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William Makepeace Thackeray: Henry Esmond - Kapitel 27
Quellenangabe
typefiction
authorWilliam Makepeace Thackeray
titleHenry Esmond
publisherAufbau-Verlag
year1953
translatorElse von Schorn
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150118
projectid5785aa0d
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Elftes Kapitel
Der berühmte Herr Joseph Addison

Die Kammerherren speisten in Kensington, und die Garde hatte täglich eine sehr üppige Tafel im St.-James-Palast; Esmond konnte zwischen beiden wählen. Dick Steele gefiel die Tafel der Garde besser als sein eigener Mittagstisch der Kammerherren, wo es weniger Wein gab und mehr Zeremoniell, und Esmond erlebte manchen lustigen Nachmittag in Gesellschaft seines Freundes und brachte ihn wohl hundertmal bezecht zur Sänfte. Wenn nach dem alten Sprichwort im Wein die Wahrheit liegt, was für ein liebenswürdig gearteter Charakter muß Dick dann gewesen sein! Je mehr Wein er trank, um so überströmender ward seine Freundlichkeit. Sein Geplauder war nicht so sehr witzig als herzgewinnend. Nie sagte er ein Wort, das irgend jemand verletzen konnte, und mit seinem Rausch wuchs auch seine Menschenliebe. Viele Spötter verlachten den armen Burschen, wenn er betrunken war, und machten ihn zur Zielscheibe boshafter Späße; aber ihm war eine Güte eigen und eine heiter-spielerische Phantasie, die Esmond weit reizvoller schien, als das geschliffenste Wortgefecht der glänzendsten Geister mit ihren sorgfältig stilisierten Repliken und kunstvollen Redewendungen. Ich meine, Steele sprühte nicht Funken, er leuchtete eher. Jene berühmten beaux-esprits der Kaffeehäuser – Herr William Congreve zum Beispiel, sofern die Gicht und sein Hochmut ihm gestatteten, zu uns hinabzusteigen – erzielten manchen brillanten Treffer – mitunter ein halbes Dutzend an einem Abend –, aber wenn sie ihr Pulver verschossen hatten, mußten sie sich, wie Scharfschützen, unter Deckung zurückziehen, bis ihre Geschütze wieder geladen waren und der Feind ihnen eine neue Chance bot. Dick hingegen betrachtete den Trinkgenossen nie als Zielscheibe, er sah ihn stets als Freund, dem man die Hand schüttelt. Der biedere Bursche zog die halbe Stadt ins Vertrauen, alle wußten alles über seine Liebschaften und seine Schulden, über seine Gläubiger oder die Sprödigkeit seiner Angebeteten. Als Esmond das erstemal nach London kam, war der ehrliche Dick ganz Feuer und Flamme für eine junge Dame, eine westindische Erbin, die er denn auch heiratete. Ein paar Jahre später war die Dame tot, die Erbschaft fast völlig durchgebracht und der ehrbare Witwer so eifrig auf der Jagd nach einem neuen Wunder an Schönheit, als hätte er das letzte nie umworben, geehelicht und begraben.

An einem sonnigen Nachmittag, als Dick zufällig eine Nüchternheit anwandelte, ging er mit seinem Freund von der Gardetafel fort, die Germain Street entlang, und plötzlich ließ er den Arm des Gefährten los und rannte auf einen Herrn zu, der vor dem Buchladen an der St.-James-Kirche einen Folioband studierte. Es war ein schöner hochgewachsener Mann in tabakfarbenem Rock und mit einfachem Degen, sehr schlicht und fast schäbig gekleidet – wenigstens im Vergleich zu Hauptmann Steele, der seine lustige rundliche Person mit den prächtigsten Kleidern zu schmücken liebte und in Scharlach und Goldlitze prunkte. Der Kapitän stürzte also auf diesen Buchliebhaber zu, schloß ihn in die Arme, drückte ihn an die Brust und würde ihn geküßt haben – denn Dick pflegte seine Freunde zu küssen –, aber der andere trat mit einem Erröten im blassen Gesicht zurück und schien solchen öffentlichen Beweis von Steeles Hochschätzung abzulehnen.

