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William Makepeace Thackeray: Henry Esmond - Kapitel 19
Quellenangabe
typefiction
authorWilliam Makepeace Thackeray
titleHenry Esmond
publisherAufbau-Verlag
year1953
translatorElse von Schorn
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150118
projectid5785aa0d
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Drittes Kapitel
Ich ziehe der Königin Rock an und trete in Quins Regiment ein

Der Bursche in orangefarbener Livree mit blauen Litzen und Aufschlägen stand wartend vor dem Gefängnis, als Esmond herauskam. Er nahm das wenige Gepäck des jungen Herrn und folgte ihm auf dem Weg zur Themse hinunter, hinaus aus dem verhaßten Newgate. Am Fluß mietete man ein Boot und fuhr zu Wasser nach Chelsea. Esmond glaubte, die Sonne habe nie so hell geschienen, die Luft sei nie so frisch und belebend gewesen. Der Temple-Garten, an dem sie vorüberruderten, grüßte ihn wie der Garten von Eden; der Anblick der Kais und Werften am Fluß, Somerset Haus und Westminster, wo man gerade mit dem Bau der herrlichen neuen Brücke begann, des geschäftigen Lebens auf dem glitzernden Fluß, der von Booten und Barken wimmelte, erfüllte sein Herz mit Freude und Heiterkeit; kein Wunder bei jemand, der so lange gefangengesessen und dem so manche dunklen Gedanken die Trostlosigkeit des Gefängnisses noch verdüstert hatten. So ruderte man endlich an dem freundlichen Dorfe Chelsea entlang, wo der Adel viele schöne Landhäuser hat, und kam zum Haus der Gräfin, einem hellen neuen Haus an der Straße dem Fluß gegenüber, mit einem hübschen Garten dahinter und angenehmen Anblick sowohl auf Surrey wie auf Kensington, wo der alte Palast Lord Warwicks steht, des wiederversöhnten Gegners.

Der Kammerdiener, der in Ihro Gnaden bescheidenem Haushalt noch verschiedene andere Ämter versah, führte Esmond in den Salon, wo er einige der alten Bilder aus Castlewood wiedersah, die sie beim Tode ihres Grafen, Harrys Vater, fortgeschafft hatte. Am Ehrenplatz hing immer noch Mylady als Diana, gemalt von Herrn Peter Lely als Diana in gelbem Satin mit dem Bogen in der Hand und dem Halbmond über der Stirn, rings umtanzt von Hunden. Es war um die Zeit gemalt, als königliche Endymions angeblich Gnade vor dieser jungfräulichen Jägerin fanden; und da Göttinnen ewig jung bleiben, glaubte auch diese, daß sie bis zu ihrem Tode nicht älter würde, und glaubte beharrlich, das Bild sei ihr noch ähnlich. Nach einer geziemenden Pause geruhte die ältliche Gottheit, dem jungen Mann in Person zu erscheinen. Ein Neger mit Pluderhosen, roten Schuhen und silbernem Halsband, auf dem das Wappen der Gräfin eingraviert war, ging voran und trug ihr Kissen; dann kam ihre Kammerfrau und zuletzt die herbe Jägerin selbst, »Düfte träufelnd«, von bellenden Wachtelhündchen umkreist. Esmond erinnerte sich aus seiner Kindheit an den starken Moschusgeruch, der von seiner Stiefmutter – so kann man sie wohl nennen – auszuströmen pflegte. Wie der Himmel gegen Sonnenuntergang röter und röter wird, so erröteten Myladys Wangen immer tiefer mit zunehmenden Jahren. Ihr Gesicht war mit Zinnober bemalt, das um so stärker leuchtete, weil sie weiße Farbe als Untergrund benutzte. Sie trug noch immer die Locken, die zu Zeiten König Karls Mode gewesen waren, während die Damen in König Wilhelms Tagen Frisuren liebten, die an die Türme der Cybele gemahnten. Ihre Augen funkelten aus dem seltsamen Bauwerk aus Schminke, Pomaden und Salben hervor.

