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William Makepeace Thackeray: Henry Esmond - Kapitel 21
Quellenangabe
typefiction
authorWilliam Makepeace Thackeray
titleHenry Esmond
publisherAufbau-Verlag
year1953
translatorElse von Schorn
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150118
projectid5785aa0d
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Fünftes Kapitel
Ich nehme an der Expedition nach der Vigo-Bai teil, schmecke Salzwasser und rieche Pulver

Die erste Expedition, an der Herr Esmond die Ehre hatte teilzunehmen, glich mehr den Einfällen, wie sie der berüchtigte Kapitän Avory oder Kapitän Kid planten, als einem Krieg zwischen gekrönten Häuptern, der von vornehmen und ehrenhaften Generalen geführt wurde. Am 1. Juli des Jahres 1702 stach eine Flotte von hundertundfünfzig Segeln von Spithead in See, unter dem Kommando des Admirals Shovell. Sie hatte zwölftausend Mann an Bord und Seine Gnaden den Herzog von Ormond als obersten Befehlshaber der Expedition. Einer dieser zwölftausend Helden, der jüngste Fähnrich des Füsilierregiments Quin, der noch nie auf See gewesen war oder wenigstens nur einmal als Kind, da er aus seinem unbekannten Geburtslande nach England hinübergebracht wurde, befand sich wenige Stunden nach Abfahrt in einem nicht sehr heldenhaften Zustand körperlicher Schwäche, und hätte ein Feind das Schiff geentert, wäre er leicht mit ihm fertig geworden. Nach Portsmouth liefen wir Plymouth an und nahmen Verstärkungen an Bord. Am 31. Juli passierte die Flotte Kap Finisterre, am 8. August den Felsen von Lissabon, wie in Herrn Esmonds Tagebuch verzeichnet steht. Um diese Zeit war der Fähnrich kühn geworden wie ein Admiral, und eine Woche später hatte er das Glück, ins Feuer zu kommen – aber auch ins Wasser; denn sein Boot kenterte in der Brandung, als die Truppen in der Toros-Bai gelandet wurden. Das salzige Bad seines neuen Rockes war das einzige Ungemach, das diese Expedition dem jungen Soldaten brachte; denn die Spanier hielten unseren Truppen nicht stand, waren auch nicht stark genug dazu.

Aber war der Feldzug nicht sehr glorreich, so war er doch sehr unterhaltend. Neue Natureindrücke, zur See und zu Land, ein Leben voller Tätigkeit, das jetzt zum erstenmal begann, beschäftigte und erregte den jungen Mann. Die mannigfachen Zwischenfälle und Gewohnheiten des Lebens an Bord, die militärischen Pflichten, die neuen Bekannten unter den Waffengefährten und den Offizieren der Flotte, alles trug dazu bei, seinen Geist zu bewegen und zu erheitern und ihn aus der selbstsüchtigen Niedergeschlagenheit zu wecken, in die er durch sein letztes Mißgeschick versunken war. Er fühlte sich, als trenne ihn der Ozean von seinen einstigen Schmerzen und als dämmere eine neue Epoche des Daseins für ihn herauf. Wunden heilen schnell in einem zweiundzwanzigjährigen Herzen, und neue Hoffnungen steigen täglich empor. Wenn er an seine Verzweiflung im Gefängnis zurückdachte und wie unheilbar sie ihm geschienen, so fühlte er sich in seinem geheimsten Innern beinahe gedemütigt durch seine gegenwärtige Heiterkeit.

