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William Makepeace Thackeray: Henry Esmond - Kapitel 23
Quellenangabe
typefiction
authorWilliam Makepeace Thackeray
titleHenry Esmond
publisherAufbau-Verlag
year1953
translatorElse von Schorn
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150118
projectid5785aa0d
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Siebentes Kapitel
Ich werde in Walcote herzlich empfangen

Als sie zu dem Haus von Walcote hinaufstiegen, leuchteten ihnen die Fenster ein freundliches Willkommen entgegen. Der Tisch im Eßzimmer war gedeckt; es schien, als wolle Liebe und Vergebung den heimkehrenden verlorenen Sohn begrüßen. Zwei oder drei vertraute Gesichter empfingen ihn am Tor; die alte Haushälterin war da und der junge Lockwood von Castlewood in Mylords braun und blauer Livree. Seine liebe Herrin drückte seinen Arm, als sie in die Halle schritten; ihre Augen strahlten ihn mit unbeschreiblicher Liebe an. »Willkommen!« war alles, was sie sagte, als sie zu ihm aufsah und die schwarze Haube von den blonden Locken schob. Ihr Gesicht war rosig, von Lächeln verklärt, Harry meinte, er habe sie nie so reizend gesehen. Sie nahm ihren Sohn bei der Hand, der in der Halle auf die Mutter wartete; aber sie ließ Esmonds Arm nicht los.

»Willkommen, Harry!« rief der junge Lord. »Wir sind alle hier, dich willkommen zu heißen. Hier ist unsere alte Pincot, ist sie nicht hübsch geworden?« Und Pincot, die älter und nicht hübscher geworden war, machte dem Kapitän, wie sie Esmond nannte, eine tiefe Verbeugung und mahnte Mylord: »Jetzt aber genug.« – »Da ist Jack Lockwood. Er wird mal ein famoser Grenadier, und ich auch, Harry. Wir wollen beide unter dir dienen. Sobald ich siebzehn Jahre alt bin, gehe ich zur Armee. Jeder Edelmann geht zur Armee. Donnerwetter, wer kommt da?« und er brach in Lachen aus. »Fräulein Trix, mit einem neuen Band. Ich wußte ja, daß sie eins umbinden würde, wenn sie hört, daß ein Hauptmann zum Abendbrot kommt.«

Das lachende Gespräch fand in der Halle von Walcote statt, eine Treppe führte von dort nach einer offenen Galerie, wo die Türen der Schlafzimmer münden. Aus einer dieser Türen trat Fräulein Beatrix, eine Wachskerze in der Hand, die ihr Gesicht beleuchtete. Die Strahlen fielen wirklich auf ein scharlachrotes Band, das sie trug, und auf den blendendweißesten Hals der Welt.

Ein Kind hatte Esmond zurückgelassen und fand eine Dame von hoher Gestalt und so verwirrend vollkommener Schönheit, daß sein Blick überrascht und entzückt auf ihr ruhte. In ihren Augen war ein so leuchtender, schmelzender Glanz, daß ich erlebt habe, wie eine ganze Versammlung ihr folgte wie durch unwiderstehlichen Zauber. Und in jener Nacht nach Ramillies, als der Herzog von Marlborough im Theater erschien und sie zufällig im selben Augenblick auf der entgegengesetzten Seite den Saal betrat, wandten sich alle Blicke dem schönen Mädchen und nicht dem großen Helden zu. Sie war eine brünette Schönheit; ihre Augen, ihr Haar, ihre Brauen und Wimpern waren dunkel; das Haar fiel in reichen Locken über die Schultern herab. Ihre Haut aber war von dem blendenden Weiß des Schnees, wenn die Sonne darauf scheint, ihre Wangen leuchtend rot und ihre Lippen von dunkelstem Karmin. Ihr Mund und ihr Kinn, sagte man, seien zu groß und zu voll, und für eine Göttin in Marmor mochte das auch gelten; aber sie war eine Frau mit feurigen Augen, die Liebe verhießen; mit einer Stimme wie leiser, süßer Gesang; mit einer Gestalt von vollendeter Harmonie, Gesundheit und Beweglichkeit; mit einem Fuß, der fest und geschmeidig den Boden berührte; mit Bewegungen, die, ob langsam, ob schnell, stets anmutig waren. Sie war behend wie eine Nymphe, stolz wie eine Königin, bald hingebend, bald gebieterisch, bald spöttisch; aber schön war sie immer. Wenn er an sie denkt, der dies schreibt, fühlt er sich wieder jung und erinnert sich jeder Einzelheit.

