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William Makepeace Thackeray: Henry Esmond - Kapitel 18
Quellenangabe
typefiction
authorWilliam Makepeace Thackeray
titleHenry Esmond
publisherAufbau-Verlag
year1953
translatorElse von Schorn
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150118
projectid5785aa0d
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Zweites Kapitel
Meine Gefangenschaft nimmt ein Ende, doch mein Kummer nicht

Unter den Herren, welche die beiden Offiziere im Gefängnis besuchten, fand sich auch ein alter Bekannter von Harry Esmond, nämlich jener Herr von der Garde, der so freundlich zu Harry gewesen, als vor vielen Jahren Hauptmann Westburys Truppe in Castlewood Quartier bezog. Er war jetzt nicht mehr Dick der Reiter, er war Hauptmann Steele und Sekretär von Mylord Cutts, dem berühmten Offizier von König Wilhelm, dem tapfersten und beliebtesten Mann der englischen Armee. Eines Abends saßen die beiden lustigen Gefangenen mit einer Gesellschaft von Freunden beim Becher, denn endlose Körbe mit Burgunder und Champagner, die gute Bekannte den Offizieren ins Gefängnis schickten, hielten unseren Keller gefüllt und den der Wächter von Newgate auch. Harry, den weder der Wein noch die Unterhaltung lockte, denn er war noch zu schwach zum Trinken und zu traurig zum Scherzen, saß allein in seinem kleinen Zimmer und las. Der allezeit gutgelaunte Oberst Westbury kam heiß vom Trinken herein und rief lachend: »Ho, junger Spielverderber! Da kommt ein Freund zu dir. Er wird mit dir beten oder mit dir trinken oder abwechselnd beten und trinken. Dick, mein christlicher Held, hier hast du den kleinen Gelehrten von Castlewood.«

Dick kam herein und küßte Esmond auf beide Wangen. Ein starker Duft von Sherry würzte die Liebkosung.

»Was! Ist das der kleine Mann, der Latein zu sprechen und uns die Bälle zu holen pflegte? Wie groß du geworden bist! Ich glaube, ich hätte dich nirgendwo wiedererkannt. Und zum Raufbold und Fechter hast du dich ausgewachsen und mit Mohun die Klinge messen wollen. Ich kann versichern, daß er gestern beim Festmahl der Garde gesagt hat, der junge Bursche habe mit ihm fechten wollen, und er sei der gefährlichere der beiden Gegner gewesen.«

»Ich wünschte, ich hätte es erproben und beweisen können, Herr Steele«, sagte Esmond, und in Gedanken an seinen toten Wohltäter füllten sich seine Augen mit Tränen.

Mit Ausnahme des einen grausamen Briefes hörte Esmond nichts von seiner Herrin, und sie schien wirklich entschlossen, ihn nicht wiederzusehen und zu verleugnen. Aber Herr Steele brachte ihm Nachrichten von ihr, die er am prinzlichen Hof auflas, wo unser braver Hauptmann zum Kammerjunker avanciert war. Wenn er nicht Dienst hatte, kam er oft, seine Freunde in der Gefangenschaft zu trösten; Gutmütigkeit und die Neigung, allen Unglücklichen beizustehen, trieben ihn ohne Zweifel zu diesen Besuchen; gute Unterhaltung und guter Wein bewirkten, daß er sie recht gründlich in die Länge zog.

»Auf Ehre«, sagte Westbury, »der kleine Gelehrte hat den Streit bei Lockits angefangen; ich erinnere mich jetzt ganz genau. Der Bursche Mohun ist mir immer verhaßt gewesen. Was hat nur dahintergesteckt? Ich meine, hinter dem Streit zwischen ihm und dem armen Frank. Ich möchte wetten, es war eine Frau.«

»Die Karten haben dahintergesteckt, auf mein Wort, nichts als die Karten«, entgegnete Harry. »Mein armer Herr hat in Castlewood große Summen an seinen Gast verloren. Darüber sind sie in Wortwechsel geraten, und wenn auch Lord Castlewood der freundlichste und fügsamste Mensch auf Erden war, so hatte er doch Temperament. So ist es gekommen, daß wir alle hier sitzen.« Esmond war fest entschlossen, niemals eine andere Ursache des Duells zuzugeben.