Herr Esmond begrüßte die Witwe seines Vaters mit einer tiefen Verbeugung, näherte sich ihr mit ernster Feierlichkeit, küßte die knochige Hand, auf deren zitternden Fingern die vielen Ringe glänzten, und dachte alter Zeiten, in denen diese zitternde Hand ihn selbst erzittern ließ. »Marquise«, sagte er und bog das Knie, »soll ich nur die Ehre haben, Ihre Hand zu küssen?« Denn neben dem innerlichen Gelächter, das ihre verwunderliche Erscheinung in dem jungen Mann erregte, war auch guter Wille in ihm und ein warmes Verwandtschaftsgefühl. Sie war seines Vaters Frau gewesen; sie war seines Großonkels Tochter. Sie hatte ihn in alten Tagen geduldet und war jetzt auf ihre Art freundlich zu ihm. Seit der Makel seiner Geburt seine Seele nicht mehr bedrückte, war es ihm nicht länger peinlich, Familienbande zu fühlen und anzuerkennen. Vielleicht war er im geheimen auch eitel auf das Opfer, das er gebracht, und gefiel sich in dem Gedanken, daß er, Esmond, der eigentliche Chef seines Hauses sei und daß nur seine Großmut ihn zurückhalte, von seinem Recht Gebrauch zu machen.

Seit er das Geheimnis an seines armen Herrn Sterbebett erfahren hatte, war ein Gefühl der Unabhängigkeit über ihn gekommen, das ihn nie wieder verließ. So nannte er seine alte Tante Marquise, aber mit einem Ausdruck, als sei er selbst der Marquis von Esmond.

Las sie in den Augen des jungen Mannes, dem ihre verjährte Autorität keinen Schrecken mehr einjagte, daß er die Wahrheit über seine Geburt erfahren hatte? Sie schrak zusammen, als sie seine veränderte Haltung sah; das war nicht mehr der Student aus Cambridge, der sie vor zwei Jahren besucht hatte und den sie mit fünf Goldstücken entließ – durch den Kammerdiener überreicht. Sie starrte ihn an, zitterte ein wenig mehr als ihre Gewohnheit war, und sagte in eingeschüchtertem Ton: »Willkommen, Vetter!«

Sein Entschluß, wie wir schon erzählten, war eigentlich gewesen, sich sein Leben lang so zu geben, als sei das Geheimnis seiner Geburt ihm unbekannt; doch kam ihm plötzlich die sehr berechtigte Überzeugung, daß er einen anderen Weg einschlagen müsse. Er bat Ihro Gnaden, die Dienerschaft fortzuschicken, und als sie allein waren, erklärte er: »Willkommen, Neffe! sollten Sie wenigstens sagen, gnädige Frau. Ein großes Unrecht ist Ihnen, mir und meiner armen Mutter angetan worden, die nicht mehr auf Erden weilt.«

»Ich schwöre vor Gott, daß ich schuldlos daran war«, rief sie und gab ihre Sache von Anfang an verloren. »Es war Ihr gottloser Vater, der ...«

»Der diese Schmach über unsere Familie brachte«, entgegnete Esmond. »Das weiß ich sehr wohl. Ich will niemand zu nahe treten. Die, welche im gegenwärtigen Besitz des Titels sind, haben mir die größten Wohltaten erwiesen und sind ganz unschuldig an dem Unrecht, das mir zugefügt worden ist. Der verstorbene Graf, mein lieber Herr, ahnte nichts davon, bis wenige Monate vor seinem Tode Pater Holt ihm die Wahrheit eröffnete.«

»Der Elende! Es war ein Beichtgeheimnis!« rief die Gräfin-Witwe.

»Sie irren sich. Er hatte noch andere Kunde davon«, antwortete Esmond. »Als mein Vater in der Schlacht von Boyne verwundet wurde, hat er sowohl einem französischen Geistlichen, der ihn versteckt hielt, als dem Priester, in dessen Haus er starb, die Wahrheit mitgeteilt. Der Franzose hat Herrn Holt die Geschichte erzählt, als er gelegentlich mit ihm in St. Omer zusammentraf. Herr Holt hat sie für seine eigenen Zwecke geheimgehalten und hat auch versuchen wollen, erst etwas über meine Mutter zu erfahren. Mein sterbender Herr hat mir versichert, daß sie seit Jahren tot ist, und ich habe keinen Grund, seine Worte anzuzweifeln. Ich weiß nicht einmal, ob es mir gelingen würde, die Eheschließung zu beweisen; aber wenn ich es auch könnte, ich würde es nicht tun. Es liegt mir nichts daran, Schande über unseren Namen zu bringen und Kummer über die, welche ich liebe, mögen sie mir noch so grausam begegnen. Meines Vaters Sohn, gnädige Frau, möchte das Unrecht nicht vergrößern, das mein Vater Ihnen zugefügt hat. Leben Sie weiter als seine Witwe und behandeln Sie mich freundlich. Das ist alles, was ich von Ihnen verlange, und ich werde über diese Sache nie wieder sprechen.«

»Mais vous êtes un noble jeune homme!« entfuhr es Mylady, die immer, wenn sie erregt war, ins Französisch verfiel.

