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William Makepeace Thackeray: Henry Esmond - Kapitel 25
Quellenangabe
typefiction
authorWilliam Makepeace Thackeray
titleHenry Esmond
publisherAufbau-Verlag
year1953
translatorElse von Schorn
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150118
projectid5785aa0d
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Neuntes Kapitel
Ich nehme an dem Feldzug von 1704 teil

So ritt Esmond nach London, und wenn die Gräfin-Witwe über seine plötzliche Abreise etwas ungnädig gewesen war, freute sie sich desto mehr, daß er so bald wieder zurückkam.

Er machte als erstes seinem neuen Vorgesetzten, General Lumley, einen Besuch, der ihn sehr wohlwollend empfing, da er seinen Vater gekannt und auch, wie er gnädig bemerkte, die besten Auskünfte von dem Offizier erhalten hatte, dessen Adjutant Herr Esmond in Vigo gewesen war. Während dieses Winters bekleidete Mr. Esmond einen Leutnantsposten in Brigadier Webbs Füsilierregiment, das mit seinem Oberst in Flandern stand; da er aber als Adjutant zur Suite des Herrn Lumley gehörte, stieß er erst mehr als ein Jahr später zu seinem Regiment, erst nach seiner Rückkehr von dem Feldzug auf Blenheim, der im folgenden Jahr stattfand. Der Feldzug begann sehr zeitig im Frühling; der Winter war kaum vorüber, als unsere Truppen unter dem Befehl des Herzogs von Marlborough die Stadt Bonn am Rhein belagerten. Seine Gnaden kam in tiefer Trauer zur Armee. Er trug Krepp um den Ärmel, und seine Dienerschaft war schwarz gekleidet. Dasselbe Schiff, das den Höchstkommandierenden herüberbrachte, hatte auch die Briefe für die Armee befördert, darunter war einer an Esmond, der ihn nicht wenig interessierte.

Seine liebe Herrin schrieb ihm, daß der junge Lord Churchill in Cambridge an den Pocken gestorben sei. So waren die Pläne des armen Frank, der jetzt auch in Cambridge studierte, im Trinity College unter Aufsicht von Herrn Tusher, zu Wasser geworden, und eine kindliche Leidenschaft war im Keim vernichtet.

Esmonds Herrin schien nach ihrem Brief seine Rückkehr zu wünschen; aber im Angesicht des Feindes umzukehren, war unmöglich. Der junge Mann nahm also an der Belagerung teil, die wir hier nicht zu beschreiben brauchen, war so glücklich, ohne Wunden davonzukommen, und trank nach der Übergabe auf die Gesundheit seines Generals. Er war das ganze Jahr hindurch ununterbrochen im Dienst und dachte nicht daran, um Urlaub zu bitten, wie einige seiner weniger glücklichen Freunde, die in dem furchtbaren Novembersturm umkamen, der »kürzlich über die erbleichende Britannia brauste«, wie Herr Addison ihn besang – und eine Menge unserer größten Schiffe und fünfzehntausend Mann unserer Seeleute vernichtete.

Man sagte, der Herzog sei ganz gebrochen durch den Tod seines Sohnes; aber die Feinde merkten, daß er sie ebensogut niederzwingen konnte wie seinen Schmerz. Waren die Erfolge des Generals im vergangenen Jahr glänzend gewesen, so wurden sie durch die Siege dieses Jahres noch weit übertroffen. Nach der Eroberung von Bonn ging der Oberbefehlshaber nach England, und die Armee zog sich nach Holland zurück. Im April 1704 liefen Truppenschiffe von Harwich aus, und Seine Gnaden landete in Maesland Sluys, von wo er sofort nach dem Haag kam. Dort empfing der Herzog die fremden Minister, Generale, Offiziere und andere Würdenträger. Die größten Ehren wurden ihm überall erwiesen; im Haag, in Utrecht; Roermond und Maastricht gingen die städtischen Behörden seiner Kutsche entgegen, Kanonenschüsse begrüßten ihn, Ehrenpforten waren errichtet, und den zahlreichen Herren seines Gefolges wurden Bankette gegeben. Zwischen Lüttich und Maastricht hielt Seine Gnaden über die Truppen der Generalstaaten Revue ab und besichtigte dann die englischen Streitkräfte, die unter General Churchill bei Herzogenbusch standen. Man traf Vorbereitungen für einen langen Marsch, und die Armee erfuhr mit nicht geringer Genugtuung, daß der Herzog den Krieg aus den Niederlanden hinaustragen wolle und die Absicht habe, auf die Mosel zu marschieren. Ehe wir unser Lager bei Maastricht verließen, hörten wir, daß die Franzosen unter Marschall Villeroy sich ebenfalls der Mosel näherten.

