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Henrich Stillings Jünglings-Jahre / 1

Johann Heinrich Jung-Stilling: Henrich Stillings Jünglings-Jahre / 1 - Kapitel 9
Quellenangabe
typeautobio
booktitleHenrich Stillings Jugend, Jünglingsjahre, Wanderschaft und häsliches Leben
authorJohann Heinrich Jung-Stilling
year1997
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-000662-7
titleHenrich Stillings Jünglings-Jahre / 1
pages85-194
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1778
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Endlich sprung sie wieder an seinen Arm, und ging mit ihm fort. »Du weinst, Faramund!« sagte sie, »aber du beißest mich doch nicht, heiß mich Lore, ich will dich Faramund heißen; willst du?« »Ja!« sagte Stilling mit Tränen, »sei du Lore ich bin Faramund. Arme Lore! was wird die Mutter sagen?«

»Hab ihr da so ein welkes Sträußchen gebunden, mein Faramund! aber du weinst?«

»Ich weine um Lore.«

»Lore ist ein gutes Mädchen. Bist du wohl in der Hölle gewesen, Faramund?«

»Davor bewahr uns Gott!«

Nun griff sie seine rechte Hand, legte sie unter ihre linke Brust, und sagte: »Wie's da klopft! – da ist die Hölle – da gehörst du hinein, Faramund!« – Sie knirschte auf den Zähnen, sahe wild um sich her. »Ja!« fuhr sie fort, »du bist schon da drinnen! – aber – wie ein böser Engel!« – Hier hielt sie ein, weinte. »Nein«, sagte sie, »so nicht, so nicht!«

Unter dergleichen Reden, die dem guten Stilling scharfe Messer im Herzen waren, kamen sie nach Hause. Sowie sie über die Schwelle traten, kam Maria aus der Küchen, und die Mutter aus der Stubentür heraus. Anna flog der Mutter um den Hals, küßte sie, und sagte: »Ach, liebe Mutter! ich bin nun so fromm geworden, so fromm, wie ein Engel, und du, Mariechen, magst sagen, was du willst, (sie dräute ihr mit der Faust) du hast mir meinen Schäfer genommen, du weidest da in guter Ruh'. – Aber, kannst du das Liedchen

›Es graste ein Schäflein am Felsenstein‹?«

Sie hüpfte in die Stube und küßte alle Menschen, die sie sahe. Frau Schmoll und Maria weinten laut. »Ach! was muß ich erleben!« sagte die gute Mutter, und heulte laut. Stilling erzählte indessen alles, was er von der Tante gehört hatte, und trauerte herzlich um sie. Seine Seele, die ohnehin so empfindsam war, versunk in tiefen Kummer. Denn er sah nunmehr wohl ein, woher das Unglück entstanden war, und doch durfte er keinem Menschen ein Wörtchen davon sagen. Maria merkte es auch, sie spiegelte sich an ihrer Schwester, und zog ihr Herz allmählich von Stilling ab, indem sie andern braven Jünglingen Gehör gab, die um sie wurben. Indessen brachte man die arme Anna oben im Hause auf ein Zimmer, wo man eine alte Frau bei sie tat, die auf sie achthaben, und ihrer warten mußte. Sie wurde zuweilen ganz rasend, so, daß sie alles zerriß, was sie nur zu fassen bekam; man rief alsdann den Schulmeister, weil man keine andre Mannsperson, außer dem Knecht, im Hause hatte: dieser konnte sie bald zur Ruhe bringen, er hieß sie nur Lore, dann hieß sie ihn Faramund, und war so zahm, wie ein Lämmchen.

Ihr gewöhnlicher Zeitvertreib bestund darinnen, daß sie eine Schäferin vorstellte; und diese Idee muß bloß von obigem Lied hergekommen sein, denn sie hatte gewiß keine Schäfergeschichte, oder Idyllen gelesen, ausgenommen einige Lieder, welche von der Art in Schmolls Hause gäng und gäbe waren. Wenn man zu ihr hinaufkam, so hatte sie ein weißes Hemd über ihre Kleider angezogen, und einen rundum abgezügelten Mannshut auf dem Kopf. Um den Leib hatte sie sich mit einem grünen Band gegürtet, dessen lang herabhängendes Ende sie ihrem Schäferhund, den sie Phylax hieß, und der niemand anders als ihre alte Aufwärterin war, um den Hals gebunden hatte. Das gute alte Weib mußte auf Händen und Füßen herumkriechen, und so gut bellen als sie konnte, wenn sie von ihrer Gebieterin gehetzt wurde; öfters war's mit dem Bellen nicht genug, sondern sie mußte sogar einen oder den andern ins Bein beißen. Zuweilen war die Frau müde die Hundsrolle zu spielen, allein sie bekam alsdenn derbe Schläge, denn Anna hatte beständig einen langen Stab in der Hand: indessen ließ sich die gute Alte gern dazu gebrauchen, weilen sie Anna damit stillen konnte, und nebst gutem Essen und Trinken einen schönen Lohn bekam.

