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Henrich Stillings häusliches Leben / 1

Johann Heinrich Jung-Stilling: Henrich Stillings häusliches Leben / 1 - Kapitel 8
Quellenangabe
typeautobio
booktitleHenrich Stillings Jugend, Jünglingsjahre, Wanderschaft und häsliches Leben
authorJohann Heinrich Jung-Stilling
year1997
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-000662-7
titleHenrich Stillings häusliches Leben / 1
pages303-363
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1789
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Im Frühjahr 1775 gebar Christine wieder einen Sohn, der aber nach vier Wochen starb; sie litte in diesem Kindbett außerordentlich; an einem Morgen sahe sie Stilling in einem tauben Hinbrüten daliegen, er erschrak und fragte sie, was ihr fehle? sie antwortete, »ich bin den Umständen nach gesund, aber ich habe einen erschrecklichen innern Kampf, laß mich in Ruhe, bis ich ausgekämpft habe«; mit der größten Sorge erwartete er die Zeit der Aufklärung über diesen Punkt. Nach zweien traurigen Tagen rief sie ihn zu sich, sie fiel ihm um den Hals und sagte: »Lieber Mann! ich hab nun überwunden, jetzt will ich dir alles sagen: Siehe! ich kann keine Kinder mehr gebären, du als Arzt wirst es einsehen; indessen bist du ein gesunder junger Mann; ich habe also die zween Tage mit Gott und mit mir selbst um meine Auflösung gekämpft, und ihn sehnlich gebeten, er möchte mich doch zu sich nehmen, damit du wieder eine Frau heiraten könnest, die sich besser für dich schickt, wie ich.« Dieser Auftritt ging ihm durch die Seele: »Nein, liebes Weib!« fing er an, indem er sie an sein klopfendes Herz drückte, »darüber sollst du nicht kämpfen, viel weniger um deinen Tod beten, lebe und sei nur ganz getrost! – von dieser Sache läßt sich kein Wort mehr sagen.« Christine bekam von nun an keine Kinder mehr.

Den folgenden Sommer erhielt Stilling einen Brief von seinem Freunde, dem Herrn Doktor Hofmann in Frankfurt, worin ihm im Vertrauen entdeckt wurde, daß der Herr von Leesner seine unheilbare Blindheit sehr hoch empfände und über seinen Augenarzt zuweilen Mißtrauen äußerte; da er nun so fürstlich bezahlt worden, so möchte er seinen guten Ruf noch dadurch die Krone aufsetzen, daß er auf seine eigene Kosten den Herrn von Leesner noch einmal besuchte, um noch alles mögliche zu versuchen; indessen wollte er, Hofmann, diese Reise abermals in die Zeitung setzen lassen, vielleicht würde ihn der Aufwand reichlich vergolten. Stilling fühlte das Edle in diesem Plan ganz, wenn er ihn ausführen würde, selbst Christine riet ihm zu reisen, aber auch sonst niemand, jedermann war gegen dieses Unternehmen; allein jetzt folgte er bloß seiner Empfindung des Rechts und der Billigkeit; er fand auch einen Freund, der ihm hundert Taler zu der Reise vorstreckte, und so reiste er mit der Post abermal nach Frankfurt, wo er wieder bei Goethe einkehrte.

Der Herr von Leesner wurde durch diesen unvermuteten Besuch äußerst gerührt, und er tat die erwünschte Würkung, auch fanden sich wieder verschiedene Starpatienten ein, die Stilling alle operierte; einige wurden sehend, einige nicht, keiner aber war imstande, ihm seine Kosten zu vergüten, daher setzte ihn diese Reise um hundert Taler tiefer in Schulden; auch jetzt hielt er sich wieder acht traurige Wochen in Frankfurt auf.