»Mein liebster Joe, wo hast du dich versteckt gehalten diese Ewigkeit?« rief der Kapitän, der noch immer beide Hände des Freundes hielt. »Ich sehne mich seit vierzehn Tagen schon nach dir!«

»Vierzehn Tage sind keine Ewigkeit, Dick«, erwiderte der andere recht erheitert. Er hatte lichtblaue Augen, ganz besonders hell, und vollkommen regelmäßige Züge, wie eine bemalte Statue.

»Und versteckt habe ich mich – nun, wo glaubst du wohl?«

»Was! Doch nicht über dem Wasser drüben, mein lieber Joe?« fragte Steele mit sehr beunruhigter Miene, »du weißt, ich habe immer ...«

»Nein«, unterbrach ihn lächelnd der Freund, »in eine solche Klemme sind wir noch nicht geraten, Dick. Ich habe mich an einem Ort verborgen, Sir, wo niemand einen anzutreffen glaubt – in meiner eigenen Wohnung, wohin ich eben jetzt auch gehe, um eine Pfeife zu rauchen und ein Glas Sekt zu trinken. Wollen Euer Gnaden mich begleiten?«

»Harry Esmond, komm her«, rief Dick laut. »Du hast mich ein übers andere Mal von meinem liebsten Joe, meinem Schutzengel, schwatzen hören.«

»Aber wahrhaftig«, sagte Herr Esmond mit einer Verbeugung, »ich habe nicht nur von dir gelernt, Herrn Addison zu bewundern. Wir liebten in Cambridge gute Poesie genauso wie die Oxforder auch. Und ich kann ein paar Verse von Ihnen auswendig, obgleich ich den roten Rock angezogen habe ... Oh, qui canoro blandius Orpheo vocale ducis Carmen, soll ich weiterzitieren, Sir?« fragte Herr Esmond, der die reizenden lateinischen Gedichte von Herrn Addison kannte und liebte, so wie jeder Gebildete jener Zeit sie las und bewunderte.

»Das ist Hauptmann Esmond, der bei Blenheim kämpfte«, erklärte Steele.

»Leutnant Esmond, Herrn Addison zu dienen«, berichtigte der andere mit tiefer Verbeugung.

»Ich habe schon von Ihnen gehört«, bemerkte Herr Addison mit einem Lächeln, wie ja wirklich jeder in der Stadt die unglückselige Geschichte über Esmonds Gräfin-Tante und die Herzogin gehört hatte.

»Wir wollten eben in den ›Georg‹, um vor dem Theater eine Flasche Wein zu trinken«, sagte Steele, »willst du nicht mithalten, Joe?« Herr Addison erwiderte, seine eigene Wohnung liege ganz in der Nähe, dort sei er immer noch reich genug, seinen Freunden einen guten Wein vorzusetzen; und die beiden Herren folgten der Einladung in sein Quartier am Haymarket.

»Ich werde meiner Wirtin vertrauenswürdiger erscheinen«, sagte er lächelnd, »wenn sie zwei so feine Herren die Treppe zu mir heraufkommen sieht.« Und er hieß die Besucher liebenswürdig willkommen in seiner Behausung, die allerdings recht ärmlich wirkte; doch konnte kein Edelmann des Landes seine Gäste mit so vollkommener und höflicher Anmut empfangen wie dieser Gentleman. Ein frugales Mahl, das nur aus einer dünnen Scheibe Fleisch und einem Pennylaib Brot bestand, erwartete den Besitzer dieser Gemächer. »Bei mir ist der Wein besser als das Fleisch«, erklärte Herr Addison. »Mylord Halifax schickte mir den Burgunder hier.« Und dabei stellte er eine Flasche und Gläser vor seine Freunde hin und verzehrte in wenigen Minuten ein einfaches Essen; dann langten alle drei zu und fingen an zu trinken. »Ihr seht«, sagte Herr Addison und deutete auf seinen Schreibtisch, wo ein Kartenplan der Schlacht bei Höchstädt lag, dazu verschiedene Zeitungen und Flugschriften, die sich auf dasselbe Ereignis bezogen, »Ihr seht, daß auch ich mich mit Ihren Angelegenheiten befasse, Hauptmann. Um die Wahrheit zu sagen, bin ich als poetischer Berichterstatter tätig und schreibe ein Gedicht über den Feldzug.«

