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Henrich Stillings Jünglings-Jahre / 1

Johann Heinrich Jung-Stilling: Henrich Stillings Jünglings-Jahre / 1 - Kapitel 4
Quellenangabe
typeautobio
booktitleHenrich Stillings Jugend, Jünglingsjahre, Wanderschaft und häsliches Leben
authorJohann Heinrich Jung-Stilling
year1997
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-000662-7
titleHenrich Stillings Jünglings-Jahre / 1
pages85-194
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1778
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Der Schulmeister sagte: »Ich bitt Euch Kraft (so hieß der Bauer) sagt mir doch das Lied vor!« Kraft antwortete: »Das will ich gern tun, ich will dir's wohl singen.« Er fing an:

Zu Kindelsberg auf dem hohen Schloß,
    Steht eine alte Linde : :
Von vielen Ästen kraus und groß,
    Sie saust am kühligen Winde : :

Da steht ein Stein ist breit, ist groß,
    Gar nah an dieser Linde : :
Ist grau und rauh von altem Moos,
    Steht fest im kühligen Winde : :

Da schläft eine Jungfrau den traurigen Schlaf,
    Die treu war ihrem Ritter : :
Das war von der Mark ein edler Graf,
    Ihr wurde das Leben bitter : :

Er war mit dem Bruder ins weite Land
    Zur Ritterfehde gegangen : :
Er gab der Jungfrau die eiserne Hand,
    Sie weinte mit Verlangen : :

Die Zeit die war nun lang vorbei,
    Der Graf kam noch nicht wieder : :
Mit Sorg' und Tränen mancherlei,
    Saß sie bei der Linde nieder : :

Da kam der junge Rittersmann,
    Auf seinem schwarzen Pferde : :
Der sprach die Jungfrau freundlich an,
    Ihr Herze er stolz begehrte : :

Die Jungfrau sprach: »Du kannst mich nie
    Zu deinem Weiblein haben : :
Wenn's dürr ist das grüne Lindlein hie,
    Dann will ich dein Herze laben : :

Die Linde war noch jung und schlank,
    Der Ritter sucht im Lande : :
Ein' dürre Linde so groß, so lang,
    Bis er sie endlich fande : :

Er ging wohl in dem Mondenschein
    Grub aus die grüne Linde : :
Und setzt die dürre dahinein,
    Belegt's mit Rasen geschwinde : :

Die Jungfrau stand des Morgens auf,
    Am Fenster war's so lichte : :
Des Lindleins Schatten spielte nicht drauf,
    Schwarz ward's ihr vor dem Gesichte : :

Die Jungfrau lief zur Linde hin,
    Setzt' sich mit Weinen nieder : :
Der Ritter kam mit stolzem Sinn,
    Begehrt' ihr Herze wieder : :

Die Jungfrau sprach in großer Not:
    »Ich kann dich nimmer lieben!« : :
Der stolze Ritter stach sie tot,
    Das tät den Graf betrüben : :

Der Graf kam noch denselben Tag,
    Er sah mit traurigem Mute : :
Wie da bei dürrer Linde lag
    Die Jungfrau in rotem Blute : :

Er machte da ein tiefes Grab,
    Der Braut zum Ruhebette : :
Und sucht' eine Linde bergauf und -ab,
    Die setzt' er an die Stätte : :

Und einen großen Stein dazu,
    Der steht noch in dem Winde : :
Da schläft die Jungfrau in guter Ruh',
    Im Schatten der grünen Linde : :

Stilling lauschte still, er durfte kaum Odem holen, die schöne Stimme des alten Krafts, die rührende Melodie und die Geschichte selber würkten dergestalt auf ihn, daß ihm das Herz pochte, er besuchte den alten Bauer oft, der ihm dann das Lied so oft vorsang, bis er's auswendig konnte. Nun senkte sich die Sonne hinter den fernen blauen Berg; Kraft und der Schulmeister, gingen den Hügel herab, die braunen und scheckichten Kühe grasten in der Trift, ihre heisere Schellen klangen widerhallend hin und her. Die Knaben liefen in den Höfen herum, und teilten ihr Butterbrot und Käse zusammen; die Hausmütter machten den Stall zurecht, und die Hühner flatschten eins nach dem andern hinauf zu ihrem Loch; noch einmal drehte sich der orangegelbe und rotbraune Hahn auf seinem Pfahl vor dem Loch herum, und krähte seinen Nachbarn gute Nacht; durch den Wald herab sprachen die Kohlbrenner, die Quersäcke auf den Nacken, und freuten sich der nahen Ruhe.