Während der Zeit beging Stilling eine Unvorsichtigkeit, die ihn oft gereuet und ihm viel Verdruß gemacht hat; er fand nämlich bei einem Freunde »Das Leben und die Meinungen des Magister Sebaldus Nothankers« liegen, er nahm das Buch mit, und las es durch; die bittere Satire, das Lächerlichmachen der Pietisten, und sogar wahrhaft frommer Männer, ging ihm durch die Seele; ob er gleich selbst nicht mit den Pietisten zufrieden war, auch vieles von ihnen dulden mußte, so konnte er doch keinen Spott über sie ertragen, denn er glaubte, Fehler in der Religion müßten beweint, beklagt, aber nicht lächerlich gemacht werden, weil dadurch die Religion selbst zum Spott würde. Dies Urteil war gewiß ganz richtig, allein der Schritt, den jetzt Stilling wagte, war nicht weniger übereilt. Er schrieb nämlich in einem Feuer: »Die Schleuder eines Hirtenknaben gegen den hohnsprechenden Philister, den Verfasser des Sebald Nothankers«, und ohne die Handschrift nur einmal wieder kaltblütig durchzugehen, gab er's siedwarm in die Eichenbergische Buchhandlung. Sein Freund Kraft widerriet ihm den Druck sehr, allein es half nicht, es wurde gedruckt.

Kaum war er wieder in Schönenthal, so fing ihn der Schritt an zu reuen, er überlegte nun, was er getan, und welche wichtige Feinde er sich dadurch auf den Hals gezogen hätte; zudem hatte er in der Schleuder seine Grundsätze nicht genug entwickelt, er fürchtete also, das Publikum möchte ihn für dumm-orthodox halten, er schrieb also ein Traktätchen unter dem Titel: »Die große Panazee gegen die Krankheit des Unglaubens«; dieses wurde auch in dem nämlichen Verlag gedruckt. Während dieser Zeit fand sich ein Verteidiger des »Sebald Nothankers«; ein gewisser niederländischer Kaufmann schrieb gegen die »Schleuder«; dies veranlaßte Stillingen abermals die Feder zu ergreifen und die »Theodizee des Hirtenknaben zur Berichtigung und Verteidigung der Schleuder desselben« herauszugeben; in diesem Werk verfuhr er sanft, er bat den Verfasser des »Nothankers« wegen seiner Heftigkeit um Vergebung, ohne jedoch das geringste von seinen Grundsätzen zu widerrufen; dann suchte er seinem Gegner, dem niederländischen Kaufmann, richtige Begriffe von seiner Denkungsart beizubringen, und vermied dabei alle Bitterkeit, soviel als ihm möglich war. Außer noch einigen kleinen Neckereien, die weiter keine Folgen hatten, ging nun die ganze Sache damit zu Ende.

Um diese Zeit entstunden zu Schönenthal zwo Anstalten an welchen Stilling vielen Anteil hatte: verschiedene edle und aufgeklärte Männer errichteten eine geschlossene Gesellschaft, die sich mittwochs abends zu dem Ende versammelte, um sich durch Lesen nützlicher Schriften und Unterredung über mancherlei Materien wechselseitig zu vervollkommnen. Wer Lust und Kraft hatte, konnte auch Abhandlungen vorlesen. Vermittelst festgesetzter Beiträge wurde allmählich eine Bibliothek von auserlesenen Büchern gesammelt, und die ganze Anstalt gemeinnützig gemacht, sie blüht und besteht noch, und ist seit der Zeit noch weit blühender und zahlreicher geworden.

Hier hatte nun Stilling, der, nebst seinen beständigen Freunden Troost und Dinkler, eins der ersten Mitglieder war, Gelegenheit, sein Talent zu zeigen, und sich den Auserlesensten seiner Mitbürger besser bekannt zu machen: er legte Eulers »Briefe an eine deutsche Prinzessin« zum Grunde, und las in der Versammlung der geschlossenen Gesellschaft ein Kollegium über die Physik; dadurch empfahl er sich nun ungemein; alle Mitglieder gewannen ihn lieb, und unterstützten ihn auf allerlei Weise; freilich wurden seine Schulden dadurch nicht vermindert, im Gegenteil: der Mangel an Praxis vergrößerte sie von einem Tag zum andern, allein sie wären doch noch größer geworden, wenn sich Stilling alles hätte anschaffen sollen, was ihm von diesen braven Männern geschenkt wurde.

