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William Makepeace Thackeray: Henry Esmond - Kapitel 16
Quellenangabe
typefiction
authorWilliam Makepeace Thackeray
titleHenry Esmond
publisherAufbau-Verlag
year1953
translatorElse von Schorn
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150118
projectid5785aa0d
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Vierzehntes Kapitel
Wir folgen Lord Mohun nach London

Nach ein paar Tagen war Lord Mohun so weit von seiner Wunde genesen, daß er seine Abreise für den nächsten Morgen ankündigte. Er beabsichtigte, in kurzen Tagereisen nach London zu reiten und unterwegs zweimal zu übernachten. Der Herr des Hauses behandelte ihn mit einer gemessenen, feierlichen Höflichkeit, die zu seiner gewohnten freimütigen und sorglosen Art in Widerspruch stand. Aber es war kein Grund zu der Annahme vorhanden, daß die beiden Grafen nicht als Freunde auseinandergingen, wenn Harry Esmond auch bemerkte, daß Lord Castlewood seinen Gast nur in Gesellschaft sah und es vermied, mit ihm allein zu sein. Er unterließ es auch, Lord Mohun eine Strecke Wegs das Geleit zu geben, wie es mit andern Freunden seine Gewohnheit war, die er immer freudig willkommen hieß und ungern ziehen sah. Er begnügte sich damit, ihn die Treppe hinunter zu begleiten, nachdem sich Seine Gnaden, gestiefelt und gespornt, von den Damen des Hauses höflich verabschiedet hatte. Unten im Hof, wo die Pferde warteten, sagte Mylord: »Ich werde Sie allernächstens in London sehen, Mohun, dort wollen wir unsere Rechnung begleichen.«

»Mach dir keine Kopfschmerzen darüber, Frank«, entgegnete der andere gutmütig und hielt ihm die Hand hin. Er schaute etwas verdutzt drein über die finstere, steife Art, mit der sein Abschiedsgruß erwidert wurde. Gefolgt von seiner Dienerschaft, ritt er zum Tor hinaus.

Harry Esmond war Zeuge dieses Abschieds; die Ankunft war freilich anders gewesen. Da hatte man große Vorbereitungen getroffen und das alte Haus so schön als möglich herausgeputzt, um den Gast willkommen zu heißen. Heute hing eine Traurigkeit und Befangenheit über allen, die Esmond mit düsteren Ahnungen und unbestimmter Angst erfüllte. Lord Castlewood stand in der Tür und sah seinen Gast hinausreiten. Unter dem äußern Torweg blickte Mohun noch einmal zurück; Mylord zog langsam seinen Hut und grüßte, sein Antlitz war bleich und entstellt. Er fluchte und stieß die Hunde von sich, die an ihm hochsprangen. Dann ging er nach dem Brunnen in der Mitte des Hofes, lehnte sich an einen seiner Pfeiler und starrte ins Wasser. Als Esmond quer über den Hof nach seinem Zimmer ging, sah er, daß Lady Castlewood hinter den Vorhängen des großen Saalfensters stand und auf Mylord hinunterblickte. Es lag ein ganz sonderbares Schweigen über dem Hof, und die Szene blieb Esmond lange in Erinnerung – der strahlendblaue Himmel droben, die Strebepfeiler der Halle und die Sonnenuhr, die ihren Schatten gerade über das vergoldete memento mori warf, das unterhalb eingemeißelt stand, die beiden Hunde, ein schwarzes Windspiel und ein fast weißer Spaniel – der eine hob die Nase in die Sonne, und der andere schnüffelte im Gras – und Mylord, über den laut plätschernden Springbrunnen geneigt. Es ist seltsam, wie dieses Bild und das Klingen der Fontäne im Gedächtnis eines Mannes haftenblieb, der wohl hundert prächtige Schauspiele und hundert Gefahren sah, von denen er nichts mehr berichten könnte.

Lady Castlewood war den ganzen Morgen in Gegenwart der Herren ungewöhnlich heiter und lebhaft gewesen. Als aber ihr Gatte mit seinem Gast das Zimmer verlassen hatte, lief sie mit völlig verändertem Ausdruck auf Harry zu und sagte mit angsterfülltem Blick: »Folge ihnen, Harry. Ich bin überzeugt, daß ein Unglück geschehen wird.«

So kam es, daß Esmond, seiner Herrin gehorsam, den Horcher spielte, und jetzt zog er sich in die Stille seines Zimmers zurück, um eine Geschichte zu ersinnen, die zu Myladys Beruhigung dienen sollte. Denn er selbst konnte sich nicht länger verhehlen, daß ein ernster Zusammenstoß zwischen den beiden Grafen bevorstand.

Es kamen einige Tage, an denen die kleine Gesellschaft in Castlewood des Abends wie gewöhnlich beisammensaß; aber die geheime Angst lauerte ungenannt und unsichtbar, dennoch stets gegenwärtig zum mindesten im Zimmer. Mylord war ungewöhnlich sanft und freundlich. Wenn er aus dem Zimmer ging, so folgte seine Frau ihm mit den Augen. Er behandelte sie mit einer Art schmerzlicher Höflichkeit und Güte, die bei seiner sonst so derben, rauhen Manier merkwürdig berührte. Er rief sie oft und liebevoll beim Vornamen, war zärtlich mit den Kindern, besonders mit dem Knaben, den er eigentlich nicht liebte. Er war sonst ein sehr nachlässiger Kirchgänger; jetzt aber wohnte er dem Gottesdienst bei und erfüllte alle seine Pflichten, ja hörte sogar Doktor Tushers Predigten an.

