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Henrich Stillings Jünglings-Jahre / 1

Johann Heinrich Jung-Stilling: Henrich Stillings Jünglings-Jahre / 1 - Kapitel 13
Quellenangabe
typeautobio
booktitleHenrich Stillings Jugend, Jünglingsjahre, Wanderschaft und häsliches Leben
authorJohann Heinrich Jung-Stilling
year1997
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-000662-7
titleHenrich Stillings Jünglings-Jahre / 1
pages85-194
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1778
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Wenn er nun weiter nichts zu tun gehabt hätte, als auf dem Handwerk zu arbeiten, so würde er sich beruhigt und in die Zeit geschickt haben; allein sein Vater stellte ihn auch ans Dreschen. Er mußte den ganzen Winter durch des Morgens früh um zwei Uhr aus dem Bett, und auf die kalte Dreschtenne. Der Flegel war ihm erschrecklich. Er bekam die Hände voller lichter Blasen, und seine Glieder zitterten für Schmerzen und Müdigkeit, allein das half alles nichts, vielleicht hätte sich sein Vater über ihn erbarmt, allein die Mutter wollte haben, daß ein jeder im Hause Brot und Kleider verdienen sollte. Dazu kam noch ein Umstand. Stilling konnte mit dem Schullohn niemals auskommen, denn der ist in dasigen Gegenden, außerordentlich klein; fünfundzwanzig Reichstaler des Jahrs, ist das Höchste, was einer bekommen kann; Speise und Trank geben einem die Bauern um die Reihe. Daher können die Schulmeister alle ein Handwerk, welches sie in den übrigen Stunden treiben, um sich desto besser durchzuhelfen. Das war aber nun Stillings Sache nicht, er wußte in der übrigen Zeit weit was Angenehmeres zu verrichten; dazu kam noch, daß er zuweilen ein Buch oder sonst etwas kaufte, das in seinen Kram diente, daher geriet er in dürftige Umstände, seine Kleider waren schlecht und abgetragen, so daß er aussahe als einer der gern will und nicht kann.

Wilhelm war sparsam, und seine Frau in einem noch höhern Grad; dazu bekam sie verschiedene Kinder nacheinander, so daß der Vater Mühe genug hatte, sich und die Seinigen zu nähren. Nun glaubte er, sein Sohn wäre groß und stark genug, sich seine Notdurft selbsten zu erwerben. Als das nun so nicht recht fort wollte wie er dachte, so wurde der gute Mann traurig, und fing an zu zweifeln, ob sein Sohn auch wohl endlich gar ein liederlicher Taugenichts werden könnte. Er fing an ihm seine Liebe zu entziehen, fuhr ihn rauh an, und zwang ihn alle Arbeit zu tun, es mochte ihm sauer werden oder nicht. Dieses war nun vollends der letzte Stoß, der Stillingen noch gefehlt hatte. Er sahe daß er's auf die Länge nicht aushalten würde; ihm grauete für seines Vaters Haus, deswegen suchte er Gelegenheit bei andern Schneidermeistern als Geselle zu arbeiten, und dieses ließ sein Vater gern geschehen.

Doch kamen auch zuweilen noch freudige Blicke dazwischen. Johann Stilling wurde wegen seiner großen Geschicklichkeit in der Geometrie, Markscheidekunst und Mechanik, und wegen seiner Treue fürs Vaterland, zum Kommerzien-Präsidenten gemacht, deswegen übertrug er seinem Bruder die Landmesserei, welche Wilhelm auch aus dem Grunde verstund. Wenn er nun einige Wochen ins Märkische ging, um Büsche, Berge, und Güter zu messen und zu teilen, so nahm er seinen Sohn mit, und dieses war so recht nach Stillings Sinn. Er lebte dann in seinem Element, und sein Vater hatte Freude daran, daß sein Sohn bessere Einsichten davon hatte, als er selber. Dieses gab oftmalen zu allerhand Gesprächen und Projekten Anlaß, welche beide in der Einöde zusammen wechselten. Indessen war alles fruchtlos, und bestund in bloßen leeren Worten. Öfters beobachteten ihn Leute die in großen Geschäften stunden, und die wohl jemand gebraucht hätten. Diese bewunderten seine Geschicklichkeit, allein sein schlechter Aufzug mißfiel einem jeden der ihn sah, und man urteilte ingeheim von ihm, er müßte wohl ein Lump sein. Das merkte er wohl und es brachte ihm unerträgliche Leiden. Er liebte selber ein reinliches ehrbares Kleid über die Maßen, allein sein Vater konnte ihn nicht damit versehen, und ließ ihn darben.

