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Henrich Stillings häusliches Leben / 1

Johann Heinrich Jung-Stilling: Henrich Stillings häusliches Leben / 1 - Kapitel 7
Quellenangabe
typeautobio
booktitleHenrich Stillings Jugend, Jünglingsjahre, Wanderschaft und häsliches Leben
authorJohann Heinrich Jung-Stilling
year1997
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-000662-7
titleHenrich Stillings häusliches Leben / 1
pages303-363
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1789
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Nun war Stilling wieder allein, denn sein Begleiter ging seitwärts auf dem Fußpfad. Jetzt fing er laut an zu weinen, alle seine Empfindungen strömten in Tränen aus, und machten seinem Herzen Luft. So wohl ihm der allgemeine Beifall, und die Liebe seiner Verwandten, Freunde und Landsleute tat, so tief bekümmerte es ihn in der Seele, daß sich alle der Jubel bloß auf einen falschen Schein gründete. Ach ich bin ja nicht glücklich! ich bin der Mann nicht, wofür man mich hält! ich bin kein Wundermann in der Arzeneikunde! kein von Gott gemachter Arzt, denn ich kuriere selten jemand; wenn's gerät, so ist es Zufall! ich bin gerade einer von den alltäglichsten und ungeschicktesten in meinem Beruf! und was ist denn auch am Ende so Großes aus mir geworden? Doktor der Arzeneigelahrtheit bin ich, eine graduierte Person – Gut! ich bin also ein Mann vom Mittelstande! kein großes Licht, das Aufsehen macht, und verdiene also keinen solchen fürstlichen Empfang! usw. Dies waren Stillings laute und vollkommene wahre Gedanken, die immer wie Feuerflammen aus seiner Brust hervorloderten, bis er endlich die Stadt Salen erblickte, und sich nun beruhigte.

Stilling strebte jetzt nicht mehr nach Ehre, sein Stand war ihm vornehm genug, nur sein Mißfallen an seinem Beruf, sein Mangel und die Verachtung, in welcher er lebte, machten ihn unglücklich.

Zu Salen hielt sich Doktor Stilling verborgen, er speiste nur zu Mittag, und ritt nach Dillenburg, wo er des Abends ziemlich spät ankam, und bei seinem braven rechtschaffenen Vetter, Johann Stillings zweitem Sohn, der daselbst Bergmeister ist, einkehrte. Beide waren von gleichem Alter und von Jugend auf Herzensfreunde gewesen; wie er also hier empfangen wurde, das läßt sich leicht denken. Nach einen Rasttag machte er sich wieder auf den Weg, und reiste über Herborn, Wetzlar, Butzbach und Friedberg nach Frankfurt; hier kam er des Abends an, er kehrte im Goetheschen Hause ein und wurde mit der wärmsten Freundschaft aufgenommen.

Des folgenden Morgens besuchte er den Herrn von Leesner, er fand an ihm einen vortrefflichen Greis, voll gefälliger Höflichkeit, verbunden mit einer aufgeklärten Religionsgesinnung; seine Augen waren geschickt zur Operation, so daß ihm Stilling die beste Hoffnung machen konnte; der Tag, an welchem der Star ausgezogen werden sollte, wurde also festgesetzt. Jetzt machte Stilling noch einige wichtige Bekanntschaften: er besuchte den alten berühmten Doktor Burggraf, der in der ausgebreitesten und glücklichsten Praxis alt, grau und gebrechlich worden war; als dieser vortreffliche Mann Stillingen eine Weile beobachtet hatte, so sagte er: »Herr Kollege! Sie sind auf dem rechten Wege, ich hörte von Ihrem Ruf hierher, und stellte mir nun einen Mann vor, der im höchsten Modeputz mich besuchen, und wie gewöhnlich sich als Scharlatan präsentieren würde, aber nun finde ich gerade das Gegenteil: Sie sind bescheiden, erscheinen in einem modesten Kleide, und sind also ein Mann, wie der sein soll, der denen, die unter der Rute des Allmächtigen seufzen, beistehen muß. Gott segne Sie! es freut mich, daß ich am Ende meiner Tage noch Männer finde, die alle Hoffnung geben, das zu werden, was sie sein sollen.« Stilling seufzte und dachte: wollte Gott, ich wäre das, wofür mich der große Mann hält!