»Noblesse oblige«, antwortete Herr Esmond und verbeugte sich tief. »Warum soll ich mich zum Feind der Menschen machen, die mir so viel Liebe erwiesen haben und für die ich freudig mein Leben lassen würde? Warum soll ich eines Titels wegen Streit anfangen? Ist es nicht gleichgültig, wer ihn trägt, wenn er nur in der Familie ist?«

»Was hat nur cette petite prüde von einem Frauenzimmer an sich, daß die Männer so hinter ihr her sind?« rief die Gräfin-Witwe. »Sie ist einen Monat lang bei mir gewesen, um den König mit Bittschriften zu bestürmen. Sie ist hübsch und gut konserviert, aber sie hat nicht das bel air. An König Jakobs Hof gaben alle Herren vor, sie zu bewundern, und sie war nicht besser als eine kleine Wachspuppe. Sie ist jetzt hübscher geworden und sieht wie die Schwester ihrer Tochter aus, aber wie kommt ihr dazu, euch alle so um sie anzustellen? Herr Steele, der bei Prinz Georg Dienst hatte und sie mit ihren beiden Kindern nach Kensington gehen sah; hat ein Gedicht über sie geschrieben und sagt, er wolle ihre Farben tragen und sich in Zukunft nur noch schwarz kleiden. Herr Congreve hat erklärt, er wolle eine ›Trauernde Witwe‹ schreiben, und sie solle besser werden als seine ›Trauernde Braut‹. Obwohl die Ehemänner sich überworfen haben, als der elende Churchill vom König abfiel – wofür man ihn hängen sollte –, ist Lady Marlborough jetzt wie wild hinter der kleinen Witwe her. Sie hat mich in meinem eigenen Salon beschimpft und gesagt, sie komme nicht der alten Witwe, sondern der jungen Gräfin wegen. Der kleine Castlewood und der kleine Churchill sind geschworene Freunde und haben sich schon ein paarmal wie Brüder geohrfeigt. Der lasterhafte junge Mohun hat den ganzen Winter durch über sie gefabelt, nachdem er sie im Sommer auf dem Lande ausfindig gemacht hatte. Er sagte, sie sei eine Perle, die man den Säuen vorgeworfen habe, und stach den armen dummen Frank tot. Der ganze Handel war um der Frau willen; ich weiß es genau. Ist irgend etwas zwischen ihr und Mohun gewesen, Neffe? Erzähle es mir jetzt – war da etwas? Über dich selbst will ich dich lieber nicht fragen.«

Herr Esmond wurde rot. »Mylady ist so rein wie eine Heilige im Himmel!« rief er aus.

»Eh! – mon neveu. Es sind viele Heilige in den Himmel gekommen, die manches zu bereuen hatten. Ich glaube, du bist, wie all die anderen Narren, ganz toll in sie verliebt.«

»Ich habe sie vor aller Welt Augen geliebt und verehrt«, antwortete Esmond, »und schäme mich dessen nicht.«

»Und sie hat dir die Tür vor der Nase zugemacht und hat die Pfarre dem schrecklichen jungen Trampeltier gegeben, dem Sohn des fürchterlichen alten Bären Tusher; und sie erklärt, sie wolle dich nicht mehr sehen. Monsieur mon neveu, so sind wir alle. Als ich eine junge Frau war, da haben sich Tausende meinetwegen duelliert. Als der arme Monsieur de Souchy sich in Brügge in den Kanal stürzte, weil ich mit dem Grafen Springock tanzte, da habe ich mir keine einzige Träne auspressen können und habe bis fünf Uhr morgens weitergetanzt. Es war der Graf – nein, es war Lord Ormond, der die Geiger bezahlte, und Seine Majestät tat mir die Ehre an, die ganze Nacht mit mir zu tanzen. – Wie du gewachsen bist! Du hast das bel air bekommen. Du bist schwarz; unsere Esmonds sind alle schwarz. Der Sohn der petite prude ist blond wie sein Vater – blond und dumm. Du warst ein häßlicher kleiner Kerl, als du nach Castlewood kamst. Fast nichts als Augen, wie eine junge Krähe. Wir wollten dich zum Priester machen. Der schreckliche Pater Holt – mein Gott! wie hat er mir angst gemacht, wenn ich einmal krank war! Ich habe jetzt einen sehr bequemen Beichtvater, den Abbé Douilette, ein lieber Mann. Wir fasten jeden Freitag. Mein Koch ist ein sehr frommer Mensch. Der Prinz von Oranien soll wirklich sehr schwer krank sein.«

