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William Makepeace Thackeray: Henry Esmond - Kapitel 15
Quellenangabe
typefiction
authorWilliam Makepeace Thackeray
titleHenry Esmond
publisherAufbau-Verlag
year1953
translatorElse von Schorn
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150118
projectid5785aa0d
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Dreizehntes Kapitel
Mylord Mohun geht von uns und läßt das Unheil, das er angerichtet, zurück

Mylord Mohun, von dessen Ruf und Heldentaten einige Herren von der Universität recht häßliche Berichte brachten, war wieder Gast in Castlewood und scheinbar herzlicher denn je mit dem Grafen verbunden. Einmal im Frühling waren die beiden Herren von den Pferderennen in Newmarket nach Cambridge gekommen und hatten Harry Esmond mit einem Besuch auf seiner Wohnung beehrt. Doktor Montague, der Harry immer etwas von oben herab behandelt hatte, wurde plötzlich merkwürdig höflich gegen ihn, als er ihn so vertraulich mit den großen Herren sah und Zeuge war, wie Lord Castlewood die Hand auf Harrys Schulter legte und lachend mit ihm auf und nieder ging. Ein paar Tage nach seiner Ankunft erzählte Harry seiner Herrin die Begebenheit und meinte belustigt, es wäre doch merkwürdig, daß Männer, die in ganz Europa ihres Wissens wegen bekannt seien, sich so vor einem Titel beugten und vor einem Edelmann kröchen, sei er auch noch so arm. Da warf Fräulein Beatrix den Kopf zurück und erklärte, es gehöre sich für Menschen niedriger Herkunft, Höhergeborenen Ehrfurcht zu erweisen. Die Pfaffen, meinte sie, seien schon viel zu stolz. Ihr sei die Sitte am liebsten, die in Lady Sarks Hause geübt werde. Dort gehe der Kaplan, obwohl er, wie alle Pfaffen, Pudding sehr gern esse, immer vor der süßen Speise weg.

»Und wenn ich einmal Pfarrer bin«, sagte Herr Esmond, »dann gibst du mir auch keine süße Speise, Beatrix?«

»Du – das ist etwas andres«, antwortete Beatrix, »du gehörst zu unserer Familie.«

»Mein Vater war ein Pfaffe, wie du es nennst«, sagte Mylady.

»Aber meiner ist ein Peer von Irland«, sagte Fräulein Beatrix und warf wieder den Kopf zurück. »Die Menschen sollen ihre Stellung nicht vergessen. Ihr möchtet wohl, daß ich vor Herrn Thomas Tusher niederknie und um seinen Segen bitte, weil er eben Vikar geworden ist, Thomas Tusher, dessen Mutter eine Kammerzofe war!«

Damit schoß sie aus dem Zimmer, denn eine ihrer wilden Launen hatte sie gepackt.

Als sie hinaus war, sah Mylady so ernst und traurig drein, daß Harry sie nach dem Grund ihres Kummers fragte. Da sagte sie, es sei nicht nur, was er von Newmarket erzählt, aber sie habe mit Angst und Schrecken bemerkt, daß in Mylord, besonders seit seiner Bekanntschaft mit Lord Mohun, die Liebe zum Spiel wieder erwacht sei, dem er doch seit ihrer Heirat entsagt habe.

»Männer versprechen eben mehr, als sie in der Ehe halten können«, sagte Mylady mit einem Seufzer. »Ich fürchte, er hat große Summen verloren und unser Vermögen, das niemals groß war, schwindet bei seinen gewissenlosen Ausschweifungen dahin. Ich hörte, daß er in sehr wilder Gesellschaft in London war. Seit seiner Rückkehr kommen fortwährend Briefe, und Advokaten gehen ein und aus. Er scheint mir von beständiger Angst besessen, wenn er sie auch unter Poltern und Lachen versteckt. Ich habe letzte Nacht durch – durch das Schlüsselloch gesehen und – und auch früher schon manchmal, und ich sah sie noch nach Mitternacht Karten spielen. Kein Besitz kann solche Verschwendungen aushalten, am wenigsten der unsrige. Er wird so verkleinert werden, daß mein Sohn einmal kein Erbe hat und meine arme Beatrix keine Mitgift.«

»Ich wünschte, ich könnte Ihnen helfen, Mylady«, sagte Harry Esmond und seufzte; denn sein Wunsch war machtlos, so oft er ihn auch gefühlt.