»Ich spreche nicht gern schlecht von einem Edelmann«, sagte Westbury, »aber wäre Lord Mohun ein Bürgerlicher, so würde ich sagen: es ist ein Jammer, daß man ihn nicht gehängt hat! Er stand mit Würfeln und Frauenzimmern auf vertraulichem Fuß in einem Alter, in dem andere Jungen in der Schule Prügel bekommen; er war gottlos wie der älteste Wüstling, noch ehe er sich ausgewachsen; er schwang die Klinge, und eine blutige Klinge, ehe er je ein Rasiermesser gebraucht hatte. Er hielt den armen Will Mountford beim Wort in jener Nacht, als der verdammte Dick Hill ihm den Degen in den Leib rannte. Er wird ein böses Ende nehmen, der junge Lord – und kein Ende ist schlimm genug für ihn«, meinte der ehrliche Westbury, dessen Prophezeiung zwölf Jahre später in Erfüllung ging, an dem verhängnisvollen Tag, an dem Mohun fiel und im Fallen den tapfersten, tüchtigsten Edelmann Englands mit sich riß.

Von Herrn Steele also wurde Esmond über das Ergehen seiner unglücklichen Herrin unterrichtet. Steeles Herz stand leicht in Flammen, und der Kammerjunker sprach in Tönen grenzenloser Bewunderung sowohl von der Witwe – dieser schönsten Frau, wie er sagte – als von ihrer Tochter, die in des Hauptmanns Augen ein noch größeres Wunder weiblicher Schönheit war. Wenn die bleiche Witwe, die Hauptmann Richard in seiner poetischen Verzückung mit einer Niobe in Tränen, mit einer Sigismunda, einer weinenden Belvidera verglich – das Lieblichste und Rührendste war, was seine Augen je gesehen hatten, so schien doch selbst ihre reife Schönheit nichts, verglichen mit den Verheißungen, die der wackere Hauptmann in der unbegreiflichen Lieblichkeit der Tochter schlummern sah. Es war mater pulcra filia pulcrior. Steele verfaßte Sonette über die Reize von Mutter und Tochter, während er im fürstlichen Vorzimmer Dienst hatte. Er sprach stundenlang über sie, wenn er bei Esmond saß, und hätte kaum einen Gegenstand finden können, der den unglücklichen jungen Mann mehr fesselte als dieser. Denn er war jetzt wie immer den Damen ergeben und war allen dankbar, die sie liebten und lobten und ihnen Gutes wünschten.

