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William Makepeace Thackeray: Henry Esmond - Kapitel 34
Quellenangabe
typefiction
authorWilliam Makepeace Thackeray
titleHenry Esmond
publisherAufbau-Verlag
year1953
translatorElse von Schorn
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150118
projectid5785aa0d
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Drittes Kapitel
Eine Nummer des »Spectator«

Leidet einer der jungen Herren meiner Nachkommenschaft, der seines alten Großvaters Papiere liest, zufällig gerade unter Liebesleidenschaft? Es gibt ein demütigendes, aber leichtes und fast sicheres Heilmittel gegen die Krankheit – die Abwesenheit. Esmond verließ die Dame seines Herzens wohl ein dutzendmal und wurde ebensooft geheilt. Er kehrte zu ihr zurück und wurde sofort wieder vom Fieber ergriffen. Er schwor, er könne sie verlassen und nicht mehr an sie denken, und so war es auch; wenigstens gelang es ihm, das wütende Verlangen zu ersticken, das ihn in ihrer Gegenwart immer wieder befiel. Wahrlich ein lächerlicher, kläglicher Zustand, der jedes Menschen Mitleid erschöpfte, nur das seiner lieben Herrin nicht, in deren zärtliches Herz er alle seine trübseligen Bekenntnisse versenkte, die nimmer müde wurde, ihn anzuhören und seine Sache vor Beatrix zu vertreten.

Manchmal glaubte er, einen Schimmer von Hoffnung zu sehen. Dann wieder peinigte ihn Verzweiflung über eine Frechheit oder ein falsches Spiel seiner Geliebten. Tagelang lebten sie wie Geschwister zusammen oder wie die besten Freunde; sie war natürlich, herzlich und reizend, er über alle Maßen beglückt durch ihr gutes Betragen. Aber plötzlich war alles wie weggewischt. Entweder wurde er zu dringlich, machte ihr Andeutungen seiner Liebe und wurde mit irgendeinem Denkzettel für seine Eitelkeit jäh von ihr zurückgestoßen, oder er war eifersüchtig, und das mit gutem Grund, auf irgendeinen neu aufgetauchten Bewunderer, einen reichen jungen Mann, den die unverbesserliche Kokette in ihre Netze zog. Wenn Esmond ihr Vorwürfe machte, so erklärte sie: »Wer bist du denn? Ich gehe meinen Weg, und der führt zu einem Ehemann. Dich brauche ich nicht auf diesem Wege. Ich will höher hinaus, Oberst, viel höher hinaus. Verstehst du das? Du kämst vielleicht in Betracht, wenn du Besitz hättest und jünger wärest. Nur acht Jahre älter als ich, sagst du? Pah! Du bist hundert Jahre älter. Du bist ein alter, alter Griesgram; ich würde dich elend machen. Das würde der einzige Trost sein, den mir eine Ehe mit dir verschaffen könnte. Du hast ja nicht einmal Geld genug, eine Katze anständig zu halten, wenn du deine Hauswirtin und deinen Diener bezahlt hast. Glaubst du, ich habe Lust, in einer Mietswohnung zu hausen und den Hammelbraten zu wenden, während du das Kind trockenlegst? Larifari! Warum hast du dir denn diesen Unsinn nicht längst aus dem Kopf geschlagen; du warst doch lange genug im Krieg. Aber du bist trübseliger und langweiliger zurückgekommen, als du je gewesen. Du paßt sehr gut zu Mama. Ihr beide könnt euch zusammentun und bis ans Ende eurer Tage Karten miteinander spielen.«

»So gestehst du wenigstens deine Weltlichkeit ein, meine arme Trix«, sagte ihre Mutter.

»Weltlichkeit! O meine hübsche kleine Mama! Du glaubst, ich sei noch in der Kinderstube, und man kann mir mit dem schwarzen Mann angst machen? Weltlichkeit! Was ist denn Böses daran, wenn man sich ein behagliches Leben wünscht? Wenn du einmal nicht mehr bist, du liebe Alte, oder ich dich satt bekommen habe und dir weggelaufen bin, wohin soll ich mich dann wenden? Soll ich zu meiner papistischen Schwägerin gehen und ihr die Kinder hüten? Soll ich Castlewoods Haushälterin werden und vielleicht Tom Tusher heiraten? Ich danke bestens! Ich bin lange genug Franks demütige Dienerin gewesen. Warum bin ich kein Mann? Ich bin zehnmal klüger als er, und trüge ich – erschrecken Sie nicht, Mylady –, trüge ich ein Schwert und eine Perücke statt dieser Schleppe und Frisur, zu der die Natur mich verdammte, ich hätte von unserem Namen reden gemacht. Übrigens ist der Stoff von dem Kleid sehr hübsch, Vetter Esmond! Du wirst morgen zur Börse gehen und mir das genaue Gegenstück zu diesem Band erhandeln, verstehst du? Griesgram hätte uns auch berühmt gemacht, wenn er der Vertreter unseres Namens wäre. Mylord Griesgram wäre sehr gut an seinem Platz gewesen. Ja, du hast eine sehr feine Art und wärst ein würdiger, ernster Redner geworden.« Sie fing an, Esmonds Haltung und Sprechweise nachzuahmen, und so komisch, daß Mylady in Lachen ausbrach und er selbst sich nicht verhehlen konnte, daß die phantastische, boshafte Karikatur eine gewisse Ähnlichkeit mit ihm hatte.

»Ja«, sagte sie, »ich bekenne und gelobe feierlich, daß ich einen guten Ehemann haben will. Ist daran etwas Arges? Meine Schönheit ist mein Vermögen. Wer will kaufen? Kauft, kauft! Ich kann keine schwere Arbeit tun; ich kann auch nicht spinnen; aber ich kann dreiundzwanzig Kartenspiele spielen. Ich kann die neuesten Tänze tanzen; ich kann jagen; ich kann so boshafte Reden führen wie nur irgendein Frauenzimmer in meinen Jahren; ich weiß so viele Geschichten, daß ich einen mürrischen Gatten wenigstens tausendundeine Nacht damit unterhalten könnte. Ich haben einen sehr guten Geschmack und liebe schöne Kleider, Diamanten, hohes Spiel und altes Porzellan. Ich esse gern gezuckerte Pflaumen, habe Freude an Mechelner Spitzen – die sind sehr hübsch, Vetter, die du mir mitgebracht hast –, gehe gern in die Oper und habe eine Vorliebe für alles, was nutzlos und kostbar ist. Ich habe einen Affen und einen kleinen schwarzen Pagen, einen Papagei und ein Wachtelhündchen, und dazu will ich noch einen Mann haben. Hörst du, Amor? Pompy, geh und reiche dem Oberst Griesgram die Tasse Schokolade!«

»Sa, Freilein!« sagte Pompy, ein kleiner grinsender Neger, den ihr Lord Peterborow geschenkt hatte. Er trug einen Turban mit Paradiesvögeln und ein Halsband mit dem Namen seiner Herrin.