Sie kam die Treppe herunter, Esmond zu begrüßen; der eine schöne runde Arm raffte die Schleppe des Kleides, in der anderen Hand hielt sie die Kerze.

»Sie hat ihre roten Strümpfe und ihre weißen Schuhe angezogen«, rief Mylord, noch immer lachend. »Mein schönes Fräulein, wollen Sie damit den Hauptmann fangen?« Sie näherte sich und lächelte Esmond an; er sah nichts als ihre Augen. Sie beugte den Kopf vor, als wolle sie einen Kuß von ihm haben, wie sie es als kleines Mädchen getan.

»Halt«, sagte sie, »dazu bin ich jetzt zu groß! Willkommen, Vetter Harry!« und sie machte ihm eine neckische Verbeugung, fast bis zum Boden, und sah ihn dabei von unten herauf mit funkelnden Augen und reizendem Lächeln an. Liebe schien von ihr auszustrahlen. Harry versank mit gleichem Entzücken in ihren Anblick, wie es der erste Verliebte auf Erden nach Miltons Beschreibung getan.

»N'est-ce pas?« sagte Mylady mit leiser, weicher Stimme und hing noch immer an Esmonds Arm.

Er fuhr zusammen, wandte sich und wurde rot, als er dem klaren Blick seiner Herrin begegnete. Er hätte sie vergessen, hingerissen vor Bewunderung der filia pulcrior.

»Rechten Fuß vorwärts, Fußspitze auswärts, so. Nun zeig die roten Strümpfe, Trix. Sie haben silberne Zwickel, Harry. Die Gräfin-Witwe hat sie geschickt. Sie hat sie deinetwegen angezogen«, lachte Mylord.

»Still, du dummer Junge«, sagte das Fräulein und brachte ihren Bruder mit Küssen zum Schweigen. Dann fand sie es gut, ihre Mutter zu küssen, und sah dabei die ganze Zeit über Myladys Schulter Harry an. Und wenn sie ihn auch nicht küßte, so gab sie ihm doch beide Hände, nahm dann seine Hand in ihre beiden und sagte: »Ach, Harry, wir sind ja so froh, daß du gekommen bist!«

»Es gibt Schnepfen zum Abendbrot«, rief Mylord. »Hurra! Die Predigt hat mich so hungrig gemacht.«

»Und es ist der 29. Dezember, und unser Harry ist wieder da.«

»Hurra, alte Pincot«, rief Mylord wieder, und seiner teuren Herrin Lippen zitterten wie in einem stillen Gebet. Sie wollte, daß Harry Beatrix führte, und nahm selbst den Arm ihres Sohnes. Tom Tusher erschien, und vier von den fünf wünschten ihn herzlich über alle Berge. Er empfahl sich indessen im Augenblick, als man die süße Speise auf den Tisch setzte. Später, beim knisternden Feuer, während seine Herrin oder Beatrix' rosige Anmut ihm das Glas füllten, erzählte Esmond von seinem Feldzug und erlebte den wundervollsten Abend seines Lebens. Er erwachte erst lange nach Sonnenaufgang, so tief und erquickend war sein Schlummer gewesen, und mit einem Gefühl, als ob Engel die ganze Nacht an seinem Bette gewacht hätten. Ich glaube, ein Wesen, so rein und liebevoll wie ein Engel, hatte seinen Schlaf mit Gebeten gesegnet.