»Er geht die ganze Nacht in seinem Zimmer auf und ab. Was hat er? Harry, kannst du nicht ausfindig machen, was ihm fehlt?« sagte Lady Castlewood wieder und wieder zu ihrem jungen Verwandten. »Er hat drei Briefe nach London geschickt«, berichtete sie eines Tages.

»Es waren Briefe an einen Advokaten; Sie können es mir glauben, gnädige Frau«, entgegnete ihr Harry, der Einblick in die Korrespondenz gehabt hatte, die sich auf eine neue von Mylord geplante Anleihe bezog. Als der junge Mann seinem Herrn Vorstellungen darüber machte, erklärte Mylord, er müsse eine alte Schuld ablösen, die auf dem Gut laste.

Lady Castlewood ängstigte sich jetzt nicht mehr wegen des Geldes. Liebende Frauen machen sich sehr selten Geldsorgen. Man kann einer Frau kein größeres Vergnügen bereiten, als ihr zu raten, daß sie für den Mann, den sie liebt, ihre Diamanten versetzt. Ich hörte Herrn Congreve einmal sagen, daß Lord Marlborough als junger Mann nur darum soviel Erfolg bei Frauen hatte, weil er Geld von ihnen nahm. »Es gibt nicht viele Männer, die solche Opfer auf sich nehmen wollen«, behauptete Herr Congreve, der einen gewissen Teil des schönen Geschlechts recht genau kannte.

Harry Esmonds Ferien waren gerade zu Ende, und er machte sich bereit, zur Universität zurückzukehren, um dort sein Examen zu bestehen und in die Kirche einzutreten. Zu diesem Amt hatte er sich entschlossen, nicht mit der Ehrfurcht, die einem Mann geziemt, der eine so heilige Verpflichtung antritt, sondern mit dem weltlichen Geist der Klugheit, diesen Beruf als seine Arbeit anzunehmen. Aber seine Rechtfertigung lag darin, daß er der Familie in Castlewood alles verdankte und daß er lieber in ihrer Nähe leben wolle, als irgendwo anders in der Welt. Er hoffte, seinen Wohltätern nützlich sein zu können, die seine Anhänglichkeit mit grenzenlosem Vertrauen und herzlicher Liebe vergalten. Er wollte helfen, den jungen Erben des Hauses zu erziehen. Er wollte auch weiter seines Herrn und seiner Herrin treuer Freund und Berater sein, und sie wiederum wollten ihn gern als solchen betrachten. Daß er sich denen nützlich erweisen könnte, die er am meisten liebte, das, glaubte er, werde ihn entschuldigen für alle ehrgeizigen Pläne, die etwa in ihm schlummerten. Hatte ihm seine Herrin nicht gesagt, sie werde ihn niemals von sich lassen? Ihre Wünsche aber waren Befehle für ihn.

In den letzten Tagen dieser denkwürdigen Ferienzeit wurde eine Last von Lady Castlewoods Seele genommen; denn Mylord verkündete eines Morgens, als die Post ihm Briefe aus London gebracht hatte, in gleichgültigem Ton, daß Lord Mohun nach Paris gegangen sei und eine große Reise durch Europa vorhabe. Obwohl Lord Castlewoods düstere Stimmung nicht verschwand, noch sein Gebaren sich änderte, fing seine Frau doch an, hoffnungsvoller und sorgloser zu werden, und sie versuchte mit allen Mitteln, die ihr zu Gebote standen, seinen Unmut zu zerstreuen und ihn zu erheitern.

Er selbst gab vor, mangelnde Gesundheit sei der Grund für seine gedrückte Stimmung. Er erklärte, er wolle nach London gehen und seinen Arzt, Doktor Cheyne, konsultieren. Man kam überein, daß Mylord und Harry Esmond bis London zusammen reisen sollten, und eines Morgens – es war der 10. Oktober des Jahres 1700 – machten sie sich zu Pferde auf den Weg. Der Tag vor der Abreise war ein Sonntag gewesen, und da der Regen in Strömen goß, war die Familie nicht in die Kirche gegangen. Darum hatte Mylord abends aus der Bibel vorgelesen. Er las mit ganz besonderem Ernst und merkwürdiger Zartheit und sprach den Segen am Schluß so feierlich, daß es Harry schien, er habe ihn nie eindrucksvoller gehört. Er küßte und umarmte seine Frau und seine Kinder zärtlicher als es sonst seine Gewohnheit war, und die Erinnerung an diesen Abend war ihnen später ein großer Trost.

Der Abschied am nächsten Morgen war ebenso herzlich. Die Reisenden nahmen abends in einem Gasthof Quartier, und als der zweite Tag sich neigte, hatten sie London erreicht. Mylord stieg in der »Trompete« in Whitehall ab, einem Haus, wo zur Zeit, da er jung war, die Offiziere einzukehren pflegten, und wo er seitdem immer gewohnt hatte, wenn er nach London kam.