Gegen Ende des Monats Mai erreichte die Armee Koblenz. Der Herzog, begleitet von seinen Generalen, besuchte den Kurfürsten von Trier auf seinem Schloß Ehrenbreitstein; und während zu ihrer Unterhaltung ein großes Fest veranstaltet wurde, setzten die Dragoner und die reitende Artillerie über den Rhein. Bis jetzt war alles neu, fremdartig und glänzend, der Triumphzug eines großen siegreichen Heeres durch ein befreundetes Land und durch eine der schönsten Landschaften, die ich je gesehen habe.

Das Fußvolk und die Feldgeschütze folgten über den Rhein und wandten sich nach Kassel gegenüber Mainz. Gidlingen in Bayern war als Sammelpunkt der verbündeten Streitkräfte bestimmt, wohin Engländer, Deutsche, Holländer und Dänen auf verschiedenen Wegen marschierten. Dort wurde der Herzog und sein Gefolge von den Staatskutschen des Kurfürsten erwartet, unter Kanonendonner nach dem Palast geleitet und dort noch einmal durch ein glänzendes Fest gefeiert. Fußvolk und Feldgeschütze unter General Churchill gingen bei Heidelberg über den Neckar; und Esmond hatte Gelegenheit, das berühmte, einst so wundervolle Schloß zu sehen, von den Franzosen unter Turenne im letzten Krieg zerschossen und zerstört – wo sein Großvater der schönen unglücklichen Kurfürstin von der Pfalz, des ersten König Karls Schwester, gedient hatte.

In Mindelsheim besuchte der berühmte Prinz von Savoyen unseren Feldherrn, und wir drängten uns alle begierig herbei, um den glänzenden, unerschrockenen Krieger in der Nähe zu sehen. Unsere Truppen wurden ihm in Schlachtordnung vorgeführt, und er geruhte, dieser edlen englischen Armee seinen Beifall auszudrücken. Endlich kam der Feind zwischen Dillingen und Lawingen in Sicht. Der Kurfürst von Bayern war der Ansicht, daß Marlborough Donauwörth zum Hauptangriffspunkt machen werde, und schickte dem Grafen Darcos, der in Schellenberg, dicht bei Donauwörth, stand, einen Teil seiner besten Truppen, um die Stellung zu verstärken. Tausende von Pionieren arbeiteten an der Befestigung des Lagers.

Am 2. Juli wurde es vom Herzog gestürmt, mit welchem Erfolg, braucht kaum gesagt zu werden. Sechstausend Mann zu Fuß, Engländer und Holländer, dreißig Reiterschwadronen und drei Regimenter der Kaiserlichen Kürassiere rückten vor. Der Herzog setzte an der Spitze der Kavallerie über den Fluß. Obwohl unsere Truppen beim Angriff den unvergleichlichsten Mut zeigten – sie stürmten bis unter die Kanonen des Feindes und fielen wie geschlachtet dicht vor den Wällen –, wurden wir doch wieder und wieder zurückgeschlagen. Wir hätten das Lager nicht nehmen können, wenn nicht die Kaiserlichen unter dem Prinzen von Baden zu unserer Verstärkung herbeigeeilt wären. Da mußte der Feind weichen. Wir folgten ihm hinter seine Schanzen, richteten ein furchtbares Blutbad an und trieben ihn nach der Donau zu. Die Überlebenden, der Graf Darcos und der bayrische Kurfürst an der Spitze, stürzten sich in den Strom, um sich schwimmend zu retten. Unser Heer zog in Donauwörth ein, wo der Kurfürst die Absicht gehabt hatte, uns einen warmen Empfang zu bereiten. Die Keller der Häuser waren mit Stroh vollgestopft, und alles war vorbereitet, um uns meuchlings in unseren Betten zu verbrennen. Die Pechfackeln lagen bereit; aber die Fackelträger hatten sich gedrückt. Den Bürgern waren ihre Häuser zu lieb, und unser Feldherr konnte ungestört von den Arsenalen und Munitionsvorräten des Feindes Besitz ergreifen. Fünf Tage später wurde in Prinz Ludwigs Armee ein großes Tedeum gesungen und in der unseren ein feierlicher Dankgottesdienst gehalten; die Glückwünsche des Prinzen von Savoyen an Seine Gnaden trafen gerade während der Kirchenzeremonie ein und beschlossen sie gleichsam mit einem Amen.