Diese Zeiten waren kurz und vorübergehend; sobald er wieder nach Hause kam, so ging das Elend wieder an. Stilling machte sich alsdann bald wieder bei einen fremden Meister, um dem Joch zu entgehen. Doch reichte sein Verdienst lange nicht zu, um sich ordentlich zu kleiden.

Einsmals kam er nach Hause. Er hatte auf einem benachbarten Dorf gearbeitet, und wollte etwas holen; er dachte an nichts Widriges, und trat deswegen freimütig in die Stube. Sein Vater sprang auf, sobald er ihn sahe, griff ihn und wollte ihn zur Erde werfen, Stilling aber ergriff seinen Vater an beiden Armen, hielt ihn, so daß er sich nicht regen konnte, und sah ihm mit einer Miene ins Gesicht, die einen Felsen hätte spalten können. Und wahrlich, wenn er jemalen die Macht der Leiden in all ihrer Kraft auf sein Herz hat stürmen sehen, so war es in diesem Zeitpunkte. Wilhelm konnte diesen Blick nicht ertragen, er suchte sich loszureißen; allein er konnte sich nicht regen; die Arme und Hände seines Sohns waren fest wie Stahl, und konvulsivisch geschlossen. »Vater!« sprach er sanftmütig und durchdringend: »Vater! – Euer Blut fleußt in meinen Adern, und das Blut – das Blut eines seligen Engels – reizt mich nicht zur Wut! – ich verehre Euch – ich lieb Euch – aber! –« Hier ließ er seinen Vater los, sprang gegen das Fenster, und rief: »Ich möchte schreien, daß die Erdkugel an ihrer Achse bebte, und die Sterne zitterten!« – Nun trat er seinem Vater wieder näher, und sprach mit sanfter Stimme: »Vater! was hab ich getan, was strafwürdig ist?« – Wilhelm hielt beide Hände vors Gesicht, schluckste und weinte. Stilling aber ging in einen abgelegenen Winkel des Hauses, und heulte laut.

Des Morgens früh packte Stilling seinen Bündel, und sagte zu seinem Vater: »Ich will außer Land auf mein Handwerk reisen, laßt mich im Frieden ziehen!« und die Tränen schossen ihm wieder die Wangen herunter. »Nein«, sagte Wilhelm: »ich laß dich jetzt nicht ziehen«, und weinte auch. Stilling konnte das nicht ertragen, und blieb. Dieses geschah 1761 im Herbst.

Kurz hernach fand sich zu Florenburg ein Schneidermeister, der Stillingen auf einige Wochen in Arbeit verlangte. Er ging hin, und half dem Mann nähen. Des folgenden Sonntags ging er nach Tiefenbach, um seine Großmutter zu besuchen. Er fand sie am gewohnten Platz hinter dem Ofen sitzen. Sie erkannte ihn bald an der Stimme, denn sie war starblind und konnte ihn also nicht sehen. »Heinrich!« sagte sie: »Komm, setze dich hier neben mich!« Stilling tat das. »Ich habe gehört«, fuhr sie fort, »daß dich dein Vater hart hält, ist wohl deine Mutter schuld daran?« »Nein!« sagte Stilling, »sie ist nicht schuld daran, sondern meine betrübte Umstände.«