»Sa, Freilein!« äffte sie den Knaben nach, »und wenn Mann nicht kommt, muß Pompy holen ihn.«

Pompy ergriff grinsend das Präsentierbrett mit der Schokolade; Fräulein Beatrix aber rannte zu ihrer Mutter und schloß, wie es ihre Gewohnheit war, ihr boshaftes Geschwätz mit einem Kuß. Kein Wunder, daß ihr nach solcher Buße von ihrem liebevollen Richter vergeben wurde.

Als Esmond nach Hause kam, war seine Gesundheit noch sehr erschüttert. Er mietete eine Wohnung in Kensington, nahe beim Hause seiner Herrin, und war von Herzen froh, daß die Damen ihn pflegten und er sie jeden Tag sehen konnte. Er empfing in seiner Wohnung ab und zu Besucher von der Art, die ihm am besten behagte. Herr Steele und Herr Addison erwiesen ihm die Ehre, manches Glas guten Rotwein bei ihm zu trinken, während er sich seiner Wunde wegen auf Haferschleim beschränken mußte. Die beiden Herren waren Whigs und große Bewunderer des Herzogs von Marlborough; Esmond war ganz und gar auf der anderen Seite. Aber ihre entgegengesetzten politischen Ansichten verhinderten nicht, daß sie einstimmig den Generalleutnant Webb, als er eines Abends mit Stock und Krücke in die Wohnung des Obersten gehumpelt kam, die sehr hübsch gelegen war – in Knightsbridge zwischen London und Kensington, mit dem Blick über die Gärten –, für einen alten tapferen Soldaten erklärten, dem nach der Schlacht von Wynendael übel mitgespielt worden war. Webb übte seine Rache im Gespräch; das müssen wir zugeben. Hätte Herr Addison Lust gehabt, ein Gedicht über Wynendael zu schreiben, wie er eines über Blenheim geschrieben hatte, so wäre es ihm ein leichtes gewesen, die Geschichte der Schlacht von des Siegers eigenen Lippen wohl an hundertmal erzählen zu hören.

Da Esmond gezwungen war, ruhig zu leben, vertrieb er sich die Zeit mit der Vollendung seines Lustspiels. In meiner Nußbaumtruhe liegt versiegelt das Soufflierbuch mit der Aufschrift: »Der treue Narr, eine Komödie, wie sie von den Schauspielern Ihrer Majestät dargestellt wurde.« Es war ein sehr rührseliges Stück, und Herr Steele, der über viel Gefühl gebot, bewunderte es, während Herr Addison bei der Aufführung etwas spottete, obwohl er zugab, daß ein paar hübsche Stellen darin seien. Er brachte um dieselbe Zeit sein Schauspiel »Cato« heraus, dessen Strahlen Esmonds bescheidene Kerze ganz verdunkelten. Das Lustspiel wurde nicht unter seinem Namen gedruckt; es wurde auf dem Titel bloß bemerkt, daß der Dichter ein Herr von Rang sei. Nur neun Exemplare wurden verkauft, trotzdem Herr Dennis, der berühmte Kritiker, die Dichtung lobte und ihre großen Verdienste pries. Eines Tages packte Esmond die Wut, und er ließ die ganze Auflage von seinem Diener Lockwood verbrennen.

Das Lustspiel wimmelte von bitteren satirischen Ausfällen gegen eine gewisse junge Dame. Die Handlung war sehr originell. Ein schönes Frauenzimmer wählt aus einer Schar von Anbetern statt des Helden einen naseweisen, albernen Grafen, während der treue Narr, den Herr Wilks ziemlich schlecht spielte, sie beharrlich weiterbewundert. Im fünften Akt wird sich Teraminta über die Verdienste des Eugenio klar und fängt an, ihn zu lieben – aber zu spät; denn er hat das Bauernmädchen Rosaria, ein mit allen Tugenden geschmücktes Geschöpf, zur Gattin erkoren. Wir müssen gestehen, daß während des ganzen Stückes das Publikum gähnte, und daß es am dritten Abend verstarb. Kaum ein halbes Dutzend Menschen sahen seinem Todeskampf zu. Esmond und seine beiden Damen wohnten der ersten Aufführung bei. Fräulein Beatrix schlief ein; ihre Mutter, die seit König Jakobs Zeiten nicht im Theater gewesen war, fand die Moral des Stückes sehr schön.

Esmond stümperte weiter in Literatur und schrieb eine Menge Prosa und Verse. Wenn er mit dem Betragen von Fräulein Beatrix unzufrieden war, verfaßte er eine Satire, um sein Herz zu erleichtern. Wenn sie ihn mit ihren Launen quälte, warf er Verse aufs Papier, in denen er dem ganzen weiblichen Geschlecht Hohn sprach. In einer dieser Launen erlaubte er sich einen kleinen Scherz und gewann Dick Steele, der ihm Verschwiegenheit schwören mußte, zum Helfer. Er verfaßte eine Zeitungsnummer, ließ sie genauso drucken wie das Blatt von Steele, und legte sie auf den Frühstückstisch der Geliebten. Der Inhalt war folgender:

»Spectator

Nr. 341.
Dienstag, den 1. April 1712

Mutato nomine de te Fabula narratur. (Horaz)

Vertauscht sei der Name, so trifft dich selbst die erzählte Mär. (Voß)

Man kennt Jocasta als eine elegante Dame von großer Bildung und als eine der liebenswürdigsten Personen des Hofes und des ganzen Landes. Sie empfängt zweimal in der Woche, und alle Herren von Geist und einige der Schönheiten Londons drängen sich zu ihren Assembleen. Wenn sie nach Tunbridge oder Bath geht, reist ein Gefolge von Verehrern mit ihr. Außer den Stutzern von London drängen sich viele vornehme Bewohner von Sussex und Somerset als Anbeter an ihren Teetisch, und Jocasta hat also eine sehr zahlreiche Bekanntschaft. Ein gewandter Sekretär hat vollauf zu tun, um ihre Besuchslisten zu führen, und ein kräftiger Lakai ist angestellt, sie ihr nachzutragen. Selbst Jocastas scharfer Kopf ist der Aufgabe nicht gewachsen, alle Namen ihrer lieben Freunde im Gedächtnis zu behalten.

