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William Makepeace Thackeray: Henry Esmond - Kapitel 11
Quellenangabe
typefiction
authorWilliam Makepeace Thackeray
titleHenry Esmond
publisherAufbau-Verlag
year1953
translatorElse von Schorn
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150118
projectid5785aa0d
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Neuntes Kapitel
Ich habe die schwarzen Pocken und bereite mich vor, Castlewood zu verlassen

Als Harry Esmond die Krisis der Krankheit überstanden hatte und langsam wieder gesund wurde, erfuhr er, daß der kleine Frank Esmond sie auch durchgemacht und überwunden hatte, und daß Mylady noch krank lag und mit ihr mehrere Leute von der Dienerschaft. »Es war eine Fügung, für die wir alle dankbar sein sollten«, sagte Doktor Tusher, »daß Mylady und ihr Sohn uns erhalten blieben, während der Tod ein paar arme Diener dahinraffte.« Er tadelte Harry scharf, als dieser in seiner unbefangenen Art fragte, wofür wir dankbar sein sollten – für den Tod der Dienstleute oder für die Rettung der Herrenleute? Harry konnte auch dem Doktor nicht beistimmen, als dieser bei seinen Besuchen Mylady heftig beteuerte, die Krankheit habe ihre Schönheit in keiner Weise zerstört und sei nicht so hart gewesen, die lieblichen Züge der Gräfin von Castlewood zu verheeren. Trotz dieser schönen Reden fand Harry, daß Myladys Schönheit durch die Pocken sehr gelitten hatte. Als die Spuren der Krankheit allmählich verschwanden, hinterließen sie zwar keine Furchen und Narben auf ihrem Gesicht – außer einer vielleicht, auf der Stirn über dem linken Auge –, aber die Zartheit ihrer rosigen Haut war verschwunden, die Augen hatten ihren Glanz verloren, das Haar wurde dünner, und sie sah älter aus. Es war, als hätte eine grobe Hand die zarten Töne des lieblichen Gemäldes abgewischt und, wie es beim ungeschickten Reinigen von Bildern geschieht, den Farben Leben und Glanz genommen. Dann können wir auch nicht verschweigen, daß Myladys Nase die ersten zwei Jahre nach der Krankheit rot und geschwollen war.

Es wäre nicht nötig, diese Nichtigkeiten zu erwähnen, wenn sie nicht Einfluß auf das Geschick vieler Menschen gehabt hätten, wie es Kleinigkeiten auf Erden zu tun pflegen, wo eine Mücke oft eine größere Rolle spielt als ein Elefant, und ein Maulwurfshügel, wie im Falle König Williams, ein ganzes Reich aus der Ruhe bringen kann. Als Tusher in seiner schmeichlerischen Art, die Harry Esmond immer zur Wut und zu spöttischen Reden reizte, schwor, daß Myladys Antlitz so schön sei wie je, da brach der Junge los und rief: »Es ist nicht mehr so schön; meine Herrin ist jetzt nicht halb so hübsch, wie sie war.« Die arme Lady Castlewood lächelte wehmütig und warf einen Blick in ihren kleinen venezianischen Spiegel. Der zeigte ihr wohl, daß der dumme Junge nur allzu wahr sprach; denn sie wandte sich von dem Spiegel ab, und ihre Augen füllten sich mit Tränen.

Der Anblick ihrer Tränen erzeugte in Esmonds Herz immer eine Art von rasendem Mitleid, und als sie über das Gesicht der Dame rannen, die er am heißesten liebte, da sank der täppische Junge auf die Knie und flehte sie an, ihm zu verzeihen. Er sei ein Narr und ein Dummkopf, ein Rohling, weil er so gesprochen hätte, da er doch selbst an ihrer Krankheit schuld sei; und Doktor Tusher erklärte, ein Bär sei er, und ein Bär werde er immer bleiben. Diese Worte machten den jungen Esmond stumm, so daß er nicht einmal knurrte.

»Er ist mein Bär, und ich will nicht, daß man ihn hetzt, Doktor«, sagte Mylady und streichelte freundlich den Kopf des Knaben, der noch zu ihren Füßen kniete. »Wie dein Haar ausgegangen ist, und meines auch!« fügte sie mit einem Seufzer hinzu.

»Es ist nicht meinetwegen«, sagte Mylady zu Harry, als der Pfarrer gegangen war, »aber bin ich wirklich sehr verändert? Ach, ich fürchte, es ist so.«

»Ich finde, Sie haben das liebste, freundlichste und süßeste Gesicht auf der Welt«, sagte der Junge, und er fand das wirklich und findet es noch.

»Wird Mylord auch so denken, wenn er zurückkommt?« fragte sie mit einem Seufzer und mit einem zweiten Blick in ihren Spiegel. »Wenn er nun ebenso denkt, wie Sie, wenn er findet, daß ich scheußlich bin – ja, Sie sagten scheußlich –, dann wird er aufhören, sich etwas aus mir zu machen. Die Männer lieben an uns Frauen ja nur unser bißchen Schönheit. Warum wählte er mich unter all meinen Schwestern? Nur um der Schönheit willen. Wir herrschen, gewiß, aber nur Tage; ich bin überzeugt, daß Vashti fühlte, wie Esther näher kam.«

»Mylady«, sagte Esmond, »Ahasver war ein Sultan, und es war seines Landes Sitte und Gesetz, in der Liebe zu wechseln.«

»In dem Punkt seid ihr alle Sultane«, sagte Mylady, »oder wäret es, wenn ihr könntet. Komm, Frank, komm, mein Kind. Dir wenigstens haben die schrecklichen Pocken nichts getan, dem Himmel sei Dank! Dein Gesicht hat keine Narben, und deine Locken sind nicht dünner geworden, nicht wahr, mein Engel?«

Frank fing an zu schreien und zu wimmern beim Gedanken an ein solches Unglück. Von klein auf hatte der junge Lord von seiner Mutter gelernt, seine Schönheit zu bewundern, und er wertete sie so hoch, wie nur irgendeine gefeierte Schönheit es kann.

Eines Tages während seiner Genesung durchzuckte Esmond ein Gefühl der Scham, als ihm einfiel, daß er während seiner Krankheit nicht ein einziges Mal an das arme Mädchen in der Schmiede gedacht hatte, deren rote Wangen er einen Monat zuvor so gern gesehen. Arme Nancy! Ihre Wangen waren dem Schicksal der Rosen verfallen; sie waren verwelkt. Die Krankheit hatte sie am selben Tage wie Esmond ergriffen, sie und ihr Bruder waren an den Blattern gestorben und lagen unter den Taxusbäumen von Castlewood begraben. Kein fröhliches Gesicht grüßte mehr den alten Schmied aus dem Garten oder heiterte ihn auf an seinem einsamen Kamin. Esmond hätte sie gern in ihrem Leichentuch geküßt (wie das Mädchen in Herrn Priors hübschem Gedicht); aber sie lag viele Fuß tief unter dem Rasen, als Esmond zum ersten Male nach seiner Krankheit wieder darüberschritt.

