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William Makepeace Thackeray: Henry Esmond - Kapitel 38
Quellenangabe
typefiction
authorWilliam Makepeace Thackeray
titleHenry Esmond
publisherAufbau-Verlag
year1953
translatorElse von Schorn
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150118
projectid5785aa0d
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Siebentes Kapitel
Ich komme wieder nach Castlewood

So waren zum drittenmal die ehrgeizigen Hoffnungen von Beatrix zuschanden geworden, und sie mochte wohl glauben, daß ein ganz besonders feindseliges Geschick sie verfolge und belauere, um ihr die Erfüllung jedesmal zu entreißen, wenn sie meinte, sie in der Hand zu halten, und ihr nur Wut und Bitterkeit als ihr Teil zurückzulassen. Wie schwer sie aber auch unter Enttäuschung und Kummer gelitten haben mag – und ich fürchte, die Enttäuschung quälte sie heftiger als der Kummer –, sie machte niemand zu Vertrauten ihres Leidens, wie es weichere Naturen in solchem Unglück wohl getan hätten. Ihre Mutter und ihr Vetter wußten, daß sie ihr Mitleid verschmähte, daß es die grausame Wunde, die das Schicksal ihr geschlagen hatte, nur schmerzhafter machen und nicht heilen konnte. Sie wußten, daß ihr Stolz durch diesen plötzlichen, furchtbaren Schlag schrecklich gedemütigt und gestraft war und daß sie nicht der Belehrung anderer bedurfte, um die Moral aus ihrer traurigen Geschichte zu ziehen. Ihre zärtliche Mutter konnte nur für sie beten; ihr Vetter konnte für das unglückliche, geschlagene Wesen nur seine treue Freundschaft und unerschöpfliche Geduld bereithalten. Beatrix zeigte nur durch Andeutungen und durch ein paar Worte, die Monate später von ihr geäußert wurden, daß sie ihre stille Teilnahme verstand und ihnen für ihre Nachsicht im geheimen dankbar war. Bei Hofe sagte man, sie habe etwas in ihrer Art, das sowohl Spott als Teilnahme fernhalte. Sie stand über der Schadenfreude und dem Mitleid der Höflinge und spielte ihre Rolle in der großen Tragödie mutig und hochherzig. Sie zwang selbst solche, die sie nicht schätzten, zur Bewunderung. Wir, die wir sie nach ihrem Unglück beobachteten, konnten ihren unbeugsamen Mut und ihre majestätische Ruhe nur achten. »Ich möchte lieber ihre Tränen sehen als ihren Stolz«, sagte allerdings ihre Mutter, die gewöhnt war, ihre Kümmernisse sehr anders zu tragen und sie als eine Züchtigung Gottes mit ehrfürchtiger Unterwürfigkeit und Demut über sich ergehen zu lassen. Aber Beatrix hatte eine andere Natur; sie schien ihr Schicksal hinzunehmen und ihm doch zu trotzen. Kein Bekenntnis, keinen Schmerzensschrei, keine Träne konnte es ihr entlocken, ich glaube auch dann nicht, wenn sie allein in ihrem Zimmer war. Ihr Kinder meines Geschlechts, die nach mir kommen, wie werdet ihr eure Prüfungen tragen? Ich weiß jemand, der Gott bittet, euch mehr der Liebe als des Stolzes zu geben, der wünscht, daß euch das Auge des Allmächtigen demütig finde. Darum aber sollen wir stolze Seelen doch milde beurteilen; denn die Natur hat manche Menschen zum Herrschen geschaffen und hat ihnen den Ehrgeiz ins Herz gepflanzt, wie anderen Gehorsam und Demut. Der Leopard folgt seiner Natur, wie das Lamm ihr folgt. Er hat sich weder seine Schönheit noch seinen Mut noch seine Grausamkeit, keinen Fleck seines schimmernden Felles selbst gegeben. Er hat nicht Macht über die angreifende Wildheit, die ihn treibt, noch über den Schuß, der ihn zu Boden streckt.