Am nächsten Morgen hielt der Kaplan vor dem kleinen Haushalt von Walcote die Morgenandacht. Esmond fand, daß Fräulein Beatrix Tom Tushers Ermahnungen nicht sehr aufmerksam folgte; ihre Augen wanderten umher, wenigstens begegnete er ihnen jedesmal, wenn er aufsah. Vielleicht lauschte er den Worten Seiner Hochwürden auch nicht mit sehr großer Sammlung. Das wären meine Pflichten gewesen, ein ganzes langes Leben hindurch, dachte er. Aber wären es nicht angenehme Pflichten gewesen, die mich immer bei diesen lieben Freunden festgehalten hätten? Ja, wenn nicht – wenn nicht der ausersehene Liebhaber käme, der die schöne Beatrix fortholt. Der größte Teil von Tushers Einleitung, die sehr beredt und sehr gelehrt gewesen sein mag, ging dem armen Harry über der Vision des schicksalhaften Liebhabers verloren, der den Prediger aus dem Felde schlägt.

Beatrix kniete schräg vor ihm. Die roten Strümpfe waren mit schlichten grauen vertauscht, und sie trug schwarze Schuhe, aber ihre Füße sahen ebenso reizend aus. Alle Rosen des Frühlings hätten nicht mit ihren Wangen wetteifern können, und Harry glaubte, nie etwas Ähnliches gesehen zu haben wie den sonnigen Glanz ihrer Augen. Mylady sah müde aus, als ob sie die Nacht gewacht hätte, ihr Gesicht war bleich.

Fräulein Beatrix bemerkte die Zeichen der Ermüdung in den Zügen ihrer Mutter und bedauerte sie. »Ich bin eine alte Frau«, sagte Mylady mit freundlichem Lächeln. »Ich kann nicht mehr so jung und frisch aussehen wie du, mein Kind.«

»Sie wird nie so gut aussehen wie du, Mama, und wenn sie hundert Jahre alt wird«, sagte Mylord, schlang den Arm um seine Mutter und küßte ihre Hand.

»Sehe ich sehr böse aus, Vetter?« fragte Beatrix und kam ihm mit ihrem Kopf so nahe, daß sein Kinn das weiche, duftende Haar berührte. Sie legte ihre Fingerspitzen auf seinen Ärmel, und er griff nach ihrer anderen Hand.

»Ich bin dein Spiegel«, sagte er, »ein Spiegel schmeichelt nicht.«

»Er meint, daß du ihn immerfort ansiehst, liebes Kind«, warf die Mutter schalkhaft ein. Beatrix rannte von Esmond fort zu Mylady, küßte sie und schloß ihr den Mund mit ihrer hübschen Hand.

»Und Harry ist auch ein sehr erfreulicher Anblick«, sagte die Mutter und sah den jungen Mann mit ihren zärtlichen Augen an.

»Wenn es erfreulich ist, ein glückliches Gesicht zu sehen, ja«, entgegnete er. »Amen«, sagte Mylady mit einem Seufzer, und Harry glaubte, daß der Gedanke an den Toten in ihr aufsteige und sie wieder traurig mache; denn ihr Gesicht verlor das Lächeln und wurde melancholisch.

»Harry, wie gut du aussiehst in Scharlach und Silber und in schwarzer Perücke!« rief Mylord. »Mutter, ich habe mein eigenes Haar so satt. Wann bekomme ich eine Perücke? Wo hast du deinen Spitzenkragen gekauft, Harry?«

»Es ist eine alte Spitze von der Gräfin-Witwe«, antwortete Esmond. »Sie hat mir noch viele andere schöne Sachen gegeben.«

»Die Gräfin-Witwe ist gar keine so üble Frau«, meinte Mylord.

»Sie ist nicht so – so blutrünstig wie sie sich anmalt«, bemerkte Fräulein Beatrix.

Ihr Bruder brach in Lachen aus. »Das erzähle ich ihr, Trix, bei Gott, daß du das gesagt hast«, rief er.

»Sie wird schon selbst wissen, daß du nicht Witz genug hast, um dergleichen zu sagen, Mylord«, erwiderte Beatrix.