Dieses Elend dauerte nur einige Wochen. Anna kam wieder zu sich selbst, sie bedauerte sehr den Zustand worin sie gewesen war, wurde vorsichtiger und vernünftiger als vorhin, und Stilling lebte wieder neu auf, besonders als er nun merkte, daß er zweien so gefährlichen Klippen entgangen war. Unterdessen entdeckte niemand in der Familie jemalen, was die wahre Ursache von Annens Unfall gewesen war.

Stilling besorgte seine Schule unverdrossen fort; doch ob er gleich Fleiß anwandte, seinen Schülern Wissenschaften beizubringen, so fanden sich doch ziemlich viele unter seinen Bauern die ihm begonnten recht feind zu werden. Die Ursache davon ist nicht zu entwickeln; Stilling war einer von denen Menschen, die niemand gleichgültig sind, entweder man mußte ihn lieben oder man mußte ihn hassen; die erstern sahen auf sein gutes Herz, und vergaben ihm seine Fehler gern; die andern betrachteten sein gutes Herz als dumme Einfalt, seine Handlungen als Fuchsschwänzereien, und seine Gaben als Prahlsucht. Diese wurden ihm unversöhnlich feind, und je mehr er sie seinem Charakter gemäß mit Liebe zu gewinnen suchte, je böser sie wurden; denn sie glaubten nur, es sei bloß Schmeichelei von ihm, und wurden ihm nur desto feindseliger. Endlich beging er eine Unvorsichtigkeit, die ihn vollends um die Preisinger Schule brachte, wie gut die Sache auch an seiner Seiten gemeint war.

Er band sich nicht gern an die alte gewöhnliche Schulmethode, sondern suchte allerhand Mittel hervor, um sich und seine Schüler zu belustigen; deswegen ersann er täglich etwas Neues. Sein erfinderischer Geist fand vielerlei Wege, dasjenige was die Kinder zu lernen hatten, ihnen spielend beizubringen. Viele seiner Bauern sahen es als nützlich an, andere betrachteten es als Kindereien, und ihn als einen Stocknarren. Besonders aber fing er ein Stück an, das allgemeines Aufsehen machte. Er schnitte weiße Blätter in der Größe wie Karten: diese bezeichnete er mit Nummern; die Nummern bedeuteten diejenigen Fragen des Heidelbergischen Katechismus, welche die nämliche Zahl hatten; diese Blätter wurden von vier oder fünf Kindern gemischt, soviel ihrer zusammen spielen wollten, alsdann wie Karten umgegeben und gespielt; die größere Nummer stach immer die kleinere ab; derjenige, welcher am letzten die höchste Nummer hatte, brauchte nur die Frage zu lernen, die seine Nummer anwies, und wenn er sie schon vorhin gekonnt hatte, so lernte er nichts bis den andern Tag, die andern aber mußten lernen, was sie vor Nummern vor sich liegen hatten, und ihr Glück bestand darin, wenn sie viele der Fragen wußten, die ihnen in ihren Nummern zugefallen waren. Nun hatte Stilling zuweilen das Kartenspielen gesehen, und auch sein Spiel davon abstrahiert, allein er verstand gar nichts davon, doch wurde es ihm so ausgelegt und die ganze Sache seinem Vetter, dem Herrn Pastor Goldmann, auf der schlimmsten Seite vorgetragen.

