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William Makepeace Thackeray: Henry Esmond - Kapitel 29
Quellenangabe
typefiction
authorWilliam Makepeace Thackeray
titleHenry Esmond
publisherAufbau-Verlag
year1953
translatorElse von Schorn
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150118
projectid5785aa0d
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Dreizehntes Kapitel
Ich begegne in Flandern einem alten Bekannten, finde dort meiner Mutter Grab und meine eigene Wiege

Eines Tages, als er in der Kirche von St. Gudule zu Brüssel die Pracht der alten Architektur bewunderte – er hegte noch immer viel Liebe und Verehrung für die Mutterkirche, die in England so schlimm verfolgt worden ist, wie sie selbst in ihrer Blütezeit andere verfolgte –, fiel Esmond an einem der Seitenaltäre ein Offizier in grüner Uniform auf, der in Andacht ganz versunken war. Die Gestalt und Haltung des knienden Mannes kamen ihm bekannt vor; als er sich erhob und ein kleines schwarzes Brevier, wie es Priester zu tragen pflegen, in die Tasche steckte, konnte Esmond sein Gesicht sehen. Es war dem seines alten Freundes und Lehrers, Pater Holt, so ähnlich, daß er in einen Ruf des Erstaunens ausbrach und sich dem Herrn, welcher dem Ausgang zuschritt, unwillkürlich näherte. Der deutsche Offizier sah auch überrascht aus, als er Esmond erblickte, und das Blut schoß ihm ins bleiche Gesicht. Dieses Zeichen des Erkennens nahm Esmond den letzten Zweifel, und obwohl der andere nicht stehenblieb, sondern im Gegenteil hastig auf die Tür zueilte, ging er ihm nach und holte ihn ein, als der Offizier sich mit Weihwasser besprengte und mechanisch dem Altar zuwandte, um sich zu verneigen, ehe er das heilige Gebäude verließ.

»Mein Vater!« sagte Esmond auf englisch.

»Still! Ich verstehe nicht. Ich spreche nicht Englisch«, antwortete der andere auf lateinisch.

Esmond lächelte über seine Verwirrung und entgegnete in derselben Sprache: »Ich würde meinen Lehrer in jeder Verkleidung erkennen, schwarz oder weiß, bärtig oder rasiert«, denn der Pater war ganz militärisch herausstaffiert und hatte einen Schnurrbart wie ein Pandur.

Er lachte. Wir gingen die Kirchentreppe hinunter durch das Gewühl der Bettler, die dort um Almosen winseln und kleinen Kram zum Verkauf anbieten. »Du sprichst Lateinisch auf die englische Art, Harry Esmond«, sagte er. »Du hast die gute alte römische Art aufgegeben, die du einst beherrschtest.« Sein Ton war unbefangen und freundlich, dieselbe gütige Stimme wie vor fünfzehn Jahren. Er gab dem jungen Mann bei seinen Worten die Hand.

»Andere haben sogar den Rock gewechselt, mein Vater«, sagte Esmond mit einem Blick auf seines Freundes Uniform.

»Still! Ich bin Hauptmann von Holtz, im Dienst des bayrischen Kurfürsten, Überbringer einer Botschaft an Seine Hoheit den Prinzen von Savoyen. Du kannst ein Geheimnis bewahren; das weiß ich von alten Zeiten her.«

»Hauptmann von Holtz«, sagte Esmond, »ich bin Ihr ergebener Diener.«

»Du hast deinen Rock auch gewechselt«, fuhr der andere in seiner scherzenden Art fort. »Ich habe von deinen Taten in Cambridge gehört; denn wir haben überall Freunde. Man hat mir erzählt, daß Herr Esmond ein schlechter Theologe, aber ein guter Fechter war.«

Dann war also mein alter Fechtmeister wirklich ein Jesuit, wie immer behauptet wurde, dachte Esmond im stillen.