So plapperte die alte Witwe erbarmungslos auf Herrn Esmond ein, der ganz überwältigt war von ihrer plötzlichen Beredsamkeit und sie im stillen verglich mit ihrer früheren hochmütigen Art. Aber er war jetzt bei ihr in Gunst, und sie geruhte nicht nur, ihn gern zu haben, soweit das bei ihrer Natur möglich war, sondern auch ihn zu fürchten. Und er selbst fühlte sich jetzt als junger Mann so vertraut mit ihr, wie er als Kind scheu und schweigsam gewesen war. Sie tat für ihn, was sie konnte. Sie führte ihn in ihre Gesellschaft ein, die natürlich aus Anhängern des früheren Königs bestand und an ihren Kartentischen laut intrigierte. Sie stellte ihn vielen einflußreichen Personen als ihren Verwandten vor. Sie versah ihn mit Geld, das er ohne Bedenken von ihr annahm; denn seine Verwandtschaft zu ihr und die Opfer, die er seiner Familie brachte, gaben ihm alles Recht dazu. Er hatte sich aber vorgenommen, keiner Frau mehr an der Schürze zu hängen, und dachte darüber nach, wie er sich auszeichnen und sich einen Namen machen könne, den ihm sein merkwürdiges Schicksal versagt hatte. Ein Mißbehagen über sein früheres Leben, das zwischen Büchern beschaulich dahingeflossen war, ein bitteres Gefühl der Auflehnung gegen die Sklaverei, in die er sich begeben hatte um jener willen, deren Härte sein Herz verwundete, ein unruhiges Verlangen, Welt und Menschen Zu sehen, ließen ihn daran denken, Soldat zu werden. Auf jeden Fall wollte er ein paar Feldzüge miterleben. Er drängte darum seine neue Beschützerin, ihm ein Offizierspatent zu verschaffen, und sah sich eines Tages zum Fähnrich in Oberst Quins Füsilierregiment ernannt.

Herrn Esmonds Patent war kaum drei Wochen alt, als König Wilhelm, der größte, weiseste, tapferste und mildeste Herrscher, der je auf Englands Thron gesessen, vom Tode abberufen wurde. Es war bei der feindlichen Partei Sitte, ihn zu seinen Lebzeiten mit Verleumdungen zu verfolgen. Der Jubel aber, in den bei seinem Ende alle seine Feinde in Europa ausbrachen, zeigte, wie sie ihn gefürchtet hatten. So jung Esmond war, so war er doch einsichtig und – wenn ich es sagen darf – auch hochherzig genug, um die taktlose, geräuschvolle Freude mit Verachtung zu strafen, die unter den Anhängern König Jakobs in London nach dem Tode des außerordentlichen Fürsten herrschte, dieses unbesiegbaren Kriegers, dieses klugen und maßvollen Staatsmannes. Treue gegen die verbannte Königsfamilie war im Hause Esmond althergebrachte Überlieferung. Die Gräfin-Witwe stand mit all ihren Hoffnungen, Sympathien, Erinnerungen und Vorurteilen auf König Jakobs Seite, und kein Verschwörer hätte seinen Gegner am Kartentisch heftiger beschimpfen können, als sie es tat. Ihr Haus wimmelte von verkleideten und unverkleideten Pfaffen, von Ohrenbläsern aus Saint-Germain, von Neuigkeitskrämern, die letzte Nachrichten aus Versailles zu berichten wußten, ja sogar die genaue Stärke der nächsten Expedition, die der französische König von Dünkirchen schicken würde und die den Oranier samt seinem Heer und Hof verschlingen müßte. Sie hatte den Herzog von Berwick empfangen, als er im Jahre sechsundneunzig nach England kam. Sie bewahrte den Becher, aus dem er getrunken hatte, und beteuerte, sie werde ihn erst wieder gebrauchen, um auf die Gesundheit König Jakobs des Dritten bei seiner Thronbesteigung anzustoßen. Sie besaß Andenken von der Königin und Reliquien des Heiligen, der nicht immer ein Heiliger gewesen war, soweit sie selbst und auch andere in Betracht kamen, wenn die Geschichte stimmte. Sie glaubte fest an die Wunder, die an seinem Grab geschahen, und wußte Hunderte von beglaubigten Geschichten zu erzählen über wunderbare Heilungen, die durch Rosenkränze, Medaillen und Haarlocken des hochseligen Königs bewirkt worden waren. Da war der Bischof von Autun, der von einem vierzigjährigen Leiden geheilt wurde, nachdem er für den verstorbenen König eine Seelenmesse gelesen hatte. Da war Monsieur Marais, ein Arzt in der Auvergne, dem beide Beine gelähmt waren und der nach Berührung eines königlichen Kleinods wieder gehen konnte. Da war der Benediktiner Philipp Pitet, der an einem Stickhusten litt, welcher ihn beinahe umbrachte; aber nachdem er den seligen König um himmlische Fürbitte angefleht hatte, brach sofort ein reichlicher Schweiß bei ihm aus, und der Husten verschwand. Da war vor allem die Frau des Monsieur Lepervier, Tanzmeister beim Herzog von Sachsen-Gotha, die durch des Königs Fürbitte völlig vom Rheumatismus genas, an welchem Wunder kein Zweifel möglich war, da ihr Arzt und sein Gehilfe schriftlich unter Eid bezeugten, daß sie zur Heilung nicht beigetragen hatten. Herr Esmond glaubte von diesen und anderen Geschichten so viel, als ihm behagte. Die leidenschaftliche Gläubigkeit seiner Verwandten verdaute sie alle.

