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William Makepeace Thackeray: Henry Esmond - Kapitel 26
Quellenangabe
typefiction
authorWilliam Makepeace Thackeray
titleHenry Esmond
publisherAufbau-Verlag
year1953
translatorElse von Schorn
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150118
projectid5785aa0d
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Zehntes Kapitel
Die alte Geschichte von einem Weib und einem Narren

Alle Lust an weltlichen Freuden, die Esmond besaß, und er liebte das desipere in loco weder mehr noch weniger als die meisten jungen Leute seines Alters, konnte er jetzt vollauf befriedigen, und in der besten Gesellschaft, die ihm die Stadt bot. Die Armee hatte ihre Winterquartiere in Flandern bezogen; aber alle Offiziere, die Geld und Gönner hatten, verschafften sich Urlaub und verbrachten den Winter lieber in Pall-Mall und Hyde-Park als hinter den Wällen trübseliger alter flämischer Städte. Jachten und Postschiffe verkehrten fast täglich zwischen den holländischen Häfen und Harwich; die Landstraßen von dort nach London und die großen Gasthöfe wimmelten von Herren aus der Armee, die Schenken und Garküchen Londons steckten voller Rotröcke. Die Levers unseres großen Feldherrn in Saint James waren ebenso überlaufen wie in Gent und Brüssel, wo er sich mit den Zeremonien eines Herrschers umgeben hatte. Obwohl Esmond Hauptmann im Füsilierregiment des berühmten Generals John Richmond Webb war, den Feldzug mitgemacht und in derselben Schlacht gefochten hatte wie er, war er bisher weder mit seinem Kommandanten noch mit seinen künftigen Kameraden bekannt geworden, da er General Lumley als Adjutant zugeteilt gewesen war. Es war in London, in einer Wohnung am Golden Square, wo er die Ehre hatte, Generalmajor Webb, seinem späteren Gönner und Freund, den ersten Besuch abzustatten.

Wer an diesen glänzenden und begabten Offizier zurückdenkt, wird sich erinnern, daß er für den schönsten Mann in der Armee galt, ein Ruf, auf den er selbst nicht wenig stolz war. Ein Poet, der drei Jahre später die trübe Nachahmung eines Gedichts auf die Schlacht von Oudenaarde schrieb, schildert Webb als kriegerisch wie Mars, schön wie Paris und tapfer wie Hektor. Herr Webb hielt diese Verse für genauso schön wie die Addisons auf den Sieg von Blenheim, und es war tatsächlich Ehrgeiz dieses tapferen Herrn, Hektor und Paris zu sein. Es wäre wohl schwer gewesen, unter allen unseren Offizieren und all den eleganten Herren der Maison du Roi, die unter Vendôme und Villeroy gegen uns fochten, einen besseren Soldaten und zugleich vollendeteren Kavalier zu finden als ihn. Wenn Herr Webb glaubte, was die Welt von ihm sagte, und tief überzeugt war von der Unvergleichlichkeit seiner Talente, seiner Schönheit und seines Mutes, wer hat so sehr das Recht, mit ihm darob zu streiten? Diese Selbstzufriedenheit hielt ihn stets in bester Laune, und seine Freunde und Untergebenen fuhren gut dabei.

Er stammte aus einer sehr alten Familie aus Wiltshire, die er höher schätzte als alle anderen Familien der Welt; er konnte seine direkte Abstammung von König Eduard dem Ersten nachweisen, und sein Ahn Roaldus von Richmond ritt an der Seite Wilhelms des Eroberers über das Schlachtfeld von Hastings. »Wir waren Edelleute, Esmond«, pflegte er zu sagen, »als die Churchills noch Pferdejungen waren.« Er war sehr groß; wenn er seine mächtigen Reiterstiefel anhatte und auf dem Kopf die Perücke und den Federhut, dann mochte er wohl acht Fuß messen. »Ich bin größer als Churchill«, sagte er, wenn er sich im Spiegel betrachtete, »und viel besser gewachsen. Und wenn die Frauen einen Mann nicht lieben, weil er keine Warze auf der Nase hat, zum Teufel, dann kann ich ihnen nicht helfen, denn in dem Punkt ist mir Churchill über.« Es war sein Lieblingsthema, sich mit dem Herzog zu vergleichen, besonders wenn er beim Wein saß. Dann lachten die Spaßvögel und hetzten ihn auf; Intriganten und Schmeichler gossen Öl ins Feuer, und seine Freunde sorgten und betrübten sich. Klatschmäuler trugen die Gespräche ins Hauptquartier und vertieften den Riß, der schon zwischen dem großen Feldherrn und seinem fähigsten und tapfersten Offizier klaffte.