»Wer kann mir helfen? Gott allein«, erwiderte Lady Esmond, »Gott allein, in dessen Hand wir stehen.« Sie hatte recht. Wenn jemand, der das Treiben der Welt beobachtet, sieht, wie so mancher Mann über seine Familie regiert, wie er Weib und Kinder behandelt, so kann er nur mit Zittern an die Rechnung denken, die diese Könige des häuslichen Herdes vor ihrem ewigen Richter ablegen müssen. Sie herrschen unumschränkt; denn unsre Gesellschaft hat keine Gesetze, die ihnen Schranken auferlegen. Sie sind Herren des Eigentums, des Glücks – fast auch des Lebens. Sie sind frei: zu strafen, glücklich oder unglücklich zu machen, zugrunde zu richten und zu martern. Sie können eine Frau langsam zu Tode quälen, und sie werden ebensowenig darüber zur Rechenschaft gezogen wie der Großmogul, der nachts einen Sklaven ertränkt. Sie können aus ihren Kindern sklavische Heuchler oder freie Menschen machen; sie können sie zum Aufruhr gegen das natürliche Gesetz der Liebe treiben. Ich habe gehört, wie Biertischpolitiker, Kaffeehaus-Weise über die Tyrannei des französischen Königs und des Kaisers spotteten, und habe bei mir gedacht: wie mögen sie wohl ihr eigenes Reich daheim verwalten, wo jeder Mann unumschränkt herrscht! Wenn wir Einblick hätten in die Annalen all dieser kleinen Regierungen, wie sie dem höchsten Richter und König vorliegen, so würden wir von manchem Haustyrannen erfahren, der so grausam war wie Amurath, so barbarisch wie Nero, so ruchlos und lasterhaft wie Karl.

Wenn Harry Esmonds Gebieter sündigte, so war es auf die letzte Art, aus Mangel an Selbstzucht, nicht aus Grausamkeit. Vielleicht wäre eine Umkehr möglich gewesen, wenn ihm zu Reue und dauernder Besserung Zeit geblieben wäre.

Weil Mylord und Lord Mohun so enge Freunde waren; gefiel es Fräulein Beatrix, auf den letzten eifersüchtig zu sein, und die beiden Herren machten sich oft eine Unterhaltung daraus, über des Kindes Wutanfälle und Haßausbrüche in ihrer rohen, lärmenden Art zu lachen. »Wenn du erst alt genug bist, dann sollst du Lord Mohun heiraten«, pflegte ihr Vater zu sagen. Dann schmollte das Mädchen und sagte: »Da heirate ich noch lieber Tom Tusher.« Da Lord Mohun eine ganz außerordentliche Ritterlichkeit gegen Lady Castlewood zur Schau trug und immer vorgab, sie inbrünstig zu verehren, so sagte Beatrix eines Tages, als der Vater wieder seinen alten Witz machte: »Ich glaube, Mylord würde viel lieber Mama heiraten als mich, er wartet nur darauf, daß du stirbst.«

Das Mädchen warf die Worte leicht und schnippisch hin, eines Abends vor dem Nachtessen, als die ganze Familie am Kaminfeuer versammelt war. Die beiden Herren, die beim Kartenspiel saßen, fuhren auf; Mylady wurde scharlachrot und befahl Fräulein Beatrix, auf ihr Zimmer zu gehen. Das Mädchen setzte, wie es seine Gewohnheit war, eine höchst unschuldige Miene auf und sagte: »Ich habe es nicht böse gemeint. Ihr könnt mir glauben, daß Mama viel mehr mit Harry Esmond spricht als mit Papa – und sie weinte, als Harry wegging, und das tut sie nie, wenn Papa weggeht. Gestern abend hat sie, wer weiß wie lang, mit Lord Mohun geredet; sie hat uns auch aus dem Zimmer geschickt, und als wir wiederkamen, da weinte sie und ...«

»Verflucht!« schrie Mylord Castlewood, der die Geduld verlor. »Mach, daß du aus dem Zimmer kommst, du kleine Schlange!« Er sprang vom Stuhl auf und warf die Karten hin.

»Frage Lord Mohun, worüber ich mit ihm gesprochen habe, Francis«, sagte Mylady und erhob sich mit verstörtem Gesicht, aber mit rührender Würde und Reinheit in Blick und Stimme. »Komm mit mir, Beatrix.« Beatrix sprang auf, sie schwamm jetzt in Tränen.

»Liebste Mama, was habe ich getan?« fragte sie. »Ich habe es wirklich nicht böse gemeint.« Sie klammerte sich an ihre Mutter, und die beiden gingen schluchzend hinaus.