Darum erzählte Esmond auf die Bitte seines Gastgebers, was er über das berühmte Gefecht wußte, zeichnete den Fluß auf den Tisch, aliquo nero, und zeigte mit Hilfe der Tabakspfeife, wie der linke Flügel vorrückte, auf dem er selbst gekämpft hatte.

Einige Blätter mit Versen lagen schon auf dem Tisch neben der Flasche, und da Dick sich aus ihr genugsam gestärkt hatte, ergriff er die Seiten des Manuskriptes, die in des Dichters zarter, sauberer Handschrift fast ohne Klecks oder Korrektur geschrieben waren, und begann sie mit großer Emphase und Geläufigkeit vorzutragen. An passenden Stellen hielt der begeisterte Vorleser inne und feuerte eine volle Salve Beifall ab.

Esmond lächelte über den Enthusiasmus von Addisons Freund. »Ihr seid wie die deutschen Bürger und die Fürsten an der Mosel«, sagte er, »wenn unsere Armee haltmachte, schickten sie stets eine Deputation, um den Feldherrn zu beglückwünschen, und schössen mit ihrer ganzen Artillerie Salut von den Wällen.«

»Und tranken darauf des großen Feldherrn Gesundheit, nicht wahr?« fragte Hauptmann Steele und füllte fröhlich seinen Becher – er säumte nie, auf diese Art eines Freundes Verdienst anzuerkennen.

»Und der Herzog, da Ihr mich Seiner Gnaden Rolle spielen lassen wollt«, sagte Herr Addison lächelnd und leicht errötend, »gab seinen Freunden wiederum Bescheid. Durchlauchtigster Kurfürst von Covent Garden, ich trinke auf Euer Hoheit Gesundheit«, und er füllte ebenfalls sein Glas. Joseph brauchte zu dieser Art Unterhaltung kaum mehr Ermunterung als Dick, doch schien der Wein Herrn Addisons Hirn überhaupt nicht zu verwirren, er löste ihm nur die Zunge, während Hauptmann Steeles Sprache und Sinn schon von einer Flasche übermannt wurden.

Wie die Verse nun sein mochten – und die Wahrheit zu gestehen, fand Herr Esmond manche mehr als unbedeutend –, Dicks Begeisterung für seinen Meister wankte nie, und jede Zeile aus Addisons Feder hielt er für einen Genieblitz. Indessen war Dick zu dem Teil des Gedichtes gelangt, wo der Barde so gelassen, als berichte er über einen Tanz in der Oper oder eine harmlose Bauernschlägerei auf dem Dorf Jahrmarkt, jenen blutigen und grausamen Teil unseres Feldzuges schildert – jeder Soldat, der daran teilnahm, mußte vor Scham erbleichen, wenn er daran dachte –, als wir dazu kommandiert wurden, des Kurfürsten Land zu plündern und zu verwüsten, und ein großer Teil seines Gebietes mit Feuer und Schwert, Metzelei und Verbrechen verheert wurde. Als Dick zu den Versen kam:

»Von Rache wild hebt der Soldat die Hand mit Schwert und Feuer
und verheert das Land. In Flammen gehen tausend Ernten auf
Und tausend Dörfer sinken in die Asche ...«

hatten Wein und Freundschaft den Guten in ganz rührselige Stimmung versetzt, und er schluckste die Zeilen so sanft heraus, daß er einen seiner Zuhörer zum Lachen brachte. Dann aber verließ er seine Freunde gern, bestand darauf, sie zum Abschied zu küssen, und schwankte davon, die Perücke fast auf den Augen.