Die Angst der Whigs, die Königin könne den hannoverschen Prinzen, an den sie durch Eide und Verträge gebunden war, im Stich lassen und ihren Bruder, an den sie die stärkeren Bande des Blutes und der Pflicht knüpften, zurückrufen, war allzu begründet gewesen. Prinz Eugen und die kühnsten Männer der Partei hatten darum versucht, den jungen deutschen Fürsten nach England zu bringen, und hatten der Königin und dem Geschrei ihrer Umgebung und Regierung gegenüber geltend gemacht, der kurfürstliche Prinz sei englischer Peer und vom Blute des königlichen Hauses, er sei zur Erbfolge berechtigt, müsse seinen Platz in dem Parlament einnehmen, dessen Mitglied er sei, und in dem Lande leben, das er einmal regieren solle. Nur der Ausdruck des höchsten königlichen Unwillens und die Empörung der Torys hatten diesen Schritt verhindern können.

Die kühnsten Männer auf unserer Seite waren gleicherweise dafür, ihren Prinzen im Lande zu haben. Er war ohne Zweifel der Erbe von Gottes Gnaden; ihm gehörten die Sympathien der größeren Hälfte des Volkes, fast der ganzen Geistlichkeit, des gesamten Landadels von England und Schottland. Er war unschuldig an dem Verbrechen, für das sein Vater hatte büßen müssen; er war jung, schön, tapfer, unglücklich. Wer in ganz England würde es wagen, diesem Prinzen etwas anzuhaben, wenn er sich britischer Großmut, Ehre und Gastfreundschaft in die Arme werfen sollte? Einem Eindringling mit einer Armee Franzosen hinter sich würde sich jeder mutige Engländer auf Tod und Leben entgegengestellt und ihn an die Küsten zurückgetrieben haben, von denen er herkam. Aber ein Prinz allein, nur mit seinem Recht bewaffnet und vertrauend auf die Ergebenheit seines Volkes, war des Willkommens, zum mindesten aber der persönlichen Sicherheit unter uns gewiß. So rechneten viele seiner Anhänger. Die Hand seiner königlichen Schwester und des Volkes, das ihm Untertan war, hätte sich niemals feindlich gegen ihn erhoben. Aber die Königin war zaghafter Natur, und die verschiedenen Minister, die sich in ihrem Dienste folgten, hatten ihre eigenen Gründe zur Unentschlossenheit. Die kühneren und ehrlicheren Männer, denen die Sache des jungen königlichen Verbannten wirklich am Herzen lag und die durch keine selbstsüchtigen Pläne von der Durchführung des Rechts abgehalten wurden, waren bereit, ihn willkommen zu heißen und bis aufs äußerste zu verteidigen, unter der einen Bedingung nur, daß er als Engländer kam.

St. John und Harley hatten der freundlichen Worte genug für die Anhänger des Prinzen, und ihrer Versprechungen für die Zukunft war kein Ende. Aber das war auch alles, wozu man sie bringen konnte, und viele Männer waren für kühnere, offenere und wirksamere Maßnahmen. Mit einer Anzahl der so Gesinnten, die zum Teil noch leben und deren Namen Herr Esmond darum nicht nennen möchte, fand er sich ein Jahr nach dem traurigen Tode des Herzogs von Hamilton, der den Stuart seines mutigsten Anhängers beraubte, zu einer Gruppe verbunden. Dechant Atterbury war einer der Freunde, den wir nennen können, denn der tapfere Bischof ist irdischer Verfolgung nicht mehr erreichbar. Ihm und noch einigen anderen eröffnete der Oberst einen selbsterdachten Plan, der nicht verfehlen konnte, ihre liebsten Wünsche zur Erfüllung zu bringen, wenn nur etwas Entschlossenheit von seiten des Prinzen ihnen entgegenkam.