In Bad Epsom oder in Bad Tunbridge – leider ist sich Jocasta über diesen wichtigen Punkt nicht klar – hatte sie das Glück, mit einem jungen Herrn bekannt zu werden, dessen Unterhaltung so lebhaft, dessen Benehmen so liebenswürdig war, daß sie den angenehmen jungen Dandy aufforderte, sie zu besuchen, wenn er je nach London kommen sollte. Ihr Haus in Spring Garden werde ihm immer offenstehen. Jocasta hat aber eine solche Heerschar von Verehrern um sich, daß es kein Wunder ist, wenn sie in ihrer Erinnerung etwas durcheinanderkommen. Obwohl nun der junge Herr ohne Zweifel ein bezaubernder, sehr hübscher Mensch war, obwohl er beträchtlichen Eindruck auf sie machte und ihr Herz für die Dauer von wenigstens dreiundzwanzig Minuten gefangenhielt, geschah es doch, daß sie seinen Namen vergaß. Er hat dunkle Augen und dunkles Haar, ist etwa achtundzwanzig Jahre alt, kleidet sich ernst, aber in feinstes Tuch. Er hat auf der Stirn über dem linken Auge ein Mal, am Spazierstock ein blaues Band, am Degen eine blaue Quaste und trägt keine Perücke.

Jocasta fühlte sich sehr geschmeichelt, als sie ihren Bewunderer am letzten Sonntag beim Gottesdienst in der St.-Jakobs-Kirche in ihrer nächsten Nähe sitzen sah. Denn daß jeder, der sie sieht, sie auch bewundert, ist eine Tatsache, an der sie niemals zweifeln kann. Die Art, wie er scheinbar während der Predigt einschlief, ihr aber unter seinen langbewimperten Augenlidern hervor ganz offenbar Blicke ehrfürchtigen Entzückens zuwarf, rührte Jocasta tief und fesselte sie. Als sie die Kirche verließ, erschien er in der Nähe ihrer Sänfte, und als sie einstieg, machte er ihr eine elegante Verbeugung. Sie sah ihn bei Hofe wieder, wo er sich in der vornehmsten Weise bewegte; aber niemand von ihren Bekannten konnte ihr seinen Namen nennen. Den nächsten Tag war er im Theater, und sie erwiderte seinen Gruß von ihrer Loge aus.

Während der ganzen Vorstellung marterte sie vergeblich ihr Hirn, um sich auf seinen Namen zu besinnen, und hörte kein Wort von dem Stück, das gespielt wurde. Sie war so glücklich, ihm im Foyer zu begegnen, ging in einiger Erregung auf ihn zu und erinnerte ihn daran, daß sie zweimal in der Woche empfange und hoffe, ihn an ihrem Teetisch zu sehen.

Er erschien am Dienstag, in einem kostbaren Anzug von so auserlesenem Geschmack, daß er sowohl dem Träger wie dem Schneider Ehre machte. Ein großer Kreis war um die reizende Jocasta versammelt, lauter junge Leute, die behaupteten, jedes Gesicht in der Stadt zu kennen. Aber keiner konnte ihre eifrigen Fragen nach dem Namen des Fremden beantworten, der sich mit einer Verbeugung näherte, die eines Herzogs würdig war.

Jocasta erwiderte seinen Gruß mit dem reizenden Lächeln und Kopfneigen, das ein Geheimnis dieser Dame ist. Sie hat dabei einen schmachtenden Blick, der zu sagen scheint: Kommen Sie endlich? Ich habe mich zu Tode gesehnt!

Ein zweiter, tödlicher Blick sagt: O Philander, ich habe nur Augen für dich! und bringt das Opfer endgültig zur Strecke. Camillas Gruß ist vielleicht ebenso reizend; Thalestris hat beinahe denselben Blick; aber Gruß und Blick zusammen hat von allen englischen Schönheiten nur die eine, die einzige Jocasta.

›Willkommen in London‹, sagte sie. ›Man sieht an Ihren frischen Farben, daß Sie auf dem Lande waren.‹ Sie würde gesagt haben ›in Epsom‹ oder ›in Tunbridge‹, hätte sie sich nur besinnen können, in welchem von den beiden Bädern sie den Herrn kennenlernte; aber ach! sie hatte es vergessen.

Der Herr sagte, er sei erst seit drei Tagen in der Stadt, und der Wunsch, Jocasta seine Verehrung zu bezeigen, sei einer der Gründe seines Kommens.

Sie bemerkte, die Bäder seien ihr nicht besonders gut bekommen.

›Die Brunnen sind für die Kranken‹, entgegnete der Gentleman. ›Die Jungen und Schönen kommen nur, um das Wasser erglänzen zu lassen. Während der Predigt am Sonntag erinnerte mich Euer Gnaden an den Engel, der den Teich Bethesda besuchte.‹ Ein Gemurmel des Beifalls belohnte die geistreiche Schmeichelei. Manilio, der ein Schöngeist ist, wenn er nicht Karten spielt, wurde so aufgeregt, daß er die falsche Farbe zog.

Jocasta ein Engel! Aber an welchem der beiden Wasser Bethesda? Sie geriet in noch größere Verwirrung, sah aber harmlos und unschuldig aus, wie immer, wenn sie listige Absichten hat.

›Als Sie kamen, war gerade die Rede von Orthographie‹, sagte sie, ›und warum man vieles so anders schreibt, als man es ausspricht. Wie schreiben Sie eigentlich Ihren Namen?‹

›Ich schreibe meinen Namen mit Y, gnädige Frau‹, antwortete er, setzte seine Tasse nieder, machte eine elegante Verbeugung und war gegangen, ehe man sich dessen versah.

Jocasta hat seit dieser Niederlage schlaflose Nächte. Wenn ihr irgend etwas nicht nach Wunsch geht, so leidet ihre Gesundheit, und sie verliert die gute Laune. Wir, ihre Untertanen, seufzen, wie immer in solchen Fällen, schwer unter den Zornesausbrüchen unserer Königin. Können Sie, Herr Spectator, der Sie alles wissen, uns nicht helfen, dieses Rätsel zu lösen und uns Ruhe zu verschaffen? Sie hat den Sekretär entlassen, der ihre Besuchslisten führte, und der arme Teufel hat eine große Familie zu ernähren. Helfen Sie uns, das Rätsel lösen, und verpflichten Sie zu ewigem Dank Ihren Bewunderer

Ödipus
Kaffeehaus ›Trompete‹, Whitehall.«

»Herr Spectator!

Ich bin ein Gentleman, der das Stadtleben nur wenig kennt, obwohl ich auf der Universität erzogen wurde und meinem Vaterlande in mehreren Feldzügen gedient habe. Im Lager ist mein Name besser bekannt als in den Kaffeehäusern und bei Hof.