Sein Groll gegen den Herzog lag so klar zutage, daß man ihn in der ersten halben Stunde der Bekanntschaft mit General Webb herausfühlte. Seine Frau, die ihn anbetete und ihn noch hundertmal schöner und tapferer fand, als die verschwenderische Natur ihn geschaffen hatte, haßte den großen Feldherrn mit dem ganzen Ingrimm treuer Ehefrauen gegen die Feinde ihrer Männer. Noch aber war der Herzog gar nicht sein Feind. Herr Webb hatte tausend Dinge über ihn gesagt, die ihm sein Vorgesetzter verzieh, und der Herzog, der überall seine Spione hatte, hörte tausendmal mehr, als in Wahrheit über Herrn Webbs Lippen gekommen war. Dem großen Mann wurde es nicht schwer, zu verzeihen, wo er es nötig fand, und er ging über eine Beleidigung ebenso leicht hinweg wie über eine Wohltat. Sollte einer meiner Nachkommen sich die Mühe nehmen, diese Erinnerungen seines Ahnen zu lesen, so möge er den großen Herzog Diese Stelle ist auf einem besonderen Blatt geschrieben, das in die Memoiren eingefügt und von 1744 datiert ist, wahrscheinlich nachdem Esmond von dem Tode der Herzogin erfahren hatte. nicht allein danach beurteilen, was ein Zeitgenosse von ihm schreibt. Kein Mensch wurde so unendlich gepriesen und verlästert zugleich, wie dieser große Staatsmann und Krieger; und wirklich verdiente kaum jemand so sehr das höchste Lob wie den schärfsten Tadel. Wenn der Schreiber dieser Memoiren mehr zum Tadel neigt, so mag vielleicht ein privater Groll die Ursache sein.

Als er sich bei des Oberkommandierenden Lever vorstellte, erinnerte Seine Gnaden sich nicht im mindesten an General Lumleys Adjutanten, und obwohl er Esmonds Familie sehr gut kannte – da er sowohl mit Lord Francis wie mit Esmonds Vater bei Yorks Garde in Flandern gedient hatte und sich gegen die (sogenannten) legitimen Vertreter des Hauses Castlewood liebenswürdig und hilfsbereit zeigte – nahm er nicht im geringsten Notiz von dem armen Leutnant, der doch denselben Namen trug. Ein freundliches oder anerkennendes Wort, ein einziger ermunternder Blick hätte vielleicht Esmonds Meinung von dem großen Mann geändert, und wer weiß, ob nicht der bescheidene Historiker statt der Satire, die sich aus seiner Feder drängt, eine Lobeshymne angestimmt hätte? Wir brauchen nur den Standpunkt zu wechseln und die erhabenste Tat wirkt kümmerlich, so wie wir durch das umgekehrte Fernglas einen Riesen nur als Zwerg sehen. Du magst immer berichten, aber wer weiß, ob dein Blick auch klar ist oder deine Kenntnisse genau genug? Hätte der große Mann nur ein einziges liebenswürdiges Wort zu dem kleinen gesprochen – wie er aus seiner goldenen Kutsche gestiegen wäre, um Lazarus in Lumpen und Schwären die Hand zu schütteln, wenn er sich von Lazarus Nutzen versprach –, so würde Esmond ohne Zweifel mit Feder und Schwert aus aller Kraft für ihn gefochten haben. Aber Mylord der Löwe brauchte den Junker Mäuserich im Augenblick nicht, und so ging Mäuserich von dannen und wühlte als Opposition.