Der andere las seine Gedanken, ganz wie in längst vergangenen Tagen. »Vielleicht hast du recht«, sagte er. »Du bist bei Blenheim an der linken Schulter schwer verwundet worden«, fuhr er fort. »Du bist vor Vigo gewesen als Adjutant des Herzog von Ormond. Du hast deine Kompanie nach dem Tage von Ramillies bekommen. Dein General und der Fürst-Herzog sind nicht gut Freund miteinander, er ist einer der Webbs von Lydiard Tregoze aus der Grafschaft York und ein Verwandter von Lord John. Dein Vetter, Herr von Castlewood, hat seinen ersten Feldzug bei der Garde mitgemacht. Du siehst, ich weiß allerlei.«

Jetzt lachte Hauptmann Esmond. »Sie wissen allerdings merkwürdig viel«, sagte er. Es war eine Schwäche von Herrn Holt, der vielleicht mehr über Bücher und Menschen wußte als irgendein anderer Mann, den Esmond je kennenlernte, daß er sich für allwissend hielt. So hatte er hier in jedem Punkt, den er zu wissen vorgab, fast recht, aber doch nicht ganz. Esmonds Wunde war auf der rechten, nicht auf der linken Seite; sein erster Vorgesetzter war General Lumley, nicht der Herzog von Ormond, Herr Webb stammte aus Wiltshire und nicht aus Yorkshire. Esmond fand es nicht schicklich, seinen alten Lehrer wegen dieser kleinen Irrtümer zu verbessern; aber sie zeigten ihm dessen Charakter in einem neuen Licht. Er lächelte bei dem Gedanken, daß dieser Mann das Orakel seiner Kindheit gewesen. Er schien ihm jetzt nicht mehr unfehlbar und gottgesandt.

»Ja«, fuhr Pater Holt oder Hauptmann von Holtz fort, »für einen, der seit acht Jahren England nicht betreten hat, weiß ich recht gut, was in London vorgeht. Der alte Dechant, Lady Castlewoods Vater, ist tot. Weißt du, daß eure nonkonformistischen Bischöfe ihn zum Bischof von Southampton weihen wollten und daß Collier durch dieselbe Weihe Bischof von Thetford ist? Prinzessin Anna hat die Gicht und ißt zuviel. Wenn der König zurückkommt, wird Collier Erzbischof werden.«

»Amen!« sagte Esmond lachend. »Ich hoffe, Eure Eminenz wird dann in roten Strümpfen und nicht in Stulpenstiefeln in Whitehall erscheinen.«

»Du bist immer für uns – ich weiß das –, ich hörte davon, als du in Cambridge warst. Der verstorbene Graf war auch der Unsere, und der junge Graf denkt wie sein Vater.«

»Und ich denke wie mein Vater«, sagte Esmond und blickte den anderen fest und ruhig an. Der aber ließ nicht das leiseste Zeichen des Verständnisses in seinen undurchdringlichen grauen Augen sehen. Wie vertraut waren Harry diese Augen und ihr Blick! Nur feine Krähenfüße zogen sich jetzt rund um sie, Spuren der bösen Jahre, die sich dort festgesetzt hatten.

Esmonds Gesicht blieb ebenso ausdruckslos wie das des Jesuiten. Vielleicht huschte über beide ein flüchtigster Schimmer des Verstehens, wie ein Bajonett im Hinterhalt aufblitzt.

Aber beide Parteien wichen zurück, und alles war wieder dunkel.

»Und Sie, mon capitaine, wo sind Sie gewesen?« fragte Esmond und lenkte die Unterhaltung von dem gefährlichen Boden weg, auf dem keiner von beiden vorgehen mochte.

»Ich kann in Peking gewesen sein«, antwortete er, »aber auch in Paraguay; wer weiß? Ich bin jetzt Hauptmann von Holtz, im Dienst des bayrischen Kurfürsten, und bin hier, um über den Austausch von Gefangenen mit Seiner Hoheit dem Prinzen von Savoyen zu verhandeln.«

