Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
William Makepeace Thackeray: Henry Esmond - Kapitel 28
Quellenangabe
typefiction
authorWilliam Makepeace Thackeray
titleHenry Esmond
publisherAufbau-Verlag
year1953
translatorElse von Schorn
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150118
projectid5785aa0d
Schließen

Navigation:

Zwölftes Kapitel
Ich erhalte im Feldzug von 1706 eine Kompanie

Am Pfingstsonntag, dem berühmten 23. Mai 1706, kam der junge Lord zum erstenmal ins Feuer. Wir fanden den Feind in Schlachtordnung aufgestellt; drei Meilen weit erstreckten sich seine Linien über das Hügelland jenseits des kleinen Flüßchens Gheet, links lag das kleine Dorf Anderkirk oder Autre-église und rechts Ramillies, das einer der glänzendsten und furchtbarsten Schlachten der Weltgeschichte den Namen gegeben hat.

Unser Herzog traf hier noch einmal mit seinen alten Feinden von Blenheim zusammen, dem bayrischen Kurfürsten und dem Marschall Villeroy, den der Prinz von Savoyen so glänzend bei Chiari besiegt hatte. Welcher Engländer oder Franzose kennt nicht den Ausgang dieses Tages? Trotzdem der Feind seine Stellung selbst gewählt hatte, trotzdem er stärker war als wir, trotzdem er neben den ausgezeichneten spanischen und bayrischen Truppen die ganze Maison du Roy, die glänzendste Reiterei der Welt, besaß, die mit unerhörter Tapferkeit gegen unser Zentrum stürmte und unsere Reihen durchbrach, wurde diese wundervolle Armee Villeroys in einer Stunde durch Truppen völlig vernichtet, die einen zwölfstündigen Marsch hinter sich hatten, und durch die unerschrockene Kunst eines Feldherrn, der im Angesicht des Feindes wirklich zum Genius des Sieges selbst zu werden schien.

Ich glaube, es war weniger aus Überzeugung als aus Politik, daß der große Herzog mit so außergewöhnlicher Bescheidenheit von seinen Siegen sprach; aber es war gewiß die feinste und klügste Politik, die er anwenden konnte. Er schrieb seine Erfolge weniger seinem eigenen Genie und Mut als der Hand der Vorsehung zu, die den Fall des Feindes beschlossen habe und ihn nur zum verhängnisvollen Werkzeug ihres Willens mache. Vor jeder Schlacht ließ er feierlich die Kirchengebete lesen und trug den unbedingten Glauben zur Schau, daß Gott die Waffen der Königin gesegnet habe und der Sieg uns gewiß sei. Alle Briefe, die er nach seinen Schlachten geschrieben hat, äußern eher Ehrfurcht als Frohlocken. Ich habe unbedeutende Offiziere in verzeihlicher Ruhmredigkeit von unseren Siegen prahlen hören; der Feldherr aber schien sie nur dem Schutz des Himmels zu danken, den er für unseren ganz besonderen Verbündeten zu halten schien. Seine Truppen glaubten es schließlich, und der Feind glaubte es auch. Wir zogen in jede Schlacht mit dem felsenfesten Vertrauen, daß sie siegreich enden werde, und die Franzosen traten uns nach Blenheim und Ramillies immer mit der Überzeugung entgegen, daß das Glück unseres Feldherrn unerschütterlich und das Spiel verloren sei, ehe man es begonnen habe. In beiden Schlachten wurde dem Herzog das Pferd unter dem Leibe erschossen. Als er bei Ramillies ein anderes bestieg, riß eine Kanonenkugel seinem Stallmeister, der ihm den Steigbügel hielt, den Kopf herunter. Ein französischer Edelmann von der Maison du Roy, der unser Gefangener war, erzählte uns später, daß ein irischer Offizier, der im Kampfgewühl den Herzog erkannte, mit dem lauten Ruf: »Marlborough, Marlborough!« ihm seine Pistole direkt ins Gesicht gefeuert habe und daß noch ein Dutzend mehr Pistolen und Gewehre auf ihn abgeschossen wurden. Aber keine Kugel traf ihn; er ritt mitten durch die französischen Kürassiere, den Degen in der Hand, ruhig lächelnd und unverletzt, und sammelte die verwirrten Reihen der deutschen Reiterei, holte noch zwanzig Schwadronen der Orkneys dazu und trieb die Franzosen über den Fluß zurück – leitete den Angriff selbst und schlug die einzige wirklich gefährliche Bewegung zurück, die die Franzosen an diesem Tage machten.