Henrich Stillings Schulmethode war seltsam, und so eingerichtet, daß er wenig oder nichts dabei verlor. Des Morgens, sobald die Kinder in die Schule kamen, und alle beisammen waren, so betete er mit ihnen, und katechisierte sie in den ersten Grundsätzen des Christentums, nach eigenem Gutdünken ohne Buch; dann ließ er einen jeden ein Stück lesen, wenn das vorbei war, so ermunterte er die Kinder den Katechismus zu lernen, indem er ihnen versprach schöne Historien zu erzählen, wenn sie ihre Aufgabe recht gut auswendig können würden; während der Zeit schrieb er ihnen vor, was sie nachschreiben sollten, ließ sie noch einmal alle lesen, und denn kam's zum Erzählen, wobei vor und nach alles erschöpft wurde, was er jemals in der Bibel, im Kaiser Oktavianus, der schönen Magelone, und andern mehr gelesen hatte; auch die Zerstörung der königlichen Stadt Troja wurde mit vorgenommen. So war es auf seiner Schule Sitte und Gebrauch von einem Tag zum andern. Es läßt sich nicht aussprechen mit welchem Eifer die Kinder lernten, um nur früh ans Erzählen zu kommen; waren sie aber mutwillig, oder nicht fleißig gewesen, so erzählte der Schulmeister nicht, sondern lase selbsten.

Niemand verlor bei dieser seltsamen Manier zu unterweisen, als die Abc-Schüler, und die am Buchstabieren waren; dieser Teil des Schulamts war Stilling viel zu langweilig. Des Sonntags morgens versammleten sich die Schulkinder um ihren angenehmen Lehrer, und so wanderte er mit seinem Gefolge unter den schönsten Erzählungen nach Florenburg in die Kirche, und nach der Predigt in eben der Ordnung wieder nach Haus.

Die Zellberger waren indessen mit Stilling recht gut zufrieden, sie sahen, daß ihre Kinder lernten, ohne viel gezüchtiget zu werden; verschiedene hatten sogar ihre Freude an all den schönen Geschichten, welche ihnen ihre Kinder zu erzählen wußten. Besonders liebte ihn Krüger aus der Maßen, denn er konnte vieles mit ihm aus dem Paralacelsus reden, (so sprach der Jäger das Wort Paracelsus aus); er hatte eine alte teutsche Übersetzung seiner Schriften, und da er ein sklavischer Verehrer aller der Männer war, von denen er glaubte, daß sie den Stein Lapis gehabt hätten, so waren ihm Jacob Böhms, Graf Bernhards, und des Paracelsus Schriften, große Heiligtümer. Stilling selber fand Geschmack darinnen, nicht bloß wegen des Steins der Weisen, sondern weilen er ganz hohe und herrliche Begriffe, besonders im Böhm zu finden glaubte; wenn sie das Wort: Rad der ewigen Essenzien, oder auch schielender Blitz, und andre mehr aussprachen, so empfunden sie eine ganz besondere Erhebung des Gemüts. Ganze Stunden lang forschten sie in magischen Figuren, bis sie manchmal Anfang und Ende verloren, und meinten: die vor ihnen liegende Zauberbilder lebten und bewegten sich; das war dann so rechte Seelenfreude, im Taumel groteske Ideen zu haben, und lebhaft zu empfinden.

Allein dieses paradiesische Leben war von kurzer Dauer. Herr Pastor Stollbein und Herr Förster Krüger waren Todfeinde. Dieses kam daher: Stollbein war ein unumschränkter Monarch in seinem Kirchspiel; sein geheimes Ratskollegium, ich meine das Konsistorium, bestund aus lauter Männern, die er selber angeordnet hatte, und von denen er voraus wußte, daß sie einfältig gnug waren, immer ja zu sagen. Vater Stilling war der letzte gewesen, der noch vom vorigen Prediger bestellet worden; daher fand er nirgends Widerstand. Er erklärte Krieg und schloß Frieden, ohne jemand zu Rat zu ziehen, alles fürchtete ihn, und zitterte in seiner Gegenwart. Doch kann ich nicht sagen, daß das gemeine Wesen unter seiner Regierung sonderlich gelitten hätte, er hatte bei seinen Fehlern, eine Menge guter Eigenschaften. Nur Krüger und einige der Vornehmsten zu Florenburg haßten ihn so sehr, daß sie fast gar nicht in die Kirche gingen, vielweniger bei ihm kommunizierten. Krüger sagte öffentlich: er sei vom bösen Geist besessen; und daher tat er immer gerade das Gegenteil von dem, was der Pastor gern sahe.