Es war allgemein bekannt, daß viele Offiziere unserer Armee dem jungen König in Saint-Germain sehr wohlgesinnt waren. Sein Recht auf den Thron war nicht anzuzweifeln, und der weitaus größte Teil des englischen Volkes hätte ihn dort nach dem Tode seiner Schwester lieber gesehen als einen unbedeutenden deutschen Fürsten, über dessen Grausamkeit, Habgier, bäurische Manieren und verhaßte ausländische Sitten tausend Geschichten in Umlauf waren. Es verwundete den englischen Stolz, daß ein schäbiger deutscher Herzog, dessen Einkünfte nicht halb so groß waren wie die vieler Fürsten unseres alten Adels, ein Mensch, der unsere Sprache nicht beherrschte und den wir uns gern als germanischen Bären vorstellten, der sich von Tran und Sauerkraut nährt und ein Rudel Mätressen in einer Scheune hält, über das stolzeste und kultivierteste Volk der Welt regieren sollte. Wir, die Besieger des großen Königs, sollten uns einer so unwürdigen Herrschaft beugen? Was bedeutete uns der Protestantismus des Hannoveraners? War es nicht bekannt – es wurde uns so erzählt, und wir glaubten schließlich daran –, daß eine Tochter dieses protestantischen Helden ganz ohne Religion erzogen wurde, so daß sie lutherisch oder römisch werden konnte, je nach dem Gatten, den ihre Eltern für sie auftreiben würden? Dieses alberne und verleumderische Geschwätz machte an hundert Kasinotafeln der Armee die Runde, es gab kaum einen Fähnrich, dem es nicht zu Ohren kam und der es nicht verbreitete. Und jeder wußte oder behauptete zu wissen, daß selbst der Oberbefehlshaber Beziehungen zu seinem Neffen, dem Herzog von Berwick, unterhielt – Gott sei Dank war es ein Engländer, der uns bei Almanza geschlagen hatte –, und daß Seine Gnaden selbst am eifrigsten sei, dem königlichen Geschlecht seiner Wohltäter zum Thron zu verhelfen und seinen einstigen Verrat wiedergutzumachen.

So viel allerdings ist gewiß, daß während einer beträchtlichen Zeit kein Offizier der englischen Armee die Gunst seines obersten Kriegsherrn verlor, wenn er sich laut zu der vertriebenen Königsfamilie bekannte. Als sich der Chevalier de St. George, wie sich der König von England nannte, mit den Herzögen aus dem französischen Königshaus zur französischen Armee unter Vendosme begab, haben ihn Hunderte von den Unseren gesehen und ihm zugejubelt. Aber der Chevalier wußte sehr wohl, und alle anderen wußten es auch, daß alle Zuneigung unserer Truppen und ihres Generals zur Person des Prinzen verstummte, sobald die Heere sich in der Schlacht gegenüberstanden. Wo immer der Herzog eine französische Armee fand, da bekämpfte und schlug er sie. So geschah es auch in Oudenaarde, zwei Jahre nach Ramillies, wo Seine Gnaden einen neuen glänzenden Sieg erfocht. Der Chevalier de St. George, der tapfer bei der prächtigen Maison du Roy mitkämpfte, sandte nach dem Gefecht seinen Besiegern einen Glückwunsch.

In dieser Schlacht, bei der der junge kurfürstliche Prinz von Hannover in unseren Reihen focht und sich durch großen Mut auszeichnete, erwarb sich Esmonds geliebter General Webb neue Lorbeeren. Er entfaltete eine vollendete Geschicklichkeit und Geistesgegenwart als Führer und focht mit der persönlichen Tapferkeit eines einfachen Soldaten. Esmond wurde wieder vom Glück begünstigt, er kam unverwundet davon, während beinahe ein Drittel seines Regimentes auf dem Schlachtfeld blieb; er hatte die Ehre, im Bericht seines Vorgesetzten lobend erwähnt und zum Rang eines Majors befördert zu werden. Wir brauchen von der Schlacht nichts weiter zu erzählen. In jeder Zeitung ward sie beschrieben, in jeder Hütte im Land besprochen. Wir wollen zu des Schreibers persönlicher Geschichte zurückkehren, die er hier als alter Mann für seine Kinder und Kindeskinder erzählt. Vor Oudenaarde und nach jenem zufälligen Treffen mit Kapitän von Holtz in Brüssel verstrich mehr als ein Jahr, und während dieser Zeit kamen der Jesuitenhauptmann und der Füsilierhauptmann viel zusammen. Pater Holt machte Esmond gegenüber, dessen Verschwiegenheit er von früher her kannte, kein Geheimnis daraus, daß der Gefangenenunterhändler des bayrischen Kurfürsten eigentlich ein Agent von Saint-Germain war und die Verständigung zwischen großen Persönlichkeiten in unserem Lager und im französischen vermittelte. »Mein Geschäft«, sagte er, »ich gebe dir das offen zu, weil ich dir vertraue, und deine scharfen Augen haben es auch schon durchschaut, betrifft den König von England und seine Untertanen, die hier gegen den französischen König kämpfen. Den Streit zwischen euch und den Franzosen können alle Jesuiten der Welt nicht verhindern; kämpft ihn aus, ihr Herren. Ich aber sage: St. George für England – und du weißt, wer ebenso denkt, wo immer er auch sein mag.«

Ich glaube, Holt liebte es, mit Geheimnissen zu paradieren, und pflegte bei uns plötzlich aufzutauchen und zu verschwinden, wie früher in Castlewood. Er hatte Pässe für beide Armeen und schien fast alles zu wissen, was im französischen und englischen Feldlager vorging, nur mit der Ungenauigkeit, an der des guten Paters Allwissenheit litt.

