten aus der Scheide heraus.

Nach dieser Versöhnung mit seinem Onkel fing Thomas Esmond sehr bald an, geschniegelter zu werden, und in seiner Erscheinung zeigte sich die wohltätige Wirkung guten Essens und reiner Wäsche. Sicherlich, er fastete gewissenhaft zweimal die Woche; aber er entschädigte sich an den andern Tagen. Um zu zeigen, wie groß sein Appetit war, pflegte Herr Wycherly zu sagen: »Zu guter Letzt verschlang er noch den fliegenbeschmutzten, ranzigen alten Bissen, seine Base Isabel.« Endlose Witze und Schmähschriften liefen über diese Heirat bei Hofe um. Aber Tom fuhr jetzt in des Onkels Kutsche, nannte ihn Schwiegervater und lachte sich ins Fäustchen. Die Hochzeit fand statt kurz vor dem Tode König Karls, dem der Graf von Castlewood eilig folgte.

Der Verbindung entsprang ein Sohn, über dem die Eltern mit Sorge und gespanntem Eifer wachten. Aber trotz Ammen und Ärzten war seine Frist nur kurz bemessen; sein verdorbenes Blut rann nicht lange durch den schwachen kleinen Körper. Anzeichen der Krankheit brachen früh bei ihm aus; und teils aus Schmeichelei, teils aus Aberglauben bestanden Mylord und Mylady darauf, besonders die letztere, daß der arme kleine Krüppel in der Kirche von Seiner Majestät berührt werde. Sie waren anfangs geneigt, ein Wunder auszuschreien – die Doktoren und Quacksalber kurierten ja beständig und mit allen erdenklichen Mitteln an dem armseligen kleinen Körper herum –, aus irgendeinem Grunde zeigte sich nach der Berührung Seiner Majestät eine merkliche Besserung im Zustande des Kindes. Aber ein paar Wochen später starb das arme Geschöpf, und die Spötter am Hofe sagten, der König habe mit dem Übel das Leben des Kindes ausgetrieben; denn das sei nichts gewesen als ein Übel.

Den natürlichen Schmerz der Mutter um ihren armen kleinen Sprößling muß noch der Gedanke an ihre Rivalin verschärft haben, die Frau des Frank Esmond, einen Liebling des ganzen Hofes, an dem die bedauernswerte Lady Castlewood vernachlässigt wurde. Die andere hatte ein Kind, eine schöne, blühende Tochter, und sollte bald wieder Mutter werden.

Der Hof lachte nur noch lauter, als die arme Dame, die das Alter, wo Frauen Kinder zu bekommen pflegen, eigentlich hinter sich hatte, doch die Hoffnung nicht aufgab und noch, als sie längst in Castlewood residierte, beständig nach Hexton zum Doktor schickte und ihren Freunden die Ankunft eines Erben verkündete. Diese Absonderlichkeit war nur eine von den vielen, welche die Spaßvögel zu Witzen über sie herausforderte. Bis ans Ende ihrer Tage genoß die Gräfin des Trostes, sich für schön zu halten. Sie bestand darauf, bis tief in den Winter hinein zu blühen, indem sie Rosen auf ihre Wangen malte, lange nachdem die natürlichen Rosen vergangen, und Sommergewänder trug, als ihr Haupt längst mit Schnee bedeckt war.

Herren vom Hofstaate König Karls und König Jakobs haben dem Schreiber dieses Buches eine Menge Geschichten erzählt über die schnurrige alte Dame, mit denen die Nachwelt zu unterhalten nicht nötig ist. Man sagt, sie sei groß in Anzüglichkeiten gewesen; und wenn sie mit all ihren Rivalinnen um König Jakobs Gunst gefochten hat, so hat sie gewißlich eine gehörige Menge von Fehden am Halse gehabt. Sie war eine Frau von unerschrockenem Geiste, und es scheint, daß sie Seine Majestät mit ihren Ansprüchen und Klagen verfolgte und herzlich ermüdete. Manche behaupten, sie habe den Hof aus Eifersucht auf Frank Esmonds Frau verlassen, andre, sie habe sich zurückziehen müssen nach einer großen Schlacht zwischen ihr und Lady Dorchester, Thomas Killigrews Tochter, die der König seiner Gunst würdigte. Die Schlacht spielte sich in Whitehall ab, und unsre ältliche Vashti zog den kürzeren gegen die begünstigte Esther. Aber Ihro Gnaden selbst behauptete immer, es sei ein Streit ihres Gemahls gewesen, der ihre Verbannung aufs Land zur Folge hatte, und die grausame Undankbarkeit des Herrschers, der das Amt eines Obermolkenmeisters und Aufsehers der königlichen Speisekammern, das die beiden letzten Grafen Castlewood so rühmlich ausgeübt hatten, der Familie nahm, um es auf einen Kerl von gestern zu übertragen, einen Schmarotzer jener verhaßten Dorchesterkreatur, Mylord Bergamot. »Ich hätte es niemals über mich gebracht«, sagte die Gräfin, »des Königs Molken von einer andern Hand getragen zu sehen als von der eines Esmond. Ich würde den Teller dem Lord Bergamot aus der Hand geschlagen haben, wenn ich ihm damit begegnet wäre.« Und Leute, die Mylady kannten, sind überzeugt, daß sie die Frau war, diese Heldentat zu vollbringen, wenn sie sich nicht weise ferngehalten hätte.