»Wir wollen uns nicht zanken am ersten Tag, da Harry hier ist, nicht wahr, Mutter?« sagte der junge Lord. »Wir wollen versuchen, ohne Streit in das neue Jahr zu kommen. Nimmst du etwas Weihnachtspastete? Und da ist auch der Wein – nein, es ist Pincot mit dem Tee.«

»Möchte der Herr Hauptmann nicht zulangen?« fragte Fräulein Beatrix.

»Nach dem Frühstück will ich dir meine Pferde zeigen«, sagte Mylord, »und heute abend wollen wir auf den Vogelfang gehen. Montag ist ein Hahnenkampf in Winchester zwischen den Herren von Sussex und denen von Hampshire, jeder Kampf um zehn Pfund und der Hauptkampf um fünfzig, einundzwanzig Hähne gibt es zu sehen. Hast du Hahnenkämpfe gern, Harry?«

»Und was wirst du tun, Beatrix, um unseren Vetter zu unterhalten?« fragte Mylady.

»Ich will ihm zuhören«, antwortete Beatrix. »Er hat uns gewiß eine Menge zu erzählen. Ich bin schon auf die spanischen Damen eifersüchtig. War die Nonne sehr schön, die du in Cadiz vor dem Soldaten gerettet hast? Dein Diener hat es gestern abend in der Küche erzählt, und Betty hat es mir heute früh wiedererzählt, als sie mein Haar kämmte. Und er sagte, du müßtest verliebt sein, denn du hättest ganze Nächte auf Deck gesessen und Verse in dein Notizbuch geschrieben.« Harry dachte, wenn ihm gestern ein Thema zum Versemachen gefehlt habe, so sei es heute gefunden. Alle Lindamiren und Ardelien der Dichter waren nicht halb so schön wie dieses junge Geschöpf. Aber er sprach seinen Gedanken nicht aus. Jemand anderes tat es an seiner Statt.

Das war seine liebe Herrin. Nach dem Essen, als die jungen Leute sie allein gelassen hatten, fing sie an, mit Esmond über ihre Kinder zu sprechen, über ihren Charakter und die Hoffnungen und Befürchtungen, die sie für die beiden hegte. »Solange sie zu Hause sind in ihrer Mutter Nest«, sagte sie, »ist mir nicht bange um sie, aber wenn sie in die Welt hinausgegangen sind, wohin ich ihnen nicht folgen kann. Beatrix wird nächstes Jahr ihren Dienst antreten. Du magst ein Gerücht gehört haben über – über sie und Lord Churchill. Sie waren Kinder, es ist müßiges Geschwätz. Ich weiß, daß seine Mutter ihm niemals eine so armselige Heirat erlaubt, wie Beatrix bedeuten würde. Es gibt kaum eine Prinzessin in Europa, die ihr für ihn oder ihren Ehrgeiz gut genug ist.«

»Ich glaube nicht, daß sie in Europa eine Prinzessin finden wird, die sich mit Beatrix messen kann«, sagte Esmond.

»An Schönheit? Nein, gewiß nicht«, antwortete Mylady. »Sie ist sehr schön, nicht wahr? Ich bin freilich ihre Mutter, aber ich glaube, ich täusche mich nicht. Ich habe dich gestern beobachtet, als sie die Treppe herunterkam, und las es in deinem Gesicht. Ich sehe manchmal mehr, als du denkst, lieber Harry. Gerade jetzt, als von deinen Gedichten die Rede war – du hast als Knabe sehr hübsche Verse gemacht –, dachtest du, Beatrix sei ein dankbares Thema für einen Dichter, nicht wahr, Harry?« Der junge Herr wurde rot. »Das ist sie auch«, fuhr Mylady fort, »du bist nicht der erste, den ihr hübsches Gesicht gefangen hat. So strahlende Augen wie die ihren lernen früh ihre Macht gebrauchen.« Und mit einem durchdringenden Blick ließ ihn die schöne Witwe allein.