Nachdem Stilling einige Wochen zu Zellberg gewesen war, so beschloß Herr Stollbein, seinen neuen Schulmeister daselbst einmal zu besuchen; er kam des Vormittags um neun Uhr in die Schule; zum Glück war Stilling weder am Erzählen noch Lesen. Er wußte aber schon, daß er bei Krügern im Hause war, daher sah er ganz mürrisch aus, schaute umher, und fragte: »Was macht Ihr mit den Schiefersteinen auf der Schul'?« – (Stilling hielte des Abends eine Rechenstunde mit den Kindern) Der Schulmeister antwortete: »Darauf rechnen die Kinder des Abends.« Der Pastor fuhr fort:

»Das kann ich wohl denken, aber wer heißt Euch das!«

Henrich wußte nicht, was er sagen sollte, er sah dem Pastor ins Gesicht, und verwunderte sich, endlich erwiderte er lächelnd: »Der mich geheißen hat, die Kinder Lesen, Schreiben und den Katechismus zu lehren, der hat mich auch geheißen, sie im Rechnen zu unterrichten.«

»Ihr... ich hätte bald was gesagt! lehrt sie erst einmal das Nötigste, und wenn sie das können, so lehrt sie auch rechnen.«

Nun fing es an Stillingen weich ums Herz zu werden. Das ist so seiner Natur gemäß, anstatt daß andre Leute bös und launicht werden, schießen ihm die Tränen in die Augen, und die Backen herunter; es gibt aber auch einen Fall, in welchem er recht zornig werden kann: Wenn man ihn, oder auch sonsten eine ernste und empfindsam Sache satirisch behandelt. »Gott!« versetzte er, »wie soll ich's doch machen? Die wollen haben, ich soll die Kinder rechnen lehren, und der Herr Pastor will's nicht haben! Wem soll ich nun folgen?«

»Ich hab in Schulsachen zu befehlen«, sagte Stollbein, »und Eure Bauern nicht!« Und damit ging er zur Tür hinaus.

Stilling befahl alsofort: alle Schiefersteine herabzunehmen, und auf einen Haufen hinter dem Ofen unter die Bank zu legen; das wurde befolgt, doch schrieb ein jeder seinen Namen mit dem Griffel auf den seinigen.

Nach der Schule ging er zu dem Kirchenältesten, erzählte ihm den Vorfall, und fragte ihn um Rat. Der Mann lächelte, und sagte: »Der Pastor wird so seine böse Laune gehabt haben, legt Ihr die Steine zurück, daß er sie nicht sieht, wenn er wiederkommen sollte, fahrt Ihr aber fort, die Kinder müssen doch rechnen lernen!« Er erzählte es auch Krügern, dieser glaubte: der Teufel habe ihn besessen, und nach seiner Meinung sollten nun auch die Mädchen sich Schiefersteine anschaffen, und das Rechnen lernen, seine Kinder wenigstens sollten es nun zuerst vornehmen. Und das geschah auch, Stilling mußte den größten Knaben sogar in der Geometrie unterrichten.

So stunden die Sachen den Sommer über, aber niemand vermutete, was den Herbst geschah. Vierzehn Tage vor Martini, kam der Älteste in die Schule, und kündigte Stilling im Namen des Pastors an, auf Martini die Schule zu verlassen, und zu seinem Vater zurückzukehren. Dieses war dem Schulmeister und den Schülern ein Donnerschlag, sie weinten allzusammen. Krüger und die übrigen Zellberger wurden fast rasend, sie stampften mit den Füßen, und schwuren: der Pastor sollte ihnen ihren Schulmeister nicht nehmen. Allein Wilhelm Stilling, wie sehr er sich auch ärgerte, fand doch ratsamer seinen Sohn bei sich zu nehmen, um ihn an seinem fernern Glück nicht zu hindern. Des Sonntags nachmittags vor Martini stopfte der gute Schulmeister sein bißchen Kleider und Bücher in einen Sack, hing ihn auf den Rücken, und wanderte aus Zellberg das Höchste hinauf, seine Schüler gingen truppweise hinten nach und weinten, er selbsten vergoß tausend Tränen, und beweinte die süße Zeiten, die er zu Zellberg zugebracht hatte. Der ganze westliche Himmel sah ihm traurig aus, die Sonne verkroch sich hinter ein schwarzes Wolkengebirge, und er wanderte im Dunkel des Waldes den Giller hinunter.

Des Montags morgens setzte ihn sein Vater wieder in seinen alten Winkel an die Nähnadel. Das Schneiderhandwerk war ihm nun doppelt verdrießlich, nachdem er die Süßigkeit des Schulhaltens geschmeckt hatte. Das einzige, was ihm noch übrigbliebe, war, daß er seine alte Sonnenuhren wiederum in Ordnung brachte, und seiner Großmutter die Herrlichkeit des Homers erzählte, die sich dann auch alles wohl gefallen ließ, und wohl gar Geschmack daran hatte, nicht so sehr aus eigenem Naturtrieb, sondern weilen sie sich erinnerte: daß ihr seliger Eberhard ein großer Liebhaber von dergleichen Sachen gewesen war.

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