Jedoch so kam es eben, daß ein junger Herr, der in den Augen seiner Familie und wahrscheinlich auch in seinen eigenen als vollendeter Held galt, erleben mußte, von dem großen Helden des Tages so wenig beachtet zu werden wie der kleinste Trommler in Seiner Gnaden Armee. Die Gräfin-Witwe in Chelsea geriet in Wut über diese Vernachlässigung ihrer Familie und focht einen schweren Kampf mit Lady Marlborough aus – sie nannte sie niemals Herzogin! Ihre Gnaden war jetzt Intendantin der Garderobe Ihrer Majestät und eine der höchsten Persönlichkeiten im Königreich, wie ihr Gemahl es in ganz Europa war, und das Gefecht zwischen den beiden Damen fand im Empfangszimmer der Königin statt.

Die Herzogin erwiderte auf meiner Tante heftige Beschwerde recht hochmütig, daß sie für den legitimen Zweig der Esmonds ihr möglichstes getan habe, man könne aber nicht von ihr erwarten, daß sie für die Bastardbälger der Familie sorge.

»Bastard!« rief die Gräfin wütend. »Auch bei den Churchills gibt es Bastarde, wie Euer Gnaden wohl wissen, und für den Herzog von Berwick ist sehr gut gesorgt.«

»Madame«, sagte die Herzogin, »Sie wissen, bei wem der Fehler liegt, daß solche Herzöge nicht auch in der Familie der Esmonds sind, und wie das hübsche Plänchen einer gewissen Dame fehlschlug.« Esmonds Freund Dick Steele, der auf den Prinzen wartete, hörte die Kontroverse der Damen mit an. »Und auf mein Wort«, erzählte Dick, »ich glaube, Henry, deine Verwandte kam dabei ins Hintertreffen.« Er konnte das Geschichtchen nicht für sich behalten, es machte in der Nacht noch die Runde in allen Kaffeehäusern; ehe ein Monat verging, stand es in einer Zeitung, und die »Antwort der Herzogin von M–rlb–r–gh an eine papistische Hofdame, ehemalige Favoritin des verstorbenen K–J–m–s«, wurde ein halb dutzendmal abgedruckt, dazu mit einer Notiz, daß »diese Herzogin, als kürzlich das Haupt der Familie jener Dame im Duell getötet wurde, nicht geruht habe, bis sie der Witwe und dem verwaisten Erben durch die Güte Ihrer Majestät eine Pension verschaffte«. Der Klatsch war nicht sehr günstig für des armen Esmonds Beförderung, und er schämte sich so sehr, daß er sich nie wieder bei den Levers des Feldherrn zu zeigen wagte.

Während der achtzehn Monate, seit Esmond seine Herrin nicht gesehen hatte, war ihr guter Vater, der alte Dechant, aus dem Leben geschieden, seinen Grundsätzen treu bis zuletzt, und er ermahnte seine Familie, stets daran zu denken, daß der Königin Bruder, König Jakob der Dritte, ihr rechtmäßiger Herrscher sei. Sein Ende war sehr erbaulich, wie die Tochter Esmonds berichtete, und zu ihrer nicht geringen Überraschung – denn er hatte immer sehr bescheiden gelebt – hinterließ er bei seinem Tode nicht weniger als dreitausend Pfund, die sie von ihm erbte.

Dies kleine Vermögen erlaubte es Lady Castlewood, nach London zu ziehen, als ihre Tochter das Amt bei Hof antrat; sie mietete für sich und ihre Kinder ein herrschaftliches kleines Haus in Kensington, und hier fand Esmond seine Freunde wieder.

Die Universitätslaufbahn des jungen Lords hatte ein ziemlich plötzliches Ende gefunden. Der ehrliche Tusher, sein Hofmeister, hatte den jungen Herrn nicht in Schranken halten können. Mylord vergeudete seine Zeit mit allerlei Streichen und jugendlichen Ausschweifungen, wie sie häuslich erzogene Jungen in der ersten Zeit der Freiheit zu verüben pflegen, so daß Doktor Bentley, der neue Rektor vom Trinity College, sich genötigt sah, an Mylords Mutter, die Gräfin Castlewood, zu schreiben und sie zu bitten, den jungen Herrn von der Universität zu entfernen; denn er weigere sich zu studieren und richte durch das Beispiel seiner wilden Ausgelassenheit bei seinen Mitschülern nur Unheil an. Wirklich, er steckte fast Nevils Court in Brand, den schönen Trakt der Universität, den Sir Christopher Wren kurz zuvor erbaut hatte. Er schlug einen Diener des Universitätsgerichts zu Boden, der ihn bei einem mitternächtlichen Streich ertappte und in Gewahrsam bringen wollte; er hatte am Geburtstag des Prinzen von Wales eine Gesellschaft gegeben und die zwanzig anwesenden jungen Herren aufgefordert, bei offenen Fenstern auf König Jakobs Gesundheit zu trinken, und war schließlich mit ihnen in den großen Hof gezogen, wo sie gesungen und geschrien hatten, bis der Lehrer um Mitternacht aus seiner Wohnung herunterkam und die wilde Gesellschaft auseinandertrieb.