Sie hatte recht; zwei leuchtende Augen können mit wenigen Blicken einen Mann zum Sklaven machen; sie setzen ihn in Flammen und lassen ihn alles andere vergessen; sie blenden ihn so, daß er die Vergangenheit nur noch verschwommen sieht, und sie werden ihm so kostbar, daß er alles hingeben würde, um sie sein zu nennen. Was ist die zärtliche Liebe treuer Freunde, verglichen mit diesem Schatz? Ist Erinnern so stark wie Hoffen? Genuß so mächtig wie Hunger? Dankbarkeit so feurig wie sehnsüchtiges Verlangen? Ich habe die Edelsteine in mancher königlichen Schatzkammer Europas gesehen und habe mich darüber verwundert, daß sie Kriege entfesseln konnten. Indische Herrscher sind um solcher Steine willen entthront und erwürgt worden, Millionen hat man für sie ausgegeben, und tollkühne Abenteurer haben ihr Leben verloren, wenn sie nach dem kleinen glänzenden Spielzeug gruben, das mir nicht mehr gilt als der Knopf an meinem Hut. Aber sind denn die anderen funkelnden Edelsteine mehr wert, um die Männer sich gestritten und getötet haben, seit es Menschen auf Erden gibt? Es dauert nur ein paar Jahre, dann verlieren sie ihren Glanz. Wo sind die Juwelen jetzt, die unter Kleopatras Stirn glühten und unter Helenas Brauen funkelten?

Am zweiten Tag nach Esmonds Ankunft in Walcote hatte Tom Tusher einen freien Tag. In seinem besten Rock und seinem schönsten Beffchen zog er gen Southampton, um der jungen Frau den Hof zu machen, die er mit seiner Hand zu beehren dachte. Es zeigte sich, daß es nicht eines Grafen, sondern eines Brauers Witwe war, die von ihrem Mann ein paar tausend Pfund geerbt hatte. Das Herz des ehrlichen Tom war so ausgezeichnet erzogen, daß selbst Venus es ohne Mitgift nicht entflammt hätte. Sein schwerfälliger Wallach trug ihn gemächlich seinen wohlgeregelten Liebespfad entlang, und Esmond blieb allein in Gesellschaft der Familie zurück. Der junge Lord war glücklich, seinen alten Freund wiederzuhaben und Lehrer und lateinische Bücher einmal los zu sein.

Der Knabe schwatzte über allerlei, am meisten natürlich über sich selbst. Aus seinen offenen, arglosen Reden war leicht zu entnehmen, daß er und seine Schwester die zärtliche Mutter beherrschten. Sie lagen in beständigem Streit um den ersten Platz in ihrem Herzen, und obwohl die gute Lady sich einredete, daß sie beide Kinder gleich liebe, so war doch Frank ganz sichtlich ihr Liebling. Abgesehen von seiner stets rebellischen Schwester, war ihm der ganze Haushalt Untertan, und er regierte ihn, wie er als Kind die Dorf jungen regiert hatte, wenn er mit ihnen Soldaten spielte. Seine Hochwürden Tom Tusher behandelte den jungen Lord mit der höflichen Unterwürfigkeit, die ihm einem Edelmann jeden Alters gegenüber natürlich war. Dieses so sehr junge Exemplar der vornehmen Welt war allerdings unwiderstehlich. Seine aufrichtige, gewinnende Art, seine Schönheit, seine Heiterkeit, sein klingendes Lachen und seine wohltönende Stimme mußte man lieben, und er entzückte, wohin er auch kam. Sein Großvater, der Dechant, und die grimmige alte Haushälterin, Frau Pincot, hingen ihm genauso ergeben an wie seine Mutter. Esmond fühlte, daß er auch schon diesem Zauber des Knaben unterlag und ihm zu Willen war, wie alle anderen. Das Vergnügen, das ihm seine Gesellschaft und sein Geplauder machte, war noch größer als der Genuß, den die Unterhaltung selbst geistvoller und witziger Männer ihm je bedeutet hatte. Wenn Frank ein Zimmer betrat, so brachte er Sonnenschein mit; wenn von Not und Elend die Rede war, so griff seine Hand nach der Börse. Als er zwei Jahre später, ein bloßer Knabe noch, in die große Welt kam, wurde er von den Frauen geliebt und verwöhnt, und die Tollheiten, die sie für ihn begingen (und er für sie), erinnerten an die Laufbahn Rochesters und übertrafen Grammonts Erfolge. Sogar seine Gläubiger liebten ihn; und die hartherzigsten Wucherer und auch einige der strengsten Prüden vom anderen Geschlecht konnten ihm nichts abschlagen. Er war nicht witziger als irgendein anderer Mann, aber wie er etwas sagte, das konnte ihm keiner nachtun. Ich habe es erlebt, wie die Damen von Brüssel sich im Foyer des Theaters um ihn drängten und ihn, wenn er auf der Bühne saß, eifriger besprachen und beobachteten als die Schauspieler selbst. Bei Ramillies, wo er verwundet wurde, sah ich, wie ein großer rothaariger schottischer Sergeant seine Hellebarde fortwarf, ihn wie ein Kind auf den Arm nahm und laut weinend aus dem Feuer trug. Dieser Bruder und diese Schwester waren das schönste Paar, das ich je gesehen habe; aber nachdem sie das mütterliche Nest verlassen hatten, waren sie fast nie mehr beisammen.

