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Henrich Stillings Jünglings-Jahre / 1

Johann Heinrich Jung-Stilling: Henrich Stillings Jünglings-Jahre / 1 - Kapitel 5
Quellenangabe
typeautobio
booktitleHenrich Stillings Jugend, Jünglingsjahre, Wanderschaft und häsliches Leben
authorJohann Heinrich Jung-Stilling
year1997
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-000662-7
titleHenrich Stillings Jünglings-Jahre / 1
pages85-194
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1778
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Henrich Stillings Leiden stürmten nun mit voller Kraft auf ihn zu, er glaubte fest, er sei nicht zum Schneiderhandwerk geboren, und er schämte sich von Herzen so dazusitzen, und zu nähen; wenn daher jemand Ansehnliches in die Stube kam so wurde er rot im Gesicht.

Einige Wochen hernach begegnete dem Ohm Simon Herr Pastor Stollbein im Fuhrweg; als er den Pastor von ferne herreiten sahe, arbeitete er sich über Hals und Kopf mit dem Ochsen und seiner Karre aus dem Wege auf das Feld, stellte sich mit dem Hut in der Hand neben den Ochsen hin, bis Herr Stollbein herzukam.

»Nu, was macht euers Schwagers Sohn?«

»Er sitzt am Tisch und näht!«

»Das ist recht! so will ich's haben!«

Stollbein ritte fort, und Simon fuhr seiner Wege nach Haus. Alsofort erzählte er Wilhelmen was der Pastor gesagt hatte; Henrich hörte es mit größtem Herzeleid; ermunterte sich aber wieder, als er sahe, wie sein Vater mit aufgebrachtem Gemüt, das Nähzeug von sich warf, aufsprang, und mit Heftigkeit sagte: »Und ich will haben er soll Schul' halten, sobald sich Gelegenheit dazu äußert!« Simon versetzte, »Ich hätt' ihn zu Zellberg gelassen, der Pastor wird doch noch zu bezwingen sein.« »Das hätte wohl geschehen können«, antwortete Wilhelm, »aber man hat ihn hernach doch immer auf den Hals, und wird seines Lebens nicht froh. Leiden ist besser als Streiten.« »Meinetwegen«, fuhr Simon fort, »ich schier mich nichts um ihn, er sollte mir nur einmal zu nahe kommen!« Wilhelm schwieg, und dachte: das läßt sich in der Stube hinterm Ofen gut sagen.

Die mühselige Zeit des Handwerks dauerte vorjetzo nicht lange, denn vierzehn Tage vor Weihnachten kam ein Brief von Dorlingen aus der westfälischen Grafschaft Mark in Stillings Hause an. Es wohnte daselbst ein reicher Mann, namens Steifmann, welcher den jungen Stilling zum Hausinformator verlangte. Die Bedinge waren: daß Herr Steifmann von Neujahr an, bis nächste Ostern Unterweisung für seine Kinder verlangte; dafür gab er Stillingen Kost und Trank, Feuer und Licht; fünf Reichstaler Lohn bekam er auch, allein dafür mußte er von den benachbarten Bauern so viel Kinder in die Lehre nehmen, als sie ihm schicken würden, das Schulgeld davon zog Steifmann; auf die Weise hatte er die Schule fast umsonst.

Die alte Margrethe, Wilhelm, Elisabeth, Mariechen und Henrich, beratschlagten sich hierauf über diesen Brief. Margrethe fing nach einiger Überlegung an: »Wilhelm, behalt den Jungen bei dir! denk einmal! ein Kind so weit in die Fremde zu schicken, ist kein Spaß, es gibt wohl hier in der Nähe Gelegenheit vor ihn.« »Das ist auch wahr!« sagte Mariechen, »mein Bruder Johann sagt oft: daß die Bauern daherum so grobe Leute wären, wer weiß, was sie mit dem guten Jungen anfangen werden, behalt ihn hier, Wilhelm!« Elisabeth gab auch ihre Stimme; sie hielte aber dafür: daß es besser sei, wenn sich Henrich etwas in der Welt versuchte; wenn sie zu befehlen hätte, so müßte er ziehen. Wilhelm schloß endlich, ohne zu sagen warum; wenn Henrich Lust zu gehen hätte, so wär' er es wohl zufrieden. »Ja wohl bin ich's zufrieden!« fiel er ein, »ich wollte, daß ich schon da wär'!« Margrethe und Mariechen wurden traurig, und schwiegen still. Der Brief wurde also von Wilhelmen beantwortet, und alles eingewilligt.

Dorlingen lag neun ganzer Stunden von Tiefenbach ab. Vielleicht war seit hundert Jahren niemand aus der Stillingschen Familie so weit fort gewandert, und so lang abwesend gewesen. Einige Tage vor Henrichs Abreise trauerten und weinten alle, nur er selber war innig froh. Wilhelm verbarg seinen Kummer soviel er konnte. Margrethe und Mariechen empfanden zu sehr, daß er Stilling war, deswegen weinten sie am meisten; welches in den blinden Staraugen der alten Großmutter erbärmlich aussahe.