General Webb kommandierte auf der Linken und führte sein eigenes, ihm treu ergebenes Regiment. Weder er noch seine Soldaten machten ihrem glänzenden Ruf Schande, aber Esmond ängstigte sich um seinen lieben jungen Vetter, den er während des ganzen Tages nur einmal zu Gesicht bekam, als er einen Befehl des Oberkommandierenden an Herrn Webb überbrachte. Als unsere Reiter bei Overkirk die rechte Flanke des Feindes in heillose Verwirrung gebracht hatten, wurde Generalangriff befohlen, und die ganze Linie unseres Fußvolkes überschritt den Morast und das Flüßchen und stürmte mit lautem Hurra die Höhe hinan, von der die Franzosen sich jetzt zurückzogen. Dieses Manöver war weniger gefährlich als ruhmreich, denn die französischen Bataillone warteten nicht ab, bis es zum Bajonettkampf kam, und die Kanoniere ließen ihre Geschütze im Stich.

Zuerst ging der Rückzug des Feindes noch geordnet vor sich. Aber bald wurde Flucht daraus, und diese Panik führte zu einer schrecklichen Metzelei unter den Franzosen, und eine Armee von sechzigtausend Mann wurde vollständig zusammengehauen. Es war, als hätte ein Wirbelsturm eine starke und zahlreiche Flotte erfaßt, sie in alle Winde geschleudert, zerschmettert, versenkt, ausgetilgt: afflavit Deus, et dissipati sunt. Die französische Armee in Flandern war dahin, ihre Artillerie, ihre Standarten, die Kriegskasse, die Vorräte und die Munition, alles blieb zurück: die armen Teufel hatten fliehend selbst ihre Suppenkessel im Stich gelassen, die das Palladium der französischen Infanterie sind und um die sie sich schneller sammelt als um das Lilienbanner.

Das Nachspiel einer Schlacht, sei sie auch noch so glänzend, ist immer ein widerlicher Bodensatz von Gewalttaten, Grausamkeiten, Raub und Trunkenheit. Die Verfolgung, Plünderung und blutige Metzelei wurden weit über die Felder von Ramillies hinausgetragen.

Der biedere Lockwood, Esmonds Diener, wollte sich ohne Zweifel den Plünderern anschließen und auch etwas von der Beute erwischen, denn als nach der Schlacht die Truppen ihre Nachtlager aufschlugen und Esmond ihm befahl, ein Pferd herbeizuschaffen, fragte er mit kläglichem Gesicht, ob er den Herrn Hauptmann begleiten müsse. Der Herr Hauptmann aber sagte, er könne seiner Wege gehen, und Jack sprang munter von dannen, sobald sein Gebieter glücklich zu Pferde saß. Nicht ohne Gefahr und Schwierigkeiten bahnte sich Esmond einen Pfad zum Hauptquartier des Herzogs und fand allein ziemlich schnell die Quartiere der Adjutanten. Sie lagen in einer Bauernscheune, und verschiedene der Herren saßen singend und trinkend beim Abendbrot. Von der Angst um seinen Jungen wurde er gleich befreit. Einer der Herren sang nach einer Melodie, die sowohl Herr Farquhar als Herr Gay in ihren Komödien verwandt hatten, ein damals im Heere sehr beliebtes Lied, und in dem folgenden Chor: »Über die Hügel ins weite Land« hörte er deutlich Franks frische Stimme durchklingen, eine Stimme, die immer ein gewisses natürliches, unbeschreibliches Pathos an sich hatte. Esmonds Augen füllten sich jetzt wahrhaftig mit Tränen, und er dankte Gott, daß das Kind am Leben war und lachte und sang.

Als das Lied verklungen war, trat er ein. Mitten unter den Offizieren, die ihm zum Teil bekannt waren, saß der junge Lord. Er hatte den Küraß abgelegt, sein Wams stand offen, sein Gesicht war gerötet, sein langes blondes Haar fiel über die Schultern herab, er trank mit den anderen und war der jüngste, fröhlichste, schönste von allen. Sobald er Esmond erblickte, stellte er das erhobene Glas auf den Tisch, sprang auf, rannte seinem Vetter entgegen und schloß ihn in die Arme. Harrys Stimme zitterte vor Freude, während er den Jungen begrüßte. Noch eben, als er draußen im Hof stand, im klaren Mondenschein, hatte er gedacht: Großer Gott! Welches Feld der Schrecken liegt dort; wie viele Tausende haben heute dem Tod ins Auge gesehen! Und hier singen die Jungen bei ihren Bechern, und derselbe Mond, der das blutige Schlachtfeld beleuchtet, glänzt auch über dem friedlichen Walcote, wo Mylady sitzt und an ihren Sohn denkt, der im Krieg ist. Mit einem fast väterlichen Gefühl des Glückes und frommer Dankbarkeit umarmte er jetzt seinen einstigen Schüler.