Mit eigenen Augen fremde Länder und Völker zu sehen, ist lehrreicher als alles Lesen von Reisebeschreibungen, und es bereitete dem jungen Mann unendliche Freude, daß er nun wirklich auf seiner »großen Fahrt« war und Städte und Menschen kennenlernte, über die er als Knabe in Büchern gelesen hatte. Er sah den Krieg zum erstenmal – wenigstens seine Anmaßung, seinen Pomp und die Begleitumstände, wenn auch nicht viel von seinen Gefahren. Er schaute wirklich und in Fleisch und Blut jene spanischen Kavaliere und Damen, die in seiner Phantasie lebten, seit er in den Mußestunden seiner Jugend mit unsagbarem Entzücken die unsterbliche Dichtung des Cervantes verschlungen hatte. Eine Wolke des Grams, die auf ihm gelastet und die letzten Jahre seines Lebens in Düster gehüllt hatte, schien während dieser glückhaften Reise von ihm zu weichen. Alle seine Kräfte schienen zu erwachen und zu wachsen im wohltätigen Gefühl der Freiheit. War sein Herz heimlich froh, der liebevollen, aber unwürdigen Sklaverei zu Hause entflohen zu sein? War die Unterordnung, zu der ihn die Vorstellung seiner minderen Geburt veranlaßt hatte, mit dem Wissen um das Geheimnis geschwunden? Genügte es, ihn zu trösten und aufzurichten, auch wenn er es für sich behielt? Jedenfalls war Esmond, der junge Fähnrich, ein ganz anderes Wesen als das traurige kleine Anhängsel des gastlichen Hauses Castlewood oder der schwermütige Student von Trinity Walks, unzufrieden mit seinem Schicksal und dem Beruf, den es ihm aufzwang, und der mit heimlicher Empörung daran dachte, wie doch Talar und Beffchen und das hochheilige Amt, welches er auf sich nehmen sollte, nur Zeichen einer Knechtschaft wären, die lebenslänglich dauern sollte. Denn mochte er sich auch noch so sehr zu täuschen suchen, er hatte doch immer gefühlt, daß er als Geistlicher in Castlewood einer lebenslangen hoffnungslosen Abhängigkeit entgegenging. Er war weit davon entfernt, seinen alten Freund Tom Tusher um das Glück seiner Stellung zu beneiden, wie Tom es ohne Zweifel glaubte. Hätten seine Freunde ihm die Mitra und Lambeth angeboten, statt einer kleinen bescheidenen Landpfarre, so würde er sich ebenso als Sklave gefühlt haben, und er war sehr dankbar und froh über seine Freiheit.

Der tapferste Soldat, den ich je gekannt habe und der in den meisten Schlachten König Wilhelms und in den Feldzügen des großen Herzogs von Marlborough mitgekämpft hatte, konnte nie dazu gebracht werden, mehr von seinen Kriegstaten zu erzählen als zwei Geschichten. Einmal hatte ihm Prinz Eugen befohlen, auf einen Baum zu steigen und den Feind zu beobachten; er hatte aber die Heldentat nicht ausführen können, weil seine großen Reitstiefel ihn am Klettern hinderten. Ein andermal wurde er wegen dieser selben Reitstiefel beinahe gefangengenommen, weil er darin nicht schnell genug weglaufen konnte. Der Schreiber dieses Buches wird seine löbliche Zurückhaltung nachahmen; er wird sich über seine militärischen Taten, die sich auch wirklich kaum von denen tausend anderer Herren unterschieden, nicht weiter verbreiten. Sein erster Feldzug dauerte nur wenige Tage, und da viele Bücher über ihn geschrieben sind, können wir uns darüber kurzfassen.

Als unsere Flotte vor Cadiz ankam, schickte unser Befehlshaber ein Boot mit einer weißen Flagge und einer Anzahl Offiziere an den Gouverneur von Cadiz, Don Scipio de Brancaccio. Die Offiziere überreichten ihm ein Schreiben Seiner Gnaden, in dem er die Hoffnung aussprach, daß Don Scipio, der früher bei den Österreichern gegen die Franzosen in England gedient habe, sich jetzt nicht in einem Krieg zwischen König Philipp und König Karl für den französischen König erklären werde. Aber Seine Exzellenz Don Scipio faßte eine Antwort ab des Inhalts, er habe seinem früheren König in Treue und Ehren gedient und gedenke seinem jetzigen Herrn, dem König Philipp V., dieselbe Anhänglichkeit und Treue zu beweisen. Während dieses Schreiben vorbereitet wurde, zeigte man den englischen Offizieren die Stadt und die Alameda, das Theater, wo die Stiergefechte stattfinden, und das Kloster, wo die herrlichen Bilder von Don Bartholomäo Murillo hängen, die wenigstens einen der Offiziere mit staunendem Entzücken über diese göttliche Kunst der Malerei erfüllten, wie er es ähnlich früher noch nie empfunden hatte. Nach diesem Rundgang erfrischte man die Herren mit Schokolade und Gebäck und begleitete sie höflich zu ihrer Schaluppe zurück. Sie waren die beiden einzigen Offiziere der englischen Armee, die damals diese berühmte Stadt zu sehen bekamen.