Nach all der Pracht und den Festlichkeiten an deutschen Höfen, dem Zug durch Frankenland nach dem furchtbaren Ringen der heißen Schlacht, nach dem Taumel des Sieges war es Esmond vorbehalten, den Krieg auch noch von einer anderen Seite kennenzulernen. Unsere Truppen brachen in feindliches Land ein und hausten mit Feuer und Schwert, steckten Bauernhöfe in Flammen, verwüsteten Felder, schreckten die Weiber, erschlugen Söhne und Väter, und die betrunkene Soldateska fluchte und zechte mitten in Jammer, Mord und Tränen. Warum verschweigt die würdige Muse der Geschichte, die in der Helden Tapferkeit und dem Glanz der Siege schwelgt, warum verschweigt sie diese rohen und gemeinen Szenen, die doch den größten Teil des Kriegsdramas bilden? Ihr Herren in England, die ihr behaglich in euren Häusern sitzt und euch in Siegesliedern, die unsere Generale preisen, selbst feiert, ihr hübschen Mädchen, die ihr die Treppe herunterstürzt, wenn Trommel und Pfeife erklingt, um den britischen Grenadier mit Jubel zu begrüßen – macht ihr euch klar, daß diese Greuel in der Summe den Triumph ergeben, den ihr besingt, daß diese Schandtaten zu den Kriegerpflichten der Helden gehören, die ihr zärtlich liebkost? Unser Feldherr, den England und ganz Europa, ausgenommen Frankreich, beinahe abgöttisch verehrte, war darin wahrhaft göttergleich, daß Sieg, Gefahr und Niederlage ihn gleichermaßen unberührt ließen. Ob hunderttausend Mann vor ihm in Schlachtordnung aufzogen, ob ein Bauer vor der Tür seiner brennenden Hütte hingemordet wurde, bei einer Zecherei betrunkener deutscher Fürsten, am Hof eines Monarchen, im Angesicht einer feindlichen Batterie, die ihm Tod und Flammen entgegenspie, am Kartentisch bei seinen Feldzugsplänen – er war immer kalt, ruhig und entschlossen, wie das Schicksal selbst. Er übte Verrat, wie eine Hofzeremonie, er sprach eine Lüge, schwarz wie der Styx, so leicht und angenehm wie ein Kompliment oder eine Bemerkung über das Wetter. Er nahm eine Mätresse und verließ sie wieder; er verriet einen Gönner oder half ihm und würde ihn mit derselben Ruhe auch gemordet haben. Sein Gewissen quälte ihn wenig, wie Klotho, wenn sie den Faden webt, oder Lachesis, wenn sie ihn zerschneidet. Von dem Prinzen von Savoyen erzählten seine Offiziere, er sei während der Schlacht immer von einer Art kriegerischer Wut besessen gewesen; er sei mit funkelnden Augen hin und her gerast, habe seine blutigen Kriegshunde durch Flüche und gellende Zurufe angetrieben und sei selbst immer an der Spitze der Jagd gewesen. Unser Herzog war vor der Mündung der Kanone gelassen wie vor der Tür eines Salons. Vielleicht wäre er kein so großer Mann gewesen, wenn er wie andere Menschen geliebt und gehaßt, bemitleidet und gefürchtet, gezweifelt und bereut hätte.