Der letzte Morgen kam, alles versank in Wehmut. Wilhelm stellte sich hart gegen ihn; allein, der Abschied machte ihn nur desto weicher. Henrich vergoß auch viele Tränen, aber er lief, und wischte sie ab. Zu Lichthausen kehrte er bei seinem Ohm, Johann Stilling, ein, der ihm viel schöne Lehren gab. Nun kamen die Fuhrleute, die ihn mitnehmen sollten, und Henrich reiste freudig mit ihnen fort.

Die Gegenden, welche er in dieser Jahrszeit durchzureisen hatte, sahen recht melancholisch aus. Sie machten Eindrücke auf ihn, die ihn in eine gewisse Niedergeschlagenheit versetzten. Wenn Dorlingen in einer solchen Gegend liegt, dachte er immer, so wird mir's doch da nicht gefallen. Die Fuhrleute, mit denen er reiste, waren von daher zu Haus; er merkte oft, wie sie zusammen hinter ihm hergingen, und über ihn spotteten; denn weilen er nichts mit ihnen sprach, und vor die Zeit etwas blöd aussahe, so hielten sie ihn für einen Schafskopf, mit dem man machen könnte, was man wollte. Zuweilen zupfte ihn einer von hinten her, und wenn er dann umsahe, so stellten sie sich, als wenn sie wichtige Sachen unter sich auszumachen hätten. Dergleichen Behandlungen waren nun eben fähig seinen Zorn zu reizen; er litte das ein paarmal, endlich drehte er sich um, sahe sie scharf an, und sagte: »Hört Ihr Leute, ich bin und werde Euer Schulmeister zu Dorlingen, und wenn Eure Kinder so ungezogene Bengels sind, wie ich vermute, so werd ich Mittel wissen, ihnen andre Sitten beizubringen, das könnt Ihr ihnen sagen, wenn Ihr nach Haus kommt!« Die Fuhrleute sahen sich an, und bloß um ihrer Kinder willen ließen sie ihn zufrieden.

Des Abends spät um neun Uhr kam er zu Dorlingen an. Steifmann betrachtete ihn von Haupt bis zu Fuß, so auch seine Frau, Kinder und Gesinde. Man gab ihm zu essen, und darauf legte er sich schlafen. Als er des Morgens früh erwachte, erschrak er sehr, denn er sahe die Sonne, seinem Begriff nach, in Westen aufgehen, sie rückte gegen Norden in die Höhe, und ging des Abends in Osten unter. Das wollte ihm gar nicht in den Kopf; und doch hatte er so viel von der Astronomie und Geographie begriffen, daß er wohl wußte, die Zellberger und Tiefenbacher Sonne sei ebendieselbe, die auch zu Dorlingen leuchtete. Dieser seltsame Vorfall verrückte ihm sein Konzept, und jetzt wünschte er von Herzen, seines Ohmen Johanns Kompaß zu haben, um zu sehen, ob auch die Magnetnadel mit der Sonnen einig sei, ihn zu betrügen. Er erfand zwar endlich die Ursache dieser Erscheinung; er war den vorigen Abend spät angekommen, und hatte die allmähliche Krümmung des Tals nicht bemerkt. Allein, er konnte doch seine Einbildung nicht bemeistern, alle Aussichten in die rohe und öde Gegenden, kamen ihm auch aus diesem Grunde traurig und fatal vor.

Steifmann war reich, er hatte viel Geld, Güter, Ochsen, Kühe, Schafe, Ziegen und Schweine, dazu seine Stahlfabrik, worinnen Waren verfertiget wurden, mit denen er Handlung trieb. Er hatte jetzt nur erst die zweite Frau, hernach aber hat er die dritte, oder wohl gar die vierte, geheuratet; das Glück war ihm so günstig, daß er verschiedene Frauen nacheinander nehmen konnte, wenigstens schien ihm das Sterben und Wiedernehmen der Weiber eine besondere Belustigung zu sein. Die jetzige Frau war ein gutes Schaf, ihr Mann redete oft gar erbaulich mit ihr von den Tugenden seiner ersten Frauen, so, daß sie, aus großer Empfindung des Herzens, oft blutige Tränen weinte. Sonsten war er gar nicht zum Zorn aufgelegt; er redete nicht viel, was er aber sagte, das war von Gewicht und Nachdruck, weilen es gemeiniglich jemand der gegenwärtig war, beleidigte. Er ließ sich auch anfänglich mit seinem neuen Schulmeister in Gespräche ein, allein, er gefiel ihm nicht. Von allem, was Stilling gewohnt war zu reden, verstund er nicht ein Wort, ebensowenig, als Stilling begriffe wovon sein Patron redete. Daher schwiegen sie beide, wenn sie beisammen waren.