Die Partei der englischen Hochkirche machte keinen Gebrauch von diesen Legenden; aber Treue und Ehre, wie sie meinte, fesselte sie an den König. Auch hatte die verbannte Königsfamilie keinen wärmeren Anhänger als die gütige Herrin von Castlewood, in deren Haus Esmond aufgezogen wurde. Sie hatte Einfluß auf ihren Gatten, weit mehr vielleicht, als Mylord wußte, der seine Frau ungemein bewunderte, auch wenn er ihr nicht treu sein mochte. Und da es ihm lästige Mühe bedeutete, selbst zu denken, nahm er nur zu gern die Meinungen an, die sie für ihn wählte. Ihrem schlichten gläubigen Herzen aber schien es unmöglich, einen anderen Herrscher anzuerkennen. König Wilhelm um des Vorteils willen zu dienen, war in ihren Augen Verrat und ungeheuerliche Heuchelei. Ihr kindliches Gewissen konnte so wenig darin willigen, als in Diebstahl und Falschmünzerei. Lord Castlewood hätte umgestimmt werden können, doch niemals seine Frau; und er unterwarf ihr sein Gewissen in diesem Punkt wie in den meisten anderen, wo die Versuchung nicht allzustark für ihn war. Und Esmond hatte aus der Liebe, Dankbarkeit und glühenden Verehrung für seine Herrin, die ja seine ganze Jugend charakterisierten, diesen und andere Glaubensartikel seiner gütigen Schützerin unterschrieben. Hätte sie zu den Whigs gehört, er wäre auch einer geworden; wäre sie Herrn Fox gefolgt und zu den Quäkern übergegangen, er hätte sicher Rüschen und Perücke verdammt, Degen, Tressenrock und gestickten Strümpfen abgeschworen. In den kindischen Studentendisputen auf der Universität, wo heftig Partei genommen wurde, galt Esmond als Jakobit und verfocht wahrscheinlich ebenso aus Eitelkeit wie aus Liebe die Ansichten seiner Familie.

Fast die ganze Geistlichkeit des Landes und mehr als die Hälfte des Volkes stand in diesem Lager. Unser Volk ist sicher das loyalste von der Welt; wir bewundern unsere Könige und bleiben ihnen treu, wenn sie uns längst nicht mehr die Treue halten. Wer auf die Geschichte der Stuarts zurückblickt, der muß staunen, wie sie ihre Kronen geradezu mit Füßen traten, wie sie eine Chance nach der anderen versäumten, welche Schätze an Ergebenheit sie verschwendeten und wie verhängnisvoll sie ihren eigenen Untergang herbeiführten. Von allen ihren Feinden waren sie selbst die gefährlichsten.