»Du sollst erfahren, was deine Frau zu mir gesagt hat, Frank«, rief Lord Mohun. »Pfarrer Harry mag es auch hören. Gott sei mein Zeuge, daß ich kein unwahres Wort sage. Gestern abend hat mich deine Frau mit Tränen in den Augen angefleht, ich möchte nicht mehr Würfel und Karten mit dir spielen; du weißt sehr gut, daß es zu deinem eigenen Besten war.«

»Natürlich war es zu meinem Besten, Mohun«, sagte Mylord in trockenem, hartem Ton. »Natürlich bist du das Muster eines Mannes; die Welt weiß, was für ein Heiliger du bist!«

Mylord Mohun lebte von seiner Frau getrennt und hatte viele Ehrenhändel gehabt, die gewöhnlich durch Weiber veranlaßt waren.

»Ich bin kein Heiliger, aber deine Frau ist eine Heilige; ich kann für meine Taten einstehen, wie andere Leute mir für ihre Worte einstehen sollen!« rief Mylord Mohun.

»Beim Teufel, Mylord, einstehen sollen Sie mir!« fuhr der andere auf.

»Wir haben vorher noch eine andere kleine Rechnung zu begleichen, Mylord«, sagte Mohun. Harry Esmond dachte voll Schrecken an die möglichen Folgen dieses unseligen Streites und unterbrach die beiden Gegner mit heftigen Vorstellungen. »Großer Gott, Mylord!« rief er, »Sie werden doch nicht gegen Ihren Freund im eigenen Hause die Waffen ziehen? Können Sie an der Unschuld einer Frau zweifeln, die so rein wie der Himmel ist, die eher sterben als Ihnen ein Unrecht antun würde? Sollen die gedankenlosen Worte eines eifersüchtigen Kindes Freunde tödlich entzweien? Hat nicht meine Herrin, soweit sie es wagte, Euer Gnaden gebeten, die Freundschaft mit Lord Mohun und die üble Gewohnheit, die den Ruin über Ihre Familie bringen kann, aufzugeben? Würde Mylord Mohun nicht gegangen sein, wenn seine Krankheit es ihm erlaubt hätte?«

Zum Kuckuck, Frank, ein Mann mit gichtgeschwollener Zehe kann nicht hinter anderer Männer Frauen herlaufen«, brach Mohun los, der allerdings an diesem Übel litt. Er lachte und warf einen so treuherzigen und drolligen Blick auf seinen verbundenen Fuß, daß der andere von seiner guten Laune angesteckt wurde, sich an die Stirn schlug und fluchend rief: »Verdammt, Harry, du hast recht!« Damit war der Streit beigelegt, und die beiden Herren ließen die gezogenen Klingen sinken und reichten sich die Hände.

Beati pacifici. »Geh und hole Mylady zurück«, sagte Harrys Beschützer. Esmond war nur gar zu gern der Überbringer so guter Nachrichten. Er fand seine Herrin hinter der Tür; sie hatte gelauscht und trat zurück, als er kam. Sie nahm seine beiden Hände; die ihren waren marmorkalt. Es schien, als wolle sie an seine Schulter sinken. »Ich danke dir, mein lieber Bruder Harry, Gott segne dich!« stammelte sie. Sie küßte seine Hand, und Esmond fühlte ihre Tränen darauf fallen. Er führte sie in das Zimmer zurück, und Lord Castlewood, überwältigt von seinen Gefühlen, zog sie mit einer Zärtlichkeit an seine Brust, wie er sie seit Jahren nicht gezeigt hatte, beugte sich über sie, küßte sie und bat sie um Verzeihung.

»Es ist Zeit für mich, schlafen zu gehen. Meinen Haferschleim kann ich im Bett essen«, sagte Mylord Mohun und hinkte mit komisch übertriebenen Bewegungen zum Zimmer hinaus, auf Harry Esmonds Arm gestützt. »Beim heiligen Georg, die Frau ist eine Perle«, meinte er. »Wer das nicht begreift, ist ein Schwein! Haben Sie das gewöhnliche, schlampige Orangenmädel gesehen, das Esmond ...« Aber Harry unterbrach ihn und erklärte, das seien Sachen, die ihn nichts angingen.

Mylords Kammerdiener erschien, um seinen Herrn zu bedienen, und dieser hatte kaum den Schlafrock an und die Nachtmütze auf, als sich Besuch bei ihm meldete, den der Herr des Hauses ihm schickte. Es war keine Geringere als Lady Castlewood selbst, die ihm auf Befehl ihres Gatten eigenhändig Toast und Haferschleim brachte.

