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William Makepeace Thackeray: Henry Esmond - Kapitel 20
Quellenangabe
typefiction
authorWilliam Makepeace Thackeray
titleHenry Esmond
publisherAufbau-Verlag
year1953
translatorElse von Schorn
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150118
projectid5785aa0d
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Viertes Kapitel
Rekapitulationen

Der abgebrochene Bericht über seine Herkunft, den sein armer Herr ihm im Todeskampf und gequält von Gewissensbissen gegeben hatte, konnte nur so viel Licht auf die dunkle Vergangenheit werfen, daß Esmond verstanden hatte, seine Mutter sei schon lange tot. Rücksichten auf ihre Ehre, verletzt durch die Flucht und ungesetzliche Heirat ihres Gatten, konnten den Sohn also nicht mehr bestimmen, seine eigenen gerechten Ansprüche zu behaupten oder zurückzustellen. Nach Mylords überstürztem Bekenntnis schien es, daß er die wirklichen Tatsachen über Henrys Geburt erst vor zwei Jahren erfahren hatte, als Herr Holt ihn besuchte, um ihn in eine der vielen Verschwörungen zu verwickeln, mit denen die heimlichen Führer von König Jakobs Partei im Lande stets eiferten, des Prinzen von Oranien Macht oder Leben zu vernichten. Verschwörungen, so ähnlich dem gemeinen Mord, so feige in den Mitteln, so boshaft in den Zielen, daß unsere Nation sicherlich gut getan hat, alle Untertanenpflicht und Treue gegen die unselige Familie der Stuarts von sich zu werfen, die ihre Rechte nicht anders zu vertreten wußte als durch Verrat, dunkle Ränke und verbrecherische Unterhändler. Es wurden Anschläge gegen König Wilhelm geschmiedet, die nicht ehrenhafter waren als der Hinterhalt der Halsabschneider und Straßenräuber. Ein demütigender Gedanke ist es, daß ein erlauchter Fürst im Besitz gewaltiger und heiliger Rechte, der Verfechter einer großen Sache, in solche Tiefen von Verrat und Mord abgestiegen ist, wie die unterschriebenen und gesiegelten Dekrete des unglücklichen Königs Jakob beweisen. Was er und seine Anhänger Kriegswerbungen nannten, war in Wahrheit nichts anderes als Aufstachelung zum Meuchelmord. Der edle Prinz von Oranien zerriß großmütig die schwachen Maschen des Netzes, mit dem sie ihn zu Fall bringen wollten; es war, als wenn ihre feigen Dolche an seinem unerschrockenen Willen zerbrächen. Nach König Jakobs Tod fuhr seine Witwe, die Königin, fort, mit ihrem Hofstaat in Saint-Germain, der fast nur aus Priestern und Frauenzimmern bestand, Intrigen für den jungen Prinzen zu spinnen, Jakob den Dritten, wie er in Frankreich und von seiner Partei in England genannt wurde. Dieser Prinz, oder Chevalier de St. George genannt, war im selben Jahr geboren wie Esmonds junger Schüler Frank, Mylords des Grafen Sohn. Die Sache des Prinzen wurde so geführt, wie Pfaffen und Weiber solche Sachen zu führen pflegen: tückisch, grausam, schwächlich und ohne jeden Erfolg. Wenn wir die lehrreiche Geschichte der Jesuiten lesen, der listigsten, klügsten, geschicktesten und beharrlichsten Ränkeschmiede der Welt, so sehen wir, daß immer von Zeit zu Zeit ein Tag kommt, an dem die erwachte öffentliche Empörung das ganze windige Gebäude mit einem Fußtritt zerstört und die feigen Wühler an die Luft setzt. Herr Swift hat die Leidenschaft zur Intrige, die Neigung zur Geheimniskrämerei und Verleumdung, die schwachen Menschen und Schmarotzern an schwachen Höfen eigen ist, sehr fein gezeichnet. Es liegt solchen Geschöpfen im Blut, die Starken zu hassen und zu beneiden, und sie verschwören sich, um sie zu verderben. Die Verschwörung gelingt, alles verspricht den Fall des großen Opfers. Da kommt der Tag, wo Gulliver sich aufrafft; er schüttelt das kleine Gewürm der Feinde von sich ab und geht unbelästigt von dannen. Die irischen Soldaten hatten recht, nach der Schlacht am Boyne zu sagen: »Laßt uns die Könige tauschen, und wir wollen es noch einmal ausfechten.« Ein schwacher, von Pfaffen und Weibern beherrschter Mann, mit den schwächlichen Verbündeten und Waffen ausgerüstet, die seine armselige Natur ihn wählen ließen, stand der Überlegenheit, Weisheit und Unerschrockenheit eines Helden gegenüber. Wahrlich, es war ein ungleicher Kampf!

