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Henrich Stillings Jünglings-Jahre / 1

Johann Heinrich Jung-Stilling: Henrich Stillings Jünglings-Jahre / 1 - Kapitel 8
Quellenangabe
typeautobio
booktitleHenrich Stillings Jugend, Jünglingsjahre, Wanderschaft und häsliches Leben
authorJohann Heinrich Jung-Stilling
year1997
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-000662-7
titleHenrich Stillings Jünglings-Jahre / 1
pages85-194
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1778
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Die Frau Schmoll lernte ihn auch immer mehr und mehr kennen, und so wuchs auch ihre Liebe zu ihm. Sie bedauerte nichts mehr, als daß er ein Schneider und Schulmeister war, beide Teile waren in ihren Augen schlechte Mittel ans Brot zu kommen; sie hatte auf ihre Weise ganz recht; Stilling wußte das so gut wie sie; aber seine Nebengeschäfte gefielen ihr ebensowenig, sie sagte wohl zuweilen im Scherz: »Entweder der Schulmeister kommt noch einst an meine Tür und bettelt, oder er kommt geritten und ist zum Herrn geworden, so, daß wir uns tief vor ihm bücken müssen.« Dann präsentierte sie ihm ihre Schnupftabaksdose, klopfte ihm auf die Schulter, und sagte: »Nehmt einmal ein Prischen, wir erleben noch etwas zusammen.« Stilling lächelte dann, nahm's und sagte: »Der Herr wird's versehen.« Dieses währte so fort, bis ins zweite Jahr seines Schulamts zu Preisingen. Da fingen die beiden Mädchen an, ihre Liebe gegen den Schulmeister mehr und mehr zu äußern. Maria bekam Mut sich klärer zu entdecken, und die Hindernisse demselben leichter zu machen; er fühlte recht innig, daß er sie lieben konnte, aber ihm graute vor den Folgen; daher fuhr er fort, jeden Gedanken an sie zu widerstehen, doch war er immer insgeheim zärtlich gegen sie; es war ihm unmöglich spröde zu sein. Anna sah das, und verzweifelte; sie entdeckte sich nicht, schwieg und verbiß ihren Gram. Stilling merkte aber davon nichts, er ahndete nicht einmal etwas Verdrießliches; sonst würde er klug genug gewesen sein, um ihr auch zärtlich zu begegnen. Sie wurde still und melancholisch; niemand wußte, was ihr fehlte. Man suchte ihr allerhand Veränderungen zu machen, aber alles war vergebens. Endlich wünschte sie ihre Tante zu besuchen, die eine starke Stunde von Preisingen, nahe bei der Stadt Salen, wohnte. Man erlaubte ihr dieses gern, und sie ging mit einer Magd fort, welche desselbigen Abends wiederkam, und versicherte, daß sie ganz munter geworden sei, als sie bei ihre Freunde gekommen wäre. Nach einigen Tagen fing man an sie zu erwarten; allein, sie blieb aus, und man hörte und sahe gar keine Nachricht von da her. Die Frau Schmoll fing an zu sorgen, sie konnte nicht begreifen, wo das Mädchen bliebe, sie fuhr allemal zusammen, wenn des Abends die Tür aufging, und fürchtete eine Trauerpost zu hören. Des folgenden Samstags mittags ersuchte sie den Schulmeister, ihr Annchen wiederzuholen, er war nicht abgeneigt dazu, machte sich fertig und ging fort.

Es war spät im Oktober, die Sonne stund niedrig in Süden, an den Bäumen hing noch da und dort ein grüngelbes Blatt, und ein kältlicher Ostwind pfiff in den blätterlosen Birken. Er mußte über eine große lange Heide gehen; hier fühlte er so etwas Schauderhaftes und Melancholisches, er dachte die Vergänglichkeit aller Dinge; ihm war's beim Abschied der schönen Natur, wie bei dem Abschied einer lieben Freundin; allein, ihn schreckte auch ein dunkeles Ahnden, so, als wenn man beim Mondschein, an einem berüchtigten einsamen Ort vorbeigeht, wo man Gespenster vermutet. Er ging und kam bei der Tante an. Sowie er zur Tür hereintrat, hüpfte ihm Anna mit fliegenden Haaren, und vernachlässigten Kleidern, entgegen, hüpfte ein paarmal um ihn herum, und sagte:

»Du bist mein lieber Knabe! du liebst mich aber nicht. Wart du! sollst auch kein Blumensträußchen haben! – So ein Sträußchen – von Blumen, die an Felsen und Klippen wachsen, – so ein Feldkümmelsträußchen, das ist für dich! –«

Stilling erstarrte, er stund und sagte kein Wort. Die Tante sah ihn an, und weinte, sie aber hüpfte und tanzte wieder fort, und sung:

Es graste ein Schäflein am Felsenstein,
    Fand keine süße Weide,
Der Schäfer ging und pflegte nicht sein,
    Das tat dem Schäflein so leide.