Die zweite Anstalt betraf einen mineralischen Brunnen, welcher in der Nähe von Schönenthal entdeckt wurde. Dinkler, Troost und Stilling betrieben die Sache und letzterer wurde von der Obrigkeit zum Brunnenarzt verordnet, er bekam zwar kein Gehalt, allein seine Praxis wurde doch um etwas vermehrt, obgleich nicht in der Maß, daß er sich ordentlich hätte durchbringen, geschweige Schulden bezahlen können.

Diese beiden Verbindungen brachte die Pietisten noch mehr gegen ihn auf! sie sahen, daß er sich immer mehr mit Weltmenschen einließ, und des Räsonierens und Lästerns war daher kein Ende. Es ist zu beklagen, daß diese sonst wahrhaft gute Menschenklasse die große Lehre Jesu, den sie doch sonst so hoch verehren: Richtet nicht, so werdet ihr auch nicht gerichtet, so wenig beobachten: alle ihre Vorzüge werden dadurch vernichtet und ihr Urteil an jenem Tage wird, so wie das Urteil der Pharisäer, sehr schwer sein, ich nehme hier feierlich die Edlen und Rechtschaffenen, dies Salz der Erde, unter ihnen aus, sie verdienen Ehrfurcht, Liebe und Schonung, und mein Ende sei wie ihr Ende.

Im Frühling des 1776sten Jahres mußte Stilling eine andere Wohnung beziehen, weil sein bisheriger Hausherr die seinige selbst brauchen wollte; Herr Troost suchte ihn also eine und fand sie; sie lag am untern Ende der Stadt, am Wege nach Rüsselstein, an einer Menge von Gärten; sie war paradiesisch schön und bequem. Stilling mietete sie, und rüstete sich zum Aus- und Einzug. Nun stand ihm aber eine erschreckliche Probe im Wege; bisher hatte er die siebzig Reichstaler Hausmiete jährlich richtig bezahlen können, aber jetzt war kein Heller dazu vorrätig, und doch durfte er nach dem Gesetz nicht eher ausziehen, bis er sie richtig abgetragen hatte. Der Mangel an Kredit und Geld machte ihn auch blöde, seinen Hausherrn um Geduld anzusprechen, indessen war doch kein ander Mittel; beladen mit dem äußersten Kummer, ging er also hin, sein Hausherr war ein braver redlicher Kaufmann, aber strenge und genau, er sprach ihn an, ihm noch eine kleine Zeit zu borgen; der Kaufmann bedachte sich ein wenig und sagte: »Ziehen Sie in Gottes Namen, aber mit dem Beding, daß Sie in vierzehn Tagen bezahlen.« Stilling versprach, in festem Vertrauen auf Gott, nach Verlauf dieser Zeit alles zu berichtigen, und zog nun in seine neue Wohnung; die Heiterkeit dieses Hauses, die Aussicht in Gottes freier Natur, die bequeme Einrichtung, kurz: alle Umstände trugen zur Erleichterung des tiefen Kummers freilich vieles bei, allein die Sache selbst wurde doch nicht gehoben und der nagende Wurm blieb.

Das Ende der vierzehn Tage rückte heran, und es zeigte sich nicht der geringste Anschein, woher die siebzig Taler genommen werden sollten. Jetzt ging dem armen Stilling wieder das Wasser an die Seele; oft lief er auf seine Schlafkammer, fiel auf sein Angesicht, weinte und flehte zu Gott um Hülfe, und wenn ihn sein Beruf fort rief, so nahm Christine seine Stelle ein, sie weinte laut und betete mit einer Inbrunst des Geistes, daß es einen Stein hätte bewegen sollen, allein es zeigte sich keine Spur, an so viel Geld zu kommen; endlich brach der furchtbare Freitag an, beide beteten den ganzen Morgen während ihren Geschäften unaufhörlich, und die stechende Herzensangst trieb ohne Unterlaß feurige Seufzer empor.