Eine Stunde nach Mylords Ankunft erschien sein Geschäftsführer aus Grays Inn im Gasthof, der also von der Reise unterrichtet gewesen sein mußte. Esmond wollte die beiden allein lassen, aber sein Herr erklärte, ihr Geschäft werde rasch erledigt sein. Er stellte ihn dem Rechtsanwalt besonders vor, der schon zu des alten Grafen Zeiten die Angelegenheiten der Familie geführt hatte, und dieser berichtete kurz, daß er das Geld an diesem selben Tage Mylord Mohun in seinem Logis in Bow Street persönlich eingehändigt habe. Seine Gnaden sei etwas überrascht gewesen, denn es sei doch sonst zwischen Ehrenmännern nicht Sitte, bei solchen Unterhandlungen die Vermittlung eines Rechtsanwaltes in Anspruch zu nehmen. Er habe aber trotzdem des Herrn Grafen Brief beantwortet und ihn mit der Überbringung der Antwort betraut.

»Ich denke, Lord Mohun ist in Paris?« rief Esmond erstaunt und in heftiger Bestürzung.

»Er ist auf meine Aufforderung hin zurückgekommen«, sagte Mylord. »Wir haben noch Rechnungen zu begleichen.«

»Wollte Gott, daß sie jetzt erledigt sind«, entgegnete Esmond.

»Das sind sie«, antwortete der andere und sah den jungen Mann scharf an. »Er hat mir etwas zugesetzt wegen des Geldes, das ich im Spiel an ihn verloren hatte. Jetzt, da es bezahlt ist, sind wir quitt. Wir können uns wieder als gute Freunde begegnen.«

»Mylord«, rief Esmond, »ich bin überzeugt, daß Sie mich täuschen und daß Sie einen bösen Handel mit Lord Mohun haben.«

»Ach was! Wir werden noch heute abend zusammen essen und eine Flasche miteinander leeren. Jeder Mann, der eine solche Summe verloren hat wie ich, wird schlechter Laune sein. Jetzt ist sie bezahlt, und mein Ärger ist verflogen.«

»Wo werden wir zu Abend essen?« fragte Harry.

»Wir? Gewisse Herren sollten warten, bis man sie auffordert«, sagte Mylord lachend. »Du kannst ins Theater gehen und Herrn Betterton ansehen. Ich weiß, daß dir das Vergnügen macht. Laß mich meine eigenen Wege gehen; morgen frühstücken wir zusammen, mit soviel Appetit, als uns vergönnt wird.«

»Bei Gott, Mylord, ich gehe heute abend nicht von Ihrer Seite«, erklärte Harry Esmond. »Ich glaube, ich kenne den Grund Ihres Streites mit Mohun. Ich schwöre Ihnen, es ist nichts daran. An demselben Tage, als das Unglück geschah, habe ich mit ihm über alles gesprochen. Ich weiß, daß von seiner Seite nur eitel Courmacherei vorgelegen hat.«

»Das hast du gewußt und hast es mir nicht gesagt?« rief Mylord mit donnernder Stimme.

»Ich wußte mehr davon als meine liebe Herrin selbst – tausendmal mehr. Wie konnte sie, die so unschuldig wie ein Kind ist, ahnen, wo dieser Schurke mit seinen Ritterlichkeiten hinauswollte?«

»Du selbst gibst zu, daß er ein Schurke ist und daß er mir meine Frau genommen haben würde?«

»Mylord, sie ist so rein wie ein Engel!« rief Esmond.

»Habe ich ein Wort gegen sie gesagt?« schrie Mylord. »Habe ich je an ihrer Reinheit gezweifelt? Hätte ich das je getan, wäre es der letzte Tag ihres Lebens gewesen. Bildest du dir ein, daß ich gefürchtet habe, sie könnte fallen? Nein, dazu ist sie nicht leidenschaftlich genug. Sie sündigt nicht, und sie vergibt auch nicht. Ich kenne ihr Temperament. Jetzt, da ich sie verloren habe, liebe ich sie heißer, als ich sie je geliebt habe; ja, heißer als in jenen Tagen, da sie jung war und schön wie ein Engel, da sie mir zulächelte in ihres alten Vaters Hause und nach mir ausschaute, wenn ich von der Jagd kam. Damals habe ich meinen Kopf in ihren Schoß gelegt, habe geweint wie ein Kind und habe ihr geschworen, mich zu bessern, nicht mehr zu trinken, nicht mehr zu spielen, den Weibern nicht mehr nachzulaufen. Alle Herren vom Hof waren hinter ihr her, und wenn sie ihr Kind auf dem Arm hatte, war sie schöner als die Madonna in der Kapelle der Königin. Ich bin nicht so gut wie sie, ich weiß das. Wer ist so gut, Himmel, wer ist es? Ich habe sie gequält und gelangweilt, auch das weiß ich. Ich konnte mich nicht mit ihr unterhalten. Ihr belesenen, witzigen Männer, ihr konntet das, ich konnte es nicht – ich fühlte sehr gut, daß ich es nicht konnte. Als du noch ein Knabe von fünfzehn Jahren warst, habe ich euch zusammen über Gedichte und Bücher unterhalten hören und war manchmal in solcher Wut, daß ich dich hätte erwürgen mögen. Aber du warst immer ein guter Junge, Harry, und ich hatte dich lieb – du weißt, daß ich dich liebhatte. Ich fühlte, daß sie mir nicht gehörte, daß die Kinder mir nicht gehörten. Da habe ich mich in den Schmutz gestürzt, habe gespielt, getrunken und alle möglichen Teufeleien getrieben, und das alles aus Wut und Verzweiflung. Jetzt kommt nun dieser Mohun, und sie mag ihn leiden – ich weiß, daß sie ihn leiden mag.«

»Bei meinem Wort, da irren Sie sich«, fiel ihm Esmond ins Wort.