Ω πποι, οον δ νυ ϑεος βροτο ατιωντα,
ξ μων γς φασ α' μμεναι, ο δ α ατο
σφσιν τασϑαλησιν πρ μρον λγε' χουσιν

Als die Prinzessin Anna auf den Thron folgte, war das müde Volk nur zu glücklich, nach all diesen Kämpfen, Streitigkeiten und Verschwörungen Waffenstillstand zu verkünden, und begrüßte in der Person einer Prinzessin von königlichem Blut den Kompromiß zwischen den beiden Parteien, in die das Land gespalten war. Die Tories konnten ihr mit gutem Gewissen dienen; und obgleich sie selbst Tory war, bedeutete sie doch den Triumph der Whigs. Dem englischen Volk, das es immer gern sieht, wenn seine Fürsten ihren Familien verbunden sind, gefiel es sehr, daß sie ihrem Hause treu war, und bis zur letzten Stunde ihrer Regierung durfte Jakob der Dritte auf die englische Krone rechnen, wäre nicht das Verhängnis gewesen, daß er von seinen Vorfahren mit ihren Ansprüchen zugleich geerbt hatte. Aber er verstand weder eine Gelegenheit abzuwarten noch sie richtig zu nutzen, wenn sie kam; er war abenteuerlustig, wenn Vorsicht geboten schien, und zögerte, wenn er alles hätte wagen müssen. Man denkt an seine traurige Geschichte mit einer Art Wut über seine Unfähigkeit. Verfährt das Schicksal mit Königen absonderlicher als mit gewöhnlichen Menschen? Fast möchte man es glauben, wenn man die Historie der Stuarts bedenkt, für die so viel Treue und Tapferkeit, so viel Blut unbesonnen und nutzlos vergeudet wurde.

Die Thronbesteigung der Prinzessin Anna, der Tochter dieser häuslichen Anne Hyde, wie unsere Witwe in Chelsea sich ausdrückte, wurde von Trompeten blasenden Herolden und unter unbeschreiblichem Jubel des Volkes in der ganzen Stadt von Westminster bis Ludgate verkündigt.

Eine Woche später wurde Mylord Marlborough der Hosenbandorden verliehen, und er wurde zum Generalfeldmarschall der königlichen Armeen im Inland und Ausland ernannt. Die Gräfin-Witwe geriet in großen Zorn darüber, aus Treue gegen ihren rechtmäßigen Herrn, wie sie behauptete. »Die Prinzessin ist nur eine Puppe in der Hand dieser Furie, die in meinen Salon kommt und mich ins Gesicht hinein beschimpft. Was soll aus einem Land werden, das einem solchen Weibsbild in die Hände gegeben wird? Was den doppelzüngigen Verräter anbetrifft, den Mylord Marlborough, so hat er jeden Mann und jede Frau betrogen, die je mit ihm zu tun hatten, nur sein abscheuliches Weib nicht, weil er vor ihr zittert. Es ist aus mit dem Land, wenn es solchen Schurken in die Klauen gerät!«

So begrüßte Esmonds alte Verwandte die neuen Machthaber, deren Erhebung indessen einer Familie, die es dringend bedurfte, allerlei Gutes brachte. Als Herr Esmond sich vor seiner Abreise aus England in Portsmouth aufhielt, wo er zu seinem Regiment gestoßen und eifrig beschäftigt war, den Gebrauch und die Geheimnisse von Flinte und Pike zu erlernen, erfuhr er, daß seiner geliebten Herrin eine Pension verliehen sei und daß Fräulein Beatrix im Hofstaat Verwendung finden werde. So hatte die Reise der armen Witwe nach London doch noch einen Erfolg gezeitigt, nicht Rache an den Feinden ihres Gatten, aber Versöhnung mit alten Freunden, die Mitleid mit ihr hatten und ihr zu helfen bereit waren. Um auf die Unglücksgenossen aus dem Gefängnis zu kommen, so war Oberst Westbury mit dem Generalfeldmarschall nach Holland gegangen. Kapitän Macartney war in Portsmouth und im Begriff, sich mit seinem Regiment unter dem Befehl des Herzogs von Ormond nach Spanien einzuschiffen, wie es hieß. Lord Mohun, weit entfernt davon, für seine Tat bestraft zu werden, war mit der glänzenden Gesandtschaft des Lord Macclesfield auf dem Wege an den Hof des Kurfürsten von Hannover, dem der Hosenbandorden und ein schmeichelhaftes Schreiben der Königin überreicht werden sollten.

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