Doktor Tusher brachte diese traurige Nachricht. Esmond hatte danach fragen wollen, aber hatte es nicht gewagt. Der Doktor erzählte, daß fast das ganze Dorf an der Seuche krank gelegen habe; siebzehn Menschen waren gestorben; unter den Namen, die er erwähnte, waren auch Nancy und ihr kleiner Bruder. Er verfehlte nicht zu sagen, wie dankbar die Überlebenden sein müßten. Da es dieses Mannes Geschäft war, zu schmeicheln und Predigten zu halten, so muß ihm zugestanden werden, daß er es an Eifer nicht fehlen ließ und das eine oder das andre jeden Tag übte.

So war also Nancy tot, und Harry Esmond schämte sich, daß er nicht eine Träne um sie weinte, und fing an, eine lateinische Elegie auf die ländliche kleine Schönheit zu verfassen. Er bot Dryaden und Flußnymphen auf, sie zu beklagen, und da ihr Vater das Gewerbe des Vulkan betrieb, so ließ er sie die Tochter der Venus sein, obwohl die Gattin des Sievewright ein häßliches, zänkisches Weib gewesen war, wie er später erfuhr. Er trug ein trauriges Gesicht zur Schau, fühlte aber in Wahrheit nicht mehr Kummer als ein Leichenbitter beim Begräbnis. Die ersten Leidenschaften zwischen Mann und Frau pflegen Frühgeburten zu sein, die sterben, ehe sie recht ans Licht kommen. Esmond könnte noch jetzt Bruchstücke jener holprigen Verse aufsagen, mit denen seine Muse das hübsche Mädchen beklagte. Er denkt beschämt daran, wie schlecht die Verse waren und wie gut er sie fand, wie falsch sein Kummer war und wie er doch fast stolz war darauf. Es ist ganz sicher ein Irrtum, von der Einfalt der Jugend zu sprechen. Ich glaube, daß kein Lebensalter heuchlerischer ist und sich gekünstelter gegeneinander benimmt als junge Menschen. Sie betrügen sich selbst und einander mit Künsten, die den Mann von Welt nicht täuschen können, und darum kommen wir der Wahrheit näher und werden einfacher, je älter wir werden.

Als Mylady von dem Schicksal der armen Nancy hörte, sagte sie nichts, solange Tusher dabei war, doch dann nahm sie Harry Esmonds Hand und sprach:

»Harry, verzeih meine grausamen Worte in jener Nacht, als du erkranktest. Ich bin erschüttert über das Schicksal des armen Geschöpfs und überzeugt, daß nichts von dem, was ich dir im Zorn vorwarf, je geschehen ist. Unser erster Ausgang soll zur Schmiede sein, und wir müssen versuchen, ob wir irgend etwas tun können, den armen alten Mann zu trösten. Armer Mann! Beide Kinder hat er verloren! Was sollte ich anfangen ohne meine Kinder?«

Es war in der Tat der allererste Gang, den Mylady nach ihrer Krankheit unternahm, auf Esmonds Arm gestützt. Aber der Besuch brachte dem alten Vater keinen Trost, und er zeigte keine Weichheit und kein Verlangen, über seinen Verlust zu sprechen. »Der Herr hat's gegeben, der Herr hat's genommen«, sagte er, und er wußte, was er dem Herrn schuldig war. Er brauchte nichts, brauchte jetzt weniger als früher; denn es waren weniger Münder zu füttern. Er wünschte Ihro Gnaden und Junker Esmond einen guten Morgen – der Junker sei groß geworden während seiner Krankheit und nur wenig entstellt –, und damit zog er sich, mürrisch grüßend, ins Haus zurück und ließ Mylady, verstummt und etwas beschämt, vor der Tür. Er hatte seinen beiden Kindern einen schönen Grabstein setzen lassen, den man bis heutigentags auf dem Kirchhof von Castlewood sehen kann; und ehe ein Jahr um war, stand auch sein eigner Name auf dem Stein. Die Gegenwart des Todes, dieses allgewaltigen Herrschers, verscheucht die Gefallsucht des Weibes, und ihre Eifersucht wird kaum die Grenzen seines grimmen Reiches überschreiten. Sie ist ganz irdisch, diese Leidenschaft, und verfliegt in der eisig blauen Luft jenseits unsrer Sphäre.

Als die Gefahr endlich völlig geschwunden war, wurde die Rückkehr von Mylord und seiner Tochter angekündigt. Esmond erinnert sich des Tages genau. Seine Herrin war in bebender Angst. Ehe Mylord kam, ging sie in ihr Zimmer und kehrte mit geröteten Wangen zurück. Ihr Schicksal sollte sich entscheiden. Ihre Schönheit war vergangen – war ihre Herrschaft auch vorüber? Eine Minute würde es zeigen. Mylord kam über die Brücke geritten; man konnte ihn aus dem großen Fenster sehen. Er war rot gekleidet und ritt ein graues Pferd; neben ihm tänzelte eine glänzendbraune Stute, auf der in leuchtendblauem Reitkleid seine kleine Tochter saß. Mylady stand an den großen Kamin gelehnt und schaute hinaus – die eine Hand auf dem Herzen –, sie schien noch bleicher durch die roten Flecken auf beiden Wangen. Sie drückte das Taschentuch an die Augen und lachte krampfhaft; als sie das Tuch wieder sinken ließ, war es rot von der Schminke. Sie lief in ihr Zimmer zurück und kam mit bleichen Wangen und roten Augen wieder, ihren Sohn an der Hand, gerade als Mylord eintrat, begleitet von Esmond, der seinem Herrn entgegengegangen war, um ihn zu empfangen und ihm den Steigbügel zu halten.

»Aber, Harry, mein Junge«, sagte Mylord gutmütig, »du bist ja so mager wie ein Windhund. Die Pocken haben deine Schönheit nicht gehoben, und dein Familienzweig war niemals reich daran.«

Er lachte und sprang sehr behend vom Pferd. Er sah hübsch und munter aus, mit rotem Gesicht und braunem Haar, recht wie ein Leibgardist. Esmond begrüßte ihn kniend und sprang dann auf, der kleinen Beatrix vom Pferd zu helfen.

»Pfui, wie gelb du aussiehst«, sagte sie, »du hast ein, zwei rote Löcher im Gesicht.« Da hatte sie freilich recht; Harry Esmonds narbiges Gesicht trägt noch heute die Spuren der Krankheit.