Das war Mylords krönende Tat, und Hochwürden Thomas Tusher, Hauskaplan Seiner Gnaden des Grafen von Castlewood, legte sein Amt als Hofmeister nieder, in der Erkenntnis, daß seine Gebete und Ermahnungen spurlos an dem jungen Herrn vorübergingen. Er heiratete seine Brauerswitwe in Southampton und nahm sie und ihr Geld mit sich in das Pfarrhaus von Castlewood.

Mylady konnte ihrem Sohn nicht zürnen, weil er auf König Jakobs Gesundheit getrunken hatte, war sie doch selbst eine treue Anhängerin der Stuarts. Seufzend gab sie ihm die Erlaubnis, Offizier zu werden, sie wußte wohl, daß eine Weigerung von ihrer Seite gegen den glühenden Wunsch des Sohnes nichts ausrichten würde. Sie hätte ihn gern in Esmonds Regiment gesehen, in der Hoffnung, daß Harry als Hüter und Ratgeber über seinem eigensinnigen jungen Vetter wachen werde. Aber Mylord wollte nur von der Garde etwas wissen, und man verschaffte ihm ein Patent im Regiment des Herzogs von Ormond. So fand Esmond, als er von Blenheim zurückkehrte, Mylord als Fähnrich und Leutnant vor.

Der Eindruck, den die Kinder der Lady Castlewood bei ihrem Erscheinen in der Öffentlichkeit hervorbrachten, war ganz außerordentlich. Die ganze Stadt hallte davon wider; man erklärte, ein so schönes Paar habe man noch nie gesehen; man machte Gedichte auf sie; bei jedem Trinkgelage wurden auf die junge Hofdame Gesundheiten ausgebracht, und Mylord wurde noch mehr bewundert als seine Schwester. Ihr könnt mir glauben, daß er das Urteil der Stadt sehr liebenswürdig aufnahm und mit seiner gewohnten guten Laune und dem ihm eigenen Freimut der öffentlichen Meinung beistimmte, die ihn zum hübschesten Jungen in London stempelte.

Die Gräfin-Witwe in Chelsea, die man, wie sehr viele andere Damen auch, nicht dazu bringen konnte, Fräulein Beatrix überhaupt als Schönheit anzuerkennen, erklärte sofort, in den jungen Castlewood sei sie verliebt, und Henry Esmond fand sich bei seiner Rückkehr fast ganz durch seinen jüngeren Vetter aus ihrer Gunst verdrängt. Schon allein sein Streich in Cambridge, mit der Gesundheit auf König Jakob, habe ihr Herz gewonnen. »Woher hat der liebe Junge diese Schönheit?« fragte sie. »Von seinem Vater doch gewiß nicht, und von seiner Mutter erst recht nicht. Wie kommt er zu so vornehmer Lebensart? Die verbauerte Witwe aus Walcote kann sie ihm doch unmöglich beigebracht haben.« Esmond hatte seine eigene Ansicht über die verbauerte Witwe, deren ruhige Anmut und heitere Liebenswürdigkeit ihm immer als die Vollendung guter Lebensart erschienen waren; aber er hütete sich wohl, mit seiner Tante über diesen Punkt zu streiten. Dagegen konnte er in die Lobgesänge der begeisterten alten Dame auf den jungen Lord fast immer einstimmen, da er keinen so liebenswürdigen und bestrickenden jungen Herrn wie ihn kannte. Castlewood hatte weniger Witz als sprudelnden Lebensübermut. »Der Junge sieht aus wie Sonnenschein«, pflegte Herr Steele zu sagen. »Sein Lachen verklärt ein Gespräch mehr als zehn geistreiche Witze von Herrn Congreve. Ich sitze lieber mit ihm beim Weine als mit Herrn Addison und höre seinem Geplauder lieber zu als selbst Nicolini. Habt ihr je einen Mann so anmutig betrunken gesehen wie Mylord Castlewood? Ich gäbe etwas darum, wenn ich meinen Rausch so angenehm tragen könnte wie dieser unvergleichliche junge Mann.« (Obgleich Dick seinen wirklich sehr heiter trug, und einen großen noch dazu.) »Wenn er nüchtern ist, so ist er reizend; hat er einen Rausch, so ist er einfach unwiderstehlich.« Dann zitierte er wohl seinen Liebling Shakespeare, der ganz aus der Mode gekommen war, bis Steele ihn wieder in Mode brachte, und verglich Lord Castlewood mit dem Prinzen Heinz; Esmond aber wurde gütigst von ihm zum Pistol ernannt.