Lord Castlewood blickte seiner Frau nach, als sie ging, diesen Auftrag auszuführen, und Harry Esmond, der ihn wider Willen ansehen mußte, bemerkte auf seinem Gesicht einen Ausdruck von Liebe, Gram und Sorge, der den jüngeren Mann rührte und tief bewegte. Mylords Hände hingen schlaff herab, sein Haupt war auf die Brust gesenkt, und plötzlich fragte er:

»Du hast gehört, was Mohun sagte, Pfarrer?«

»Daß Mylady eine Heilige sei?«

»Nein, daß zwei Rechnungen zu begleichen sind. Seit fünf Jahren ist es mit mir bergab gegangen, Harry Esmond. Seit du die verfluchten Pocken ins Haus brachtest, hat mich ein böses Schicksal verfolgt, und ich wäre besser daran gestorben als wie ein Feigling davor wegzulaufen. Ich habe damals Beatrix bei ihren Verwandten gelassen und bin nach London gegangen. Dort bin ich Dieben in die Hände gefallen, Harry. Ich habe die verfluchten Würfel und Karten wieder aufgenommen, die ich seit meiner Hochzeit nicht mehr berührt hatte, nein, seit ich bei des Herzogs Garde war, zusammen mit den wüsten Mohocks. Ich habe wilder und wilder gespielt und bin immer tiefer hineingeraten. Jetzt bin ich Mohun zweitausend Pfund schuldig, und wenn ich sie bezahlt habe, bin ich nicht viel mehr als ein Bettler. Ich mag meinem Jungen nicht ins Gesicht sehen, er haßt mich – ich weiß es. Ich habe auch Beatys kleine Erbschaft verschleudert. Gott weiß, was noch kommen mag, wenn ich am Leben bleibe. Das Beste, was ich tun kann, ist, zu sterben. Dann bleibt der Rest des Vermögens dem Knaben erhalten.«

Mohun war ebensogut Herr von Castlewood wie der Eigentümer des Schlosses selbst. Seine Equipagen füllten die Ställe, wo allerdings für sehr viel mehr Pferde Platz war, als Harry Esmonds verarmter Herr sich halten konnte. Lord Mohun und seine Leute waren beritten angekommen. Als aber seine Gicht ausbrach, hatte er sich aus London einen leichten Wagen schicken lassen, den zwei kleine Pferde zogen. Auf guten Wegen flog das Gefährt so schnell dahin wie der Schlitten eines Lappländers. Seine Gnaden war sehr darauf erpicht, Lady Castlewood darin spazierenzufahren. Sie liebte die rasche Bewegung und die frische Luft in den Dünen, und da Mylord kein Mißtrauen zeigte und sie im Gegenteil zur Gesellschaft mit Mohun ermunterte, als wolle er durch äußerste Vertrauensseligkeit seine frühere Eifersucht wiedergutmachen, so genoß Mylady ohne Arg diese harmlose Zerstreuung, die ihr der Gast nur allzugern bereitete. Sie schien immer unbefangener gegenüber Lord Mohun zu werden, seine Gesellschaft immer angenehmer zu finden, zum Dank für irgendein Opfer, das seine Ritterlichkeit ihr zu bringen geneigt war.

Da Harry Esmond die beiden Herren abends noch immer beim Kartenspiel fand, klagte er eines Tages seiner Herrin, daß die verhängnisvolle Leidenschaft ihres Herrn noch immer nicht weichen wolle. Nun, da sie wieder versöhnt seien, möge doch Mylady ihren Gatten bitten, nicht mehr zu spielen.

Aber Lady Castlewood lächelte schalkhaft und heiter, sagte, sie werde höchstens mit ihm darüber sprechen, ein paar Abende aber könne man ihm sein Vergnügen noch lassen.

»Sie ahnen nicht, gnädige Frau«, sagte Harry, »wieviel es ihn kostet. Jeder Beobachter, der das Spiel kennt, kann sehen, daß Lord Mohun unserem Herrn weit überlegen ist.«

»Das weiß ich«, entgegnete sie, noch immer in außerordentlich guter Stimmung; »er ist nicht nur der beste Spieler, er ist auch der freundlichste Spieler der Welt.«

»Gnädige Frau!« rief Esmond außer sich. »Ehrenschulden müssen früher oder später bezahlt werden. Mein Herr wird sich ruinieren, wenn er so fortfährt.«