Zwei Tage vorher war sie des Abends vernünftig und gesund zu Bett gegangen, des Morgens aber war sie ebenso gewesen, wie sie Stilling nun fand, niemand konnte die Ursache erraten, woher dieses Unglück seinen Ursprung genommen, der Schulmeister selber wußte sie damals noch nicht, bis er sie hernach aus ihren Reden erfahren hat.

Die ehrliche Frau wollte beide heute nicht gehen lassen, sondern sie ersuchte Stillingen die Nacht dazubleiben, und morgen mit der armen Nichte nach Haus zu gehen, er entschloß sich willig dazu, und blieb da.

Des Abends, während dem Essen, saß sie ganz still am Tisch, aß aber sehr wenig. Stilling fragte sie: »Sage mir, Anna, schmeckt dir das Essen nicht?« Sie antwortete: »Ich habe gegessen, aber es bekommt mir nicht gut, habe Herzweh!« Sie sah wild aus. »Stille!« fuhr der Schulmeister fort, »du mußt ruhig sein; du warst sonst ein sanftes ruhiges Mädchen, wie ist das, daß du dich so verändert hast? Du siehst, die Tante weint über dich, tut dir das nicht leid? ich selber habe über dich weinen müssen, besinne dich doch einmal! du warst sonst nicht, wie du nun bist, sei doch wie du sonst warst!« Sie versetzte. »Höre! soll ich dir ein fein Stückchen erzählen?

Es war einmal eine alte Frau.«

Nun stund sie auf, machte sich krumm, nahm einen Stock in die Hand, ging in der Stube herum, und machte die Figur einer alten Frauen ganz natürlich nach.

»Du hast wohl ehe eine alte Frau sehn betteln gehen. Diese alte Frau bettelte auch, und wenn sie etwas bekam, dann sagte sie: ›Gott lohn' euch!‹ Nicht wahr? so sagen die Bettelleute, wenn man ihnen etwas gibt? – Die Bettelfrau kam an eine Tür – an eine Tür! – Da stund ein freundlicher Schelm vom Jungen am Feuer und wärmte sich – Das war so ein Junge, als –«

Sie winkte den Schulmeister an.

»Der Junge sagte freundlich zu der armen alten Frauen, wie sie so an der Tür stund und zitterte: ›Kommt, Altmutter, und wärmt Euch!‹ Sie kam herzu.«

Nun ging sie auch wieder ganz bebend, kam und stund krumm neben Stillingen.

»Sie ging aber zu nahe ans Feuer stehn; – ihre alte Lumpen fingen an zu brennen, und sie ward's nicht gewahr. Der Jüngling stund und sah das. – Er hätt's doch löschen sollen, nicht wahr, Schulmeister? – Er hätt's löschen sollen?«

Stilling schwieg. Er wußte nicht, wie ihm war; er hatte so eine dunkle Ahndung, die ihn sehr melancholisch machte. Sie wollte aber eine Antwort haben; sie sagte:

»Nicht wahr, er hätte löschen sollen? – Gebt mir eine Antwort, so will ich auch sagen: ›Gott lohn' Euch!‹.«

»Ja!« erwiderte er, »er hätte löschen sollen. Aber, wenn er nun kein Wasser hatte, nicht löschen konnte!« – Stilling stund auf, er fand keine Ruhe mehr, doch durfte er sich's nicht merken lassen.

»Ja! (fuhr Anna fort, und weinte) dann hätte er alles Wasser in seinem Leibe zu den Augen heraus weinen sollen, das hätte so zwei hübsche Bächlein gegeben zu löschen.«

Sie kam wieder und sah ihm scharf ins Gesicht; die Tränen stunden ihm in die Augen.

»Nun, die will ich dir doch abwischen!«

Sie nahm ihr weißes Schnupftüchlein, wischte sie ab, und setzte sich wieder still an ihren Ort. Alle waren still und traurig. Darauf gingen sie zu Bett.