Nicht daß seine Treue durch irgendeine freundliche Erwiderung oder auch nur ein Zeichen des Mitleids belohnt wurde, seine Herrin blieb nach zehn Jahren voller Liebe und Wohltaten ganz unerbittlich. Da der arme junge Mann auf jenen Brief keine Antwort erhalten hatte, außer Tushers Schriftstück, und zu stolz war, um noch einmal zu schreiben, öffnete er Steele eine Kammer seines Herzens. Kein Unglücklicher hätte einen gütigeren Zuhörer und freundlicheren Boten finden können, und so beschrieb er ihm denn in sehr gefühlvollen Worten – denn sie kamen imo pectore und rührten den ehrlichen Dick reichlich zu Tränen – seine Jugend, seine beständige Liebe und zärtliche Ergebenheit für die Familie, die ihn aufgezogen hatte. Er sprach von seiner Anhänglichkeit, die so wohlverdient und vor kurzem noch liebevoll erwidert worden war, er schilderte ihm, soweit es möglich war, den Anlaß und die Umstände des traurigen Streites, der Esmond zum Gefangenen gemacht und jene, die ihm das teuerste im Leben waren, verwitwet und verwaist hatte. In Worten, die auch einen hartherzigeren Mann als des jungen Esmond Vertrauten gerührt hätten – denn wirklich war des Sprechers Herz gebrochen –, erzählte er etwas von jenem einzigen tragischen Gespräch, das seine Herrin ihm gewährt hatte; wie sie, die sonst nur Sanftmut und Güte gewesen war, ihn im Zorn und fast mit ihrem Fluch verließ; wie sie ihn der Schuld an jenem, Blut anklagte, für das er doch freudig sein eigenes vergossen hatte. Tatsächlich verteidigten, wie Steele erzählte, in diesem Punkt sowohl Lord Mohun, Lord Warwick und alle beteiligten Herren wie auch das allgemeine Gerücht den unglücklichen jungen Mann. Von ganzem Herzen und mit Tränen flehte er Herrn Steele an, seiner Herrin von seinem Jammer zu berichten und ihren grausamen Zorn gegen ihn zu mildern. Halb wahnsinnig vor Gram über das ihm angetane Unrecht, verglich er es mit tausend Zeichen der Liebe und des geschwundenen Vertrauens und machte sein Elend dadurch unsäglich bitterer. So verbrachte der arme Bursche manchen einsamen Tag und manche schlaflose Nacht in einer Art ohnmächtiger Verzweiflung und Wut über sein ungerechtes Schicksal. Es war die sanfteste Hand, die ihn schlug, das gütigste, mitleidigste Wesen, das ihn verfolgte.

»Ich wünschte, ich wäre lieber des Mordes schuldig erklärt«, sagte er, »und müßte wie andere Verbrecher die Strafe erleiden, als diese Folter zu ertragen, der mich meine Herrin unterwirft.«

Obwohl Esmonds leidenschaftliche Berichte, seine Bitten und Vorstellungen dem guten Dick so manche Träne entlockten, übten sie doch keine Wirkung auf die aus, an die sie eigentlich gerichtet waren. Der Abgesandte kam mit traurigem, mutlosem Gesicht von seiner Mission zurück und schüttelte den Kopf, zum Zeichen, daß jede Hoffnung vergeblich sei. Kein elender Verbrecher in jenem Gefängnis von Newgate, der umsonst auf seine Begnadigung gewartet hatte, konnte niedergeschlagener sein als der unschuldig verdammte Esmond.

Der Verabredung gemäß war Herr Steele nach dem Haus der gräflichen Witwe in Chelsea gegangen, wo Mylady mit ihren Kindern wohnte. »Ich glaube, ich habe gut gesprochen, mein armer Junge«, sagte Herr Steele; »denn wer hätte nicht gut gesprochen in einer solchen Sache und vor einem so schönen Richter? Die liebliche Beatrix habe ich nicht gesehen, die berühmte Dame gleichen Namens in Florenz war sicher nicht halb so schön – nur der junge Graf war im Zimmer, mit Lord Churchill, Mylord von Marlboroughs ältestem Sohn. Die jungen Herren gingen in den Garten, und ich sah vom Fenster aus, wie sie mit Stöcken eine Fechtszene aufführten. Der Schmerz berührt die Jungen nur leicht, ich erinnere mich, daß ich an meines Vaters Sarg die Trommel schlug. Mylady blickte auf die beiden hinunter und sagte: ›Sie sehen, man lehrt die Kinder, Spielzeug wie tödliche Waffen zu gebrauchen und aus Mord eine Unterhaltung zu machen.‹ Dabei sah sie so lieblich aus und stand da als ein so trauriges, schönes Beispiel der Lehre, deren bescheidener Prediger ich bin, daß ich sie um die Erlaubnis gebeten hätte, ihr meinen ›Christlichen Helden‹ widmen zu dürfen, wenn das Buch nicht schon den Namen Lord Cutts auf der ersten Seite trüge. – Übrigens bemerke ich, Harry, daß du es noch nicht aufgeschnitten hast. Die Predigt ist gut, glaube mir, wenn auch des Predigers Leben nicht dafür spricht. – Ich sah nie ein so herrliches Veilchenblau wie das ihrer Augen, Harry. Ihre Haut ist so zart wie ein Rosenblatt; sie hat ein wundervoll geformtes Handgelenk und Grübchen in den Händen. Ich bin überzeugt ...«

»Sind Sie gekommen, um mir von den Grübchen in Myladys Händen zu erzählen?« fuhr Esmond traurig dazwischen.