Bei einem dieser feigen Botengänge – denn so muß ich sie jetzt bei reiferer Erkenntnis nennen – kam Herr Holt zu Mylord nach Castlewood und teilte ihm einen Plan mit, der den Sturz des Prinzen von Oranien unfehlbar herbeiführen sollte. Mylord, so treu er den Stuarts gesinnt war, verweigerte entrüstet jede Beteiligung. Holt erklärte, er sei ermächtigt, ihm den Titel eines Marquis anzubieten, der schon dem letzten Grafen von König Jakob verliehen worden sei. Als auf diesen Köder nicht angebissen wurde, folgte die Drohung, man werde nachweisen, daß Mylord auf Besitz und Titel von Castlewood überhaupt kein Anrecht habe. Zum Beweis für diese erstaunliche Mitteilung führte Herr Holt die letzte Erklärung des verstorbenen Grafen an, die er nach der Schlacht am Boyne in Trim dem irischen Priester und dem französischen Geistlichen von Holts Orden auf dem Sterbebett gemacht hatte. Holt zeigte das Heiratszertifikat – wer weiß, ob das wirkliche oder ein vorgebliches – des verstorbenen Grafen Esmond mit meiner Mutter, das die Jahreszahl 1677 trug und zu Brüssel aufgesetzt war; der Graf, damals Thomas Esmond, stand zu jener Zeit bei der englischen Armee in Flandern. Er könnte beweisen, versicherte Holt, daß diese von ihrem Gatten verlassene Gertrud noch lebte, als Thomas Esmond im Jahre 1685 seines Onkels Tochter, Isabella, heiratete. Sie sei damals Nonne in einem Kloster in Brüssel gewesen. Wie aus den abgebrochenen Worten des armen Sterbenden hervorging, hatte Herr Holt ihn mit dieser zermalmenden Neuigkeit allein gelassen und ihm zwölf Stunden Bedenkzeit gegeben. Er verschwand mitsamt seinen Papieren auf ebenso geheimnisvolle Weise, wie er gekommen war. Esmond hatte freilich den Schlüssel zu diesem Geheimnis; aber es hatte keinen Sinn, des Grafen letzte Worte durch eine Erklärung zu unterbrechen.

Vor Ablauf der zwölf Stunden saß damals Herr Holt, in Sir John Fenwicks Verschwörung verwickelt, als Gefangener in Hexton und wurde von dort in den Tower gebracht. Der arme Graf, der das nicht ahnen konnte, lebte in dauernder Angst vor seiner Rückkehr. Er sei fest entschlossen gewesen, erklärte er mit Tränen in den brechenden Augen, Besitz und Titel dem wahren Eigentümer zu überlassen und mit seiner Familie auf das kleine Gut in Walcote zu ziehen. »Wollte Gott, es wäre dazu gekommen«, stammelte er, »dann läge ich hier nicht zu Tode verwundet, ein unglücklicher, geschlagener Mann!«

Mylord wartete Tag um Tag, und kein Bote kam. Nach Ablauf eines Monats aber gelang es Holt, ihm aus dem Tower eine Nachricht zu schicken des Inhalts, er möge alles Gesagte als ungesagt betrachten.