»Ich bewundere die dichterische Freiheit von Euch Poeten«, sagte Esmond zu Herrn Addison. »Ich bewundere Eure Kunst: Der Mord des Krieges findet bei Militärmusik statt, wie eine Schlacht in der Oper, und die Jungfrauen kreischen ganz harmonisch, wenn unsere siegreichen Grenadiere in ihre Dörfer einmarschieren. Wissen Sie, was für ein Schauspiel das wirklich war?« – Inzwischen hatte der Wein wohl auch Herrn Esmonds Kopf erhitzt. – »Welchen Triumph Sie hier feiern? Welche Szenen der Schande und Scheußlichkeit sich abspielten, über denen der Genius des Oberkommandierenden so gelassen waltete, als gehörte er nicht unserer Sphäre an? Sie sprechen von dem ›lauschenden Soldaten, in Kummer erstarrt‹, von des ›Führers Gram, den edles Mitgefühl durchzittert‹; aber meiner Überzeugung nach kümmerte sich der Feldherr um blökende Herden sowenig wie um schreiende Kinder, und viele unserer Rohlinge metzelten die einen wie die anderen mit dem gleichen Vergnügen. Ich schämte mich meines Berufes, als ich solche Greuel verüben sah, die jedermann vor Augen kamen. Sie meißeln mit Ihren glatten Versen ein prachtvolles Standbild des lächelnden Sieges; ich sage Ihnen, er ist ein unheimlicher, verzerrter, wilder Götze, scheußlich, blutbefleckt und barbarisch. Es ist widerlich, an das Ritual auch nur zu denken, das ihm zu Ehren vollzogen wird. Ihr großen Dichter solltet ihn zeigen, wie er wirklich ist – häßlich und furchtbar, nicht schön und erhaben. Ach, Sir, hätten Sie den Feldzug mitgemacht, glauben Sie mir, Sie hätten ihn so nicht besungen.«

Während dieses kleinen Ausbruchs hörte Herr Addison mit vielem Gleichmut lächelnd zu und rauchte seine lange Pfeife. »Was verlangen Sie?« erwiderte er. »In unseren gesitteten Zeiten und den Regeln der Kunst gemäß kann die Muse unmöglich solche Qualen beschreiben oder ihre Hand mit den Greueln des Krieges beflecken. Die werden eher angedeutet als beschrieben, wie in den griechischen Tragödien, die Sie doch gewiß gelesen haben – und sicher gibt es kein geschmackvolleres Beispiel künstlerischer Komposition: Agamemnon wird erschlagen oder Medeas Kinder sterben fern von der Szene – die Bühne besetzt der Chor und singt von der Tat zu einer ergreifenden Musik. Etwas Derartiges versuche auch ich, mein lieber Sir, auf meine bescheidene Art: es ist ein Hymnus, den ich schreiben will, und nicht eine Satire. Sollte ich dichten, wie Sie es wünschen, würde die Stadt den Poeten in Stücke reißen und sein Buch durch den gemeinen Henker verbrennen lassen. Rauchen Sie keinen Tabak? Es wächst sicher kein Kraut auf Erden, das so besänftigend und heilsam wirkt. Wir dürfen unseren großen Herzog«, fuhr Herr Addison fort, »nicht als den Menschen mit seinen Schwächen schildern, der er ohne Zweifel ist, so wie wir alle, sondern als einen Heros. Nicht in der Schlacht, nein, im Triumphzug reitet Ihr ergebenster Diener seinen glatten Pegasus. Wir akademischen Dichter traben, wie Sie wissen, auf sehr gemächlichen Mähren dahin; es hat seit undenklichen Zeiten zum Beruf des Poeten gehört, die Werke der Helden in Versen zu feiern und die Taten zu besingen, die ihr Kriegsleute vollbringt. Ich muß den Gesetzen meiner Kunst folgen, und der Stil eines solchen Gesanges fordert Harmonie und Majestät, er darf nicht ungezwungen sein und der groben Wahrheit zu nahe kommen. Si parva licet: wenn Virgil den göttlichen Augustus beschwören konnte, mag wohl ein geringerer Poet von den Ufern der Themse einen Sieg und einen Sieger der eigenen Nation feiern, an dessen Triumphen jeder Brite teilhat und dessen Ruhm und Genie jedem einzelnen Bürger zur Ehre gereichen. Wann hat es, seit unseres Heinrichs und Edwards Tagen, solch eine gewaltige Waffentat wie diese gegeben, von der Sie selbst mit Ehrenzeichen zurückgekehrt sind? Wenn es in meiner Macht steht, sie würdig zu besingen, werde ich es tun und meiner Muse danken. Wenn ich aber als Dichter versage, will ich zum mindesten als Brite meine Treue zeigen und mein Barett schwenken und dem Sieger ›Hoch‹ rufen:

