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Henrich Stillings Jünglings-Jahre / 1

Johann Heinrich Jung-Stilling: Henrich Stillings Jünglings-Jahre / 1 - Kapitel 10
Quellenangabe
typeautobio
booktitleHenrich Stillings Jugend, Jünglingsjahre, Wanderschaft und häsliches Leben
authorJohann Heinrich Jung-Stilling
year1997
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-000662-7
titleHenrich Stillings Jünglings-Jahre / 1
pages85-194
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1778
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Zuweilen fand Stilling ein Stündchen, das er zum Lesen verwenden konnte, und dann dauchte ihm, als wenn er noch einen fernen Nachgeschmack von den vergangenen seligen Zeiten genösse, allein es war nur ein vorbeieilender Genuß. Um ihn her wirkten eitel frostige Geister, er fühlte das beständige Treiben des Geldhungers, und der frohe stille Genuß war verschwunden. – Er beweinte seine Jugend, und trauerte um sie wie ein Bräutigam um seine erblaßte Braut. Allein das alles half nichts, klagen durfte er nicht; und sein Weinen brachte ihm nur Vorwürfe.

Doch hatte er einen einzigen Freund zu Leindorf, der ihn ganz verstund, und dem er alles klagen konnte. Dieser Mensch hieß Caspar und war ein Eisenschmelzer, eine edle Seele, warm für die Religion, mit einem Herzen voller Empfindsamkeit. Der November hatte noch schöne Herbsttage, deswegen gingen Caspar und Stilling sonntags nachmittags spazieren, alsdann flossen ihre Seelen ineinander über; besonders hatte Caspar eine feste Überzeugung in seinem Gemüt, daß sein Freund Stilling vom himmlischen Vater zu weit was anders als zum Schulhalten und Schneiderhandwerk bestimmt sei; er konnte das so unwidersprechlich dartun, daß Stilling ruhig und großmütig beschloß, alle seine Schicksale geduldig zu ertragen. Um Weihnachten blickte ihn das Glück wieder freundlich an. Die Kleefelder Vorsteher kamen, und beriefen ihn zu ihren Schulmeister; dieses war nun die beste und schönste Kapellenschule im ganzen Fürstentum Salen. Er wurde wieder ganz lebendig, dankte Gott auf den Knien, und zog hin. Sein Vater gab ihm beim Abschied die treusten Ermahnungen, und er selber tat sozusagen ein Gelübde, jetzt alle seine Geschicklichkeit und Wissenschaft anzuwenden, um im Schulhalten den höchsten Ruhm davonzutragen. Die Vorsteher gingen mit ihm nach Salen, und er wurde daselbst vor dem Konsistorium von dem Inspektor Meinhold bestätigst.

Mit diesem festen Entschluß trat er mit dem Anfang des 1760ten Jahrs im zwanzigsten seines Alters, dieses Amt wiederum an, und bediente dasselbe mit solchem Ernst und Eifer, daß es rundumher bekannt wurde, und alle seine Feinde und Mißgönner fingen an zu schweigen, seine Freunde aber zu triumphieren, er beharrte auch in dieser Treue solange er da war. Demohngeachtet setzte er doch seine Lektüre in den übrigen Stunden fort. Das Klavier und die Mathematik waren sein Hauptwerk; indessen wurden doch Dichter und Romanen nicht vergessen. Gegen das Frühjahr wurde er mit einem Amtskollegen bekannt, der Graser hieß, und das Tal hinauf, eine starke halbe Stunde weit von Kleefeld, auf dem Dorf Kleinhoven Schul' hielt. Dieser Mensch war einer von denjenigen, die immer mit vielbedeutender Miene stillschweigen, und im verborgenen handeln.