Mylord lachte wieder, er war in bester Laune.

»Verdammt!« sagte er mit einem seiner üblichen Flüche, »die kleine Kröte sieht alles. Neulich hat sie entdeckt, daß die Gräfin-Witwe sich schminkt, und hat sie gefragt, wozu sie die rote Schmiere an sich trüge, nicht wahr, Trix? Und der Tower, und das Theater, und Prinz Georg, und Prinzessin Anna, was, Trix?«

»Sie sind beide sehr fett und riechen nach Schnaps«, antwortete das Kind.

Papa wollte sich ausschütten vor Lachen.

»Schnaps!« sagte er. »Und woher weißt du das, Jungfer Naseweis?«

»Weil Euer Gnaden nach dem Abendbrot so riechen, wenn ich zum Gutenachtkuß komme«, erwiderte die junge Dame, die allerdings sehr naseweis und eine wunderschöne kleine Hexe war.

»Und jetzt zu Mylady«, sagte Mylord und ging die Treppe hinauf und durch den Gobelinvorhang an der Tür zum Wohnzimmer. Esmond erinnert sich gut der edlen Gestalt, so passend in Scharlach gekleidet. Er war selbst in diesen letzten Monaten vom Knaben zum Manne gereift, und mit seinem Körper waren auch seine Gedanken gewachsen und männlich geworden.

Wochenlang nach Mylords Rückkehr machte Mylady einen traurigen und gedrückten Eindruck. Harry Esmond hatte sich angewöhnt, ihren Ausdruck mit liebevoller Besorgnis zu beobachten und jedes Anzeichen von Kummer oder Freude zu deuten. Es schien, als strebte sie, ihren Herrn durch Zärtlichkeiten und Bitten aus einer üblen Laune zurückzugewinnen, die er durchaus nicht ablegen wollte. Um ihm zu gefallen, ließ sie all die hundert kleinen Listen spielen, die früher immer wirkten, die aber jetzt ihre Kraft verloren hatten. Ihr Gesang erfreute ihn nicht mehr; sie ließ ihn verstummen und ermahnte die Kinder zur Ruhe, sobald er sich näherte. Mylord saß schweigend bei Tisch und trank gewaltig. Mylady saß ihm gegenüber, warf ab und zu einen verstohlenen Blick auf sein Gesicht und schwieg auch. Ihr Schweigen reizte ihn ebenso wie ihre Rede. Er fragte sie mürrisch und fluchend, warum sie den Mund nicht auftue und ein so finstres Gesicht mache; sprach sie, so hieß er sie unfreundlich schweigen und keinen Unsinn reden. Es schien, als ob seit seiner Rückkehr nichts, was sie tat oder sagte, ihm gefallen wollte.

Wenn in einem Hause der Herr und die Herrin uneins sind, ergreifen die Untergebenen in der Familie des einen oder andern Partei. Henry Esmond stand so in der Furcht des Herrn, daß er, wenn nötig, eine Meile barfuß gelaufen wäre, um eine Botschaft für ihn auszurichten. Seine dankbare Anhänglichkeit an Lady Esmond aber war so leidenschaftlich, daß er, um ihr Kummer zu ersparen oder einen Dienst zu erweisen, jederzeit sein Leben hingegeben hätte. Und durch die Tiefe und Stärke seiner Zuneigung begann er zu erraten, wie unglücklich das Leben seiner angebeteten Lady war, und daß eine geheime Sorge auf ihr lastete; denn sie sprach nie von ihren Kümmernissen.

Kann irgend jemand, der die Welt kennt und den Charakter von Männern und Frauen beobachtet hat, über den Grund ihres Kummers im unklaren sein? Gewiß, ich habe einige Menschen gesehen, deren Jugendliebe wirklich bis ins hohe Alter blühte, und ich weiß; daß Herr Thomas Parr hundertsechzig Jahre alt wurde. Aber dennoch sind siebzig Jahre ein Menschenalter, und wenige gelangen darüber hinaus. Und es ist gewiß, daß ein Mann, der nur um der schönen Augen willen heiratet, wie Mylord, sich seiner Pflicht entbunden fühlt, wenn die Frau die ihre nicht mehr erfüllt, und seine Liebe überlebt ihre Schönheit nicht. Ich weiß, es ist manchmal auch anders und kann, wie viele Menschen aus eigener Erfahrung, mich manchen Hauses erinnern, wo das heilige Licht der Liebe, in jungen Jahren entzündet, niemals ausgelöscht wurde. Aber das ist – wie Herr Parr und der acht Fuß große Riese auf dem Jahrmarkt – Ausnahme bei den Menschen. Und diese arme Flamme, von der ich spreche und die zuerst im Brautgemach leuchtet, wird durch hundert Windstöße den Kamin herab gelöscht oder stirbt aus Mangel an Nahrung. Und dann – ja dann liegt Chloe ganz wach im Dunkel, und Strephon schnarcht achtlos; oder umgekehrt, es ist der arme Strephon, der eine herzlose Kokette geheiratet hat und aus jener sonderbaren Vision gemeinsamer Glückseligkeit erwacht, die ewig währen sollte und vorüber ist, wie jeder andre Traum. Beide haben ihr Bett bereitet und müssen nun darauf liegen, bis zum letzten Tag, da das Leben endet und sie getrennt schlafen können.

Um diese Zeit übersetzte der junge Esmond, der eine Gabe für klingende Verse hatte, ein paar Ovidische Episteln in gereimte Strophen und brachte sie seiner Herrin, um sie zu ergötzen. Die, welche von verlassenen Frauen handelten, bewegten sie unsagbar, wie Harry bemerkte. Wenn Aenone nach Paris rief oder Medea den Jason anflehte, zu ihr zurückzukehren, so seufzte die Lady Castlewood und sagte, diese Verse finde sie am schönsten. Sie würde wahrhaftig ihren alten Vater, den Dekan, geopfert haben, um ihren Gatten zurückzugewinnen. Aber ihr schöner Jason hatte sie verlassen, wie schöne Jasons zu tun pflegen, und die arme Zauberin verfügt über keinen Bann mehr, ihn darin zu halten.

Mylord schmollte nur so lange, wie seiner Frau kummervolle Miene und Haltung ihm Vorwürfe zu machen schien. Als sie so weit gekommen war, ihre Stimmung zu beherrschen und äußerlich ein heiteres Benehmen zu zeigen, kehrte ihres Gatten gute Laune wenigstens zeitweise wieder. Er fluchte und schalt nicht mehr bei Tisch, sondern lachte manchmal und gähnte ausgiebig. Er war viel von Hause fort, lud Gäste ein, brachte den größten Teil des Tages auf der Jagd oder beim Glase zu, alles wie sonst. Nur sah die arme Frau keine Liebe mehr in seinen Augen aufstrahlen; er lebte mit ihr, aber die Flamme war tot, deren Glanz sie früher beglückt hatte.