Den einen Tag brachte er Esmond Neuigkeiten von einem großen Fest im französischen Lager, einem Abendessen bei Monsieur de Rohan mit Theater, Konzert und Maskenball, der König sei von dort in Marschall Villars eigenes Landhaus gefahren. Ein andermal wieder berichtete er über Seiner Majestät Wechselfieber: der König hätte seit zehn Tagen keinen Anfall mehr gehabt und befinde sich leidlich wohl.

Hauptmann von Holtz stattete um diese Zeit auch England einen Besuch ab, so eifrig war er auf den Austausch der Gefangenen bedacht. Nach dieser Reise fing er an, offener gegen Esmond zu werden, und machte ihm bei verschiedener Gelegenheit jene Geständnisse, die hier zusammengefaßt aufgezeichnet sind.

Ein Besuch bei Esmonds Tante, der Gräfin-Witwe in Chelsea, hatte dies erhöhte Zutrauen herbeigeführt. Er hatte dort erfahren, daß der junge Mann das Geheimnis seiner Familie kenne und fest entschlossen sei, keinen Gebrauch davon zu machen. Diese Tatsache hob Esmond sehr in den Augen seines alten Lehrers, wie er ihm zu sagen geruhte, und er bewunderte die Selbstverleugnung seines Schülers sehr.

»Die Familie in Castlewood hat sehr viel mehr für mich getan als meine eigene Familie«, sagte Esmond. »Ich würde mein Leben für sie hingeben. Warum soll ich ihnen die einzige Wohltat versagen, die ich ihnen erweisen kann?«

Die Augen des guten Paters füllten sich bei diesen Worten mit Tränen, während sie dem, der sie sprach, sehr selbstverständlich erschienen. Er umarmte Esmond, sagte, Harry sei ein noble cœur, er sei stolz auf ihn und liebe ihn als Schüler und als Freund. Er bedauere mehr denn je, daß er ihn habe so früh verlassen müssen; denn damals habe er Einfluß auf ihn gehabt, würde ihn der alleinseligmachenden Kirche gewonnen und zum Kämpfer der vornehmsten Armee auf Erden gemacht haben. Damit meinte er die Gesellschaft Jesu, zu deren Truppen, wie er sagte, die größten Helden der Welt gehörten, Krieger, die alles wagten und alles ertrugen, Soldaten, die glänzendere Siege erfochten als die größten Heerführer, die Nationen vor dem Kreuzesbanner auf die Knie zwangen, die sich Kronen von ewigem Glanz und Ehrensitze im Himmel erkämpften.

Esmond war dankbar für die Anerkennung seines alten Freundes, wenn er auch in die Begeisterung des Jesuiten nicht einstimmen konnte. »Ich habe auch über diese Frage nachgedacht«, sagte er, »und habe sie mit mir selbst ausgefochten, wie es alle Menschen tun müssen. Ich hoffe, teurer Pater«, und er nahm des andern Hand, »daß mein Weg mich ebensogut zum Rechten führt wie Sie der Ihre. Wäre ich als Kind noch sechs Monate länger unter Ihrer Hut geblieben, dann hätte ich mir keinen anderen Weg als den Ihren gewünscht. Ich habe in Castlewood oft in mein Kissen geweint, wenn ich Ihrer gedachte. Ich hätte sehr leicht ein Bruder Ihres Ordens werden können, vielleicht sogar ein ordinierter Priester mit einem Schnurrbart in bayrischer Uniform«, schloß Esmond lächelnd.