Der junge Lord Castlewood war nun seit mehreren Jahren seinem Vaterlande ferngeblieben. Zu der Zeit, als seine Schwester heiraten sollte und der Herzog von Hamilton starb, wurde er durch das Wochenbett seiner Frau in Brüssel festgehalten. Die sanfte Clotilda konnte nicht ohne ihren Gatten leben. Vielleicht mißtraute sie auch dem jungen Windhund und fürchtete den Augenblick, wo er ihren Zügeln entwischen sollte. Jedenfalls hielt sie ihn fest an ihrer Seite; er mußte das Kind warten und die Gevattern bewirten. Wie oft hatte die arme Beatrix über Franks Pantoffelhelden gelacht! Seine Mutter wäre gern hinübergegangen, um Clotilda zu pflegen. Aber die Schwiegermutter hatte diesen Posten inne, und die Vorbereitungen für die Hochzeit von Beatrix waren im Gange. Wenige Monate nach der furchtbaren Katastrophe im Hyde-Park zogen sich Mylady und ihre Tochter nach Castlewood zurück, in der Erwartung, daß Mylord sich dort bald zu ihnen gesellen werde. Aber ihr stiller Haushalt war nicht sehr nach seinem Geschmack. Er war nach seinem Eintritt in die Armee nur ein einziges Mal in Walcote gewesen und hatte den größten Teil dieser Urlaubszeit in London verbracht. Der junge Halunke war nicht etwa bei Hofe erschienen, hatte auch von seinem Namen und Titel keinen Gebrauch gemacht, sondern war als Hauptmann Esmond in der allerschlechtesten Gesellschaft von Theater zu Theater, von einem Bordell zum anderen gezogen. Sein unschuldiger Vetter kam dadurch mehr als einmal in Verlegenheit. Unter den verschiedensten Vorwänden war Frank Castlewood nach diesem Besuch in der Heimat seiner Familie ferngeblieben, war allen erdenklichen Vergnügungen nachgejagt, bis er schließlich in dem gesetzlich geheiligten Vergnügen seiner Ehe untertauchte. Er war in England so gut wie unbekannt, und nur die Herren von der Armee, die mit ihm zusammen gedient hatten, wußten etwas von ihm. Das zärtliche Herz der Mutter litt unter der langen Trennung; Esmond konnte ihre so natürliche Verstimmung nur schwer besänftigen und hatte es nicht leicht, Entschuldigungen für die Gleichgültigkeit seines Vetters zu finden.

Im Herbst des Jahres 1713 dachte Lord Castlewood ernstlich daran, nach Hause zurückzukehren. Sein erstes Kind war eine Tochter. Clotilda war im Begriff, Mylord mit einem zweiten Kind zu beschenken. Der fromme Jüngling hoffte, wenn er seine Frau in das Haus seiner Väter bringe und die Fürsprache des heiligen Philipp von Castlewood in Anspruch nehme, so werde der Himmel ihn dieses Mal mit einem Sohn segnen, den auch die erwartende Mutter ängstlich ersehnte.

Der lang umstrittene Friede war Ende März dieses Jahres proklamiert worden, und Frankreich stand uns offen. Gerade als die arme Lady Castlewood alles für den Empfang ihres Sohnes vorbereitet hatte und ungeduldig nach ihm ausschaute, wurde ihre Sehnsucht von neuem enttäuscht. Oberst Esmond war es, der die gütige Frau veranlaßte, ihrer Lieblingshoffnung noch einmal zu entsagen.