»Sie läßt sich Briefe von ihm schreiben«, schrie Mylord. »Sieh her, Harry!« Er zog ein Papier aus der Tasche, auf dem ein brauner Blutfleck zu sehen war. »Das ist ihm aus dem Rock gefallen, an jenem Tag, der ihm beinahe das Leben kostete. Einer von meinen Reitknechten hat es aufgehoben und mir gebracht. Da hast du es in dem verfluchten Komödiantenstil: ›Göttliche Gloriana, warum blickst du so kalt auf den Sklaven, der Dich anbetet? Hast Du kein Mitleid für die Qualen, die Du mich leiden siehst? Hast Du keine Antwort auf Briefe, die mit meinem Herzblut geschrieben sind?‹ Sie hat noch andre Briefe von ihm bekommen!«

»Aber sie hat sie nicht beantwortet«, warf Esmond ein.

»Daran ist Mohun nicht schuld«, sagte Mylord. »Ich will mich an ihm rächen, so wahr ein Gott im Himmel lebt, ich will es!«

»Wegen ein paar leichtfertiger Worte wollen Sie die Ehre Ihrer Frau und das Glück Ihrer Familie aufs Spiel setzen?« erwiderte Esmond in beschwörendem Ton.

»Ha! Von meines Weibes Ehre soll nicht die Rede sein. Wir können über manch andre Dinge in Streit geraten. Bleibe ich am Leben, so ist der Schurke bestraft. Falle ich, so wird meine Familie nur um so besser daran sein. Dann ist ein Verschwender weniger auf der Welt, und Frank wird eine bessere Erziehung haben als sein Vater. Ich habe meine Rechnung gemacht, Harry Esmond. Komme, was da wolle, ich mache mir keine Sorge darüber. Meinen Kindern lasse ich dich und meine Frau als Beschützer zurück.«

Als Harry Esmond einsah, daß seines Herrn Sinn nicht zu ändern war, hielt er es für seine Pflicht, ihm zur Seite zu stehen, denn er war damals hitziger und stürmischer von Natur; jetzt haben Sorge, Nachdenken und graues Haar ihn ruhiger gemacht. »Mylord«, rief er aus, »wenn Sie zum Kampf entschlossen sind, so dürfen Sie sich nicht allein hineinstürzen. Es ist die Pflicht unseres Hauses, dem Haupt der Familie beizustehen. Ich würde es mir nie vergeben, Sie im Augenblick der Gefahr allein gelassen zu haben.«

»Aber Harry, mein armer Junge, du bist zum Geistlichen erzogen«, sagte Mylord und nahm sehr freundlich Esmonds Hand. »Es wäre ein Jammer, wenn du dich in diese Sache mischst.«

»Euer Gnaden haben auch einmal daran gedacht, Pfarrer zu werden«, antwortete Harry, »und Euer Gnaden Vater hat sein geistlicher Stand nicht daran gehindert, auf den Mauern von Castlewood gegen die Rundköpfe zu kämpfen. Ihre Feinde sind die meinen, Herr. Ich weiß das Rapier recht gut zu führen, das haben Sie ja gesehen. Ich glaube nicht, daß ich mich fürchten werde, wenn die Lederknöpfe heruntergenommen sind.« Harry berichtete zögernd und errötend von seinem Wortwechsel mit Lord Mohun, und wie er ihm selber nahegelegt habe, sich mit ihm zu schlagen, falls er sich nicht entschließen könne, friedlich vom Schauplatz zu weichen. Die Mitteilung war heikel, und er fürchtete, sein Herr könnte sich beleidigt fühlen, daß er in diesem Ehrenhandel das erste Wort ergriffen hatte. »Ich würde mich mit ihm geschlagen haben«, sagte er lachend. »Er hätte den Stoß nicht parieren können, den ich in Cambridge gelernt habe. Darf ich ihn Euer Gnaden zeigen? Wir brauchen ihn nur eine halbe Stunde zu üben. Es ist der feinste Stoß der Welt; freilich, mißlingt er, so hat man des Gegners Degen im Leib.«

»Bei Gott, Harry, du müßtest das Haupt der Familie sein«, sagte Mylord düster. »Du wärest ein besserer Graf von Castlewood als ich fauler Dickschädel.« Er wischte mit der Hand über seine Augen und maß seinen Verwandten mit liebevollen, gütigen Blicken.

»Wir wollen die Röcke ausziehen und eine halbe Stunde fechten, ehe es ganz dunkel wird«, meinte Harry und drückte dankbar seines Herrn männliche Hand.

»Du bist nur ein kleines Männchen«, sagte Mylord gutmütig, »aber ich glaube wahrhaftig, du bist dem Kerl gewachsen. Nein, mein Junge«, fuhr er fort, »ich kann mit euren Finten und Kniffen nichts anfangen. Ich weiß meinen Degen auch ganz gut zu führen und will meinen Kampf auf meine eigene Art ausfechten.«

»Aber ich darf dabei sein?« rief Harry.

»Ja, Gott segne dich, du darfst es.«

»Wann wird es sein?« fragte Harry, denn es war ihm klargeworden, daß bereits alles verabredet worden war.