Vor zwei Jahren starb mein Onkel und hinterließ mir eine sehr hübsche Besitzung in der Grafschaft Kent. Als meine Trauerzeit vorüber war, verbrachte ich den Sommer in Bad Tunbridge und will nur gestehen, daß ich nach einem Mädchen ausschaute, das willens war, die Einsamkeit meines großen Landhauses zu teilen und meinen Pächtern eine freundliche Herrin zu sein. Denn auf diesem Gebiet kann eine Frau unendlich viel mehr tun als der gutwilligste Mann. Ich wurde mächtig gefesselt durch eine junge Dame aus London, die anerkannte Schönheit des Bades war. Wer kennt nicht Saccharissas Schönheit? Ich glaube, Herr Spectator, niemand kennt sie besser als Sie selbst.

In meinem Notizbuch steht verzeichnet, daß ich bei der Reunion nicht weniger als siebenundzwanzig Touren mit ihr tanzte. Zweimal ließ ich für sie die Geigen spielen. Ich durfte sie mehrmals auf ihren Zimmern besuchen, wurde mit großer Auszeichnung von ihr empfangen und war eine Zeitlang bedingungslos ihr Sklave. Erst als mir aus dem Geschwätz der Badegesellschaft und durch eigene Beobachtung klar wurde, daß dieses schöne Geschöpf eine herzlose weltliche Kokette war, die mit Neigungen spielte, die sie nicht beabsichtigte, ja, die sie unfähig war zu erwidern, da sagte ich mir, daß die Frau, an die ich die heiligste Frage hatte richten wollen, die ein Mann einer Frau stellen kann, höchst ungeeignet war, die Gattin eines Landedelmannes zu werden. Solche Damen wollen bewundert sein; Liebe rührt sie nicht. Ich kann mir kein elenderes Wesen vorstellen als diese Lady an ihrem Lebensabend, wenn ihre Schönheit und ihre Bewunderer sie verlassen haben und weder Freundschaft noch Religion sie trösten.

Geschäfte riefen mich nach London. Ich ging letzten Sonntag in die St.-Jakobs-Kirche zum Gottesdienst und sah die Schönheit aus Tunbridge mir gegenüber. Ihr Benehmen während der Predigt war so schmachtend und albern, ihr Kokettieren mit dem Fächer, ihre verliebten Blicke so unpassend, daß mir nichts übrigblieb, als die Augen zu schließen, um den Anblick loszuwerden. Wenn ich sie öffnete, sah ich, wie ihre allerdings sehr strahlenden Augen mich noch immer anstarrten. Ich begegnete ihr dann bei Hofe und im Theater, wo sie es nicht lassen konnte, sich durch die Menge zu mir hindurchzudrängen, mich anzureden und mich zu den Empfängen in ihrem Hause nicht weit von Ch-r-g-Cr-ss einzuladen.

Da ich ihr versprochen hatte zu kommen, so hielt ich mein Versprechen natürlich und fand die junge Witwe zwischen Kartentischen und in einem großen Kreise von Schöngeistern und Bewunderern. Ich verbeugte mich, so gut ich konnte, und näherte mich ihr, und an dem merkwürdig verwirrten Ausdruck ihres Gesichts, wenn sie auch ihre Verlegenheit zu verbergen trachtete, merkte ich, daß sie nicht einmal mehr meinen Namen wußte.

Ihr listiges Geschwätz überzeugte mich, daß ich recht geraten hatte. Sie brachte das Gespräch in höchst lächerlicher Weise auf die Orthographie und Aussprache von Worten, und ich erwiderte mit den lächerlichsten, schwülstigsten Schmeicheleien; die eine, worin ich sie mit dem Engel am Teich Bethesda verglich, ging wirklich etwas zu weit. Aber diese Anspielung bezog sich auf den gemeinsam gehörten Bibeltext vom letzten Sonntag, und es fiel mir so schnell nichts anderes ein. Schließlich kam doch die Frage, die ich erwartete: ›Wie schreiben Sie eigentlich Ihren Namen?‹ – ›Gnädige Frau, ich schreibe meinen Namen mit Y‹, sagte ich, verbeugte mich und ging. Und so verließ ich sie, verwundert über den leichten Sinn der Großstadtmenschen, die so rasch Freundschaften schließen und die Freunde so schnell wieder vergessen. Ich beschloß, mich anderswo umzusehen nach einer Lebensgefährtin für Ihren treuen Diener

Cymon Wyldoats.

Sie kennen meinen wahren Namen, Herr Spectator, in dem kein Y vorkommt. Aber wenn die Dame, die ich Saccharissa genannt habe, sich wundert, warum ich nicht mehr an ihrem Teetisch erscheine, so ist sie hiermit respektvoll über den Grund Y unterrichtet.«

Diese Geschichte ist ein Gleichnis, dessen Sinn der Verfasser jetzt erklären will. Jocasta ist niemand anders als Fräulein Esmond, die schönste Hofdame Ihrer Majestät. Sie hatte Herrn Esmond erzählt, sie sei irgendwo einem Herrn begegnet und habe seinen Namen vergessen. Auf ihre Frage, wie er sich schreibe, habe er die in der Geschichte benutzte Antwort gegeben, freilich ohne die boshaften Hintergedanken des Herrn Cymon Wyldoats. Wir alle hatten über die verunglückte List der kleinen Dame Jocasta-Beatrix herzlich gelacht.

Als Cymon aber stellt sich der Schreiber der Fabel und dieser Erinnerungen vor. Er wollte Jocasta, die sehr witzig war und ohne ihren »Spectator« zum Frühstück nicht leben konnte, durch diesen Pseudo-Spectator klarmachen, daß sie eine Kokette und Cymon ein Mann von Ehre und Entschlossenheit sei, der ihre Fehler alle erkannt habe und ihre Ketten ein für allemal zerreißen wolle.

Obwohl von dieser Liebesgeschichte schon mehr als genug die Rede war, genug jedenfalls, um meinen Enkeln zu beweisen, was für ein töricht verliebter Narr der Großvater war, der in ihren Augen doch als weiser alter Herr erscheinen möchte, so haben wir doch lange nicht alles erzählt, was in dieser Sache geschehen ist. Wenn wir dem Liebeshandel in unseren Erinnerungen denselben Platz einräumen wollten, den er einst in Esmonds Tagesläuften beanspruchte, so würde ich meine Nachkommen unerträglich langweilen und ein solches Dokument der Torheit, der Entzückungen und der Wut verfassen, wie es kein Mann von gewöhnlicher menschlicher Eitelkeit gern hinterlassen könnte.