Seine Eigenschaften waren in der Armee sehr gut bekannt, wo es Parteien verschiedener politischer Richtungen gab mit einer Fülle von Bosheit und Geist, aber es herrschte ein solches Vertrauen zu ihm, als dem besten Heerführer der Welt, und ein solch bewundernder Glaube an sein ungeheures Glück und Genie, daß dieselben Leute, die er nachweislich um ihren Sold betrog, und die Offiziere, die er ausnutzte und beleidigte, ihm dennoch folgten. Denn er nutzte alle Menschen aus, die ihm nahekamen; er gebrauchte sie wie Werkzeuge und nahm, was von ihnen zu bekommen war – dem Soldaten sein Blut, dem König hunderttausend Kronen oder einen juwelenbesetzten Hut, der verhungernden Schildwache drei Heller von ihrem Sold, der Frau einen Kuß, als er jung war, oder auch die goldene Kette von ihrem Hals. Er nahm alles, was er bekommen konnte von Mann oder Weib und war darin göttergleich, daß er einen Helden untergehen oder einen Sperling vom Dache fallen sah mit demselben Aufwand an Mitgefühl. Nicht daß es ihm an Tränen gemangelt hätte, diese Reserve konnte er stets im rechten Augenblick ins Treffen führen, gleicherweise gebot er über Lächeln oder Tränen, wann immer diese kleine Münze nötig war. Er konnte einem Schuhputzer so gut schmeicheln als einem Minister oder Monarchen, konnte hochmütig wie demütig sein, konnte drohen, sich reuig an die Brust schlagen, weinen, deine Hand drücken oder den Dolch zücken, wie die Gelegenheit es forderte. Und doch fand er die höchste Bewunderung in der Armee bei jenen, die am meisten unter ihm zu leiden hatten, und wenn er die Schlachtreihe entlangritt, wenn in der Schlacht ein Bataillon vor dem Sturm des Feindes wankte, faßten die verzagenden Offiziere und Mannschaften neuen Mut, wenn sie die prachtvolle Ruhe seines Gesichtes sahen, und jeder fühlte, daß sein unbeugsamer Wille seine Soldaten unwiderstehlich mache.

Nach dem großen Sieg von Blenheim stieg der Enthusiasmus für den Herzog zu einer Art Raserei, selbst bei seinen erbittertsten persönlichen Feinden, ja, gerade die Offiziere, die ihn heimlich verfluchten, jubelten ihm am tollsten zu. Wer konnte auch einem solchen Sieg und einem solchen Sieger die Bewunderung versagen! Er, der diese Geschichte schreibt, konnte es nicht. Man mag noch so klar über die Menschen denken: wer an einem solchen Tag mitgefochten hat, dem schlägt noch bei der Erinnerung das Herz vor Stolz und glühender Begeisterung.

Der rechte Flügel der Franzosen stand dicht bei dem Dorfe Blenheim an der Donau, wo Marschall Tallard seine Quartiere hatte. Ihre Linien erstreckten sich etwa über anderthalb Meilen bis an einen waldigen Hügel, an dessen Fuß vierzig Schwadronen gegen den Prinzen von Savoyen aufgestellt waren. Hier hatten die Franzosen ein Dorf niedergebrannt, weil der Wald besseren Schutz gewährte und leichter zu verteidigen war als jedes Dorf.

Vor den französischen Linien zog sich ein sumpfiges Terrain hin, das aber durch die Hitze beinahe ausgetrocknet war. Ein kleiner Bach, kaum zwei Fuß breit, schlängelte sich hindurch und bildete die einzige Trennungslinie zwischen den feindlichen Heeren. Um sechs Uhr morgens nahmen wir Aufstellung zur Schlacht, und lange, ehe der Kanonendonner begann, wimmelte es in der weiten Ebene von Truppen. Diese Kanonade dauerte auf beiden Seiten viele Stunden lang. Die französischen Geschütze richteten besonders zwischen unserer Reiterei schweren Schaden an und auf unserem rechten Flügel, wo die Kaiserlichen standen. Der Prinz von Savoyen konnte weder seine Artillerie noch seine Linientruppen vorwärts bringen, da das Gelände vor ihm von Gräben und Morästen zerrissen und für Geschütze sehr schwierig zu passieren war.