Um zehn Uhr trat der Briefträger zur Tür herein; in einer Hand hielt er das Quittungsbüchelchen, und in der andern einen schwer beladenen Brief. Voller Ahndung nahm ihn Stilling an, es war Goethens Hand und seitwärts stand: »Beschwert mit hundertundfunfzehn Reichstaler in Golde.« Mit Erstaunen brach er den Brief auf, las – und fand, daß Freund Goethe ohne sein Wissen, den Anfang seiner Geschichte unter dem Titel: »Stillings Jugend«, hatte drucken lassen, und hier war das Honorarium. – Geschwind quittierte Stilling den Empfang, um den Briefträger nur fort zu bringen; jetzt fielen sich beide Eheleute um den Hals, weinten laut und lobten Gott. Goethe hatte, während Stillings letzten Reise nach Frankfurt, den bekannten Ruf nach Weimar bekommen, und dort hatte er Stillings Geschichte zum Druck befördert.

Was diese sichtbare Darzwischenkunft der hohen Vorsehung für gewaltige Würkung auf Stillings und seiner Gattin Herzen machte, das ist nicht zu sagen; sie faßten den unerschütterlich festen Entschluß, nie mehr zu wanken und zu zweifeln; sondern alle Leiden mit Geduld zu ertragen, auch sahen sie im Licht der Wahrheit ein, daß sie der Vater der Menschen an der Hand leite, daß also ihr Weg und Gang vor Gott recht sei, und daß er sie zu höhern Zwecken durch solche Prüfungen vorbereiten wolle. O wie matt und wie ekel werden einem, der so vielfältige Erfahrungen von dieser Art hat, die Sophistereien der Philosophen, wenn sie sagen: Gott bekümmere sich nicht um das Einzelne, sondern bloß ums Ganze, er habe den Plan der Welt festgesetzt, mit Beten ließ sich also nichts ändern. – O ihr Tüncher mit losem Kalk! – wie sehr schimmert der alte Greuel durch! – Jesus Christus ist Weltregent, Stilling rief ihn hundertmal an, und er half, – er führte ihn den dunkeln gefährlichen Felsenweg hinan, und – doch ich will mir nicht selbst vorlaufen. Was helfen da Sophisten-Spinnengewebe von logisch richtigen Schlüssen, wo eine Erfahrung der andern auf den Fuß nachfolgt? Es werden im Verfolg dieser Geschichte noch treffendere Beweise erscheinen. Stillings Freundschaft mit Goethe, und der Besuch dieses letztern zu Schönenthal, wurde von denen, die Auserwählte Gottes sein wollen, so sehr verlästert; man schauderte für ihn als einen Freigeist, und schmähte Stillingen, daß er Umgang mit ihm hätte, und doch war die Sache Plan und Anstalt der ewigen Liebe, um ihren Zögling zu prüfen, von ihrer Treue zu überzeugen, und ihn ferner auszubilden. Indessen war keiner von denen, die da lästerten, fühlbar genug, um Stillingen nur mit einem Heller zu unterstützen; sogenannte Weltmenschen waren am öftersten die gesegnetesten Werkzeuge Gottes, wenn er Stillingen helfen und belehren wollte.

Ich hab's hundertmal gesagt und geschrieben, und kann's nicht müde werden, zu wiederholen: Wer ein wahrer Knecht Gottes sein will, der sondre sich nicht von den Menschen ab, sondern bloß von der Sünde; er schließe sich nicht an eine besondere Gesellschaft an, die sich's zum Zweck gemacht hat, Gott besser zu dienen als andere; denn in dem Bewußtsein dieses Besser-Dienens wird sie allmählich stolz, bekommt einen gemeinen Geist, der sich auszeichnet, Heuchler zu sein scheint, und auch manchmal Heuchler, und also dem reinen und heiligen Gott ein Greuel ist. Ich habe viele solcher Gesellschaften gekannt, und noch immer zertrümmerten sie mit Spott; und der Religion zur Schmach. Jüngling, willst du den wahren Weg gehen, so zeichne dich durch nichts aus, als durch ein reines Leben und edle Handlungen; bekenne Jesum Christum durch eine treue Nachfolge seiner Lehre und seines Lebens, und sprich nur von ihm, wo es Not tut und frommer; dann aber schäme dich auch seiner nicht. Traue ihm in jeder Lage deiner Schicksale, und bete zu ihm mit Zuversicht, er wird dich gewiß zum erhabenen Ziel führen.

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