Dieser vortreffliche Mann liebte Stillingen von Herzen, und seine Unvorsichtigkeit schmerzte ihn aus der Maßen; er ließ den Schulmeister zu sich kommen, und stellte ihn wegen dieser Sache zur Rede. Stilling erzählte ihm alles freimütig, zeigte ihm das Spiel vor und überführte ihn von dem Nutzen den er dabei verspüret hatte. Allein Herr Goldmann, der die Welt besser kannte, sagte ihm: »Mein lieber Vetter! man darf heutiges Tages ja nicht bloß auf den Nutzen einer Sache sehen, sondern man muß auch allezeit wohl erwägen, ob die Mittel, dazu zu gelangen, den Beifall der Menschen haben, sonst erntet man Stank für Dank, und Hohn für Lohn; so geht's Euch jetzt, und Eure Bauren sind so aufgebracht, daß sie Euch nicht länger als bis Michaelis behalten wollen; sie sind willens: wenn Ihr nicht gutwillig abdankt, die ganze Sache dem Inspektor anzuzeigen, und Ihr wißt was der vor ein Mann ist. Nun wär' es doch schade, wenn die Sache so weit getrieben würde; weilen Ihr alsdann hier im Lande nie wieder Schulmeister werden könntet: ich rate Euch deswegen, danket ab! und sagt heute noch Eurer Gemeinde, Ihr wäret des Schulhaltens müde, sie möchten sich einen andern Schulmeister wählen. Ihr bleibt alsdann in Ehren, und es wird nicht lange währen so werdet Ihr eine bessere Schule bekommen, als diese die Ihr bedient habt. Ich werde Euch indessen liebhaben, und sorgen, daß Ihr glücklich werden mögt so viel ich nur kann.«

Diese Rede drung Stilling durch Mark und Bein, er wurde blaß und die Tränen stunden ihm in die Augen. Er hatte sich die Sache vorgestellt wie sie war, und nicht wie sie ausgelegt werden könnte; doch sah er ein, daß sein Vetter ganz recht hatte; er war nun abermal gewitzigt, und er nahm sich vor, in Zukunft äußerst behutsam zu sein. Doch bedauerte er bei sich selber, daß seine mehresten Amtsbrüder mit weniger Geschicklichkeit und Fleiß, doch mehr Ruhe und Glück genössen als er, und er begonnte einen dunklen Blick in die Zukunft zu tun, was doch wohl der himmlische Vater noch mit ihm vor haben möchte. Als er nach Haus kam, kündigte er mit inniger Wehmut seiner Gemeinde an, daß er abdanken wollte. Der größte Teil erstaunte, der böseste Teil aber war froh, denn sie hatten schon jemand im Vorschlag, der sich besser zu ihren Absichten schickte, und nun hinderte sie niemand mehr dieselben zu erreichen. Die Frau Schmoll und ihre Töchter konnten sich am übelsten darin finden, denn erstere liebte ihn, und die beiden letztern hatten ihre Liebe in eine herzliche Freundschaft verwandelt, die aber doch gar leicht wieder hätte in erstern Brand geraten können, wenn er sich zärtlicher gegen sie ausgelassen, oder daß sich eine andere Möglichkeit den erwünschten Zweck zu erreichen geäußert hätte. Sie weinten alle drei, und fürchteten den Tag des Abschieds, doch der kam mehr als zu früh. Die Mädchen versunken in stummen Schmerz, Frau Schmoll aber weinte; Stilling ging wie ein Trunkener; sie hielten an ihm an, sie oft zu besuchen; er versprach das, und taumelte wieder mitternachtwärts den Berg hinauf; auf der Höhe sah er nochmals nach seinem lieben Preisingen um, setzte sich hin und weinte. Ja! dachte er: Lampe singt wohl recht; »Mein Leben ist ein Pilgrimstand« – Da geh ich schon das drittemal wieder an das Schneiderhandwerk, wann ehr mag es doch wohl endlich Gott gefallen, mich beständig glücklich zu machen! hab ich doch keine andere Absicht, als ein rechtschaffener Mann zu werden. Nun befahl er sich Gott, und wanderte mit seinem Bündel auf Leindorf zu.

Nach dem Verlauf zweier Stunden kam er daselbst an. Wilhelm sah ihn zornig an als er zur Tür hereintrat; das ging ihm durch die Seele, seine Mutter aber sah ihn gar nicht an, er setzte sich hin und wußte nicht wie ihm war. Endlich fing sein Vater an: »Bist du wieder da, ungeratener Junge? ich hab mir eitle Freude deinetwegen gemacht, was helfen dich deine brotlosen Künste? – das Handwerk ist dir zuwider, sitzest da seufzen und seufzen, und wenn du Schulmeister bist, so will's nirgend fort. Zu Zellberg warst ein Kind und hattest kindische Anschläge, darum gab man dir was zu; zu Dorlingen warst ein Schuhputzer, so gar kein Salz und Kraft hast bei dir; hier zu Leindorf ärgertest du die Leute mit Sächelchen, die weder dir noch andern nutzen, und zu Preisingen mußt d' entfliehen, um so eben deine Ehre zu retten. Was willst nun hier machen? – Du mußt Handwerk und Feldarbeit ordentlich verrichten, oder ich kann dich nicht brauchen.« Stilling seufzte tief und antwortete: »Vater! ich fühl es in meiner Seelen, daß ich unschuldig bin, ich kann mich aber nicht rechtfertigen; Gott im Himmel weiß alles! ich muß zufrieden sein, was Er über mich verhängen wird. Aber:

Endlich wird das frohe Jahr,
Der erwünschten Freiheit kommen!