– ›Rheni pacator et Istri,
Omnis in hoc uno variis discordia cessit
Ordinibus; laetatur eques, planditque senator,
Votaque patricio certant plebeia favori.‹«

»Auf jenem Schlachtfeld gab es ebenso tapfere Männer«, sagte Herr Esmond – der nie dazu gebracht werden konnte, den Herzog zu lieben oder die Geschichten von des großen Führers Verräterei und Eigennutz zu vergessen –, »es gab bei Blenheim so tapfere Männer wie den Feldherrn selbst, denen aber weder Ritter noch Senatoren Beifall riefen; weder die Stimme des Volkes noch des Adels feierte sie, vergessen liegen sie unter dem Rasen. Welcher Dichter wird sie besingen?«

»Besingen die Seelen der Helden, zum Hades gesandt!« zitierte Herr Addison mit einem Lächeln. »Wollen Sie die alle feiern? Wenn ich irgend etwas an einem so wunderbaren Werk beanstanden darf, muß ich gestehen, daß mir bei Homer das Verzeichnis der einzelnen Schiffe immer ein bißchen langweilig erschienen ist; was aber wäre aus dem Epos geworden, wenn der Dichter auch die Namen der Hauptleute, Leutnants und Linientruppen verewigt hätte? Eine der größten Eigenschaften eines großen Mannes ist der Erfolg, er ist das Resultat aller anderen Eigenschaften, er ist seine verborgene Kraft, die ihm die Gunst der Götter erzwingt und das Schicksal unterwirft. Diese einzige aller Gaben bewundere ich an dem großen Marlborough. Tapferkeit? Jeder Mann kann tapfer sein. Aber siegreich sein, wie er es ist, darin liegt für mich etwas Göttliches. Wenn die Gelegenheit kommt, leuchtet der große Geist des Führers auf, und der Gott hat sich offenbart. Selbst der Tod respektiert ihn und weicht ihm aus, um andere niederzustrecken, Kampf und Gemetzel fliehen vor ihm, um andere Bezirke des Schlachtfeldes zu verwüsten, wie Hektor einst floh vor dem göttlichen Achill. Sie sagen, er hätte kein Mitleid – nicht anders auch die Götter, die über allem stehen und übermenschlich sind. Die wankende Schlachtreihe sammelt Stärke bei seinem Anblick, und wo immer er reitet, greift der Sieg selbst an.«

Ein paar Tage später, als Herr Esmond seinen poetischen Freund wieder besuchte, fand er diesen im Feuer des Gesprächs entworfenen Gedanken schon vollendet und zu jenen berühmten Versen geformt, die wirklich die edelsten in dem Gedicht über den »Feldzug« sind. Als die beiden Gentlemen in ihre Unterhaltung vertieft waren, Herr Addison nicht ohne die Tröstung der üblichen Pfeife, kam die kleine Bedienerin, die seine Wohnung säubert, und führte einen Herrn in feinen betreßten Kleidern herein, der offenbar bei Hofe oder dem Lever eines großen Mannes paradiert hatte. Der Höfling hüstelte ein wenig bei dem Pfeifenrauch und blickte neugierig im Zimmer umher, das schäbig genug aussah, so wie sein Bewohner in dem abgetragenen tabakfarbenen Rock und der schlichten Knotenperücke. »Wie geht es voran, das Magnum Opus, Herr Addison?« fragte der Hofherr und sah auf die Papiere nieder, die auf dem Tisch lagen.