Als man zwei Tage nach Esmonds Ankunft beim Mittagessen saß, am letzten Tage des Jahres, und einem so glücklichen für Esmond, daß er ihm alles vergangene und vergessene Leid aufwog, da füllte Mylord einen Becher und bat Esmond, das gleiche zu tun, trank auf seine Schwester und begrüßte sie als Marquise.

»Marquise?« fragte Harry verwundert und in erwachender Eifersucht.

»Unsinn, Mylord«, sagte Beatrix und warf den Kopf zurück. Mylady sah einmal zu Esmond auf und senkte dann die Augen.

»Marquise von Churchill!« rief Frank. »Weißt du nichts davon, Harry? Hat dir der rote Drache in Chelsea nichts erzählt? Churchill trägt eine Locke von ihr auf der Brust. Die Herzogin hat ihn erwischt, wie er vor Fräulein Trix auf den Knien lag, und hat ihn geohrfeigt und gesagt, Doktor Hare solle ihn durchprügeln.«

»Ich wünschte nur, Herr Tusher prügelte dich auch«, sagte Beatrix.

Mylady meinte nur: »Ich hoffe, du erzählst solche dumme Geschichten nur zu Hause und nicht anderswo, Francis.«

»Auf mein Wort, es ist wahr«, versicherte Frank. »Sieh nur, Mutter, was Harry für ein böses Gesicht macht, und Beatrix ist so rot geworden wie die Strümpfe mit den Silberzwickeln.«

»Ich glaube, es ist das beste, wir lassen die Herren beim Wein und gehen«, erklärte Beatrix und erhob sich mit der Haltung einer jungen Königin. Ihre seidenen Gewänder rauschten um sie her, und gefolgt von ihrer Mutter, verließ sie das Zimmer.

Lady Castlewood warf wieder einen Blick auf Esmond, als sie sich niederbeugte, um ihren Sohn zu küssen. »Schwatz nicht so dummes Zeug, Kind«, sagte sie. »Trink nicht zuviel Wein, junger Herr; Harry hat sich nie viel aus dem Trinken gemacht.« Sie wandte ihr schönes zärtliches Gesicht noch einmal dem jungen Mann zu, und dann ging auch sie in ihrem schwarzen, schleppenden Kleid.

»Bei Gott, es ist wahr!« beteuerte Frank und schlürfte seinen Wein mit der Miene eines großen Herrn. »Wie findest du diesen Lissabonner – echter Collares? Er ist besser als der schwere Portwein. Wir haben ihn von einem Schiff bekommen, das voriges Jahr von Vigo kam. Meine Mutter hat ihn in Southampton gekauft, auf der ›Rose‹ Kapitän Hawkins.«

»Wahrhaftig? Mit dem Schiff bin ich ja nach Hause gekommen«, sagte Harry.