Er war zu Pferde auf dem Weg nach Castlewood. Er hatte seine grauen Türme und wohlbekannten Wälder seit beinahe vierzehn Jahren nicht gesehen und hatte es zum letzten Male mit Mylord verlassen, dem Mylady, mit ihren jungen Kindern neben sich, den Abschied zuwinkte. Wie lange war das her! Jahre des Handelns und der Leidenschaft, der Sorge, der Liebe, der Hoffnung und des Mißgeschicks lagen zwischen damals und heute. Die Kinder waren herangewachsen und hatten ihre eigenen Schicksale. Esmond hatte ein Gefühl, als sei er hundert Jahre alt. Nur seine liebe Herrin schien unverändert; sie hieß ihn willkommen wie ehemals. Da war auch der Brunnen im Hof und murmelte seine vertraute Melodie; da war die alte Halle mit ihrem alten Gerät, der geschnitzte Stuhl, in dem Mylord zu sitzen pflegte, der Humpen, aus dem er seinen Wein trank. Mylady wußte, daß Esmond gern in seinem altgewohnten kleinen Zimmer schlafen werde; sie hatte alles für ihn bereitet; duftender Goldlack stand in der Stube des Kaplans nebenan.

In Tränen nicht unmännlicher Rührung, in demütigen Gebeten zu dem gewaltigen Herrn über Leben und Tod, über Glück und Unglück, brachte Esmond einen Teil dieser ersten Nacht in Castlewood zu. Er hörte mit vertrauten Tönen die Stunden schlagen, schaute zurück über den Abgrund der Zeit und sah sich jenseits in weiter Ferne als kleinen, schwermütigen Knaben, sah Mylord noch am Leben und Mylady, selbst noch ein Kind, mit ihren Kindern spielen. Vor langen Jahren hatte ein Knabe auf diesem Bett sich gelobt, ihr immer treu zu sein und niemals ihren Dienst zu verlassen. Das war damals, als sie ihn segnete und ihren Ritter nannte. Hatte er sein knabenhaftes Gelübde gehalten? Ja, Gott sei gedankt! Sein Leben hatte ihr gehört; sein Blut, seinen Besitz, seinen Namen, sein ganzes Herz hatte er ihr und ihren Kindern gegeben. Als er einschlief, träumte ihm von seiner Knabenzeit, und er fuhr wieder und wieder aus dem Traum empor; es schien ihm, als rufe Pater Holt aus dem Nebenzimmer und als komme und gehe er durch das geheimnisvolle Fenster.

Esmond erhob sich vor Tagesanbruch; er ging in das Zimmer des Paters hinüber, wo die Luft vom Geruch des Goldlacks schwer war. Er sah in das Kohlenbecken hinein, in dem die Papiere verbrannt worden waren, in die alten Schränke, wo Holt seine Kleider und Bücher verwahrt hatte; er versuchte, ob die Feder des geheimen Fensters noch in Ordnung sei. Sie war seit Jahren von keinem Finger berührt worden, aber sie gab endlich nach, und das Fenster verschwand in der Versenkung. Er hob es, und es sprang in seinen Rahmen zurück.

Er erinnerte sich, daß sein sterbender Herr ihm erzählte, Holt sei wie ein Geist im Hause erschienen und wieder verschwunden. Er kannte des Paters Vorliebe für geheime Wege und war überzeugt, daß hier der Geist ein- und ausgegangen war. Als er das Fenster in den Rahmen zurückgleiten ließ, zog die Morgendämmerung über dem Dorf herauf. Er hörte das Hämmern in der Schmiede drüben unter den Bäumen. Über dem Flusse lag noch nächtlicher Nebel.

Esmond öffnete den geheimen Schrank über dem Kaminsims, der so groß war, daß ein Mann darin hätte Platz finden können. All die mannigfachen Heimlichkeiten Pater Holts hatte dieser Schrank einst beherbergt. Die beiden Degen, deren er sich so gut erinnerte, lagen wirklich noch immer darin. Er nahm sie heraus und wischte sie ab; eine merkwürdige Spannung und Erregung bemächtigte sich seiner. Er fand noch ein Bündel Papiere, die Holt ohne Zweifel zurückgelassen hatte, als er Castlewood zum letztenmal besuchte, an dem Tage, da er gefangengenommen und nach Hexton gebracht wurde. Esmond bemächtigte sich der Schriftstücke und fand verräterisches Material aus König Wilhelms Regierungszeit, darunter die Namen Charnock und Perkins, Sir John Fenwick und Sir John Friend, Rockwood und Lodwick, die Lords Montgomery und Ailesbury, Lord Clarendon und Yarmouth, die alle an Komplotten gegen den Usurpator beteiligt waren. Ein Brief König Jakobs aus Saint-Germain fand sich auch, in dem er seinem vielgeliebten Grafen Francis von Castlewood den Titel eines Marquis von Esmond verhieß.