Esmond wußte, wie weltlich, wie ehrgeizig Beatrix war; er sah sie durch das Hofleben härter und gleichgültiger werden, sah die Scharen von Verehrern, die sich ihr näherten und sie wieder verließen; aber ob sie ihn nun auslachte oder ermutigte, ob sie warm oder kalt war, er konnte sie nicht aus seinen Gedanken verbannen. Er war machtlos gegen diese leidenschaftliche Treue seiner Seele; sie schien ein Teil seiner selbst, wie die Augen, mit denen er sah. Obwohl die schärfsten Verleumder dieses schönen Mädchens ihre Fehler nicht besser kannten als er, obwohl er wußte, daß ihr Besitz höchstens das Glück einer Woche für ihn bedeutet hätte, so verfügte diese Circe doch über einen Zauber, von dem sich der arme Betörte nicht frei machen konnte. Es ging ihm wie einem anderen Offizier in mittleren Jahren, der viel gereist und im Kriege gewesen war: Odysseus; nur blieb er noch viel länger in die Netze der Zauberin verstrickt. Sie verlassen! Sie brauchte nur mit dem Finger zu winken, und keine Entfernung konnte ihn hindern, zu ihr zurückzukehren. Sie brauchte nur zu sagen: »Ich habe diesen oder jenen Anbeter entlassen«, und er fing wieder an, ihrer Mutter Haus zu belagern, um auf die Liste der Bewerber zu kommen, aus der er nächste Woche doch schon wieder ausgestrichen werden konnte. Glich er in seiner Narrheit dem Odysseus, so glich sie insofern wenigstens der Penelope, als auch sie eine Schar von Freiern hatte und Tag für Tag und Nacht für Nacht das Gewebe der Koketterie und Bezauberung wieder auflöste, mit dem sie ihre Opfer zu umstricken pflegte.

Ihre Stellung bei Hofe mag dazu beigetragen haben, daß ihre Anlage zum Kokettieren sich so entwickelte. Die schöne Hofdame war das Licht, um das ungezählte Stutzer flatterten, die andächtig ihren schlagfertigen Antworten lauschten und immer bereit waren, ihre Reize zu bewundern. Sie hörte und führte leichtfertige Gespräche, wie sie nie vor die Ohren und über die Lippen von Rachel Castlewoods Tochter hätten kommen dürfen. Wenn der Hof in Windsor oder Hampton war, so ritten die Damen und Herren zusammen zur Jagd, und Fräulein Beatrix, im Jägerrock und Hut, war die vorderste hinter den Spürhunden her und über die Zäune hinüber, und eine Schar junger Herren sauste hinter ihr drein. Die Frauen der englischen Landedelleute waren damals die reinsten und bescheidensten weiblichen Wesen, die man sich vorstellen kann. Die Frauen der Londoner Gesellschaft und die Damen vom Hofe aber erlaubten sich ein Benehmen und führten Reden, die weder rein noch bescheiden waren, ja, manche von ihnen forderten eine Freiheit, die kein aufrichtiger Verehrer des weiblichen Geschlechtes ihnen gern gewährt haben würde. Meine männlichen Nachkommen – denn meine Enkelinnen will ich zu solcher Lektüre nicht ermutigen – mögen sich aus den Werken von Herrn Congreve und Dr. Swift über die Gewohnheiten und Unterhaltungen jener Zeit unterrichten.

Im Jahre 1712 war Beatrix sechsundzwanzig Jahre alt, war die schönste Frau in ganz England und hieß noch immer Beatrix Esmond. Von ihren Hunderten von Anbetern hatte sie keinen zum Gatten erkoren; sie hatte manche, denen sie ihre Hand verhieß, im Stich gelassen, mehr aber noch hatten ihr den Rücken gekehrt. Zehn Jahrgänge junger Schönheiten waren seit ihrem ersten Auftreten erblüht, und alle waren von geeigneten Ehemännern eingeerntet worden, alle waren längst in behaglicher Häuslichkeit untergebracht. Ihre eigenen Altersgenossinnen waren mittlerweile gesetzte Frauen geworden, Mädchen, die nicht ein Zehntel ihres Zaubers und ihres Witzes besaßen, hatten gute Partien gemacht und beanspruchten den Vortritt vor der Unverheirateten, die sich noch so kürzlich über sie lustig gemacht und sie überstrahlt hatte. Die ganz jungen Schönheiten fingen an, Beatrix im Licht einer alten Jungfer zu sehen, nannten sie spottend eine Dame vom Hof Karls des Zweiten und fragten, ob ihr Porträt nicht doch in der Galerie von Hampton Court hinge. Aber noch war ihre Herrschaft nicht zu Ende. In den Augen eines Mannes wenigstens stand sie hoch über all den kleinen Fräuleins, die das Entzücken der ganz jungen Burschen erregten; in Esmonds Augen war sie immer gleich lieblich und gleich jung.

Wer weiß, wie viele nahe daran waren, sie zu besitzen, oder, besser gesagt, wie viele so glücklich waren, dieser Sirene noch gerade zu entgehen! Wie sonderbar, daß die reinste, einfachste Frau der Welt eine solche Tochter geboren hatte! Ich glaube, meine Herrin, die nie ein rauhes Wort zu ihren Kindern sprach und nur zwei- oder dreimal harte Reden gegen einen gewissen anderen Menschen führte, hatte ihre mütterliche Autorität zu liebevoll, zu zärtlich ausgeübt; denn sowohl ihr Sohn wie ihre Tochter fingen frühzeitig an, sich gegen sie aufzulehnen, und nachdem sie einmal aus dem Nest entflohen waren, sind sie nie so ganz wieder an das zärtliche Herz der Mutter zurückgekehrt. Es war gut, daß Lady Castlewood nicht allzuviel über das Leben und die wahre Gesinnung ihrer Tochter wußte. Wie sollte sie auch ahnen, was in den Vorzimmern der Königin und an den Tafeln des Hofes getrieben wurde? Fräulein Beatrix übte ihre Autorität so tatkräftig aus, daß die Mutter sich längst in sie geschickt hatte. Die Hofdame verfügte über eine Equipage, kam und ging, wie es ihr beliebte, und Mylady war weder fähig sie zu leiten, noch ihr zu widerstehen.

