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Henrich Stillings Jünglings-Jahre / 1

Johann Heinrich Jung-Stilling: Henrich Stillings Jünglings-Jahre / 1 - Kapitel 12
Quellenangabe
typeautobio
booktitleHenrich Stillings Jugend, Jünglingsjahre, Wanderschaft und häsliches Leben
authorJohann Heinrich Jung-Stilling
year1997
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-000662-7
titleHenrich Stillings Jünglings-Jahre / 1
pages85-194
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1778
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Des andern Morgens setzte der Richter Goldmann Stillingen in die Schreibstube, und ließ ihn kopieren; da sah er nun alsofort, daß er sich vortrefflich zu so etwas schicken würde, und wenn die Frau Richterin nicht ein wenig geizig gewesen wäre, so hätte er ihn alsofort zum Schreiber angenommen.

Nach einigen Tagen ging er auch nach Lahnburg. Der Hofprediger war in den nahgelegenen vortrefflichen Tiergarten gegangen. Stilling ging ihm nach, und suchte ihn daselbst auf. Er fand ihn in einem buschichten Gang wandeln, er ging auf ihn zu, überreichte ihm den Brief, und grüßte ihn von den Herren Goldmann Vater und Sohn. Herr Schneeberg kannte Stillingen sobald als er ihn sahe; denn sie hatten sich einmal in Salen gesehen und gesprochen. Nachdem Herr Schneeberg den Brief gelesen hatte, so ersuchte er Stillingen mit ihm bis an Sonnenuntergang spazierenzugehen, und ihm indessen seine ganze Geschichte zu erzählen. Er tat's mit der gewöhnlichen Lebhaftigkeit, so daß der Hofprediger zuweilen die Augen wischte.

Des Abends nach dem Essen sagte Herr Schneeberg zu Stillingen: »Hören Sie, mein Freund! ich weiß ein Etablissement für Sie, und das soll Ihnen verhoffentlich nicht fehlschlagen. Nur eins ist hier die Frage: Ob Sie sich getrauen, denselben mit Ehren zu bedienen?

Die Prinzessinnen haben hier in der Nähe ein ergiebiges Bergwerk, nebst einer dazugehörigen Schmelzhütte. Sie müssen daselbst einen Mann haben, der das Berg- und Hüttenwesen versteht, dabei treu und redlich ist, und überall das Intresse Ihrer Durchlauchten wohl besorgt und in acht nimmt. Der jetzige Verwalter zieht künftiges Frühjahr weg, und alsdann wär' es Zeit diesen vorteilhaften Dienst anzutreten; Sie bekommen da Haus, Hof, Garten und Ländereien frei, nebst dreihundert Gulden jährlichen Gehalt. Hier hab ich also zwo Fragen an Sie zu tun. Verstehn Sie das Berg- und Hüttenwesen hinlänglich, und getrauen Sie sich wohl einen berechneten Dienst zu übernehmen?«

Stilling konnte seine herzliche Freude nicht bergen. Er antwortete: »Was das erste betrifft, ich bin unter Kohlbrennern, Berg- und Hüttenleuten erzogen, und was mir etwa noch fehlen möchte, das kann ich diesen folgenden Winter noch einholen. Schreiben und rechnen, daran wird wohl kein Mangel sein. Das andre: ob ich treu genug sein werde; das ist eine Frage, wo meine ganze Seele ja zu sagt, ich verabscheue jede Untreue wie den Satan selber.«

Der Hofprediger erwiderte: »Ja ich glaube gern, daß es Ihnen an überflüssiger Geschicklichkeit nicht mangeln wird, davon hab ich schon gehört, als ich im salenschen Lande war. Allein Sie sind so sicher in Ansehung der Treue. Diesen Artikel kennen Sie noch nicht. Ich gebe Ihnen zu, daß Sie jede wissentliche Untreue wie den Satan hassen, allein es ist hier eine besondere Art von kluger Treue nötig, die können Sie nicht kennen, weil Sie keine Erfahrung davon haben. Zum Beispiel: Sie stünden in einem solchen Amt, nun ginge Ihnen einmal das Geld auf, Sie hätten etwas in der Haushaltung nötig, hätten's aber selber nicht, und wüßten's auch nicht zu bekommen; würden Sie da nicht an die herrschaftliche Kasse gehen, und das Nötige herausnehmen?«

»Ja!« sagte Stilling: »das würde ich kühn tun, solang ich noch Gehalt zu fordern hätte.«

»Ich geb Ihnen das einsweilen zu«, versetzte Herr Schneeberg; »aber diese Gelegenheit macht endlich kühner, man wird dessen so gewohnt, man bleibt das erste Jahr zwanzig Gulden schuldig, das andere vierzig, das dritte achtzig, das vierte zweihundert, und so fort, bis man entlaufen, oder sich für einen Schelmen setzen lassen muß. Denken Sie nicht, das hat keine Not! – Sie sind gütig von Temperament, da kommen bald vornehme und geringe Leute die das merken. Sie werden täglich mit einer Flasche Wein nicht auskommen, und bloß dieser Artikel nimmt Ihnen jährlich schon hundert Gulden weg, ohne dasjenige was noch dazu gehört, die Kleider für Sie und die Haushaltung auch hundert, nun! – meinen Sie denn mit den übrigen Hunderten noch auszukommen?«