Stillingen kam kein Schlaf in die Augen; er meinte nicht anders, als wenn ihm das Herz im Leibe für lauter Mitleid und Erbarmen zerspringen wollte. Er besann sich, was da wohl seine Pflicht wäre? – Sein Herz sprach für sie um Erbarmung, sein Gewissen aber forderte die strengste Zurückhaltung. Er untersuchte nun, welcher Forderung er folgen müßte? Das Herz sagte: Du kannst sie glückselig machen. Das Gewissen aber: Diese Glückseligkeit ist von kurzer Dauer, und dann folgt ein unabsehlich langes Elend darauf. Das Herz meinte: Gott könnte die zukünftigen Schicksale wohl recht glücklich ausfallen lassen; das Gewissen aber urteilte: man müßte Gott nicht versuchen, und nicht von ihm erwarten, daß er, um ein paar Leidenschaften zweier armer Würmer willen, eine ganze Verkettung vieler aufeinander folgender Schicksale, wobei so viele andre Menschen interessiert sind, zerreißen und verändern solle. »Das ist auch wahr!« sagte Stilling, sprang aus dem Bett, und wandelte auf und ab, »ich will freundlich gegen sie sein, aber mit Ernst und Zurückhaltung.«

Des Sonntags morgens begab sich der Schulmeister mit der armen Jungfer auf den Weg. Sie wollte absolut an seinem Arm gehen; er ließ das nicht gern zu, weil es ihm sehr übel würde genommen worden sein, wenn es ehrbare Leute gesehen hätten. Doch er überwand dieses Vorurteil, und führte sie am rechten Arm. Als sie auf obengedachte Heide kamen, verließ sie ihn, spazierte umher, und pflückte Kräuter, aber keine grüne, sondern solche, die entweder halb, oder ganz welk und dürre waren. Dabei sunge sie folgendes Lied.

Es saß auf grüner Heide,
    Ein Schäfer grau und alt :,:
Es grasten auf der Weide
    Die Schäflein langs den Wald.
Sonne, noch einmal, blicke zurücke!

Der Schäfer, krumm und müde,
    Stieg bei der Herde her :,:
Und wann die Sonne glühte,
    Dann war sein Gang so schwer.
Sonne, noch einmal, blicke zurücke!

Sein Mädchen jung und schöne,
    Sein einzigs Töchterlein :,:
War vieler Schäfer Söhne,
    Ihr einziger Wunsch allein.
Sonne, noch einmal, blicke zurücke!

Doch einer unter allen,
    Der edle Faramund :,:
Tät ihr allein gefallen
    In ihres Herzens Grund.
Sonne, noch einmal, blicke zurücke!

Es hatte ihn gebissen
    Ein fremder Schäferhund :,:
Sein Fleisch war ihm zerrissen,
    Sein Fuß war ihm verwundt.
Sonne, noch einmal, blicke zurücke!

Sie gingen einmal beide
    Im Walde hin und her :,:
Eins an des andern Seite,
    Das Herz war jedem schwer.
Sonne, noch einmal, blicke zurücke!

Sie kamen nah zur Heide,
    Allwo der Vater saß :,:
Es trauerten an der Weide
    Die Schäflein in dem Gras.
Sonne, noch einmal, blicke zurücke!

Auf einem grünen Rasen
    Stand Faramund starr und fest :,:
Die bangen Vögelein saßen
    Ganz still in ihrem Nest.
Sonne, noch einmal, blicke zurücke!

Er fiel, mit blanken Zähnen,
    Sein armes Mädchen an :,:
Sie rief mit tausend Tränen
    Ihn um Erbarmen an.
Sonne, noch einmal, blicke zurücke!

Das bange Seelenzagen
    Hört nun der Vater bald :,:
Des Mädchens Ach und Klagen
    Erscholl im ganzen Wald.
Sonne, noch einmal, blicke zurücke!

Der Vater, steif und bebend,
    Lief langsam stolpernd hin :,:
Er fand sie kaum mehr lebend,
    Ihm starrte Mut und Sinn.
Sonne, noch einmal, blicke zurücke.

Der Jüngling kehrte wieder
    Von seiner Raserei :,:
Und fiele sterbend nieder,
    Zog Lorens Haupt herbei.
Sonne, noch einmal, blicke zurücke!

Und unter tausend Küssen
    Flog hin das Seelenpaar :,:
In matten Tränengüssen
    Entflohn sie der Gefahr.
Sonne, noch einmal, blicke zurücke!

Nun wankt, im Seelenleiden,
    Der Vater hin und her :,:
Ihn fliehen alle Freuden,
    Kein Sternlein glänzt ihm mehr.
Sonne, noch einmal, blicke zurücke!

Stilling mußte sich mit Gewalt halten, daß er nicht hart weinte und heulte. Sie stund oft gegen der Sonne über, sah sie zärtlich an, und sung dann: »Sonne, noch einmal, blicke zurücke!« Ihr Ton war sanft, wie einer Turteltauben, wenn sie vor dem Untergang der Sonne noch einmal girrt. Ich wünschte, daß meine Leser nur die sanfte harmonische Melodien dieses und anderer in dieser Geschichte vorkommenden Lieder hätten, sie würden dieselben doppelt empfinden; doch werde ich sie vielleicht dereinsten auch drucken lassen.

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