Ich hab oft Lust gehabt die Menschheit zu klassifizieren, und da möcht ich die Klasse, worunter Graser gehörte, die launichte nennen. Die besten Menschen darinnen, sind stille Beobachter ohne Gefühl, die mittelmäßige sind Dockmäuser, die schlechtesten, Spionen und Verräter. Graser war freundlich gegen Stillingen, aber nicht vertraulich. Stilling hingegen war beides, und das gefiel jenem, er beobachtete gern andere im Lichte, stund aber dagegen selber lieber im Dunkeln. Um nun Stillingen recht zum Freund zu behalten, so sprach er immer von großen Geheimnissen, er verstund magische und sympathetische Kräfte zu regieren, und einsmals vertraute er Stillingen unter dem Siegel der größten Verschwiegenheit, daß er die erste Materie des Steins der Weisen recht wohl kenne; Graser sah dabei so geheimnisvoll aus, als wenn er würklich das große Universal selber besessen hätte. Stilling vermutete es, und Graser leugnete es auf eine Art, die jenen vollends überzeugte, daß er gewiß den Stein der Weisen habe; dazu kam noch daß Graser immerfort sehr viel Geld hatte, weit mehr, als ihm seine Umstände einbringen konnten. Stilling war überaus vergnügt wegen dieser Bekanntschaft, ja er hoffte sogar dereinst durch Hülfe seines Freundes ein Adeptus zu werden. Graser liehe ihm die Schriften des Basilius Valentinus. Er lase sie ganz aufmerksam durch, und als er hinten an den Prozeß aus dem ungarischen Vitriol kam, da wußte er gar nicht wie ihm ward. Er glaubte würklich, er könnte nun den Stein der Weisen selber machen. Er bedachte sich eine Weile, nun fiel ihm ein, wenn der Prozeß so ganz vollkommen richtig wäre, so müßte ihn ja ein jeder Mensch machen können, der nur das Buch hätte.

Ich kann versichern, daß Stillings Neigung zur Alchimie niemalen den Stein der Weisen zum Zweck hatte, wenn er ihn gefunden hätte, so wär's ihm lieb gewesen; sondern ein Grundtrieb in seiner Seelen, wovon ich bis dahin noch nichts gesagt habe, fing an sich bei reiferen Jahren zu entwickeln, und der war ein unersättlicher Hunger nach Erkenntnis der ersten Urkräfte der Natur. Damalen wußte er noch nicht, welchen Namen er dieser Wissenschaft beilegen sollte. Das Wort Philosophie schien ihm was anders zu bedeuten; dieser Wunsch ist noch nicht erfüllt, weder Newton noch Leibniz, noch jeder andrer hat ihm Genüge tun können; doch er hat mir gestanden, daß er jetzt auf der wahren Spur sei, und daß er zu seiner Zeit damit ans Licht treten werde.

Damalen schien ihm die Alchimie der Weg dahin zu sein, und deswegen lase er alle Schriften von der Art, die er nur auftreiben konnte. Allein es war etwas in ihm, das immerfort rief: Wo ist der Beweis daß es wahr ist? – Er erkannte nur drei Quellen der Wahrheit. Erfahrung, mathematische Überführung, und die Bibel, und alle drei Quellen wollten ihm gar keinen Aufschluß in der Alchimie geben, deswegen verließ er sie vor die Zeit ganz.

Einsmals besuchte er seinen Freund Graser an einem Samstag nachmittag; er fand ihn allein auf der Schule sitzen, allwo er etwas ausstach das einem Petschaft ähnlich war. Stilling fragte: »Herr Kollege! was machen Sie da?«

»Ich stech ein Petschaft.«

»Lassen Sie mich doch sehen, das ist ja feine Arbeit!«

»Es gehört vor den Herrn von N. Hören Sie, mein Freund Stilling! ich wollte Ihnen gern helfen, daß Sie ohne den Schulstaub und die Schneiderei an Brot kommen könnten. Ich beschwöre Sie bei Gott, daß Sie mich nicht verraten wollen.«

Stilling gab ihm die Hand darauf, und sagte: »Ich werde Sie gewiß nicht verraten.«

»Nun so hören Sie! ich hab ein Geheimnis; ich kann Kupfer in Silber verwandeln, ich will Sie in Compagnie nehmen, und Ihnen die Hälfte von dem Gewinn geben; indessen sollen Sie zuweilen einige Tage heimlich verreisen, und das Silber an gewisse Leute zu veräußern suchen.«