»Ein liebliches Geschöpf in Trauer scheint mir immer doppelt schön«, sagte der arme Hauptmann, der allerdings oft in einem Zustand war, in dem er doppelt sah. Etwas ernüchtert, nahm er den Faden seines Berichtes wieder auf. »Als ich ihr sagte, warum ich gekommen sei, als ich ihr erzählte, was alle Welt weiß, nämlich, daß du versucht habest, dich zwischen die beiden Grafen zu stellen und deines Herrn Ehre mit dem eignen Degen zu verfechten, als ich von der allgemeinen Anerkennung sprach, die man deiner Ritterlichkeit zolle, und wie sogar Lord Mohun Zeugnis dafür ablege, da schien sie mir mit einigem Interesse zuzuhören und schlug ihre Augen – ich habe nie ein solches Veilchenblau gesehen, Harry – ein- oder zweimal zu mir auf. Aber als ich eine Weile geredet hatte, unterbrach sie mich plötzlich mit einem Jammerschrei. ›Ich wünschte‹, rief sie, ›ich hätte nie das Wort Ritterlichkeit gehört, das Sie da brauchen, oder seinen Sinn erkannt. Mylord hätte nicht sterben müssen, mein Haus wäre nicht verwaist, mein Knabe hätte einen Vater. Was ihr Herren Ritterlichkeit nennt, das trieb meinen Gatten in das grausame Schwert, das ihn tötete. Sie sollten das Wort nicht aussprechen vor einer christlichen Frau, vor einer verwitweten Mutter armer Waisen, deren Hausstand glücklich war, bis die Welt sich hereindrängte, die gottlose, lasterhafte Welt, die das Blut der Unschuldigen fordert und die Schuldigen frei ausgehen läßt!‹

Als die unglückliche Frau so sprach«, fuhr Herr Steele fort, »schien sie mehr von Entrüstung als von Kummer bewegt zu sein. ›Vergütung!‹ rief sie leidenschaftlich und mit flammenden Augen. ›Wie vergütet eure Welt der Witwe den Mann, den Kindern den Vater? Der Elende, der den Mord beging, ist nicht einmal bestraft worden. Gewissen! Hat der Mensch ein Gewissen, der im Hause seines Freundes einer Frau, die ihm nichts zuleide tat, Lügen ins Ohr flüstert, der das gütige Herz durchbohrt, das ihm vertraut hat? Da kommen Mylord des Lumpen, Mylord des Schurken, Mylord des Mörders Peers zusammen, um ihn zu richten, und entlassen ihn mit ein paar Worten der Ermahnung, schicken ihn wieder in die Welt, damit er Frauen mit Lüsternheit und Falschheit verfolgen und arglose Gastfreunde ermorden kann. An dem Tag, an dem Mylords Mörder – sein Name soll nicht wieder über meine Lippen kommen – freigesprochen wurde, haben sie in Tyburn eine Frau hingerichtet, weil sie in einem Laden gestohlen hatte. Aber ein Mann darf einem anderen das Leben oder einer Frau die Ehre nehmen und braucht nicht Buße zu leisten! Ich nehme meine Kinder, gehe zum König, flehe auf den Knien um Vergeltung, und der König versagt sie mir. Der König! Mein König ist er nicht und wird es niemals sein. Er ist auch ein Räuber; er hat dem Vater seiner Frau den Thron genommen und ist straflos ausgegangen wie alle Großen auf Erden!‹

