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Henrich Stillings häusliches Leben / 1

Johann Heinrich Jung-Stilling: Henrich Stillings häusliches Leben / 1 - Kapitel 6
Quellenangabe
typeautobio
booktitleHenrich Stillings Jugend, Jünglingsjahre, Wanderschaft und häsliches Leben
authorJohann Heinrich Jung-Stilling
year1997
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-000662-7
titleHenrich Stillings häusliches Leben / 1
pages303-363
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1789
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Im Herbst dieses 1774sten Jahres brachte ein Kaufmann aus Schönenthal einen blinden Kaufmann, namens Bauch, von Sonneburg in Sachsen, aus der Frankfurter Messe mit, in der Hoffnung, Stilling würde ihn kurieren können. Stilling besah ihn, seine Pupillen waren weit, aber doch noch etwas beweglich, der Anfang des grauen Stars war zwar da, allein der Patient war für diese geringe Verdunklung doch zu blind, als daß sie bloß davon herrühren konnte; er sahe also wohl, daß der anfangende schwarze Star die Hauptursache des Übels sei; das alles sagte er auch, allein seine Freunde rieten ihm alle, er möchte demungeachtet die Staroperation versuchen, besonders auch darum, weil der Patient doch unheilbar sei, und also durch die Operation nichts verlöre, im Gegenteil sei es Pflicht, alles zu versuchen. Stilling ließ sich also bewegen, denn der Patient verlangte selbst nach dem Versuch, und äußerte sich, dies letzte Mittel müsse auch noch gewagt werden, er wurde also glücklich operiert und in die Kur genommen.

Dieser Schritt war sehr unüberlegt, und Stilling fand Gelegenheit genug, ihn zu bereuen, die Kur mißlung, die Augen wurden entzündet, eiterten stark, und das Gesicht war nicht nur unwiederbringlich verloren, sondern die Augen bekamen auch nun noch ein häßliches Ansehen. Stilling weinte in der Einsamkeit auf seinem Angesicht, und betete für diesen Mann um Hülfe zu Gott, aber er wurde nicht erhört. Dazu kamen noch andre Umstände: Bauch erfuhr, daß Stilling bedürftig war, er fing also an zu glauben, er habe ihn bloß operiert, um Geld zu verdienen, nun war zwar sein Hauswirt, der Kaufmann, der ihn mitgebracht hatte, ein edler Mann und Stillings Freund, der ihm diese Zweifel auszureden suchte, allein es besuchten auch andre den Patienten, die ihm Verdacht genug von Stillings Armut, Mangel an Kenntnissen, und eingeschränktem Kopf, in die Ohren bliesen; Bauch reiste also unglücklich, voller Verdruß und Mißtrauen in Stillings Redlichkeit und Kenntnisse, nach Frankfurt zurück, wo er sich noch einige Wochen aufhielt, um noch andere Versuche mit seinen Augen zu machen, und dann wieder nach Hause zu reisen.

Während der Zeit hörte ein sehr edler rechtschaffener Frankfurter Patrizier, der Herr Oberhofmeister von Leesner, wie glücklich der Herr Professor Sorber zu Marburg von Stilling sei kuriert worden; nun war er selbst seit einigen Jahren starblind, er schrieb also an Sorbern, um gehörige Kundschaft einzuziehen, und er bekam die befriedigendste Antwort: der Herr von Leesner ließ also seine Augen von verschiedenen Ärzten besehen, und als alle darin übereinstimmten, daß er einen heilbaren grauen Star habe, so übertrug er seinen Hausarzt, dem rechtschaffenen und edeldenkenden Herrn Doktor Hofmann, die Sache, um mit Stillingen darüber Briefe zu wechseln, und ihn zu bewegen, nach Frankfurt zu kommen, weil er, als ein alter blinder und schwächlicher Mann, sich nicht die weite Reise zu machen getraute; Leesner versprach Stillingen tausend Gulden zu zahlen, die Kur möchte gelingen, oder nicht; diese tausend Gulden strahlten ihm bei seiner kümmerlichen Verfassung gewaltig in die Augen, und Christine, so unerträglich ihr auch die Abwesenheit ihres Mannes vorkam, riet ihm doch sehr ernstlich, diese Gründung seines Glücks nicht zu versäumen, auch die Friedenbergische Familie und alle seine Freunde rieten ihm dazu. Nur der einzige Theodor Müller war ganz und gar nicht damit zufrieden; er sagte: »Freund, es wird Sie reuen und die tausend Gulden werden Ihnen teuer zu stehen kommen, ich ahnde traurige Schicksale, bleiben Sie hier, wer nicht zu Ihnen kommen will, der mag wegbleiben, Leesner hat Geld und Zeit, er wird kommen, wenn er sieht, daß Sie die Reise nicht machen wollen.« – Allein alle Ermahnungen halfen nicht, Stillings ehmaliger Trieb, der Vorsehung vorzulaufen, gewann auch jetzt die Oberhand, er beschloß also, nach Frankfurt zu reisen, und sagte daher dem Herrn von Leesner zu.