Wie war es Mylady zumute, als es sich zeigte, daß ihr warnender Spiegel recht gehabt hatte, daß mit ihrer Schönheit auch ihre Herrschaft endete und die Tage der Liebe vorbei waren. Was tut der Seemann, dem der Orkan Mast und Steuer entrissen hat? Er richtet einen Notmast auf und steuert mit dem Ruder. Wenn der Palast in Flammen steht, so rettet man sich in die Scheune. Welches Leben geht ohne solche Stürme dahin, die den Menschen aus der Bahn werfen und ihn auf Felsen schleudern, wo er sich mühsam ein Obdach suchen muß?

Als Lady Castlewood nicht mehr zweifeln konnte, daß ihr großes Schiff untergegangen war, und sie sich von dem Verlust etwas erholt hatte, fing sie an, so gut es ihr gelingen wollte, neue kleine Glücksmöglichkeiten unter Segel zu setzen, wie ein Kaufmann an der Börse, indocilis pauperiem pati, nachdem er Tausende verloren hat, auf dem nächsten Schiff den Wert von wenigen Guineen verfrachtet und auf kleine Gewinne und Entschädigungen hofft. Sie setzte alles auf ihre Kinder und war über alle Maßen nachsichtig gegen sie, wie es bei ihrer Sanftmut unvermeidlich war. Alle ihre Gedanken drehten sich um ihr Wohlergehn: sie lernte, um sie unterrichten zu können, sie pflegte ihre natürlichen Gaben und weiblichen Fertigkeiten, um sie ihren Kindern weiterzugeben. Irgend jemand Gutes zu tun, ist der Lebensinhalt der meisten guten Frauen, sie haben einen Überfluß an Güte, der andre zu beglücken strebt. Sie vervollkommnete ihre Kenntnisse im Französischen, Italienischen und Lateinischen. Die Anfangsgründe hatte ihr Vater sie gelehrt; aber sie hatte ihr Wissen vor dem Gatten verborgen, wohl aus Angst, sie könnte ihn kränken. Denn Mylord war kein Freund von Büchern und schüttelte sich beim Gedanken an gelehrte Damen. Es würde ihn geärgert haben, hätte er gemerkt, daß seine Frau aus einem lateinischen Buche übersetzen konnte, von dem er keine zwei Worte verstand. Der junge Esmond war Hauslehrer unter Mylady oder über ihr, je nachdem, was vorlag. Während Mylords langen Abwesenheiten wurde der Unterricht regelmäßig betrieben. Mutter und Tochter lernten mit überraschender Geschwindigkeit, die letzte freilich nur ruckweise und wie die Laune sie trieb. Der kleine Lord aber, das können wir nicht verschweigen, schlug in Sachen der Gelehrsamkeit nach seinem Vater. Er liebte Murmeln und andres Spielzeug und das kleine Pferd, das sein Vater ihm geschenkt hatte und auf dem er ihn mit auf die Jagd nahm, unendlich viel mehr als Corderius und Lily. Er regierte die Dorfjungen, die einen kleinen Hofstaat um ihn bildeten, prügelte sie schon und tyrannisierte sie mit so herrscherhaften Launen, daß sein Vater lachte, wenn er es sah, und seine Mutter ihn zärtlich warnte. Doktor Tusher erklärte, er sei ein junger Edelmann von ritterlichem Geist; aber Harry Esmond, seinem Lehrer, der nur acht Jahre älter war, fiel es manchmal schwer, nicht die Geduld zu verlieren und seinen rebellischen kleinen Herrn und Vetter in Respekt zu halten.

Ein paar Jahre nach dem Unglück, das Lady Castlewood ein wenig – ein ganz klein wenig – von ihrer Schönheit nahm und ihr das Herz ihres sorglosen Gatten raubte, hatte sich durch innere Kämpfe, von denen niemand etwas ahnte, auch der Mann nicht, der die Ursache all ihres Kummers war, ein solcher Wandel in ihrer Natur vollzogen, daß sie ihn wohl selbst, zur Zeit, da das Unglück über sie hereinbrach, nicht für möglich gehalten hätte.

Sie war älter geworden in dieser Zeit, wie Menschen, die im stillen große Schmerzen leiden, und hatte vieles gelernt, was sie sich früher nicht hatte träumen lassen. Das Unglück war ihr harter Lehrmeister gewesen. Vor einigen Jahren noch, als sie, selbst ein Kind, die Mutter eigener Kinder wurde, war ihr Gemahl ihr Gott gewesen. Seine Worte waren ihr Gesetz, sein Lächeln Sonnenschein, seine müßigen Gemeinplätze Worte der Weisheit; all seinen Wünschen und Grillen hatte sie sich mit unterwürfiger Ergebenheit gefügt. Sie war Mylords Hauptsklave und blinder Anbeter gewesen. Es gibt Frauen, die noch mehr geduldig ertragen, nicht nur Vernachlässigung, sondern auch Untreue; aber in diesem Punkt hatte Myladys Untertanenpflicht versagt. Um die Wahrheit zu gestehen, sie hatte herausgefunden, daß nicht nur ihre Herrschaft zu Ende, sondern daß auch eine Nachfolgerin ernannt war, eine Prinzessin aus einem gewissen edlen Haus in Drury Lane, die Mylord in der acht Meilen weit entfernten Stadt unterbrachte und fleißig besuchte. Ihre Natur empörte sich und wollte nicht mehr gehorchen. Zuerst mußte sie still erleiden, den Gegenstand ihrer Liebe zu verlieren; dann kam die Erkenntnis, daß der Angebetete ein plumpes Götzenbild war; dann mußte sie sich schweigend eingestehen, daß sie selbst die Überlegne war und nicht ihr Herr und Gebieter, daß sie Gedanken hatte, die sein Hirn nicht fassen konnte, daß sie besser war als er und weit von ihm getrennt, wenn sie auch an ihn gebunden war; gebunden, und mußte doch ihre Lebensarbeit allein verrichten, wie so viele Menschen; denn der glücklichen Ausnahmen sind wenige. Mylord saß in seinem Stuhl, lachte sein gewohntes Lachen und riß Witze; sein Gesicht war vom Wein gerötet. Mylady saß ihm gegenüber, ruhig und kalt, mit niedergeschlagenen Augen; aber es kam ihm nie der Gedanke, daß dort seine Meisterin sitze. Wenn ihm der Wein zu Kopf stieg, machte er Scherze über ihre Kälte, und wenn sie gegangen war, sagte er wohl: »Verdammt! Nun wollen wir noch eine Flasche trinken.« Er machte aus seinen Gedanken kein Hehl, seine Worte und Handlungen waren keine Geheimnisse. Seine schöne Rosamunde lebte nicht in einem Irrgarten wie die Dame in Herrn Addisons Oper. Sie machte sich in dem Landstädtchen breit mit ihren geschminkten Wangen und ihrem betrunknen Gefolge. Hätte Lady Castlewood Verlangen nach Rache gehabt, so hätte sie den Weg zu ihrer Rivalin leicht genug gefunden; aber wäre sie auch mit Gift und Dolch gekommen, so hätte der Feind sie doch mit einer Flut gemeiner Schimpfwörter vertrieben, über welche die Holde in reichem Maße gebot.