»Mein Sohn«, sagte Pater Holt und wurde rot, »in Sachen der Religion und des Königs sind alle Verkleidungen ehrenhaft.«

»Ja«, unterbrach ihn Esmond, »alle Verkleidungen sind ehrenhaft, sagen Sie; und ich sage, alle Uniformen sind ehrenhaft, ob schwarz oder rot, schwarze Kokarde oder weiße, Tressenhut oder der Sombrero, unter dem die Tonsur steckt. Ich kann nicht glauben, daß der heilige Franz Xavier auf seinem Mantel übers Meer segelte und Tote erweckte. Ich habe es versucht, ich war einmal nahe daran, es zu glauben, aber ich kann es nicht. Lassen Sie mich auf meine Art das Rechte tun und auf das Beste hoffen.«

Esmond wollte des guten Paters Theologie ein für allemal zum Schweigen bringen, und es gelang ihm. Der andere seufzte über seines Schülers unbesiegbare Unwissenheit, entzog ihm aber seine Liebe nicht und schenkte ihm das weitgehendste Vertrauen, dessen ein Priester fähig ist. Er war wohl vertrauensseliger als andere seines Standes, denn er war von Natur schwatzhaft und hörte sich gern sprechen.

Holts Freundschaft ermutigte Esmond, ihn um Nachrichten über seine arme Mutter zu bitten, die er nie gesehen hatte, die ihm aber so oft in seinen Träumen erschienen war. Er beschrieb dem Priester alle Umstände beim Tode seines Herrn, das Geständnis, das dieser ihm gemacht, das Versprechen, das er ihm gegeben. Er beschwor ihn, doch alles zu sagen, was er über die unglückliche Frau wisse, der das Kind so früh genommen wurde.

»Sie war hier aus der Stadt gebürtig«, sagte Holt und zeigte Esmond die Straße, wo ihr Vater gelebt hatte und wo, wie er glaubte, die Tochter geboren war. »Im Jahre 1676, als dein Vater, Hauptmann Thomas Esmond, im Gefolge des späteren Königs Jakob, damaligen Herzogs von York, nach Brüssel kam, sah er deine Mutter, verfolgte und verführte sie. Er hat mir später oft erzählt, worüber ich mich damals verpflichtet fühlte zu schweigen, daß sie eine tugendhafte, zärtliche Frau gewesen sei, ein liebevolles, treues Geschöpf. Er nannte sich damals Hauptmann Thomas, denn er hatte guten Grund, sich seines Betragens gegen sie zu schämen, sprach auch immer mit aufrichtiger Reue davon und mit zärtlicher Liebe von den guten Eigenschaften der Frau. Er gab zu, daß er sie schlecht behandelt habe; sein Leben sei damals Ausschweifung, Spiel und Armut gewesen. Sie wurde schwanger; die Eltern verfluchten sie, als sie es entdeckten; aber sie machte dem Urheber ihres Elends keine Vorwürfe, es sei denn durch unwillkürliche Tränen und den Kummer, der sich in ihren Zügen malte.

Hauptmann Thomas, wie er sich nannte, wurde in einer Spielhölle in eine Schlägerei verwickelt. Die Folge war ein Duell und eine so schwere Verwundung, daß der Arzt erklärte, es sei um ihn geschehen. Gequält von Gewissensbissen und im Glauben, daß er sterben müsse, sandte er nach einem Priester von St. Gudule, jener Kirche, wo wir uns getroffen haben, und ließ sich noch am selben Tage, nachdem er sich zu unserem Glauben bekannt hatte, mit deiner Mutter trauen. Das war wenige Wochen vor deiner Geburt. Du wurdest in St. Gudule von demselben Priester, der die Trauung vollzogen hatte, auf den Namen Henry Thomas getauft. Deine Eltern stehen im Kirchenbuch als E. Thomas, englischer Offizier, und Gertrud Maes. Du siehst, daß du von Geburt an zu uns gehörst, und kennst jetzt den Grund, warum ich dich nicht taufte, als du in Castlewood mein lieber kleiner Schüler wurdest.

Zur Überraschung der Ärzte heilte deines Vaters Wunde; vielleicht trug sein erleichtertes Gewissen zu seiner Genesung bei. Aber mit der Gesundheit kehrte auch seine Schlechtigkeit zurück. Er war des armen Mädchens, das er zugrunde gerichtet hatte, müde. Als sein Onkel, der alte Graf, ihm aus England etwas Geld schickte, schützte er Geschäfte vor, versprach bald wiederzukommen und ließ sich nie wieder in Brüssel sehen.