Stilling saß und dachte der Sache nach; der ganze Vortrag gefiel ihm nicht, denn erstlich ging sein Trieb nicht dahin, viel Geld zu erwerben, sondern nur Erkenntnis der Wahrheit und Wissenschaften zu erlangen, und Gott und dem Nächsten damit zu dienen; und vors zweite: so kam ihm bei seiner geringen Weltkenntnis die ganze Sache doch verdächtig vor; denn je mehr er nach dem Petschaft blickte, je mehr wurde er überzeugt, daß es ein Münzstempel sei. Es fing ihm daher an zu grauen, und er suchte Gelegenheit von dem Schulmeister Graser abzukommen, indem er ihm sagte, er wolle nach Haus gehen, und die Sache näher überlegen.

Nach einigen Tagen entstund ein Alarm in der ganzen Gegend; die Häscher waren des Nachts zu Kleinhoven gewesen, und hatten den Schulmeister Graser aufheben wollen, er war aber schon entwischt, er ist hernach nach Amerika gegangen, und man hat weiter nichts von ihm gehört. Seine Mitschuldigen aber wurden gefangen, und nach Verdienst gestraft. Er war eigentlich selber der rechte Künstler gewesen, und gewiß mit dem Strang belohnt worden, wenn man ihn ertappt hätte.

Stilling erstaunte über die Gefahr in welcher er geschwebt hatte, und dankte Gott von Herzen daß Er ihn bewahrt hatte.

So lebte er nun ganz vergnügt fort, und glaubte gewiß, daß die Zeit seiner Leiden zu Ende sei; in der ganzen Gemeinde fand sich kein Mensch, der etwas Widriges von ihm gesprochen hätte, alles war ruhig; aber welch ein Sturm folgte auf diese Windstille! Er war bald dreiviertel Jahr zu Kleefeld gewesen, als er eine Vorladung bekam, den künftigen Dienstag morgens um neun Uhr, vor dem fürstlichen Konsistorium zu Salen zu erscheinen. Er verwunderte sich über diesen ungewöhnlichen Vorfall; doch fiel ihm gar nichts Widriges ein; vielleicht! dachte er: sind neue Schulverordnungen beschlossen, die man mir und andern vortragen will. Und so ging er ganz ruhig am bestimmten Tage nach Salen hin.

Als er ins Vorzimmer der Konsistorialstube trat, so fand er da zween Männer aus seiner Gemeinde stehen, von denen er nie gedacht hatte, daß sie ihm widerwärtig wären. Er fragte sie, was vorginge? Sie antworteten: »Wir sind vorgeladen, und wissen nicht warum«; indessen wurden sie alle drei hineingefordert.

Oben am Fenster stand ein Tisch; auf der einen Seite desselben saß der Präsident, ein großer Rechtsgelehrter; er war klein von Statur, länglicht und mager von Gesicht, aber ein Mann von einem vortrefflichen Charakter, voller Feuer und Leben. Auf der andern Seiten des Tisches saß der Inspektor Weinhold, ein dicker Mann mit einem vollen länglichten Gesicht; der große Unterkinn ruhte sehr majestätisch auf dem feinen wohlgeglätteten und gesteiften Kragen, damit er nicht so leicht wund werden möchte; er hatte eine vortreffliche weiße und schöne Perücke auf dem Haupt, und ein seidener schwarzer Mantel hing seinen Rücken herunter; er hatte hohe Augbraunen und wenn er jemand ansahe, so zog er die untern Augenlider hoch in die Höhe, so daß er beständig blinzelte. Die Absätze an seinen Schuhen krachten wenn er drauf trat, und er hatte sich angewöhnt, er mochte stehen oder sitzen, immerfort wechselsweise auf die Absätze zu treten, und sie krachen zu lassen. So saßen die beiden Herren da, als die Parteien hereintreten. Der Secretarius aber saß hinter einem langen Tisch, und guckte über einen Haufen Papier hervor. Stilling stellte sich unten an den Tisch, die beiden Männer aber stunden gegenüber an der Wand.