Das war der von Mylord erwähnte Brief, den ihm Holt bei seinem letzten Besuch gezeigt hatte und auf den er sich nach Ablauf von zwölf Stunden Bescheid holen wollte. Ich legte die Papiere hastig in den Schrank zurück, denn ich hatte ein leises Klopfen an der Tür gehört. Es war meine gütige Herrin; ihr Gesicht strahlte Liebe und Willkommen. Sie hatte in dieser Nacht gewiß auch viele Stunden wach gelegen; aber keiner fragte den anderen, wie er geschlafen habe. Es gibt Dinge, die wir ohne Worte erraten, und Ereignisse, von denen wir wissen, auch wenn sie in der Ferne geschahen. Die liebevolle Frau hat mir später erzählt, daß sie von meinen beiden Verwundungen gewußt habe am Tage selbst, da ich sie erlitt. Wer kann sagen, wie weit Sympathien reichen und wie richtig Liebe prophezeit? »Ich habe in dein Zimmer hineingesehen«, war alles, was sie sagte. »Das Bett war leer, das alte kleine Bett! Da wußte ich, daß du hier zu finden seist.« Zärtlich und mit leichtem Erröten küßte ihn das sanfte Geschöpf.

Sie wanderten hinaus, Hand in Hand, über den alten Hof nach der Terrasse, wo der Tau im Gras glitzerte. Die Vögel schmetterten in den grünen Wäldern ihre Lieder dem Morgenrot entgegen. Wie gut er sich an alles erinnerte! Die alten Türme und Giebel des Schlosses, die dunkel gegen den östlichen Himmel standen, die purpurnen Schatten der grünen Hügel, die waldgekrönten Höhen, die goldene Ebene mit ihren wogenden Feldern, der schimmernde Fluß, alles war vor ihnen ausgebreitet, belebt von tausend schönen Erinnerungen aus ihrer Jugendzeit, schön und traurig zugleich, aber ebenso wirklich und lebendig vor ihrem geistigen Auge, wie die herrliche Landschaft vor ihren leiblichen Augen lag. Wir vergessen nichts; das Gedächtnis schläft ein, aber es wacht wieder auf. Wie wird es sein, wenn nach dem letzten Schlummer des Todes das große Erwachen uns in die Ewigkeit ruft und unser ganzes Leben uns blitzartig zum Bewußtsein kommt!

Es war im Juli; die Sonne war im Aufgehen, und die Bewohner des Schlosses lagen noch in tiefem Schlaf. Die Ruhe dieser Stunden benutzte Esmond, um seiner Herrin anzuvertrauen, was er im Sinn trug, und ihr von der Rolle zu sprechen, die Frank in seinen Plänen spielen sollte. Er wußte, daß er ihr alles sagen konnte, daß sie eher sterben als ihn verraten werde; er wußte auch, daß ein Plan von ihm ihres Beifalls und ihrer Teilnahme immer sicher war. Sie meinte denn auch in ihrer Voreingenommenheit, es sei noch nie ein so glorreiches Unternehmen erdacht worden, es habe noch nie einen so treuen Ritter gegeben, solche Taten auszuführen. Es mögen wohl zwei Stunden über ihrem Zwiegespräch dahingegangen sein. Beatrix kam aus dem Hause, gerade als alles gesagt war. Ihre hohe, schöne Gestalt war in ein Trauergewand gehüllt, dessen Schleppe über den grünen Rasen der Terrasse streifte und das dunkle Schatten vor ihr herwarf. Sie trug seit der Katastrophe des vergangenen Jahres nur noch Schwarz, aber ohne jede Aufdringlichkeit.