Für Harry Esmond indessen hatte seiner Wohltäterin liebes Gesicht, wie wir schon sagten, nichts von seinem Zauber verloren. Sie hatte immer einen freundlichen Blick und ein Lächeln für ihn bereit. Vielleicht war das Lächeln nicht mehr so heiter und harmlos wie früher, als sie, selbst noch ein Kind, mit ihren Kindern spielte und ihres Gatten Wunsch und Wille ihr einziger Gedanke war; aber wenn über gütige Herzen Prüfungen kommen, so wachsen aus Sorgen und Schmerzen Gedanken und Tugenden hervor, die nie erwacht wären, wenn Kummer und Unglück sie nicht geweckt hätte. Notwendigkeit erzeugt sicher das meiste, was gut ist in uns. Wie die ungeschickten Finger und plumpen Werkzeuge eines Gefangnen die zartesten kleinen Schnitzereien vollbringen, ungeheure unterirdische Arbeit leisten, Mauern durchbrechen und Eisengitter durchsägen, so erwachen im Unglück Scharfsinn, Kraft und Ausdauer bei Menschen, in denen diese Tugenden ewig geschlummert hätten, wenn die Umstände sie nicht ins Leben riefen.

»Sicher geschah es erst, nachdem Jason sie verlassen hatte«, sagte Lady Castlewood einmal lächelnd zu dem jungen Esmond, der ihr einige Zeilen aus dem Euripides vorlas, »daß Medea eine gelehrte Frau und eine große Zauberin wurde.«

»Und sie konnte die Sterne vom Himmel herabbeschwören«, setzte der junge Lehrer hinzu, »aber Jason konnte sie nicht zurückzaubern.«

»Was willst du damit sagen?« fragte Mylady ärgerlich.

»Ich will nichts damit sagen«, erwiderte er, »als was ich in Büchern gelesen habe. Was sollte ich über solche Dinge wissen? Die einzigen Frauen, die ich kenne, sind Sie, die kleine Beatrix, die Frau des Pfarrers, meine frühere Herrin und die Dienerinnen von Euer Gnaden.«

»Die Männer, die deine Bücher schrieben«, sagte Mylady, »Männer wie Horaz, Ovid und Virgil, haben alle, soweit ich sie kenne, schlecht von uns gedacht, denn ihre Helden behandeln uns niederträchtig. Wir sind allezeit zu Sklavinnen erzogen worden, und da ihr noch immer die Gesetzgeber seid, so scheinen mir auch unsre Zeiten zu predigen, daß die Frau die beste ist, die ihres Herrn Ketten am anmutigsten trägt. Es ist jammerschade, daß unsre Kirche keine Klöster erlaubt, sonst könnten Beatrix und ich uns in eines flüchten und fern von euch unsre Tage in Frieden beschließen.«

»Und herrscht im Kloster keine Sklaverei?« fragte Esmond.

»Wenn die Frauen dort Sklaven sind, so sieht sie wenigstens niemand«, antwortete Mylady. »Sie arbeiten nicht in Rotten an der Straße, wo jeder sie verspotten kann; und wenn sie leiden, so leiden sie im verborgenen. – Da kommt Mylord von der Jagd zurück. Nimm die Bücher weg, Mylord sieht sie nicht gern. Der Unterricht ist zu Ende für heute, Herr Lehrer.« Mit einer Artigkeit und einem Lächeln pflegte sie diese Art von Unterhaltung abzubrechen.

Der »Herr Lehrer«, wie Mylady Esmond nannte, hatte jetzt Arbeit genug in Castlewood. Er hatte drei Schüler, seine Herrin und ihre beiden Kinder; denn die Mutter war bei dem Unterricht immer zugegen. Außerdem schrieb er Mylords Briefe und führte seine Rechnungen, das heißt, wenn es ihm gelang, dem trägen Herrn die Rechnungsbücher zu entlocken.

Die beiden Kinder waren recht faule Schüler, und da Mylady keine der Strafen gestattete, die damals gebräuchlich waren, so lernte der kleine Lord nur, was ihm angenehm schien. Das war recht wenig, und man hat ihn nie dazu gebracht, mehr als sechs Zeilen aus dem Virgil zu übersetzen. Fräulein Beatrix lernte sehr früh französisch plaudern und sang reizend; aber das brachte ihr die Mutter bei, denn Harry Esmond konnte kaum »Grüne Ärmel« von »Lillabullero« unterscheiden, wenn es auch keine größere Wonne für ihn gab, als die Damen singen zu hören. Er sieht sie noch – wird er sie je vergessen? –, wie sie an Sommerabenden zusammensaßen, die beiden goldschimmernden Köpfe über die Noten gebeugt, wie die kleine Hand des Kindes und die große der Mutter den Takt schlugen und die beiden Stimmen im Zwiegesang auf und nieder gingen.

Waren die Kinder nachlässig, so lernte die junge Mutter um so eifriger bei ihrem jungen Lehrer, und er lernte auch von ihr. Sie hatte eine merkwürdig glückliche Gabe, verborgne Schönheiten in Büchern zu entdecken, besonders in Gedichtbüchern, wie sie auch auf Spaziergängen die verstecktesten Feldblumen erspähte und Sträuße aus ihnen band, wie keine andre Hand sie hätte machen können. Sie war ein guter Kritiker, nicht durch ihren Verstand, sondern durch ihr Gefühl, ein liebenswürdiger Kommentator der Bücher, die sie miteinander lasen. Vielleicht waren es die glücklichsten Stunden im Leben des jungen Esmond, die er so mit seiner freundlichen Herrin und ihren Kindern verbrachte.