Die Herzogin von Marlborough, jetzt Oberhofmeisterin der Königin und die erste Dame nach Ihrer Majestät – oder vor Ihrer Majestät, wie alle Welt sagte –, ließ sich nie herbei, ein höfliches Wort an Beatrix zu richten, der sie doch selbst die Stellung als Hofdame verschafft hatte. Der Bruder aber war nach wie vor bei ihr in Gunst. Als der junge Castlewood, der in seiner neuen Uniform aussah wie ein Märchenprinz, Ihrer Gnaden seine Aufwartung machte, blickte sie ihn eine Weile schweigend an. Er wurde verwirrt und errötete; sie aber brach in Tränen aus und küßte ihn vor ihren Töchtern und vor versammelter Gesellschaft. »Er war der Freund meines Sohnes«, sagte sie schluchzend, »Churchill könnte jetzt so aussehen wie er.« Nach diesen Zeichen herzoglicher Gunst wurde es jedem klar, daß Mylords Glück gemacht war. Die Leute drängten sich um den Favoriten der Favoritin, und er wurde eitler, heiterer und liebenswürdiger denn je.

Inzwischen machte Fräulein Beatrix auch ihre Eroberungen. Darunter war ein armer junger Herr, den ihre Augen schon früher verwundet hatten und der nie ganz von seiner Wunde genesen war. Damals hatte er, in dem Bewußtsein, daß seine Leidenschaft hoffnungslos war, das in Liebessachen einzig richtige, aber unrühmliche remedium amoris ergriffen, schnelle Flucht vor der Zauberin und eine lange Abwesenheit. Und da er das erstemal noch nicht gefährlich getroffen war, kam er über den Schmerz hinweg oder fühlte ihn wenigstens nicht mehr recht und trug ihn leicht. Als er aber von Blenheim zurückkehrte, wurde der arme Teufel hoffnungslos von dem Reiz unterjocht, vor dem er damals nach zwei Tagen geflohen war. Jetzt sah er die Zauberin Tag für Tag, bei Hofe und in der Familie. Wenn sie ausfuhr, ritt er hinter ihrem Wagen her; wenn sie im Theater erschien, war er in der Loge neben ihr, oder er saß im Parterre und beobachtete sie von dort aus. Ging sie zur Kirche, so ging er auch; und obwohl er nicht auf die Predigt hörte, so war er doch zur Hand, um sie zu ihrem Stuhl zu führen, falls sie geruhte, seine Dienste anzunehmen. Denn sie hatte immer ein großes Gefolge junger Leute, unter denen sie wählen konnte. Begleitete sie Ihre Majestät nach Hampton Court, dann sank Finsternis über London. Ihr Götter, wieviel Nächte hat Esmond in Gedanken an sie durchwacht; wieviel Reime hat er auf sie geschmiedet! Sein Freund Dick Steele warb zu jener Zeit um jene junge Dame, Frau Scurlock, die er später heiratete. Sie wohnte am Kensington-Square, ganz nahe bei Lady Castlewood. Dick und Harry, beide auf Liebeswegen, pflegten sich dort immer wieder zu begegnen. Ständig umschlichen sie den Platz, entweder trotteten sie betrübt davon oder rannten eifrig und erwartungsvoll auf ihn zu. Sie leerten Dutzende Flaschen Wein zusammen im »Königlichen Wappen«; jeder sprach von seiner Liebe und ließ den anderen nur unter der Bedingung reden, daß er ihm ebensolange gleich geduldig zuhörte. So entstand eine große Vertraulichkeit zwischen ihnen, während sie allen anderen Freunden unerträglich gewesen sein müssen. Esmonds Verse an »Gloriana am Spinett«, an »Glorianas Blumenstrauß«, an »Gloriana bei Hofe« erschienen im »Observator«. Habt ihr sie nie gelesen? Man hielt sie für hübsche Gedichte damals und schrieb sie einem Herrn Prior zu.