Da wollte ich für dich ein Wort einlegen. ›Denken Sie daran, gnädige Frau‹, sagte ich, ›es gab doch einen, der seine eigene Brust Lord Mohuns Schwert bieten wollte, ehe es Ihren Gatten traf. Ihr junger Verwandter hat versucht, sein Leben für seinen Herrn in die Schanze zu schlagen.‹

›Ist er es, der Sie geschickt hat?‹ fragte Mylady und erhob sich streng und feierlich. ›Ich dachte, Sie kämen im Auftrag der Prinzessin. Ich habe Herrn Esmond im Gefängnis aufgesucht und habe Abschied von ihm genommen. Er hat Unglück in mein Haus gebracht. Es wäre besser gewesen, er hätte es nie betreten.‹

›Gnädige Frau‹, warf ich ein, ›er ist nicht zu tadeln!‹

›Habe ich vor Ihnen einen Tadel gegen ihn geäußert?‹ fragte sie zurück. ›Wenn er Sie geschickt hat, so sagen Sie ihm‹ – und sie wurde sehr blaß, und ihre Stimme zitterte –, ›daß ich mir dort Rat geholt habe, wo wir uns alle Rat holen dürfen, daß ich mich von ihm trennen muß und ihn nicht mehr sehen darf. Wir haben uns im Gefängnis zum letzten Male gesehen, zum letzten Male wenigstens für lange Jahre. Später vielleicht, wenn Reue und Tränen unsere sündigen Herzen geläutert haben, dürfen wir uns wieder begegnen, aber jetzt nicht. Ich wünsche ihm alles Gute, aber ich sage ihm Lebewohl, und wenn er die – die Achtung für uns wirklich hat, die er zu haben vorgibt, so beschwöre ich ihn, sie mir zu beweisen, indem er mir in diesem Punkte gehorcht.‹

›Ich werde mit diesem grausamen Urteilsspruch des jungen Mannes Herz brechen!‹ entgegnete ich.

Die Dame schüttelte ihr Haupt. ›Die Herzen der jungen Männer brechen nicht so leicht‹, sagte sie. ›Herr Esmond wird andere – andere Freunde finden. Die Herrin dieses Hauses ist dem Sohn des verstorbenen Grafen‹, fügte sie hinzu und wurde rot, ›sehr wohlgesinnt. Sie hat mir versprochen – das heißt, sie hat die Absicht, für seine Zukunft zu sorgen. Solange ich in Castlewood lebe, kann es keine Heimat mehr für ihn sein. Ich möchte auch nicht, daß er an mich schreibt, ausgenommen – nein – ich möchte, daß er nie an mich schreibt. Bringen Sie ihm, wenn Sie wollen, meinen Abschieds ... Still! Kein Wort davon vor meiner Tochter!‹

Die schöne Beatrix kam von einer Bootsfahrt herein. Ihre Wangen strahlten von Gesundheit; die Trauergewänder machten sie nur noch lieblicher und frischer. Mylady sagte: ›Beatrix, dies ist Herr Steele, Kammerjunker bei Seiner Hoheit dem Prinzen. Wann wird Ihre neueste Komödie erscheinen, Herr Steele?‹ Ich hoffe, Harry, du bist aus dem Gefängnis heraus, wenn sie zum ersten Male aufgeführt wird.«

Dann schloß der gefühlvolle Hauptmann seine traurige Erzählung mit den Worten: »Wahrlich, die Schönheit der filia pulcrior trieb mir pulcram matrem aus dem Kopf. Als ich aber den Fluß hinunterfuhr, gewann die bleiche Würde und wundervolle Anmut der Frau wieder die Oberhand, und sie erschien mir noch edler als die Jungfrau.«