Es war Mittag vorbei, als unsere Linke unter dem Befehl von Lord Cuttes, dem beliebtesten und tapfersten englischen Offizier, zum Angriff vorging. Unser junger Adjutant, der die Ehre hatte, Befehle von einem Ende der Linie zum anderen zu bringen, erlebte eine nicht ungewöhnliche Begleiterscheinung des kriegerischen Ruhms: er wurde wie Hunderte anderer braver Burschen fast zu Beginn des berühmten Tages von Blenheim von einer Kugel getroffen. Kurz nach zwölf Uhr rückte ein Korps von Engländern und Hessen unter heftigem Geschützfeuer des Feindes, der zahlreicher und auch besser postiert war als wir, auf Blenheim. Generalmajor Rowe und seine Offiziere schritten barhäuptig und zu Fuß dem Feinde gerade entgegen. Unsere Leute hatten Befehl, das Feuer nicht zu erwidern, sondern die französischen Palisaden mit Bajonett und Pike anzugreifen. Unerschrocken schritt Rowe darauf zu und schlug mit dem Degen an das Schanzwerk, ehe unsere Truppen stürmten. Im selben Augenblick wurde er niedergeschossen und mit ihm sein Oberst, sein Major und mehrere andere Offiziere. Unter lautem Hurrageschrei rückten ihnen die Truppen nach; aber trotz ihres Mutes und ihrer unglaublichen Entschlossenheit wurden sie durch das mörderische Feuer aus den Palisaden aufgehalten und zugleich in der Flanke von einem wütenden Angriff französischer Reiter gepackt, die aus Blenheim herausjagten und unsere Leute zu Hunderten niederritten. Dreimal griff unser Fußvolk wild und verzweifelt wieder an und wurde dreimal vom Feinde zurückgeschlagen, bis es sich erschüttert und gelichtet über den kleinen Bach zurückzog, den es vor einer Stunde so mutig überschritten hatte, verfolgt von der französischen Reiterei, die niedermetzelte, was sie erreichen konnte.

Jetzt wurden aber die Verfolger durch einen wilden Angriff der englischen Reiterei unter Esmonds General Lumley aufgehalten. Das fliehende Fußvolk fand hinter den Reitern Deckung und sammelte sich von neuem, während Lumley die französische Reiterei zurücktrieb und gegen Blenheim und die Palisaden anstürmte, wo so viele tapfere Engländer mit Rowe in ihrem Blute lagen. Weiter weiß Esmond nichts von dieser berühmten, siegreichen Schlacht. Ein Schuß brachte sein Pferd zu Fall; er selbst lag gequetscht und betäubt unter dem gestürzten Tier, verlor das Bewußtsein und kam nach wer weiß wie langer Zeit zur Besinnung, nur um vor Blutverlust und Schmerz gleich wieder in Ohnmacht zu sinken. Ein unbestimmtes Gefühl, daß stöhnende Menschen um ihn her lagen, ein paar wilde unzusammenhängende Gedanken an die Frau, die jetzt sein Herz so viel beschäftigte, und daß nun seine Laufbahn, seine Hoffnung und sein Mißgeschick hier endete, das ist alles, dessen er sich aus diesen Stunden erinnert. Er erwachte unter furchtbaren Schmerzen. Sein Brustpanzer war entfernt, sein Diener, der gute treue Bursche aus Hampshire Vor diesem Feldzug sandte mir meine Herrin John Lockwood aus Walcote, der mich seither nicht mehr verlassen hat., hielt schluchzend seinen Kopf, und ein Arzt sondierte seine Wunde an der Schulter, die er wohl in dem Augenblick bekommen hatte, als sein Pferd über ihm zusammenbrach. Die Schlacht war mittlerweile vorüber; Blenheim war in den Händen der Engländer; seine tapferen Verteidiger waren gefangen, geflohen oder in den Wassern der Donau ertrunken. Hätte der ehrliche Lockwood ihn nicht so treulich gesucht, so wäre es wohl mit Esmond und dieser Geschichte aus gewesen. Marodeure durchzogen das Schlachtfeld und beraubten die Leichen, und Lockwood kam gerade zur Zeit, um einem dieser edlen Brüder mit dem Flintenkolben den Schädel einzuschlagen. Er hatte Esmond schon um Hut, Perücke, Börse und die silberbeschlagenen Pistolen erleichtert und kramte gerade in seinen Taschen nach weiteren Schätzen.