»Hör!« sagte die ehrwürdige Frau: »es ist dunkel um mich her, aber in meinem Herzen ist's desto lichter; ich weiß es wird dir gehen, wie einer gebärenden Frau, mit vielen Schmerzen mußt du gebären was aus dir werden soll. Dein seliger Großvater sah das alles voraus. Ich denk mein Lebtag daran, wir lagen einmal des Abends auf dem Bett, und konnten nicht schlafen. Da sprachen wir dann so von unsern Kindern, und auch von dir, dann du bist mein Sohn und ich habe dich erzogen. ›Ja!‹ sagte er: ›Margrethe! wenn ich doch noch erleben möchte, was aus dem Jungen wird. Ich weiß nicht! – Wilhelm – wird noch in die Klemme kommen, so stark als er jetzt das Christentum treibt, wird er's nicht ausführen, er wird ein frommer ehrlicher Mann bleiben, aber er wird noch was erfahren. Denn er spart gern, und hat Lust zu Geld und Gut. Er wird wieder heiraten, und dann werden seine gebrechliche Füße dem Kopf nicht folgen können. Aber der Junge! der Junge! der liebt nicht Geld und Gut, sondern Bücher, und davon läßt sich's im Bauernstand nicht leben. Wie die beiden zusammen stallen werden, weiß ich nicht! – Aber der Junge wird doch am Ende glücklich sein, das kann nicht fehlen. Wenn ich eine Axt mache, so will ich damit hauen; und wozu unser Herr Gott einen Menschen schafft, dazu will er ihn brauchen.‹«

Stillingen war's als wenn er im dunklen Heiligtum gesessen, und ein Orakel gehört hätte, er war als wenn er entzückt wäre und aus der dunkeln Gruft seines Großvaters die gewohnte Stimme sagen hörte: »Sei getrost, Heinrich! der Gott deiner Väter wird mit dir sein!«

Nun redete er noch ein und anderes mit seiner Großmutter. Sie vermahnte ihn geduldig und großmütig zu sein, er versprach's mit Tränen und nahm Abschied von ihr. Als er vor die Tür kam, übersah er seine alte romantische Gegenden; die Herbstsonne schien so hell und schön darüber hin; und da es noch früh am Tage war, so beschloß er alle diese Orter noch einmal zu besuchen, und über das alte Schloß nach Florenburg zurückzufahren. Er ging also den Hof hinauf, und in den Wald; er fand noch alle die Gegenden wo er so viele Süßigkeiten genossen hatte, aber der eine Strauch war verwachsen, und der andere ausgerottet; das tat ihm leid. Er spazierte langsam den Berg hinauf bis aufs Schloß, auch da waren viele Mauern umgefallen, die in seiner Jugend noch gestanden hatten; alles war verändert; nur der Holunderstrauch auf dem Wall westwärts stund noch.

Er stellte sich auf die höchste Spitze zwischen die Ruinen, er konnte da über alles hinwegsehen. Nun überschaute er den Weg von Tiefenbach nach Zellberg. Ihm traten all die schöne Morgen vor seine Seele, mit ihrem herrlichen Genuß, den er die Strecke herauf empfunden hatte. Nun blickte er nordwärts in die Ferne, und sahe einen hohen blauen Berg; er erkannte, daß dieser Berg nah bei Dorlingen war; nun traten ihm alle dortige Szenen klar vors Gemüt, sein Schicksal auf der Rauchkammer, und alles andere was er da gelitten hatte. Nun sah er westwärts die Leindorfer Wiesen in der Ferne liegen, er fuhr zusammen, und es schauerte ihm in allen Gliedern. Südwärts sah er die Preisinger Berge mit der Heide, wo Anna ihr Lied sung. Südwestwärts fielen ihm die Kleefelder Gefilde in die Augen, und mit einemmal überdachte er sein kurzes und mühseliges Leben. Er sunk auf die Knie, weinte laut, und betete feurig zum Allmächtigen um Gnade und Erbarmen. Nun stund er auf, seine Seele schwomm in Empfindungen und Kraft; er setzte sich neben den Holunderstrauch, nahm seine Schreibtafel aus der Tasche und schrieb:

    Hört ihr lieben Vögelein,
Eures Freundes stille Klagen!
    Hört ihr Bäume groß und klein
Was euch meine Seufzer sagen!
    Welke Blumen horchet still,
    Was ich jetzo singen will!