»Ich habe einen Boten an Jack Westbury geschickt und ihm sagen lassen, ich bedürfe seiner. Er weiß, worum es sich handelt, und wird bald hier sein. Wir trinken eine Flasche Sekt zusammen. Dann gehen wir in das Theater in der Herzogsstraße und treffen dort Mohun. Das Abendbrot essen wir in der ›Rose‹ oder im ›Jagdhund‹. Nach dem Essen lassen wir Karten kommen, und voraussichtlich wird bei den Karten ein Streit entstehen, und dann – Gott sei uns gnädig – soll entweder ein verruchter Schurke und Verräter ins Gras beißen oder ein armer Teufel, der nichts wert ist und dem nichts mehr am Leben liegt. Es ist gut, wenn ich mich davonmache, Harry; meine Frau wird ohne mich glücklicher sein«, sagte Mylord stöhnend. Esmonds Herz blutete, und er brach über der Hand seines armen Herrn in Schluchzen aus.

»Die Sache wurde mit Mohun besprochen, ehe er Castlewood verließ«, fuhr Mylord fort. »Ich bin mit dem Brief zu ihm gegangen, den ich dir vorlas, und habe ihm seine Niederträchtigkeit vorgeworfen. Er konnte nicht leugnen, er sagte nur, meine Frau sei unschuldig.«

»Das ist sie, der Himmel weiß es, Mylord!« rief Harry.

»Ja, ja doch. Sie sind ja immer unschuldig«, sagte Mylord. »Als sie hörte, er sei tot, fiel sie nur zufällig in Ohnmacht.«

»Aber Mylord, ich heiße doch auch Harry«, rief Esmond aus und wurde dunkelrot. »Sie haben zu Mylady gesagt: ›Harry ist tot!‹«

»Hölle und Teufel! Soll ich mit euch beiden fechten?« brüllte Mylord in ausbrechender Wut. »Willst du, du kleine Schlange, die sich an meinem Herd gewärmt hat, willst du stechen? Nein, mein Junge, du bist ehrlich, du bist gut«, und seiner Wut folgte ein Tränenstrom, der noch qualvoller anzusehen war. »Du bist ein anständiger Junge, und ich habe dich lieb; und ich bin auch so elend, daß es mir, bei Gott, gleichgültig ist, wessen Klinge mir den Garaus macht. Halt, da kommt Jack Westbury. Nun, Jack? Willkommen, alter Bursche! Das ist mein Vetter Harry Esmond.«

»Der Ihnen in Castlewood die Bälle holte«, sagte Harry und verbeugte sich. Die drei Herren setzten sich und tranken den Sekt, der für sie bereitstand.

»Harry ist Nummer drei«, sagte Mylord. »Sie brauchen sich nicht vor ihm zu fürchten, Jack.« Der Oberst sah Harry an und schien zu denken: Er sieht freilich nicht so aus, als ob ich das nötig hätte. Mylord berichtete dann ausführlich, was er vorher nur angedeutet hatte. Er war Lord Mohun sechzehnhundert Pfund schuldig gewesen, als er mit ihm in Streit geriet. Mohun hatte angeboten zu warten, bis Mylord die Schuld bezahlen könne. Er hatte das Geld aufgetrieben und es am Vormittag an Lord Mohun geschickt. Ehe er sein Haus verließ, hatte er alle seine Angelegenheiten geordnet und war jetzt bereit, dem Kampf entgegenzugehen.

Als wir zwei Flaschen Sekt getrunken hatten, wurde ein Wagen gerufen, und man fuhr, wie verabredet, in das herzogliche Theater. Es wurde ein Stück von Herrn Wycherley gegeben: »Liebe im Walde.«

Harry Esmond kann an dieses Schauspiel nur mit einem gewissen Grausen zurückdenken. Er sieht noch Frau Bracegirdle, die Schauspielerin, vor sich, die die Rolle des jungen Mädchens in der Komödie gab. Sie war als Page verkleidet, blieb vor den Herren stehen, die auf der Bühne saßen, und warf ihnen über die Schulter kecke Blicke aus ihren schwarzen Augen zu. Sie lachte Mylord an und fragte, was dem Herrn vom Lande fehle, ob er schlechte Nachrichten vom Viehmarkt in Bullock bekommen habe.

In den Zwischenakten gingen die Herren hin und wieder und unterhielten sich miteinander. Lord Mohun war in Begleitung von zwei Freunden erschienen, der eine, Kapitän Macartney, in Uniform, der andere, Mylord der Graf von Warwick und Holland, in blauem Samt mit Silberstickerei, mit schöner Perücke und köstlichem Jabot von echten Venezianer Spitzen. Mylord hatte eine Tüte voll Apfelsinen mitgebracht, aß und bot den Schauspielerinnen an, mit denen er allerlei Scherz trieb. Als Lord Mohun Frau Bracegirdle irgend etwas Gemeines zurief, wandte sie sich ihm zu und fragte ihn, was er hier zu tun habe, ob er und seine Freunde gekommen seien, um wieder jemand umzubringen, wie sie den armen Will Mountford umgebracht hätten. Mohuns dunkles Gesicht wurde bei dieser Herausforderung noch dunkler, und ein verhängnisvoll-bösartiger Ausdruck kam in seine Augen; alle, die es sahen, erinnerten sich daran und sprachen später davon.