»Harry, soll ich dir ein Geheimnis anvertrauen?« erwiderte sie, und Güte und Freude leuchteten aus ihren Augen. »Francis wird sich nicht ruinieren, wenn er so fortfährt, im Gegenteil, er wird sich frei machen. Ich bereue, daß ich unfreundlich über Lord Mohun sprach, als er letztes Jahr hier war. Er hat viel Gutes in sich, und ich bin überzeugt, daß wir ihn auf bessere Wege bringen werden. Ich habe ihm Tillotson geliehen und deinen geliebten Bischof Taylor. Die Bücher haben ihn sehr bewegt, wie er mir sagt; und weißt du, was er als Beweis seiner Umkehr für Francis tut? Das ist eben mein Geheimnis. Er läßt den armen Frank sein Geld zurückgewinnen. Er hat die letzten vier Abende gewonnen. Mylord Mohun sagt, er wolle Frank und meine lieben Kinder nicht ins Unglück bringen.«

»Mein Gott, und wie vergelten Sie ihm dieses Opfer?« fragte Esmond entgeistert; denn er kannte die Männer und kannte besonders diesen Mann. Er wußte, daß ein so vollendeter Wüstling nichts umsonst gibt. »Um des Himmels willen, wie wollen Sie ihn bezahlen?«

»Ihn bezahlen? Mit dem Segen einer Mutter und den Gebeten einer Ehefrau!« rief Mylady und faltete die Hände.

Harry Esmond wußte nicht recht, ob er lachen oder sich ärgern, oder ob er seine liebe Herrin mehr denn je verehren solle für die hartnäckige Unschuld, mit der sie das Betragen dieses Weltmannes beurteilte, dessen Absichten er besser durchschaute. Er deutete ihr vorsichtig an, aber so, daß sie ihn verstehen mußte, was ihm von dem früheren Leben und Wandel dieses Edelmannes bekannt war, wie er andere Frauen umgarnt und gewonnen hatte, wie er sich vor Harry seiner Ausschweifungen gerühmt und alle Frauen für jagdbares Wild erklärt hatte – so nannte Seine Lordschaft seinen hübschen Zeitvertreib – und daß sie ohne Ausnahme zu gewinnen wären. Der Dank für seine Bitten und Vorstellungen war ein Ausbruch des Ärgers bei Lady Castlewood, die von seinen Anklagen nichts wissen wollte. Sie erklärte, er müsse selbst sehr gottlos und verdorben sein, daß er anderen so böse Absichten zutrauen könne. Das hat man davon, wenn man sich in anderer Leute Sachen mischt, dachte Harry mit vieler Bitterkeit. Sein Verdruß und seine Ratlosigkeit waren um so größer, als er mit Lord Castlewood nicht über den Handel sprechen und ihn nicht warnen konnte oder ihm raten in einer Angelegenheit seiner heilig gehaltenen Ehre, als deren bester Hüter sich natürlich Mylord selbst fühlen mußte.

Obwohl aber Lady Castlewood die Ratschläge ihres jungen Verwandten nicht anhören wollte und sie entrüstet abzuweisen schien, so hatte Harry doch die Genugtuung, daß sie den Rat befolgte, den sie mit Worten verworfen hatte. Denn als Lord Mohun sie am nächsten Tag zu einer Spazierfahrt aufforderte, hatte sie Kopfschmerzen. Die Kopfschmerzen dauerten zwei Tage lang. Am dritten Tag schlug sie heiter lachend vor, die Kinder sollten auch einmal in Mylords Wagen fahren, weil sie vor allem entzückt davon sein würden, und sie wolle nicht alles Vergnügen für sich allein haben. Mylord fügte sich mit großer Liebenswürdigkeit; innerlich war er sicher wütend und enttäuscht. Nicht, daß sein Herz sehr ernstlich in Mitleidenschaft gezogen war bei seinen Plänen gegen diese einfältige Dame, aber das Dasein solcher Männer besteht oft nur aus Liebesränken, und sie können ebensowenig einen Tag ohne Weiberjagd leben als ein anderer Mann ohne Fuchsjagd.

Trotz zur Schau getragener Sorglosigkeit, und obgleich Lord Castlewood sich kein Zeichen des Mißtrauens entschlüpfen ließ, sah Harry doch, daß er seinen Gast seit dem Streit genau beobachtete und daß sich unter der Maske scheinbarer Unbekümmertheit dumpfer Zweifel und erstickte Wut verbargen, die nichts Gutes verhießen. Esmond wußte, wie empfindlich sein Herr im Punkte der Ehre war, und wachte über ihm fast wie ein Arzt über seinem Patienten. Es schien ihm, daß die Krankheit den Patienten nur langsam ergriff, aber daß er sich des Giftes nicht erwehren konnte, nachdem es ihm einmal ins Blut gedrungen. Wir lesen bei Shakespeare, den der Erzähler weit über Herrn Congreve, Herrn Dryden oder irgendwelche anderen Schöngeister von heute stellt, daß gegen Eifersucht kein Kraut gewachsen ist und daß weder Mohn noch Alraunen oder irgendein Schlummertrunk des Orients sie lindern oder heilen kann.