Sie machte uns lächelnd eine ihrer großartigen Verbeugungen und nannte uns »die jungen Leute«. Sie war älter, bleicher, majestätischer geworden; die Mutter schien jünger als sie. Lady Castlewood hatte Esmond erzählt, daß sie nie von ihrem Kummer spreche und nur zuweilen mit ein paar Worten auf den Zusammenbruch ihrer Hoffnungen anspiele.

Seit ihrer Rückkehr nach Castlewood hatte Beatrix angefangen, die Armen und Kranken in ihren Hütten zu besuchen. Sie gründete eine Schule für die kleinen Kinder und lehrte einige von ihnen singen. Wir hatten eine sehr schöne alte Orgel in der Kirche von Castlewood. Sie spielte herrlich darauf, und meilenweit im Land umher sprach man von ihrer Musik. Die Menschen kamen herbei, um sie zu hören, wohl aber auch, um die schöne Organistin zu sehen. Pfarrer Tusher und seine Frau hausten hinter der Kirche; aber die Ehe war kinderlos geblieben, und Tom hatte keine Söhne, mit denen er seinen Feinden am Tor entgegentreten konnte. Der Wackere war auch darauf bedacht, sich keine Feinde zu machen. Sein großer geistlicher Hut lüftete sich vor jedermann. Er war verschwenderisch mit Verbeugungen und schönen Redensarten. Esmond begegnete er wie einem Generalfeldmarschall. Er war an diesem Tage zum Essen ins Schloß geladen; es war ein Sonntag. Nur durch vieles Zureden wurde er veranlaßt, am Genuß des Puddings teilzunehmen. Er beklagte Mylords Übertritt, aber er trank mit großer Inbrunst auf seine Gesundheit. Eine Stunde vor dem Essen war es ihm gelungen, den Obersten durch eine lange, gelehrte und anregende Predigt in Schlaf zu wiegen.

Esmonds Besuch daheim dauerte nur zwei Tage. Das Geschäft, das er vorhatte, rief ihn außer Landes. Er sah Beatrix nur einmal allein. Sie rief ihn ins Nebenzimmer, als er mit Mylady in dem langen Gobelinsaal saß – in das Zimmer, in dem Gräfin Isabel geschlafen hatte und in dem Esmond sie im Geiste noch auf dem Bett sitzen sah, angetan mit Nachtgewand und Nachthaube, an jenem Morgen, als die Soldaten kamen, um sie gefangen fortzuführen. Die schönste Frau Englands schlief jetzt in diesem Bett, dessen damastene Vorhänge nur wenig verblichen waren, seit Esmond sie zum letztenmal sah.

Hier stand Beatrix in ihren schwarzen Gewändern und hielt eine Schachtel in der Hand. Es war dieselbe, die Esmond ihr vor ihrer Hochzeit gegeben hatte. Sie war gezeichnet mit der Krone, die das enttäuschte Mädchen niemals tragen sollte, und barg die Diamanten aus der Erbschaft seiner Tante.

»Es wäre gut, wenn du diese Steine mit dir nähmest, Harry«, sagte sie. »Ich brauche keine Diamanten mehr.« Nicht das leiseste Zeichen innerer Erregung war in ihrer ruhigen, weichen Stimme. Sie streckte ihren schönen Arm aus und reichte ihm das schwarze Chagrinlederkästchen. Ihre Hand zitterte nicht. Esmond sah, daß sie ein schwarzes Sammetband am Arm trug mit einem Miniaturbild des Herzogs in Emaille. Er hatte es ihr drei Tage vor seinem Tode geschenkt.