Als Esmond das letztemal ins Feld zog, war Beatrix Braut von Mylord Ashburnham gewesen; als er zurückkam, fand er den Erwählten als Gatten von Lady Mary Butler wieder, der Tochter des Herzogs von Ormond. Seine schönen Häuser, sein riesiges Einkommen, die Fräulein Beatrix so in die Augen gestochen hatten, waren unerreichbar für sie geworden. Esmond mochte sie nicht fragen, warum aus dieser Heirat nichts geworden sei. Er bat Mylady, ihn aufzuklären; die aber sagte nur: »Sprich mir nicht davon, Harry. Ich weiß nicht, warum und wie sie auseinandergegangen sind, und ich wage nicht zu fragen. Ich habe dir schon oft gesagt, daß ich trotz aller ihrer Freundlichkeit und Großherzigkeit, trotz ihres Witzes und dem Zauber ihres Wesens wenig Gutes über die arme Beatrix berichten kann, und daß ich mit Schrecken an die Ehe denke, die sie einmal schließen wird. Sie ist ehrgeizig durch und durch, und ihr ganzes Streben geht nach einer großen Stellung. Wenn sie die aber einmal hat, so wird sie ihrer bald müde werden, wie sie aller Dinge müde wird, die sie glücklich erreicht hat. Der Himmel stehe einst ihrem Gatten bei! Mylord Ashburnham war ein vortrefflicher junger Mensch, sanft und doch männlich, vom besten Charakter, wie man mir versicherte und soweit ich aus den wenigen Unterhaltungen, die ich mit ihm hatte, urteilen kann. Geduldig und gütig muß er jedenfalls gewesen sein; denn er hat viel ertragen müssen. Er hat sie wohl schließlich nach irgendeinem allzu starken Ausbruch der Laune und Tyrannei verlassen und hat eine junge Frau geheiratet, die ihn unendlich viel glücklicher machen wird als meine arme Tochter.«

Der Bruch zwischen den beiden wurde eifrig beklatscht. Ich hörte die Skandalgeschichten, die darüber umgingen, will mir aber nicht die Mühe geben, sie in diesen Erinnerungen zu wiederholen. Esmond war dabei, als Lord Ashburnham bei der Gratulationscour der Königin zum ersten Male mit seiner Gattin erschien. Beatrix rächte sich, indem sie majestätischer und lieblicher aussah denn je. Die bescheidene, ungewandte junge Frau konnte sich nicht neben ihr sehen lassen, und Lord Ashburnham, der wohl guten Grund hatte, der schönen Hofdame aus dem Wege zu gehen, zog sich so früh als möglich und ganz verschüchtert zurück. Seine Gnaden der Herzog von Hamilton wich an diesem Tage nicht von Beatrix' Seite. Er war einer der glänzendsten Kavaliere von Europa, hochgebildet durch Bücher, durch Reisen und gute Gesellschaft. Er hatte sich unter König Wilhelm als Staatsmann und Gesandter ausgezeichnet, war einer der besten Redner im schottischen Parlament gewesen, wo er die Anti-Unionspartei führte, und obwohl er jetzt etwa sechsundvierzig Jahre alt war, so konnte er sich mit seiner hohen, schönen Gestalt und seinen Geistesgaben um die Hand jeder Prinzessin bewerben.

»Möchten Sie den Herzog zum Vetter haben?« flüsterte Herr St. John dem Oberst Esmond zu. »Es scheint, der Witwer hat die Absicht, sich zu trösten.«

Aber wir wollen zu unserem »Spectator« zurückkehren und von der Unterhaltung erzählen, die der Scherz heraufbeschwor. Beatrix fiel zuerst ganz darauf herein und witterte den Verfasser nicht. Esmond hatte allerdings versucht, die Schreibart seines Freundes Steele so gut als möglich nachzuahmen – was den zweiten Autor des »Spectator« betrifft, so scheint mir sein Prosastil überhaupt unnachahmlich –, und Dick, der faulste, gutmütigste aller Menschen, würde die gefälschte Nummer unbesorgt als eigenes Erzeugnis der Öffentlichkeit überliefert haben, wenn ihn Harry, der das Bild seiner Geliebten der Mitwelt nicht so ungünstig zeigen wollte, nicht daran gehindert hätte. Er beobachtete Beatrix mit nicht geringem Interesse, als sie die Nummer unter ungeduldigem »Pah« und »Puh« in sich aufnahm.

»Dein Freund Steele wird doch immer dümmer!« rief sie. »Epsom und Tunbridge! Daß er Epsom und Tunbridge, die Jocastas und Lindamiras und die Stutzer in der Kirche nicht endlich einmal satt bekommt! Warum nennt er seine Frauen nicht Nelly und Betty, mit den Namen, die man ihnen bei der christlichen Taufe gegeben hat?«

»Beatrix, Beatrix!« sagte ihre Mutter. »Scherze nicht über ernste Dinge.«

»Mama glaubt, daß der Katechismus vom Himmel gefallen ist«, sagte Beatrix lachend, »und daß ein Bischof ihn von einem Berg heruntergebracht hat. Ach, was habe ich mich damit gequält! Übrigens habe ich eine katholische Patin gehabt; wie konntest du mir das antun, Mutter?«

»Ich habe dir den Namen der Königin gegeben«, erwiderte ihre Mutter errötend. »Es ist ein sehr hübscher Name«, sagte der dritte, der zugegen war.

Beatrix fuhr fort zu lesen: »Ich schreibe meinen Namen mit Y – was, du Scheusal«, unterbrach sie sich und wandte sich nach Esmond um, »du hast meine Geschichte Herrn Steele erzählt – oder warte, du hast die Zeitung selbst geschrieben, um mich lächerlich zu machen. Pfui, schäme dich!«

Der arme Esmond erschrak und half sich mit einer Wahrheit, die dennoch eine ausgepichte Falschheit war. »Bei meiner Ehre«, sagte er, »ich habe den ›Spectator‹ heute früh noch nicht einmal gelesen.«

Sie fuhr mit ihrer Lektüre fort. Das Blut war ihr zu Kopfe gestiegen. »Nein«, sagte sie, »du kannst es doch nicht geschrieben haben. Ich glaube, Herr Steele hat es getan, als er betrunken war und Angst vor seiner schrecklichen, gewöhnlichen Frau hatte. Immer, wenn mir in seiner Zeitung ein, ganz ungeheuerliches Kompliment an eine Frau begegnet oder ein übertriebener Lobgesang auf die weibliche Tugend, dann bin ich überzeugt, daß er betrunken nach Hause gebracht worden ist und sich über Nacht mit seiner besseren Hälfte in den Haaren gelegen hat, oder daß sie ihn erwischte mit einer ...«

»Beatrix!« rief Lady Castlewood.

»Aber Mama! Schrei doch nicht, ehe man dir weh tut. Ich wollte ja gar nichts Schlimmes sagen. Ich werde dich doch nicht mehr ärgern als irgend nötig ist, meine niedliche kleine Mama. Ja, du hast recht; deine kleine Trix ist eine unartige Trix. Sie tut, was sie besser lassen sollte, und unterläßt, was sie von Rechts wegen tun müßte. Frau Steele – nein, schon gut, ich sage nichts mehr. Ja, ich tue es doch, wenn du mir nicht einen Kuß gibst.« Sie legte die Zeitung hin, lief zu ihrer Mutter und umgaukelte sie mit allerlei Zärtlichkeiten, während ihre Augen deutlicher als Worte Esmond fragten: »Möchtest du nicht, daß ich das angenehme Spiel mit dir treibe?«

»Gewiß, das möchte ich«, sagte er.