Er hat mir in der Beichte gestanden, hat aber auch später vor deiner Tante, seiner Frau, davon gesprochen – ich würde es dir sonst nicht erzählen dürfen –, daß er an die arme Gertrud Maes oder richtiger Gertrud Esmond nach seiner Ankunft in London ein heuchlerisches Geständnis geschrieben habe, daß er schon in England verheiratet gewesen sei, daß er gar nicht Thomas heiße und daß er soeben auf die Pflanzungen nach Virginia auswandern wollte, wo deine Familie tatsächlich durch eine Schenkung von König Karl dem Ersten Landbesitz hat. Er sandte ihr mit dem Brief eine Summe Geldes, die Hälfte seiner letzten hundert Guineen, bat sie um Verzeihung und sagte ihr Lebewohl.

Die arme Gertrud kam nie auf den Gedanken, der Inhalt dieses Briefes möge ebenso verlogen sein wie alles andere, was dein Vater gesagt und getan. Aber obgleich ein junger Mann ihres eigenen Standes, der um ihre Geschichte wußte und den sie gern gehabt hatte, ehe sie die verhängnisvolle Bekanntschaft des englischen Herrn machte, sich bereit erklärte, sie zu heiraten und dich als sein Kind anzunehmen und dir seinen Namen zu geben, verweigerte sie ihm ihre Hand. Sie erregte dadurch den Zorn ihres Vaters, der sie wieder zu sich genommen hatte. Sie wagte im Hause ihrer Eltern den Kopf nicht mehr aufrecht zu tragen; denn sie war dort nach ihrem Fall die Zielscheibe fortgesetzter Kränkungen. Als ein paar fromme Damen, die sie kannte, sich erboten, eine kleine Pension für sie zu bezahlen, ging sie darum in ein Kloster, und du wurdest zu einer Amme getan.

Die Person, der du anvertraut wurdest, die Schwester des jungen Burschen, der dich an Sohnes Statt annehmen wollte, war eine Cousine deiner Mutter. Sie hatte gerade ein eigenes Kind verloren und freute sich, dich zu nähren, denn deine eigene Mutter war zu krank und schwach. Sie gewann dich bald so lieb, daß sie es sogar ungern sah, wenn man dich ins Kloster zu der armen Gertrud brachte, wo die Nonnen das kleine Kindchen verhätschelten, dessen Mutter sie liebten und bemitleideten. Gertruds Neigung zum Klosterleben wurde mit jedem Tag stärker, und nach zwei Jahren wurde sie als Schwester in den Orden aufgenommen.

Die Familie deiner Amme stammte aus Frankreich und betrieb die Seidenweberei. Sie kehrte nach Arras im französischen Flandern zurück, kurz ehe deine Mutter das Gelübde ablegte, und nahm dich, damals drei Jahre alt, mit sich. Arras wimmelte damals von Protestanten, und der alte Pastoureau, der Vater deiner Amme, trat hier mit seinem ganzen Hause zur reformierten Kirche über. Dann kam das Edikt Seiner Allerchristlichsten Majestät des französischen Königs und vertrieb die Familie nach London, wo sie ihre Webstühle in Spittlefields aufstellte. Der alte Mann brachte etwas Vermögen mit; sein Gewerbe führte er fort, doch der Verdienst war armselig genug. Er war Witwer; seine Tochter, die auch verwitwet war, führte ihm das Haus, und er arbeitete mit seinem Sohn zusammen an den Webstühlen. Indessen hatte dein Vater kurz vor König Karls Tod seinen Übertritt zur katholischen Kirche öffentlich bekannt, hatte sich mit dem Grafen Castlewood ausgesöhnt und dessen Tochter geheiratet.

Es traf sich, daß der junge Pastoureau, als er ein Stück Brokat zu dem Seidenhändler trug, der ihn beschäftigte, bei Ludgate Hill seinem alten Rivalen begegnete, der dort aus einem Wirtshaus trat. Pastoureau erkannte deinen Vater sofort, packte ihn am Kragen und schalt ihn einen elenden Schuft, der seine Braut verführt und sie und ihren Sohn im Stich gelassen habe. Herr Thomas Esmond hatte den jungen Pastoureau auch sofort erkannt, beschwor ihn, sich zu beruhigen, kein Aufsehen zu erregen und ihm in das Wirtshaus zu folgen, das er gerade verlassen hatte. Dort werde er ihm jede gewünschte Erklärung geben. Pastoureau trat ein und hörte, wie der Wirt dem Kellner befahl, Herrn Thomas in ein Zimmer zu führen. Dein Vater wurde in den Wirtshäusern, in denen er verkehrte und die nicht gerade vom besten Ruf waren, höchst vertraulich beim Vornamen genannt.