Jetzt träumte sich nun Stilling eine glückliche Zukunft und das Ende seiner Leiden: mit den tausend Gulden glaubte er die dringendsten Schulden bezahlen zu können, und dann sahe er wohl ein, daß eine glückliche Kur an einem solchen Manne großes Aufsehen erregen, und ihm einen gewaltigen und einträglichen Zulauf in der Nähe und Ferne zuwege bringen würde. Indessen schien Bauch, der sich noch in Frankfurt aufhielt, die ganze Sache wieder vernichten zu wollen; denn sobald er hörte, daß sich Leesner Stillings Kur anvertrauen wollte, so warnte er ihn angelegentlich und setzte Stilling, wegen seiner Dürftigkeit und geringen Kenntnisse, so sehr herab, als er konnte, indessen half das alles nichts. Leesner blieb bei seinem Vorsatz. Bauchs Verfahren konnte ihm im Grunde niemand verdenken, denn er kannte Stillingen nicht anders, und seine Meinung, Leesnern für Unglück zu warnen, war nicht unedel.

Goethe, der sich noch immer bei seinen Eltern in Frankfurt aufhielt, freuete sich innig, seinen Freund Stilling auf einige Zeit bei sich zu haben; seine Eltern boten ihm während seines Aufenthalts ihren Tisch an, und mieteten ihm in ihrer Nachbarschaft ein hübsches Zimmer; dann ließ auch Goethe eine Nachricht in die Zeitung rücken, um damit mehrere Notleidende herbeizulocken. Und so wurde nun die ganze Sache reguliert und beschlossen. Stillings wenige Freunde freuten sich und hofften, andre sorgten, und die mehresten wünschten, daß er doch zuschanden werden möchte.

Im Anfang des 1775sten Jahres, in der ersten Woche des Januars, setzte sich also Stilling auf ein Lehnpferd, nahm einen Boten mit sich, und ritt an einem Nachmittag in dem schrecklichen Regenwetter noch bis Waldstätt, hier blieb er über Nacht, den andern Tag schien der Himmel eine neue Sündflut über die Erde führen zu wollen, alle Wasser und Bäche schwollen ungeheuer an, und Stilling geriet mehr als einmal in die äußerste Lebensgefahr, doch kam er glücklich nach Meinerzhagen, wo er übernachtete; des andern Morgens machte er sich wieder auf den Weg; der Himmel war nun ziemlich heiter, große Wolken flogen über seinem Haupte hin, doch schoß die Sonne auch zuweilen aus ihrem Laufe milde Strahlen in sein Angesicht; sonst ruhte die ganze Natur, alle Wälder und Gebüsche waren entblättert, eisgrau, Felder und Wiesen halb grün, Bäche rauschten, der Sturmwind sauste aus Westen, und kein einziger Vogel belebte die Szene.

Gegen Mittag kam er an ein einziges Wirtshaus, in einem schönen ziemlich breiten Tale, welches im Rosenthal genannt wird; hier sahe er nun, als er die Höhe herabritt, mit Erstaunen und Schrecken, daß der starke, mit einer gewölbten Brücke versehene, Bach von einem Berg zum andern, das ganze Tal überschwemmte; er glaubte den Rheinstrom vor sich zu sehen, außer daß hie und da ein Strauch hervorguckte. Stilling und sein Begleiter klagten sich wechselsweise ihren Kummer; auch hatte er seiner Christinen versprochen, von Leindorf aus, wo sein Vater wohnte, zu schreiben, denn sein Weg führte ihn gerade durch sein Vaterland. Nun wußte er, daß Christine am bestimmten Tage Briefe erwartete, von hier aus gab's keine Gelegenheit zu Versendung derselben, er mußte also fort, oder besorgen, daß sie aus Angst Zufälle bekommen und wieder gefährlich krank werden würde.