Als das Schauspiel vorüber war, vereinigten sich die beiden Gesellschaften, und Lord Castlewood schlug vor, in einem Gasthaus zu Abend zu essen. Man wählte Lockits »Jagdhund« in Charing Croß. Alle sechs machten sich zusammen auf den Weg; die drei Grafen gingen voran, Kapitän Macartney, Oberst Westbury und Harry Esmond folgten. Westbury erzählte Harry von seinem alten Freunde, dem gelehrten Dick. Er sei zum Fähnrich bei der Garde befördert und habe ein Buch geschrieben mit dem Titel: »Der christliche Held.« Zum Dank für seine Mühe werde er von der ganzen Garde ausgelacht, denn der »christliche Held« sündige beständig gegen die zehn Gebote und fechte ein Duell nach dem andern aus. In leisem Ton beschwor er dann den jungen Esmond, doch nicht an dem Kampf teilzunehmen. »Ein Sekundant genügt vollkommen«, sagte der Oberst, »und der Kapitän oder Lord Warwick kann leicht zurücktreten.« Aber Harry blieb seinem Vorsatz treu. Er hatte einen Plan im Kopf, der, wie er meinte, seinen Herrn retten konnte.

Im Gasthaus verlangten sie ein Privatzimmer und ließen Wein und Karten kommen. Sie fingen an zu trinken und Gesundheiten auszubringen, und solange die Diener zugegen waren, schienen sie die besten Freunde.

Es war Harry Esmonds Plan, mit Lord Mohun ein Gespräch anzuknüpfen, ihn zu beleidigen und so im Streit der erste zu werden. Als man die Karten zur Hand nahm, bot er ein Spiel an. »Pah!« sagte Mohun. »Junge Herren von der Universität sollten nicht so hoch spielen. Sie sind zu jung.« Ob er Harry retten wollte oder ob ihm nicht daran lag, die Finten des Jesuiten zu erproben? Wer weiß!

»Wer wagt es zu sagen, ich sei zu jung?« brach Harry los. »Haben Euer Gnaden Angst?«

»Angst!« schrie Mohun.

Aber der gute Lord Castlewood durchschaute die List. »Ich setze zehn Guineen, Mohun«, sagte er. »Du dummer Junge, hier wird nicht um Heller gespielt wie in Cambridge.«

Eine so große Summe hatte Harry nicht in der Tasche, denn seine halbjährigen Studiengelder waren immer beinahe ausgegeben, ehe sie fällig waren; so mußte er weichen mit Wut und Ärger im Herzen, daß er nicht genug Geld zum Einsatz hatte.

»Ich will mit dem jungen Herrn um eine Krone spielen«, sagte Lord Mohuns Kapitän.

»Ich dachte nicht, daß die Herren von der Armee mit den Kronen so um sich werfen könnten«, entgegnete Harry.

»Gibt es Birkenreiser im College?« fragte der Kapitän.

»Ja, es gibt Birkenreiser für die Narren«, sagte Harry, »und spanisches Rohr für die Flegel. Zieraffen werden ins Wasser geworfen.«

»Aber einer ist nicht ertrunken«, gab der Kapitän zurück, der ein Irländer war. Die Herren fingen alle an zu lachen, und der Ärger des armen Harry wurde immer größer.

Als die Diener neue Flaschen und Gläser brachten, putzte Lord Mohun gerade eine Kerze. Lord Castlewood sagte: »Der Teufel hol dich, Mohun, wie verdammt ungeschickt du bist! Steck das Licht wieder an, Kellner!«

»›Verdammt ungeschickt‹ ist ein verdammt ungeschickter Ausdruck, Mylord«, entgegnete der andere. »Die Herren in der Stadt brauchen solche Worte nicht oder bitten um Verzeihung, wenn sie es getan haben.«

»Ich bin ein Landedelmann«, sagte Lord Castlewood.

»Das merkt man an Ihren Manieren«, erwiderte Lord Mohun. »Kein Mann soll sich erlauben, ›verdammt ungeschickt‹ zu mir zu sagen.«

»Ich werfe Ihnen die Worte ins Gesicht, Mylord«, rief der andere. »Soll ich die Karten nachwerfen?«

»Meine Herren! Meine Herren! Bedenken Sie sich! Vor den Dienern!« schrien Oberst Westbury und Mylord Warwick in einem Atem. Die Aufwärter drückten sich hastig aus dem Zimmer. Sie trugen die Kunde von dem Streit in die unteren Regionen.

»Es sind genug Worte gefallen«, sagte Oberst Westbury. »Wollen sich die beiden Herren morgen früh Genugtuung geben?«

»Will Mylord Castlewood seine Worte zurücknehmen?« fragte der Graf von Warwick.

»Eher will Lord Castlewood verdammt sein«, erwiderte Oberst Westbury.

»Dann können wir nichts weiter tun. Merken Sie wohl, meine Herren, es sind beleidigende Worte gefallen – Sühne wurde gefordert und verweigert.«

»Verweigert!« wiederholte Lord Castlewood und setzte seinen Hut auf. »Wo werden wir uns treffen? Und wann?«

»Da Mylord seine Worte nicht zurücknehmen will, was ich tief bedaure, so scheint mir jetzt die beste Stunde zu sein«, sagte Lord Mohun. »Lassen wir Sänften holen und begeben wir uns nach Leicester-Field.«

»Werden Euer Gnaden und ich die Ehre haben, einen oder zwei Gänge miteinander zu machen?« fragte Oberst Westbury mit einer tiefen Verbeugung vor dem Grafen von Warwick und Holland.

»Es wird mir eine Ehre sein«, erwiderte der Graf mit einer ebenso tiefen Verbeugung, »gegen einen Herrn zu fechten, der bei Mons und Namur gekämpft hat.«

»Wird Hochwürden mir erlauben, Ihnen eine Lektion zu erteilen?« fragte der Kapitän.