Des folgenden Montags morgens ging die Schule an; Steifmanns drei Knaben machten den Anfang. Vor und nach fanden sich bei achtzehn große vierschrötige Jungens ein, die sich gegen ihren Schulmeister verhielten wie so viel Patagonier gegen einen Franzosen. Zehn bis zwölf Mädchen von ebendem Schrot und Korn kamen auch, und setzten sich hinter den Tisch. Stilling wußte nicht recht, was er mit diesem Volk anfangen sollte, ihm war bang für so vielen wilden Gesichtern; doch versuchte er die gewöhnliche Schulmethode, und ließ sie beten, singen, lesen und den Katechismus lernen.

Dieses ging ungefähr vierzehn Tage seinen ordentlichen Gang; allein, nun war es auch geschehen, ein oder anderer kosakenähnlicher Junge versuchte es, den Schulmeister zu necken. Stilling brauchte den Stock rechtschaffen, aber mit so widrigem Erfolg: daß, wenn er sich müde auf dem starken Buckel zerdroschen hatte, der Schüler aus vollem Hals lachte, der Schulmeister aber weinte. Das war dann dem Herrn Steifmann so seine liebste Belustigung; wenn er in dem Schulstübchen Lärm hörte, so kam er, tat die Tür auf, und ergötzte sich von Herzen.

Dieses Verfahren gab Stillingen den letzten Stoß. Seine Schule wurde zum polnischen Reichstag, wo ein jeder tat, was ihn recht dauchte. So wie nun der arme Schulmeister in der Schule alles gebrannte Herzeleid ausstund, so hatte er auch außer derselben keine frohe Stunde. Bücher fand er wenig, nur eine große Baseler Bibel, deren Holzschnitte er durch und durch wohl studierte, auch wohl darinnen lase, wiewohl er sie oft durchgelesen hatte. »Zions Lehr und Wunder« von Doktor Mel, nebst noch einigen alten Postillen und Gesangbüchern, stunden auf der Kleiderkammer auf einem Brett in guter Ruhe, und waren wohl, seitdem sie Herr Steifmann geerbt hatte, wenig gebraucht worden. In dem Hause selbsten war ihm niemand hold, alle sahen ihn für einen einfältigen dummen Knaben an; denn ihre niederträchtige, ironisch-zotichte und zweideutige Reden verstund er nicht, er antwortete immer gutherzig, wie er's meinte nach dem Sinn der Worte, suchte überhaupt einen jeden mit Liebe zu gewinnen, und dieses war eben der gerade Weg eines jeden Schuhputzer zu werden.

Doch trug sich einsmalen etwas zu, das ihn leicht das Leben hätte kosten können, wenn ihn der gütige Vater der Menschen nicht sonderlich bewahrt hätte. Er mußte sich des Morgens selbsten Feuer in den Ofen machen; als er nun einmal kein Holz fand, so wollte er sich etwas holen; nun war über der Küchen her eine Rauchkammer, wo man das Fleisch räucherte, und zugleich das Holz trocknete. Die Dreschtenne stieß an die Küche, und von dieser Tenne ging eine Treppe nach der Rauchkammer. Es waren just sechs Taglöhner am Dreschen. Henrich lief die Treppe hinauf, machte die Tür auf, aus welcher der Rauch, wie eine dicke Wolke, herauszog; er ließ die Tür offen, tat einen Sprung nach dem Holz, griff etliche Stücke, indessen wirbelte einer von den Dreschern auswendig die Tür zu. Der arme Stilling geriet in Todesangst, der Rauch erstickte ihn, es war stockfinster da, er wurde irre, und wußte nicht mehr, wo die Tür war. In diesem erschrecklichen Zustand tat er einen Sprung gegen die Wand, und traf just gerade gegen die Tür, dergestalt, daß der Wirbel zerbrach, und die Tür aufsprung. Stilling stürzte die Treppe herunter, bis auf die Tenne, wo er betäubt und sinnlos hingestreckt lag. Als er wieder zu sich selbst kam, sahe er die Drescher nebst Herrn Steifmann um sich stehen, und aus vollem Halse lachen. »Des sollte doch der T.... nicht lachen!« sagte Steifmann. Dieses ging Stillingen durch die Seele. »Ja!« antwortete er, »der lacht würklich, daß er endlich einmal seinesgleichen gefunden hat.« Das gefiel seinem Patron außerordentlich, und er pflegte wohl zu sagen: das sei das erste und auch das letzte gescheute Wort gewesen, das er von seinem Schulmeister gehört habe.

Das beste indessen bei der Sache war, daß Stilling keinen Schaden genommen hatte; er überließ sich gänzlich der Wehmut, weinte sich die Augen rot, und erlangte weiter nichts dadurch, als Spott. So traurig ging seine Zeit vorüber, und seine Wonne am Schulhalten wurde ihm häßlich versalzen.

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