»Wir waren eben jetzt dabei«, erwiderte Addison, und der höchste Höfling des Landes konnte nicht mehr liebenswürdige Zuvorkommenheit oder feinere Würde des Benehmens zeigen – »hier liegt der Plan, wie Sie sehen. Hac ibat Simois, hier läuft das Flüßchen Nebel, hic est Sigeia tellus, hier sind Tallards Quartiere, bei dem Kopf dieser Pfeife, und hier fand der Angriff statt, an dem Hauptmann Esmond beteiligt war: ich habe die Ehre, ihn Herrn Boyle vorzustellen; und Herr Esmond war gerade dabei aliquo proelia mixta mero zu schildern, als Sie hereinkamen.« Tatsächlich waren die beiden Herren auf diese Weise beschäftigt gewesen, als der Besucher erschien, und Addison hatte lächelnd geklagt, daß er keinen passenden Reim auf Webb finden könnte, sonst würde er dem Obersten von Esmonds Regiment, der in der Schlacht eine Brigade geführt und sich hervorragend ausgezeichnet hatte, einen Platz in seinen Versen eingeräumt haben. »Und was Sie angeht, Sie sind bloß ein Leutnant«, sagte Addison, »und die Muse kann sich mit keinem Gentleman unter dem Rang eines Feldoffiziers befassen.«

Herr Boyle war ganz Ungeduld auf das Gedicht und behauptete, daß Mylord der Oberschatzmeister und Mylord Halifax ebenso begierig darauf wären. Addison, der errötete, begann seine Verse vorzulesen, und ich vermute, er kannte ihre schwachen Stellen so gut wie der kritischste Zuhörer. Als er zu den Zeilen kam, die den Engel schildern, der »wankenden Bataillonen Mut einflößt«, und »zögernden Kampf lehrt, wo er wüten soll«, las er mit großer Lebhaftigkeit und sah Esmond an, als wollte er sagen: Du weißt, woher das Bild stammt – aus unserem Gespräch und der Flasche Burgunder neulich.

Des Dichters beide Zuhörer wurden von Begeisterung gepackt und applaudierten aus Leibeskräften. Der Herr vom Hofe sprang in höchstem Entzücken auf. »Nicht ein Wort weiter, mein teurer Sir«, rief er. »Vertrauen Sie mir diese Blätter an – ich werde sie mit meinem Leben verteidigen. Erlaubt mir, sie dem Lord-Oberschatzmeister vorzulesen, bei dem ich in einer halben Stunde angemeldet bin. Ich wage zu versprechen, daß die Verse durch meinen Vortrag nicht verlieren sollen, und dann, Sir, werden wir sehen, ob Lord Halifax noch das Recht haben wird, sich zu beklagen, daß seines Freundes Jahrgeld nicht länger ausgezahlt wird.« Und ohne viel Umstände ergriff der Höfling die Blätter der Handschrift, schob, sie vorn in seinen Rock und legte die Rechte mit der gekräuselten Spitzenmanschette aufs Herz. Mit der freien Hand schwang er in höchst anmutigem Bogen den Hut und lächelte und verbeugte sich aus dem Zimmer hinaus, einen Duft von Parfüm zurücklassend.

»Sieht das Zimmer nicht ganz dunkel aus?« fragte Addison umherblickend, »nach dem glorreichen Erscheinen und Verschwinden dieses huldvollen Abgesandten? Ja, er illuminierte den ganzen Raum. Ihr Scharlachrot, Herr Esmond, kann jeder Beleuchtung standhalten, aber mein fadenscheiniger alter Rock, wie abgetragen sah er beim Glänze jener Pracht aus! Ich bin doch neugierig, ob man etwas für mich tun wird«, fuhr er fort. »Als ich aus Oxford in die Welt hinaustrat, versprachen mir meine Gönner große Dinge; und Sie sehen, wohin mich ihre Versprechungen gebracht haben: in ein Quartier zwei Treppen hoch mit einem Sechspennydinner aus der Garküche. Ja, ich glaube, diese Zusicherung wird so viel wert sein wie die anderen, und Fortuna wird mich sitzenlassen, wie das lockere Mädchen es seit sieben Jahren zu tun pflegt. Ich blase die käufliche Dirne hinweg«, sagte er lächelnd und paffte eine Rauchwolke aus seiner Pfeife. »In der Armut liegt keine Härte, Esmond, die nicht zu ertragen ist; selbst in anständiger Abhängigkeit ist keine Härte, mit der sich ein ehrlicher Mann nicht abfinden könnte. Ich kam aus dem Schoß der Alma Mater, aufgeblasen durch ihre Lobreden, und glaubte in der Welt eine Rolle zu spielen mit den Talenten und Kenntnissen, die mir in unserem College keinen geringen Namen geschaffen hatten. Aber die Welt ist der Ozean, und Isis und Charwell Isis ist der Name der Themse bei Oxford und der Charwell ein Flüßchen ebenfalls bei Oxford. sind nur kleine Tropfen, die das Meer nicht rechnet.