Seine Leidenschaft konnte den klaren Augen seiner Herrin unmöglich entgehen. Er erzählte ihr alles. Was tut nicht ein Mann, wenn er wahnsinnig verliebt ist? Welcher Niedrigkeit ist er nicht fähig? Welche Qualen wird er nicht anderen bereiten, nur um die Qual des eigenen Herzens zu lindern? Tag für Tag kam er zu seiner lieben Herrin, lag ihr mit törichten Hoffnungen, flehenden Bitten, Ausbrüchen verliebter Begeisterung in den Ohren. Sie hörte zu, lächelte, tröstete, war unermüdlich geduldig, teilnehmend und freundlich. Esmond sei ihr ältestes Kind, pflegte sie zu sagen. Nach allem, was erzählt wurde, braucht man es kaum noch auszusprechen, daß die Werbung des armen Harry erfolglos war. Was galt ein namen- und vermögensloser Leutnant, wenn einige der Größten des Landes mit ihm wetteiferten? Esmond dachte nicht einmal daran, um die Erlaubnis zu bitten, daß er hoffen dürfte. Er verbrachte seine Tage albern und nutzlos mit demütigen Seufzern und ohnmächtiger Sehnsucht. Beatrix dachte an ihn nicht mehr als an den Lakaien, der ihrer Sänfte folgte. Seine Klagen rührten sie nicht im geringsten, seine Verzückungen fielen ihr lästig, seine Verse waren ihr so gleichgültig wie die von Dan Chaucer, der seit vielen hundert Jahren unter der Erde liegt. Sie haßte ihn nicht, sie verachtete ihn eher und duldete ihn nur.

Eines Tages, als er der Mutter seiner Geliebten stundenlange Klagelieder gesungen hatte, als er wieder und wieder, zu dem Thema seiner Leidenschaft, seiner Wut und Verzweiflung zurückgekehrt, im Zimmer auf und ab gerannt war, die Blumen auf dem Tisch zerzupft und das Wachs auf dem Schreibzeug zerbröckelt hatte, da bemerkte er endlich, daß seine liebe Herrin ganz bleich und erschöpft war vor Müdigkeit, da sie nun zum hundertsten Male voll Mitleid sein Fieber mit erleben mußte. Er nahm seinen Hut und ging. Als er Kensington Square erreichte, ergriff ihn ein Gefühl der Reue über die ermüdende Pein, die er der gütigsten Freundin bereitet hatte, die je ein Mann besessen. Er ging ins Haus zurück, wo der Diener noch in der offenen Tür stand, rannte die Treppe hinauf und fand seine Herrin da, wo er sie verlassen hatte, in der Fensternische. Sie schaute über die Felder hinaus nach Chelsea zu. Als sie ihn erblickte, lachte sie und wischte sich zugleich die Tränen aus den Augen. Er warf sich vor ihr auf die Knie und vergrub seinen Kopf in ihrem Schoß. Sie hielt den Stengel einer Nelke in der Hand, einer der Blumen, die er zerpflückt hatte. »Verzeih mir, verzeih mir, meine Liebste, meine Teuerste!« rief er. »Ich bin in der Hölle, und du bist der Engel, der mir einen Tropfen Wasser bringt.«

»Ich bin deine Mutter, du bist mein Sohn, und ich werde dich immer liebhaben«, sagte sie und faltete ihre Hände über ihm. Er ging getröstet von ihr und auch gedemütigt im Gedanken an diese wunderbare und beständige Liebe und Zärtlichkeit, mit der seine sanfte Herrin ihn beglückte.

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