Dann besuchte er den Herrn Prediger Kraft; mit diesem teuren Mann stimmte seine Seele ganz überein, und es entstand eine innige Freundschaft zwischen beiden, die auch noch nach diesem Leben fortdauern wird.

Indessen rückte der Zeitpunkt der Operation heran: Stilling machte sie in der Stille, ohne jemand, außer ein paar Ärzten und Wundärzten, etwas zu sagen; diese waren denn auch alle gegenwärtig, damit er doch sachkundige Männer auf jedem Fall zu Zeugen haben möchte. Alles gelang nach Wunsch, der Patient sahe und erkannte nach der Operation jedermann: Das Gerücht erscholl durch die ganze Stadt, Freunde schrieben an auswärtige Freunde und Stilling erhielt von Schönenthal schon Glückwünschungsschreiben, noch ehe er Antwort auf die seinigen haben konnte. Der Fürst von Löwenstein-Werthheim, die Herzogin von Kurland, geborne Prinzessin von Waldeck, die sich damals in Frankfurt aufhielt, alle adlige Familien daselbst, und überhaupt alle vornehme Leute erkundigten sich nach dem Erfolg der Operation, und alle ließen jeden Morgen fragen, wie sich der Patient befände.

Nie war Stilling zufriedener, als jetzt; er sah, wie sehr diese Kur Aufsehen machen und wie vielen Ruhm, Beifall, Ansehen und Zulauf sie ihm verschaffen würde; schon wurde davon geredt, ihm mit dem Frankfurter Bürgerrecht ein Präsent zu machen und ihn dadurch hinzuziehen. In dieser Hoffnung freuete sich der gute Doktor über die Maßen, denn er dachte: hier ist mein Würkungskreis größer, die Gesinnung des Publikums weniger kleinstädtisch, als in Schönenthal; hier ist der Zulauf von Standespersonen und Fremden ununterbrochen und groß, du kannst hier etwas erwerben und so der Mann werden, der du von Jugend auf hast sein wollen.

Gerade zu dieser Zeit fanden sich noch etliche blinde Personen ein: der erste war der Herr Hofrat und Doktor Hut, Physikus in Wiesbaden, welcher in einer Nacht durch eine Verkältung an einem Auge starblind geworden war; er logierte bei seinem Bruder, dem Herrn Hofrat und Konsulenten Hut, in Frankfurt; Stilling operierte und kurierte ihn glücklich; dieser allgemein bekannte und sehr edle, redliche Mann, ward dadurch sein immerwährender Freund, besonders auch darum, weil sie einerlei Gesinnungen hatten.

Der zweite war ein jüdischer Rabbi in der Judengasse zu Frankfurt wohnhaft; er war schon lange an beiden Augen blind und ließ Stilling ersuchen, zu ihm zu kommen; dieser ging hin und fand einen Greis von achtundsechzig Jahren mit einem schneeweißen bis auf den Gürtel herabhängenden Bart. Sowie er hörte, daß der Arzt da wäre, stolperte er vom Stuhl auf, strebte ihm entgegen, und sagte: »Herr Doktor! gucke Se mer ämol in die Aage!« – dann machte er ein grinzig Gesicht, und riß beide Augen sperrweit auf; mittlerweile drängten sich eine Menge Judengesichter von allerhand Gattung herbei, und hier und da erscholl eine Stimme: »Horcht –! was wird er sagä!« Stilling besahe die Augen und erklärte, daß er ihn nächst Gott würde helfen können.

»Gotts Wunner (von allen Seiten) der Herr soll hunnert Jahr läbä!«

Nun fing der Rabbi an: »Pscht – horchen Sie ämol, Herr Doktor! aber nur a Aag! – nur ahns! – denn wenn's nu nicht geriet – nur ahns.«