Kurz, die Anzeichen schienen dem jungen Arzt so bedenklich, daß er es für seine Pflicht hielt, Lord Mohun zu warnen und ihn wissen zu lassen, wie man ihn durchschaute und beobachtete. Eines Tages, als Seine Gnaden in recht mürrischer Laune war, weil Lady Castlewood, die versprochen hatte, mit ihm auszufahren, ihr Versprechen im letzten Augenblick zurücknahm, sagte Harry zu ihm: »Mylord, wollen Sie mir freundlichst den Platz an Ihrer Seite einräumen? Ich habe Ihnen viel zu sagen und würde Sie gern allein sprechen.«

»Ihr Vertrauen ehrt mich, Herr Esmond«, sagte Mohun mit einer feierlichen Verbeugung. Mylord zeigte sich immer als nobler Herr, und so jung Esmond war, so bewies sein Benehmen doch, daß auch er ein Herr war, und niemand hätte sich eine Freiheit gegen ihn herausgenommen. Die beiden bestiegen den kleinen Wagen, der im Hof wartete. Die zierlichen weißen Hannoveraner mit dem prächtigen Geschirr kauten ungeduldig am Gebiß.

»Mylord«, sagte Harry Esmond, als sie im Freien waren, »ich habe in Cambridge Medizin studiert«, und er deutete auf Mohuns Fuß, der, in Flanell verpackt, etwas ostentativ auf einem Kissen lag.

»Wirklich, Pfarrer Harry?« antwortete Mohun. »Und werden Sie ein Examen machen und Ihre Kameraden von der ...«

»Von der Gicht heilen«, unterbrach ihn Harry und sah ihm scharf ins Gesicht. »Ich weiß allerlei über die Gicht.«

»Ich will Ihnen wünschen, daß Sie sie nie bekommen. Es ist eine verteufelte Krankheit«, sagte Mylord. »Sie zwickt ganz höllisch. Au!« Er verzog das Gesicht, als ob der Schmerz ihn packe.

»Euer Gnaden täten besser, den ganzen Flanell abzunehmen. Die Zehe wird sich darin nur entzünden«, fuhr Harry fort und sah ihm noch immer gerade ins Gesicht.

»Ach, die Zehe wird sich darin entzünden?« fragte der andere mit unschuldiger Miene.

»Ich würde Ihnen raten, den Flanell und den zwecklosen Pantoffel abzuwerfen und Stiefel zu tragen«, meinte Harry.

»Sie empfehlen mir, Stiefel zu tragen?« fragte Mylord.

»Ja, Stiefel und Sporen. Ich habe Euer Gnaden vor drei Tagen schnell genug die Galerie hinunterlaufen sehen«, erklärte Harry. »Ich bin überzeugt, daß der Haferschleim des Abends nicht so gut schmeckt wie der Rotwein. Er macht auch, daß Euer Gnaden einen kühlen Kopf fürs Spiel behält, während der meines Herrn immer vom Wein verwirrt und erhitzt ist.«

»Hölle und Teufel, Herr Esmond! Sie werden doch nicht wagen zu behaupten, daß ich unehrlich spiele?« schrie Mylord und hieb auf die Pferde ein, daß sie im Galopp davonjagten.

»Sie sind nüchtern, und mein Herr ist betrunken«, sagte Harry. »Kein Wunder, daß Sie ihm überlegen sind. Ich habe Sie beobachtet, wenn ich über meinen Büchern saß.«

»Sie junger Argus!« rief Mohun, der Harry sehr geneigt war, wie auch Harry für seine Gesellschaft, seinen Witz und eine gewisse Verwegenheit eine große Vorliebe hatte. »Sie junger Argus! Wachen Sie nur mit Ihren hundert Augen, Sie werden uns bei keiner Unehrlichkeit ertappen. Ich habe einmal in einer Nacht ein Landgut verspielt, ich habe mir das Hemd vom Leib gespielt, ich habe meine Perücke verwürfelt und bin in einer Nachtmütze nach Hause gegangen. Aber kein Mensch kann behaupten, daß ich mir je beim Spiel mehr geholt habe, als das Spiel selbst mir brachte. Ich habe mit einem betrügerischen Schuft in der Alsatia um seine Ohren gewürfelt und habe sie gewonnen. Eins davon steht in Spiritus in meiner Londoner Wohnung. Harry Mohun spielt mit jedem um alles – jederzeit!«

»Sie spielen in meines Herrn Haus um einen furchtbaren Einsatz, Mylord«, sagte Harry, »und nicht nur mit Karten.«

»Wie meinen Sie das, Herr Esmond?« rief Mohun, und das Blut stieg ihm ins Gesicht.