Der Inspektor räusperte sich, drehete sich gegen die Männer, und sprach:

»Ist das air Schoolmaister?«

»Ja, Herr Oberprediger!«

»So! arächt! Ihr said also der Schoolmaister von Kleefeld?«

»Ja!« sagte Stilling;

»'r said mer ain schöner Kärl! wär't wärt, daß man Aich aus dem Land paitschte!«

»Sachte! sachte!« redete der Präsident ein, »audiatur et altera pars.«

»Herr Präsident! das k'hört ad forum ecclesiasticum. Sie habä da nichts z' sagä.«

Der Präsident ergrimmte und schwieg. Der Inspektor sahe Stilling verächtlich an, und sagte:

»Wie 'r da stäth, der schlechte Mensch!«

Die Männer lachten ihn höhnisch aus. Stilling konnte das gar nicht ertragen, er hatte auf der Zunge, er wollte sagen: wie Christus vor dem Hohenpriester! allein er nahm's wieder zurück, trat näher, und sagte: »Was hab ich getan? Gott ist mein Zeuge, ich bin unschuldig!« Der Inspektor lachte höhnisch, und erwiderte:

»Als wenn 'r nit wüßt, was 'r selbstan begangä hat! fragt Air K'wissä!«

»Herr Inspektor! mein Gewissen spricht mich frei, und der, der da recht richtet, auch; was hier geschehen wird, weiß ich nicht.«

»Schwaigt 'r Gottloser! – sagt mer Kerchäältester, was ist Aire Klage?«

»Herr Oberprediger! wir haben's heut vierzehn Tage protokollieren lassen.«

»Arächt 's is wahr!«

»Und dieses Protokoll«, sagte Stilling, »muß ich haben!«

»Was wollt 'r? Nain! sollt's nit habä!«

»C'est contre l'ordre du prince!« versetzte der Präsident, und ging fort.

Der Inspektor diktierte nun und sagte: »Schraibt Sekretär! Hait erschienä N. N. Kerchäältester von Kleefeld, und N. N. ainwahner daselbst, cantra ihren Schoolmaister Stilling. Kläger beziehä sich of variges Protokoll. Der Schoolmaister begährte extractum protocolli, wird 'm aber aus giltigä Ohrsachä abk'schlagä.«

Nun krachte der Inspektor noch ein paarmal auf den Absätzen, stemmte die Hände in die Seiten, und sprach:

»Könnt nu nacher Haus gäh!« Sie gingen alle drei fort.

Gott weiß es, daß die Erzählung wahr, und würklich so passiert ist! Schande wär's für mich, der protestantischen Kirche einen solchen Theologen anzudichten. Schande für mich! wenn Weinhold noch eine gute Seite gehabt hätte. Aber! – Ein jeder junger Theologe spiegele sich doch an diesem Exempel, und denke: wer da will unter euch der größte sein, der sei der geringste.

Stilling war ganz betäubt, er begriff von allem was er gehört hatte, nicht ein Wort. Die ganze Szene war ihm ein Traum, er kam nach Kleefeld ohne zu wissen wie. Sobald er da anlangte, ging er in die Kapelle, und zog die Glocke; dieses war das Zeichen, wenn die Gemeinde in einem außerordentlichen Notfall schleunig zusammenberufen werden sollte. Alle Männer kamen eiligst bei der Kapelle auf einem grünen Platz zusammen. Nun erzählte ihnen Stilling den ganzen Vorfall umständlich. Da sahe man recht, wie die verschiedene Temperamente der Menschen bei einerlei Ursache verschieden wirken; einige rasten, die andern waren launicht, noch andere waren betrübt, und wieder andere waren wohl bei der Sache; diese rückten den Hut aufs Ohr, und riefen: »Kein T... soll uns den Schulmeister nehmen!« Unter all diesem Gewirre hatte sich ein junger Mensch namens Rehkopf weggeschlichen, er setzte im Wirtshaus eine Vollmacht auf, mit diesem Papier in der Hand kam er in die Tür, und rief: »Wer Gott und den Schulmeister liebt, der komme her, und unterschreibe sich!« Da ging nun der ganze Trupp etwa hundert Bauern hinein, und unterschrieben sich. Noch denselbigen Tag ging Rehkopf mit zwanzig Bauern nach Salen und zum Inspektor.

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