»Gut!« antwortete Stilling, »ich komme übermorgen; also nur eins.«

Des andern Tages operierte Stilling im Judenhospital eine arme Frau, und den folgenden Morgen den Rabbi. An diesem Tage wurde er einsmals in des Herrn von Leesners Wohnung, herab an die Haustüre gerufen, hier fand er einen armen Betteljuden von etwa sechzig Jahren, er war an beiden Augen stockblind und suchte also Hülfe, sein Sohn, ein feiner Jüngling von sechzehn Jahren, führte ihn. Dieser arme Mann weinte, und sagte: »Ach, lieber Herr Doktor! ich und meine Frau haben zehn lebendige Kinder, ich war ein fleißiger Mann, hab über Land und Sand gelaufen, und sie ehrlich ernährt; aber nun lieber Gott! ich bettle und alles bettelt, und Sie wissen wohl, wie das mit uns Juden ist.« Stilling wurde innig gerührt; mit Tränen in den Augen ergriff er seine beide Hände, drückte sie und sagte: »Mit Gott, sollt Ihr Euer Gesicht wieder haben!« Der Jude und sein Sohn weinten laut, sie wollten auf die Knie fallen, allein Stilling litte das nicht und fuhr fort: »Wo wollt Ihr Quartier und Aufenthalt bekommen? ich nehme nichts von Euch: aber Ihr müßt doch vierzehn Tage hierbleiben.« – »Ja lieber Gott!« antwortete er, »das wird Not haben, es wohnen so viel reiche Juden hier, aber sie nehmen keinen Fremden auf.« Stilling versetzte: »Kommt morgen um neun Uhr ins Judenspital, dort will ich mit den Vorstehern sprechen.«

Dies geschah: denn als Stilling dort die arme Frau verband, so kam der Blinde mit seinem Sohn herangestiegen, die ganze Stube war voller Juden, vornehme und geringe durcheinander. Hier trug nun der arme Blinde seine Not kläglich vor, allein er fand kein Gehör, dies hartherzige Volk hatte kein Gefühl für das große Elend seines Bruders. Stilling schwieg so lange still, bis er merkte, daß Bitten und Flehen nicht half: jetzt aber fing er an ernstlich zu reden, er verwies ihnen ihre Unbarmherzigkeit derb, und bezeugte vor dem lebendigen Gott, daß er den Rabbi und die gegenwärtige Patientin auf der Stelle verlassen, und keine Hand mehr an sie legen würde, bis der arme Mann auf vierzehn Tage ordentlich und bequem einlogieret wäre, und den gehörigen Unterhalt hätte. Das würkte; denn in weniger als zwei Stunden hatte der arme Jude in einem Wirtshause, nahe an der Judengasse, alles, was er brauchte.

Nun besuchte ihn Stilling, der Jude war zwar vergnügt, allein er bezeigte eine sehr ungewöhnliche Angst für die Operation, so daß Stilling fürchtete, sie möchte unglückliche Folgen für die Kur haben; er nahm daher andere Maßregeln und sagte: »Hört! ich will die Operation noch ein paar Tage aufschieben, morgen aber muß ich die Augen etwas reiben und aufklären, das tut nun nicht weh, hernach wollen wir sehen, wie wir's machen«: damit war der gute Mann sehr zufrieden.

Des folgenden Morgens nahm er also den Wundarzt und einige Freunde mit; der Jude war gutes Muts, setzte sich und sperrte die Augen weit auf; Stilling nahm das Messer und operierte ihm ein Auge, sowie die Starlinse heraus war, rief der Jude: »Ich glaab der Herr hat mich keopperiert? – O Gott! ich seh, ich seh alles! – Joel! Joel! (so hieß sein Sohn) geh küß äm de Füß – küß äm de Füß!« – Joel schrie laut, fiel nieder und wollte küssen, allein es wurde nicht gelitten.

»Na! Na!« fuhr der Jude fort: »ich wollt' ich hätt' Millionen Aage, vor ä halb Koppstück ließ ich mir immer ahns apperire.« Kurz, der Jude wurde vollkommen sehend, und als er wegreiste, lief er mit ausgerenkten Armen durch die Fahrgasse und über die Sachsenhäuser Brücke hin, und rief unaufhörlich: »O ihr Leut', dankt Gott für mich, ich war blind und bin sehend geworden! Gott laß den Doktor lange leben, damit er noch vielen Blinden helfen könne!« Stilling operierte, außer dem Herrn von Leesner, noch sieben Personen, und alle wurden sehend, indessen konnte ihm keiner etwas zahlen, als der Herr Doktor Hut, der ihm seine Mühe reichlich belohnte.

Aber nun fing auf einmal Stillings schrecklichste Lebensperiode an, die über sieben Jahr' ununterbrochen fortgedauert hat; der Herr von Leesner wurde, aller Mühe ungeachtet, nicht sehend; seine Augen fingen an sich zu entzünden und zu eitern, mehrere Ärzte unterstützten ihn, aber es half alles nichts. Schmerzen und Furcht für unheilbarer Blindheit schlugen alle Hoffnung darnieder.