»Nein, nein, meine Herren, zwei auf jeder Seite sind genug«, sagte Lord Castlewood. »Verschonen Sie den Jungen, Kapitän Macartney.« Er schüttelte Harrys Hand – zum vorletzten Male in seinem Leben.

Am Schenktisch des Gasthauses blieben die Herren stehen, und Mylord sagte lachend zur Wirtin, daß es über den Karten leider immer Streit gebe. Es sei aber alles beigelegt, und sie seien auf dem Wege nach Lord Mohuns Haus, um dort vor dem Schlafengehen noch eine Flasche zu trinken.

Ein halb Dutzend Sänften wurden geholt, und als die Herren einstiegen, wurde den Trägern leise die Weisung erteilt, nach Leicester-Field zu gehen, wo man gegenüber der Standarten-Schenke ausstieg. Es war um Mitternacht, die Stadt lag in tiefem Schlummer, nur wenige Fenster waren erleuchtet. Aber die Nacht war hell genug für das unselige Vorhaben der sechs, die das verhängnisvolle Feld betraten, während die Sänftenträger außerhalb des Gitters blieben und das Tor bewachten, damit niemand die Kämpfer störe.

Alles, was dort geschah, ist öffentlich bekannt geworden und zur Warnung für zügellose Männer in den Annalen unseres Landes verzeichnet. Harry Esmond schien es, als habe der Kampf erst wenige Minuten gedauert, aber er war so beschäftigt, die Stöße seines behenden Gegners zu parieren, daß er sich irren mag. Ein Schrei der Sänftenträger kündigte an, daß ein Unglück geschehen sei. Die Männer hatten sich, ihre Pfeifen rauchend, über das Gitter gelehnt und die undeutlichen Bewegungen der Duellanten beobachtet. Esmond ließ seinen Degen sinken, und sein Gegner verwundete ihn an der rechten Hand. Aber der junge Mann achtete der Schramme nicht und stürzte zu seinem Herrn, den er am Boden liegen sah. Mylord Mohun stand über ihn gebeugt.

»Bist du schwer verwundet, Frank?« fragte er mit hohler Stimme.

»Ich glaube, ich bin ein verlorner Mann«, sagte Lord Castlewood.

»Nein, nicht doch«, entgegnete der andere. »Gott sei mein Zeuge, Frank Esmond, daß ich dich um Verzeihung gebeten haben würde, wenn du mir nur eine Möglichkeit dazu gelassen hättest. Was den ersten Grund unseres Haders betrifft, so war ich allein der Schuldige; ich schwöre es dir. Mylady ...«

»Still!« sagte mein armer Herr mit schwacher Stimme und richtete sich auf dem Ellbogen in die Höhe. »Der Streit war wegen der Karten, der verfluchten Karten. Harry, mein Junge, bist du auch verwundet? Gott helfe dir! Ich habe dich liebgehabt, Harry. Du mußt über meinem kleinen Frank wachen und – und du mußt meiner Frau dieses kleine Herz bringen.«

Er suchte an seiner Brust nach einem Medaillon, das er dort trug. Dabei schwanden ihm die Sinne und er sank zurück.

Die Umstehenden erschraken und glaubten, er sei tot; aber Esmond und Oberst Westbury riefen die Sänftenträger herbei, und man schaffte Mylord zu einem gewissen Herrn Aimes, einem Wundarzt, der ein Badehaus in Long Acre hatte. Seine Leute wurden aus dem Schlaf gerüttelt, der Graf zu Bett gebracht und seine Wunde vom Arzt verbunden, der einen freundlichen und geschickten Eindruck machte. Er verband auch Esmonds Hand, der im Haus des Arztes vom Blutverlust auch ohnmächtig geworden war und einige Zeit bewußtlos gewesen sein mag. Als er wieder zu sich kam, war sein erstes, nach seinem lieben Herrn zu fragen. Man brachte ihn in das Zimmer, in dem Lord Castlewood lag, der schon nach einem Geistlichen geschickt und dringend verlangt hatte, seinen Verwandten zu sprechen. Er sah totenbleich und geisterhaft aus, und seine Augen hatten den starren, unheilvollen Blick, der den Tod bedeutet. Er winkte schwach den andern zu, sie möchten sich von seinem Bett entfernen, und während er rief: »Nur Harry Esmond«, fiel seine Hand kraftlos auf die Decke zurück, als Harry herantrat und sie küßte.

»Du bist beinahe ein Geistlicher, Harry«, sagte Mylord schwer atmend und mit mattem Lächeln. »Sind sie alle fort? Ich möchte dir etwas beichten.«

Der Tod stand wartend am Fuß des Bettes, ein schrecklicher Zeuge seiner Worte. Der arme Sterbende gab stockend die letzten Wünsche über seine Familie kund, er bekannte demütig seine Fehler und äußerte schmerzliche Reue. Dann kamen Bekenntnisse, die Harry Esmond selbst betrafen und ihn in grenzenloses Erstaunen versetzten. Und Mylord, der sichtbar verfiel, war noch nicht halb mit seinen seltsamen Mitteilungen zu Ende, als der Geistliche erschien, den er hatte rufen lassen. Es war Herr Atterbury.