Stilling antwortete: »Dafür muß man sich hüten.«

»Ja!« fuhr der Hofprediger fort: »freilich muß man sich hüten, aber wie würden Sie das anfangen?«

Stilling versetzte, »Ich würde denen Leuten die mich besuchten, aufrichtig sagen: ›Herren oder Freunde! meine Umstände leiden nicht daß ich Wein präsentiere, womit kann ich Ihnen sonsten dienen?‹«

Herr Schneeberg lachte: »Ja«, sagte er, »das geht wohl an, allein es ist doch schwerer als Sie denken. Hören Sie! ich will Ihnen etwas sagen, das Ihnen Ihr ganzes Leben lang nützlich sein wird, Sie mögen in der Welt werden was Sie wollen: Lassen sie Ihren äußern Aufzug und Betragen in Kleidung, Essen, Trinken und Aufführung, immer mittelmäßig bürgerlich sein, so wird niemand mehr von Ihnen fordern, als Ihre Aufführung ausweist; komm ich in ein schön möbliertes Zimmer, bei einen Mann in kostbarem Kleide, so frag ich nicht lang eh', wes Standes er sei, sondern ich erwarte eine Flasche Wein und Konfekt; komm ich aber in ein bürgerlich Zimmer, bei einen Mann in bürgerlichem Kleide, ei so erwarte ich nichts weiter als ein Glas Bier und eine Pfeife Tobak.«

Stilling erkannte die Wahrheit dieser Erfahrung, er lachte und sagte. »Das ist eine Lehre, die ich nie vergessen werde.«

»Und doch, mein lieber Freund!« fuhr der Hofprediger fort, »ist sie schwerer in Ausübung zu bringen, als man denkt. Der alte Adam kitzelt sich so leicht damit, wenn man ein Ehrenämtchen kriegt, o wie schwer ist's alsdann noch immer der alte Stilling zu bleiben! Man heißt nun gerne Herr Stilling, möchte auch gerne so ein schmales goldenes Treßchen an der Weste haben, und das wächst dann so vor und nach, bis man fest sitzt, und sich nicht zu helfen weiß. Nun mein Freund! Punktum. Ich will helfen was ich kann, damit Sie Bergverwalter werden.«

Stilling konnte die Nacht für Freuden nicht schlafen. Er sahe sich schon in einem schönen Hause wohnen, sahe eine Menge schöner Bücher in einer aparten Stube stehen, verschiedene schöne mathematische Instrumente da hangen, mit einem Wort, seine ganze Einbildung war schon mit seinem zukünftigen glückseligen Zustand beschäftiget.

Des andern Tages blieb er noch zu Lahnburg. Der Hofprediger gab sich alle Mühe, um gewisse Hoffnung, wegen der bewußten Bedienung, Stillingen mitzugeben, und es gelang ihm auch. Die ganze Sache wurde sozusagen beschlossen, und Stilling ging vor Freude trunken zurück nach Rothhagen zu Vetter Goldmann. Diesem erzählte er die ganze Sache. Herr Goldmann mußte herzlich lachen, als er Stillingen mit solchem Enthusiasmus reden hörte. Als er ausgeredet hatte, fing der Richter an: »O Vetter! Vetter! wo will's doch mit Euch hinaus? – Das ist eine Stelle die Euch Gott im Zorn gibt; wenn Ihr sie bekommt, das ist der gerade Weg zu Eurem gänzlichen Verderben, und das will ich Euch beweisen: sobald Ihr da seid, fangen alle Hofschranzen an Euch zu besuchen, und sich bei Euch lustig zu machen; leidet Ihr das nicht, so stürzen sie Euch sobald sie können, und laßt Ihr ihnen ihre Freiheit, so reicht Euer Gehalt nicht halb zu.«

Stilling erschrak, als er seinen Vetter so reden hörte; er erzählte ihm darauf alle die guten Lehren, die ihm der Hofprediger gegeben hatte.