Esmond versuchte die Rückgabe mit einem Lachen abzuwenden. Er habe kein Anrecht mehr auf die Steine. »Was soll ich damit?« sagte er, »die diamantene Schnalle auf seinem Hut macht den Prinzen Eugen nicht schöner; mein gelbes Gesicht würde sie auch nicht heben können.«

»Du wirst die Steine deiner Frau schenken, Vetter«, sagte sie. »Deine Frau hat eine liebliche Haut und eine anmutige Gestalt.«

»Beatrix«, fuhr Esmond auf, und das alte Feuer flammte wieder auf, wie es noch manchmal zu tun pflegte. »Willst du den Schmuck an deinem Hochzeitstage tragen? Du hast mir einmal zugeflüstert, du habest mich nicht gekannt. Du kennst mich jetzt besser, weißt, wonach ich zehn Jahre lang geschmachtet, worauf ich verzichtet habe.«

»Ihre Treue muß belohnt werden, Mylord«, entgegnete sie. »Ein so tapferer Ritter will bezahlt sein. Pfui, Vetter!«

Esmond aber sprach weiter: »Wenn ich etwas vollbringe, das dir auch am Herzen liegt, etwas, das deiner und meiner wert ist, das mir einen Namen machen wird, mit dem ich dich beschenken kann, willst du dann den Namen tragen? Es habe eine Chance für mich gegeben, sagtest du. Ist es unmöglich, sie zurückzurufen? Schüttle nicht den Kopf, hör mich an. Versprich mir, daß du mir heute in einem Jahr Gehör schenkst. Wenn ich zurückkomme und dir Ruhm bringe, wird dir das Freude machen? Wenn ich vollbringe, was du dir am heißesten wünschst, was der Tote sich am heißesten wünschte, wird dich das sanfter stimmen?«

»Was ist es, Harry?« fragte sie, und in ihren Augen leuchtete es auf. »Was meinst du?«

»Frage nicht«, antwortete er. »Warte und laß mir Zeit. Wenn ich zurückkomme und bringe das, worum ich dich tausendmal beten hörte, wirst du dann keinen Lohn bereit haben für den, der dir diesen Dienst erwies? Tu die Juwelen fort, behalte sie. Wenn es in eines Mannes Macht steht, es zu vollbringen, so schwöre ich dir, es soll ein Tag kommen, da in deinem Hause ein großes Fest gefeiert wird, nicht meine Hochzeit oder deine Hochzeit, aber du wirst stolz sein, bei diesem Fest die Steine zu tragen. Mehr kann ich jetzt nicht sagen. Vergiß die Worte und schließ die Schachtel fort bis zu dem Tag, wo ich dich an beide erinnern werde. Alles, um was ich dich jetzt bitte, ist, zu warten und meiner zu gedenken.«

»Du gehst außer Landes?« sagte Beatrix in einiger Erregung.

»Ja, morgen«, antwortete er.