Ich muß dir gestehen, daß Hauptmann Thomas, oder der spätere Graf von Castlewood, niemals um eine Geschichte verlegen war, wenn es galt, sich herauszureden. Er konnte einer Frau oder einem Gläubiger mit einer so unglaublich harmlosen Miene und einer so überwältigenden Beredsamkeit etwas vorlügen, daß mancher Geldgeber zum Narren gehalten wurde. Seine Geschichten gewannen an Wahrscheinlichkeit, je weiter er sie ausspann. Er brachte mit verblüffender Schnelligkeit eine Tatsache mit der anderen in Übereinstimmung. Es erforderte – verzeih mir meine Offenheit – eine sehr lange und gründliche Bekanntschaft mit deinem Vater, um unterscheiden zu können, wann Mylord log und wann er die Wahrheit sprach.

Er erzählte mir unter Gewissensqualen, wenn er krank war – denn Todesfurcht erzeugte augenblicklich Reue in ihm –, unter schallendem Gelächter, wenn er gesund war – denn er hatte sehr viel Sinn für Humor –, wie er in einer halben Stunde und ehe die erste Flasche geleert war, den armen Pastoureau völlig geprellt hatte. Die Verführung gab er zu, die war nicht zu leugnen. Er hatte Tränen immer zur Verfügung und vergoß sie reichlich, um seinen gutgläubigen Zuhörer zu erweichen. Er weinte noch heftiger um deine Mutter als Pastoureau selbst, der, wie Mylord mir berichtete, herzbrechend schluchzte, der arme Bursche. Hauptmann Thomas schwor bei seiner Ehre, er habe zweimal Geld nach Brüssel geschickt, und nannte den Kaufmann, bei dem es für Gertrud bereitlag. Er wußte nicht einmal, ob das Kind wirklich geboren, ob die Mutter lebte oder tot war, hörte sich diese Tatsachen aber leicht aus des ehrlichen Pastoureau Antworten heraus. Als er erfuhr, daß Gertrud im Kloster sei, erklärte er, seine Tage auch im Kloster beschließen zu wollen, im Fall er seine Frau überlebe. Er hasse sie. Sie sei ihm von einem grausamen Vater aufgezwungen worden. Als Pastoureau ihm erzählte, daß Gertruds Knabe am Leben und tatsächlich in London sei, ›da‹, so sagte er mir, ›kam mir ein Einfall, denn Isabella erwartete ihre Niederkunft, und ich dachte, daß ich nun ein schönes Mittel in der Hand hatte, dem alten Tropf, meinem Schwiegervater, zu drohen, falls er mir einmal nicht zu Gefallen sein sollte‹.

Dem guten Pastoureau aber drückte er die innigste Dankbarkeit aus für alles, was seine Familie an dem Kind getan hatte: du warst damals fast sechs Jahre alt. Er äußerte den Wunsch, das liebe Kind sofort zu besuchen; da hatte ihm Pastoureau jedoch rundheraus erklärt, er und seine Familie wollten sein Unglücksgesicht nicht in ihren vier Wänden sehen. Er könne den Knaben haben, wenn sie ihn auch sehr ungern von sich lassen würden; sie würden für des Knaben Erziehung Geld nehmen, wenn er es gäbe, denn sie seien arm; sie würden ihn aber auch weiter so aufziehen, allein mit Gottes Hilfe, wie sie es bisher getan, nur ihr Haus solle er nicht betreten. Mylord hatte sofort seufzend eingewilligt: ›So ist es wohl das beste, wenn das liebe Kind bei den Freunden bleibt, die ihm so viel Güte erwiesen haben.‹ Mir gegenüber pflegte er dann ehrlich des Webers Betragen zu loben und zu bewundern und gab zu, daß der Franzose ein anständiger Kerl und er, Mylord, dem Gott gnädig sein möge, ein trauriger Schurke sei.