»Die Prediger kennen das sehr selten«, sagte Herr Goldmann: »Sie moralisieren gut, und ein braver Prediger kann auch in seinem Zirkel gut moralisch leben, aber! aber! wir andern können das so nicht, man führt die Geistlichen nicht so leicht in Versuchung als andere Leute. Sie haben gut sagen! – Hört, Vetter! alle moralische Predigten sind nicht einen Pfifferling wert, der Verstand bestimmt niemalen unsre Handlungen, wenn die Leidenschaften etwas stark dabei interessiert sind, das Herz macht allezeit ein Mäntelchen darum, und überredet uns: schwarz sei weiß! – Vetter! ich sag Euch eine größere Wahrheit, als Freund Schneeberg. Wer nicht dahin kommt, daß das Herz mit einer starken Leidenschaft Gott liebt, den hilft alles Moralisieren ganz und gar nichts. Die Liebe Gottes allein macht uns tüchtig, moralisch gut zu werden. Dieses sei Euch ein Notabene, Vetter Stilling! und nun bitt ich Euch, gebt dem Herrn Bergverwalter seinen ehrlichen Abschied, und bewillkommt die arme Nähnadel mit Freuden, so lang bis Euch Gott hervorziehen wird. Ihr seid mein lieber Vetter Stilling, und wenn Ihr auch nur ein Schneider seid. Summa Summarum! ich will das ganze Ding rückgängig machen, sobald ich nach Lahnburg komme.«

Stilling konnte für Empfindung des Herzens die Tränen nicht einhalten. Es ward ihm so wohl in seiner Seelen, daß er es nicht aussprechen konnte. »Oh!« sagte er: »Herr Vetter! wie wahr ist das! – Woher erlang ich doch Kraft, um meinem teufelischen Hochmut zu widerstehen! – ein, zwei, drei Tage! – und dann bin ich tot. – Was hilft's mich dann, ein großer vornehmer Mann in der Welt gewesen zu sein? – Ja, es ist wahr! – Mein Herz ist die falscheste Kreatur auf Gottes Erdboden, immer mein ich, ich hätte die Absicht nur mit meinen Wissenschaften Gott und dem Nächsten zu dienen – und wahrlich! – es ist nicht wahr! ich will nur gern ein großer Mann werden, gern hoch klimmen, um nur auch tief fallen zu können. – Oh! wo krieg ich Kraft, mich selber zu überwinden?«

Goldmann konnte sich nicht mehr enthalten. Er weinte, fiel Stillingen um den Hals und sagte: »Edler! edler Vetter! seid getrost; dieses treue Herz wird Gott nicht fahrenlassen. Er wird Euer Vater sein. Kraft erlangt man nur durch Arbeit; der Hammerschmied kann einen Zentner Eisen unter dem Hammer hin und her wenden, wie einen leichten Stab, das ist uns beiden unmöglich, so kann ein Mensch der durch Prüfungen geübt ist, mehr überwinden als ein Muttersöhnchen der immer an der Brust saugt, und nichts erfahren hat. Getrost Vetter! freut Euch nur wenn Trübsalen kommen, und glaubt alsdann, daß Ihr auf Gottes Universität seid, der etwas aus Euch machen will.«

Des andern Tages reiste also Stilling getröstet und gestärkt wiederum nach seinem Vaterland. Der Abschied von Herrn Goldmann kostete ihn viele Tränen, er glaubte, daß er der rechtschaffenste Mann sei, den er je gesehen hatte, und ich glaube jetzt auch noch, daß Stilling recht gehabt habe. So ein Mann mag wohl Goldmann heißen; wie er sprach, so handelte er auch; wenn er noch lebt und liest dieses, so wird er weinen, und sein Gefühl dabei wird englisch sein.

Auf der Heimreise nahm sich Stilling fest vor, ruhig am Schneiderhandwerk zu bleiben, und nicht wieder so eitle Wünsche zu hegen; diejenigen Stunden aber die er frei haben würde, wollte er ferner dem Studieren widmen. Doch als er nahe bei Leindorf kam, fühlte er schon wieder die Melancholie anklopfen. Insonderheit fürchtete er die Vorwürfe seines Vaters, so daß er also sehr niedergeschlagen zur Stubentür hereintrat.

Wilhelm saß mit einem Lehrjungen und nähete. Er grüßte seinen Vater und Mutter, setzte sich still hin und schwieg. Wilhelm schwieg auch eine Weile, endlich legte er seinen Fingerhut nieder, schlug die Arme übereinander und fing an:

»Heinrich! ich hab alles gehört, was dir abermals zu Kleefeld widerfahren ist; ich will dir keine Vorwürfe machen; das sehe ich aber klar ein, es ist Gottes Wille nicht, daß du ein Schulmeister werden sollst. Nun gib dich doch einmal ruhig ans Schneiderhandwerk, und arbeite mit Lust. Es findet sich noch so manches Stündchen, wo du deine Sachen fortsetzen kannst.«

Stilling ärgerte sich recht über sich selber, und befestigte seinen Vorsatz den er unterweges gefaßt hatte. Er antwortete deswegen seinem Vater: »Ja Ihr habt ganz recht! ich will beten, daß mir unser Herr Gott die Sinnen ändern möge!« und so setzte er sich hin, und fing wieder an zu nähen. Dieses geschahe vierzehn Tage nach Michaelis, Anno 1760, als er ins einundzwanzigste Jahr getreten war.

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