Unser General versuchte es nun mit einer Proklamation an die Spanier, in der er verkündete, die Engländer seien im Interesse von Spanien und König Karl gekommen und es liege ihnen jede Absicht fern, Eroberungen für sich selbst zu machen. Aber all seine Beredsamkeit schien bei den Spaniern verlorene Mühe: der kommandierende General von Andalusien wollte sowenig auf uns hören wie der Gouverneur von Cadiz, und der Marquis von Villadarias feuerte gegen Seiner Gnaden englische eine spanische Proklamation ab, die alle, welche die Sprache des Landes kannten, für die sehr viel bessere der beiden hielten. Der Meinung war auch Harry Esmond, dem sein Lehrer, der Jesuit, in alten Tagen etwas Spanisch beigebracht hatte und der nun der Ehre teilhaftig wurde, das harmlose Kriegsdokument Seiner Gnaden dem Herzog von Ormond zu übersetzen. Es war tatsächlich ein scharfer Stich gegen Seine Gnaden und andere Generale in Ihrer Majestät Diensten, wie der Don sein Schreiben schloß: »Ich und mein Rat haben dem leuchtenden Beispiel unserer Ahnen zu folgen, die sich nie über das Blut oder die Flucht ihrer Könige hinweg zur Macht emporgeschwungen haben. ›Mori pro patria‹ ist unser Wahlspruch. Seine Gnaden der Herzog mag diese unsere Ansichten der Fürstin mitteilen, die über England herrscht.«

Ob unsere Truppen über diese Erwiderung ärgerlich wurden oder ob irgend etwas anderes sie in Wut versetzte, weiß ich nicht. Jedenfalls fielen sie über Port St. Mary her, plünderten es, verbrannten die Vorratshäuser der Kaufleute, betranken sich an den berühmten Weinen, beraubten die Klöster, mordeten und taten noch Schlimmeres. Das einzige Blut, das Herr Esmond in diesem schmachvollen Feldzug vergoß, war das einer englischen Schildwache, die im Begriff war, eine arme, zitternde Nonne zu vergewaltigen. Wird sich herausstellen, daß es eine Schönheit war? oder ein Prinzessin? oder vielleicht gar Esmonds Mutter, die er verloren und nie gesehen hatte? Ach nein, es war nur ein armes, altes, wassersüchtiges Weib mit einer Warze auf der Nase. Aber da er früh einen Teil des römischen Glaubens gelehrt wurde, hatte er nie den Abscheu, den manche Protestanten ihr gegenüber zeigen.

Nach der Plünderung von St. Mary und dem Angriff auf ein paar Forts schifften sich alle Truppen wieder ein und beendeten die Expedition glänzender als der klägliche Anfang versprach. Da sie hörten, daß die französische Flotte mit einem großen Staatsschatz an Bord in der Vigo-Bai kreuze, beschlossen unsere Admirale Rooke und Hopson, sie zu verfolgen. Die Forts, welche die Bai beherrschten, wurden gestürmt, und im Hafen von Redondilla wurden zwanzig Schiffe gekapert oder verbrannt, und es wurde bedeutend mehr geplündert, als man je zugegeben hat. Mancher arme Mann kam reich von dieser Expedition nach Hause zurück, und die vollen Taschen der Offiziere von Vigo wurden so bekannt, daß der berüchtigte Jack Shafto, der sich in den Kaffeehäusern und an den Spieltischen Londons hervortat und als Kämpfer von Vigo ausgab, als er endlich gehängt werden sollte, gestand, die Heide von Bagshot sei sein Vigo gewesen und er habe nur von La Redondilla geredet, um die Augen der Leute von dem wahren Beuterevier abzulenken. Und wirklich, Hounslow oder Vigo – wo ist der Unterschied? Es war ein übles Geschäft, auch wenn es Herr Addison lateinisch besingt. Dieses wackeren Mannes Muse hatte den Blick für die Chance des Gewinners und ließ sich von der unterlegenen Partei kaum inspirieren.