In dieser Verlegenheit bemerkte er, daß der Plankenzaun, welcher unter der Straße her bis an die Brücke ging, noch immer einen Schuh hoch über das Wasser emporragte; dies machte ihm Mut; er beschloß also, seinen Kerl hinter sich aufs Pferd zu nehmen und längs den Zaun auf die Brücke zuzureiten.

Im Wirtshause wurde Mittag gehalten; hier traf er eine Menge Fuhrleute an, welche das Fallen des Wassers erwarteten, und ihm alle rieten, sich nicht zu wagen; allein das half nicht; sein rastloser und immer fortstrebender Geist war nicht zum Warten gestimmt, wo das Würken oder Ruhen bloß auf ihn ankam, er nahm also den Bedienten hinter sich aufs Pferd, setzte in die Fluten und kämpfte sich glücklich durch.

Nach ein paar Stunden war Stilling auf der Höhe, von welcher er die Gebirge und Fluren seines Vaterlandes vor sich sahe. Dort lag der hohe Kindelsberg südostwärts vor ihm, ostwärts, am Fuß desselben, sahe er die Lichthäuser Schornsteine rauchen, und er entdeckte bald unter denselben, welcher seinem Oheim Johann Stilling zugehörte; ein süßer Schauer durchzitterte alle seine Glieder, und alle Jugendszenen gingen seiner Seele vorüber; sie deuchten ihm goldne Zeiten zu sein. Was hab ich denn nun errungen? dachte er bei sich selbst – nichts anders, als ein glänzendes Elend! – ich bin nun freilich ein Mann geworden, der an Ehre und Ansehen alle seine Vorfahren übertrifft, allein was hilft mich das alles, es hängt ein spitziges Schwert an einem seidenen Faden über meinem Haupte, es darf nur fallen, so verschwindet alles, wie eine Seifenblase! meine Schulden werden immer größer und ich muß mich fürchten, daß meine Kreditoren zugreifen, mir das wenige, was ich habe, nehmen, mich dann nackend auf die Straße setzen, und dann habe ich ein zärtliches Weib, die das nicht erträgt, und zwei Kinder, die nach Brot lallen; Gott, der Gedanke war schrecklich! er marterte den armen Stilling jahrelang unaufhörlich, so, daß er keinen frohen Augenblick haben konnte. Endlich ermannt er sich wieder, seine große Erfahrung von Gottes Vatertreue, und dann die wichtigen Hoffnungen über den Erfolg seiner jetzigen Reise, ermunterten ihn wieder, so daß er froh und heiter ins Dorf Lichthausen hineintrabte.

Er ritte zuerst an das Haus des Schwiegersohns des Johann Stillings, welcher ein Gasthalter war, und also Stallung hatte; hier wurde er von seiner Jugendfreundin und ihrem Manne mit lautem Jubel empfangen; dann wanderte er mit zitternder Freude und klopfendem Herzen zu seines Oheims Haus. Das Gerücht seiner Ankunft war schon durchs ganze Dorf erschollen, alle Fenster staken voller Köpfe, und sowie er die Haustür aufmachte, schritten ihm die beiden Brüder Johann und Wilhelm entgegen; er umarmte einen nach dem andern, weinte an ihrem Halse und die beiden Grauköpfe weinten auch die hellen Tränen. »Gesegnet sein Sie mir!« fing der wahrhaft große Mann, Johann Stilling an; »Gesegnet sein Sie mir, lieber, lieber Herr Vetter! unsere Freude ist überschwenglich groß, daß wir Sie am Ziel Ihrer Wünsche sehen; mit Ruhm sind Sie hinaufgestiegen, auf die Stufe der Ehre, Sie sind uns allen entflogen! Sie sind der Stolz unsrer Familie usw.« Stilling antwortete weiter nichts, als: es ist ganz und allein Gottes Werk, er hat's getan; gern hätte er noch hinzugesetzt: und dann bin ich nicht glücklich, ich stehe am Rande des Abgrunds; allein er behielt seinen Kummer für sich und ging ohne weitere Umstände in die Stube.