Mylord trug ein gestreiftes Band mit einem Ordensstern aus Brillanten um den Hals, der wohl hundert Kronen wert sein mochte. »Sieh«, sagte er, »ist das nicht ein hübsches Geschenk für Mutter?«

»Wer hat dir den Orden gegeben?« fragte Harry und begrüßte die anderen Herrn. »Hast du ihn in der Schlacht gewonnen?«

»Das habe ich«, rief der andere, »mit Schwert und Speer! Ein Musketier hatte ihn auf der Brust hängen, ein riesiger Musketier, beinahe so groß wie General Webb. Ich rief ihm zu, er solle sich ergeben, und versprach ihm Quartier. Er nannte mich einen petit polisson und feuerte seine Pistole auf mich ab. Ich ritt auf ihn los, Sir, und rannte ihm meinen Degen gerade in die Achselhöhle. Er zerbrach dem Elenden im Leibe. Er hatte eine Tasche am Gürtel mit fünfundsechzig Louisdor, einem Bündel Liebesbriefe und einer Flasche Rosmarinwasser. Vive la guerre! Da sind die zehn Goldstücke, die du mir geliehen hast. Ich wünschte, es wäre jeden Tag eine Schlacht!« Er zupfte an seinem kleinen Schnurrbart und befahl einem Diener, dem Hauptmann Esmond das Abendbrot zu servieren.

Harry fiel mit großem Appetit darüber her, er hatte seit dem Morgengrauen, seit zwanzig Stunden, nichts gegessen. Mein Herr Enkel, der du dies liest, erwartest du Berichte von Kampf und Sieg? Die mußt du in den richtigen Büchern suchen. Dies ist nur die Geschichte deines Großvaters und seiner Familie; und mehr als der Sieg, obwohl er auch da sagen mag meminisse juvat, beglückte ihn das Gefühl, daß der schwere Tag vorüber und sein lieber junger Castlewood unverwundet war. Möchtest du aber wissen, kleiner Herr, wie es kam, daß ein ernster, gesetzter Junggeselle und Hauptmann im Fußvolk, der sich aus jugendlicher Lustbarkeit nicht viel machte und in keiner Garnisonstadt sein Herz verlor, eine so erstaunliche Zärtlichkeit für einen achtzehnjährigen Knaben empfand, so warte nur ab, bis du dich in die Schwester des Schulkameraden verliebst, und du wirst erleben, welch inniggeliebter Freund er dir plötzlich wird.

Bei dem Verhältnis zwischen Esmonds General und Seiner Gnaden dem Herzog war es durchaus keine Empfehlung für einen Mann, wenn Webb seine Leistungen lobte. Es konnte ihm eher, wie die Armee behauptete, in den Augen des größeren Mannes schaden. Jedoch Esmond hatte das Glück, in dem Kampfbericht Generalmajor Webbs sehr vorteilhaft erwähnt zu werden, und da der Major seines Regiments und zwei seiner Hauptleute bei Ramillies gefallen waren, erhielt Esmond als Zweitältester Leutnant seine Kompanie und hatte die Ehre, im nächsten Feldzug als Kapitän Esmond zu dienen.

Mylord ging für den Winter nach Hause, aber Esmond wagte es nicht, ihm zu folgen. Seine liebe Herrin schrieb ihm häufig, dankte ihm, wie nur eine Mutter danken kann für alles, was er an ihrem Jungen getan hatte, und pries Esmonds eigene Taten mehr, als sie es verdienten; denn er hatte wie jeder andere Offizier nur seine Pflicht getan. Von Beatrix sprach sie nur selten und mit großer Vorsicht. Die gütige Frau fand es wohl am besten, so wenig wie möglich an die Wunde zu rühren, und die Heilung der Zeit zu überlassen. Es ging aber doch aus ihren Worten hervor, daß sie mit dem Betragen der Tochter kaum zufrieden war. Gerüchte über ein halbes Dutzend glänzender Heiraten, welche die schöne Hofdame einzugehen im Begriff sei, schwirrten von England herüber. Sie war mit einem Grafen verlobt, erzählte der Herr aus dem Palast, dann hatte sie ihn eines Herzogs wegen im Stich gelassen, der sich seinerseits zurückgezogen hatte. War es nun Graf oder Herzog, der sich diese Helena gewann, Esmond wußte, daß sie sich nie an einen armen Hauptmann verschenken würde. Er war am besten fern von dem verhängnisvollen Wesen, das ihm stets so viel Unheil brachte, darum bat er nicht um Urlaub, sondern blieb bei seinem Regiment in Brüssel. Diese Stadt war durch den Sieg von Ramillies, der die Franzosen aus Flandern vertrieb, in unsere Hände gefallen.

 << Kapitel 27  Kapitel 29 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.