Diese glücklichen Tage aber sollten nicht ewig dauern, und es war Lady Castlewoods eigner Machtspruch, der ihnen ein Ende setzte. Es geschah um die Weihnachtszeit, Harry Esmond war damals sechzehn Jahre alt, daß Tom Tusher, sein alter Kamerad, Gegner und Freund, aus der Schule in London als ein hübscher, gerade gewachsener, derber Bursche zurückkehrte, bewaffnet mit einem Abgangszeugnis seiner Schule und mit der Aussicht auf künftige Beförderung in der Kirche. Tom Tusher sprach jetzt von nichts anderem als von Cambridge und seiner bevorstehenden Studienzeit, und die Knaben, die gute Freunde waren, fühlten sich gegenseitig eifrig auf den Zahn über ihre Fortschritte in den Wissenschaften. Tom hatte etwas Griechisch und Hebräisch gelernt, war im Lateinischen recht gut bewandert und hatte sich unter seines Vaters Leitung, der in dieser Wissenschaft Meister war, mit Mathematik beschäftigt, von der Esmond gar nichts wußte. Er konnte auch nicht so gut lateinisch schreiben wie Tom, konnte es dafür aber viel besser sprechen. Das hatte er von seinem lieben Freund, dem Jesuitenpater, gelernt, den er mit wärmster Zuneigung im Gedächtnis behielt. Er las des Paters Bücher, putzte seine Waffen und durchwachte manche Nacht in seinem Zimmer, das jetzt ihm gehörte, mit seinen Heften, seinen Versen und allerlei Unsinn beschäftigt. Dann schaute er wohl manchmal zu dem geheimnisvollen Fenster auf und wünschte, es möchte sich öffnen und den geliebten Lehrer hereinlassen. Er war gekommen und gegangen wie ein Traum, und wären die Bücher und Säbel nicht gewesen und zwei Briefe, die aus dem Ausland kamen, so hätte Harry manchmal denken können, der Pater sei eine Schöpfung seiner Einbildungskraft. Der erste Brief war voll liebevoller Ratschläge; der zweite, kurz nach seiner Konfirmation durch den Bischof von Hexton, beklagte Esmonds Abfall. Aber Harry war so voll Zuversicht, daß er jetzt im rechten Glauben sei, und so überzeugt von seinen theologischen Einsichten, daß er meinte, selbst dem Pater mit seinen Argumenten gewachsen zu sein und ihn möglicherweise bekehren zu können.

Um auf den Glauben ihres jungen Schülers einzuwirken, hatte Esmonds freundliche Herrin die Bibliothek ihres Vaters, des Dechanten, in Anspruch genommen. Der alte Herr hatte sich in den Disputationen unter dem vorigen König sehr hervorgetan, hatte aber jetzt, als alter Krieger, die Waffen der Polemik an die Wand gestellt. Er nahm sie willig von ihren Borden herunter und ließ auch den jungen Esmond seiner persönlichen Belehrung teilhaftig werden. Es bedurfte keiner großen Überredungskraft, um den Knaben zum Glauben seiner Herrin zu bekehren, und der gute alte Dechant tat sich auf diese Konversion etwas zugute, die in Wahrheit einem anderen, sanfteren Lehrmeister zu danken war.

Unter Myladys freundlichen Augen (Mylords waren meist vom Schlafe versiegelt) las Esmond die Werke der berühmten englischen Geistlichen jener Zeit und wurde mit Wake und Sherlock, mit Stillingfleet und Patrick vertraut. Seine Herrin wurde niemals müde, vorzulesen oder zuzuhören, und betonte die Punkte, die ihr wichtig schienen und die ihre Gedanken besonders gefangennahmen, durch freundlich-erläuternde Worte. Nach dem Tode ihres Vaters trat eine gewisse Ungebundenheit in der Wahl der theologischen Lektüre ein, die der orthodoxe Dechant niemals zugelassen haben würde. Seine Lieblingsschriftsteller hatten sich mehr an den Verstand und die Alterseinsicht der Leser als an Gemüt und Phantasie gewandt; nun aber fanden die Werke von Bischof Taylor, selbst die von Herrn Baxter und Herrn Law, mehr Gnade vor Lady Castlewoods Augen als die strengeren Bücher unserer großen englischen Scholastiker.

Später, auf der Universität, als seine Beschützer beschlossen hatten, er solle Geistlicher werden, nahm Esmond diese polemischen Interessen wieder auf und betrieb sie in ganz anderer Form. Aber wenn auch das Herz seiner Herrin am geistlichen Beruf hing, so drängte es ihn selbst nicht sehr heftig dazu. Nach der ersten Glut einfältiger Inbrunst, die der geliebte Jesuitenpriester in ihm entzündet hatte, konnte die theologische Spekulation keinen rechten Reiz mehr auf den Geist des jungen Mannes ausüben. Nachdem man seine kindliche Gläubigkeit aufgestört hatte und seine Heiligen und Jungfrauen im Range beinahe bis zu den Gottheiten des Olymp herabgesunken waren, wurde sein Glaube mehr Zustimmung als glühender Eifer. Weniger aus innerem Drang als aus Gehorsam und Notwendigkeit fand er sich mit dem Gedanken ab, Priesterrock und Beffchen zu tragen, wie ein anderer Mann, nur um einen Lebensunterhalt zu haben, Panzer und Reiterstiefel anlegt oder den Kaufmannsschemel besteigt. Es waren zu Esmonds Zeiten viele junge Leute auf der Universität, die kein ernsterer Ruf als dieser zur Kirche trieb.

Als Thomas Tusher fort war, kam über den jungen Esmond eine gedrückte, unruhige Stimmung, über die er zwar nicht klagte, deren Ursache seine freundliche Herrin aber trotzdem erriet; denn sie ließ nicht nur merken, daß sie den Grund von Harrys Trübsinn verstand, sie verschaffte ihm auch ein Mittel dagegen. So war es ihre Art, unbemerkt alle zu beobachten, an die Pflicht oder Liebe sie band, und ihnen zu helfen, ihre Pläne zu verwirklichen, wenn es irgend in ihrer Macht stand. Wir nehmen solche Güte meist hin, als wenn sie unser gutes Recht wäre, die Marien, die uns Salbe für die wunden Füße bringen, haben wenig Dank von uns. Manche fühlen diese Ergebenheit gar nicht und empfinden weder Dank noch Anerkennung. Andere werden sich erst Jahre später darüber klar und können ihre Dankesschuld nur noch mit ein paar armseligen verspäteten Tränen bezahlen. Dann kehren uns vergeßne Worte der Liebe ins Gedächtnis zurück, freundliche Blicke tauchen aus der Vergangenheit auf – ach, so hell und klar, und so ersehnt, weil sie unerreichbar sind wie Festmusik im Gefängnis oder der Sonnenstrahl durch die Gitterstäbe. Er scheint uns leuchtender im Gegensatz zu dem Dunkel und der Einsamkeit, aus der kein Entrinnen ist.