»Was möchtest du?« fragte Beatrix.

»Das, was du meintest, als du mich eben so herausfordernd ansahst«, antwortete Esmond.

»Welch ein Märtyrer!« rief Beatrix und lachte.

»Was möchte Harry denn?« fragte Mylady. Die gute Seele war immer darauf bedacht, unsere Wünsche zu erraten, um sie uns wenn möglich zu erfüllen.

»O du dumme kleine Mama«, sagte ihre Tochter und fing von neuem an, sie zu küssen. »Das möchte Harry haben.« Sie brach in lautes, fröhliches Lachen aus, und Lady Castlewood errötete verschämt wie ein sechzehnjähriges Mädchen.

»Sieh, sie an, Harry«, flüsterte Beatrix, kam ihm ganz nahe und sprach in weichem, süßem Ton: »Steht ihr das Erröten nicht gut? Sie sieht jünger aus als ich, und ich weiß, sie ist hunderttausendmal besser als ich.«

Esmonds gute Herrin verließ das Zimmer und nahm die Rosen auf ihren Wangen mit hinaus.

»Wenn uns Mädchen bei Hofe doch solche Rosen wüchsen«, fuhr Beatrix lachend fort, »was täten wir nicht, um sie zu erhalten. Wir schnitten jeden Tag ein Stückchen von ihren Stengeln ab und setzten sie in Salzwasser. Aber solche Blumen blühen nicht in Hampton Court und Windsor, Harry.« Sie hielt einen Augenblick inne; das Lächeln erstarb auf ihrem Gesicht wie ein Sonnenstrahl im April, und ein Tränenschauer drohte. »Ach, wie gut sie ist, Harry!« fuhr sie fort. »Sie ist eine Heilige; ihre Güte erschreckt mich. Ich sollte nicht mit ihr zusammen leben. Ich glaube, ich würde besser sein, wenn sie nicht gar so vollkommen wäre. Sie hat einen großen Kummer in ihrem Leben gehabt und irgendein Geheimnis, das sie sehr bereut. Meines Vaters Tod kann nichts damit zu tun haben; sie spricht ganz unbefangen darüber. Sie kann ihn auch nicht sehr heiß geliebt haben, obwohl man nie weiß, was wir Frauen eigentlich lieben und warum wir lieben.«

»Ja, was und warum«, sagte Esmond.

»Niemand weiß«, fuhr Beatrix fort und zeigte nur durch einen Blick, daß sie seinen Einwurf gehört hatte, »was für ein Leben meine Mutter eigentlich führt. Sie ist heute in aller Frühe beten gegangen. Sie verbringt Stunden allein in ihrem Zimmer. Wenn du ihr jetzt nachgingest, du würdest sie wieder beim Beten finden. Sie pflegt die Armen hier in der Gegend, die scheußlichen, schmutzigen Armen! Sie hört die Predigten des Pfarrers geduldig an, die schrecklichen, langweiligen Predigten! Du siehst ein, solche Menschen, so gut sie sind, passen nicht dazu, mit uns Kindern der Welt umzugehen. Es ist, als wäre immer ein Dritter zugegen, auch wenn ich mit Mutter ganz allein bin. Sie kann nie ganz offen zu mir sein; ihre Gedanken sind immer im Jenseits, und sie fühlt ihren Schutzengel immer um sich. O Harry, ich bin so eifersüchtig auf diesen Schutzengel!« brach sie heftig aus. »Es ist schrecklich, ich weiß es; aber meiner Mutter Leben ist ganz für den Himmel, und mein Leben ist ganz für die Welt; wir können niemals aufrichtige Freunde sein. Dann ist ihr auch Franks kleiner Finger lieber als meine ganze Person, ich weiß es sehr wohl, und dich hat sie auch viel zu lieb; darum hasse ich dich. Ich hätte sie gern ganz für mich allein gehabt; aber sie wollte nicht. Als ich ein Kind war, liebte sie meinen Vater. Wie konnte sie nur? Er war ja ein hübscher guter Mann, aber so dumm, und wenn er Wein getrunken hatte, konnte er nicht ordentlich sprechen. Dann liebte sie Frank. Jetzt liebt sie den Himmel und den Herrn Pfarrer. Wie würde ich sie geliebt haben! Schon als Kind machte mich der Gedanke rasend, daß sie noch andere Götter hatte neben mir. Sie hat euch alle lieber gehabt, euch alle, ich weiß es. Jetzt redet sie von den segensreichen Tröstungen der Religion. Die gute Seele! Sie bildet sich ein, es mache sie glücklicher, wenn sie glaubt, daß wir alle elende, gottlose Sünder sind und daß die Erde für die Guten nur ein Absteigequartier ist wie der große, ungemütliche Gasthof in Hounslow zwischen London und Walcote mit den gräßlichen Betten – erinnerst du dich an die gräßlichen Betten? Am nächsten Morgen aber kommt die Postkutsche und holt sie in den Himmel.«

»Hör auf, Beatrix!« rief Esmond.

»Ja, hör auf! Du bist auch ein Heuchler, Harry, mit deinem würdigen Gebaren und deinem grämlichen Gesicht. Wir sind alle Heuchler. Oh, wir sind alle einsam, einsam, einsam«, sagte die arme Beatrix, und ihre schöne Brust hob sich mit einem Seufzer.

»Ich habe die Zeitung dort geschrieben, liebe Beatrix«, sagte Esmond. »Du bist nicht so weltlich, wie du selbst glaubst, und viel besser, als wir denken. Wir haben kein Vertrauen zu dem Guten, das in uns ist, und das Glück, das wir haben könnten, stoßen wir von uns. Du strebst nach einer großartigen Heirat und einer mächtigen Stellung. Warum? Du wirst ihrer müde werden, wenn du sie erreicht hast. Du wirst nicht glücklicher sein mit einer Krone auf deinem Kutschenschlag ...«

»Als wenn ich auf einem Esel zu Markte ritte«, rief Beatrix, »meinen verliebten Schäfer neben mir. Ich danke bestens!«

»Ich bin ein trauriger Schäfer, gewiß«, entgegnete Esmond und wurde rot, »ich brauche eine Schäferin, die mir das Bett macht und mir Hafergrütze kocht. Aber das könnte schließlich auch Lockwood besorgen. Er hat mich auf seinen Schultern aus der Schlacht getragen und mich so gut gepflegt, wie es die Liebe wohl selten tun wird. Guter Lohn, die Hoffnung auf meine Kleider und den Inhalt meines Mantelsacks genügten ihm. Wie lange hat Jakob um Rahel gedient?«

»Um Mama?« fragte Beatrix. »Ist es Mama, um die Euer Ehren wirbt, und werde ich so glücklich sein, dich Papa nennen zu dürfen?«

Esmond wurde von neuem rot.