»Da hat es nicht nur guten Wein, sondern auch einen guten Gesellen gebracht«, entgegnete Mylord. »Ich wünschte, Harry, du hättest nicht den verfluchten Fleck auf deinem Namen.«

»Und warum wünschtest du das?« fragte der andere.

»Gesetzt, ich gehe in den Krieg und falle – wer soll für die Frauen sorgen? Trix bleibt natürlich nicht zu Hause; Mutter ist in dich verliebt, ja, ich glaube wirklich, Mutter ist in dich verliebt. Sie hat dich immer gelobt und hat immer von dir gesprochen, und als sie damals nach Southampton ging, um das Schiff zu sehen, bin ich ihr auf die Spur gekommen. Aber du siehst ein, daß es unmöglich ist. Wir sind vom ältesten Blut Englands, wir kamen mit dem Eroberer. Wir waren nur Baronets – aber was will das heißen? Wir wurden dazu gezwungen. Jakob der Erste zwang unseren Urgroßvater. Wir stehen über allen Titeln, wir vom alten englischen Adel brauchen sie nicht. Die Königin kann jeden Tag einen Herzog ernennen. Sieh dir Blandfords Vater an, den Herzog Churchill und seine Herzogin, die geborene Jennings? Sage mir, Harry, was sind sie? Verflucht, Sir, wie kommen sie dazu, uns hochnäsig zu behandeln? Wo waren sie, als unser Ahnherr an König Heinrichs Seite bei Azincourt focht und nach der Schlacht bei Poitiers dem französischen König den Becher füllte? Beim heiligen Georg, Sir, warum kann Churchill nicht Beatrix heiraten? Bei Gott, er soll sie heiraten oder mir seine Gründe sagen. Wir werden uns mit dem besten Blut und nur mit dem besten Blut in England verschwägern. Du bist ein Esmond, und du kannst nichts für deine Geburt, mein Junge. Komm, wir wollen noch eine Flasche trinken. Was, du willst nichts mehr? Ich habe ja die Flasche fast allein getrunken. Ich habe manche Nacht mit meinem Vater durchzecht. Du hast zu ihm gestanden wie ein Mann, Harry. Für dein Unglück kannst du nichts; du weißt, kein Mensch kann das ändern.«

Der Ältere erklärte, er wolle jetzt zu Myladys Teetisch gehen. Der junge Bursche fing an, mit geröteten Wangen und erhobener Stimme ein Liedchen zu singen, und marschierte aus dem Zimmer. Bald hörte Esmond, wie er draußen seine Hunde rief und schmeichelnd mit ihnen schwatzte; und all seine Gesten, seine Stimme und sein Gang erinnerten Harry an den verstorbenen Lord, Franks Vater.

So verging die Silvesternacht. Die Familie trennte sich lange vor zwölf Uhr. Lady Castlewood mochte wohl früherer Silvesterabende gedenken, wo die lachende Tafelrunde um ihren Herrn saß und Gesundheiten ausbrachte. Sie wollte nicht hören, wie die Glocken der Kathedrale das Jahr 1703 begrüßten. Esmond lauschte dem Geläute, als er allein in seinem Zimmer saß. Er träumte am knisternden Feuer, und als die letzten Töne verhallten, sah er aus dem Fenster nach der Stadt hin und den hohen grauen Türmen der Kathedrale unter dem frostklaren Himmel mit seinen glitzernden Sternen.

Der Anblick dieser fern funkelnden Welten ließ ihn an andere Gestirne denken. »Und so haben ihre Augen schon ihr Werk getan – bei wem? Wer könnte, mir alles erzählen?« Zum Glück war sein junger Vetter da, und Esmond merkte wohl, aus dem einfältigen Geplauder des Knaben würde er ohne Schwierigkeit Fräulein Beatrix' ganze Geschichte erfahren.

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