Es wäre doch entsetzlich, wenn mir Gott Triebe und Neigungen in die Seele gelegt hätte, und seine Vorsehung weigerte mir, solang ich lebe, die Befriedigung derselben!«

Wilhelm schwieg, und legte ihm ein Stück Arbeit vor. Er setzte sich hin und fing wieder an zu arbeiten; er hatte ein so gutes Geschicke darzu, daß sein Vater oft zu zweifeln anfing, ob er nicht gar von Gott zum Schneider bestimmt sei? Dieser Gedanke aber war Stillingen so unerträglich, daß sich seine ganze Seele dagegen empörete; er sagte dann auch wohl zuweilen, wenn Wilhelm so etwas vermutete: »Ich glaube nicht, daß mich Gott in diesem Leben zu einer beständigen Hölle verdammt habe.«

Es war nunmehro Herbst, und die Feldarbeit mehrenteils vorbei, daher mußte er fast immer auf dem Handwerk arbeiten, und dieses war ihm auch lieber, seine Glieder konnten es besser aushalten. Dennoch aber fand sich seine tiefe Traurigkeit bald wieder, er war wie in einem fremden Lande von allen Menschen verlassen. Dieses Leiden hatte so etwas ganz Besonders und Unbeschreibliches; das einzige was ich nie habe begreifen können, war dieses: Sobald die Sonne schien, fühlte er sein Leiden doppelt, das Licht und Schatten des Herbstes brachte ihm ein so unaussprechliches Gefühl in seine Seele, daß er für Wehmut oft zu vergehen glaubte, hingegen wenn es regnicht Wetter und stürmisch war, so befand er sich besser, es war ihm als wenn er in einer dunklen Felsenkluft säße, er fühlte dann eine verborgene Sicherheit, wobei es ihm wohl war. Ich hab unter seinen alten Papieren noch einen Aufsatz gefunden, den er diesen Herbst im Oktober an einem Sonntag nachmittag verfertiget hat; es heißt unter andern darinnen:

Gelb ist die Trauerfarbe
Der sterbenden Natur,
Gelb ist der Sonnenstrahl;
Er kommt so schief aus Süden,
Und lagert sich so müde
Langs Feld und Berge hin;
Die kalte Schatten wachsen,
Auf den erblaßten Rasen,
Wird's grau von Frost und Reif,
Der Ost ist scharf und herbe,
Er stößt die falben Blätter,
Sie nieseln auf den Frost usw.

An einem andern Ort heißt es:

Wenn ich des Nachts erwache,
So heult's im Loch der Eulen,
Die Eiche saust im Wind.
Es klappern an den Wänden,
Die halb verfaulten Bretter,
Es rast der wilde Sturm.
Dann ist's mir wohl im Dunkeln,
Dann fühl ich tiefen Frieden,
Dann ist's mir traurig wohl usw.

Wenn sein Vater guter Laune war, so daß er sich in etwa an ihn entdecken durfte, so klagte er ihm zuweilen sein inneres trauriges Gefühl. Wilhelm lächelte dann und sagte: »Das ist etwas welches wir Stillinge nicht kennen, das hast du von deiner Mutter geerbt. Wir sind immer gut Freund mit der Natur, sie mag grün, gelb, oder weiß aussehen; wir denken dann das muß so sein, und es gefällt uns. Aber deine selige Mutter hüpfte und tanzte im Frühling, im Sommer war sie munter und geschäftig, im Anfang des Herbsts fing sie an zu trauern, bis Weihnachten weinte sie, und dann fing sie an zu hoffen, und die Tage zu zählen, im März lebte sie schon halb wieder auf.« Wilhelm lächelte, schüttelte den Kopf und sagte: »Es sind doch besondere Dinge!« – »Ach!« seufzte dann Heinrich oft in seinem Herzen: »möchte sie noch leben, sie würde mich am besten verstehen!« –

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