Hier fand er nun alle Bänke und Stühle mit Nachbarn und Bauern aus dem Dorfe besetzt, und die mehresten stunden gedrängt ineinander; alle hatten Stilling als Knabe gekannt; sowie er hineintrat, waren alle Kappen und Hüte unter den Armen, alles war stille, und jeder sahe ihn mit Ehrfurcht an. Stilling stand und schauete umher; mit Tränen in den Augen, und mit gebrochener Stimme sagte er: »Willkommen, willkommen! Ihr lieben Männer und Freunde! Gott segne einen jeden unter Euch! – bedeckt alle Eure Häupter, oder ich gehe auf der Stelle wieder hinaus; was ich bin, ist Gottes Werk, Ihm allein die Ehre!« – Nun entstand ein Freudengemurmel, alles wunderte sich und segnete ihn. Die beiden Alten, und der Doktor setzten sich unter die guten Leute, und alle Augen waren auf sein Betragen, und alle Ohren auf seine Worte gerichtet. Was Vater Stillings Söhne jetzt empfanden, ist unaussprechlich.

Wie kam's doch, daß aus dem Doktor Stilling soviel Werks gemacht wurde, und was war die Ursache, daß man über seine in jedem Betracht noch mittelmäßige Erhöhung zum Doktor der Arzeneikunde so sehr erstaunte? Es gab in seinem Vaterlande mehrere Bauernsöhne, die gelehrte und würdige Männer geworden waren, und doch krähete kein Hahn darnach? Wenn man die Sache in ihrer wahren Lage betrachtet, so war sie ganz natürlich: Stilling war noch vor neun bis zehn Jahren Schulmeister unter ihnen gewesen; man hatte ihn allgemein für einen unglücklichen Menschen, und mitunter für einen hoffnungslosen armen Jüngling angesehen; denn war er als ein armer verlassener Handwerksbursche fortgereist, seine Schicksale in der Fremde hatte er seinem Oheim und Vater geschrieben, das Gerüchte hatte alles natürlich bis zum Wunderbaren, und das Wunderbare bis zum Wunderwerk erhöht, und daher kam's, daß man ihn als eine Seltenheit zu sehen suchte. Er selbst aber demütigte sich innig vor Gott, er kannte seine Lage und Umstände besser, und bedauerte, daß man so viel aus ihm machte; indessen tat's ihm doch auch wohl, daß man ihn hier nicht verkannte, wie das in Schönenthal sein tägliches Schicksal war.

Des andern Morgens machte er sich mit seinem Vater nach Leindorf auf den Weg. Johann Stilling gab seinem Bruder Wilhelm sein eigenes Reitpferd, und er ging zu Fuß nebenher, er wollte es nicht anders; vor dem Dorf erschienen schon ganze Gruppen Leindörfer Jünglinge und Männer, die ehemals seine Schüler und Freunde gewesen, und ihm eine Stunde entgegengegangen waren; sie umgaben sein Pferd und begleiteten ihn. Zu Leindorf stand alles vor dem Dorfe, auf der Wiese am Wasser, und das Willkommenrufen erscholl schon von ferne. Stille und tief gebeugt und gerührt ritte er mit seinem Vater ins Dorf hinein, Johann Stilling ging jetzt wieder zurück; in seines Vaters Haus empfing ihn seine Mutter sehr schüchtern, seine Schwestern aber umarmten ihn mit vielen Tränen der Freude. Hier strömte nun alles zusammen: Vater Stillings Töchter von Tiefenbach kamen auch mit ihren Söhnen, von allen Seiten eilten Menschen herzu, das Haus war unten und oben voll, und den ganzen Tag, und die ganze folgende Nacht war an gar keine Ruhe zu denken. Stilling ließ sich also von allen Seiten besehen, er sprach wenig, denn seine Empfindungen waren zu gewaltig, sie bestürmten immer sein Herz, daher eilte er fort: des andern Morgens setzte er sich in einem geschlossenen Kreis von hundert Menschen zu Pferde, und ritt unter dem Getöne und Geschrei eines vielfältigen und oft wiederholten Lebewohls! fort; kaum war er vor dem Dorfe, so sagte ihm der Bediente, daß sein Vater ihm nachliefe; er kehrte also um; »Ich hab ja nicht Abschied genommen, lieber Sohn«: sagte der Alte, denn faßte er ihm seine linke in beide Hände, weinte und stammelte: »Der Allmächtige segne dich!«

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