Scheinbar nahm Lady Castlewood an Harry Esmonds Schwermut nur so viel Anteil, daß sie von ungewöhnlicher Heiterkeit war und dadurch seinen Trübsinn zu vertreiben suchte. Sie hielt seine drei Schüler, von denen sie selbst der wichtigste war, zu Munterkeit und Lerneifer an, und sie lasen und lernten alle mehr, als es sonst ihre Gewohnheit gewesen war. »Denn wer weiß«, sagte Mylady, »was geschehen kann, und wie lange wir einen so gelehrten Hofmeister behalten.«

Frank Esmond erklärte, daß er für sein Teil vom Lernen genug habe, und daß Vetter Harry, wenn er wolle, seine Bücher nur zumachen möge, damit sie zusammen fischen gehen könnten. Die kleine Beatrix sagte, sie würde nach Tom Tusher schicken, der würde froh genug sein, nach Castlewood zu kommen, wenn es Harry einfiele, wegzugehen.

Schließlich kam eines Tags ein Bote aus Winchester und brachte einen Brief mit einem großen schwarzen Siegel. Darin stand, daß Myladys Tante gestorben sei und ihr Vermögen, zweitausend Pfund, ihren sechs Nichten, den Töchtern des Dechanten, hinterlassen habe. Seither hat Harry Esmond sich so manches Mal an das gerötete Antlitz und den eifrigen Blick erinnert, den seine gute Herrin ihm bei dieser Nachricht zuwarf. Sie heuchelte keinen Kummer über den Tod der Verwandten, die seit langen Jahren fern von ihr und ihrer Familie gelebt hatte.

Als Mylord die Nachricht hörte, machte er auch kein sehr betrübtes Gesicht. »Das Geld kommt gerade recht, um das Musikzimmer neu einzurichten und den Keller zu füllen, der recht leer wird. Dann könnten wir auch für Mylady eine Kutsche kaufen und ein Paar Pferde, die zum Reiten und zum Fahren gleich gut sind. Beatrix soll ein Spinett haben und Frank ein kleines Pferd vom Markt in Hexton. Harry, du bekommst fünf Pfund und kannst dir Bücher dafür kaufen«, sagte Mylord, der freigebig mit seinem eigenen, aber auch mit anderer Leute Geld war. »Ich möchte, deine Tante stürbe jedes Jahr einmal, Rachel; wir können dein Geld gebrauchen und das all deiner Schwestern dazu.«

»Ich habe nur die eine Tante – und –, und ich habe etwas andres mit dem Gelde vor, Mylord«, sagte Mylady und wurde rot.

»Etwas andres, meine Liebe? Was verstehst du überhaupt von Geld?« rief Mylord. »Was, zum Teufel, könntest du dir wünschen, was ich dir nicht gebe?«

»Ich möchte mit dem Geld – können Sie nicht erraten, was, Mylord?«

Mylord schwor mit einem seiner langen Flüche, er habe keine Ahnung, was sie meinte.

»Ich möchte es Harry Esmond zum Studieren geben. Vetter Harry«, sagte Mylady, »du sollst nicht länger in dieser Enge bleiben, du mußt dir einen Namen machen und uns auch, Harry.«

»Verflucht, Harry hat es hier gut genug«, sagte Mylord und schaute für einen Augenblick recht verdrießlich drein.

»Geht Harry weg? Du gehst doch nicht weg?« schrien Frank und Beatrix in einem Atem.

»Er wird zurückkommen, und bei uns wird immer seine Heimat sein«, rief Mylady, und ihre blauen Augen leuchteten in himmlischer Güte, »und seine Schüler werden ihn immer liebhaben, nicht wahr?«

»Donnerwetter, Rachel, du bist eine gute Frau!« sagte Mylord und ergriff ihre Hand. Sie wurde dunkelrot, schrak zurück und schob ihre Kinder vor sich. »Ich gratuliere, Vetter«, fuhr Mylord fort und schlug Harry Esmond herzhaft auf die Schulter. »Ich will deinem Glück nicht im Wege sein. Geh nach Cambridge, mein Junge, und wenn Tusher stirbt, sollst du seine Stelle haben, wenn du dann nicht schon besser versorgt bist. Wir richten das Musikzimmer ein anderes Jahr ein, und die Pferde haben auch Zeit. Du kannst dir im Stall ein Pferd aussuchen – nimm nur nicht mein rotbraunes oder die Kutschpferde –, und Gott sei mit dir, mein Junge!«

»Nimm den Falben, Harry, der ist gut. Vater sagt, es ist der Beste im Stall«, sagte der kleine Frank, klatschte in die Hände und sprang auf. »Komm in den Stall, wir wollen ihn ansehen«, und Harry, in seinem Glück und Eifer, war sehr dafür, sich gleich in seine Reisevorbereitungen zu stürzen.

Lady Castlewood sah ihm mit traurigem, durchdringendem Blick nach. »Er möchte am liebsten schon fort sein, Mylord«, sagte sie zu ihrem Gatten.

Der junge Mann wandte sich bestürzt. »Ich würde ewig bleiben, wenn Euer Gnaden es mir gebieten würden«, sagte er.

»Da wärst du ein rechter Narr, Vetter«, warf Mylord ein. »Geh, geh, Junge, und sieh dir die Welt an. Säe deinen wilden Hafer und nimm dein Glück wahr. Ich möchte, ich wäre wieder jung und könnte auch auf die Universität gehen und Trumpington-Bier kosten.«

»Unser Haus ist wirklich zu trübselig«, rief Mylady, mit etwas Traurigkeit und vielleicht auch etwas Hohn in der Stimme, »ein altes, düstres Haus, halb zerstört und die andre Hälfte nur notdürftig eingerichtet. Eine Frau und zwei Kinder sind nicht die rechte Gesellschaft für Männer, die an Beßres gewöhnt sind. Wir sind nur geeignet, Euer Gnaden Hausmagd zu sein. Ihr Vergnügen müssen Sie sich notwendig anderswo suchen.«

»Ich will doch verdammt sein, wenn ich weiß, ob du das im Ernst oder im Spaß meinst, Rachel«, sagte Mylord.

»Im Ernst, Mylord!« sagte Mylady und hielt sich noch immer hinter einem ihrer Kinder. »Habe ich viel Grund zum Scherzen?«

Und sie machte ihm eine feierliche Verbeugung und warf Harry Esmond einen würdevollen Blick zu, der zu sagen schien: Denke daran, du verstehst mich, und er versteht mich nicht. Dann verließ sie mit ihren Kindern das Zimmer.