»Ich meine«, antwortete Harry spöttisch, »daß Ihre Gicht geheilt ist, wenn Sie die je gehabt haben.«

»Herr Esmond!« schrie Mylord, und es fing an, in ihm zu kochen.

»Ich glaube, Euer Gnaden haben ebensowenig die Gicht wie ich. Auf jeden Fall aber wird Luftwechsel Ihnen gut tun, Mylord Mohun. Es ist meine ehrliche Meinung, daß Sie am besten täten, Castlewood zu verlassen.«

»Sind Sie beauftragt, mir diesen Wink zu geben?« rief Mohun. »Hat Frank Esmond Ihnen den Auftrag gegeben?«

»Niemand hat es getan. Die Sorge um die Ehre meiner Familie hat mir meine Worte eingegeben.«

»Sind Sie bereit, mir dafür einzustehen?« schrie der andere wütend und peitschte seine Pferde.

»Gewiß, Mylord. – Euer Gnaden werden den Wagen umwerfen, wenn Sie so weiterpeitschen.«

»Beim heiligen Georg, Sie haben Mut im Leibe!« rief Mylord und brach in schallendes Gelächter aus. »Ich vermute, die verfluchten Finten, die der Jesuit Ihnen beigebracht hat, machen Sie so kühn«, fügte er hinzu.

»Der Friede der Familie, die mir auf Erden das Teuerste ist, die Ehre meines edlen Wohltäters, das Glück meiner geliebten Herrin und ihrer Kinder machen mich mutig«, sagte Harry Esmond warm. »Ich danke ihnen alles, Mylord, und würde gern mein Leben für sie hingeben. Warum stören Sie den Frieden dieses Hauses? Was hält Sie Monat auf Monat in dieser Gegend fest? Warum heucheln Sie Krankheit? Warum erfinden Sie einen Vorwand nach dem anderen, Ihren Aufenthalt zu verlängern? Wollen Sie meinem armen Herrn all sein Geld abgewinnen? Seien Sie großmütig, Mylord! Verschonen Sie ihn um seiner Frau und seiner Kinder willen. Wollen Sie das einfältige Herz einer tugendhaften Frau betören? Sie könnten ebensogut versuchen, mit Ihrem Schwert allein den Tower zu erstürmen. Aber Sie können ihren Namen schänden durch leichtfertige Deutungen und unberechtigte Nachstellung; es steht in Ihrer Macht, sie unglücklich zu machen. Verschonen Sie diese unschuldigen Menschen! Verlassen Sie ihr Haus!«

»Bei Gott, ich glaube, du hast selbst ein Auge auf die hübsche Puritanerin geworfen, Harry«, sagte Mylord gutgelaunt und mit sorglosem Lachen; »im Vertrauen, mein Junge, bist du selbst in sie verliebt? Ist der besoffene Frank Esmond auch auf den Weg allen Fleisches geraten?«

»Mylord, Mylord!« rief Harry. Mit glühendem Gesicht und feuchten Augen fuhr er fort: »Ich habe nie eine Mutter gehabt; aber ich liebe diese Frau, als wäre sie meine Mutter. Ich verehre sie, wie der Glückliche eine Heilige verehrt. Wenn man leichtfertig von ihr spricht, so scheint mir das wie eine Lästerung. Würden Sie wagen, von Ihrer eigenen Mutter so zu denken, oder irgend jemand erlauben, so von ihr zu sprechen? Ich flehe Sie an, ich beschwöre Sie, verlassen Sie diese Frau. Sie bringen ihr Gefahr!«

»Ach was, Gefahr!« sagte Mylord und schwang seine Peitsche. Sie hatten jetzt die Dünen erreicht, und die Pferde sausten in wildem Galopp dahin. Der Zügel riß in Lord Mohuns Hand, die wütenden Tiere rasten toll weiter. Der Wagen flog hin und her, und seine Insassen klammerten sich fest, so gut es gehen wollte, bis man sich einem steilen Abhang näherte, ein Sturz in die Tiefe war unvermeidlich. Da sprangen beide Herren auf Tod und Leben heraus, jeder auf seiner Seite des Wagens. Harry Esmond flog ins Gras; der Fall war so hart, daß er einen Augenblick lang betäubt lag. Dann raffte er sich auf, schwindlig und mit blutender Nase, aber ohne andere Verletzung. Lord Mohun war nicht so glücklich gewesen. Er war mit dem Kopf gegen einen Stein geschlagen und lag auf der Erde, allem Anschein nach tot.