»Die Versuchung war furchtbar schwer für mich«, sagte mein armer Herr. »Seit ich den verfluchten Titel trug, der mir nicht zum Heile war, hatte ich mehr ausgegeben, als Castlewood und mein väterliches Gut einbrachten. Ich berechnete all meine Mittel bis zum letzten Schilling und stellte fest, daß ich dich nicht auszahlen konnte, mein armer Harry, dich, von dessen Vermögen ich zwölf Jahre lang gelebt hatte. Frau und Kinder hätten entehrt und bettelarm aus dem Hause gehen müssen. Gott weiß, es ist ein elendes Heim gewesen für mich und die Meinen. Wie ein Feigling klammerte ich mich an die Gnadenfrist, die Holt mir gab. Ich verschwieg dir und Rachel die Wahrheit. Ich versuchte von Mohun Geld zu gewinnen und geriet nur noch tiefer in Schulden. Ich wagte dir kaum ins Gesicht zu sehen, wenn du bei uns warst. Dies Schwert hat zwei Jahre lang über meinem Haupte gehangen. Ich schwöre dir, ich war glücklich, als ich Mohuns Klinge in meiner Seite fühlte.«

Holt, gegen den man nichts ausfindig machen konnte, als daß er Jesuit war und in König Jakobs Diensten stand, wurde nach zehn Monaten der Gefangenschaft im Tower auf ein Schiff gebracht und nach Frankreich entlassen, dank der unverbesserlichen Nachsicht König Wilhelms, der ihm allerdings den Galgen verhieß, wenn er je wieder den Fuß auf Englands Küste setzen sollte. Während Esmond im Gefängnis war, hatte er oft darüber nachgedacht, wo wohl die Papiere stecken möchten, die der Jesuit seinem Herrn gezeigt hatte und die so große Bedeutung für ihn besaßen. Sie wurden nicht bei Herrn Holt gefunden, als man ihn verhaftete; denn wäre das der Fall gewesen, so hätten die Herren vom Geheimen Rat sie zu Gesicht bekommen, und die Familienangelegenheit wäre längst in die Öffentlichkeit gedrungen. Esmond dachte indessen nicht daran, nach den Papieren zu suchen. Sein Entschluß war gefaßt; seine arme Mutter war tot; was kümmerte es ihn also, ob die Dokumente existierten, die sein Recht auf einen Titel bewiesen, den er sich gelobt hatte, niemals der Familie zu entreißen, die er auf der Welt am meisten liebte? Vielleicht erfüllte ihn dies Opfer mit größerer Genugtuung als alle Ehren es getan hätten, auf die er verzichtete. Übrigens konnte das bloße Wort eines Jesuiten die Rechte des jungen Francis nicht erschüttern; solange die Urkunden nicht gefunden waren, blieb er rechtmäßiger und unanfechtbarer Eigentümer von Land und Titel, und das Gefühl, daß die entscheidenden Dokumente fehlten, war tatsächlich eine Erleichterung für Esmond.

Bald nach seiner Entlassung aus dem Gefängnis ritt Herr Esmond nach jenem Dorf Ealing hinüber, wo er seine frühesten Jahre in England verlebt hatte, um zu sehen, ob seine alten Pfleger noch lebten und dort wohnten. Aber das einzige, was noch an den alten Monsieur Pastoureau erinnerte, war ein Stein auf dem Friedhof, der berichtete, daß Athanasius Pastoureau, gebürtig aus Flandern, gestorben im Alter von siebenundachtzig Jahren, hier begraben lag. Die Hütte des alten Mannes, der Garten, in dem Esmond in seiner Kindheit manche Stunde verspielt und verträumt hatte, waren jetzt im Besitz einer ganz anderen Familie. Nur mit Mühe konnte er etwas über das Schicksal von Pastoureaus Witwe und Kindern erfahren. Der Küster des Kirchspiels erinnerte sich an sie. Er war ein alter Mann, der sich in den vierzehn Jahren, seit Esmond ihn zuletzt gesehen, kaum verändert hatte. Die Witwe Pastoureau schien sich nach dem Tode ihres alten Mannes rasch getröstet zu haben und hatte einen zweiten Mann genommen, der jünger war als sie, der ihr Geld verschwendete und sie und die Kinder mißhandelte. Das Mädchen war gestorben; der eine Junge war in die Lehre gegangen, der andere zum Heer. Der alte Küster meinte, er habe gehört, auch Madame Pastoureau sei gestorben. Sie und ihr Mann seien vor sieben Jahren fortgezogen. Es war also keine Hoffnung vorhanden, hier irgend etwas über die Familie seiner Mutter zu erfahren. Er gab dem Alten für seinen freundlichen Bescheid eine Krone und lächelte im Gedanken daran, daß vor langer Zeit er und seine Spielgefährten sich angstvoll hinter den Grabsteinen versteckt hatten, wenn diese gefürchtete Autorität sich nahte.