»Nach Lothringen, Vetter?« fragte sie und legte ihre Hand auf seinen Arm. Es war die Hand, an deren Gelenk sie das Bild des Herzogs trug. »Bleib noch, Harry« fuhr sie fort, und in ihrem Ton lag eine Verzweiflung, die sie sonst nicht zu zeigen pflegte. »Höre ein letztes Wort. Ich habe dich lieb, ich bewundere dich; wie sollte ich nicht, da ich weiß, was du uns allen für Liebe erwiesen hast. Aber ich glaube, ich habe kein Herz. Wenigstens hat es nie für einen Mann geschlagen. Hätte je ein Mann Macht darüber gewonnen, so wäre ich ihm in Lumpen gefolgt, wäre es ein gemeiner Soldat gewesen; ich wäre mit ihm zur See gegangen, wäre es ein Seeräuber gewesen, wie die, von denen du uns vorlasest, als wir Kinder waren. Ich hätte alles für ihn getan, hätte alles für ihn ertragen. Aber ich bin dem Manne nie begegnet. Du hattest immer zuviel vom Sklaven an dir, um mein Herz zu gewinnen; selbst der Herzog hatte keine Macht darüber. Ich wäre nicht glücklich mit ihm geworden. Die Erkenntnis kam mir drei Monate nach unserer Verlobung, und ich war zu eitel, um sie aufzulösen. O Harry! Ich habe ein- oder zweimal geweint, aber nicht um ihn. Ich habe Tränen der Wut geweint, weil ich nicht um ihn trauern konnte. Es hat mich erschreckt, als es mir klar wurde, daß ich froh war über seinen Tod. Wäre ich an dich gebunden, ich würde dasselbe Gefühl des Zwanges haben, dieselbe Sehnsucht, ihm zu entfliehen. Wir würden beide unglücklich sein, du noch mehr als ich; denn du bist ebenso eifersüchtig wie der Herzog. Ich habe es versucht, ihn zu lieben, glaube mir, ich habe es versucht. Ich habe Freude geheuchelt, wenn er kam, habe seinen Worten gelauscht, wenn er bei mir war, habe mich geübt, die Rolle der Gattin zu spielen, die, wie ich glaubte, die Aufgabe meines Lebens sein werde. Aber eine halbe Stunde der Fügsamkeit ermüdete mich; wie wäre es mit einer langen Lebenszeit geworden? Meine Gedanken wanderten, wenn er sprach. Ich dachte, wenn er nur meine Hand loslassen wollte, wenn er nur nicht vor mir knien wollte! Ich kannte seine großen, edlen Eigenschaften; er war tausendmal größer und edler als ich, ich sage dir, Vetter, tausendmal besser. Aber darum hatte ich ihn nicht gewählt. Ich wollte eine hohe Stellung in der Welt haben, und sie ist mir entgangen. Sie ist mir entgangen, aber um ihn kann ich nicht klagen. Manches Mal, wenn ich seinen zärtlichen Schwüren und feurigen Beteuerungen lauschte, fuhr es mir durch den Kopf: wenn ich mich diesem Mann ergebe, und dann begegnet mir der andere, so muß ich ihn hassen und muß von ihm gehen. Ich bin nicht gut, Harry; meine Mutter ist gut und sanft wie ein Engel. Ich begreife nicht, wie sie zu einem solchen Kind gekommen ist. Sie ist schwach; aber sie würde lieber sterben, als unrecht tun. Ich bin stärker als sie, aber ich könnte sündigen aus Trotz. Was die Pfarrer in ihren dröhnenden Predigten schwatzen, läßt mich kalt. Ich habe sie bei Hofe kriechen sehen, so niedrig und unwürdig, wie das geringste Frauenzimmer dort. Ach, ich bin der Welt müde! Ich warte nur noch auf eines. Wenn das erfüllt ist, so will ich katholisch werden wie Frank und deine arme Mutter, will in ein Kloster gehen und enden wie sie. Soll ich dann die Diamanten tragen? Man hat mir erzählt, daß die Nonnen an dem Tage, an dem sie den Schleier nehmen, ihren köstlichsten Schmuck anlegen. Ich will tun, was du mir sagst, und will die Steine fortschließen. Leb wohl, Vetter! Mama geht nebenan auf und nieder; sie zermartert ihren kleinen Kopf, um zu erraten, was wir hier gesprochen haben. Sie ist eifersüchtig; alle Frauen sind eifersüchtig. Ich denke manchmal, das ist die einzige weibliche Eigenschaft, die ich habe. Lebe wohl, lebe wohl, Bruder!«

Sie reichte ihm die Wange zum brüderlichen Kuß. Sie war kalt wie Marmor.

Esmonds Herrin gab Zeichen der Eifersucht von sich, als er zu ihr zurückkehrte. Sie hatte sich so gut erzogen, daß sie ganz undurchdringlich sein konnte, wenn sie es richtig fand. Sie war auch darin ganz weiblich, daß sie sich täuschend verstellen konnte.

Er ritt fort von Castlewood, der Aufgabe entgegen, der er sich geweiht hatte, um mit ihr zu stehen oder zu fallen. Der Zustand seines Gemüts war so, daß er sich nach äußeren Aufregungen sehnte, um die nagende Krankheit im Innern zu betäuben.

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