Mein Ruf endete eine Meile jenseits Maudlin Tower, niemand nahm Notiz von mir, und ich lernte wenigstens eines: mit fröhlichem Herzen dem Mißgeschick zu trotzen. Freund Dick hat eine Rolle in der Welt gespielt und mich längst im Rennen geschlagen. Was liegt schon daran, wenn der Name unbeachtet und das Vermögen klein ist? Es gibt kein Schicksal, das ein Philosoph nicht ertragen könnte. Ich bin als Gelehrter nicht unbekannt gewesen und dennoch gezwungen, meinen Unterhalt als Bärenführer zu verdienen und einen Knaben buchstabieren zu lehren. Was macht's? Das Leben war nicht vergnüglich, aber doch möglich – der Bär war erträglich. Sollte dieses Unternehmen hier fehlschlagen, will ich zurück nach Oxford; und eines Tages, wenn Sie General sind, finden Sie mich als Vikar mit Beffchen und Talar, und ich werde Euer Ehren in meiner ländlichen Hütte zu einem Krug Penny-Ale willkommen heißen. Nicht die Armut ist am schwersten zu ertragen oder das unglücklichste Los im Leben«, sagte Herr Addison und klopfte seine Pfeife aus. »Sieh da, meine Pfeife ist aufgeraucht. Sollten wir nicht eine neue Flasche in Angriff nehmen? Ich habe noch ein paar im Schrank, und von der richtigen Sorte. Nichts mehr? – Dann wollen wir hinaus und einen Spaziergang auf der Mall machen oder ins Theater schauen und Dicks Komödie ansehen. Es ist kein Meisterstück an Witz, aber Dick ist ein braver Bursche, auch wenn er das Pulver nicht erfunden hat.«

Innerhalb eines Monats nach diesem Tage war Herrn Addisons Los in der Lotterie des Lebens mit ungeheurem Gewinn herausgekommen. Die ganze Stadt war in Aufruhr vor Bewunderung für sein Gedicht, den »Feldzug«, den Dick Steele in jedem Kaffeehaus von Whitehall und Covent Garden mit Pathos deklamierte. Die Schöngeister auf der anderen Seite des Temple-Tors begrüßten ihn plötzlich als den größten Dichter, den die Welt seit Jahrhunderten gesehen; das Volk jubelte Marlborough und Addison zu, und mehr noch: die Partei, die an der Macht war, sorgte für den verdienstlichen Poeten. Herr Addison erhielt das Amt des Steuerkommissars, das der berühmte Herr Locke innegehabt, und stieg von dieser Stellung zu anderen Ehren und Würden empor; hinfort dauerte sein Wohlstand kaum je unterbrochen bis an sein Lebensende. Aber ich bin im Zweifel, ob er sich in seiner Dachkammer am Haymarket nicht glücklicher fühlte als jemals in seinem prächtigen Palast in Kensington; und ich glaube, die Fortuna, die in Gestalt einer gräflichen Gemahlin zu ihm kam, war weiter nichts als eine böse Sieben und ein Zankteufel.