Da sie über den Geldbeutel das Regiment führte, wie auch gern über alle Menschen, die ihr nahekamen, so konnte sie den Gehorsam ihres Gatten erzwingen, und so gab sie ihren Haushalt in London auf – sie war von Lincoln's-Inn nach Chelsea umgezogen, in ein hübsches neues Haus, das sie dort gekauft hatte – und brachte ihre Einrichtung, ihre Zofen, ihre Schoßhunde und ihre Gesellschaftsdamen, ihren Hauskaplan und Seine Gnaden, ihren Gemahl, nach Schloß Castlewood, das sie nicht wiedergesehen hatte, seit sie es als Kind während der Unruhen unter König Karl dem Ersten in Begleitung ihres Vaters verließ. Die Wände des alten Hauses waren noch durchlöchert, so wie die Beschießung der Parlamentstruppen sie zurückgelassen hatten. Einen Teil des Herrensitzes hatte man mit dem Silber, den Wandteppichen und Möbeln aus dem Hause in London wieder hergerichtet und ausstaffiert. Mylady gedachte einen triumphierenden Einzug in das Dorf Castlewood zu halten und erwartete, das Volk würde sie mit Hochrufen begrüßen, als sie in ihrer großen sechsspännigen Kutsche über den Rasenplatz fuhr, neben sich Mylord, auf dem Rücksitz ihre Gesellschaftsdamen, Schoßhunde und Kakadus, vor und hinter dem Wagen bewaffnete und berittene Diener. Aber es war damals die Zeit des Losungswortes: »Nieder mit dem Papsttum!« Die Leute im Dorf und in der benachbarten Stadt verscheuchte der Anblick des gräflichen Angesichts mit seinen gemalten Wangen und Augenlidern, als sie ihren Kopf aus dem Wagenfenster herausstreckte, ohne Zweifel in der Absicht, sehr huldreich zu sein. Und eine alte Frau rief: »Gräfin Isabel! Gott bewahr uns, das ist die böse Königin Jezebel!« Ein Name, mit dem die Feinde der erlauchten Gräfin sie später immer zu bezeichnen pflegten. Das Land war damals in großer Hitze gegen die Päpstlichen. Myladys wohlbekannter Übertritt und der ihres Gatten dazu, der Priester, den sie mit sich führten, und die Messen, die in der Kapelle von Castlewood gelesen wurden, machten sie vorerst nicht beliebt in Grafschaft und Dorf, obwohl ja die Kapelle von Katholiken erbaut war zu einer Zeit, da man von einem andern Glauben im Lande noch nichts wußte, und obwohl der Gottesdienst in aller Stille ausgeübt wurde. Bei weitem der größte Teil der Herrschaft von Castlewood war eingezogen und unter die Anhänger des Parlaments verteilt worden. Ein oder zwei dieser alten Kämpen Cromwells lebten noch im Dorfe und schauten anfangs grimmig auf die Frau Gräfin, als sie sich dort häuslich niederließ.

Sie erschien auf dem Grafschaftsball in Hexton, ihren Grafen hinter sich, und schüchterte die Landleute ein mit der Pracht ihrer Diamanten, die sie in der Öffentlichkeit immer zu tragen pflegte. Man sagte, sie habe sie auch im Hause getragen und sei mit ihnen schlafen gegangen; aber der Berichter kann sein Wort verpfänden, daß solches eine Verleumdung war. »Wenn sie die Steine ablegte«, sagte Lady Sark, »dann würde ihr Gatte, Thomas Esmond, damit durchbrennen und sie versetzen.« Noch eine Verleumdung! Mylady Sark war auch eine Verbannte des Hofes, und die beiden Damen hatten früher bereits stets im Krieg gegeneinander gelebt.

Die Leute im Dorfe fingen alsbald an, sich mit ihrer Herrin auszusöhnen, die freigebig und freundlich war in ihrer Art, wenn auch wunderlich und hochnäsig. Doktor Tusher, der Pfarrer, sang laut ihr Lob in der Gemeinde. Was Mylord betrifft, so erregte er nicht viel Anstoß. Man betrachtete ihn eigentlich nur als ein Anhängsel der Gräfin, die als Tochter der alten Herren von Castlewood und Besitzerin großer Reichtümer, wie die Leute meinten – obwohl neun Zehntel dieser Reichtümer nur gerüchtweise vorhanden waren –, als die eigentliche Königin des Schlosses und Herrin seiner Herrlichkeiten angesehen wurde.

 << Kapitel 3  Kapitel 5 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.