»Ich spreche von einer Rahel, um die ein Schäfer vor fünftausend Jahren geworben hat. Damals waren die Schäfer langlebiger als heutzutage. Seit ich dich zum erstenmal nach unserer Trennung wiedersah – du warst noch ein Kind ...«

»Und ich hatte meine schönsten Strümpfe angezogen, um dich zu bezaubern; ich erinnere mich genau ...«

»Seitdem gehört dir mein Herz, und von keiner anderen Frau habe ich je etwas wissen wollen. Um den bescheidenen Ruhm, den ich mir erwarb, habe ich deinetwegen gekämpft. Viel ist er freilich nicht wert. Hundert Narren in der Armee haben ebensoviel davon errungen und haben ihn ebensogut verdient als ich. Hat uns denn die Luft in dem unseligen alten Schlosse Castlewood so finster, so unbefriedigt und einsam gemacht? Wir waren alle so; selbst wenn wir zusammen und einig um den Tisch saßen, ein Herz und eine Seele, wie es schien, hatte doch jeder seine besonderen Pläne im Sinn.«

»Das liebe, trostlose alte Schloß!« rief Beatrix. »Mama hat es nicht übers Herz bringen können, wieder hinzugehen seit – ach wie vielen Jahren!« Und sie warf ihre Locken zurück und sah über ihre schöne Schulter weg mit königlicher Gebärde in den Spiegel, als wollte sie sagen: Ich trotze dir, Zeit!

»Ja«, meinte Esmond, der, wie sie zugeben mußte, die Gabe besaß, ihre Gedanken zu erraten, »du kannst es dir noch leisten, in den Spiegel zu sehen. Die Wahrheit, die er dir sagt, kann dir nur angenehm sein. Weißt du, welche Pläne ich dagegen für mich habe? Ich denke daran, Frank um das Land in Virginia zu bitten, das König Karl unserem Großvater verlieh.« Sie machte eine feierliche Verbeugung, als wollte sie sagen: Unser Großvater, wahrhaftig! Ich danke, Herr Bastard. »Ja, ich weiß, du denkst an den Querbalken in meinem Wappen, ich denke auch daran. Hierzulande kann ein Mann nicht darüber hinwegkommen, es sei denn, er trägt ihn quer über ein Königswappen; dann ist er ein höchst ehrenwertes Zeichen. Ich will mich in die Kolonien zurückziehen, will mir in den Wäldern einen Wigwam bauen und mir vielleicht, wenn es gar zu einsam ist, eine Indianerin zugesellen. Wir werden Euer Gnaden für den Winter schöne Pelze schicken; und wenn Sie einmal eine alte Frau sind, werden wir Sie mit Schnupftabak versorgen. Ich bin nicht klug genug oder nicht schlecht genug – ich weiß nicht, welches von beiden –, um in der Alten Welt meinen Weg zu machen. In der Neuen Welt kann ich mir vielleicht einen Platz schaffen und eine Familie gründen; dort ist es nicht so voll wie hier. Wenn du einmal selbst Kinder hast und eine große Dame bist, dann schicke ich dir vielleicht einen kleinen Barbaren herüber, der halb Esmond, halb Mohikaner ist. Du wirst freundlich gegen ihn sein um seines Vaters willen, der doch immerhin dein Vetter war und den du doch ein klein wenig liebgehabt hast.«

»Was schwatzest du für Unsinn, Harry!« sagte Beatrix und starrte ihn mit großen Augen an.

»Es ist mein voller Ernst«, entgegnete Esmond. Er hatte sich allerdings mit dem Plan seit einiger Zeit sehr gründlich beschäftigt, besonders da ihm nach seiner Heimkehr endgültig klarwurde, daß seine Leidenschaft ebenso hoffnungslos wie erniedrigend für ihn war. »Ich habe es nun oft genug versucht«, fuhr er fort. »Ich kann es sehr gut ertragen, von dir getrennt zu sein; aber mit dir zusammen zu leben, ist unerträglich.« Sie machte wieder eine feierliche Verbeugung. »Darum will ich fortgehen. Ich habe Geld genug, um Äxte und Flinten für meine Leute und Glasperlen und bunte Tücher für die Wilden zu kaufen.«

»Mon ami«, sagte sie ganz freundlich und griff mit einem Ausdruck tiefen Mitgefühls nach seiner Hand, »du kannst doch unmöglich im Ernst glauben, daß zwischen uns etwas anderes als Freundschaft möglich ist. Du bist unser älterer Bruder, als solchen sehen wir dich. Dein Mißgeschick bedauern wir, ohne es dir vorzuwerfen. Du bist ja alt und würdig genug, um unser Vater zu sein. Ich habe dich immer für hundertjährig gehalten, Harry, mit deinem feierlichen Gesicht und ernsten Wesen. Ich fühle wie eine Schwester für dich; mehr kann ich nicht tun. Genügt dir das nicht?« Und sie neigte ihre Wange an die seine – wer weiß, mit welcher Absicht?

»Es wird zuviel für mich«, sagte Esmond und wandte sich ab. »Ich kann dieses Leben nicht länger ertragen, und darum will ich fortgehen. Ich warte noch, bis du verheiratet bist, dann werde ich ein Schiff ausrüsten, werde es ›Beatrix‹ nennen und werde euch allen Lebewohl ...«

In diesem Augenblick erschien der Diener und meldete Seine Gnaden den Herzog von Hamilton. Esmond fuhr zusammen, und seine Lippen murmelten etwas wie eine Verwünschung. Der Herzog sah prächtig aus mit seinem Stern am grünen Band. Er grüßte Esmond mit derselben leichten Anmut, mit der er einem Lakaien für einen Stuhl gedankt hätte. Er setzte sich neben Beatrix, und der arme Oberst zog sich verstört vom Schauplatz zurück.

Er traf auf Mylady, als er die Treppe hinunterging. Sie kam ihm oft entgegen, wenn er bei Beatrix gewesen war, und nahm ihn mit sich in das untere Zimmer.

»Hat sie es dir erzählt, Harry?« fragte sie.

»Sie ist sehr offen gewesen, sehr offen«, antwortete Esmond.

»Ich meine – ich meine, das was geschehen wird?«

»Was wird geschehen?« fragte er, und sein Herz klopfte.

»Seine Gnaden der Herzog von Hamilton hat um sie angehalten«, sagte Mylady. »Gestern hat er seinen Antrag gemacht. Sie wollen heiraten, sobald seine Trauer vorüber ist. Du hast gewiß gehört, daß Seine Gnaden zum Gesandten in Paris ernannt worden ist. Die Gesandtin wird mit ihm gehen.«

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