Aber wenn Esmond auch nicht an dieser fabelhaften Beute teilhatte, so brachte ihm dieser Feldzug doch den großen Gewinn, daß er gelernt hatte, sein Schicksal mit Heiterkeit zu tragen. Als im Herbst die Truppen in England landeten, war sein Gesicht gebräunt, sein Herz voll Lebensmut. Er verabschiedete sich von General Lumley, dessen Sekretär, er gewesen war und der sein Kommando niederlegte. Unter freundlichen Versicherungen seines Wohlwollens bewilligte ihm der General einen Urlaub nach London, damit er dort etwas zu seiner Beförderung tun könne. So sah er sich wieder als Gast seiner Tante in seinem behaglichen Quartier in Chelsea und in größerer Gunst bei der alten Dame denn je. Sie nahm das Geschenk eines Kammes, eines Fächers und eines schwarzen Mantels, wie ihn die Damen in Cadiz tragen, sehr gnädig auf und erklärte, die Köstlichkeiten seien wie ausgesucht für ihr genre de beauté. Sie war sehr erbaut über die Geschichte von der geretteten Nonne und überzeugt, daß die Reliquie König Jakobs die feindlichen Kugeln von ihm abgehalten habe. Gastmähler wurden in ihrem Hause veranstaltet, sie machte ihn mit vielen Menschen bekannt und arbeitete mit so großer Begeisterung und so schönen Erfolgen an seiner Beförderung, daß sie durch Lady Marlboroughs Vermittlung eine Kompanie für ihn in Aussicht hatte. Die mächtige Dame war so gnädig, das Geschenk eines Diamanten im Werte von hundert Guineen huldreich entgegenzunehmen, den ihr Herr Esmond durch die Freigebigkeit seiner Tante überreichen konnte. Er hatte die Ehre, gelegentlich bei den Empfängen der Königin zu erscheinen, und besuchte die Levers von Mylord Marlborough. Der große Mann empfing ihn mit besonderem Wohlwollen – wenigstens behaupteten das Esmonds Kameraden – und geruhte ihm zu sagen, er habe die vorteilhaftesten Berichte über seinen Mut und seine Fähigkeiten bekommen, worauf der junge Mann mit tiefer Verbeugung versicherte, er sei voll Eifer, unter dem hervorragendsten Heerführer der Welt zu kämpfen.

Während seine Geschäfte so gut gediehen, hatte Esmond auch sein Teil an weltlichen Vergnügungen. Er besuchte mit anderen jungen Herren die Kaffeehäuser, die Theater und die Mall. Er sehnte sich recht, von seiner lieben Herrin und ihrer Familie etwas zu hören, und manches Mal, wenn er mit seiner fröhlichen jungen Gesellschaft im Wirtshaus beim Wein saß, flogen seine Gedanken zu ihr. Wurden nach der Sitte der Zeit Gesundheiten ausgebracht, so dachte er wohl an zwei schöne Frauen, die er verehrte, und leerte sein Glas mit einem Seufzer.