»Seitdem sie den verfluchten Handel in Hexton ausfindig gemacht hat – hol der Teufel die Leute, die ihr davon erzählt haben –, ist sie nicht mehr dieselbe Frau. Sie, die so demütig wie ein Milchmädchen war, ist jetzt so stolz wie eine Fürstin«, sagte Mylord. »Laß dir raten, Harry Esmond, halte dir die Weiber vom Leibe. Seit ich mich mit ihnen abgebe, habe ich nichts wie Ärger und Verdruß. Ich hatte eine Frau in Tanger; sie sprach kein Wort Englisch, und man sollte meinen, ich hätte ein friedliches Leben mit ihr führen können. Aber sie wollte mich vergiften, weil sie auf ein Judenmädchen eifersüchtig war. Dann war da deine Tante, denn deine Tante ist sie – Tante Jesabel. Ein schönes Leben hat dein Vater mit ihr geführt! Und hier nun Mylady. Als ich sie auf einem Reitkissen hinter dem Dechanten, ihrem Vater, zu Pferde sitzen sah, schaute sie so kindlich drein und war auch so kindlich, daß eine Sechspfennigpuppe ihr Vergnügen gemacht hätte. Du siehst, wie sie jetzt ist – rühr mich nicht an, aufgeblasen, hoch und mächtig, eine Kaiserin könnte sich nicht großartiger gebärden. Reich mir den Krug, Harry, mein Junge. Ein Glas Bier und ein Trinkspruch am Morgen, sagt der Herr Wirt. Ein Trinkspruch und ein Glas Bier am Abend, sagt mein Liebchen. Beim Teufel, Polly liebt auch ein Glas Bier, und mit Branntwein gemischt!« Ich glaube wirklich, sie tranken beides zusammen, denn Mylords Sprache war oft schon mittags unverständlich, und abends war er manchmal gänzlich sprachlos.

Als Harry Esmonds Fortgehen beschlossene Sache war, schien es, als sei Lady Castlewood auch froh, ihn ziehen zu sehen. Denn mehr als einmal, wenn der Knabe, beschämt über seinen Eifer, fortzukommen und überwältigt von Abschiedsschmerz, versuchte, seiner Herrin seine Dankbarkeit auszudrücken und seine Trauer, die zu verlassen, von denen er so viel Liebe und Güte erfahren hatte, so ließ sie ihn nicht ausreden. Sie wollte von Kummer nichts hören, wollte nur vorwärtsschauen auf Harrys künftigen Ruhm und seine Aussichten im Leben. »Von unsrer kleinen Erbschaft kannst du vier Jahre lang wie ein Edelmann leben. Des Himmels Fürsorge, deine eigne Begabung, dein Fleiß und dein Ehrgefühl müssen das übrige tun. Castlewood wird immer eine Heimat für dich sein, und diese Kinder, die du unterrichtet und geliebt hast, werden nie vergessen, dich liebzuhaben; und, Harry«, sagte sie, dieses eine Mal nur mit Tränen in den Augen und mit zitternder Stimme, »es könnte sein, daß ich ihnen genommen würde und ihr Vater auch – dann –, dann werden sie treue Freunde und Beschützer brauchen. Versprich mir, daß du ihnen dann beistehen willst, wie – wie ich glaube, daß ich es an dir getan habe. Einer Mutter Gebet und Segen wird mit dir sein.«

»Gott helfe mir, das will ich«, sagte Harry Esmond, fiel auf die Knie und küßte die Hand seiner geliebten; Herrin. »Wenn Sie möchten, daß ich jetzt bleibe, so bleibe ich. Was macht es, ob ich vorwärtskomme im Leben oder nicht, ob ein armer Bastard unbekannt und ruhmlos stirbt? Es genügt, daß ich Ihre Liebe und Güte genieße, und Sie glücklich zu machen, ist Pflicht genug für mich.«

»Glücklich!« sagte sie. »Das sollte ich doch wohl sein mit meinen Kindern und ...«

»Nicht glücklich!« rief Esmond, denn er wußte, was ihr Leben war, wenn sie auch beide nie ein Wort darüber verloren. »Wenn auch nicht Glück, so doch Behagen. Lassen Sie mich bleiben und für Sie arbeiten. Lassen Sie mich bleiben und Ihr Diener sein!«

»Es ist besser für dich, zu gehen«, sagte Mylady lachend, und ihre Hand ruhte einen Augenblick auf seinem Scheitel. »Du sollst nicht in diesem düsteren Schlosse bleiben. Du sollst auf die Universität gehen und dich auszeichnen, wie es deinem Namen zukommt. So wirst du mir die größte Freude machen, und – und wenn meine Kinder dich brauchen oder ich dich nötig habe, so kommst du zu uns. Ich weiß, daß wir auf dich rechnen können.«

»Das können Sie, bei meiner Seligkeit!« sagte Harry und erhob sich von den Knien.

»Mein Ritter wünscht sich einen Drachen herbei, um kämpfen zu können«, sagte Mylady lachend, und Harry Esmond fuhr zusammen und wurde rot. Er hatte sich eben wirklich eine Gefahr herbeigewünscht, um seine Ergebenheit beweisen zu können. Es machte ihm Freude, daß Mylady ihn ihren »Ritter« genannt hatte; er dachte oft an ihre Worte und betete um Kraft, ihr ein wahrhaft treuer Ritter zu sein.

Das Fenster von Myladys Schlafzimmer sah ins Land hinaus, der Blick ging auf die purpurnen Hügel hinter dem Dorf, auf die grünen Wiesen zwischen Dorf und Schloß und auf die alte Brücke, die über den Fluß führte. Als Harry Esmond nach Cambridge aufbrach, rannte der kleine Frank bis zur Brücke hinunter neben seinem Pferde her. Harry ließ das Pferd einen Augenblick halten und sah nach dem Hause zurück, wo er die besten Jahre seines Daseins verlebt hatte. Da lag es vor ihm mit seinen grauen Türmen; hier und da leuchtete eine Zinne in der Sonne auf, die Mauern und Strebepfeiler warfen große blaue Schatten aufs Gras. Seine Herrin stand am Fenster und sah ihm nach; sie hatte ein weißes Kleid an, und dicht neben ihr glänzten die kastanienbraunen Locken der kleinen Beatrix. Sie winkten ihm beide ein Lebewohl zu, und der kleine Frank schluchzte bitterlich. Ja, er wollte Myladys treuer Ritter sein, das gelobte er sich, und schwenkte zum Abschied seinen Hut. Die Leute im Dorf wollen ihm auch Lebewohl sagen. Sie wußten alle, daß Junker Harry zur Universität zog, und die meisten hatten ein freundliches Wort für ihn zum Abschied. Ich will mich nicht damit aufhalten, all die Abenteuer aufzuzählen, die ihm seine Einbildungskraft vorgegaukelt hatte, ehe er drei Meilen weit geritten war. Er hatte noch nicht Gallands »Tausendundeine Nacht« gelesen; aber der brave Alnaschar ist nicht der einzige Mensch, der Luftschlösser baute und schöne Hoffnungen hatte, die sich auch wieder zerschlugen.

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