Dieser Herr hatte damals noch keine so hohe kirchliche Würde wie jetzt erreicht. Er war nur Prediger in St. Bride, wohin er die ganze Stadt durch seine Beredsamkeit lockte. Mylord, der ein Schüler seines Vaters gewesen war, hatte ihn aus der Taufe gehoben, und er war aus Oxford mehr als einmal nach Castlewood zu Besuch gekommen. Ich glaube, auf seinen Rat wurde Harry Esmond lieber nach Cambridge als nach Oxford gesandt, von dem Atterbury, obgleich er sich dort ausgezeichnet, nur Schlechtes zu berichten hatte.

Der Bote des Sterbenden fand den guten Priester schon um fünf Uhr morgens über seinen Büchern, und der folgte dem Mann gleich zu dem Haus in Long Acre.

Als Mylord von Herrn Atterburys Ankunft hörte, drückte er Esmonds Hand, bat, ihn mit dem Geistlichen allein zu lassen, und Esmond entfernte sich für die Dauer des feierlichen Zwiegesprächs. Sein Wohltäter hatte ihm berichtet, was ihn verwirrte – ihm ein Geheimnis offenbart, das ihn tief betraf. Wahrhaftig, nachdem er es gehört, hatte er guten Grund zu Zweifel und Bestürzung, zu innerer Qual wie zu Entschlüssen. Während drinnen die Unterredung zwischen dem Prediger und dem sterbenden Büßer vor sich ging, erregte ein ungeheurer Sturm der Herzensnot Lord Castlewoods jungen Gefährten.

Nach einer Stunde oder mehr als einer Stunde kam Herr Atterbury aus dem Sterbezimmer; er hatte ein Papier in der Hand und sah Esmond ernst und fest in die Augen.

»In wenigen Augenblicken wird er vor Gottes Richterstuhl stehen«, flüsterte der Geistliche. »Er hat mir alles gebeichtet. Er vergibt, bekennt und will wiedergutmachen. Soll es vor andern sein? Sollen wir einen Zeugen rufen, der dieses Papier unterzeichnet?«

»Gott weiß«, schluchzte der junge Mann, »mein lieber Herr hat mir nichts als Gutes erwiesen.«

Der Prediger reichte Esmond das Papier. Er sah hinein. Die Buchstaben schwammen ihm vor den Augen.

»Es ist ein Geständnis«, sagte er.

»Es ist, was Sie daraus machen«, entgegnete Herr Atterbury.

Im Raum brannte ein Feuer, an dem die Tücher für die Bäder trockneten, und in einer Ecke lag ein Haufen Tücher, die mit dem Blut meines lieben Herrn durchtränkt waren. Esmond trat ans Feuer und warf das Papier hinein. Es war ein großer Kamin aus glasierten holländischen Ziegeln. An was für kleine Einzelheiten aus so schrecklichen Augenblicken wir uns erinnern! – ein paar Zeilen des Buches, das wir in tiefem Kummer lasen – der Geschmack des letzten Essens vor einem Duell oder sonst einem besonderen Treffen oder Aufbruch. Auf den glatten Kacheln in dem Bad war unbeholfen dargestellt, wie Jakob mit seinen Fellhandschuhen Esau um das Recht der Erstgeburt betrügt. Das brennende Papier flammte auf.

»Es ist nur ein Geständnis, Herr Atterbury«, sagte der junge Mann. Dann lehnte er den Kopf gegen den Kaminsims und brach in Tränen aus. Es waren die ersten, die er weinte, seit er bei Mylord gesessen hatte, fassungslos über dies Verhängnis und mehr noch über das, was der Sterbende ihm entdeckte, erschüttert von dem Gedanken, als Bote doppelten Unglücks zu denen zurückzukehren, die ihm die Liebsten auf Erden waren.

»Wir wollen zu ihm gehen«, sagte Esmond, und sie gingen zusammen in das Sterbezimmer. Das graue Licht der Morgendämmerung fiel auf Mylords bleiches Gesicht; in seinen brechenden Augen war ein wilder, flehender Ausdruck. Der Arzt war bei ihm. Die Augen des Sterbenden richteten sich auf Esmond, dem sein rasselnder Atem ins Herz schnitt.

»Mylord«, sagte Herr Atterbury, »Herr Esmond wünscht keine Zeugen und hat das Papier verbrannt.«

»Mein geliebter Herr!« sagte Esmond, kniete am Bett nieder, ergriff seine Hand und küßte sie.

Lord Castlewood richtete sich stürmisch auf und schlang die Arme um Esmond. »Gott segne ...« war alles, was er sagen konnte. Das Blut stürzte ihm aus dem Mund und floß über den jungen Mann. Mylord war tot. Er war mit Segensworten auf den Lippen verschieden, das männliche Herz erfüllt von Liebe, Reue und Güte.

»Benedicti benedicentes«, sagte Herr Atterbury, und der kniende Esmond stöhnte ein »Amen«.

Wer soll ihr die Nachricht bringen? war sein nächster Gedanke. Er bat Herrn Atterbury, die Botschaft nach Castlewood zu übernehmen. Er konnte seiner Herrin das Schreckliche nicht selbst verkünden. Da der Geistliche sich freundlich bereit erklärte, schrieb Esmond ein paar hastige Zeilen an Mylords Diener, in denen er ihm befahl, die Pferde für Herrn Atterbury zu satteln und mit ihm zu reiten. Esmonds Mantelsack sollte er in das Gatehouse -Gefängnis schicken, denn Harry hatte beschlossen, dorthin zu gehen und sich dem Gericht zu stellen.

Zweites Buch.
Enthält Herrn Esmonds militärische Laufbahn und andere Angelegenheiten der Familie Esmond

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