Die alte Gräfin-Witwe war indessen der jüngeren schon wieder müde geworden, und wenn sie von der armen Dame sprach, so war es keineswegs in schmeichelhaften Worten. Da die junge Frau ihres Beistandes nicht mehr bedurfte, lästerte die alte über sie. Die meisten Familienzwiste, die ich in meinem Leben mit angesehen habe, entstehen aus Eifersucht und Neid. Ich sehe dabei von den Geldstreitigkeiten ab, bei denen allerdings ein halber Penny die liebevollsten Verwandten auseinandertreibt. Jack und Tom, aus derselben Familie gebürtig und mit gleichem Vermögen, leben sehr herzlich miteinander, und macht Jack Bankrott und wird von Tom im Stich gelassen, so leidet die Freundschaft nicht; wohl aber, wenn Tom plötzlich zu großem Reichtum kommt; denn das kann ihm Jack nicht verzeihen. Ich erinnere mich noch sehr wohl, wie wütend die Wirtshauskumpane waren, als ihr guter Freund Dick Steele sich eine Equipage anschaffte und das schöne Haus in Bloomsbury kaufte. Sie fingen erst an, ihm zu vergeben, als die Gerichtsvollzieher hinter ihm her waren, und schimpften über Herrn Addison, weil er sich an Dicks Landhaus schadlos hielt. Und doch war Dick im Schuldgefängnis derselbe freundliche, unbekümmerte, heitere Geselle wie der Dick, der vierspännig im Park spazierenfuhr; und Herr Addison war vollständig in seinem Recht, wenn er sich zu dem Geld verhalf, das ihm gehörte, statt abzuwarten, bis Dick es für Champagner und Musik und schöne Kleider oder an männliche und weibliche Schmarotzer, die ihm anhingen, verschleudert hatte. Wie nach Monsieur de Rochefoucaulds berühmter Maxime: »Das Unglück unserer Freunde uns im stillen befriedigt«, so ist es uns auch wieder unangenehm, wenn sie allzu glücklich sind. Ist es für einen Mann schwer, sein eigenes Glück zu tragen, so ist es für seine Freunde noch schwerer, es mit anzusehen; wenige bestehen diese Prüfung. Hingegen ist es eine schöne Begleiterscheinung widriger Schicksale, daß sie die Menschen versöhnlich gegen uns stimmen. Man wirft die Feindschaft beiseite und streckt dem gefallenen Freund alter Tage die Hand hin.

Im selben Herzen und gegenüber derselben Person wohnt Mitleid und Liebe wie auch der Neid. Die Rivalität hört auf, sobald der Mitbewerber stürzt, und meiner Ansicht nach sollten wir diese angenehmen und unangenehmen Eigenschaften unserer Menschennatur mit gleicher Bescheidenheit betrachten. Sie sind nur folgerichtig und natürlich, und unsere Gemeinschaft ist nicht weniger menschlich als unsere Güte.

So kann man entweder behaupten, daß die ältere Verwandte Esmonds der jüngeren ihre Schönheit verzieh, als diese vielleicht etwas an Frische verloren hatte, und ihren Groll gegen sie zum größten Teil vergaß, sobald das Objekt des Grolls nicht mehr glücklich und beneidenswert schien – oder wir könnten uns wohlwollender ausdrücken – aber es kommt am Ende auf dasselbe heraus –, daß Isabella ihre Unfreundlichkeit bereute, sobald Rachel unglücklich war, und sich beeilte, der armen Witwe und den Kindern Obdach und Hilfe zu gewähren. Solange die Schwächere Beistand brauchte, waren die beiden Damen sehr gut Freund miteinander.

Bevor Esmond zu seinem ersten Feldzug aufbrach, sprach die alte Gräfin von seiner Herrin noch ganz freundlich, obgleich natürlich als von jenem armen jungen Ding, einer Frau ohne einen Funken Geist; und Fräulein Beatrix wurde zugestanden, daß sie eine Schönheit sei.

Zwischen dem ersten und zweiten Regierungsjahr der Königin Anna hatten jedoch traurige Veränderungen bei den jüngeren Damen stattgefunden, wenigstens nach der Beschreibung der älteren. Rachel Gräfin Castlewood habe ein Gesicht wie ein Mehlkloß, und Fräulein Beatrix hätte sich so vergröbert, daß man sie kaum noch schön nennen könne. Der kleine Lord Blandford – sie würde ihn niemals anders nennen, denn sein Vater war Lord Churchill – der König, den er verriet, hatte ihn dazu gemacht, und er war noch immer Lord Churchill –, der mochte ihr wohl Augen machen; aber seine Mutter, die alte Füchsin Sarah Jenninas, werde eine solche Dummheit nie zugeben. Sie habe Beatrix eine Stellung als Ehrendame am Hofe verschafft, werde es aber wohl noch bitter bereuen. Die Witwe Francis Esmonds – weiter war sie ja nichts – sei ein verschlagenes, listiges, herzloses Weibsbild. Sie verderbe ihren Balg von einem Sohn und werde wohl schließlich ihren Kaplan heiraten.