Jetzt glaubte Stilling, er müßte vergehen, er rung mit Gott um Hülfe, aber alles vergebens, alle freundliche Gesichter verschwanden, alles zog sich zurück und Stilling blieb in seinem Jammer allein; Freund Goethe und seine Eltern suchten ihn aufzurichten; allein das half nicht, er sah nun weiter nichts als eine schreckliche Zukunft; Mitleiden seiner Freunde, das ihn nichts half, und dagegen Spott und Verachtung in Menge, wodurch ihn ferner alle Praxis würde erschwert werden. Jetzt fing er an zu zweifeln, daß ihn Gott zur Medizin berufen habe; er fürchtete, er habe denn doch vielleicht seinem eigenen Triebe gefolgt und werde sich nun lebenslang mit einem Beruf schleppen müssen, der ihm äußerst zuwider sei; nun trat ihm seine dürftige Verfassung wieder lebhaft vor die Seele; er zitterte, und bloß ein geheimes Vertrauen auf Gottes väterliche Vorsorge, das er kaum selbst bemerkte, erhielt ihn, daß er nicht ganz zugrunde ging.

Als er einsmals bei dem Herrn von Leesner saß und sich mit Tränen über die mißlungene Kur beklagte, fing der edle Mann an: »Geben Sie sich zufrieden, lieber Doktor! es war mir gut, darum auch Gottes Wille, daß ich blind bleiben mußte, aber ich sollte die Sache unternehmen und ihnen tausend Gulden zahlen, damit den übrigen Armen geholfen würde.« Die tausend Gulden empfing auch Stilling richtig, er nahm sie mit Schwermut an und reiste nach einem Aufenthalt von acht Wochen wieder nach Schönenthal zurück. Hier war nun alles still, alle seine Freunde bedauerten ihn, und vermieden sehr, von der Sache zu reden. Der liebe Theodor Müller, der ihm so treu geraten hatte, war zu seinem großen Kummer während der Zeit in die Ewigkeit gegangen; der gemeine Haufen aber, vornehmer und geringer Pöbel, spotteten ohne Ende; das wußt' ich wohl, hieß es, der Mensch hat ja nichts gelernt, und doch will er immer oben naus, es ist dem Windbeutel ganz recht, daß er so auf die Nase fällt usw.

Wenn nun auch Stilling sich über das alles hätte hinaussetzen wollen, so half es doch mitwirken, daß er nun keinen Zulauf mehr hatte; die Häuser, welche er sonst bediente, hatten während seiner Abwesenheit andre Ärzte angenommen, und niemand bezeugte Lust, sich wieder zu ihm zu wenden; mit einem Worte: Stillings Praxis wurde sehr klein, man fing an ihn zu vergessen, seine Schulden wuchsen, denn die tausend Gulden reichten zu ihrer Tilgung nicht zu, folglich wurde sein Jammer unermeßlich! er verbarg ihn zwar vor aller Welt, soviel er konnte, desto schwerer wurde er ihm aber zu tragen; sogar die Friedenbergische Familie fing an kalt zu werden; denn sein eigener Schwiegervater begann zu glauben, er müsse wohl kein guter Haushalter sein; er mußte manche ernstliche Ermahnung hören, und öfters wurde ihm zu Gemüte geführt, daß das Kapital von funfzehnhundert Talern, womit er studiert, Instrumente und die nötigen Bücher nebst dem dringendsten Hausrat angeschafft, und wofür Herr Friedenberg Bürge geworden war, nun bald bezahlt werden müßte; dazu wußte aber Stilling nicht den entferntesten Weg; es kränkte ihn tief in der Seele, daß der edle Mann, der ihm sein Kind gab, als noch kein Beruf, viel weniger Brot da war, der mit ihm blindlings auf die Vorsehung getraut hatte, nun auch zu wanken anfing. Christine empfand diese Veränderung ihres Vaters hoch, und begann daher einen Heldenmut zu fassen, der alles übertraf; das war aber auch nötig, ohne diese ungewöhnliche Stärke hätte sie, als ein schwaches Weib, unterliegen müssen.

Dieser ganz verzweifelten Lage ungeachtet, fehlte es doch nie am Nötigen, nie hatte Stilling Vorrat, aber wenn's dasein mußte, so war es da; dies stärkte nun ihrer beider Glauben, so, daß sie doch das Leiden aushalten konnten.

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