In Blenheim wurden Lazarette für die Verwundeten aufgeschlagen, und dort lag Esmond wochenlang in ernster Lebensgefahr. Die Verwundung war nicht schwer und die Kugel gleich an Ort und Stelle vom Arzt entfernt worden; aber am nächsten Tage setzte ein Fieber ein, das ihn dem Tode nahe brachte. Lockwood erzählte ihm später, er habe wild phantasiert, habe sich selbst den Marquis von Esmond genannt, habe einen Pfleger, der gekommen sei, ihn zu verbinden, für Fräulein Beatrix gehalten, habe geschrien, er wolle sie zur Herzogin machen, sie solle nur ja sagen. In solchen irren Fieberträumen und rana somnia verbrachte er die Tage, während die Armee das Tedeum zur Feier des Sieges sang und jene berühmten Festlichkeiten stattfanden, bei denen der römische Kaiser und sein Adel unseren Herzog, der jetzt zum Fürsten des Reiches erhoben war, bewirteten. Seine Gnaden reiste über Berlin und Hannover nach Hause, und Esmond versäumte all die Festlichkeiten in jenen Städten, an denen sein General und die anderen, die mit dem großen Feldherrn reisten, Anteil hatten. Als Esmond endlich reisefähig war, ging er über Stuttgart und Heidelberg nach Mannheim und fuhr von dort den Rhein hinunter. Es war eine angenehme, aber langweilige Fahrt und wäre doch so schön und bezaubernd gewesen, wenn sich sein Herz nicht so ungeduldig nach Hause und nach einem weit schöneren und bezaubernderen Anblick gesehnt hätte.

So hell und grüßend fast wie die Augen seiner Herrin, schienen ihm die Lichter von Harwich, als das Paketboot von Holland einlief. Wenige Stunden später war er in London und wurde von der Gräfin-Witwe mit offenen Armen empfangen. Sie schwor, er habe das air noble, die Blässe stehe ihm gut, er sei ein Amadis und verdiene eine Gloriana. Und Flammen und Pfeile, wie schlug ihm das Herz, als er hörte, Beatrix habe Dienst bei der Königin in Kensington. Er hatte Lockwood befohlen, Pferde zu bestellen, und ihm gesagt, er wolle noch zur Nacht nach Winchester. Dort hatte er jetzt nichts mehr zu schaffen, und die Pferde wurden wieder abbestellt. All seine Wünsche und Hoffnungen lagen hinter den Mauern von Kensington-Park. Der arme Harry hatte noch nie zuvor so eifrig in den Spiegel gesehen, ob er wirklich das bel air habe, ob ihm die Blässe wirklich so gut zu Gesicht stehe. Er hatte sich noch nie so gründlich mit den Locken seiner Perücke und dem Fall seines Spitzenkragens beschäftigt wie jetzt, wo er als Amadis vor Gloriana erscheinen sollte. Waren die Blicke aus ihren Augen nicht tödlicher als das Feuer der französischen Batterien? Ach, Rausch und Entzücken! wie schön waren diese Augen!

Wie am Morgen vor der strahlenden Sonne der Mond am Himmel verbleicht – so dachte Esmond errötend vielleicht an ein süßes, blasses Gesicht, das mit traurigem, zärtlichem Ausdruck in der Ferne verblich. Es schien ihm einen letzten Blick zuzuwerfen, so mag ihn Eurydike ihrem Geliebten hinauf gesandt haben, als Pluto und das Schicksal sie zu den Schatten entführten.

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