»Was, Tusher?« rief Esmond, und ein merkwürdiges Gefühl des Staunens und der Wut stieg in ihm auf.

»Ja, Tusher, den Sohn meiner Kammerfrau, der von seiner begabten Mutter und von seinem Vater, dem Lakaien im Talar, alle angenehmen Eigenschaften geerbt hat«, entgegnete Mylady. »Was in aller Welt soll denn eine gefühlvolle Witwe, die in dem schmutzigen Loch Castlewood lebt, ihren Sohn verwöhnt, die Armen mit ihren Medizinen umbringt, zweimal am Tage Betstunde hält und niemand als ihren Kaplan sieht – sage mir, mon cousin, was soll sie anderes tun, als sich von dem gräßlichen Pfarrer mit den riesigen Plattfüßen und den scheußlichen kleinen grünen Augen den Hof machen lassen? Cela c'est vu, mon cousin. Als ich ein junges Mädchen in Castlewood war, verliebten sich alle Pfarrer in mich, sie haben ja nichts anderes zu tun.«

Mylady schwatzte in dieser Art noch über eine Stunde weiter, aber Esmond hörte wirklich nichts mehr; ihre ersten Worte nahmen alle seine Gedanken gefangen. War es möglich? Konnte etwas Wahres daran sein?

Ein paar junge Herren aus der Stadt, mit denen Esmond bekannt geworden war, hatten ihm versprochen, ihn der reizendsten aller Schauspielerinnen, der witzigsten und angenehmsten aller Damen, der Frau Bracegirdle, vorzustellen. Der berühmte Herr Congreve, gegen dessen Meinung es keinen Widerspruch gab, hatte sie als eine »entzückende Person« bezeichnet; sie trat in den Komödien von Dick Steele auf. Vierundzwanzig Stunden, nachdem er sie gesehen, war Herr Esmond endgültig überzeugt, heftig in diese schöne Brünette verliebt zu sein, wie Hunderte von anderen jungen Herren auch in sie verliebt waren. Die Hoffnung auf das berauschende Vorrecht persönlicher Bekanntschaft setzte sein Herz in Flammen. Ein junger Mann kann nicht mit seinen Kameraden im Zelt schlafen, ohne zu merken, daß er auch fünfundzwanzig Jahre alt ist. Und ein junger Bursche kann noch so schwer von Kummer und Mißgeschick gedrückt sein, so kommt doch einmal die Nacht, in der er in tiefen, gesunden Schlaf verfällt, und der Tag, an dem er um die Mittagszeit Appetit auf ein Beefsteak verspürt. So war er sehr bereit, an dem geplanten Essen in der »Rose« teilzunehmen und dann mit der Gesellschaft ins Theater zu gehen.

Wie kam es, daß die Bemerkungen seiner alten Tante über Tom Tusher eine so sonderbare und plötzliche Aufregung in ihm wachriefen? Hatte er sich nicht tausendmal geschworen, daß die Herrin von Castlewood, die ihn zuerst so gütig und dann so grausam behandelt hatte, ihm hinfort für immer gleichgültig bleiben würde? Hatten sein Stolz und sein Gerechtigkeitssinn nicht längst den Schmerz dieser Trennung überwunden? War es überhaupt noch ein Schmerz für ihn? Hatte er nicht gestern abend, als er von Pall-Mall über die Wiesen und Felder nach Chelsea wanderte, drei Strophen über die braunen Augen der Bracegirdle verfaßt und sie für tausendmal schöner erklärt als die blauesten Augen, die je unter den Wimpern einer faden blonden Schönheit schmachteten? Aber Tom Tusher! Tom Tusher, der Sohn der Kammerfrau, der es wagt, seine kleinen Augen zu seiner Herrin zu erheben! Wut und Verachtung erfüllten Harrys Herz beim bloßen Gedanken daran. Die Ehre der Familie, deren Haupt er war, machte es ihm zur Pflicht, eine so ungeheuerliche Verbindung abzuwenden und den Emporkömmling zu züchtigen, der sein Haus mit solchen Absichten zu beschimpfen wagte. Wahr ist es, Herr Esmond hatte sich oft republikanischer Grundsätze gerühmt; er erinnerte sich seiner schönen Reden in Cambridge über das Thema: »Wert und nicht Geburt.« Aber Tom Tusher als Nachfolger des Edlen von Castlewood – pfui! Esmond verlachte alle Witwen, alle Ehefrauen, alle Weiber. Sollte das Aufgebot nächsten Sonntag in der Kirche zu Walcote verlesen werden, was ihm nur allzu möglich schien, so wollte er zur Stelle sein, der Gemeinde sein »Nein« ins Gesicht schleudern und an den Ohren dieses Brautwerbers noch besondere Rache nehmen.