So fröhlich es auch in der Stadt zuging, so trübselig war der Aufenthalt für Esmond, ob nun seine Circe dort weilte oder nicht, und er war froh, als sein General ihn wissen ließ, daß er zu seiner Division zurückgehe, die bei Herzogenbusch im Winterquartier lag. Seine liebe Herrin sagte ihm mit heiterer Miene Lebewohl; ihr Segen begleitete ihn überall, wo das Schicksal ihn hintrug, das wußte er. Fräulein Beatrix war mit Ihrer Majestät in Hampton Court. Er ritt hinaus, um sie noch einmal zu sehen. Sie empfing ihn in einem Vorzimmer, wo noch ein halbes Dutzend anderer Hofdamen umhersaß, und die hochtönenden Reden, die er höchstwahrscheinlich hatte halten wollen, mußten ungesprochen bleiben. Sie erzählte den Damen, ihr Vetter gehe zur Armee, und sagte das so leichthin, als ginge er ins Kaffeehaus. Er fragte sie mit etwas kläglichem Gesicht, ob er ihr etwas mitbringen dürfe, und sie geruhte zu sagen, daß sie sich über einen Mantel aus Mechelner Spitzen freuen werde. Sie erwiderte seine grämliche Verbeugung mit einem schnippischen Knicks, und vom Fenster aus, wo sie lachend mit den anderen Damen stand, warf sie dem Davonreitenden zum Abschied eine Kußhand zu. Der Gräfin-Witwe in Chelsea wurde diesmal die Trennung nicht schwer. »Mon eher, vous êtes triste comme un sermon«, bemerkte sie gnädig. Verliebte Herren sind allerdings keine unterhaltenden Gesellschafter, und die launische alte Frau hatte auch einen sehr viel liebenswürdigeren Günstling gefunden und schwärmte beständig von ihrem Liebling, dem Gardeleutnant. Frank blieb noch eine Weile zu Hause und ging erst später, im Gefolge Seiner Gnaden des Herzogs, zur Armee. Seine liebe Mutter forderte Esmond am Tage vor der Abreise, als die drei zusammen bei Tische saßen, das Versprechen ab, ein Auge auf ihren Jungen zu haben, und beschwor Frank, dem Beispiel seines Vetters zu folgen, der ein hochgesinnter Kavalier und tapferer Soldat sei, wie sie meinte.

Esmonds General schiffte sich in Harwich ein. Herr Webb war prächtig anzusehen, als unsere Jacht unter Salutschüssen vom Ufer abstieß. Er war ganz in Scharlach gekleidet und schwenkte seinen großen Hut. Mit Mylord traf Harry erst drei Monate später wieder zusammen, als Marlborough nach Herzogenbusch kam, um den Oberbefehl zu übernehmen. Frank brachte einen ganzen Sack voll Nachrichten von zu Hause mit: wie er mit dieser Schauspielerin zu Abend gegessen hatte, und wie er jener müde geworden war, wie er Herrn St. John ausgestochen habe, sowohl beim Trinken als bei Frau Mountford vom Haymarket-Theater, einer älteren Circe von fünfzig Jahren, in die der junge Nichtsnutz sich verliebt zu haben glaubte. Wie seine Schwester immer weiter ihre Streiche spielte, wie sie einen jungen Baron wegen eines alten Grafen im Stich gelassen hatte. »Ich werde aus Beatrix nicht klug«, sagte er. »Sie macht sich aus uns allen nichts; sie denkt nur an sich selbst. Sie ist nur glücklich, wenn sie sich zanken kann. Aber meine Mutter, Harry, meine Mutter ist ein Engel.« Harry versuchte dem jungen Burschen nahezulegen, daß es seine Pflicht sei, alles zu tun, um diesem Engel Freude zu machen, nicht zuviel trinken, sich nicht in Schulden stürzen, den hübschen flämischen Mädchen nicht nachrennen, und was der Weisheit mehr ist, die ein Älterer an einen Jüngeren verwendet. »Gott segne dich«, sagte der Junge, »aber ich kann tun, was ich will, sie wird mich immer liebhaben.« So tat er denn, was er wollte. Jedermann verwöhnte ihn, sein ernster Vetter ebenso wie alle anderen.

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