    Mutter-Engel! wallst du nicht,
Hier auf diesen Grasesspitzen?
    Weilst du wohl beim Mondenlicht
Glänzend an den Rasensitzen?
    Wo dein Herz sich so ergoß,
    Als dein Blut noch in mir floß.

    Schaut wohl dein verklärtes Aug',
Diese matte Sonnenstrahlen?
    Blickst du aus dem Lasurblau,
Das so viele Stern' bemalen,
    Wohl zuweilen auf mich hin,
    Wenn ich bang und traurig bin?

    Oder schwebst du um mich her,
Wenn ich oft in trüben Stunden
    Da mir war das Herz so schwer,
Einen stillen Kuß empfunden?
    Trank ich dann nicht Himmelslust,
    Aus der sel'gen Mutterbrust?

    Auf dem sanften Mondesstrahl,
Fährst du ernst und still von hinnen,
    Lenkst den Flug zum Sternensaal,
An den hohen Himmelszinnen,
    Wird dein Wagen weißlichtblau
    Zu dem schönsten Morgentau.

    Vater Stillings Silberhaar,
Kräuselt sich im ew'gen Winde,
    Und sein Auge sternenklar,
Sieht sein Dortchen sanft und linde,
    Wie ein goldnes Wölkchen ziehn
    Und der fernen Welt entfliehn.

    Hoch und stark geht er daher,
Höret seines Lieblings Leiden,
    Wie ihm wird das Leben schwer,
Wie ihn fliehen alle Freuden.
    Tief sich beugend blickt er dann
    Dort das Priesterschildlein an.

    Licht und Recht strahlt weit und breit,
Vater Stilling sieht mit Wonne,
    Wie nach schwerer Prüfungszeit,
Glänzt die unbewölkte Sonne,
    Die versöhnte Königin,
    Auf des Lieblings Scheitel hin.

Vergnügt stund nun Stilling auf, und steckte seine Schreibtafel in die Tasche. Er sahe, daß der Rand der Sonnen auf den sieben Bergen zitterte. Es schauerte etwas um ihn her, er fuhr zusammen, und eilte fort, ist auch seitdem nicht wieder dahin gekommen.

Er hatte jetzt die wenige Wochen welche er zu Florenburg war, eine sehr sonderbare Gemütsbeschaffenheit. Er war traurig, aber mit einer so zärtlichen Süßigkeit vermischt, daß man wünschen sollte, auf solche Weise traurig zu sein. Die Quellen von diesem seltsamen Zustand hat er nie entdecken können. Doch glaub ich die häuslichen Umstände seines Meisters trugen viel dazu bei; es war eine so ruhige Harmonie in diesem Hause; was einer wollte, das wollte auch der andere. Dazu hatte er auch eine große wohlgezogene Tochter, die man mit Recht unter die größten Schönheiten des ganzen Landes zählen mußte. Diese sung unvergleichlich, und konnte einen Vorrat von vielen schönen Liedern.

Stilling spürte, daß er mit diesem Mädchen sympathisierte, und sie auch mit ihm, doch ohne Neigung sich zu heiraten. Sie konnten stundenlang zusammensetzen und singen, oder sich etwas erzählen, ohne daß etwas Vertraulichers mit unterlief, als bloß zärtliche Freundschaft. Was aber endlich daraus hätte werden können, wenn dieser Umgang lange gedauert hätte, das will ich nicht untersuchen. Indessen genoß doch Stilling vor die Zeit manche vergnügte Stunde; und dieses Vergnügen würde vollkommener gewesen sein, wenn er nicht nötig gehabt hätte, wieder zurück nach Leindorf zu gehen.

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