Dein Vater«, fuhr Herr Holt fort, »war freigebig mit Geld, wenn er welches hatte, und da er durch eine Zahlung seines Schwiegervaters an diesem Tag gerade gut bei Kasse war, gab er dem Weber sehr bereitwillig zehn Guineen. Er versprach ihm weitere Beträge und schrieb Pastoureaus Namen und Adresse in sein Notizbuch. Als der andere um des Herrn Hauptmanns Adresse bat, sagt er ohne Zögern: ›New Lodge, Penzance, Cornwall.‹ Er gab vor, nur für ein paar Tage in London zu sein, um Vermögenssachen seiner Frau zu erledigen, beschrieb sie als ein zänkisches Weib, wenn auch von gutmütigem Charakter, und sprach von seinem Vater als von einem kränklichen alten Landedelmann, bei dessen Tode er auf eine hübsche Erbschaft hoffe. Er versprach, die edlen Wohltäter seines Kindes dann reichlich zu belohnen und für den Knaben zu sorgen. ›Und bei Gott‹, sagte er zu mir in seiner bizarr scherzenden Art, ›ich bestellte bei dem Burschen ein Stück Brokat von demselben Muster, das er unter dem Arm trug, und habe es meiner Frau für einen Morgenrock geschenkt, in dem sie nach ihrem Wochenbett Besuche empfangen hat.‹

Deine kleine Pension wurde sehr regelmäßig bezahlt, und als dein Vater Graf von Castlewood geworden war, wurde ich damit betraut, ein Auge auf dich zu haben. Es geschah auf meinen Rat, daß man dich nach Hause holte. Deine Pflegemutter war gestorben. Ihr Vater heiratete eine Frau, die sich mit seinem Sohn nicht vertrug. Der treue Mensch kehrte nach Brüssel zurück, um der Frau nahe zu sein, die er liebte, und starb dort ein paar Monate vor ihrem Tode. Willst du ihr Grab auf dem Klosterfriedhof sehen? Die Äbtissin ist ein altes Beichtkind von mir und bewahrt noch immer eine zärtliche Erinnerung an Schwester Maria Magdalena.«

An einem sonnigen Frühlingsabend betrat Esmond den Friedhof und fand unter Hunderten von schwarzen Kreuzen, die ihre Schatten auf die grünen Grabhügel warfen, das Kreuz, das seiner Mutter letzten Ruheplatz bezeichnete. Viele von den armen Geschöpfen, die dort lagen, hatten denselben Namen angenommen wie sie, der mild und freundlich auf ihre Liebes- und Leidensgeschichten hinzudeuten schien. Er kniete am Fuß des Kreuzes nieder und betete. Ehrfurcht bewegte ihn noch mehr als Kummer, denn er hatte keine Erinnerung an sie. Mitleid erfüllte ihn mit den Schmerzen, welche diese gütige Seele auf Erden hatte leiden müssen. Unter diesem Kreuz lagen ihre Schmerzen begraben. Sie hatte den Gatten, der sie freite, den Verräter, der sie verließ, mit dem himmlischen Bräutigam vertauscht. Viele grüne Hügel waren ringsumher, Gänseblümchen blühten im Gras. Eine schwarzverschleierte Nonne kniete nahebei an einem Grabe, so frisch, daß der Frühling es noch kaum mit einer grünen Decke hatte überziehen können. Über die Mauern des Friedhofes schaute die Stadt mit Türmen und Giebeln herein. Ein Vogel kam von einem der Dächer herübergeflogen, setzte sich erst auf ein Kreuz, dann ins weiche Gras und flog endlich mit einem Blatt im Schnabel davon. Dann scholl Gesang aus der Klosterkapelle herüber. Den Platz der armen Maria Magdalena hatte längst eine andere Schwester eingenommen, die auf demselben Betschemel kniete wie sie, dieselben Psalmen und Gebete sang, in denen ihr armes verwundetes Herz einst Trost gefunden hatte. Möchte sie in Frieden ruhen – und wir auch, wenn unsere Kämpfe und Schmerzen vorüber sind! Denn die Erde ist des Herrn, wie es der Himmel ist, und wir sind seine Geschöpfe hier und jenseits. Ich pflückte eine kleine Blume von dem Hügelchen und küßte sie; dann nahm ich meinen Weg in die Welt zurück, wie der Vogel, der auf dem Kreuz neben mir gesessen. Schweigender Schlupfwinkel des Todes! Friedlich tiefe Stille, die kein Sturm und kein Kummer mehr erreicht! Mir war zumute wie einem, der am Grunde des Meeres und zwischen den Gebeinen der Schiffbrüchigen gewandelt ist.

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