Das Unglück geschah, als die Herren auf dem Rückweg waren. Lord Castlewood, der mit Sohn und Tochter spazierenritt, traf die Ponys galoppierend, mit dem leeren Wagen hinter sich und die zerrissenen Zügel um die Hufe schleifend. Mylords Leute hielten sie an und beruhigten sie. Der junge Frank erspähte zuerst Lord Mohuns feuerroten Rock auf der grünen Erde. Esmond beugte sich über den Gestürzten. Sein Federhut und seine große Perücke lagen im Gras; er blutete stark aus einer Wunde an der Stirn und schien eine Leiche.

»Großer Gott, er ist tot!« sagte Mylord. »Holt einen Arzt! Nein, bleibt! Ich will selbst nach Hause reiten und Tusher holen, der versteht sich auf Wunden«, und Mylord, seinen Sohn hinter sich, galoppierte davon.

Kaum war er fort, da fiel Harry, dessen Gedanken sich allmählich wieder sammelten, ein ähnliches Unglück ein, das er auf einem Ritt von Newmarket nach Cambridge mit angesehen hatte. Er streifte einen von Mohuns Ärmeln zurück, öffnete ihm mit seinem Taschenmesser eine Ader am Arm und war sehr beruhigt, als er Blut fließen sah. Es dauerte beinahe eine halbe Stunde, bis der Verwundete zur Besinnung kam, und als Doktor Tusher mit dem kleinen Frank erschien, fanden sie Mohun zwar am Leben, aber so blaß wie eine Leiche.

Sobald er fähig war, Bewegung zu ertragen, hob man ihn auf das Pferd eines Reitknechts. Der brave Doktor Tusher und die beiden Leute des Grafen gingen rechts und links, um ihn zu stützen. Esmond, auf dem Pferd des zweiten Reitknechtes, und der kleine Frank ritten im Schritt hinterher.

Der Junge erzählte: »Wir fanden Mama mit dem Doktor auf der Terrasse. Papa hat sie furchtbar erschreckt; er hat gesagt, du seist tot.«

»Ich tot?« fragte Harry.

»Ja, Papa sagte: ›Jetzt ist der arme Harry tot!‹ Mama schrie auf und fiel hin. Ach, Harry! Ich dachte, sie sei auch tot. Du kannst dir gar nicht vorstellen, wie Papa sich aufregte. Er fluchte mit seinen schwersten Flüchen und wurde ganz bleich. Dann hat er so sonderbar gelacht und dem Doktor gesagt, er solle sein Pferd nehmen und mir folgen. Da sind wir weggeritten. Ich habe mich noch einmal umgedreht und habe gesehen, wie er Wasser aus dem Springbrunnen nahm und über Mamas Gesicht goß. Ach, sie hat sich so erschreckt!«

Esmond sann über diese merkwürdige Geschichte, während sie nach Hause ritten. Denn Lord Mohun hieß auch Henry, und die beiden Herren hatten sich oft Frank und Harry genannt. Esmond war recht ängstlich und verstört. Seine liebe Herrin war noch auf der Terrasse, als sie ankamen. Eine ihrer Dienerinnen war bei ihr, aber Mylord war fort. Lord Mohun ritt unten an der Terrasse vorbei, leichenblaß, den Kopf mit dem Taschentuch bedeckt, ohne Hut und Perücke, die ein Reitknecht ihm nachtrug. Aber seine Höflichkeit verließ ihn nicht; er machte der Dame oben eine tiefe Verbeugung.

»Gott sei Dank, daß Sie gerettet sind!« rief sie ihm zu.

»Und Harry ist auch gerettet, Mama, hurra!« schrie der kleine Frank.

Esmond sprang vom Pferde und rannte mit dem kleinen Frank hinauf zu seiner Herrin. »Ach, mein Junge! Was habe ich für einen Schrecken um dich gehabt«, sagte Lady Castlewood und begrüßte ihn mit einem ihrer leuchtenden Blicke. Ihre Stimme klang zärtlich, und sie war so gütig, den jungen Mann zu küssen. Zum zweiten Male ehrte sie ihn so. Sie nahm ihn und ihren Sohn bei der Hand und ging zwischen ihnen ins Haus.

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