Wenn die drei Herren gut lebten in Newgate, so war es, weil sie gut bezahlten. Der großartigste Gasthof Londons hätte keine längeren Rechnungen liefern können als der Wirt des Hauses zur »Handschelle«, wie Oberst Westbury das Gefängnis nannte. Sie genossen dafür Bequemlichkeiten, wie sie den armen Gefangenen dort nicht bewilligt wurden. Esmond kann nur mit einer Art von Scham daran zurückdenken, wie gleichgültig ihn damals die Flüche und Lästerungen und die noch abstoßendere Lustigkeit dieser Elenden ließen; denn es ist ihm jetzt ein Beweis, wie selbstsüchtig er sich in seinen eigenen Gram verbissen hatte. Unsere drei Zimmer lagen über dem Torweg von Newgate im zweiten Stock und sahen die Newgate-Straße hinunter nach Cheapside und der St.-Pauls-Kirche zu. Und wir durften auf dem Dach Spazierengehen und hatten von dort aus den Blick auf Gärten, auf Smithfield, auf Christs Hospital und auf das Kloster, wo, wie Harry Esmond einfiel, sein Freund Tom Tusher und Dick der Lateiner ausgebildet waren.

Harry hätte seinen Anteil an der ungeheuerlichen Rechnung, die der Wirt seinen Gästen einmal wöchentlich brachte, nie bezahlen können, wenn nicht während seiner Krankheit, nach dem Besuch der Lady Castlewood, ein Lakai in orangefarbenem Rock mit blauen Litzen – der Livree der Esmondschen Dienerschaft – im Gefängnis erschienen wäre und ein versiegeltes Paket für Herrn Esmond abgegeben hätte. Es enthielt zwanzig Guineen und ein Schreiben der Gräfin-Witwe, daß ihm ein Rechtsbeistand bestellt wäre und daß mehr Geld folgen würde, wann immer er es brauchte.

Es war ein drolliger Brief, geschrieben in dem barbarischen Französisch, das sie und viele andere vornehme Damen jener Zeit liebten – Zeuge ist Ihre Gnaden von Portsmouth. Orthographie war damals kein sehr gangbarer Artikel, und die Briefe des Mylord Marlborough sind ein Beweis dafür, daß auch ihn in diesem Punkt Schulweisheit nicht drückte.

»Mong Coussin«, schrieb die gräfliche Witwe, »je scay que vous vous etes bravement batew et grievement bléssay – du costé de feu M. le Vicomte. M. le Compte de Varigue ne se playt qua parlay de vous; M. de Moon auçy. Il di que vous avay voulew vous bastre avecque luy – que vous estes plus fort que luy für l'ayscrimme – quil'y a surtout certaine Botte que vous scavay quil n'a jammay sceu pariay: et que c'en eut été fay de luy si vouseluy vous vous fussiay battews ansamb. Aincy ce pauv Vicompte est mort. Mort et peutayt. – Mong coussin, mong coussin! jay dans la tayste que vous n'estes quung pety Monst – angcy que les Esmonds ong tousjours esté. La veuve est chay moy. J'ay recuilly cet' pauve famme. Elle est furieuse cont vous, allans tous les jours chercher le Roy (d'icy) demandant à gran cri revanche pour son Mary. Elle ne veux voyre ni entende parlay de vous: pourtant eile ne fay qu'en parlay milfoy par jour. Quand vous seray hör prison venay me voyre. J'auray soing de vous. Si cette petite Prude veut se défaire de song pety Monste (Hélas je craing qùil ne soy trotar!) je m'en chargerag. J'ay encor quelqu interay et quelques escus de costay.

La Veuve se raccommode avec Miladi Marlboro qui est tout puiçante avecque la Reine Anne. Cet dam sentéraysent pour la petite prude; qui pourctant a un fi du mesme asge que vous savay.

En sortant de prisong venez icy. Je ne puy vous recevoir chaymoy à cause des méchansetés du monde, may pre du moy vous aurez logement:

Isabelle Vicomptesse d'Esmond.«

Der Knabe, der in dem Brief erwähnt wird, war Seine Königliche Hoheit der Prinz von Wales; er war im selben Jahr und Monat geboren wie Frank Esmond, den wir fortan Graf Castlewood nennen wollen. Man hatte den jungen Prinzen gerade in Saint-Germain zum König von Großbritannien, Frankreich und Irland ausgerufen.

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