Statt an diesem Abend zum Essen in die »Rose« zu gehen, befahl er seinem Diener, den Mantelsack zu packen und Pferde zu besorgen. Um die Zeit, in der seine Kameraden im Theater saßen, war er schon halbwegs in Walcote, dreißig Meilen von London entfernt. Er hatte dem Diener einen Wink gegeben, daß im Haushalt der Gräfin-Witwe über seinen Ausflug nichts bekannt werden solle. Chelsea lag weit draußen, die Straßen waren schlecht und von Wegelagerern unsicher gemacht, darum hatte Esmond die Gewohnheit, nach Vergnügungen, die bis tief in die Nacht dauerten, bei irgendeinem Freund in der Stadt zu schlafen. Seine Abwesenheit konnte also die alte Dame nicht weiter beunruhigen; im Gegenteil, nichts entzückte sie mehr als die Vorstellung, daß mon cousin, der unverbesserliche junge Sünder, auf nächtlichen Streifzügen außer Hause sei. Wenn sie nicht bei Erbauungsbüchern saß, hielt sie nämlich Etheridge und Sedley für sehr gute Lektüre. Sie wußte an die hundert tolle Geschichtchen über Rochesters, Harry Jesungen und Hamilton. Wäre Esmond auch nur mit der Frau eines Bürgers durchgegangen, so bin ich überzeugt, sie hätte mit Begeisterung ihre Diamanten versetzt, um sein Reugeld zu bezahlen.

Das Gut Walcote lag nur eine Meile von Winchester entfernt. Die junge Gräfin hatte sich nach Mylords Tod dahin zurückgezogen, es lebte sich heiterer als in Castlewood, das für ihre beschränkten Einkünfte auch zu groß war; die Erinnerung an ihre glücklichsten Tage machten ihr das Haus lieb und teuer, und sie genoß dort die Fürsorge ihres Vaters, des früheren Dekans. Der junge Graf besuchte ein Jahr lang die berühmte Schule in Winchester und hatte Herrn Tusher zum Erzieher. All diese Neuigkeiten hatte Esmond durch seine Tante erfahren.

Zu Lebzeiten seines Herrn war er ein oder das andere Mal in Walcote gewesen. Er rastete unterwegs nur wenige Stunden in einer Straßenschenke und ritt so flott, daß er um zwei Uhr mittags schon an Ort und Stelle war. Am Dorfgasthaus stieg er ab und schickte einen Boten an Herrn Tusher mit der Nachricht, es sei ein Herr aus London da, der ihn in dringenden Geschäften sprechen müsse. Der Bote kam mit der Meldung zurück, der Doktor sei in der Stadt, höchstwahrscheinlich zum Gottesdienst in der Kathedrale. Mylady sei auch dort; sie pflege täglich in der Kathedrale zu beten.

Da die Pferde der Post in Winchester gehörten, stieg Esmond wieder auf und ritt bis zum »Heiligen George«. Dort ließ er seinen murrenden Diener zurück, der froh war, endlich ein Mittagessen zu bekommen, und ging zu Fuß nach der Kathedrale. Die Orgel spielte, der Wintertag fing schon an grau und dämmrig zu werden, als er durch die große gewölbte Pforte das feierliche alte Gebäude betrat.

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