Wer war seine Mutter? Und wie mochte ihre Familie heißen? Wann war sie gestorben? Esmond sehnte sich, jemand zu finden, der ihm diese Fragen beantworten konnte. Er wandte sich an seine Tante, die Gräfin-Witwe, die unschuldig den Namen getragen hatte, der seiner Mutter zukam. Aber sie wußte nichts oder behauptete wenigstens, nichts zu wissen, und ihr Neffe konnte sie nicht allzusehr drängen, ihm Rede zu stehen. Pater Holt war der einzige Mensch, der ihn aufklären konnte, und Henry mußte warten, bis eine neue Verschwörung diesen ruhelosen, unermüdlichen Mann wieder auf englischen Boden trieb.

Die Ernennung zum Fähnrich und die Vorbereitungen für den Feldzug brachten ihn bald auf andere Gedanken. Seine neue Beschützerin war sehr freundlich und freigebig gegen ihn. Sie versprach, Geld und Einfluß aufzubieten, um ihm bald eine Kompanie zu verschaffen. Sie hieß ihn, sich eine schöne Ausstattung besorgen, sowohl an Kleidern als an Waffen, und bewunderte ihn laut, als er zum ersten Male in betreßtem, scharlachrotem Rock vor ihr erschien, um aus Anlaß des interessanten Ereignisses seine Aufwartung zu machen. »Rot«, sagte sie und warf ihren alten Kopf zurück, »haben die Esmonds immer getragen.« Rot trug darum auch Ihro Gnaden bis zu ihrer letzten Stunde getreulich auf den Wangen. Sie erklärte, sie wolle ihn so gekleidet sehen, wie es sich für den Sohn seines Vaters geziemte. Sie bezahlte mit heiterer Miene seinen Federhut, der nicht weniger als fünf Pfund kostete, seine schwarzgelockte Perücke, seine feinen holländischen Hemden, seine Degen und seine mit Silber eingelegten Pistolen. Der arme Harry hatte noch nie so sehr wie ein vornehmer Herr ausgesehen. Sie füllte seine Börse freigebig mit Guineen, und Hauptmann Steele mit ein paar anderen auserwählten Geistern half ihm, einigen von den Goldstücken den Garaus zu machen. Steele würde den Schmaus, den er selbst bestellt hatte, auch selbst bezahlt haben; aber er führte zufällig gerade kein Geld bei sich, als die Rechnung kam, und der Wirt vom »Hosenbandorden« gegenüber dem Tor des Palastes in Pall-Mall wollte ihm durchaus keinen Kredit mehr geben.

Wenn sie auch Esmond früher manches Unrecht zugefügt hatte, so versuchte doch anscheinend die alte Gräfin jetzt wirklich, es durch Freundlichkeit wiedergutzumachen. Sie umarmte ihn überströmend beim Abschied, weinte ausgiebig, bat ihn, mit jedem Postboot zu schreiben, und hing ihm eine unschätzbare Reliquie um den Hals, eine Medaille von ich weiß nicht welchem Papst gesegnet und von Seiner hochseligen Majestät König Jakob getragen. Sie beschwor ihn, dieses Wertstück niemals abzulegen. So kam Esmond sehr viel reicher ausgestattet bei seinem Regiment an, als viele junge Offiziere es sich leisten konnten. Er war älter als die meisten seiner Vorgesetzten und hatte einen weiteren Vorteil, den zu seiner Zeit nur sehr wenige Herren in der Armee besaßen – viele konnten kaum mehr als ihren Namen schreiben –, er hatte zu Hause und auf der Universität viel gelesen und beherrschte drei Sprachen. Und dazu besaß er jene Erziehung, die weder Bücher noch Jahre geben und die einige Menschen im stillen Kampf gegen das Unglück erwerben. Es ist eine großartige Lehrmeisterin, wie so mancher arme Bursche weiß, der ihrer Rute die Hand hinhalten mußte und vor ihrem erhabenen Pult über seiner Lektion wimmerte.

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